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1
1
J
HANDBUCH
der
bearbeitet Yon
Prof. Oeigel in Wflrzburg. Dr. Hirt in Breslau, Dr. Merkel in Nürnberg, Prof. Lieber»
melster in Tübingen r Prot. Lebert in Yevey, Dr. Haenlseh in Greifswald, Prof. Thomas
in Leipzig, Dr. Blegel in Cöln, Dr. Cursehmann in Berlin, Prof. Heabner in Leipzig, Prof.
Oertei in München, Prof. SehrQtter in Wien, Prof. Baeamler in Freiburg, Prof. Heller
in Kiel, Prof. Bolllnger in München, Prof. BQhm in Dorpat, Prof. Naaayn in Königsbo-g,
Prof. T« Boeek in Mündien, Prof. Baaer in München, Dr. Fraenkel in Berlin, Prof. t« Zlemssen
in München, weil. Prof. Stelner in Prag, Dr. A. Steifen in Stettin, Prof. Fraentsel in Berlin,
Prof. Jflrgensen .in Tübin^n, Prof. Hertz in Amsterdam, Prof. BfUile in Bonn, Prof. Rlnd-
Heiseh in Würzbim, ProL Bosensteln in Leiden, Prof. Qalneke in Bern, Prof. Togel in
Dorpat, Prof. E. Wagner in Leipzig, Prof. Zenker in Erlangen, Prof. Leabe in Erlangen,
weil. Prof. Wendt in Leipzig, Dr. Lelehtenstem in Tübingen, Prof. Thierfelder in Bestock,
Prof. Ponflek in Rostock , Prof. Sehttppel in Tübingen , Prof. Frledreleh in Heidelbei«,
Prof. Hosler in Greif swald, Prof. Barteis in Kiel, Prof. Ebstein in Gdttingen, Pro£ Seltim
Giessen, Prof. Sehroeder in Berlin, Prof. Nothnagel in Jena, Prof. Hn^enln in Zürich,
Prof. Hitzig in Zürich, Prof. Obemler in Bonn, Prof. Knssmaal in Strassbuig, Prof. Erb in
Heidelbeiv, Prof. A. Ealenbarg in Greifswald, Prof. Senator in Berlin, Prof. Immermann
in Basel, Dr. Zaelzer in Berlin, Prof. J0II7 in Strassbuig, Dr. Blreh-Hlrsehfeld in Dresden
herausgaben
Ton
Dr. H. V. Ziemssen,
Prof«isor d«r klinischen M edicin in Mflnclian.
ZWÖLFTER BAND.
ERSTE HÄLFTE.
ZWEITE AUFLAGE.
LEIPZIG,
VERLAG VON F. C. W. VOGEL.
1876.
HANDBUCH DER KMNKHEITEN
DES
NERVENSYSTEMS H.
Die Krankheiten
der peripheren -cerebrospinalen Nerven
VON
Dk. WILHELM ERB,
PROFESSOR AK DKR UHIVBRSITXt HBIDELBSRO
ZWEITE AUFLAGE.
MIT 4 HOLZSCHNITTEN.
LEIPZIG,
VERLAG VON F. C. W. VOGEL.
1876.
BOSTON MEDICAL LIBRARY
ffi THE
FRANCIS A. COÜNTWAY
UBRARY OF MEDICINE
Das üebersetzungsrecht ist vorbehalten.
•«I
INHALTSVERZEIOHNISS.
W. Erb,
Krankheiten der peripheren •oerebrospinalen Nerven.
86it*
Einleitang 3
I. Fiuietloiielle Erkrankunireii (Neurosen) der peripheren Nerven . . 5
Kevrosen der sensiblen Nerren 5
. EinleitaDg. Störung der Sensibilität im Allgemeinen. Hyperästhesie.
Anästhesie u. s. w 5
Schmerz 11
1, Neuralgie im Allgemeinen 18
BegriffiBbestimmnng 19
Aetiologie 22
Pathologische Anatomie und Pathogenese 33
Symptomatologie 37
AUgemeioes Krankheitsbild 37
Analyse der einzelnen Symptome 40
Schmerz 40
Schmerzpunkte 41
Sensible Begleiterscheinungen 45
Motorische Begleiterscheinungen 48
Vasomotorische Begleiterscheinungen 50
Secretorische, Trophische Begleiterscheinungen 51
Psychische Begleiterscheinungen 56
Allgemeinstörungen 56
Paroxysmen und ihre Ursachen . •. 57
Elektrisches Verhalten 58
Verlauf 58
Ausgänge 59
Diagnose 60
Prognose 66
Therapie 68
Prophylaxis 68
Gausale Behandlung 70
Diät und Lebensweise 73
Elektricität 75
Narcotica und Anaesthestica 78
Specifica 83
Kälte, Ableitungsmittel, Bäder 86
Chirurgische Eingriffe 91
Allgemeiner Curplan 93
2, Neuralgien der einzelnen Nerven 95
a. Neuralgie des Nerv, trigeminus 95
BegriffiBbestimmung 95
Aetiologie und Pathogenese 96
VI Inhaltsverzeiclmiss.
Symptomatologie 100
Einzelne Formen 106
Verlauf, Dauer, Ausg&nge Hl
Diagnose 112
Prognose 113
Therapie 113
b. Neuralgien des Plexus cervie>alis 121
Neuralgia phrenica . 126
Anhang: Köpftchmeri . . . i7l
c. Neuralgien des Plexus brachialis 135
Bßgriffsbestimmnng 135
Aetiologie 137
Symptomatologie 138
IHagnose uo
Therapie 140
d. Neuralgien der Dorsalnerven. Intercostalneuralgie . . 142
Begriffsbestimmung 142
Aetiologie 143
Symptomatologie 144
Diagnose 146
Therapie 147
Anhang: Neuralgie der Brustdrüse 147
e. Neuralgien des Plexus lumbalis 149
Lumbo-abdominalneuralgie 152
Neuralgie des N. cutan. femor. later 153
Neuralgie des N. cruralis 153
Neuralgie des N. obturatorius 154
f. Neuralgien des Plexus saeralis 155
Neuralgia ischiadica. Ischias 156
Aetiologie 157
Anatomische Veränderungen 158
Symptomatologie 159
Verlauf, Dauer, Ausg&nge 163
Diagnose 164
Prognose 165
Therapie 165
Neuralgia pudendo-haemorrhoidalis etc no
g. Neuralgie des Plexus coccygeus 173
Anhang: Neuralgie der Gelenke .174
Einleitung 1^4
Aetiologie .175
Symptomatologie 176
Diagnose 179
Prognose . . . .% IgO
Therapie I80
•3. Anästhesie 183
Cutane Anästhesien 184
BegrifEisbestimmung und Eintheilung 184
Pathogenese und Aetiologie 186
Symptomatologie 195
Untersuchungsmethoden ... 195
bWtsverseicluitss. YII
Seite
SubjectiTO Symptome 198
Begleitencheinangeii 199
Eiozelne Formen der Anästhesie 204
An&sthesie des Trigeminos 206
Verlauf; Dauer, Ausg&n^ 209
Diagnose 210
Prognose 210
Therapie ^ . . * 211
Muscoläre An&sthesien 214
Ve«roB6D der Slii|ie0iier?eii 219
1. Neurosen der Getcbmacksnervm « . 220
PhysiologiBC^es. Chordafunction 220
Methoden der Geschm&eJc9praf|uig 227
Hyperästhesie der Geschmacksnenren 228
Anästhesie der Ge8chmacksner?en. Agensis 229
Pathogenese 230
Diagnose 233
Therapie 234
2. Neurosen der Geruchsnerven . . . . , - . . 234
Physiologisches. Untersuchungsmethoden 234
Hyperästhesie der Geroctonervon . 236
Anästhesie der Gerachsnerven. Aoosmie 237
Symptomatologie ^ ... 241
Pathogenese und Aetiologie 241
Therapie 242
J^evrosen der motorisehen Nerren 242
Einleitung. Anatomisch-Physiologisches 242
Begriff von Krampf und Lähmung 246
Untersuchungsmethoden. Elektrische PrOfoBg 247
1. Krampf im Allgemeinen 253
DefinitiwL J&nchmwiigßw^m uod JE^thefliuig 254
Pathogenese , 257
Aetiologie 258
Symptomatologie 265
Verbreitung und Auftreten 265
Be^eiterschelnungen 266
Folgeerscheinungen 269
Elektrisches Verhalten. Druckpunkte 269
Prognose 271
Therapie: Gausale Behandlung 271
Diätetisches Verhalten 272
Elektricität 273
Narcotica. Nenrina 275
Ableitungsmittel. Bäder .276
Heilgymnastik . » 277
Chirurgische Eingriffe 277
2. Mnzelne Krampfformen 278
a. Krampf im Gebiet des N. Irigemiiaas 278
b. Krampf im Gebiet des 17. fft<UUs 282
1. Diffuser Gesichtskrampf. Tic conyoteif 283
Symptomatologie 283
Vlil InhaltsTerzeichniss.
Aetiologie 286
Verlauf. Diagnose. Prognose 288
Therapie 289
2. Partieller Gesichtskrampf 29 t
Tonischer Lidkrampf. Blepharospasmus 291
Klonischer Lidkrampf. Nictitatio 294
c. Krampf im Gebiet des N. hypoglossus 295
d. Krampf im Gebiet des N. accessorlns 296
t. Klonischer Accessoriuskrampf 296
2. Tonischer Accessoriuskrampf . . 301
e. Krampf im Gebiet der Gervical- und Dorsalneryen . . . 303
1. Krämpfe einzelner Muskeln und Muskelgruppen am Hals und
Nacken, an der Schulter und am Arm 303
Symptomatologie 306
Aetiologie. Diagnose. Prognose. Therapie 308
2. Krämpfe der Respirationsmuskeln 309
Tonischer Krampf des Zwerchfells 310
Klonischer Krampf des Zwerchfells. Singultus «31t
Inspiratorischer Krampf 314
Complicirtere Respirationskrümpfe 316-
Niesekrampf, Gähnkrampf, Hustenkrampf u. s. w 316
Pathogenese und Aetiologie 317
Therapie 318
3. Schreibekrampf 319
Physiologisches. Pathogenese 319
Symptomatologie 322
Verwandte Formen 326
Aetiologie 327
Wesen der Krankheit 328
Diagnose. Prognose. Therapie 329
f. Krampf im Gebiet der Lumbal- und SacralnerTen ... 333
Symptomatologie und Aetiologie 333
Therapie 336
g. Crampi • 1 . . 337
h. Tetanie 339
Begriffsbestimmung. Aetiologie 340
Symptomatologie 342
Wesen der Krankheit 346
Verlauf. Dauer. Ausgänge 348
Prognose. Diagnose Therapie 349
L Contracturen 351
Pathogenese 351
Symptomatologie. Therapie. (Elektridtät) 357
3. Lahmung im Allgemeinen 359
Definition und Begriffisbestimmung . 360
Pathogenese und Aetiologie 362
Pathologie. Symptome 374
Bewegungsstörung, ihre Verbreitung 374
Verhalten der Reflexe , Mitbewegungen u. s. w 375
Störungen der Sensibilität 378
Psychische Störungen 379
Inhaltfiverzelchmss. IX
.Seit«
Vasomotorische und trophische Störungen 380
Histologische Veränderungen der Nerven und Muskeln 383
Theorie der vasomotorischen und trophischen Störungen .... 394
Elektrische Err^barkeitsveränderungen 397
Entartungsreaction 399
Ihr Zusammenhang mit den histologischen Veränderungen .... 406
Ihr Vorkommen und ihre diagnostische Bedeutung 411
Verlauf. Dauer. Ausgänge 413
Diagnose 415
Periphere Lähmung 417
Spinale Lähmung 418
Cerebrale Lähmung 419
Hysterische, diphtheritische etc. Lähmung 422
Prognose - 423
Allgemeine Therapie 425
Causalbehandlung 425
Elektricität. Wirkungsweise. Methoden 427
Bäder und Badecuren 434
Heilgymnastik 436
Innere und äussere Mittel 438
Behandlungsplan. Diätetik 440
Einzelne Lähmungs formen 441
a. Lähmungen im Gebiet des N. oculomotorius, trochlearis*
und abducens. — Augenmuskellähmungen 441
Aetiologie 441
Allgemeine Symptomatologie 444
Specielle Symptomatologie 448
Verlauf. Daner. Diagnose 453
Therapie 456
b. Lähmung im Gebiet des N. trigeminus 458
c. Lähmung im Gebiet des N. facialis 460
Einleitung. Aetiologie 461
Symptomatologie 465
Bewegungsstörungen 466
Verhalten des Gaumensegels und Zäpfchens 467
Verhalten des Geschmacks und der Speichelsecretion 468
Verhalten des Gehörs, Geruchs und der Zunge 469
Begleiterscheinungen 471
Elektrisches Verhalten 472
Diplegia facialis 476
Verlauf und Ausgänge 477
Diagnose 480
Specialisirte Localdiagnose 482
Prognose 485
Therapie 486
d. Lähmung im Gebiet des N. accessorius 490
e. Lähmung im Gebiet des N. hypoglossus 493
f. Lähmung im Gebiet der Gervical- und Dorsalnerven . . 496
1. Lähmung einzelner Muskeln und Muskelgruppen am Hals und Rumpf 498
Lähmung der Pectorales, Bhomboidei etc 49$
Serratuslähmung 499
X IidialtsYerzeiclmiss.
Seite
Lähmung der Eückenmuskeln 503
L&hmuog der Bauchmuskeln 505
2. Lähmung der Inspirationsmuskeln 507
Zwerchfellslähmung 507
3. Lähmungen an der oberen Extremität 510
Lähmung des N. axillaris 510
Lähmung des N. musculo-cutaneus 512
Lähmung des N. radialis 512
Aetiologie 512
Pathogenese der Bleilähmung 514
Symptomatologie 517
Diagnose 520
Verlauf und Prognose 521
Lähmung des N. medianus ^ 523
Lähmung des N. ulnaris 524
Therapie 526
Combinirte Lähmungsformen 528
Entbindungslähmungen 529
g. Lähmung im Gebiet der Lumbal- und Sacralnerven . . 531
Lähmung des N. cruralis 531
Lähmung des N. obtnratorius 533
Lähmung der N. glutaei 533
Lähmung des N. ischiadicus 534
Aetiologie 534
Symptomatologie . . .' 535
Diagnose 539
Therapie 540
IL Anatomische Erkrankungen der peripheren Nerven 542
1. Hyperämie der Nerven 542
2. Entzündung der Nerven. Neuritis 543
Aetiologie 544
Pathologische Anatomie 546
Symptomatologie 549
Acute Neuritis 549
Chronische Neuritis . " 550
Folgeerscheinungen 551
Dauer. Verlauf. Ausgänge 553
Diagnose 556
Prognose 557
Therapie 557
3. Atrophie der Nerven .- . . 559
4. Hypertrophie und Neubildung an den Nerveti 565
Hypertrophie 565
Neubildungen an den Nerven 566
Pathologische Anatomie 567
Wahre und falsche Neurome 567
Aetiologie 570
Symptomatologie 571
Diagnose. Prognose 574
Therapie 575
KRANKHEITEN
der
Peripheren -Cerebrospinalen Nerven
von
PBOFESSOB DE. W. EBB.
Handbach d. spec. Pathologie u. Therapie. XIL Bd. I. /.Aufl.
EINLEITUNG.
Der allgemeine Aufschwung, welchen die Neuropathologie in den
letzten Decennien genommen hat, ist nicht ohne Einflass auf die
Pathologie der peripheren Nerven geblieben. Auch diese hat wesent-
liche Förderung erfahren.
Freilich ist diese Förderung, der Natur der Sache nach, eine
vorwiegend einseitige geblieben: sie hat sich fast ausschliesslich be-
schränkt auf die genauere Feststellung der klinischen Erscheinungen
und auf die weitere Entwickelung der Therapie. Gegenttber dem,
was in diesen Richtungen geleistet wurde, sind unsere Fortschritte
in Bezug auf die Eenntniss der pathologisch-anatomischen Verände-
rangen an den peripheren Nerven, in Bezug auf die Erkenntniss des
eigentlichen Wesens ihrer Erkrankungen verhältnissmässig gering ge-
wesen, wenn auch allerdings hier manches Erfreuliche geleistet worden
ist In der That sind wir fUr zahllose Einzelfälle und fUr die meisten
allgemeüien Formen der Erkrankung peripherer Nerven weder ttber
die Art, noch auch häufig über den Ort der zu Grunde liegenden
anatomischen Läsion sicher orientirt und ein Blick in die bedeu-
tendsten neueren Lehrbücher der Nervenkrankheiten gewährt in dem
den anatomischen Erkrankungen gegenüber den „ fonctionellen "
Störungen der peripheren Nerven zugemessenen Raum ein treues
Abbild des heutigen Standes unserer Kenntnisse.
So müssen wir denn noch immer den alten Standpunkt der
Trennung von „ functionellen " und „ organischen " Krankheiten beibe-
halten. Wir begegnen zuerst einer grossen Gruppe von Erkrankungen
der peripheren Nerven, bei welchen ausgesprochene Functionsstörungen
(Schmerz, Anästhesie, Krampf, Lähmung u. s. w.) vorhanden sind,
bei welchen wir jedoch keine constanten anatomischen Läsionen nach-
zuweisen vermögen: wir bezeichnen sie deshalb als functionelle
Erkrankungen, oder wohl auch als „Neurosen'' der peripheren
Nerven. In einer anderen kleineren Gruppe lassen sich dagegen
deutliche anatomische Veränderungen (entzündliche und degenerative
1*
4 EbB| Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven. Einleitung.
Vorgänge^ Neubildungen u. dgl.) nachweisen, welche der Darstellung
zu Grunde gelegt werden können und hier sprechen wir von ana-
tomischen (oder wohl auch „organischen^) Erkrankungen der
peripheren Nerven.
Beide Gruppen gehen ohne scharfe Grenzen und in mannichfachster
Weise ineinander über: in der ersten Gruppe finden wir — mit zu-
nehmender Erkenntniss in steigender Zahl — immer einzelne Fälle,
welche anatomische Veränderungen darbieten und die Functions-
störungen in den Fällen der zweiten Gruppe pflegen dieselben zu
sein, wie jene, welche die Fälle der ersten Gruppe charakterisiren«
Die Zukunft wird hoffentlich uns einer Verschmelzung der beiden
Gruppen immer näher fUhren, d. h. sie wird uns in immer steigen-
dem Haasse als die Grundlage der functionellen Störungen bestimmte,
wenn auch noch so feine anatomische Veränderungen kennen lehren.
Von diesem idealen Ziele sind wir ireilich noch weit entfernt
Einstweilen haben wir dem mangelhaftien Zustand unserer Kennt-
nisse Rechnung zu tragen und das praktische Bedürfniss gebietet
uns die Beibehaltung der seitherigen Gruppirung in functionelle und
anatomische Krankheiten. Die grössere Häufigkeit und Bedeutung
der ersteren rechtfertigt gewiss ihre Besprechung an erster Stelle
und es wird sich dieselbe nicht beschränken lassen auf die functio-
nellen Störungen im engsten Sinne des Wortes, sondern sie wird
entsprechend der symptomatologischen Bedeutung dieser Störungen
ftir eine grosse Zahl sehr sinnfälliger Erkrankungen des peripheren
und centralen Nervensystems auch manche Dinge in ihren Kreis ziehen
mttssen, die streng genommen über das Gebiet der Neurosen hinaus-
gehen. Das praktische Bedürfniss und die Forderung einer einheit-
lichen und vollständigen Darstellung rechtfertigen diesen Uebergriff
auf verwandte Gebiete. Wir werden auch bei dieser Gruppe die
Schilderung vielfacher anatomischer Veränderungen an den Nerven
nicht umgehen können, welche die Forschungen der letzten Jahre
an's Licht gezogen haben. Eine systematische Darstellung derselben,
soweit sie sich jetzt schon auch symptomatologisch als bestimmte,
einheitliche Krankheitsformen bezeichnen lassen, wjrd den Gegen-
stand des zweiten Abschnittes bilden.
Fnnct. £rkr. (Neorosen) d. periph. Nerven. Neurosen d. sensiblen Nerven. 5
FUNCTIONELLE ERKRANKUNGEN (NEUROSEN)
DER PERIPHEREN NERVEN.
Romberg, Lehrbuch d. Nervenkrankheiten. 2. u. 3. Aufl. Bd. 1. — Hasse,
Krankheiten des Nervensyst. 2. Aufl. 1869. — M. Rosenthal, Handb. d. Diagnost.
n. Ther. der Nervenkrankheiten. 1870 u. Klinik der Nervenkrankheiten 1875. —
A. Eulenburg, Lehrb. d. functionellen Nervenkrankh. 1871. — Hammond,
Diseases of the nervous System. 3. Aufl. 1873. — Benedict, Elektrotherapie
1868. Nervenpathologie etc. 1874. —
Vgl. ausserdem die Literatur der folgenden Hauptabschnitte u. die Lehrb. d.
Elektrotherapie.
NeimseB der sensibleB Ner?eB«
Störungen in der Function der centripetalen (im Allgemeinen
wohl auch als „sensible*" bezeichneten) Nervenbahnen bilden das
Wesen und die Hauptsache der sogenannten Sensihilitätsneu-
rosen. Alle pathologischen Erscheinungen auf dem Gebiete der
centripetalen Leitungsbahnen und ihrer peripheren sowohl wie cen-
tralen Endapparate können, wenn sie eine gewisse Selbstständigkeit
erlangen y Sensibilitätsneurosen darstellen oder wenigstens Theiler-
scheinungen von solchen bilden.
Es ist nach allgemeinpathologischen Grundsätzen klar, dass diese
krankhaften Störungen in analoger Weise zu Stande kommen müssen,
wie die normale Function der Empfindungsapparate. Ein kurzer Blick
auf die normalen Vorgänge bei der Empfindung wird leicht erkennen
lassen, nach welchem Schema die pathologischen Empfindungsvor-
gänge, welche eben das Wesen der Sensibilitätsneurosen bilden, zu
Stande kommen. Ganz allgemein wird jede Empfindung dadurch
hervorgerufen, dass irgend ein äusseres Agens, ein Reiz, in einem
beliebigen, erregbaren Theile des Empfindungsapparates eine Ver-
änderung hervorruft und dadurch diesen Theil in Erregung ver-
setzt Für gewöhnlich sind es die peripheren Endapparate der
Empfindungsnerven, welche gereizt werden und in welchen also der
Erregungsvorgang entsteht. Dieser Erregungsvorgang aber wird nun
in den centripetalen Nervenbahnen nach dem Gesetze der isolirten
Leitung fortgeleitet bis zu den nervösen Centralorganen. Hier
endlich wird er übertragen auf die centralen Endapparate der cen-
tripetalen Leitungsbahnen und ruft in denselben Veränderungen her-
vor, welche die Grundlage der bewussten Empfindung bilden,
lieber die feinere Art und Weise dieser Vorzüge, auch über den
Ort im Gehirn, an welchem dieselben stattfinden, wissen wir noch
nichts Genaueres.
6 Erb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
Die VerbiDduDgen der centripetaleD Leitungsbahnen mit den
centralen Empfindnngsapparaten im Gehirn sind jedoch nicht die
einzigen y welche diese Bahnen eingehen. Es kommen hier noch
weitere, ebenfalls wohl grösstentheils in den Centralorganen liegende
Verbindungen theils mit anderen Theilen des Empfindungsapparates
theils mit centrifugalen Leitungsbahnen, nämlich mit motorischen^
vasomotorischen, secretorischen Nerven vor : daher die von der Phy-
siologie mehr oder weniger genau studirten Vorgänge der Irradiation
der Empfindung (Mitempfindung), der Reflexbewegungen, der Reflexe
auf vasomotorische Nerven, auf die Secretionsorgane n. s. w. Diese
Verbindungen scheinen sogar noch auf weitere, entferntere Nerven-
gebiete wirksam sein zu können, so dass von centripetalen Erregungen
aus Modificationen der Herzthätigkeit, der Respirationsthätigkeit, der
Verdauung n. s. w. eintreten können. So wenig bekannt die ana-
tomischen Bahnen flir alle diese Vorgänge auch zur Zeit noch sind,
so sicher ist es, dass dieselben in der Pathologie der Empfindungs-
apparate eine grosse Rolle spielen, wie die weitere Betrachtung zeigen
wird.
Die zahllosen Empfindungen^ welche auf diese Art zum Bewusst-
sein gebracht werden, zeigen die allergrösste Verschiedenheit in Be-
zug auf ihre Qualität und ihre Stärke. Die qualitative Ver-
schiedenheit der Empfijidungen kann entweder bedingt sein durch
die qualitative, anatomische Verschiedenheit der den Reiz aufnehmen-
den Endapparate — daher die Thatsache, dass gewisse Empfindungs-
apparate nur ganz bestimmte Empfindungen vermitteln, nur für be-
stimmte Reize erregbar sind (höhere Sinnesorgane, Tastorgan) ; oder
sie ist bedingt durch die verschiedene Qualität der Reize — daher
die Thatsache, dass ein und derselbe Empfindungsapparat durch ver-
schiedene Reize in verschiedener Weise erregt wird nnd eben dadurch
die qualitative Verschiedenheit der Reize zum Bewusstsein bringt.
Die quantitative Verschiedenheit der Empfindungen, die
Intensität, die Stärke derselben, kann bedingt sein entweder durch
die der mannichfachsten Abstufxing fähige Reizstärke oder durch den
jeweiligen Grad der Erregbarkeit der Empfindungsapparate; je höher
diese Erregbarkeit im gegebenen Momente ist, je leichter die Empfin-
dungsapparate durch den einwirkenden Reiz verändert werden, desto
grösser wird die Stärke der Empfindung sein; je geringer dagegen
diese Erregbarkeit ist, desto kleiner wird die Intensität der Empfin-
dung sein, welche durch einen gegebenen Reiz hervorgerufen wird.
Für gewöhnlich bewahren allerdings unsere Empfindungsapparate
einen gewissen mittleren Grad der Erregbarkeit, so dass es uns unter
Fonct. Erkr. (Neurosen) d. periph. Nerreo. Neurosen d. sensiblen Nerven. 7
normalen Verhältnissen ermöglicht ist, aus der Stärke unserer Empfiu-
dang unmittelbar einen Schluss auf die Grösse des einwirkenden
Reizes zu ziehen. Unter pathologischen Verhältnissen jedoch kann
das anders sein.
Die pathologischen Veränderungen der Empfindungsvor-
gänge, welche das Wesen der Sensibilitätsneurosen bilden, lassen sich
genau auf dieselben Momente zurückführen. Wir begegnen unter
pathologischen Verhältnissen ganz besonders häufig Anomalieninder
Stärke der Empfindungen. Dieselben können bedingt sein
1. durch eine Veränderung in der Erregbarkeit der Em-
pfindungsapparate, welche unter physiologischen Verhältnissen
auf nahezu derselben Stufe gleichmässig verharrt. Wir begegnen
hier a) einer Steigerung der Erregbarkeit, einer erhöhten
Reizempfänglichkeit, so dass leichte Reize schon sehr lebhafte Er-
regungSYorgänge setzen und sehr rasch die höheren Grade der Em-
pfindung, bis zum wirklichen Schmerz, hervorrufen. Diesen Zustand,
in welchem offenbar eine grössere moleculäre Beweglichkeit in den
Empfindungsapparaten besteht, bezeichnet man gewöhnlich als Hy-
perästhesie. Dieselbe kann an verschiedenen Stellen des Em-
pfindungsapparates zustande kommen: einmal können es die peri-
pheren Endapparate sein, welche eine grössere Beweglichkeit
ihrer Molecüle, eine grössere Erregbarkeit acquirirt haben und aut
jeden Reiz einen unverhältnissmässig intensiven Erregungsvorgang aus-
lösen; öderes kann an irgend einer Stelle der leitenden Bahnen
eine Veränderung bestehen, vermöge deren ein von der Peripherie
kommender normal starker Erregungsvorgang zu einer beträcht-
licheren Grösse anschwillt und von der erkrankten Stelle aus als ein
stärkerer Erregungsvorgang zum Gentralorgan fortgeleitet wird ; oder
endlich kann in den centralen Empfindungsapparaten ein
solcher Zustand von Leichtbeweglichkeit bestehen, dass die von der
Peripherie zugeleiteten Erregungen eine unverhältnissmässig lebhafte
Veränderung des Bewusstseins , mit andern Worten eine abnorm
starke Empfindung hervorrufen. Fttr alle diese Modi lassen sich aus
der täglichen Erfahrung am Krankenbett leicht die nöthigen Beispiele
aufteilen.
In andern Fällen aber begegnen wir b) einer verminderten
Erregbarkeit der Empfindungsapparate, so dass leichte Reize gar
nicht oder nur ganz undeutlich, starke Reize nur schwach oder end-
lich in den höchsten Graden gar nicht mehr empfunden werden.
Das ist der als Anästhesie bezeichnete Zustand , in welchem wir
eme grössere Schwerbeweglichkeit oder selbst völlige Unbeweglich-
8 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
keit der Moleoüle des EmpfinduDgsapparates annehmen mttssen. Auch
die Anästhesie kann in derselben Weise wie die HypeiiUithesie an
yersehiedenen Stellen des Empfindungsapparates verursacht werden : es
können die peripheren Endapparate in einen Zustand yemua^
derter oder au%ehobener Erregbarkeit gerathen sein und so das
Entstehen des Erregnngsvoi^angs erschweren oder unmöglich machen ;
oder es können sich in den leitenden Bahnen Hindemisse für die
Fortleitung des Erregungsvorgangs einstellen , so dass diese Fort-
leitung erschwert, yerlangsamt oder gänzlich gehemmt wird; odw
endlich es können die centralen Empfindungsapparate sich
den zugeleiteten ErregungsYorgängen gegenüber minder erregbar ver-
halten und so eine im Verhältniss zur Stärke dieser Vorgänge nur
geringe Veränderung des Bewusstseins entstehen lassen. Auch diese
Zustände kommen alle in der Pathologie des Nervensystems, wenn
auch in sehr verschiedener Häufigkeit vor. Es ttberwiegen hier die
n Leitungsanästhesien ^ bedeutend.
Anomalien in der Stärke der Empfindungen können aber auch
bedingt sein durch
2. Veränderungen der Reizstärke und zwar am häufigsten
durch abnorm starke Reize; sie rufen abnorm starke Verände-
rungen in den Empfindungsapparaten hervor, die gradweise Abstu-
fiingen bis zum höchsten Schmerz darbieten können. Solche abnorm
starke Reize sind am besten bekannt als intensive äussere Einwirkun-
gen: Traumen, chemische Einwirkungen, Hitze und Kälte u. s. w.;
sie können aber ebenso gut auch im Organismus selbst entstehen
und von hier aus auf die Empfindungsapparate einwirken; sie rufen
dann die Empfindungen (Schmerzen u. dgl.) hervor, die man gewöhn-
lich als spontane bezeichnet, um sie von den durch äussere be-
kannte Reize hervorgerufenen zu unterscheiden. Solche innere Reize
können geliefert werden von Entzündungen , Hyperämien , Druck von
Neubildungen, Ernährungsstörungen u. dgl. Ob auch eine verminderte
Einwirkung normaler Reize — abnorm schwacher Reiz — zu patho-
logischen Veränderungen der Empfindungsvorgänge fllhren kann^
darf wohl noch als zweifelhaft angesehen werden.
Die bisher erwähnten pathologischen Vorgänge sind aber nicht
die einzigen , welche an dem Empfindungsapparate in die Erscheinung
treten; denn wir beobachten häufig auch Anomalien in der Qua-
litätderEmp findungen. Es treten dann neue, ungewohnte, von
nicht adäquaten Reizen hervorgerufene Empfindungen auf; Empfin-
dungen , die mit manchen von äusseren Reizen hervorgerufenen eine
gewisse AehnUchkeit besitzen und auch darnach benannt werden,
Fnnct Erkr. (Neurosen) d. periph. Nerven. Neurosen d. sensiblen Nerven. 9
welche aber spontan entstehen , durch innere Reize. Hierher geboren
die Empfindungen des Ameisenlaufens (Formication) , des Juckens,
des Taubseins, des Pelzigseins, Brennens u. dgl., welche oft von den
Kranken nicht genauer beschrieben werden können , sich aber meist
von den gewöhnlichen Empfindungen in auffallender Weise qualitativ
unterscheiden. Es ist zweckmässig, diese eigenthttmlichen, in patho-
logischen Fällen nicht gerade selten vorkommenden Empfindungen
mit der gemeinschaftlichen Bezeichnung: Parästbesien zu belegen.
Auch diese Empfindungen können wahrscheinlich an verschiedenen
Stellen des Empfindnngsapparates (peripherisch, central oder an
ii^nd einer Stelle der Leitungsbahn) ihren Ursprung nehmen ; doch
wissen wir über ihre Entstehungsweise und ihre Ursachen noch sehr
wenig. Es handelt sich hier fast immer um abnorme innere Reize,
und man kann vermuthen , dass bestimmte Ernährungsstörungen, oder
abnorme Circulationsverhältnisse oder gewisse mechanische und ther-
mische Einwirkungen am häufigsten solche Parästbesien hervorrufen.
Es mag genttgen, in dieser kurzen Weise auf die allgemeinpatho-
logischen Begriffe der Hyperästhesie, Anästhesie und Parästhesie hin-
gewiesen und dieselben charakterisirt zu haben als Symptome von
Seiten des Empfindungsapparates, welche bei den verschiedensten
Nervenkrankheiten vorkommen können und speciell bei den Sensi-
bilitiUsneurosen als häufige Theilerscheinungen in dem Krankheits-
bilde auftreten '). Ebenso müssen wir uns hier darauf beschränken,
kurz hinzuweisen auf gewisse physiologische Gesetze, welche ftlr die
Vorgänge in den Empfindungsapparaten gefunden sind und welche
natürlich auch in pathologischen Zuständen ihre Geltung behalten
und uns vielfach willkommene Erklärungen ftlr pathologische Vor-
gänge an die Hand geben. Diese Gesetze sind: das Gesetz der
isolirten Leitung, nach welchem der in einer centripetalen Faser
erzeugte Erregungsvorgang nur in dieser bis zu den Centralapparaten
fortgeleitet und nicht auf andere benachbarte Fasern übertragen
1) A. Eulenburg hat in seinem Lehrbuch die verschiedenen Arten der Hy-
perästhesie und Anästhesie, sofern sie sich auf verschiedene Eropfindungsqualitä-
ten (Sinnesempfindung und Gemeingefühle) beziehen, durch besondere Bezeichnun-
gen schärfer zu trennen gesucht; er bezeichnet die entsprechenden Anomalien
des Gemeingefühls im Allgemeinen als Hyperalgie, Analgie und Paralgie; diejeni-
gen des Schmerzgefühls insbesondere als Hyperalgesie und Analgesie; diejenigen
der Tastempfindung als Hyperpselaphesie und Apselaphesie (nach Eigenbrodt)
Q. s. w. — Diese Bezeichnungen dürften sich schon ihrer Schwerfälligkeit halber
nur schwer Eingang verschaffen ; auch erscheint die Trennung von Hyperalgie und
Hyperalgesie etymologisch nicht hinreichend begründet.'
10 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
wird; das Gesetz der excen tris eh enPr oje et ion, nach welchem
ErregaDgsvorgänge , welche den centralen Empfindungsapparat selbst
oder irgend eine beliebige Stelle der centripetaleu Leitung treffen,
im Bewusstsein nur an die Peripherie der betreffenden Leitungs-
bahnen verlegt werden, von welcher erfahrungsgemäss die physio-
logischen Erregungen stets auszugehen pflegen. (Hierher die vielfach
in der Literatur aufgeführten Fälle, wo Reizungen der Nervenstttmpfe
amputirter Gliedmassen in diese selbst verlegt werden; die Fälle, wo
Beizungen der centripetalen Leitungsbahnen im Rückenmark oder
Gehirn in die Haut der Extremitäten verlegt werden u. s. w.) ; ferner
das Gesetz der Mitempfindung oder Irradiation, nach
welchem Erregungen centripetaler Bahnen im Gentralorgan (wahr-
scheinlich nur durch Vermittlung gangliöser Apparate in der grauen
Substanz) auf andere centripetale Bahnen übertragen werden können
und dadurch (Mit-) Empfindungen erzeugen , welche wieder im Be-
wusstsein nach dem Gesetz der excentrischen Projection in die Peri-
pherie verlegt werden ; nach diesem Gesetz kann periphere Erregung
einer centripetalen Faser begleitet sein von einer Empfindung an
einer "mehr oder weniger entfernten Stelle der Peripherie; z. B. Auf-
treten eines „irradiirten^' Schmerzes im Rücken bei starker Reizung
im Gebiete eines Ischiadicus u. s. w. — endlich das Gesetz der
Reflexe, nach welchem Erregungen centripetaler Leitungsbahnen
im Gentralorgan (ebenfalls nur in der grauen Substanz durch Ver-
mittlung von GangUenapparaten) auf centrifugale Leitungsbahnen —
motorische, vasomotorische und secretorische Nerven — übertragen
werden können und an der Peripherie die specifische Wirkung der-
selben auslösen. Diese Reflexttbertragungen geschehen nach einem
ganz bestimmten von der Physiologie ermittelten Schema und spielen
in der Lehre von den Sensibilitätsneurosen eine grosse Rolle.
Die Eindrücke , welche uns durch den Empfindungsapparat ver-
mittelt werden , werden von unserm Bewusstsein zumeist auf Verän-
derungen in der Aussenwelt bezogen und alle diese durch äussere
Einwirkungen hervorgerufenen Bewusstseinsänderungen bezeichnet
man wohl auch als objective Empfindungen. Ausserdem ver-
mitteln aber die Empfindungsapparate auch noch Eindrucke, welche
unmittelbar von Veränderungen unseres eignen Leibes hervorgerufen
werden und die man als Gefühle, als subjective Empfindungen
bezeichnet. Die Summe aller dieser, in mannichfacher Form auftre-
tenden Gefühle bezeichnet man als das Gemeingefühl. Eigent-
lich sind ja alle unsere Empfindungen von Veränderungen der Em-
Funct. Erkr. (Neurosen) d. periph. Nerven. Neurosen d. sensiblen Nerven. 1 1
pfindimgsapparate erzeugt; dieBelben kommen uns aber nur bei einem
Theil derselben zum Bewusstsein* So haben wir in den höhern
Sinnesapparaten, Auge und Ohr, fast nur objective Empfindungen,
d. h. wir verlegen die betreffenden Reize ohne Weiteres in die Aussen-
welt und werden uns der dabei stattfindenden Veränderung des Sinnes-
organs selbst keineswegs bewusst. Nur unter ganz besonderen Ver-
hältnissen oder bei aussergewöhnlich heftigen Einwirkungen werden
subjective Qeftihle erregt, die auf eine Veränderung der Sinnesorgane
selbst bezogen werden und wir sagen dann, dass etwas „dem Auge
oder Ohre wohl oder weh thut". Viel lebhafter und häufiger aber
werden diese subjectiyen Empfindungen bei jenen Sinnesapparaten,
bei welchen wir die Einwirkungsstelle des Reizes direet in die peri-
pheren Endapparate zu verlegen gewohnt sind, sobei den Empfindun-
gen, welche die Haut oder die Zunge vermitteln. Hier sind fast alle
Empfindungen zugleich von dem Gefühl der Veränderung des eignen
Körpers begleitet und subjective und objective Empfindung werden im
Bewusst^in nicht immer scharf getrennt. Je nach der Stärke und
Art des Reizes, je nach dem Grade der Reizempfänglichkeit, der
(JefÜhlserregbarkeit tritt bald die objective, bald die subjective
Empfimdung im Bewusstsein stärker hervor. Gewisse Arten von Rei-
zen und gewisse Intensitätsgrade derselben einerseits, gewisse Em-
pfindungsapparate (Genitähierven z. B.) andrerseits sind es, welche
vorwiegend Gemeingeftlhle vermitteln. Zu diesen GemeingefUhlen
rechnet man gewöhnlich Kitzel, Jucken, Schmerz ^ Schauder, Wol-
lust , Hunger und Durst u. s. w. Auch sie spielen in der Pathologie
des Nervensystems eine wichtige Rolle und ganz besonders sind es
die von dem Hautorgan ausgehenden, sogenannten cutanen Gemein-
geftthle, welchen wegen der Häufigkeit und Intensität ihres Auftretens
in Krankheiten eine grosse praktische Wichtigkeit besitzen und des-
halb besondere Beachtung verdienen.
Das universellste und häufigste von allen Gemeingeflihlen, welches,
wie es scheint, von fast allen Empfindungsapparaten aus im Bewusst-
sein hervorgerufen werden kann, ist der Schmerz. Der Schmerz
ist ein praktisch so wichtiges Krankheitssymptom und spielt gerade
bei den Sensibilitätsneurosen eine so hervorragende Rolle, dass eine
kurze Besprechung desselben hier ftiglich nicht umgangen werden
kann.
Der Schmerz ist in vielen Krankheitsfällen das erste und bleibt
in manchen das einzige Krankheitssymptom; er ist fdr die meisten
Kranken die lästigste und deshalb für dieselben wichtigste Erschei-
nung; er hat nicht minder fttr den Arzt eine sehr hohe Bedeutung,
12 Ebb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nenren.
weil er in häufigen Fällen Anischluss gibt über den Sitz, die Art^
die Intensität der Krankheit. — Schmerz kommt in allen mdglicben
Graden und Modificationen vor; von der leichtesten, unangenehmen
Empfindung bis zn den höchsten, kanm erti^Uchen Graden, welche
den Menschen wahnsinnig machen, zur Verzweiflung bringen und zum
Selbstmord treiben können, kommen alle möglichen AbstuAmgen des
Schmerzes in Krankheiten vor. Aus diesen Abstufungen lassen sich
aber nur selten bestimmte Schlflsse auf die Art oder den Grad des
zu Grunde liegenden Leidens ziehen , weil der Schmerz als ein sub-
jectives Symptom zu sehr yon der Individualität des Kranken, seiner
Reizempfänglichkeit, seiner psychischen Stimmung, seinem Bildungs-
grad abhängt; wir besitzen eben keinen objectiven Maassstab für den
Grad des Schmerzes und können denselben aus den Angaben der
Kranken nur mit genauester Berücksichtigung der eben erwähnten
Momente ungefähr abschätzen.
Ebenso mannichfach wie die Grade des Schmerzes sind auch
die Modificationen desselben; wir pflegen yerschiedene Arten des
Schmerzes zu unterscheiden: brennend, reissend, bohrend, stechend,
drückend, dumpf u. s. w. wird der Schmerz von den Kranken ge-
nannt. Wie wir sogleich zeigen werden, sind das nicht so und so
viel yerschiedene Arten des Schmerzes, verschiedene Gemeingeflihley
sondern der Schmerz bleibt immer dieselbe Bewusstseinsverändenmg,
welche aber von verschiedenen gleichzeitigen Empfindungen begleitet
sein kann, dadurch gleichsam ihr Localzeichen erhält. So haben
wir beim brennenden Schmerz das Geftlhl einer gleichzeitigen Tem-
peraturempfindung, beim drückenden die Empfindung eines in grösserer
Ausdehnung die empfindenden Apparate mechanisch insultirenden
Körpers, beim stechenden das Gefühl als ob einzelne oder wenige
Nervenfesem von einem spitzen Körper gereizt würden u. s. w.
Spontan, durch innere Reize hervorgerufene Schmerzen vergleichen
wir im Bewnsstsein mit solchen, welche durch bekannte äussere
Reize oder durch physiologische Vorgänge (z. B. Wehen) hervorge-
rufen werden und welche ähnliche Mitempfindungen hervorriefen und
benennen sie darnach. Endlich scheint auch die Anordnung der
empfindenden Nervenbahnen in gewissen Theilen, die Art und Weise
der pathologischen Erregung derselben u. dgl. nicht ohne Einfluss zu
sein auf die Art, mit welcher Schmerzempfindungen im Bewnsstsein
auftreten und beurtheilt werden. Jedenfalls ist es auch hier bei
unserer Unkenntniss der betreffenden feineren Vorige sehr miss-
lich, aus der Art des Schmerzes bestimmte Schlüsse auf die zu
Grunde liegende Krankheit zu ziehen. Immerhin hat jedoch Er-
Funct Erkr. (NeuroMn) d. periph. Nerven. Neurosen d. sensiblen Nenren. 13
üahrnng gelehrt, dass bei gewissen Krankheiten bestimmte Arten des
Schmerzes ganz besonders häufig vorkommen, so dass sie wohl auch
eine gewisse B^entnng für die Diagnose erlangen können , so z. B.
die stechenden Schmerzen bei Pleuritis, die reissenden Schmerzen
beim Bheomatismus , die bohrenden, lancinirenden Schmerzen bei
Neuralgien, die klopfenden Schmerzen bei manchen Entztlndnngen
n. 8. w.
Die meisten (Gewebe and Organe des Körpers können, wie es
scheint, der Sitz von Schmerzen werden, jedoch in sehr verschiedener
Leichtigkeit und Häufigkeit. Einzelne Gewebe, wie der Knorpel,
werden wahrscheinlich nie der Sitz von Schmerzen, andre, wie Muskel,
Drflsensubstanzen, bestimmte Theile des Centralnervensystems scheinen
fflr gewöhnlich unempfindlich und werden nur unter bestimmten
pathologischen Verhältnissen Ausgangspunkt von Schmerzen ; wieder
andre, die äussere Haut, die serösen und Synovialmembranen, viele
Theile von Schleimhäuten, die sensiblen Nerven, erzeugen unter pa-
thologischen Verhältnissen die lebhaftesten Schmerzen. Gerade die
Oigane und Gewebe, welche unter normalen Verhältnissen schon die
deutlichsten und häufigsten Empfindungen vermitteln, sind es auch,
wdche unter pathologischen Verhältnissen am leichtesten der Sitz
von Schmerzen werden, und in welchen wir auch, durch eine
reiche physiologische Erfahrung belehrt, die Schmerzen am sichersten
localisiren können, lieber den Sitz eines Schmerzes in der äussern
Haut, den mit der Körperoberfläche communicirenden Schleimhäuten,
den Gelenken u. dgl. wird nicht leicht eine Täuschung entstehen;
dagegen kann tlber die Localisation von Schmerzen, welche in phy-
siologisch unempfindlichen Organen entstehen, vielfach Ungewissheit
harschen, und wir lernen oft erst durch mancherlei Hilfsmittel und
Kunstgriffe und durch reichere Erfahrung solche Schmerzen richtig
localisiren. Dies gilt weniger von den durch die grösseren Complexe
von sensiblen Leitungsbahnen vermittelten Schmerzen (eigentliche
Nervenschmerzen, Neuralgien), bei welchen wenigstens der Arzt mit
Hilfe seiner anatomischen Kenntnisse meist leicht die richtige Loca-
lisation machen wird.
Eine genauere Begriffsbestimmung und Definition des Schmerzes
ist vielfEM^h versucht worden; doch zeigen die widerstreitenden An-
sichten, dass die Sache ihre Schwierigkeiten hat, was bei einem
Gegenstand, der zum Theil in das Gebiet der Psychologie fällt, nicht
zu verwundem ist. Von Seite der Physiologen und Aerzte stimmen
wohl die meisten Autoren jetzt darin tiberein, dass Schmerz das-
jenige Gemeingeftthl ist, welches nicht einer bestimmten Qualität
14 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
der EmpfindoBg, sondern nur einem bestimmten Grade derselben
inbärirt. Valentin*) nennt Sehmerzen „diejenigen sensiblen Ein-
drücke, welcbe ihrer zn grossen Stärke wegen unangenehm werden ''.
Wundt') bezeichnet den Schmerz als „ein Qeftthl, welches alle
stärkeren intensiven Reize begleitet ** ; und A. Eulenburg') versteht
unter Schmerz „ eine graduelle Steigerung des Gefühls, welches jeden
Empfindnngsvorgang begleitet*'. So schliessen wir uns denn auch
der Anschauung an, dass jede Steigerung der gewöhnlichen sensiblen
Beize im Stande ist, Schmerz hervorzurufen, sobald sie einen gewissen
Grad erreicht ; jeder Erregungsvorgang, der eine bestimmte Intensität
tiberschreitet, jede durch einen abnorm starken Reiz hervorgerufene
moleculare Veiilnderung der centripetalen Leitungsbahnen wird im
Bewusstsein als Schmerz anfgefasst. Es lässt sich durch einfache
Versuche (Einwirkung eines «Ilmälig wachsenden Druckes oder
einer bis zum Schmerzhaften sich steigernden Temperatur auf die
Haut u. dgl.) zeigen , dass durch eine ganz allmälige Zunahme der
Beizstärke endlich die Schwelle überschritten wird, jenseits welcher
der Erregungsvorgang von Schmerz begleitet ist und dass keine
scharfe Grenze sich angeben lässt, an welcher die Druck- oder
Temperaturempfindung aufhört und die Schmerzempfindung anfängt.
Die einfachste Auffassung scheint demnach die, dass der Schmerz die
Beaction des Bewusstseins auf eine gewisse Stärke des Erregungs-
vorgangs ist, und wir sehen vorläufig keinen Grund, für die patho-
logischen Schmerzen eine wesentlich andere Art der Entstehung
anzunehmen, als für die bei dem einfachen physiologischen Versuch
auftretenden. Freilich soll damit nicht gesagt sein, dass die erforder-
liche Stärke des Erregungsvorgangs auch unter pathologischen Verhält-
nissen immer durch eine Zunahme der Beizstärke zu Stande kommt;
sie kann auch noch aus anderen Bedingungen entstehen und thut dies
wahrscheinlich auch in der Mehrzahl der pathologischen Fälle.
Es ist nach dem Gesagten nicht wohl anders zu erwarten, als dass
von allen centripetalen Nervenbahnen — Hirn- und Bückenmarks-
nerven — her gelegentlich Eindrücke von schmerzhafter Intensität zum
Bewusstsein gelangen. Am häufigsten sind es allerdings die speciell
als sensible bezeichneten, die Tastempfindungen und die meisten Ge-
meingefühle vermittelnden Nerven, welche die Leiter von Sehmerzen
werden; allein es lässt sich nicht verkennen, dass auch durch die
eigentlichen Sinnesnerven durch Steigerung ihrer specifischen Energie
1) Physiol. Patiiol. d. Nerven I. S. 240.
2) Lehrb. d. Physiol. d. Menschen. 2. Aufl. S. 503.
3) Funcüonelle Nervenkrankheiten. S. 3i.
Funct. Erkr. (Neurosen) d. periph. Nerren. Neurosen d. sensiblen Nerven. 15
und der sie treffenden specifischen Reize wirkliche Schmerzempfin-
dnngen yermittelt werden können; speciell für das Auge und das
Ohr sind die grossen Lichtintensitäten und gewisse sehr intensive
SchaUerscheinungen (Detonationen, Dysharmonien, schrilles Knirschen
und Pfeifen q. dgl.) die Quelle yon Sinnesempfindungen, welche nach
dem allgemeinen Sprachgebrauche „ dem Auge oder dem Ohre
wehe thun."
Es hat sonach der Schmerz, wie er in den yerschiedenen centri-
petalen Leitungsbahnen zur Vermittlung kommt, keine specifischen
Qualitäten. Schmerz ist allerdings gewissermassen eine neue Em-
pfindung, welche erst bei einer gewissen Stärke des Erregungsvor-
gangs auftritt und eine ganz bestimmte Veränderung des Bewusstsein-
zustandes darstellt, die yon der Vorstellung einer unangenehmen Be-
einträchtigung unseres Ich begleitet» ist und die wir eben als Schmerz
bezeichnen; diese neue Empfindung ist aber keineswegs die Folge
einer neuen Art des Erregungsvorgangs in den centripetalen Bahnen,
sondern nur der Ausdruck einer bestimmten Reaction des Bewusst-
seins auf alle Erregnngsyorgänge von einer gewissen Stärke. Des-
wegen rufen auch die starken Beize in allen möglichen yerschiedenen
centripetalen Bahnen nur die eine Empfindung: Schmerz heryor.
Immerhin kann aber dieser Schmerzempfindung durch die gleich-
zeitige specifische Erregung der Empfindungsapparate ein Element
beigemischt, gleichsam ein Localzeichen aufgeprägt werden, ans
welchem wir einigermassen die Ursache und den Charakter des
Schmerzes zu erkennen und zu bezeichnen im Stande sind. Wir
können mit Hilfe unseres Tast-, Temperatur- und Ortssinns den
Schmerz durch Einwirkung eines heissen Gegenstandes wohl unter-
scheiden yon dem durch einen Nadelstich oder durch starken Druck
oder durch Schneiden u. s. w. Und yon der Beimischung solcher
gleichzeitiger Empfindungen, yon der yerschiedenen Localisation des
Erregungsyorgangs und ihrem Wechsel rührt es offenbar her, dass
wir auch spontane, in krankhaften Zuständen auftretende Schmerzen
als „brennend", „reissend'', stechend", „bohrend", „drückend" u. s. w.
bezeichnen. Freilich ist damit eine Kenntniss der eigentlichen Ur-
sachen der Verschiedenheiten des Erregungsyorgangs noch keines-
wegs gegeben; wir wissen nicht, was eigentlich einen krankhaften
Schmerz zu einem „brennenden" oder „stechenden" macht; es handelt
sich hier nur um eine Vergleichung yon Empfindungen innerhalb des
BewQSStseins mit solchen, welche auf uns bekannten Ursachen be-
ruhen.
Es kann somit wohl als eine der Grundbedingungen zum Zu-
16 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Standekommen des Schmerzes betrachtet werden, dass neben Erreg-
barkeit der peripherischen Endapparate and Intactsein der centripe-
talen Leitungsbahnen yor allen Dingen die centralen Empfindungs-
apparate in gehöriger Weise fdnctionsffthig seien. Genaueres darttber
auszusprechen, ist aber bei dem heutigen Stande der Himphysiologie
nicht erlaubt ; soviel nur darf man wohl mit einigem Recht behaupten,
dass die graue Substanz des Gentralorgans dabei von ganz beson-
derer Wichtigkeit ist. Damit in Uebereinstimmung scheint aus be-
kannten physiologischen Versuchen hervorzugehen, dass sogar die
graue Substanz des Rückenmarks von hervorragendem Einfluss auf
das Zustandekommen der Schmerzempfindung ist Schiff*) hat
schon vor längerer Zeit geinnden und durch neuere Untersuchungen
bestätigt, dass die Tastempfindungen im Rückenmark durch die
weissen Hinterstränge zum Gehirn geleitet werden, während die
Bahnen für die Schmerzempfindung in der grauen Substanz des
Rückenmarks gelegen sind. Ob hier wirklich im Rückenmark eine
Trennung der Leitungsbahnen für Schmerz- und Tastempfindungen
existirt, oder ob durch die starken schmerzerzeugenden Reize in der
grauen Substanz des Rückenmarks eine für das Zustandekommen
der Schmerzempfindung wesentliche Veränderung hervorgerufen wird,
die von der Leitung verschieden ist, wollen und müssen wir da-
hingestellt sein lassen. Immerhin behält die von Schiff gefundene
Thatsache eine grosse Bedeutung in der Pathologie.
Es ist nach dem bisher Gesagten leicht, anzugeben, unter welchen
Bedingungen Schmerz zur Entstehung kommt; nämlich überall da,
wo die Stärke der centripetalen Erregungsvorgänge einen gewissen
Grad überschreitet. Dies kann auf zweierlei Weise erreicht werden ;
einmal dadurch, dass die einwirkenden Reize an Intensi-
tät zunehmen; hierher gehören die einfachsten Fälle der Schmerz-
erzeugung durch traumatische Einwirkungen, Aetzmittel, sehr hohe
oder sehr niedere Temperaturgrade u. s. w.; und zweitens dadurch,
dass die Erregbarkeit der Empfindungsapparate gestei-
gert ist (Hyperästhesie), so dass schon geringe Reize eine solche
Stärke des Erregungsvorgangs hervorrufen, wie sie zur Erzeugung
von Schmerz erforderlich ist. Der letztere Fall ist wohl der häu-
figere bei den unter pathologischen Verhältnissen im Körper auf-
tretenden sogenannten spontanen Schmerzen.
Obgleich wir so die Bedingungen zur Entstehung von Schmerz
ziemlich scharf angeben können , fehlt uns doch zur Zeit noch jede
1) Lehrb. d. PhysioL d. Menschen. Lahr 1S59.
Fanct. Erkr. (Nearosen) d. periph. NerveD. Neurosen d. seasiblen Nerven. 1 7
genauere Eenntniss darüber, in welcher Weise wirklich bei den ver-
schiedenen Krankheiten Schmerz entsteht — wie so es bei Entzttn-
dnngen, Katarrhen, Krämpfen, Neuralgien n. s. w. zu der Erzeugung
so starker sensibler Erregungsvorgänge kommt, dass Schmerz ge-
ftthlt wird. In den wenigsten Fällen wohl ^mr handelt es sich um
Zunahme der einwirkenden Reizstärke und dann sind gewöhnlich
grob mechanische Verhältnisse im Spiel; in der Mehrzahl der Fälle
aber sind wir gezwungen, molecnläre Veränderungen, Ernährungs-
störungen in den Empfindungsapparaten anzunehmen, welche eine
gesteigerte Erregbarkeit, eine grössere moleculäre Beweglichkeit der-
selben bedingen, so dass schon die beständig einwirkenden leichten
Reize, wie sie in den physiologischen Bewegungen der Körpertheile,
der Bewegung des Bluts, der Spannung der Gewebe vorhanden sind,
im Stande sind, die schmerzerzeugende Stärke des Erregungsvor-
gangs zu produciren. In welcher Weise aber diese Ernährungs-
störungen unter pathologischen Verhältnissen zu Stande kommen, wie
sie sich aus ihren Ursachen entwickeln und wie sie genauer zu
charakterisiren sind, darüber sind bislang noch keine befriedigenden
Angaben zu machen.
Deshalb erscheint auch aller Streit über das eigentliche Wesen
des Schmerzes gegenwärtig noch als ein müssiger. So lange wir
nicht über die feineren molecularen Vorgänge dabei im Klaren sind,
und besonders so lange wir über die hier einschlagenden psycho-
logischen Fragen noch in dem bisherigen Dunkel bleibcD, kann wohl
von einer befriedigenden Theorie des Schmerzes nicht die Rede sein.
Es mag auf sich beruhen bleiben, ob der Schmerz aus einer ge-
steigerten oder verminderten Function der centripetalen Leitungs-
bahnen entstehe, wiewohl es nach unsem Ansichten nicht wohl
zweifelhaft sein kann, dass bei der Erzeugung von Schmerz ein ge-
steigerter Erregungsvorgang in diesen Bahnen entsteht; die Haupt-
sache bleibt dabei doch immer der Zustand und die Reactionsweise
des Bewusstseins selbst oder wohl auch der centralen Empfindungs-
apparate, während die peripheren Apparate und die Leitnngsbahnen
beim Schmerz nichts weiter zu thun haben, als die durch gesteigerte
Reizstärke producirten Erregungsvor^nge, ganz in der gewöhnlichen
Weise aufzunehmen und nach dem Gentrum fortzuleitcD. Am ehesten
discutirbar erscheint noch die von Griesinger*) mit vielem Geist
vertretene Hypothese, dass das Wesen des Schmerzes in einer „ Stö-
rung der Organisation'' des Nerven an irgend einer Stelle seines
1) Arch. f. physiol. Medlc. L 1843.
Hantlbach d. 8p«c. Pntholofte o. Therapie. Bd. Xlf. I. 2. Aufl.
18 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Verlaufs beruhe. Es kann sich hier nicht wohl am andre als für
uns nicht wahrnehmbare molecnlare Veränderungen handeln ; da wir
nun heutzutage gewohnt sind, jeden Erregungsvorgang uns von einer
molecularen Veränderung begleitet zu denken und da eine scharfe
Grenze zwischen diesen physiologischen Molecularveränderungen und
jenen schmerzerzeugenden „Störungen der Organisation^ absolut
nicht au&nstellen ist^ bringt uns auch diese Hypothese keinen Schritt
weiter. Auch würde sie durchaus nicht zur Erklärung einer grossen
Reihe von Schmerzempfindungen genttgen, bei welchen eine irgendwie
dauernde Störung der Organisation nicht wohl annehmbar ist Es
bleibt also die genauere Definition des Begriffes „Schmerz'' besser
einer zukünftigen allgemeinen Nervenpathologie vorbehalten.
Was speciell den Schmerz bei den Sensibilitätsneurosen betrifft^
welcher hier eine besondere Berücksichtigung verdient, so gilt für
denselben alles fUr den Schmerz im Allgemeinen Gesagte. Bei der
Besprechung der einzelnen Erankheitsformen wird sich ergeben, in
welcher Weise dieser Schmerz häufig etwas Charakteristisches hat.
Während wir es bei dra entzündlichen und ähnlichen peripheren
Schmerzen meist mit einer Erregung der Endausbreitungen der sen-
siblen Nerven zu thun haben, sind es bei den Neurosen vorwiegend
Erregungen der Leitungsbahnen, in- und ausserhalb der Centraloi^ane^
sowie der centralen Endapparate, mit welchen wir es zu thun haben,
und darauf gerade beruhen meist die Eigenthümlichkeiten der
Schmerzen bei Neurosen. Darüber sind weitere Erörterungen an
dieser Stelle überflüssig. — Es versteht sich von selbst, dass auch
für die Schmerzempfindungen und ihre Ursachen die oben erwähnten,
für die Empfindongsvorgänge maassgebenden physiologischen Gesetze
Gültigkeit behalten und wir werden gerade bei den schmerzhaften
Affectionen sensibler Nerven häufig den Vorgängen der Irradiation,
der excentrischen Projection, der Reflexe begegnen.
1. Neuralgie im Allgemeinen.
Neuralgie wird als besondere Krankheitsform von den alten Aerzten nicht
deatlich erw&hnt; man hat daraus geschlossen, dass sie im Alterthum selten ge-
wesen sei. Bei Hippokrates ündet sich nichts fiestimmtes daraber. Erat
Aretaeus gibt eine erkennbare Beschreibung, jedoch ohne genauere Einsieht
der Sache; dasselbe gilt von Galenus und Paul von Aegina, während die
Araber — Rhazes, Avicenna, Aibucasis — in der Kenntniss der Neural-
gie schon weiter vorschritten. Auch im Mittelalter und bis zur Mitte des
18. Jahrhunderts finden sich nur mangelhafte Kenntnisse und Beschreibungen der
Neuralffie. Die erste richtige Auffassung der Neuralgie als eines schmerzhaften
Nervenleidens datirt von Andr6, 1756, der zuerst den „Tic douloureux" be-
schrieb. Damach häufen sich die Thatsachen und Beobachtungen und es sind
besonders Fälle von Qesichtschmerz und von Idchias, welche das Interesse der
Neuralgie im Allgemeinen. 19
Aerzte err^en. Die Liieratar der Neuralgien wird äusserst umfangreich; nur
Weniges sei daraus hervorgehoben, (ein umfassendes Literaturverzeichniss s. bei
Bretschneider 1. c).
De Ha6n, Ratio medendi. 1764. — Domen. Gotugno, Comment de ischiade
nervosa. Neapol. 1764. — J. Fothergill, Med. observat and inquir. T. IV. u.
V. 1768 und 1773. — Chaussier, Table synoptique de la n^vralgie etc. Paris
1903. — Jos. Frank, Univ. praxeos med. praecept. Lips. 1821. — Martinet,
Revue franc. et Strang. Paris 1828. — Ch. Bell, The nerv. syst, of the human
bodr. Lond. 1830. Deutsch. v.Romberjg. Berlin 1832.— Piorry, Gaz m^c. 1833.
— B. Brodie, Lect. illustr. of certain locsd nervous affections. Lond. 1837. —
A liier, Joum. de M^d. et de Ghir. 1^38. — Eisen mann, Die Erankheitsfam.
Rheuma. 1841. — G. James, De n^ralgies et de leur traitement. Paris 1841. —
Valleix, Trait6 des n^vrakies ou affect. doul. des nerfs. Paris 1841. Deutsch
V. Grüner. 1852. (Die im Texte folgend. (Jitate dieses Werkes beziehen sich auf
die deutsche Ausgabe). — Bretschneider, Path. u. Therap. d. äusseren Neur-
al^en. 1847. — Ttlrck, Beitr. zur Lelire v. d. Hyperästhesie und Anästhesie.
Zeitschr. d. Ges. d. Wien. Aerzte 1850. — Henle, Handb. d. ration. Pathol.
n. 2. 1853. — Parson, Neuralgia: its historv, nature and treatment. Amer.
Joum. of med. Sc. XXVIII. 1854. ~ A. Notta, M^m. sur les Usions fonctionnel-
lee, qui dOnt sous la d^pendance de la n^vralgie. Arch. g^ner. 1854. — Bären-
Sprung, Ueber Zoster. Annal. d. Gharitökrankenh. IX. X. XI. 1861—63. — Van-
lair, Ueber Neuralgien. Joum. de MM. de Brux. 1865. — Romberg, Kritik
der Valleiz'schen Scbmerzpunkte. Arch. f. Psych, u. Nervenkr. 1. 1867. - Noth-
nagel, Troph. Störungen bei Neuralgien, ibid. II. 18(i9. — Nothnagel, Schmerz
und cotane Sensibilitätsstörung. Yirch. Arch. Band 54. 1872. — Anstie, Neural-
gia and Diseases that resemble it. 1872. — Ter neu il. Des n^vralgies traumatiques
secondaires pr^coces. Arch. g^n^r. Nov. Dec. 1874. — C. Lange, Ueber Neural-
den u. deren Behandlung. Hospit. Tid. 1875. Schmidt's Jahrb. 169. S. 240. —
vieles findet sich in den Lehrbüchern der spec. Pathologie u. der Nervenkrank-
heiten, so in den Handbüchern von Puchelt, Oanstatt, Wunderlich,
Tronsseau, Lebert, Niemeyer, Kunze; femer Romberg, Lehrb. der
Nervenkrankh. l. Aufl. 1840. 3. Aufl. 1853. — Hasse, Krankh. des Nerven-
systems 2. Aufl. 1869. — A. Eulenburg, Functionelle Nervenkrankheiten. 187i.
— Rosenthal, M., Diagnostik u. Therapie d. Nervenkr. 1870. 2. Aufl. 1875.
Ueber die Therapie der Neuralgien vgl. A. Eulenburg, Hypodermat. In-
jection. 1867. 2. Aufl. (daselbst auch die einschlägige Literatur sehr vollständig.)
— Ferner die Lehrbücher der Elektrotherapie, die ausser dem therapeutischen
auch noch sehr viel Material zur Pathologie der Neuralgien enthalten : Duchenne,
M. Meyer, Remak, Frommhold, Althaus, M. Rosenthal, Board and
Rockwell. Onimus et Legros, ferner W. Leube, Beitr. z. Beb. d. Neurakr.
mit dem inducirt. Strom. Diss. Tübinff. 1862. - E. Flies, Electrother. Mittheil,
im Gebiet d. Neuralgien. Allg. med. Centralz. 1862. — Erb, Galvanotherap. Mit-
theihingen. Arch f. klin. Med. HL 1867. — Berger, Electr. Behandlung des
Tic doulour. u. d. Hemicranie. Berl. klin. Woch. 1871 No. 2. Ueber Nerven-
durchschneidung s. die Arbeiten von Bruns, Wagner, v. Nussbaum,
Podratzky, Patruban, Schuh u. A. bei der Literatur zur Trigeminusneur-
algie.
Begriffsbestimmung. Man versteht unter Neuralgie eine
Krankheit der sensiblen Nervenapparate, deren wichtigstes und Haupt-
symptom Schmerz iBt^). Dieser Schmerz erscheint localisirt auf be-
stimmte Nervenstämme oder Nervenzweige mit all ihren Ramifica-
1) Da alle bchmerzen überhaupt nur durch die sensiblen Nervenapparate
vermittelt werden, hätten dieselben wohl ein gewisses Anrecht auf die Bezeichnung
..Neuralgie"* (von vtvQor und uXyos). Doch hat ein alter Usus diese Bezeichnung
specieB fftr die uns hier beschäftigende Krankheitsform eingeführt. Man spricht
mit demeelben Recht von „Muskelschmerzen", „Knochenschmerzen*' u. s. w.
2*
20 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
tionen; er zeichnet sich durch eine bedeutende Intensität aus, ist
intermittirend oder wenigstens in sehr deutlicher Weise remittirend;
er wird gewöhnlich nicht ausschliesslich in der Peripherie, sondern
längs des ganzen Verlaufs der afßcirten Nerven oder doch wenigstens
an mehreren Punkten dieses Verlaufe wahrgenommen. Der Schmerz
wird begleitet von secundären Erscheinungen motorischer, yasomo-
torischer, secretorischer und trophischer Natur, welche theils einer
Steigerung der physiologischen Beziehungen zwischen den sensiblen
und den übrigen genannten Nerven ihre Entstehung verdanken, theils
C!oöffecte derselben Ursache sind, welche den Schmerz erzeugt. Das
Allgemeinbefinden ist dabei — im Verhältniss zu den grossen sub-
jectiven Beschwerden — auffallend wenig gestört. Die Untersuchung
lässt in der tibergrossen Mehrzahl der Fälle keinerlei palpable,
organische Läsion nachweisen, abgesehen von einzelnen auf Druck
empfindlichen Punkten in verschiedener Höhe der leidenden Nerven-
bahnen.
Eine concise und abgerundete Definition des Begriffs » Neuralgie "
lässt sich sonach zur Zeit nicht geben. Dazu ifehlt gerade die
wichtigste Grundlage: die Eenntniss der feineren pathologisch-
anatomischen Veränderungen und des Verhältnisses derselben zu den
Ursachen der Neuralgien. Es ist auch nicht thunlich, bestimmte
Formen der Neuralgien als essentielle oder idiopathische — es
sind dies gerade die, über welche wir am wenigsten wissen - von
den durch grobe anatomische Veränderungen hervorgerufenen sym-
ptomatischen Neuralgien zu unterscheiden; diese Trennung ist
klinisch einfach nicht durchzuführen, da die Erscheinungsweise beider
Formen ganz die gleiche sein kann. Wir werden bei der Pathogenese
den Nachweis zu führen suchen, dass eine solche Trennung auch dem
Wesen der Neuralgie durchaus nicht entspricht.
Als besonders charakteristisch für das Krankheitsbild der
Neuralgie können wir etwa folgende Momente ansehen: Beschränkt-
sein des Schmerzes auf einen bestimmten Nervenstamm oder -zweig
und dessen Ramificationen ; Verlauf des Schmerzes längs dieser Nerven-
bahnen; spontanes, nicht auf nachweisbare äussere Schädlichkeiten
zurückfllhrbares Auftreten desselben; das Auftreten des Schmerzes
in Paroxysmen mit deutlichen Intermissionen oder doch Remis-
sionen; den Mangel örtlicher Organerkrankungen (mit Ausnahme
derjenigen am Nervensystem selbt) und das Fehlen erheblicher
Allgemeinerscheinungen, — Für nicht charakteristisch dagegen
halten wir das Auftreten des Schmerzes bei leiser Berührung und
sein Verschwinden bei stärkerem Druck, das von Bretschneider
Neuralgie im Allgemeinen. 21
u. A. in die Definition der Neuralgie angenommen wurde; des-
wegen nicht, weil diese Erscheinung bei vielen Neuralgien fehlt und
andrerseits gelegentlich bei anderen Erkrankungen beobachtet wird.
Das Symptom Schmerz steht also bei den Neuralgien allent-
halben im Vordergrund; sowohl in den Klagen der Kranken , wie
bei der klinischen Untersuchung und endlich auch bei der Therapie.
Darüber hat man denn vielfach Übersehen, dass auch die obenerwähnten
secundären Erscheinungen zum Krankheitsbild gehören und dass sie
sogar in nicht wenigen Fällen sehr wesentliche Züge desselben bilden.
Die genauere Betrachtung wird einen Begriff von der Häufigkeit
dieser Begleiterscheinungen geben und anzudeuten haben, in welcher
Weise dieselben bei genauerer Erkenntniss ihrer Pathogenese auch
für die exactere und fruchtbarere Beurtheilung der Neuralgien ver-
werthet werden können. Es lässt sich erwarten, dass wir aus An-
wesenheit und Art dieser Begleiterscheinungen bestimmte Schlüsse
auf den Sitz der neuralgischen Erkrankung ziehen lernen werden.
Neuralgie ist zur Zeit noch eine symptomatische
Krankheitsform. In manchen FäUen findet man greifbare ana-
tomische Veränderungen; aber es ist nicht klar^ in welcher Weise
sie Neuralgie hervorrufen ; die allerverschiedensten anatomischen Ver-
Snderungen bringen den nämlichen Symptomencomplex — die Neur-
algie — hervor; in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle endlich
ist in den neuralgisch afficirten Nerven keinerlei materielle Verände-
rung (mit unsem jetzigen Hilfsmitteln) nachzuweisen: es erscheint
daher vollkommen gerechtfertigt, die symptomatische Einheit der
Neuralgie festzuhalten, umso mehr als diese in den verschiedensten
Fällen ungemein viel Charakteristisches und Uebereinstimmendes in
Bezug auf Erscheinungsweise, Verlauf u. s. w. darbietet.
Die Neuralgie fällt keineswegs mit der Hyperästhesie der
sensiblen Nerven zusammen und es erscheint deshalb nicht gerecht-
fertigt , sie unter den Begriff der Hyperästhesie zu subsumiren , wie
dies Bomberg und seine Nachfolger gethan haben: sie ist andrer-
seits auch nicht scharf von der Hyperästhesie zu trennen. Bei der
Hyperästhesie kann die gesteigerte Erregbarkeit ohne Schmerz be-
stehen ,£so lange keinerlei Reize auf die hyperästhetischen Nerven-
bahnen einwirken; wir erkennen vielmehr die Hyperästhesie immer
erst an der gesteigerten Reaction auf die Application äusserer Reize.
Bei der Neundgie dagegen besteht ohne nachweisbare äussere Reize
Schmerz, der in vielen Fällen jseine Quelle in abnorm. starken inneren
Reizen hat; doch ist es dabei nicht ausgeschlossen, sondern im
Gegentheil wohl ein häufiges Vorkommen, dass in dem neuralgisch
22 £rb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
afßcirten Nerven gesteigerte Erregbarkeit besteht, welehe eben das
Auftreten des Schmerzes erleichtert und seine Intensität steigert.
Es erscheint demnach nicht jede Hyperästhesie unter dem Bilde der
Neuralgie und nicht jede Neuralgie kann auf eine bestehende Hy-
perästhesie zurttckgeführt werden; wohl aber fallen die beiden Er-
scheinungen bei vielen Formen von Neuralgie zusammen.
Aeti<»Iosrie.
Neuralgien gehören unstreitig zu den häufigsten Neurosen: sie
kommen in allen Bevölkerungsschichten , in allen Lebensaltem, zu
allen Zeiten dem Arzte zur Beobachtung. Sie lassen sich in vielen
Fällen auf bestimmte, genau nachzuweisende Schädlichkeiten zurtlck-
fUhren; in andern ebenso häufigen Fällen sind die Ursachen dunkel
und nur zu vermuthen; in allen Fällen sind wir aber über den
feineren Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung zur Zeit
noch auf Hypothesen angewiesen.
Hier wie tiberall in der Aetiologie haben wir zu unterscheiden
zwischen entfernteren , vorbereitenden prädisponirenden und
näheren, veranlassenden Gelegenheitsursachen. Die letzteren
wirken, wenn sie von massiger Intensität sind, nur bei prädisponirten
Individuen; bei grösserer Intensität auch auf ganz Gesunde. Die
ersteren , die prädisponirenden Ursachen, können so intensiv vorhan-
den sein, dass flir uns nicht nachweisbare Einwirkungen genügen,
die Neuralgie hervorzurufen.
a. Prädisposition.
Von allen hier in Frage kommenden Momenten bietet wohl das
meiste Interesse die in neuerer Zeit eingehender gewürdigte und genauer
studirteneuropathische Disposition, welche bei der Entstehung
der mannichfachsten Neurosen — der Psychosen, der Epilepsie, Chorea,
Hysterie u. s. w. — ein sehr wichtiges ätiologisches Moment bildet.
Man versteht darunter eine „pathologische Constitution in Bezug auf
die Functionirung der Nervenapparate" (Griesinger), vermöge
welcher es bei den damit behafteten Individuen im Laufe des Lebens
zu den verschiedenartigsten pathologischen Symptomen auf sensitivem,
motorischem oder psychischem Gebiete kommt. Worin diese eigen-
thümliche Anomalie besteht, hat bisher Niemand nachzuweisen ver-
mocht; man tröstet sich mit Hypothesen von „feineren nutritiven
Störungen ", von „ Veränderung des Molecularmechanismus " u. s. w.,
ohne jedoch damit der Sache näher treten zu können. Wir müssen
uns mit der Thatsache begnügen, dass solche constitutionelle Neuro-
Neuralgie im Allgemeinen. Aetiologie Prädisposition. 23
pathien existiren and dass sie auch in der Geechichte der Neuralgien
eine grosse Rolle spielen. Sie können angeboren^ yon den Erzeugern
überkommen, also hereditär sein, oder sie können zu irgend einer
Zeit des Lebens durch die mannichfachsten Schädlichkeiten erwor-
ben werden. Von besonderer Wichtigkeit ist die hereditäre
neuropathische Disposition, jene unglflokselige Anlage, welche
das Erbtbeil zahlreicher Familien bUdet, in welchen die verschieden-
artigsten Neurosen heimisch sind und sich von Geschlecht zu Ge-
schlecht fortpflanzen, bald mehr auf psychischem, bald mehr auf
sen^tivem , bald mehr auf motorischem und vasomotorischem Gebiet
hervortretend. Ihr verdanken zahlreiche Neuralgien ihre Entstehung.
Anstie, der diesem Gegenstand besondere Aufmerksamkeit gewidmet
hat, rechnet zu dieser neuropathischen Familiendisposition nicht bloss
die Disposition zu Psychosen, Epilepsie, Chorea, Hysterie, Lähmungen
etc., sondern auch zur Phthisis und fand in 83 daraufhin untersuchten
Fällen von Neuralgie 71, in welchen sich eine solche Familien-
disposition nachweisen liess und zwar 53 Fälle in neuropathischen
und 1 $ in phthisischen Familien. In solchen Fällen beobachtet man
dann auch nicht selten gleichzeitiges Auftreten der Neuralgie mit
andern Neurosen oder ein Altemiren derselben z. B. mit Epilepsie,
mit Psychosen, mit Migräne u. s. w. Den prägnantesten Ausdruck
findet diese hereditäre Verursachung der Neuralgien in solchen , gar
nicht seltnen Fällen, wo es sich um directe hereditäre Ueber-
t ragung von den Eltern auf die Kinder handelt: wo eines der Er-
zeuger an Neuralgie gelitten hat und die Nachkommen ebenfalls da-
von befallen werden; Anstie hat diese directe Heredität unter 100
Fällen 24 mal gefunden, während in 58 eine solche nicht bestand
and in den übrigen 1 8 kein bestimmter Aufschluss zu erlangen war.
— Es wird gut sein, auf diese Verhältnisse künftighin mehr Auf-
merksamkeit zu richten. — Hit den durch neuropathische Disposition
bedingten Neuralgien aufs nächste verwandt sind* wohl die Neural-
gien, welche so häufig eine Theilerscheinung der Hysterie, seltner
der Hypochondrie bilden.
Von nicht zu unterschätzendem Einfluss auf die Prädisposition
zu Neuralgien ist das Lebensalter. Die Kindheit ist so gut wie
gar nicht dlsponirt zu Neuralgien; doch kommen hie und da un-
zweifelhafte Fälle vor; dagegen bedingt das Jünglingsalter, wohl
unter dem Einfiuss der geschlechtlichen Entwickelung, schon eine
grössere Zahl von neuralgischen Erkrankungen ; dieselben treten am
häufigsten auf im mittleren Lebensalter, zwischen 20 und 50 Jahren ;
allein auch noch im höheren Alter besteht eine sehr erhebliche Dis-
24 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Position und die unten daftlr angeführten Zahlen erlangen wohl eine
um so höhere Bedeutung, wenn man ihr relatives Verhältniss zu der
Gesammtzahl der lebenden Individuen der höheren Altersklassen in
Erwägung zieht. Es hängt diese ausgesprochene Disposition des
hohem Alters wohl zum Theil mit den mächtig auf das Nerven-
system einwirkenden Vorgängen des Klimakteriums, zum Theil be-
sonders mit der mehr oder weniger frühzeitig eintretenden Senescenz
der Gewebe, besonders der Arterien und des Nervensystems selbst
zusammen.
2iahlenm&S8ifl;e Angaben über das Yorkommen von Neuralgien im Allgemeinen
in den verschiedenen Lebensaltem sind von mehreren Seiten gemacht worden.
Ich steUe hier die Tabellen von Yalleix nnd von Eulenburg zusammen mit
derjenigen, wdche sich mir aus von mir selbst beobachteten 146 Fällen ergeben hat.
Lebensalter Valleix EnleBbnrg Erb Summa
bis 10 J.
2
1
6
3
10-20 J.
22
14
41
20—30 J.
68
19
40
127
30—40 J.
67
33
39
139
40—50 J.
64
23
29
116
50—60 J.
47
14
14
75
60—70 J.
21
6
9
36
70—80 J.
5
1
6
Sa. 296 101 146 543
Für die Neuralgien der einzelnen Nervenbezirke kommen etwas anders grup-
pirte Zahlen heraus; darüber s. Bretschneider 1. c. S. 216 ff.
Einen besonderen Einfluss des Geschlechts ad die Häufigkeit
der Neuralgien im Allgemeinen kann man wohl aus den vorhandenen
Zahlenangaben nicht erschliessen. Gewöhnlich nimmt man an, dass
das weibliche Geschlecht eine grössere Prädisposition habe als das
männliche: Yalleix fand unter 469 Fällen 218 Männer und 251
Weiber; Eulenburg unter 106 Fällen 30 Männer und 76 Weiber;
Anstie unter 100 Fällen 68 Weiber und 32 Männer, während meine
Aufzeichnungen unter 1 46 Fällen 84 Männer und nur 62 Weiber er-
geben ^) ; es beruhen solche Zusammenstellungen wohl vielfach auf
Zufälligkeiten des Materialzuflusses. — Es kann aber kein Zweifel
sein , dass für gewisse Neuralgien das Geschlecht einen bedeutenden
Unterschied macht; so zeigen alle Zusammenstellungen tlbereinstim-
mend, dass Trigeminusneuralgie häufiger beim weiblichen, die Ischias
dagegen häufiger beim männlichen Geschlecht vorkommt; doch auch
dieses Verhalten^ dürfte wohl weniger von wirklichen Geschlechtsver-
schiedenheiten als vielmehr von den Zufälligkeiten äusserer Ein-
wirkungen herrühren.
1) Ich muss dazu bemerken, dass sich darunter fast gar keine Hysterischen
befinden.
Neuralgie im Allgemeinen. Aetiologie. Prädisposition. 25
Von viel ausgesprochenerer Wichtigkeit ist aber das Ge-
schlechtsleben ftr die Entwickelnng yon Neuralgien. Die tief-
gehenden Einwirkungen, welche von der Zeit der Pubertät an das
Nervensystem von Seiten der Genitalorgane erfährt; die grosse Re-
volution, welche im ganzen Organismus durch das Erwachen der
Geschlechtsthätigkeit hervorgerufen wird; die hochgradige Erregung
des Nervensystems durch den flbenuächtigen Trieb, die Erschöpfung
desselben durch allzuhäufige oder unnatürliche Befriedigung sind
lauter fruchtbare Ursachen fUr die Veränderung der Ernährung des
Nervensystems, welche die neuropathische Disposition bedingt. So
sehen wir denn auch, dass die Zeit der Pubertätsentwickelung und
des Klimakterium, dass die Zeit der Menses, dass Schwangerschafk
nnd Puerperium besonders fruchtbar in der Erzeugung von Neural-
gien sind ; dass sexuelle Excesse , dass besonders die von beiden Ge-
schlechtern heutzutage so häufig gettbte Masturbation sich nicht selten
mit der Entwickelung neuralgischer Beschwerden strafen. Anstie
macht darüber sehr beherzigenswerthe und praktische Bemerkungen
nnd hebt unter Anderm hervor, dass nicht bloss die natürliche oder un-
natürliche, im Excess geübte Befriedigung des Geschlechtstriebes solch
schlimmen Einfluss haben könne, sondern dass auch die — reinen
und unschuldigen Personen ganz unbewussten — Erregungen, welche
von den Geschlechtsorganen aus das Nervensystem solcher Personen
treffen, welchen durch den Zwang der Verhältnisse die Befriedigung
des Geschlechtstriebes versagt ist, im Stande sind, eine Disposition
zu Neuralgien hervorzurufen. Man vrird besonders unter der etwas
reiferen weiblichen Jugend der gebildeten Classen nicht lange nach
Belegen für diesen Satz zu suchen haben.
Von Anstie wird auch der Einfluss der Erziehung auf die
Entstehung neuropathischer Dispositionen, besonders in dem Alter,
wo durch die Geschlechtsentwickelung schon eine bedeutende Inan-
spruchnahme des Nervensystems gegeben ist, nicht gering geachtet.
Besonders zu fürchten sei die falsche Erziehung in religiöser Be-
gehung, jene Art von geistiger Dressur, wo die Phantasie auf un-
natürliche Bahnen gelenkt wird, wo eine zwangsweise Beschäftigung
des Geistes mit übernatürlichen Dingen als das beste Mittel erachtet
wird, um die natürlichen Regungen des gesunden Körpers zu über-
täuben und zu unterdrücken. Das Resultat ist nur allzuoft eine
krankhafte Reizbarkeit und Schwäche des Nervensystems, die ge-
legentlich auch zu Neuralgien führt.
Allgemeine Ernährungsstörungen bilden eine der frucht-
barsten Quellen für Neuralgien, indem sie durch nutritive Störung
26 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
des Nerrensystems eine hochgradige Disposition zu Neuralgien er-
zeugen. Obenan steht in dieser Beziehung die Anämie mit ihren
verschiedenen Formen — als Oligämie ^ Hydrämie, Chlorose. Alle
die anämischen Zustände, wie sie durch reichliche Blut- und Säfte-
Verluste, durch schlechte Verdauung, durch schwere Krankheiten her-
vorgerufen werden; nicht minder alle kachektischen Zustände, wie
sie im Gefolge schwerer Organerkranknngen, bösartiger Neubildungen
u. dgl. zur Entwickelnng kommen, liefern ein grosses Contingent zu
den neuralgisch Disponirten. E^ darf wohl behauptet werden, dass
Anämie in diesem weiteren Sinne eines der wichtigsten ätiologischen
Momente der Neuralgie im Allgemeinen ist
Hieran schliessen sich diejenigen allgemeinen Ernährungsstörung^
die man als frflhzeitige Senescenz bezeichnet; jene in einem
verhältnissmässig frühen Alter auftretenden Veränderungen der (Ge-
webe, die in der Regel nur dem Greisenalter angehören und die be-
sonders in Form der verschiedenen degenerativen Voi^g^ge : Verhär-
tung, Obsolesoenz, Fettdeg^eration, Verkalkung, Erweichung u. a w.
erscheinen. Diese Zustände werden besonders häufig durch fortge-
setzten Alkoholmissbrauch hervorgerufen, sie können aber auch
die Folge eines in Sorge und Kummer verbrachten, in Ueberarbeitung
oder Ausschweiftmgen verflossenen Lebens, die Folge von schweren
Krankheiten n. dgl. sein. Das Auftreten von Atherom an den Arterien,
von Fettdegeneration an verschiedenen Geweben, das Erscheinen eines
Arcus senilis an der Cornea, das frühzeitige Ergrauen der Haare, die
Krümmung der Wirbelsäule sind die vorzüglichsten Zeichen dieser
Ernährungsstörungen; wo dieselben sich in ausgesprochener Weise
finden, bedeuten sie, dass Ernährungsstörungen begonnen haben, welche
leicht zu Neuralgien und gerade zu ihren schwereren Formen führen.
Der Einflnss des Klimas, der Jahreszeiten und der Witterung,
der Beschäftigung und Lebensweise kann nur insofern als prädispo-
nirendes Moment angeführt werden, als eben durch diese Einflüsse
je nach Umständen eine grössere oder geringere Häufung von Ge-
legenheitsursachen herbeigeführt wird.
b. Gelegenheitsursachen.
Unter diesen spielen vor allen Dingen traumatische und
mechanische Einwirkungen auf die sensiblen Nerven eine
ganz hervorragende Rolle. Zahlreich sind die in der Literatur ver-
zeichneten Fälle, wo in Folge von Stich- und Schnittwunden, von
Zerrungen, Quetschungen, Schussverletzungen der Nerven heftige und
oft weitverbreitete Neuralgien entstanden sind; besonders sind es
Neuralgie im Allgemeinen. Aetiologie. Gelegenheitsursacheii. 27
oft Verletzungen kleinerer, rein sensibler Zweige gewesen, welche
diese Wirkung gehabt haben: so Verletzungen beim Aderlass, oder
Verletzungen der Nerven an den Fingern u. s. w. Von Verneuil
werdm in sehr ausführlicher Weise Neuralgien beschrieben, die sich
im Gefolge chirurgischer Operationen oder auch zufälliger Verletzun-
gen m den ersten Tagen entwickeln und durch ihr charakteristisches
Verhalten wohl yon den Wund- und Entztindungsschmerzen zu unter-
seheiden sind. Alle diese Momente, welche nicht im Einzelnen auf-
gezählt zu werden brauchen, wirken wie es scheint, entweder da-
durch, dass sie entzündliche Veränderungen (Neuritis) hervorrufen,
oder dadurch, dass sich Oeschwttlste an den Nerven bilden (trauma-
tische Neurome, unter welchen besonders die Amputationsneurome
häufige Ursachen von schweren Neuralgien sind), oder endlich rein
mechanisch durch Druck und Zerrung, dutch Zurückbleiben von
Fremdkörpern in der Wunde. Es rouss dabei bemerkt werden, dass
durchaus nicht immer die Anwesenheit dieser Folgen des Traumas
das Entstehen von Neuralgie bedingt und dass erst eine weitere uns
noch nicht näher bekannte Veränderung im Nerven eintreten muss,
welche erst die Neuralgie darstellt.
In der gleichen, noch nicht hinreichend aufgeklärten Weise wie
diese traumatischen Einwirkungen können auch zahlreiche und ver-
schiedenartige pathologisch-anatomische Veränderungen
an den Nerven die Quelle von Neuralgien werden. Einerseits sind
es die besonders im Neurilemm ablaufenden Verenge acuter oder
chronischer Neuritis, die in vielen Fällen von Neuralgien begleitet
sind ; andrerseits sind es besonders die mannichfaltigen Neubildungen
an und in dem Nerven, die zu Neuralgien führen: also alles das,
was man unter dem Namen der wahren und falschen Neurome zu-
sammenfasst (s. d. Abschnitt über „ Neurome **): die noch nicht hin-
reichend studirten, kleinen, harten, verschiebbaren Tubercula dolorosa,
die krebsigen und cystischen Neubildungen an den Nerven u. s. w. ;
femer sind es degenerative und Erweichungsvo'rgänge in den Nerven-
gtämmen, die man hie und da als Quelle von Neuralgien angefunden
hat u. dgl. m.
Die auf rein mechanischen Ursachen beruhenden Neuralgien
werden besonders durch Veränderungen der den Nerven benachbarten
Organe und Gewebe hervorgerufen und hier werden vor allen Dingen
häufige Erkrankungen des Periosts und der Knochen für die
Entstehung von Neuralgien verantwortlich gemacht. Bei den innigen
Beziehungen der Nerven zu dem Knochengertlste (Lage in Kanälen,
Löchern, Furchen, Einschnitten u. s. w.) ist es sehr natürlich, dass
28 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Periostitis und Ostitis mit ihren Folgen, dass Garies and Sklerose der
Knochen, dass Hjrperostosen ond Exostosen in der mannichfachsten
Weise die Nerven mechanisch insnltiren können; es sind besonders
solche Nerven, welche lange and enge Knochenkanäle zu passiren
haben, wie die verschiedenen Zweige des Trigeminas, häafig der-
artigen Insnlten aasgesetzt and dadnrch gewissermassen zam Ent-
stehen von Nenralgien disponirt. Immerhin verdient hier die Ansicht
von Anstie Erwähnang, dass die in vielen Fällen vorhandenen
periostitischen Verdickangen darchaas nicht immer als die Ursachen
der Nenralgien za betrachten seien, sondern dass sie vielmehr auch
die Folge der Nearalgie and der darch sie gesetzten trophischen
Sti^ningen sein können.
In ähnlicher Weise wie Knochenleiden können alle möglichen
Anschwellnngen and Tamoren darch Drack aaf die Nerven Nearalgie
hervorbringen: Anenrysmen sind häafig in dieser Weise wirksam;
ob anch Varicositäten and Erweiterangen dej* Venen in
gleicher Weise wirken können, ist noch problematisch; man hört
zwar sehr viel von Venenstaaang als Ursache von Nenralgien
reden, and wo Nerven and Venen nebeneinander darch enge Lttcken
and Kanäle passiren, ist eine mechanische Beeinträchtignng der
Nerven darch die geschwellten Venen nicht wohl abznleagnen; allein
es braacht wohl nnr an die relative Seltenheit nenralgischer Be-
schwerden bei Herz- and Langenkranken, welche an hochgradiger
allgemeiner Venenstaaang leiden, erinnert za werden, am erkennen
za lassen, dass dieses Moment wohl nar bei vorhandener aasgespro-
chener Prädispositon eine erhebliche Wirksamkeit entfalten wird. —
Hernien können darch mechanische Einvrtrkang Nenralgien hervor-
rnfen, so die Hemia obtnratoria, die Hemia ischiadica. — Die
Schwangerschaft, sowie Lage- and Gestaltsverändernng des Uteras,
ebenso Anschwellnngen anderer Organe, der Leber, Nieren, Ovarien
n. s. w. können dnrch Drack die Ursachen von Nenralgien werden.
Dasselbe gilt von Fäcalanhänfdngen im Darm, von Goncretionen an
gewissen Stellen, endlich von allen möglichen Nenbildangen des ver-
schiedensten Sitzes, sobald sie sensible Nervenbahnen in das Bereicb
ihrer Einwirknng ziehen. Doch bestehen hier noch viele Lücken in
nnsem Kenntnissen über die Art and Weise, wie diese mechanischen
Momente Nearalgie hervorrafen; die Thatsache steht fest, dass sie
dies darchaas nicht anter allen Umständen thnn, sondern dass wahr-
scheinlich eine ganz bestimmte Veränderung im Nerven hinzutreten
muss, wenn das Symptom n Neuralgie'' auftreten soll.
Eine Schädlichkeit von unzweifelhaft grosser Bedeutung, wenn
"^:::s,
Neuralgie im Allgemeinen. Aetiologie. Gelegenheitsursachen. 29
auch durchaus nicht durchsichtiger Wirkung, ist die Erkältung.
"Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, dass eine grosse Zahl von
Neuralgien durch diejenigen Schädlichkeiten hervorgerufen wird, die
man gewöhnlich als Erkältungsursachen bezeichnet: Zugluft, Ein-
wirkung Ton Kälte und Nässe, von rauhen Winden; Schlafen auf
feuchter Erde u. s. w. Auf die yerschiedene Intensität solcher Ein-
wirkungen scheint sich auch der Einfluss der Jahreszeiten zu reduci-
ren ; in den kalten und feuchten Wintermonaten entstehen Neuralgien
häufiger. Diejenigen Nerven, welche durch ihre anatomische Lage
diesen Schädlichkeiten am meisten ausgesetzt sind, wie z. B. der
Trigeminus und der Ischiadicus, erkranken auch am häufigsten an
derartigen „ rheumatischen ^ Neuralgien. Wir sind zur Zeit noch ganz
ausser Stande, über die den „ rheumatischen *" Neuralgien zu Grunde
liegenden anatomischen Veränderungen ein sicheres Urtheil abzugeben;
doch gewinnt die Meinung immer mehr Anhänger, dass es sich dabei
um leicht entzündliche Zustände im Neurilemm handle (Hyperämie,
Schwellungen, flüchtige Exsudationen u. s. w.). Auch über die
Pathogenese dieser rheumatischen Ernährungsstörung, über die Art
und Weise, wie die „ Erkältung ** diese Störung herbeiführt, sind wir
bekanntlich noch keineswegs im Klaren und es dürfte auch ein Excurs
tiber diese Frage an dieser Stelle keineswegs angezeigt sein.
Nicht minder räthselhaft in ihrer Einwirkung auf die Entstehung
von Neuralgien ist die Aufnahme bestimmter Schädlichkeiten in die
Blutmasse: Infection und Intoxication, und doch unterliegt es
keinem Zweifel, dass auf diesem Wege nicht selten Neuralgien er-
zeugt werden. Am bekanntesten und häufigsten sind die Neuralgien
durch Malariainfection. In Malariagegenden treten dieselben
sehr häufig auf und kommen ähnlich wie Intermittens auch sporadisch
hier und da vor; merkwürdig ist die mit Vorliebe erfolgende Loca-
lisation auf bestimmte Nerven, besonders den ersten Ast des Trige-
minus. Diese Malarianeuralgien haben streng typischen Verlauf, sind
manchmal von Fiebererscheinungen begleitet und weichen sehr sicher
den antitypischen Mitteln. Doch darf man ja nicht glauben, dass
jede typische oder dem Chinin weichende Neuralgie auf Malaria
beruhe; auch viele andere, besonders rheumatische Formen zeigen
oft ausgesprochen typischen Verlauf; nur wo Tertian- oder Quartan-
typus vorhanden ist, kann man mit Sicherheit auf Malaria-Ursprung
schliessen. Die Mehrzahl dieser Malarianeuralgien kommt nach
Oriesinger (Infectionskrankheiten 2. Aufl. S. 48) im vorgerückteren
Alter — jenseits der 40 Jahre — vor. — Inwieweit andere Infections-
krankheiten durch die Infection an sich Veranlassung zu Neuralgien
30 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
werden können , ist nicht hinreichend festgestellt; doch erwähnt
Nothnagel das Auftreten Ton wirklichen Neuralgien des Sapra-
orbitalis und Ocdpitalis im ersten Stadium des Typhus (von dem
gewöhnlichen Kopfschmerz wohl unterschieden). Rosenbach*) hat
dieselben neuerdings eingehend geschildert und mit einigen charak-
teristischen Beispielen belegt; sie sollen im Beginn des Typhus sehr
häufig sein und auch bei Becidiyen desselben oft wiederkekren.
Ausserdem kommen als Nachkrankheiten des Typhus und anderer
Infectionskrankheiten Neuralgien nicht selten vor, beruhen aber dann
wohl auf anatomischen Vei^derungen der Nerven selbst Mancherlei
Zweifel erwecken noch die Neuralgien, welche auf Grund von
Dyskrasien entstehen sollen. Früher hat man gar nicht an d^
Existenz solcher „ rheumatischer", „ arthritischer *", „ seorbutiscber %
;, scrophulöser *" Neuralgien gezweifelt; heutzutage führt man die bei
constitutionellem Kbeumatismus , bei Qicht oder ähnlieben dyskrasi-
sischen Erankhdtsformen vorkommenden Schmerzen theilweise auf
andere Verhältnisse als auf neuralgische Erkrankungen zurück, theil-
weise aber sucht man die Ursache wirklich neuralgischer Beschwer-
den in solchen Fällen in mehr secundären Zuständen : Fortpfianzong
der entzündlichen Vorgänge von den Gelenken auf benachbarte Ner-
venstämme, Ablagerung von Kalksalzen in dieselben, Erkrankungen
der Blutgefässe u. s. w. — Deutlicher ist in vielen Fällen die Wir-
kung der Syphilis: hier können syphiKtische Knochen- und Periost-
eilLrankungen die Nerven insultiren, oder es können specifisch-
syphilitische Procesee (Gummata, chronisch-entzttndliche Processe am
Bindegewebe und an den Blutgefässen u. dgl.) theils an den periphe-
rischen Nerven, theils an den Centralorganen die Ursachen von
Neuralgien werden. Die bekannten Dolores osteocopi sind aber nicht
mit Neuralgien zu verwechseln. Neuerdings hat Fournier (Le^.
s, 1. Syphil. 1873 p. 774) auf wiiUiche Neuralgien hingewie«eiiy
welche dem Stadium der secundären Syphilis mgehören und beson-
ders bei Weibern ziemlich häufig vorkommen sollen. Sie befalleii
mit Vorliebe den Supraorbitalnerven und den Ischiadicns.
Von den eigentlichen Intoxicationen ist es besonders die mit
Blei, von welcher am sichersten bekannt ist, dass sie zu neuralgi-
schen Affectionen führt (Bleikolik, vielleicht auch die Bleiarihralgie),
ähnlieh Kupfer und Quecksilber; besonders bei stark mercuri-
alisirten Individuen sieht man manchmal sehr hartnäckige und schwer
heilbare, mehr oder weniger über den Körper verbreitete Neuralgien
1) üeber Neuralgien im Beginn des Ileotyphus. Archiv für klin. M«d.
XVn. 8. 252.
Neuralgie im Allgemeinen. Aetiologie. Geiegenheitsorsachen. 31
entstehen. — Von oiganisehen Giften sind Alkohol und Tabak
ab hierher gehörend zu erwähnen. Ueber die Wirkungsweise aller
dieser Gifte sind wir noch im Unklaren.
Eine der wichtigsten Gruppen von Ursachen der Neuralgien
iMMen die Erkrankungen der Centralorgane des Nerven-
systems. Sie wirken auf die centralen Bahnen und Apparate fttr
die Leitung und Auftiahme der Empfindungen im Rtickenmark und
Gehirn ein, und nach dem Gesetz der excentrischen Projection werden
die dadurch erzeugten Neuralgien in die peripheren Nervenbahnen
Terlegt. Doch ist dabei wohl zu beachten, dass viele der so er-
zeugten Schmerzen nicht die Bedeutung von wirklichen Neuralgien
liaben (und deshalb wohl am besten als „neuralgiforme*' bezeichnet
werden), und dass nur dann wirkliche Neuralgien entstehen, wenn
die betreffenden Erankheitszustände in ganz bestimmter Weise auf
die sensiblen Centralapparate einwirken. Die Erkrankungen, welche
hier erwähnt zu werden verdienen, sind Hypei^mien, Entzündungen,
Erweichungen des Gehirns und Rttckramarks, Geschwülste aller Art,
Sklerosen, die Tabes dorsaiis u. s. w. Für den Arzt ist es natürlich
von der grössten Wichtigkeit, solche Vorgänge als Ursachen von
Neuralgien zu erkennen, so unklar auch noch in vieler Beziehung
ihre Stellung zur Pathogenese der Neuralgien ist. Nach C. Lange
sollen vom Gehirn aus excentrieche Neuralgien, mit Ausnahme von
solchen im Gebiet des Trigeminus, gar nicht vorkommen, weil an-
geblieh die schmerzleitenden Bahnen, welche die Himcentren mit den
Ursprüngen der peripherischen Nerven in Verbindung setzen, durch
pathologische Reize mcht erregt werden können. Dasselbe gilt nach
Lange auch für diese Bahnen innerhalb des Rückenmarks; auch
hier entstehen Neuralgien nur in den Nerven bezirken, deren Wurzeln
direct von der Erkrankung ergriffen sind. Diese Ansicht bedarf
noch sehr der genaueren Prüfung; sie scheint wenigstens mit wohl-
constatirten Thatsachen der Rückenmarkspathologie in Widerspruch
zu stehen. — Auf der anderen Seite nimmt Lange an, dass krank-
haft erregte sensible Centralapparate im Gehirn durch die Thätig-
keit des Gehirns selbst (durch Vorstellungen etc.) erregt werden
können und dass hierdurch projicirte Neuralgien entstehen ; so deutet
er die neuralgischen Beschwerden der Hjrpochonder. — Auch die
eine so häufige Theilerscheinung der Hysterie bildenden Neural-
gien gehören wohl zum Theil zu den excentrischen.
Es wird endlich in der Literatur noch eine Reihe von Ursachen
namhaft gemacht, deren Wirkungsweise im höchsten Grade unklar
ist und deren Berechtigung, hier aufgeführt zu werden, noch zum
32 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Theil zweifelhaft sein kann. Hierhergehören zunächst Reizungen
peripherischer Organe, welche wahrscheinlich im Centralorgan
auf entfernte sensible Bahnen übertragen werden und in diesen
Neuralgien erzeugen. Für das Verständniss anscheinend am zugäng-
lichsten sind die Fälle, wo Verletzungen oder Erkrankungen sensibler
Nerven im weitem Verlauf zu Neuralgien mehr oder weniger ent-
fernter Nervenbahnen geführt haben; so erzählt Anstie zwei Fälle
von Trigeminusneuralgie, von welchen der eine im Gefolge einer
Verletzung des Nerv, ulnaris, der andere des Nerv, occipit entstand
und wo der Zusammenhang ziemlich sicher nachgewiesen werden
konnte. Analogien mit dem Vorgange der Irradiation von Empfin-
dungen liegen hier nahe, ebenso wie der Gedanke an eine fortge-
leitete und im Centrum weiterkriechende Neuritis; auch dürfte eine
hochgradig entwickelte Prädisposition das Auftreten solcher Erkran-
kungen sehr begünstigen. Diesen Fällen am nächsten stehen die
Neuralgien, welche durch Ueberanstrengung der Augen nicht
selten hervorgerufen werden und die meist den Trigeminus betreffen.
Daran reihen sich die Neuralgien durch Zahncaries. Nicht selten
gehen Neuralgien von Heizungen und Erkrankungen der
Genitalorgane aus: Excesse in venere, Masturbation, Blennorrhoe
und Epididymitis (M au riäc), Uterus- und Ovarienleiden u. s. w.
sind nicht selten Ursachen von Neuralgien, welche durchaus nicht
immer in den die Genitalien versorgenden. Nervenbahnen ihren Sitz
haben, sondern gelegentlich auch an ganz entfernten Stellen auftreten.
— Sehr dunkel und meist nur aus dem therapeutischen Erfolg er-
schlossen sind die Beziehungen, welche zwischen Darmkrankheiten,
Eingeweidewürmern , habitueller Verstopfung , „ Leberanschoppung ",
zwischen Herzkrankheiten, Lungenkrankheiten u. dgl. und Nenral^en
bestehen sollen ; doch fehlt es auch dafUr an angeblich beweisenden
Beispielen nicht (s. bei Bretscbneider 1. c, bei Stromeyer,
Lokalneurosen 1873). — Die ganze Lehre von diesen sog. „Reflex-
neuralgien '', die auch C. Lange eingehend gewürdigt hat, beruht
noch auf sehr unsicheren Grundlagen; doch sind die Thatsachen
immerhin zahlreich genug, um den vermutheten Zusammenhang
zwischen peripheren Organkrankheiten und Neuralgien höchst wahr-
scheinlich zu machen, wenn auch die Deutung dieses Zusammen-
hangs noch eine ganz hypothetische und mehr oder weniger will-
kürliche ist. Die Neuralgien durch unterdrückte Fussschweisse, nach
zurückgetretenen Hautausschlägen u. dgl. haben früher eine jeden-
falls viel zu grosse Rolle gespielt, wenn auch ihre Existenz am
Ende nicht geleugnet werden kann.
Neuralgie im Allgemeinen. Pathologische Anatomie und Pathogenese. 33
Pathologische Anatomie und Pathogenese«
Wir haben im Vorstehenden eine grosse Zahl an sich sehr
differenter Schädlichkeiten als die Ursachen von Neuralgien ange-
führt. Es ist klar, dass nur eine genaue Kenntniss der bei Neural-
gien vorhandenen pathologisch - anatomischen Veränderungen den
feineren Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung erkennen
lassen und damit auch ein Verständniss des Wesens der Neuralgie
überhaupt ermöglichen kann.
Prüfen wir jedoch die vorliegenden Thatsacheoi in Bezug auf
die pathologisch-anatomischen Veränderungen etwas ein-
gehender, so kommen wir sehr bald zu der Einsicht, dass wir über
die eigentlich wesentlichen Vei^nderungen der sensiblen Nerven-
apparate bei Neuralgien so gut wie nichts wissen, dass dieselben
den jetzigen Hülfsmitteln der Untersuchung unzugänglich sind. Gröbere
anatomische Veränderungen lassen sich allerdings von vornherein
nicht erwarten : ein Nerv, der in dem einen Moment von den heftig-
sten Erregungszuständen heimgesucht ist, während er im nächsten
Moment ganz normal fnnctionirt, also die Möglichkeit der völligen
Intermission der krankhaften Erscheinungen besitzt, kann nicht in
erheblicher Weise anatomisch verändert sein; jede solche Verände-
rung würde mit erheblicher Beeinträchtigung der Function des Nerven,
mit Anästhesie höheren Grades einhergehen müssen. Schon aus
diesem Grunde ist es mehr als wahrscheinlich, dass die in manchen
Fällen gefundenen gröberen anatomischen Veränderungen nicht das
Wesentliche bei der Neuralgie sind und Anstie hat gewiss Berech-
tigung genug, die anatomischen Veränderungen als bloss zufällige und
seltene Factoren bei der Production von Neuralgien zu bezeichnen.
Das, was man bisher gefunden hat, lässt sich in wenige Worte
zusammenfassen: Abplattung und Atrophie der Nerven; Degeneration
der Nervenfasern ; Schwellung und Hyperämie, Entzündung und Ver-
dickung des Neurilemm; Erweiterungen und Schlängelungen der
arteriellen und venösen Gef ässe der Nervenstämme ; narbige Indura-
tionen und Geschwulstbildungen an denselben; femer die oben ge-
nannten Veränderungen am centralen Nervensystem. Schon die
grosse Zahl und Verschiedenheit der gefundenen Veränderungen deutet
darauf hin, dass sie nichts für die Neuralgie Wesentliches darstellen.
In sehr vielen Fällen hat aber die genaueste Untersuchung gar nichts
nachzuweisen vermocht; immerhin schliessen diese negativen Befunde
bei der Leichenuntersuchung nicht mit absoluter Sicherheit aus, dass
während des Lebens Veränderungen leichter und vei^nglicher Art
Hftiidbncli d. spec Pttholofie u. Therapie. XU. Bd. 1. i. Aufl. 3
34 £rb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
bestanden haben (wie z. B. Hyperämie, leichte Exsudation und Oedem
u. dgl.); und die von einigen Seiten geäusserte Meinung, dass allen
Neuralgien eine leichte Neuritis zu Grunde liege, kann durch die bis-
herigen negativen Befunde nicht als widerlegt betrachtet werden.
Wenn überhaupt, so ist nur von Untersuchungen, welche mit allen
verfeinerten Hülfemitteln der modernen mikroskopischen Technik an
ganz frischen — am besten durch Besectionen gewonnenen — Prä-
paraten angestellt sind, einiger Aufschluss zu erwarten.
Es geht aus dem Gesagten hervor, dass die Pathogenese der
Neuralgien uns noch äusserst unklar sem muss; wir sind grössten-
theils auf Hypothesen angewiesen. So zunächst in Bezug auf das
Zustandekommen der Prädisposition zu Neuralgien: Schwäche der
Gewebe, moleculare Ernährungsstörungen, grössere Vulnerabilität,
grössere Erregbarkeit der sensiblen Nervenbahnen — das sind so
ungefähr die Schlagwörter, die unsere Unkenntniss über das eigent-
liche Wesen des Vorgangs nur schlecht verhüllen. Die Zukunft wird
uns vielleicht darüber Au&chluss bringen.
Von den Gelegenheitsursachen nimmt man an, dass sie theil-
weise als directe Beize auf die sensiblen Nerven wirken und so die
Neuralgien produciren : so die Traumen, die Fremdkörper, die mecha-
nische Compression, der pulsirende Druck der Aneurysmen u. s. w. ;
ein anderer Theil soll auf dem Wege der entzündlichen Veränderung
diejenige Ernährungsstörung im Nerven herbeiführen — gewöhnlieh
wird Hyperästhesie hier genannt — welche die Neuralgie bedingt;
wieder ein anderer Theil, so z. B. Anämie oder Infection und In-
toxication, soll direct Hyperästhesie hervorrufen, so dass dann jeder
leichte Beiz schon die neuralgischen Erscheinungen hervorzurufen im
Stande ist.
Dem gegenüber ist jedoch mit aller Bestimmtheit hervorzuheben,
dass die durch directe Beize auf die sensiblen Nerven hervorgerufenen
Schmerzen sich sehr wesentlich von den neuralgischen unterscheiden,
dass diese letzteren sich meist erst einige Zeit nach Einwirkung des
Beizes einstellen, dass sie bei Fortwirken des Beizes intermittiren
und dass sie nach Aufhören des Beizes fortbestehen können; dass
die durch Aneurysmen hervorgerufenen Neuralgien durchaus kerne
mit dem Puls isochronen Schmerzen darbieten. Es ist femer darauf
hinzuweisen, dass Hyperästhesie und Neuralgie sich durchaus nicht
gegenseitig decken und dass die zeitliche Aufeinanderfolge der neur-
algischen Erscheinungen durchaus nicht mit der der hyperästhetischen
harmonirt. Aus Allem muss demnach der Schluss gezogen wenden,
dass die Neuralgie etwas von den durch ihre Ursachen
Neuralgie im Allgemeinen. Pathologische Anatomie und Pathogenese. 35
zunächst und unmittelbar hervorgerufenen sensiblen
Eindrücken wesentlich Verschiedenes ist; dass also z. B.
der durch ein Trauma oder einen Fremdkörper gesetzte Schmerz
etwas von der durch dieselben Momente hervorgerufenen Neuralgie
wesentlich Verschiedenes darstellt. Es liegt die Hypothese nahe,
dass sich unter dem Einflasse bestimmter Ursachen im Nerven eine
ganz bestimmte Veränderung aasbildet, welche erst die Neuralgie
darstellt Da die Cardinalsymptome der Neuralgie sich in allen
Fällen in auffallender Weise gleichen, so ist der weitere Schluss er-
laubt, dass sich auf Grund der verschiedenartigsten ursäch-
lichen Ein Wirkungen immer ein und die selbe Veränderung
im Nerven ausbildet, und in diesem Sinne kann wohl auch die
Neuralgie als eine genau charakterisirte Krankheitsform angesehen
werden, welcher wenigstens die meisten Einzelfälle von Neuralgie
zuzuzählen sind.
Worin allerdings dieser eigenthOmliche Zustand des Nerven be-
steht, der nach dem Aufhören der Ursachen, die ihn hervorgerufen,
fortbestehen kann, der jene eigenthttmlichen Erscheinungen hervor-
ruft, die wir als neuralgischen Paroxysmus kennen, wissen wir zur
Zeit noch gar nicht. Unsere Hül&mittel haben bisher nicht ausge-
reicht, ihn genauer zu erforschen. Doch scheint so viel gesagt
werden zu können, dass wir es bei der Neuralgie mit
einer ganz bestimmten, eigenthümlichen Form der
Ernährungsstörung im sensiblen Nervenapparat zu
thun haben.
Auch über den gewöhnlichen Sitz dieser Ernährungsstörung ist
noch nichts Genaueres bekannt; wahrscheinlich aber ist es, dass ver-
schiedene Localisationen möglich sind. Soviel scheint sicher, dass
meist eine bestimmte Gruppe von Fasern (resp. deren centrale
Endigungen) wie sie in bestimmten Nervenzweigen oder Stämmen
vereinigt sind, der Sitz dieser Localisation werden kann; in welcher
Höhe der Faserung dies der Fall ist, ist schwer zu sagen; es ist
wahrscheinlich, dass hier ebenfalls alle Möglichkeiten offen stehen:
es kann die periphere Faserung an verschiedenen Stellen und in
verschiedener Längsausdehnung befallen sein ; oder es sind die hinteren
Wurzeln und ihre Fortsetzungen im Rückenmark der Sitz der neur-
algischen Ernährungsstörung; oder endlich es kann die centrale
Faserung im Kttckenmark und Gehirn bis zu den Endapparaten be-
fallen sein. Es kann wohl auch nicht zweifelhaft sein , dass diese
Ernährungsstörung sich allmälig weiter ausbreiten, von einem Theil
des sensiblen Apparates auf den anderen tibergreifen kann; es
3*
36 Erb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
würden sich dadurch die Generalisation der Neuralgien, sowie die
Reflexneuralgien erklären lassen.
Weiter zu gehen, als die Torstehenden Andeutungen es gewagt
haben, gestatten unsere heutigen Kenntnisse wohl nicht. Es erscheinen
demnach wohl alle in bestimmterer Form auftretenden Ansichten Aber
das eigentliche Wesen der Neuralgie, sowie jede wissenschaftliche
Theorie derselben als verfrüht.
Es ist hier nicht der Ort, die verschiedenen über das Wesen der
Neuralgie geäusserten Ansichten und Theorien einer eingehenden Ejritik
zu unterwerfen. Die meisten Autoren bescheiden sich auch, irgend
eine bestimmte Ansicht über diesen Gegenstand zu äussern; ihre De-
finitionen von Neuralgie sind nichts Anderes als eine kurze Zusanmien-
fassung ihrer Hauptsymptome. Nur eine höchst ansprechende Ansicht
möge hier Erwähnung finden, welche von Austie in neuester Zeit
aufgestellt und mit vielem Aufwand von Scharfsinn zu begründen ver-
sucht wurde. Anstie glaubt, dass jede wahre Neuralgie ihren Sitz
in den hinteren Wurzeln derjenigen Spinalnerven habe, in welchen der
Schmerz gefühlt wird, und dass die specifische Veränderung in einer
Atrophie der hinteren Wurzeln und der benachbarten centralen Faserung
und Ganglienapparate bestehe; diese Atrophie soll meist auf nicht
entzündlichem Wege zu Stande konmien. Wir müssen gestehen, dass
die von Anstie in grosser Vollständigkeit beigebrachten Gründe für
diese Anschauung uns durchaus nicht von der Richtigkeit derselben
überzeugen konnten. Nicht ein einziger wirklicher Beweis dafür
liegt vor, sondern es handelt sich immer nur um eine mögliche
Annahme, der wir sogar eine gewisse Wahrscheinlichkeit ftir
manche Formen von Neuralgie, besonders die constitutionellen , die
centralen und die sogenannten Refiexneuralgien nicht absprechen
wollen. Jedenfalls aber glauben wir, dass nur Wenige es mit Anstie
ftir bewiesen halten werden, dass jede Neuralgie ihren Sitz in den
hinteren Wurzeln habe, und noch weniger, dass es sich dabei immer
um Atrophie oder beginnende Atrophie derselben handle. Abgesehen
von dem Mangel jedes beweisenden nekroskopischen Befundes, auf den
wir kein grosses Gewicht legen wollen, scheinen uns besonders die
traumatischen Neuralgien (hauptsächlich bei Schussverletzungen), scheint
uns die Beschränkung auf einzelne Nervenstämme, die ihre Fasern
von verschiedenen Wurzeln erhalten, endlich die leichte Heilbarkeit
vieler Neuralgien und die Wirksamkeit mancher peripher einwirken-
der Heilmittel dieser Theorie vorläufig unüberwindliche Schwierigkeiten
entgegenzusetzen. Immerhin verdient diese Ansicht eine genauere
Prüfung durch eingehende anatomische Untersuchungen.
Die von Benedict geäusserte Ansicht, dass allen — wenigstens
den peripherischen — Neuralgien eine leichte Neuritis zu Grunde
liege, kann bei dem jetzigen Stand unserer Kenntnisse weder bewiesen
noch zurückgewiesen werden; sie dürfte wohl nur für gewisse ätiolo-
gische Formen der Neuralgie Geltung beanspruchen. — Dass die in
dem weitverbreiteten Niemeyer 'sehen Lehrbuch entwickelte Begriffs-
Neuralgie im Ailgeiaeinen. Symptomatologie. Allgemeines Erankheitsbild. 37
bestimmimg der Neuralgie der nöthigen Tiefe ermangelt , dürfte aus
den obigen Auseinandersetzungen erhellen ; eine schmerzhafte Erregung
der sensiblen Nerven wird nicht dadurch zur Neuralgie, dass sie durch
andere als die gewöhnlichen Reize oder an anderen als den gewöhnlichen
Stellen erzeugt wird; es muss immer erst noch eine gewisse Verän-
derung im Nerven selbst hinzukommen. — Eulenburg (1. c. S. 51)
deutet eine der oben entwickelten ähnliche Anschauung tlber die wesent-
liche Veränderung bei Neuralgien an und bekennt ebenfalls unsere
gänzliche Unwissenheit über die Art und Weise derselben.
Symptomatologie.
1. Allgemeines Erankheitsbild.
Meist gehen dem Auftreten einer Neuralgie verschieden lange
Zeit Vorboten voraus, welche mehr oder weniger ausgesprochen und
heftig sein können : in dem bedrohten Nervengebiete zeigt sich leichtes
Ziehen, hier und da auftretende mahnende Schmerzen, einzelne Stiche,
die sieh rascher und rascher wiederholen, manchmal auch Formica-
tion oder abnormes Eältegeftihl, selten ein allgemeines Angegriffen-
sein. Nur selten tritt die Neuralgie ganz plötzlich und sofort mit
allen heftigen Erscheinungen eines Anfalls auf.
Dieser neuralgische Anfall — Paroxysmus — charakterisirt
sich vor allen Dingen durch lebhafteste Schmerzen in emer bestimmten
Eörperregion , einem bestimmten Nervengebiet. Diese Schmerzen
können verschiedenen Charakters sein: meist werden sie von den
■a
Kranken als bohrend, reissend, schneidend, blitzähnlich durchfahrend,
seltener als brennend geschildert; ihre Intensität wechselt von Augen-
blick zu Augenblick ; sie kann sich allmälig steigern zu den höchsten
Graden, ftlr welche die Stanken keine schildernden Worte mehr
anfißnden, welche die lautesten Schmerzensäusserungen und wahre
Ausbrüche der Verzweiflung produciren können. Untersucht man
während des Anfalls, so lassen sich meist längs des befallenen Nerven
mehr&che, besonders schmerzhaftie , bei Druck hochgradig empfind-
liche Stellen (Schmerzpunkte, Points douloureux) nachweisen, welche
oftmals Herd und Ausgangspunkt der Schmerzen zu sein scheinen.
Nicht minder lässt sich in vielen Fällen mehr oder weniger deutliche
Hyperästhesie oder auch Anästhesie des dem Sitze der Neuralgie
entsprechenden Hautbezirks constatiren.
Auf der Höhe des Paroxysmus tritt nicht selten Irradiation des
Schmerzes auf mehr oder weniger entfernte sensible Nervenbahnen,
meist auf die gleichnamigen Nerven der anderen Körperhälfte, ein.
38 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Bei Neuralgien in gemischten sowohl wie in rein sensiblen Nerven
treten jetzt nicht selten deutliche motorische Reizerscheinungen auf:
Zittern, tonische und klonische Krämpfe u. s. w. ; fast immer ist die
Beweglichkeit des Theiles beeinträchtigt wegen der jede Bewegung
begleitenden hochgradigen Schmerzhailigkeit, seltener und dies meist
erst in späteren Stadien durch wirkliche motorische Schwäche oder
Lähmung.
Sehr auffallend sind oft frühzeitig schon eintretende vasomo-
torische Störungen: viele Anfälle beginnen mit einer aufTallenden
Blässe der Haut, welche bald einer gesteigerten Röthe Platz macht;
Horripilationen , ebenso wie anhaltendes und abnormes Kälte- oder
HitzegefUhl, bedingt durch Anomalien des Blutgehalts der Haut, sind
nicht gerade seltene Erscheinungen.
Nicht minder kommen secretorische Störungen vor, besonders bei
Neuralgien im Gebiete -solcher Nerven, von welchen physiologisch
gewisse Secretionen erregt werden können : reichliche Thränenabson-
derung, profuse Speichelsecretion sind am häufigsten; doch kommt
auch gesteigerte Harn- und Schweisssecretion und dergl. hier und
da vor.
Fast nie beobachtet man bei diesen Anfällen Allgemeinstörungen :
das Thermometer zeigt keine Erhöhung der Körperwärme, der Puls
bleibt von normaler Frequenz oder wird eher verlangsamt, die psy-
chischen Functionen bleiben intact oder werden höchstens in den
heftigsten Paroxysmen durch den alles überwältigenden Schmerz vor-
ttbergehend beeinträchtigt.
Dies Bild des neuralgischen Anfalls kann verschieden lange Zeit
bestehen: oft sind es nur Minuten, dann halbe oder ganze Stunden,
in welchen die Kranken von den Schmerzen gepeinigt werden; selten
dauern die Anfälle längere Zeit und dann hat man es meist mit
ganzen Anfallsgruppen zu thun, welche sich aus einer grösseren Zahl
einzelner, rasch aufeinander folgender Anfälle zusammensetzen. Naht
sich der Anfall seinem Ende, so hört selten der Schmerz ganz plötz-
lich, mit einem Male auf; meist tritt ein allmäliges Abklingen des
Schmerzes ein und die beginnende Euphorie wird noch öfter durch
blitzähnlich auftretende Schmerzen gestört. Bald aber ist ein Zu-
stand vollkommener oder doch relativer Schmerzfreiheit und damit
auch entsprechenden Wohlbefindens erreicht und nur nach sehr hef-
tigen Anfällen bleibt ein Zustand von Erschöpfung oder Angegriffen-
sein zurück.
Auf den Anfall folgt dann entweder eine Periode, in welcher gar kein
Schmerz mehr empftmden wird und alle sonstigen Erscheinungen der
Neuralgie im Allgemeinen. Symptomatologie. Allgemeines Erankheitsbild. 39
Krankheit verschwunden sind — dann haben wir es mit einer völligen
Intermission zu thun; oder aber es besteht auch nach dem Anfall
noch eine leicht schmerzhafte Empfindung fort, eine grössere Empfind-
lichkeit; die Schmerzpunkte sind noch vorhanden — dann spricht
man von Remission der Neuralgie. Auch diese Periode kann sehr
verschieden lange dauern und dadurch ist die raschere oder lang-
samere Wiederkehr der Anfälle bedingt: dieselben können nach
wenig Mmuten, oder nach Stunden, Tagen, selbst Wochen und Mona-
ten wieder erscheinen. Nicht selten beobachtet man eine regelmässige
Wiederkehr zu bestimmten Stunden oder Tageszeiten — typische
Neuralgien.
Die Wiederkehr der Anfälle erfolgt meist ohne jede nachweis-
bare Veranlassung, ganz spontan ; doch gibt es auch gewisse Momente,
welche in vielen Fällen im Stande sind, sofort einen Anfall hervor-
zurufen : leichte Hautreize, ein kalter Luftzug, Bewegungen des kranken
Theils, gewisse körperliche Verrichtungen, psychische Emotionen
u. 8. w. sind daftir bekannt und man sieht die Kranken, die dies
aus Erfahrung wissen, mit der grössten Aengstlichkeit alle die ge-
nannten Schädlichkeiten vermeiden.
Im weiteren Verlaufe der Krankheit tritt meist eine allmälige
Steigerung der Anfälle bis zu einem gewissen Grade ein, auf welchem
die Intensität derselben entweder stationär bleibt oder alsbald wieder
in Abnahme übergeht. Nicht selten häufen sich die Anfälle zu ge-
wissen Zeiten und bei gewissen Veranlassungen. Bei älteren und
hartnäckigeren Fällen treten schliesslich weitere Erscheinungen auf:
trophische und ernstere motorische Störungen, allgemeine Ernährungs-
störungen, Anämie, hochgradige Nervosität, selbst psychische Ver-
stimmungen können das Bild der chronischen Formen von Neuralgie
compliciren.
Die Abnahme der Anfälle kann zu einer mehr oder weniger
raschen Heilung ftihren, und dies ist der häufigere Fall ; nicht selten
sind aber auch die Beispiele, wo das Leiden chronisch wird und
Jahre lang besteht; es kann aber auch ganz unheilbar werden und
die einmal befallenen Individuen fttr den Rest ihres Lebens be-
gleiten.
Dieses allgemeine, einer grossen Zahl von Neuralgien entnommene
Bild ist keineswegs erschöpfend und tritt andererseits auch lange nicht
bei allen Einzelfällen von Neuralgie in ganzer Vollständigkeit auf,
dies wird die Betrachtung der einzelnen Symptome und der einzelnen
Formen der Neuralgie zeigen.
1
40 EsB, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
2. Analyse der einzelnen Symptome.
Schmerz. Derselbe steht ganz im Vordergrund der Erschei-
nungen und ist jeden&lls das Hauptsymptom bei allen Neuralgien.
Er hat jedoch durchaus keine ganz charakteristisohen Merkmale, so
dass man ihn unter allen Umst&nden als neuralgischen erkennen
könnte. Da er ein rein subjectives Symptom ist, können wir ihn
nur aus den Beschreibungen der Kranken näher kennen lernen, und
diese Beschreibungen gehen in den Einzelfällen sehr weit ausdnan-
der. Der Schmerz wird bald als reissend, bohrend, stechend, ziehend,
bald als drückend oder blitzähnlich durch&hrend geschildert; bakl
als glühend, brennend^), vom Schneiden mit Messern herrtthrend;
bald als in der Hautoberfläche, bald als in der Tiefe, besonders in
den Knochen localisirt; man hört Schilderungen von Empfindungen,
als ob der Nerv rasch durch einen engen Ring gezogen würde, als
ob die Eörpertheile auseinandergerissen werden sollten u. s. w.; m
dem einen Falle soll der Schmerz ron dem Centrum zur Peripherie,
im anderen in umgekehrter Richtung*) dahinschiessen (ab- und auf-
steigende Neuralgie) kurz, man erhält sehr vielgestaltige Beschrei-
bungen, die aber meist doch das Gemeinsame erkennen lassen, dass
es sich um Schmerzen von grosser und besonders von rasch
wechselnder Intensität handelt. — Die Localisation des Schmerzes
ist ebenfalls sehr verschieden: oft ist er auf einen Punkt fixirt, oft
zwischen vielen Punkten wechselnd ; meist wird er in die Tiefe, unter
die Haut, oft direct in den Nervenstamm verlegt und selbst ganz
ungebildete Kranke bezeichnen oft sehr genau mit der Angabe der
besonders schmerzenden Partien den anatomischen Verlauf des
1) Unter dem Namen „Causalgia** beschreibt Weir Mitchell (I^juries of
nerves etc. Philad. 1872i eine bei NervenschassTerletzongen sehr gewöhnlich vor-
kommende, charakteristische Form eines brennenden Schmerzes von ungeheurer
Heftigkeit, welcher sich im peripherischen Bezirk des betreffenden Nerven (meistens
an Hand und Fuss) findet und welchen die Kranken nur durch beständiges An-
feuchten der Haut mit kühlem Wasser einigermaassen lindem können.
2) Diese verschiedene Richtung des (spontanen und auch des Druck-)SchmerzeB
ist von Bärwinkel (Die Bedeutung der centripetalen Irradiation bei schmen-
haften Affectionen der Nervenstämme. Archiv f. klin. Med. XVI. S. tS6) einer
specielleren Betrachtung unterzogen worden. Er lässt den centripetalen Schmerz
durch die Nerven des Neurilemm vermittelt werden und hält ihn fQr das Sym-
ptom einer Neuritis. Die central fortschreitende Empfindung erklärt er durch
Irradiation, welche im Kückenmark die Endapparate der einzelnen Nervi ner-
vorum successive trifft. Die centrifugale Schmerzrichtung ist nach ihm nur der
Ausdruck des Gesetzes der excentrischen Protection.
Neuralgie im Allgemeinen. Symptomatologie. Analyse der einzelnen Symptome. 41
erkrankten Nervenstammes. Diese Thatsache, dass der Stamm des
Nerven selbst oft in grosser Ausdehnung schmerzhaft erscheint, er-
klärt sich wohl am Besten durch die Mitleidenschaft der von
Sappey und A, in neuerer Zeit genauer gewürdigten Nervi ner-
vonun.
Die Intensität des Schmerzes kann dnrch verschiedene äussere
Momente gesteigert werden: Besonders sind es Bewegungen der
leidenden Theile, welche von den Kranken sehr gefllrchtet werden:
so wird bei Oesichtsneuralgien das Kauen und Sprechen, bei Intercos-
talneuralgien das tiefe Athmen, bei Ischias das Gehen ängstlich
vermieden. In selteneren Fällen bringen Bewegungen Erleichterung.
Hautreize, kalte Luft, kaltes Wasser, besonders leichte Bertthrung^
der Haut steigern ebenfalls den Schmerz, während man in manchen
Fällen sieht, dass die Kranken von energischem Druck auf die
schmerzenden Partien Erleichterung erfahren und dass sie oft die
abenteuerlichsten Mittel anwenden, um diese Erleichterung zu erlan-
gen. — Die Intensität der Schmerzen ist bei Neuralgien der ver-
schiedenen Nerven sehr verschieden; es kommen zwar von jeder
Einzelform der Neuralgien Fälle von sehr grosser und solche von
geringerer Intensität vor; doch scheint aus den Schilderungen der
Kranken hervorzugehen, dass die entsetzlichsten Schmerzen in schweren
fUlIen von Trigeminusneuralgie vorkommen; dieser am nächsten in
Bezug auf die Heftigkeit der Schmerzen scheint Ischias zu stehen.
Man hat versucht, aus der verschiedenen Intensität und auch Qualität
der Schmerzen einen Schluss auf die Localisation der Schmerzursache
zu ziehen (Benedict). Doch scheint dies nicht sehr weit zu
führen; höchstens kann man mit einiger Wahrscheinlichkeit die
peripherisch bedingten neuralgischen Schmerzen von den central be-
dingten (excentrischen) unterscheiden (s. u. Diagnose).
Jedenfalls geht aus der ganzen Charakteristik des neuralgischen
Schmerzes, aus der Art und Weise seiner Verbreitung hervor, dass
es sich dabei nicht um Erregungen der peripherischen Endverzwei-
gnngen der sensiblen Nerven, sondern um Erregung an solchen Stellen
derselben handelt, wo zahlreiche sensible Fasern zu Bündeln und Stäm-
men vereinigt liegen, sei dies nun in den peripherischen Nervenbahnen
oder in den hinteren Wurzeln oder endlich im Centralorgan der Fall.
Schmerzpunkte. Diese von B6rard schon erwähnten, von
Ya 1 1 e i X zuerst eingehend untersuchten und ausftihrlich beschriebenen
sogenannten Points donloureux sind der Gegenstand vielfacher
Untersuchungen und Discussionen gewesen und sind jedentSalls in
ihrer Bedeutung fttr die Pathologie der Neuralgien vielfach über-
42 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
schätzt worden. Das Thatsächliohe darüber ist folgendes: Unter-
sucht man währeAd eines neuralgischen Anfalls die Körperregion,
welche der Sitz des Schmerzes ist, so findet man gewöhnlich eine
oder mehrere Stellen, welche gegen einen Drack mit der Fingerspitze
oder irgend einem ähnlichen Gegenstand ungemein empfindlich sind.
Diese Stellen sind gewöhnlich ganz umschrieben und sind zuweilen der
Sitz und der Ausgangspunkt spontaner Schmerzen, zuweilen aber auch
nicht. Jedenfalls ruft Druck auf dieselben sehr lebhafte Schmerzen
hervor, kann den neuralgischen Anfall in seiner Intensität steigern
oder selbst einen solchen hervorrufen. Am ausgesprochensten- sind
diese „ Schmerzpunkte " während der neuralgischen Anfälle und es
steht hier ihre Empfindlichkeit ungefähr in geradem Verhältnisse zu
der Intensität des Schmerzes; dem entspricht es auch, dass sie in
den schmerzfreien Zeiten meist gänzlich fehlen oder nur in geringem
Grade schmerzhaft sind; doch gibt es allerdings auch eine Anzahl
von Fällen, wo die Schmerzpunkte auch in der Remissionszeit auf-
zufinden sind und wo durch Druck auf dieselben Anfälle hervor-
gerufen werden können. — Die weitere Prüfung zeigt, dass der
Druck auf die tiefer als die Haut gelegenen Gebilde dirigirt werden
muss, wenn derselbe schmerzhaft sein soll; die an der Stelle des
Schmerzpunktes in eine Falte erhobene Haut pflegt nicht oder doch
in einer anderen Weise zu schmerzen, als dies die tiefer gelegenen
Theile thun. Es ist deshalb vor einer Verwechselung der durch
gleichzeitige cutane Hyperästhesie über den Schmerzpunkten be-
dingten Schmerzen mit den durch die Druckpunkte vermittelten zu
warnen. — Steigert man den Druck bis zu einer gewissen Höhe
und lässt denselben einige Zeit andauern, so verschwinden häufig
die Druckschmerzen vorübergehend und es ist dann wieder einige
Zeit erforderlich, ehe dieselbe Stelle von Neuem auf Druck schmerz-
haft wird.
Die genauere Untersuchung ergibt mit grosser Sicherheit, dass
alle oder doch die meisten Schmerzpunkte an solchen Hautstellen
zu finden sind, unter welchen Nervenstämme oder Nervenverzwei-
gungen liegen; gewöhnlich sind es nur einzelne Punkte längs des
Nervenverlaufe, welche in dieser Weise schmerzhaft sind, nicht selten
findet man auch den ganzen Nervenverlauf bei Druck empfindlich.
Es sind gewisse Stellen des Nerven, welche mit Vorliebe zu solchen
Schmerzpunkten werden: die Austrittstellen aus Löchern, Kanälen
oder Incisuren der Knochen, die Stellen, wo Aponeurosen oder Muskeln
von Nerven durchbohrt werden, die Stellen, wo der Nerv Aeste ab-
gibt oder sich theilt, die Stellen, wo er über harte Unterlagen hin-
Kenralgie im Allgemeinen. Symptomatologie. Analyse der einselneu Symptome. 43
wegläuft und wo er leicht comprimirt werden kann. Es ist somit
klar, dass bei den meisten Neuralgien sich mehrfache Schmerzpunkte
finden werden und dass einzelne Nerven fUr dieselben ganz beson-
ders gtlnstig anatomisch gelagert sind. Yalleix hat für die einzelnen
Nerven diese Punkte mit grosser Sorgfalt aufgesucht und festgestellt
und wir werden dieselben bei den einzelnen Neuralgien kennen
lernen. Trousseau hat angegeben, dass bei allen Neuralgien sich
die Domfortsätze der Wirbelsäule, unter welchen die schmerzenden
Nerven hervorkommen, bei Druck schmerzhaft erweisen und hält
diesen von ihm als „Apophysenpunkt*' bezeichneten Schmerzpunkt
ftir ein constantes und diagnostisch äusserst wichtiges Ejriterium bei
Neuralgien. Armaingaud hat ihn ebenfalls in vielen Fällen con-
statirt und Mor. Meyer*) erwähnt derselben Erscheinung, die, wie
es scheint, zugleich von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit für
die Therapie ist.
An den Schmerzpunkten beobachtet man gewöhnlich gar keine
weiteren YeiHnderungen ; die Haut ist nicht geröthet, nicht ge-
sehwelh und auch unter derselben ist in der Begel nichts Abnormes
zu finden, wiewohl Anstie angibt, dass in einzelnen Fällen das
Periost an den Schmerzpunkten etwas verdickt gefunden werde.
Derselbe Beobachter gibt auch an, dass die Schmerzpunkte häufig
im Beginn der Neuralgie nicht vorhanden seien, sondern sich erst
bei einigem Bestehen derselben entwickelten. — Die Feststellung
der Schmerzpunkte geschieht durch genaue und sorgfältige Palpation
mit dem Finger und es lassen sich beim Vergleich mit der gesunden
Seite die pathologischen Verhältnisse gewöhnlich mit grosser Leich-
tigkeit erkennen.
Die Häufigkeit des Vorkommens der Schmerzpunkte bei Neur-
algien ist jedenfalls von Valleix bedeutend übertrieben worden,
welcher dieselben beinahe nie vermisst haben wollte. Gegen diese
Behauptung haben sich fast alle neueren, besseren Beobachter aus-
gesprochen (Romberg, Schuh, Hasse, Eulenburg, Trous-
seau, Anstie u. s. w.). Romberg hat auf einige Momente auf-
merksam gemacht (Verschiedenheit und Dauer des angewandten
Drucks, Empfindlichkeit des Nervenstammes und der darttber liegen-
den Haut u. dgl.), welche die differenten Angaben der verschiedenen
Beobachter zu erklären geeignet scheinen. Eulenburg (1. c. S. 43)
gibt an, dass er in etwas mehr als der Hälfte der Fälle die Schmerz-
1) üeber die diagnostische and therapeutische Bedeutang schmerzhafter
Drackpnnkte der Wirbelsäule. Berl. klin. Woch. 1875 No. 51.
44 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
punkte gefanden ; in allen Übrigen aber sie Yermisst habe; auch ich
kann nach meinen eigenen Beobachtungen versichern, dass in einer
ganz erheblichen Anzahl von Fällen auch bei der genauesten Unter-
suchung keine Schmerzpünkte aufzufinden sind. Damit wird aller-
dings der semiotische und diagnostische Werth, welchen Valleix
diesen Schmerzpunkten beilegt, erheblich gemindert und man darf
aus ihrem Fehlen keinen gegen die Diagnose einer Neuralgie gerich-
teten Schluss ziehen.
Die pathologische Bedeutung der Schmerzpunkte und ihre Par
thogenese sind durchaus noch nicht klar ; es sind darüber sehr yerr
schiedene Ansichten geäussert worden. Man hat die Meinung aus-
gesprochen, dass es sich dabei immer um örtliche Reizungs- oder
Entzündungsherde an den Nerven handele und es hat besonders
L e n d e r diese Ansicht zu begründen gesucht, indem er diese örtlichen
Entzündungsherde ftlr das Primäre und Wesentliche bei der Neur-
algie hält Für Anstie ist es wahrscheinlich, dass die Schmerz-
punkte in den meisten Fällen eine Erscheinung vasomotorischer
Lähmung sind, über deren nähere Wirkungsweise jedoch keine An-
gaben von ihm gemacht werden. — Eulenburg erinnert daran,
das bei localen Reizungsherden auch peripherisch von diesen ein-
greifende Reize zu abnorm starken Erregungen Veranlassung werden
können — sogenannte Leitungshyperästhesien und möchte auf diese
einen Theil der Schmerzpunkte zurückführen. Es ist femer daran
zu erinnern, dass auch bei allgemeiner Hyperästhesie der ganzen
Nervenbahn doch einzelne Punkte derselben durch ihre anatomische
Lagerung besonders leicht dem Druckreiz ausgesetzt sind und da-
durch zu Schmerzpunkten gestempelt werden. Endlich dürfte auch
die Betheiligung der Nervi nervorum an der Hyperästhesie vielleicht
nicht ohne Bedeutung für das locale Auftreten grosser Schmerz-
empfindlichkeit sein. Für keine der hier vorgeführten Möglichkeiten
der Entstehung der Schmerzpunkte gibt es bis jetzt zwingende Be-
weise; wahrscheinlich ist, dass in den einzelnen Fällen bald die
eine, bald die andere Entstehungsweise vorliegt. Wir müssen ans
vorderhand damit begnügen, festgestellt zu haben, dass im Laufe
neuralgischer Erkrankungen der sensiblen Nerven an einzelnen Stellen
ihres Verlaufes sich Zustände gesteigerter Erregbarkeit entwickeln,
welche zur Entstehung des Druckschmerzes ftlhren und welche meist
sehr flüchtiger Natur sind. Es ist sonach nicht unwahrscheinlich?
dass diese gesteigerte Erregbarkeit ebenso wie der neuralgische
Schmerz Theilerscheinung jener noch nicht genauer bekannten Er-
nährungsstörung im Nerven ist, welche wir oben als die Grundlage
Keuralgie im Allgemeinen. Symptomatologie. Analyse der einzelnen Symptome. 45
der Neuralgien Überhaupt wahrscheinlich zu machen gesucht haben;
aus dem yerschiedenen Sitze und der verschiedenen Verbreitung dieser
Ernährungsstörung wflrde sich dann wohl das Vorhandensein oder
Fehl^'der Schmerzpunkte in den einzelnen Fällen von Neuralgie
erklären.
Sensible Begleiterscheinungen. Eine der häufigsten Er-
scheinungen bei Neuralgien ist die Irradiation des Schmerzes
auf andere sensible Nervenbahnen. Meist beobachtet man auf der
Höhe des Paroxysmus eine Verbreitung des Schmerzes auf benach-
barte, nicht selten auch auf mehr oder weniger entfernte Nerven-
gebiete ; zunächst auf andere Aeste desselben Nervenstammes, z. B. vi)n
einem ursprttnglich befallenen Aste des Trigeminus auf die beiden
anderen; dann auf den gleichnamigen Nerven der anderen Körper-
hälfte, so z. B. von einem Ischiadicus auf den anderen; endlich auf
ganz entfernte Nervengebiete, z. B. von einem Intercostalnerven auf
den Trigeminus. Diese irradiirten Schmerzen sind in der Regel weniger
intensiv als die ursprünglichen, sie dauern kürzere Zeit, treten erst
auf der Höhe der Paroxysmen ein und verschwinden wieder vor
Beendigung derselben. Sie treten besonders leicht bei an und für
uch reizbaren und nervösen Individuen auf. Wir können uns ihr
Entstehen nur dadurch erklären, dass in der grauen Substanz des
Centralorgans die Erregungen der sensiblen Ganglienzellen vermöge
der allseitigen Verbindung dieser untereinander sich auf die nicht
ursprünglich afficirten Ganglienzellen verbreiten und dann nach dem
Gesetz der excentrischen Projection in die Peripherie verlegt werden.
Da bei einem solchen Uebergang der Erregung auf' nicht gewöhnliche
und physiologisch eingeübte Bahnen grössere Widerstände zu über-
winden sind, erklärt es sich, dass die irradiirten Schmerzen erst auf
der Höhe der Paroxysmen und vorwiegend bei besonders erregbaren
Personen eintreten. Genaueres über die Wege der Irradiation ist
noch nicht bekannt. — Von diesen einfach irradiirten Schmerzen
principiell zu trennen, wenn auch vielleicht die vermittelnden Bahnen
dieselben sind, sind die Fälle von Weiterverbreituug und Uebertragung
d^ Neuralgie von einem Nervengebiet auf das andere; auch das
kommt nicht selten vor, dass eine Neuralgie von einem Ast des
Trigeminus auf den anderen, oder vom Occipitalis auf den Trigeminus
übergeht und hier eine gewisse Selbstständigkeit erlangt. In diesem
Falle haben wir es mit einer wirklichen Weiterleitung der neural-
gischen Ernährungsstörung selbst zu thun, die wahrscheinlich eben-
falls durch das Centralorgan vermittelt wird; bei der Irradiation
haben wir eine vorübergehende Erregung vor uns, die von einem
46 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
anderen Reiznngsherde her einfach übertragen und von diesem ab-
hängig ist.
Auch das Altemiren und Wandern der Neuralgien yon einem
Nervengebiet zum andern kann nicht als eine Irradiationserscheinung
betrachtet werden, muss vielmehr als . eine Ortsveränderung der neur-
algischen Ernährungsstörung selbst betrachtet werden , die zweifels-
ohne ebenfalls durch das centrale Nervensystem vermittelt wird.
Ausser den neuralgischen Schmerzen beobachtet man femer —
wiewohl im Ganzen nicht allzuhäufig — verschiedene Parästhe-
sien in dem befallenen Nervengebiet: subjective Empfindungen
eigener Art, welche bald als Formication, oder Eriebeln, oder als
Pelzigsein und Taubsein bezeichnet werden. Diese Empfindungen
bestehen häufig auch während der Remissionszeiten fort und werden
gerade während der Paroxysmen, des hefdgen Schmerzes wegen,
oft nicht deutlich percipirt, oder wenigstens nicht beachtet. Die Art
und Weise ihres Zustandekommens ist uns bekanntlich noch unklar ;
als entferntere Ursachen haben wir wohl in den meisten Fällen
gröbere Läsionen der befallenen Nerven zu betrachten und es ist
besonders ein länger anhaltendes und lebhaftes Taubheitsgefühl meist
verdächtig in Bezug auf die Entwickelung organischer Erkrankungen
am Nervenstamm. Die leichteren Grade können dagegen wohl auch
noch auf andere Weise zu Stande kommen.
Es sind nämlich diese subjectiven Parästhesien nicht selten ver-
gesellschaftet mit objectiv nachweisbaren Sensibilitätsstömngen , die
ausserdem sehr häufig auch ohne subjective Empfindungen vorkommen.
Diese Störungen äussern sich als Hyperästhesie od er Anästhesie
der Haut im Bereiche des neuralgisch erkrankten Nerven. Tttrck
hat zuerst (1850) diese Erscheinungen beschrieben und hat in
bestimmten Fällen eine leichte Anästhesie der Hautoberfläche bei
gleichzeitiger Hyperästhesie der tieferen Gewebsschichten constatirt
Trousseau erwähnt die HypeiiUthesie der Haut als häufige Er-
scheinung bei vielen Neuralgien ; ebenso die Anästhesie, welch' letztere
immer später als die erstere komme und wahrscheinlich auf tieferen
Texturveränderungen bemhe. Traube sprach aus, dass diese Er-
scheinungen auch in den schmerzfreien Intervallen vorhanden seien.
Anstie will beinahe constant eine Abschwächung des Tastgeftlhls
bei Neuralgien gefunden haben. Nothnagel hat diese Erschei-
nungen genauer studirt und bei einer grösseren Anzahl von Neuralgien
folgende Thatsachen festzustellen vermocht: Bei Neuralgien der
Extremitätennerven ohne nachweisliche anatomische Läsion fand sich
stets und ohne Ausnahme eine Alteration der Hautsensibiliföt , ent-
Neuralgie im Allgemeinen. Symptomatologie. Analyse der einzelnen Symptome. 47
weder eine Hyperästhesie (genauer Hyperalgesie) oder eine AAästhesie ;
diese Erscheinungen stehen in einem bestimmten Verhältniss zur
Dauer des Bestehens der Neuralgie : im Beginne derselben findet sich
Hautbyperalgesie, im weitem Verlauf Verminderung der Empfindlich-
keit Meist können diese Störungen aber nur durch eine sehr sorg-
fUtige und vergleichende Prüfung festgestellt werden, weil sie nicht
sehr hochgradig sind. Gewöhnlich ist die Störung beschränkt auf
das Hautverbreitungsgebiet des erkrankten Nerven ; es gibt aber auch
Fälle, wo bei ganz beschränkter Neuralgie sich die begleitende
Sensibilitätsstörung über die ganze entsprechende Körperhälfte ver-
breitet Als Regel (jedoch nicht ohne Ausnahme) stellte sich heraus:
frische Neuralgie (ca. 2—8 Wochen) — Hauthyperalgesie; ältere
Neuralgie — Anästhesie. Die Veränderung besteht in geringerem
Grade auch während der schmerzfreien Intervalle. Mit der Heilung
der Neuralgie verschwindet sie meist sehr bald.
Ich habe bei einer Reihe von Fällen genau . auf diese Erschei-
nungen geachtet und die Nothnagel' sehen Angaben im Allgemeinen
bestätigt gefunden; doch sind mir einzelne unzweifelhafte Fälle von
reiner Neuralgie begegnet, in welchen die genaueste Untersuchung
weder Hyperalgesie. noch Anästhesie nachweisen konnte; auch fand
ich in mehreren Fällen schon sehr frühzeitig (in der ersten Woche)
ausgesprochene Anästhesie. — Ob die von Berger (Berl. klin. Woch.
1S71. No. 20) gefundene, nach Schussverletzungen (ohne Verletzung
grösserer Nervenstämme) aufgetretene halbseitige Sensibilitätsvermin-
derung auch in diese Kategorie von Erscheinungen gehört, ist noch
fraglich.
Die Erklärung dieser Erscheinungen stösst auf nicht geringe
Schwierigkeiten; für die Anästhesie lassen sich noch am ehesten
durchsichtige Ursachen in verschiedenen Fällen von Neuralgien auf-
finden: so mag es sich in manchen Fällen um Leitungsanästhesien
handeln, da wo die Neuralgie durch Tumoren oder andere compri-
mirende Momente, wo sie durch organische Läsionen in den Central-
organen oder wo sie durch periphere Neuritis bedingt ist ; in andern
Fällen aber kann ein begleitender Arterienkrampf die Hautanästhesie
produciren; es gibt aber immer noch eine Reihe von Fällen, in
welchen etwas derartiges weder nachzuweisen, noch anzunehmen ist.
Da nun Nothnagel dieselben cutanen Sensibilitätsveränderungen
auch bei allen möglichen anderen schmerzhaften (und nicht neural-
gischen) Afifectionen nachweisen konnte, ist die Annahme nicht wohl
thunlich, dass es sich dabei um eine Theilerscheinung der eigentlichen
neuralgischen Ernährungsstörung handle und es wird die Annahme
48 £&B, Krankheiteu der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
von Nothnagel wahrscheinlich, dass der Schmerz als solcher
die Veränderungen der cutanen Sensibilität, sowohl die
Hyperästhesie wie die Anästhesie bedingt. Damit ist
aber die Sache noch keineswegs erklärt und wir bedürfen weiterer
Hypothesen; um uns den dabei stattfindenden Vorgang plausibel za
machen. Nothnagel verlegt für die meisten Fälle diese Vor^Uige
in das Gentralorgan und sucht die Anästhesie auf eine durch den
Schmerz gesetzte Ermüdung, die Hyperästhesie dagegen auf yer-
ringerte Leitungswiderstände in den empfindenden Centralapparaten
zurückzuführen. Dabei bleibt nicht ausgeschlossen, dass durch die
Neuralgie selbst auch in den peripheren Leitungsbahnen vermehrte
oder verminderte Leitungswiderstände (Leitungsanästhesie und -Hy-
perästhesie) gesetzt werden können, welche aber dann nur die auf
das Glebiet des neuralgisch afficirten Nerven beschränkten SensibilittUs-
Störungen erklären könnten. Das Nähere über diese hypothetischen
Erklärungsversuche s. bei Nothnagel 1. c.
Motorische Begleiterscheinungen. Sie gehören zu den
gewöhnlichsten Vorkommnissen bei Neuralgien. Dabei hat man zwei
Kategorien wesentlich von einander zu scheiden : 1 . solche motorische
Störungen, welche durch directen Einfluss der Neuralgie, resp. der
dieselbe bedingenden krankhaften Veränderung auf die motorischen
Leitungsbahnen zu Stande kommen; und 2. solche, welche auf in-
directem Wege, nämlich durch Vermittelung des Gentrainerven-
Systems, also auf reflectorische Weise entstehen. Die ersteren
können natürlich nur in gemischten Nerven (resp. bei manchen Er-
krankungen des Gentralorgans, welche sensible und motorische Appa-
rate zugleich betrefifen) vorkommen, die letzteren auch bei Neuralgien
rein sensibler Nerven.
Die directen motorischen Störungen erscheinen entweder als
krampfhafte oder als lähmungsartige Erschemungen. Man beobachtet
von fibrillären Gontractionen und leichten Muskelspannungen an idle
möglichen Grade der motorischen Reizung: Tremor, Gontracturen,
Spasmen und selbst ausgebildete und hochgradige Gon vulsionen ; be-
sonders im Gebiete des Ischiadicus Werden solche Erscheinungen
nicht selten beobachtet. Es geschieht meist erst in einem späteren
Stadium der Neuralgie, dass deutliche paretische oder selbst paraly-
tische Erscheinungen auftreten: Muskelschwäche bis zur vollständigen
Muskellähmung und es ist dabei wohl zu beachten, dass diese wirk-
lichen Schwächezustände scharf unterschieden werden müssen von
der Ruhe und Uubeweglichkeit der Glieder, welche durch den Schmerz
und die Furcht vor demselben hervorgerufen werden. Immer sind
Neuralgie im Allgemeinen. Symptomatologie. Analyse der einzelnen Symptome. 49
diese ErBcheinnngen beschränkt auf das Gebiet des von der Neuralgie
be&Uenen gemischten Nerven. — Die Erklärung für diese Erschei-
nungen ist wohl für die grosse Mehrzahl der Fälle in dem allmäligen
Weitergreifen des die Neuralgie bedingenden pathologischen Processes
(Tumor, Neuritis, Narbenretraction etc.) auf die in demselben Nerven-
stamme befindlichen motorischen Fasern zu suchen ; daher anfänglich
Beizungserscheinungen und bei stärkerer Einwirkung Lähmungser-
scheinungen durch mehr oder weniger vollständige Leitungshemmung.
Es ist dabei wohl verständlich, dass in Fällen, wo die Sensibilität
noch nicht erheblich gelitten hat, doch schon deutliche motorische
Lähmungserscheinungen vorhanden sein können, da erfahrungsgemäss
die motorischen Leitungsbahnen eine viel geringere Resistenz gegen
einwirkende Schädlichkeiten besitzen als die sensiblen.
Die reflectorischen motorischen Störungen sind ausschliess-
lich Reizungserscheinungen; man hat wenigstens bisher noch keinen
Anlass gefunden , bei sog. äusseren Neuralgien das Vorkommen von
Reflexlähmungen zu constatiren, wenn auch die Möglichkeit des Ent-
stehens derselben nach den Ergebnissen der Le wissen 'sehen Ver-
suche mit starken Reizungen innerer Organe nicht gar zu fem liegt.
— Am schönsten und häufigsten beobachtet man wohl die reflecto-
rischen Reizerscheinungen bei Neuralgien des Trigeminus, wo sie im
Fadalisgebiet als tonische und klonische Krämpfe (Blepharospasmus
u. s. w.) erscheinen ; sie sind dabei wohl zu trennen von den directen
im Gebiet des Trigeminus selbst vorkommenden motorischen Störungen,
welche in den Kaumuskeln auftreten. — Aber auch bei Neuralgien
gemischter Nerven können nicht selten reflectorische Krampferschei-
nongen beobachtet werden und sie erscheinen hier als Spasmen,
Tremor, Convulsionen , Contracturen u. s. w. Sie sind mit um so
grösserer Sicherheit als wirklich reflectorische Erscheinungen anzu-
sprechen, wenn das Verbreitungsgebiet derselben ein anderes ist, als
das der Neuralgie. — Die Erklärung dieser Erscheinungen ergibt sich
leicht aus den bekannten physiologischen Gesetzen für die Reflex-
bewegungen. Sie ti-eten um so hefttger und verbreiteter auf, je in-
tensiver die Neuralgie ist und sie fehlen in vielen leichten Fällen
derselben vollständig. Das Auftreten wird ferner begünstigt durch
die nervöse Constitution und den Zustand, den man als Gonvulsibilität
bezeichnet
Hier anzureihen ist wohl die von Tttrck beobachtete Thatsache,
dass die Pulsfrequenz bei heftigen neuralgischen Paroxysmen sich
vennindert; Anstie, welcher diese Thatsache bestätigt, spricht sogar
von einem vorübergehenden völligen Stillstand des Herzens. Der
Handbuch d. 8p«c. Pathologien. Therapie. Dd. XII. t. 2. Aufl. 4
50 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
letztere Beobachter flihrt ausserdem an, dass paralytische Affectionen
innerer, mit glatten Maskel&sem versehener Organe zu den häufigeren
Erscheinungen bei Neuralgien gehören, und er führt Blasenlähmung,
paralytische Ausdehnung des Colon u. s. w. als Folge yerschiedener
Neuralgien der Beckenorgane und der äusseren Genitalien an. Dies
scheint mir jedoch einer ausftlhrlichen Beweisführung noch zu be-
dürfen.
Vasomotorische Begleitersc^heinungen. Ihr Auftreten
complicirt in vielen Fällen das Bild der Neuralgie. Auch hier be*
obachtet man Reizungs- und Lähmungserscheinungen. Im Begmn der
Paroxysmen überwiegt nicht selten der Krampf der Gefässmusculatur,
man sieht Blässe der Haut, Kältegefühl u. dgl. den Beginn des An-
falls begleiten; es können diese Erscheinungen aber auch längere
Zeit anhalten und eine grössere Dauer erlangen ; meist jedoch gehen
sie sehr bald über in die Erscheinungen der Gefässläbmung: eine
diffuse, mehr oder weniger lebhafte Röthe der Haut und der sichtbaren
Schleimhäute stellt sich ein und es kann selbst zu Anschwellungen
derselben und zu den gleich zu erwähnenden secretorischen und
trophischen Störungen kommen, welche zum Theil wohl auch auf
vasomotorische Lähmung zurückgeführt werden müssen. Besonders
schön kann man diese vasomotorischen Störungen an der Haut des
Gesichts, an der Conjunctiva und Nasenschleimhant bei Gesichts-
neuralgien beobachten; von den übrigen Neuralgien ist besonders
häufig die Ischias mit vasomotorischen Erscheinungen complicirt Die-
selben sind entweder beschränkt auf das Gebiet des neuralgisch affi-
eirten Nerven (resp. den Verbreitungsbezirk der in demselben ent-
haltenen vasomotorischen Fasern) oder sie sind auf grössere Gebiete
verbreitet, woraus manchmal Schlüsse auf den Sitz der Neuralgie
gezogen werden können. — Auch die grösseren Gref*ässe nehmen
nicht selten Antheil an diesen Störungen: die Arterien erscheinen er-
weitert, klopfen stärker; die sphygmographische Untersuchung zeigt
im Beginn der Paroxysmen erhöhte Spannung der Arterien, später
aber verminderte Spannung, stärkeren Dicrotismus der Pulswelle.
Auch hier ist wie bei den motorischen Störungen eine doppelte
Art der Entstehung möglich — durch directe oder durch reflectorische
Einwirkung auf die Gefässnerven. Leider sind die Ei^ebnisse der
vielfachen physiologischen Versuche über die reflectorische Einwirkung
auf die vasomotorischen Nerven noch nicht hinreichend festgestellt,
um sichere Kriterien ftlr das Verhalten der vasomotorischen Nerven
bei Neuralgien abzugeben. Gewisse Experimente haben erwies^
dass starke Reizungen sensibler Nerven eine reflectorische Lähmung
Neuralgie im Allgemeinen. Symptomatologie. Analyse der einzelnen Symptome. 51
yasomotorischer Nerven erzeugen können; wir dürfen also zunächst
an Beflexwirkungen denken, wenn sich bei Neuralgien Lähmung der
Grefässnerven, Röthung u. s. w. findet , um so mehr, wenn dieselbe
weit verbreitet und nicht auf das Gebiet des schmerzenden Nerven
beschi^Uikt ist. Auf der andern Seite ist aber auch festzuhalten, dass
solche Lähmungen ähnlich wie die motorischen auch durch directe
Einwirkungen entstehen können. Die Krampfzustände in den vaso-
motorischen Nerven können ebenso auf directem, wie auf indirectem
Wege entstehen. So lange wir aber nicht im Stande mnd, die directe
von der reflectorischen Entstehung sicher zu unterscheiden, und be-
sonders so lange wir nicht über den Verlauf, den Ursprung und die
Verbreitung der vasomotorischen Fasern und über ihre räumlichen
Beziehungen zu den mit ihnen verlaufenden gemischten Nerven ge-
nauere anatomische Kenntnisse besitzen, als dies bis jetzt der Fall
ist, wird es vei^ebliches Bemühen bleiben, aus der Existenz und der
Art der vasomotorischen Erscheinungen bestimmte Schlüsse auf den
aimtomischen Sitz der Neuralgien zu ziehen. Nur in den seltensten
Fällen wird die Diagnose desselben dadurch gefördert und aufgeklärt
werden und dies besonders durch den Zusammenhalt mit gleich-
werthigen motorischen und sensiblen Begleiterscheinungen.
Secretorische Begleiterscheinungen. Es ist durchaus
erklärlich, dass die starke Erregung der sensiblen Nerven bei der
Neuralgie ihre Rückwirkung äussert auf die von diesen Nerven ab-
hängigen Secretionen. In der That beobachtet man denn auch sehr
häufig eine erhebliche Steigerung der Secretionen im Gefolge von
Neuralgien: reichliche Thiilnenabsonderung, profuse Nasensecretion,
Salivation bei den verschiedenen Formen der Trigeminusneuralgie;
vermehrte Milchabsonderung bei Mastodynie u. s. w. Auch hier kann
es sich theils um directe, theils um reflectorische Erregung handeln ;
die letztere wird wohl die häufigere sein. — Auch auf die Harn- und
Schweissecretion haben viele Neuralgien Einfluss: Absonderung eines
sehr profttsen, wässrigen Harns, oder Verminderung der Ausscheidung
desselben kommt vor; die Schweisssecretion ist oft während der
Paroxysmen gesteigert und nicht selten endigen die Paroxysmen mit
einem profusen Schweissausbruch. lieber den genaueren Zusammen-
haaig dieser Erscheinungen mit der Neuralgie lässt sich aber noch
nichts Bestimmtes angeben.
Trophische Begleiterscheinungen. Wir begreifen dar-
unter eine ganze Anzahl der verschiedenartigsten Störungen, ein-
scUiesslich derjenigen Formen, welche man gewöhnlich als entzünd-
liehe bezeichnet, wohl wissend, dass nach den neueren Au&ehlüssen
4*
52 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Aber die wesentlichen Vorgänge bei der Entzündung dieselbe nicht
wohl mehr als Ernährungsstörung im gewöhnlichen Sinne des Worts
bezeichnet werden kann. Es lassen sich ungezwungen zwei grössere
Gruppen dieser sog. trophischen Störungen von einander sondern:
a) einfach qualitative und quantitative Verände-
rungen der Ernährung der Gewebe: Hier sind zunächst zu
erwähnen Veränderungen in der Haarfärbung, die wiederholt
beobachtet wurden : Ergrauen oder Weisswerden der Haare im Ver-
breitungsbezirk des erkrankten Nerven ; nicht selten sO; dass die Ver-
färbung mit jedem Anfall kommt und nachher verschwindet (A n s t i e) ;
femer Zunahme in der Zahl und Dicke der Haare (Rom-
berg; Notta, Anstie), in seltenen Fällen so, dass ein reichlicher
Haarwuchs an sonst wenig behaarten Stellen erscheint ; endlich star-
kes Ausfallen der Haare im neuralgischen Bezirk , auffallende
Trockenheit und Sprödigkeit derselben. — Zunächst schliesst sich
hier an die von Anstie erwähnte grössere Rauhigkeit und stärkere
Pigmentirung der Haut an den Stellen, welche der Sitz von Neur-
algien sind; analog sind wohl die Epithel Wucherungen auf
Schleimhäuten; z. B. stärkerer Zungenbelag auf der Seite der
Gesichtsneuralgie.
Des Weiteren kommt vor: Wucherung und Verdickung
verschiedener Gewebe. So Verdickung des Periosts und der
Knochen, Zunahme des Fettpolsters an dem leidenden Theil, selbst
ausgesprochene Muskelhypertrophie (G r o g a n). Diese Erscheinungen
sind jedoch alle sehr selten. Weit häufiger sind die Fälle von Atro-
phie und Abmagerung der Gewebe; so hat man Verdünnung
der Haut, Schwund des Fettpolsters bei Gesichtsneuralgien eintreten
sehen, und massige Atrophie der Muskeln ist eine gewöhnliche Er-
scheinung bei Ischias und andern Neuralgien in gemischten Nerven;
hochgradige Atrophie der Muskeln kommt meist nur bei schweren
Verletzungen gemischter, peripherer Nervenstämme vor, welche einer-
seits Neuralgie, andererseits Paralyse im Gefolge haben (Schussver-
letzungen).
b. complicirtere, meist entzündliche Veränderungen.
Sie verlaufen fast alle in der Haut und sind hier am besten gekannt;
einzelne kommen auch am Auge vor. - An der Haut findet man
zunächst einfaches Erythem, im nächsten Anschluss an die durch
vasomotorische Lähmung bedingte Hautröthung; demnächst Erysi-
pelas — • eine wirkliche erysipelatöse Entzündung mit allen ihren
wesentlichen Charakteren, beschränkt auf den Bezirk des neuralgisch-
afficirten Nerven, meist im Anschluss an aussergewöhnlich heftige
l^earalgie im Allgemeinen. Symptomatologie. Analyse der einzelnen Symptome. 53
Paroxysmen; kommt fast nur im Oesicbt vor; ich kann die yon
Ansti e u. A. darüber gemachten Angaben durchaus bestätigen. Eine
schwerere Erkrankung bedeutet es schon, wenn Urticaria, Pem-
phignsblasen n. dgl. auf der Haut erscheinen, wenn die Haut
papierdünn und geröthet, glänzend erscheint (Glossy fingers), wenn
die Nägel missbildet werden oder ausfallen, wenn schlechtheilende
Ulcerationen in der Haut auftreten; das sind meist Fälle von sym-
ptomatischen Neuralgien, welche durch schwere Verletzungen peri-
pherer Nervenstämme hervorgerufen sind, in welchen die Neuralgie
nur eine — oft untergeordnete — Theilerscheinung des ganzen Krank-
heitsbildes darstellt und in keinem inneren Zusammenhang mit den
trophischen Störungen steht. — Nicht viel anders ist dies der Fall
mit dem sog. Herpes zoster, welcher nicht selten in Begleitung
ausgesprochener Neuralgien auftritt. Man versteht darunter eine
charakteristische Herpeseruption (Bläschengruppen auf entzündlich
geschwellter und gerötheter Hautoberfläche), welche genau dem Ver-
breitungsbezirk bestimmter Nerven entspricht ; am häufigsten entspricht
der Herpes einem Intercostalnerven (daher „Gürtelrose"), er kommt
demnächst am häufigsten im Gesicht vor, in besonders schwerer Form
als Zoster ophthalmicus an der Stirn, Nasenspitze und dem Auge und
kann in allen möglichen Nervengebieten des Rumpfs und der Extre-
mitäten zur Entwickelung kommen. Die Bläschen entstehen im Laufe
weniger Tage auf der ursprünglich gerötheten Hautfiäche, haben einen
wasserklaren, allmälig sich trübenden Inhalt und vertrocknen nach
wenig Tagen zu Krusten und Borken, welche nach einiger Zeit —
oft mit Hinterlassung langsam heilender Geschwüre — abfallen. Das
Verhältniss des Zoster zur Neuralgie ist ein äusserst inconstantes:
nur sehr wenige Fälle — im Verhältniss zu der Gesammtzahl (unter
meinen 146 Fällen befinden sich 3) — von Neuralgien zeigen die
Begleiterscheinung des Zoster; und auf der andern Seite sind durch-
aus nicht alle Fälle von Zoster von neuralgischen Erscheinungen be-
gleitet, können vielmehr ganz ohne dieselben verlaufen; dies sieht
man besonders bei jugendlichen Individuen; häufig ist nur in den
ersten Tagen der Affection Schmerz vorhanden, oder er erscheint am
Ende der Eruption und kann in manchen Fällen als heftige Neuralgie
das Verschwinden des Zoster kürzere oder längere Zeit überdauern.
In allen Fällen, die bis jetzt anatomisch untersucht werden konnten
(Bärensprung, Esmarch, Danielssen, Charcot undCotard,
Bahrdt, Weidner, Wyss), fanden sich an den zum Gebiet des
Zoster gehörigen Nerven oder deren Spinalganglien die ausgesprochnen
Zeichen der Entzündung: Röthung, Schwellung, Verdickung und In-
54 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
filtration des Neurilemm, eitrige Infiltration desselben u. s. w. —
Damit stimmt es wohl aucb, dass, wie schon Troasse an angegeben
und M'Crea neuerdings (Brit. med. Journ. 1873. No. 647) an
mehreren Fällen nachgewiesen hat, sich im Gefolge des Herpes zoster
stets Zeichen tieferen Ergriffenseins der Nervenstructur finden : zuerst
Hyperästhesie, später Gefässarmuth , Entfärbung und ausgesprochne
Anästhesie der Haut; letztere fanden auch Homer und Wyss. —
Jedenfalls geht aus allen diesen Thatsachen heryor, dass Zoster eine
mit Störungen im Nervensystem im innigsten Zusammenhang stehende
Erscheinung, dass er jedoch ftlr die Neuralgie durchaus nichts We-
sentliches oder Charakteristisches ist; man wird yielmehr, wo er eine
Neuralgie begleitet, mit einiger Sicherheit nur den Schluss ziehen
können, dass eine auf Neuritis beruhende Neuralgie vorliegt.
Unter den das Auge betreffenden entzündlichen Störungen ist
es ebenfalls Herpes, welcher am häufigsten im Gefolge von Neur-
algien des Trigeminus beobachtet wird und fast immer in Begleitung
des Zoster ophthalmicus erscheint, welcher das Gebiet des ersten
Trigeminusastes befällt und von Hutchinson und Bowman^) in
vortrefflicher Weise beschrieben ist. Viel seltener kommt die 0 p h -
thalmia neuroparalytica mit ihren deletären Einwirkungen auf
das Auge zur Entwickelung ; sie ist meist die Folge tieferer Läsionen
des Trigeminus, die zur Anästhesie führen. Auch Iritis und G 1 a a -
coma scheinen manchmal auf neuralgischer Grundlage zu entstehen,
wofür einige Beobachtungen von Anstie, Hutchinson, Wegner
u. A. und physiologische Versuche über den Einfluss des Trigeminus
auf den intraocularen Druck sprechen. Wir werden darauf bei der
Trigeminusneuralgie zurückkommen.
Die Deutung aller dieser trophischen Störungen ist zur Zeit noch
sehr schwierig. Am nächsten lag es, für das Auftreten dieser Stö-
rungen bei Neuralgien gewisse atrophische" Nerven verantwortlich
zu machen und von ihrer Mitbetheiligung an der Krankheit alle diese
Erscheinungen herzuleiten. Es ist hier nicht der Ort, in eine aus-
führliche Discussion über die schwierige Frage der trophischen Nerven
einzutreten, doch können wir nicht umhin, unsere Ansicht dahin aus-
zusprechen, dass dieselben wirklich existiren und dass eine ganze
Reihe der obenerwähnten trophischen Störungen uns nur durch die
Annahme eines directen Nerveneinflusses auf die Ernährung der Ge-
webe erklärlich erscheint: so z. B. die Veränderung der Haarfarbe
und des Haarwachsthums, die Epithelwucherungen, Pigmentablage-
1) Lond. Ophthalm. Hosp. Rep. V. 1866. u. VI. 1869.
Neuralgie im AUgezoeinen. Symptomatologie. Analyse der einzelnen Symptome. 55
•
rangen, die Hypertrophien und ein Theil der Atrophien der Gewebe ;
Tielleieht aueh ein Theil der entzündlichen Störungen in der Haut:
Erysipel, Pemphigus, Herpes u. s. w. Gerade für die Neuralgien
wäre dann die von Charcot (Klin. Vortr. üb. Krankh. des Nervens.
— Deutsch von Fetzer. 1874) vertretene Ansicht, dass die trophischen
Störungen Folge einer Reizung der trophischen Nerven seien, noch
am ehesten anzunehmen. Doch scheint diese Ansicht, zu welcher auch
We irMitchell hinneigt, zur Zeit noch nicht hinreichend begründet.
Immerhin sind ftlr einen Theil dieser Störungen auch noch andere
Möglichkeiten der Entstehung zuzulassen: besonders ist zunächst an
yasomotorische Einwirkungen zu denken: wir vermögen selbst nach
den neuesten Gohn heimischen Untersuchungen nicht eine scharfe
Grenze zwischen der einfachen Lähmung der Gefässmusculatur und
denjenigen Veränderungen der Gefässwandungen zu ziehen, welche
für die Entzündung weseutlich und bestimmend sind; und es wäre
immerhin denkbar, dass unter besondem Umständen, bei spedell
disponirten Personen durch Einwirkung auf die vasomotorischen
Nervenbahnen die nutritive Veränderung in den Gef ässen einträte,
welche zur Entstehung von Erysipel, von Herpes u. s. w. nothwendig
ist — Aber noch eine andre Möglichkeit bleibt offen; es ist von
Friedreich (Ueber progressive Muskelatrophie etc. 1873. S. 163 ff.)
neuerdings die Ansicht ausgesprochen und mit gewichtigen Gründen
vertreten worden, dass es sich speciell beim Zoster, aber auch bei
der Entstehung mancher Muskelatrophien in Begleitung neuralgischer
Affectionen um nichts Anderes handle, als um fortgeleitete neuritische
Processe, welche von dem ursprünglichen (auch die Neuralgie er-
zengenden) Reizungsherde aus sich längs des Nerven bis zu seinen
feinsten Verzweigungen und endlich auch auf die Haut weiter ver-
breiten und hier die charakteristischen entzündlichen Eruptionen er-
zeugen. So plausibel auch diese Anschauung durch die von Fried-
reich beigebrachten Beobachtungen und Gründe gemacht ist, so
fehlt ihr immerhin noch die thatsächliche Begründung durchj^enaue
anatomische Untersuchungen und Experimente; auch kann dieselbe
wohl nur für einen Theil der Fälle Geltung beanspruchen.
Für die einfachen Atrophien der Muskeln, wie sie besonders
die behias nicht selten begleiten, hat man (Nothnagel) ebenfalls
rein vasomotorische Einflüsse geltend zu machen gesucht ; es soll der
in diesen Fällen von Neuralgie vorhandene vasomotorische Krampf
der Muskelgefässe die Atrophie erklären; die beigebrachten Gründe
fttr diese Ansicht erscheinen uns jedoch nicht zureichend.
Jedenfalls geht aus den vorstehenden Bemerkungen hervor, dass
56 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
unsere Kenntnisse über die Bedeutung und Entstehung der trophischen
Störungen bei Neuralgien noeb sebr unsicher sind; docb lässt sich
bei der vorhandenen Möglichkeit einer exacten Fragestellung immer-
hin eine Lösung der hier noch schwebenden Probleme erwarten.
Psychische Begleiterscheinungen. Sie gehören bei d^i
Neuralgien zu den seltnen Ausnahmen; die intellectuellen Vorg^ge
scheinen fast nie beeinträchtigt zu werden, wenn nicht durch etwaige
der Neuralgie zu Grunde liegende Erkrankungen des Gentralorgans ;
nur während der höchsten Schmerzparoxysroen wird die geistige
Thätigkeity werden besonders die Willensäusserungen oft vorüber-
gehend gehemmt. Aber selbst bei langer Dauer des Leidens sieht
man in vielen schweren Fällen weder eine Abnahme der Intelligenz
noch des Gedächtnisses eintreten. Und auch die Fälle, in welchen
durch die endlosen Qualen schwere Gemttthsverstimmungen , allge-
meine Reizbarkeit, Melancholie, Neigung zum Selbstmord u. dgl.
hervorgerufen werden, scheinen verhältnissmässig selten zu sein. Es
gehören demnach psychische Störungen jedenfalls zu den ganz unter-
geordneten und meist wohl mehr zufälligen Begleiterscheinungen der
Neuralgien. (Vgl. jedoch einen merkwürdigen Fall von Des cot [bei
Bretschneider S. 271], in welchem hochgradige psychische Stö-
rungen in Folge einer traumatischen Neuralgie eintraten.)
Dasselbe gilt in sehr vielen Fällen von den Allgemeinstö-
rungen. Dieselben fehlen bei den meisten Kranken völlig —
wenigstens insoweit sie als Folgen der Neuralgie zu betrachten
wären. Keine Steigerung der Körpertemperatur, keine Störung des
Sensoriums, keine Appetit- oder Verdauungsstörungen, keine Abnahme
des Körpergewichts — das ist wenigstens die Regel; die Kranken
können selbst nach jahrelangen Leiden ein blühendes Aussehen be-
wahren. In einer Reihe von schweren Fällen treten jedoch endlich
auch Allgemeinerscheinungen ein, die sich meist zurückführen lassen
auf Störungen der Verdauung, Blutbildnng und Ernährung in Folge
der heftigen Schmerzen, der Behinderung der Nahrungsauftiahme und
der Schlaflosigkeit. So sieht man besonders Kranke mit schweren
Gesichtsneuralgien zur Zeit der Krankheitsexacerbationen nicht selten
verfallen, ein übles, kachektisches Ausseben annehmen u. s. w. Phy-
siologische Experimente, welche von Mantegazza') zur Ermittelung
des Einflusses heftiger Schnierzen an Thieren angestellt wurden,
haben ergeben, dass sich in Folge heftiger Schmerzen einstellen:
Abnahme des Appetits, Ekel, Dyspepsie, Aufhören der Magenver-
1) DeH'azione del dolore sulla digestione e suUa nutrizione. Gaz. med. itaJ.
lombard. 1871 No. 6 u. 7. (Jahresbericht f. 1871 v. Virchow und Hirsch).
Nennügie im Allgemeinen. Symptomatologie. Analyse der einzelnen Symptome. 57
danungy Erbrechen, Darcbfälle ; im weiteren Verlauf grosse Schwäche
und betiiU^htliche Abmagerung; grössere Empfindlichkeit . für alle
schädlichen Einwirkungen etc. Ganz dem entsprechend findet man
aaeh bei Kranken mit sehr schweren Neuralgien : Dypspepsie, Appetit-
losigkeit, belegte Zunge, Blässe und Anämie, kachektisches Aussehen,
schwachen Puls, ktthle Extremitäten, deprimirte, gereizte Stimmung,
grosse Empfindlichkeit gegen äussere Schädlichkeiten u. s. w. und
es steht wohl nichts der Annahme entgegen, dass diese Erscheinun-
gen ebenfalls in Folge der mächtigen Einwirkung starker Schmerzen
auf das Nervensystem und die Ernährung zu Stande kommen. Man
muss freilich diese Folgeerscheinungen der Neuralgie genau trennen
von den, vielen Neuralgien zu Grunde liegenden, allgemeinen Er-
nährungsstörungen, die ihre ganz anderen Ursachen haben.
Paroxysmen und ihre Ursachen. Auffallend und in hohem
Haasse charakteristisch ist das Auftreten der Neuralgien in einzelnen
Anfällen, in Paroxysmen; es ist dasselbe fast als pathognostisch zu
bezeichnen und wird auch von fast allen Autoren in die Definition
der Neuralgie mit aufgenommen ; ganz besonders wird die Periodicität
von Anstie betont.
In Bezug auf die Einzelheiten der Paroxysmen, ihre Dauer und
Häufigkeit, ihre regelmässige oder unregelmässige Wiederkehr, ihre
Vorboten und ihre Veranlassungen braucht dem oben Gesagten nichts
hinzugefügt zu werden. — Eine Erklärung für das paroxysmen-
weise Auftreten der Schmerzen bei Neuralgien zu geben, ist unmög-
lich, so lange unsere Kenntnisse über die Nervenmolecularmechanik
noch so unvollkommen sind wie bisher. Am nächsten liegt wohl der
Gedanke an die noth wendig eintretende Ermüdung der Nerven;
wird durch die starke Erregung der sensiblen Nerven im Paroxys-
mus endlich Ermüdung derselben bewirkt, so hört der Schmerz auf.
Es stimmt mit dieser Annahme sehr wohl die häufig vorhandene
Anästhesie im Gebiete des neuralgisch afficirten Nerven; ebenso die
Thatsache, dass wirkliche Paroxysmen auch bei Neuralgien vorkom-
men, welche durch grobe anatomische Veränderungen (Carcinom,
Neurom u. s. w.) hervorgerufen sind (Trousseau) und bei welchen
man a priori eine continuirliche Schmerzhaftigkeit hätte erwarten
sollen. Auch das in nicht seltnen Fällen vorhandne Fortbestehen
der sensiblen Erregbarkeit unmittelbar nach Ablauf der Paroxysmen
spricht durchaus nicht gegen jene Annahme; die gewöhnlichen sen-
siblen Reize pflegen an andern Stellen einzuwirken als die der Neur-
algie zu Grunde liegenden Reize und es kann die Leitung der
Empfindungen durch die neuralgisch afficirte Stelle erhalten sein,
58 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
während diese Stelle selbst momentan dnrch Ermüdung unerregbar
ist. Wajirscheinlich gentigt aber diese Erklärung nicht völlig und
jedenfalls nicht ftir alle Fälle; auch Schwankungen in der Intensität
der einwirkenden Beize, periodisches Auftreten und Wiederver-
schwinden derselben können ebenfalls Ursache der Periodicität des
Schmerzes sein; doch wissen wir darüber noch gar nichts Näheres.
Das elektrische Verhalten der sensiblen Nerven bei Neur-
algien ist noch wenig untersucht. Am häufigsten begegnet man der
Angabe, dass man die Points douloureuz auch durch die elektrische
Prüfung mit grosser Sicherheit als überempfindliche Stellen nach-
weisen könne; ebenso empfindliche Wirbel, oder Empfindlichkeit des
Halssympatbicus. Das hat jedoch keine weitere Bedeutung.
Bei der Prüfung der eigentlichen elektrischen Sensibilität in neur-
algisch affidrten Nerven hat man offenbar nicht scharf genug ge-
trennt die elektrische Sensibilität des betreffenden Blautgebietes und
jene des Nervenstammes. Für die Haut verhält sich die Sache wohl
so, wie ftlr die übrige Sensibilitätsprüfung: besteht Hyperästhesie,
so haben wir auch gesteigerte elektrische (faradische und galvanische)
Empfindlichkeit; besteht Anästhesie, dann ist auch die elektrische
Empfindlichkeit vermindert.
Für die Nervenstämme hat zuerst Benedict bestimmte An-
gaben gemacht und auf ihre grössere oder geringere „Empfindlich-
keit" gegen Elektricität sogar bestimmte Schlüsse auf den Sitz und
die Art der der Neuralgie zu Grunde liegenden Erkrankung gebaut
Diese Angaben scheinen ihm jedoch nach einer neueren Publication
(Wien. med. Presse 1872 No. 21) wieder zweifelhaft geworden zu
sein. Die Schwierigkeiten der elektrischen Untersuchung sensibler
Nervenstämme sind jedenfalls sehr gross.
In Bezug auf das elektrische Verhalten bei Neuralgien ge-
mischter Nervenstämme macht Eulenburg (1. c. S. 154) einige
merkwürdige Angaben: er will bei Ischias Anomalien des motorischen
galvanischen Zuckungsgesetzes beobachtet haben, bis zur Umkehr
der normalen Formel gebend ; ferner quantitative Veränderungen der
galvanischen und faradischen Erregbarkeit der motorischen Fasern.
— Ich habe etwas Derartiges bisher noch nie gesehen. JedenfiJls
hat die elektrische Untersuchung bisher keine Au&chlüsse über die
Pathologie der Neuralgien gebracht.
Verlauf.
Ueber den Verlauf der Neuralgien lassen sich nur wenige all-
gemeine Bemerkungen machen. Ein Tbeil der Fälle verläuft acut,
Neuralgie im Allgemeinen. Verlauf. Ausgänge. 59
in wenig Tagen oder Wochen; mit einer knrzen Reihe von mehr
oder weniger heftigen Paroxysmen ist dann die ganze Krankheit ab-
gethan: so z. B. meist bei den leichten rheumatischen Formen.
Ein anderer Theil der Fälle wird chronisch, erstreckt sich
über Wochen und Monate, selbst Jahre, wenn man die häufigen
Becidiye hinzurechnet; in solchen Fällen ist der Verlauf meist ein
sehr seh wankender, Perioden von Exacerbation der Krankheit
weehseln mit Zeiten der Remission und selbst völliger Intermission
ab; endlich aber tritt nach allen diesen Wechselfällen doch noch
Heilung ein: so z. B. häufig bei d^ anämischen Formen, bei den
mit der Pnbertät, mit Hysterie u. s. w. zusammenhängenden Formen
der Neuralgie.
Endlich wird aber auch ein Theil der Fälle unheilbar: in
diesen besteht die Neuralgie den ganzen Rest des Lebens hindurch,
allerdings gewöhnlich mit mehr oder weniger langen Pausen oder
doch mit sehr erheblichen Schwankungen in der Intensität. Das
sind die schrecklichen Fälle von Tic douloureux, die 20, 30 Jahre
und länger bestehen, von Ischias, von Intercostalneuralgie, die den
Kranken nicht mehr verlassen. Hierher zählen viele Fälle mit
organischer Grundlage, mit schwerer hereditärer Disposition, bei
frühzeitiger Senescenz und Gefässdegeneration. (Das Gbronisch-
und Unheilbarwerden der Neuralgie bezeichnet man öfter auch als
Habituellwerden derselben; man will damit andeuten, dass
eine Veränderung in den sensiblen Bahnen vorhanden sei, welche
auch nach dem Aufhören der Ursachen die Neuralgie unterhalte;
der Ausdruck erklärt aber nichts weiter).
Ausgänge. Wie schon aus dem Vorstehenden sich ergibt,
erfolgt der Ausgang der Neuralgie entweder in Heilung oder in
Unheilbarkeit Die Mehrzahl der Fälle geht zweifellos in Heilung
ttber, doch lassen sich genauere Zahlenangaben darüber nicht wohl
machen, weil man gar häufig über den weiteren Verlauf, etwaige
Recidive u. s. w. nichts erfährt. Die Angabe von Valleix, dass
unter 1 82 Fällen Genesung in 1 39 erfolgte, erscheint etwas hoch und
erklärt sich wohl dadurch, dass Valleix die durch nachweisbare
organische Veränderungen bedingten Neuralgien von der Zählung
ausschloss. Es hängt eben der Ausgang hauptsächlich von der Ur-
sache ab: ist diese zu beseitigen, so tritt Genesung ein, wenn nicht:
Unheilbarkeit. Auch von der allgemeinen Beschaffenheit des Kran-
ken, Lebensalter, Ernährungszustand, Lebensweise u. s. w. kann der
Ausgang der Neuralgie beeinflusst werden (s. Prognose). — Reci-
dive sind ungemein häufig, und erklären sich theils aus der all-
60 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
gemeiDen Prädisposition , welche der Neuralgie an sich zu Grande
liegt und in den meisten Fällen fortbesteht, theils daraus, dass eine
einmalige neuralgische Erkrankung in dem Nerven eine örtliche
Prädisposition zurücklässt, die bei der geringsten Schädlichkeit zu
neuer Erkrankung fährt.
Als mehr zufällige Ausgänge der Neuralgie sind zu betrachten:
Anästhesie der Haut, Lähmungen und Atrophie der Muskeln etc.;
diese Erscheinungen sind nicht directe Folgen der Neuralgie, sondern
nur Folgeerscheinungen und Coßffecte derselben Ursache, welche auch
die Neuralgie hervorgerufen hat: so kann der allmälig zunehmende
Druck von Geschwtllsten, kann die narbige Retraction des durch
Neuritis gewucherten Bindegewebes, können fortschreitende centrale
Erkrankungen und Degenerationen schliesslich zu Anästhesie und
Lähmung ftlhren, nachdem sie im Beginn neuralgische Beschwerden
hervorgerufen hatten.
Der Ausgang in den Tod wird durch die Neuralgie an sich
wohl kaum je herbeigeftlhrt: Beispiele, dass die Heftigkeit des
Schmerzes den Tod herbeigeftihrt hätte, sind nicht bekannt ; es wäre
höchstens denkbar, dass durch die stete Beeinträchtigung der Ver-
dauung und Ernährung bei schweren Neuralgien endlich der Tod
durch Erschöpfung eintreten würde. Dagegen kann durch das der
Neuralgie zu Grunde liegende Leiden (Carcinom, Knochenleiden,
centrale Erkrankungen u. dgl.) sehr wohl der Tod herbeigeftlhrt
werden.
Diagnose.
Es handelt sich bei der ärztlichen Untersuchung hierher gehöriger
Krankheitsfälle nicht ausschliesslich um die Feststellung, dass wir es
hier überhaupt mit dem Symptomencomplex zu thun haben, den wir
als Neuralgie bezeichnen; diese Aufgabe ist verhältnissmässig leicht
zu erfüllen ; allein diese Feststellung ist als Grundlage des ärztlichen
Handelns in vielen Fällen durchaus ungenügend. Es muss sich viel-
mehr die Diagnose auch erstrecken auf die genauere Bestimmung
des Sitzes des Leidens an irgend einer Stelle der sensiblen Leitungs-
bahnen und endlich auch auf die Feststellung der näheren Ursache
desselben, auf die Ermittelung etwaiger anatomischer Veränderungen
und ihrer Art und Weise.
Zunächst muss allerdings diagnostisch festgestellt werden, ob
eine Neuralgie vorliegt, oder etwas Anderes; es handelt sich
hier um die Ermittelung des Vorhandenseins des charakteristischen
Symptomencomplexes , den man mit dem Namen der Neuralgie be-
Neuralgie im Allgemeinen. Ausgänge. Diagnose. 61
legt; diese Feststellung ist ganz unabhängig von dem Fehlen oder
Vorhandensein palpabler Läsionen, denn es gibt Neuralgien mit
und ohne solche. Im Allgemeinen ist es nicht schwer, das Sym-
ptomenbild der Neuralgie richtig zu erkennen ; doch gibt es immerhin
Fälle; in welchen Zweifel entstehen können und unzählige Male
werden schmerzhafte Affectionen fttr Neuralgien erklärt, die es nicht
sind« Da überdies die neuralgischen, ebenso wie alle tlbrigen sub-
jectiyen Nerrensymptome uns nicht selten in den wunderbarsten
Formen entgegentreten — wofttr am häufigsten die Individualität
der Slranken verantwortlich zu machen ist — , so können manchmal
der Diagnose sich ganz ernstliche Schwierigkeiten entgegenstellen.
Man wird dieselben in den meisten Fällen überwinden, wenn man
festhält, dass folgende die hauptsächlichsten, charakteristischen Merk-
male der Neuralgie sind:
1 . Beschränkung des Schmerzes auf eine bestimmte Nervenbahn
(Stanun oder Ast und dessen periphere Ausbreitung) und zwar meist
einseitig.
2. Deutlich intermittirendes oder doch deutlich remittirendes
Auftreten des Schmerzes, ohne dass nachweisbare Ursachen daftlr
vorhanden wären (Paroxysmen).
3. Eigenthümlicher Charakter und unverhältnissmässige Heftig-
keit des Schmerzes.
4. Empfindlichkeit bei Druck an bestimmten Stellen des Nerven-
verlaufe oder der peripherischen Ausbreitung (Points douloureux).
5. Anwesenheit sensibler, motorischer, vasomotorischer, secre-
torischer etc. Begleiterscheinungen, wie sie oben geschildert wurden.
6. Fehlen von entzündlichen oder sonstigen Localerscheinungen
and von dem Grade des subjectiven I^idens entsprechenden Allge-
meinstörungen.
Auf diese Punkte ist bei der Diagnose der Hauptwerth zu legen ;
lässt sich ausserdem noch nachweisen : dass bei dem erkrankten In-
dividuum eine deutliche hereditäre oder erworbene neuropathische
Disposition besteht; oder dass dasselbe früher bereits an der einen
oder anderen Neuralgie gelitten hat ; oder dass alle ermüdenden und
erschöpfenden Einflüsse verschlimmernd aut die Krankheit wirken;
femer dass eine bekannte und häufige Ursache der Neuralgie ein-
gewirkt hat (Malaria, Erkältung, Trauma, Syphilis etc.) — so gewinnt
die Diagnose erheblich an Sicherheit. Sind alle oder die meisten
der genannten Charaktere vorhanden, so bietet die Diagnose gar keine
Schwierigkeit; fehlen jedoch einzelne Erscheinungen oder sind sie
durch andere maskirt oder treten bei andei*sartigen Affectionen ahn-
62 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
liehe ErseheinuDgen auf, so ist man vor Irrthttmem nieht sieher and
es können — wie die tägliche Erfahrung lehrt — mancherlei Ver-
wechselungen vorkommen. Die schmerzhaften Zustände, welche am
häufigsten und leichtesten mit Neuralgien verwechselt werden, sind
besonders folgende:
Muskelschmerz, Muskelrheumatismus, d. h. alle die
schmerzhaften, in den Muskeln localisirten Affectionen, die als Lum-
bago, Pleurodynie, Torticollis u. s. w. bezeichnet werden und ent-
weder durch Erkältung oder Ueberanstrengung der Muskeln entstehen.
Bei einiger Aufmerksamkeit sind diese „Myalgien'' leicht von den
Neuralgien zu unterscheiden und zwar durch folgende Kriterien: der
Muskelschmerz entspricht der Lage eines Muskels und nicht dem
Verlauf eines Nerven; er Ist fixirt auf eine bestimmt umschrieb^ie
Stelle ; er tritt meist nicht in Paroxysmen auf und wird sicher durch
jede Contraction des erkrankten Muskels hervorgerufen und gesteigert;
locale Empfindlichkeit ist nur in der Ausdehnung des erkrankten
Muskels und seiner Sehne vorhanden.
Spinalirritation, so weit man diese Bezeichnung auch heut-
zutage noch ftlr einen gewissen Symptomencomplex gebraucht, hat
grosse Aehnlichkeit mit Neuralgie und es mag in vielen Fällen €re-
schmackssache sein, den vorliegenden Symptomencomplex als Neur-
algie oder als Spinalirritation zu bezeichnen. Die letztere ist meist,
jedoch durchaus nicht immer, eine hysterische Erscheinung und
wird da angenommen, wo vielfältige, vagirende, neuralgiforme
Schmerzen zugleich mit grosser Empfindlichkeit einzelner Domfort-
sätze gegen Druck und mit Rückenschmerz vorhanden sind, (re-
wöhnlich besteht dabei mehr oder weniger verbreitete Hyperästhesie
der Haut und auch innerer Organe, eine deutliche motorische Schwäche
und Leistungsunfähigkeit, grosse psychische Reizbarkeit u. s. w. *)• In
dem wechselnden Sitze des Schmerzes bei der Spinalirritation liegt
das unterscheidende Kriterium: bei Schmerzen, die auf eine be-
stimmte Nervenbahn localisirt sind und welche mit Empfindlichkeit
einzelner Domfortsätze einhergehen, nehmen wir eine Neuralgie mit
ausgesprochenem Point apophysaire an; sind die Schmerzen va-
girend, von einem Nervengebiet aufs andere Überspringend, rtickt
auch die Dmckempfindlichkeit von einem Wirbel auf den anderen,
dann sprechen wir von Spinalirritation. Es kann diese Unter-
scheidung in manchen Fällen ftlr die Therapie von Wichtigkeit sein.
Die Schmerzen in Folge von chronischer Intoxica-
1) Vgl. darüber dieses Handbuch Bd. XI. 2. S. 357 a. ff.
Neuralgie im AUgemeineii. Diagnose. 63
tion mit Alkohol oder Quecksilber u. dgl. können nicht leicht mit
Neuralgie verwechselt werden: ihr mehr continuirliches Auftreten,
ihre Localisation auf meist symmetrische Stellen an den Extremitäten,
vorwiegend in der Nähe der Grclenke, müssen vor dieser Verwechs«
Imig schützen. — Noch leichter sind die Dolores osteocopi bei
Syphilis durch ihre Localisation, ihr symmetrisches Auftreten, ihre
nftehtliche Exacerbation u. s. w. von neuralgischen Schmerzen zu
unterscheiden; doch ist nicht zu vergessen, dass auch die Syphilis
wirkliohe Neuralgien produciren kann.
Nach Feststellung der Diagnose „ Neuralgie ^ handelt es sich dann
vor Allem um die genauere Bestimmung des Sitzes derselben,
um die genauere Bestimmung, in welcher Höhe der peripherischen
oder centralen Faserung der eigentliche Krankheitsherd sich befinde ;
ob derselbe längs des peripherischen Verlaufs der Fasern, oder in
den hinteren Wurzeln, oder im Rückenmark, oder endlich im Gehirn
zu suchen sei; es kann endlich auch der Fall gedacht werden, dass
die neuralgische Ernährungsstörung sich über eine grössere Strecke
der sensiblen Lieitungsbahn verbreitet.
Die Bemühungen, aus den vorhandenen Erscheinungen den ana-
tomischen Sitz des Krankheitsherdes mit einiger Genauigkeit zu be-
stimmen, sind bisher noch nicht von dem wünschenswerthen Erfolg
gekrönt. Freilich lässt sich in Fällen, wo eine localisirte Krank-
heitsursache nachweisbar ist, auch der Sitz der neuralgischen Er-
krankung unschwer bestimmen : so bei Schussverletzungen, bei Fremd-
körpern, bei nachweisbaren Neuromen oder anderen Tumoren, bei
Knochenleiden u. s. w. Anders dagegen, wo solche gröbere, objectiv
wahrnehmbare Anhaltspunkte nicht vorhanden sind: hier muss man
suchen, aus der Art und Gruppirung der Symptome, aus der An-
wesenheit oder dem Fehlen gewisser Begleiterscheinungen, aus gleich-
zeitigen Symptomen centraler Erkrankungen u. dgl. genaueren Auf-
schlusB über den Sitz der Krankheit zu erhalten. Licider sind unsere
bisherigen Kenntnisse nicht hinreichend, uns diesen Aufschluss mit
Sicherheit zu geben.
Benedict hat versucht, aus dem Charakter und der Localisa-
tion des Schmerzes den Sitz der Neuralgie zu bestimmen; er gibt
an, dass bei eigentlich peripheren Neuralgien der Schmerz einen
mehr continuirlichen Charakter (während der Paroxysmen) habe, dass
er an bestimmte Nervenbahnen gebunden und nie in den Knochen
looalisirt sei; bei centralen (excentrischen) Neuralgien dagegen sei
der Schmerz vagirend, nicht an den Verlauf eines bestimmten Nerven
gebunden, sei mit Vorliebe in den Knochen localisirt und habe einen
64 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
ausgesprochen momentanen, lancinirenden Charakter; endlich könne
man noch eine dritte Gruppe unterscheiden, bei welcher der Schmerz
den peripheren (continuirlichen, fest localisirten) Charakter darbiete,
aber in den Knochen localisirt sei: das deute auf den Sitz der
Affection innerhalb der Schädel- oder Rttckenmarkshöhle, in den
Nervenwurzeln. Für die Unterscheidung der peripheren vond^i
centralen Neuralgien mögen diese Angaben im Allgemeinen Geltung
haben, wenn sie auch wahrscheinlich nicht fUr alle Fälle zutreffen;
es fehlt aber hierfür, und noch mehr ftlr die sichere Charakteristik
der „Wurzelneuralgien", an beweisenden Beobachtungen.
Immer ist es sicherer, aus einer möglichst umfassenden Würdigung
aller übrigen Thatsachen das nöthige Material zur Beurtheilung zu
gewinnen. Es kann dabei vor Allem die Verbreitung des ,
Schmerzes über einzelne oder mehrere Aeste eines Nervenstanmies
als Hül&mittel benutzt werden, wenn auch nur mit grosser Reserve.
Das isolirte Befallenwerden eines Nervenastes (z. B. des Ramus in-
framaxillaris ohne den lingualis, des Peronaeus ohne den Tibialis
u. s. w.) lässt allerdings den Schluss zu, dass der Sitz der Affection
nicht im gemeinsamen Nervenstamm zu suchen ist; allein es bleibt
dann immer noch die Möglichkeit eines isolirten Befallenseins der
betreffenden Fasern im Centralorgan. Deshalb haben die Schlüsse,
welche aus der excentrischen Verbreitung und der anatomischen
Localisation des Schmerzes auf den peripheren oder centralen Sitz
der Neuralgie gezogen werden sollen, nur eine sehr bedingte Gültig-
keit ; dieselbe wird noch ausserdem beeinträchtigt durch die mögliche
Weiterverbreitung der Schmerzen durch Irradiation.
Wichtiger sind in dieser Beziehung die mancherlei Begleiter-
scheinungen, welche sich bei Neuralgien finden. Für die Erkennung
des peripheren Sitzes der Neuralgie sind es besonders die moto-
rischen und vasomotorischen Begleiterscheinungen, welche jetzt schon
eine gewisse Bedeutung für die Diagnose haben und dieselbe in noch
höherem Maasse gewinnen werden, wenn einmal unsere Kenntnisse
über das anatomische und physiologische Verhalten besonders der
vasomotorischen Nerven noch etwas vollständiger sein werden. —
An und ftlr sich spricht schon die gleichzeitige Anwesenheit moto-
rischer und vasomotorischer Störungen, falls dieselben genau auf das
Gebiet des neuralgisch afficirten Nerven localisirt sind, fllr den
peripheren Sitz der Neuralgie, da nur im peripheren Nervenstamm
die drei Faserarten vereinigt verlaufen. Immerhin aber nöthigt die
Möglichkeit, dass diese Störungen auch auf reflectorischem Wege
entstehen und dass dieselben auch vom Centralorgan aus gleichzeitig
Neuralgie im Allgemeinen. Diagnose. 65
erseii^ werden können, zu grosser Vorsicht , und es kann in dieser
Beziehung wohl Folgendes gesagt werd^:
Motorische Beizerscheinungen bei Neuralgien gemischter NerTen
sind nur dann für den peripheren Sitz der Affection zu yerwerthen,
wenn sie genan beschränkt sind auf die in dem afficirten Nerven
verlaufenden motorischen Fasern; sonst erlaubt die Möglichkeit der
refleotorischen Entstehung keinen sicheren Schluss. Viel sicherer
sprechen fllr den peripheren Sitz motorische L^hmungsersch einungen
in dem Gebiet des erkrankten Nerven, weil dieselben nicht wohl
dnrch Beflex entstehen können; es muss aber dabei ein centraler
Ursprung derselben mit einiger Sicherheit ausgeschlossen sein.
Vasomotorische Lähmungserscheinungen sind für die Beurtheilung
sehr unsicher, da sie sowohl direct wie reäectorisch erzeugt werden
können; und es darf wohl nur ihr gleichzeitiges und localisirtes Vor-
kommen mit motorischer Lähmung ftlr den peripheren Sitz verwerthet
werden. Vasomotorische Beizungserscheinungen (Gefässkrampf) sind
besonders dann eher ftir den peripheren Sitz entscheidend, wenn sie
auf den dem kranken Nerven entsprechenden Hautbezirk localisirt
smd. Hier bildet aber unsere Unkenntniss des eigentlichen Verlaufs
der vasomotorischen Fasern innerhalb der peripheren Nervenbahnen
eine erhebliche Schwierigkeit. Es ist nach dem Gesagten klar, dass
die genannten Erscheinungen eine vollkommen sichere Localisation
der Neuralgie zur Zeit noch nicht gestatten ; doch muss eine Vervoll-
kommnung unserer Kenntnisse in dieser Bichtung entschieden ange-
strebt werden.
Für die Neuralgien mit centralem Sitze des Krankheitsherdes
sind es natürlich besonders die begleitenden Erscheinungen, welche
auf Ergriffensein des Bttckenmarks oder Gehirns deuten, die zm*
Diagnose verhelfen müssen. Diese Erscheinungen können hier natür-
lich nicht ausfuhrt werden. So viel ist sicher, dass ihre Ermit-
telung grosse AufDQerksamkeit und Sachkenntniss erfordert und dass
dieselbe häufig nicht gelingt, weil eben neuralgische Beschwerden in
vielen Fällen gerade die ersten Vorläufer der centralen Erkrankung
bilden, z. B. bei Tabes dorsalis. In solchen Fällen ist man einzig
auf den Charakter und die Localisation der Schmerzen angewiesen.
Sehr wichtig ist endlich nach Feststellung des Sitzes der Krank-
heit der Nachweis der eigentlichen nächsten Ursache derselben,
ob impalpable Nutritionsstörung , ob Neuritis, ob Gompression von
aussen durch Periostitis, Geschwülste u. dgl., ob und welche cen-
trale Erkrankungsform u. s. w. — Der Versuch, welchen Benedict
zuerst gemadit hat, aus den Symptomen, dem Charakter des Schmerzes,
Handbacta d. spec. Pfttbologie n. Therapie. XII. Bd. t. 2. Anfl. 5
66 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
dem Fehlen oder Vorhandensein der Points donlourenz, der Empfind-
lichkeit gegen Elektrieität, der Heilbarkeit die einzelnen Formen der
Neuralgie (sog. idiopathische , neuritische, durch Druck von aussen
entstandene) von einander zu trennen^ ist von ihm selbst zum Theil
wieder aufgegeben worden. Es ist in der That unmöglich, aus der
Qualität und Gruppirung der Symptome allein eine solche Diagnose
mit Sicherheit zu machen. Hier kann nur eine umfassende Berück-
sichtigung aller Momente: der Ursachen, der objectiven Unter-
suchungsergebnisse, der einzelnen Symptome, der Begleiterscheinungen,
ihrer Aufeinanderfolge und Dauer, des Verlaufes im Ganzen u. s. w.
die nöthigen Anhaltspunkte ftlr irgend eine bestimmtere Annahme
liefern. Jeder erfahrene Arzt wird zugeben, dass in manchen Fällen
die Diagnose oft Monate und Jahre lang im Dunkeln bleibt und erst
durch die Section enthüllt wird. Nicht unerwähnt mag hier bleiben,
dass nach allen bisherigen Erfahrungen die Anwesenheit des Herpes
zoster mit einiger Sicherheit auf den neuritischen Ursprung der
Neuralgie schliessen lässt. Genaueres iUr die Charakteristik der
einzelnen Foripen der Neuralgie hier anzuführen, ist überflüssig.
Prognose.
Sie bietet in vielen Fällen nicht geringe Schwierigkeiten, da die
Beurtheilung der Heilbarkeit und Dauer der Neuralgie häufig auf
sehr unsicheren Grundlagen beruht.
Im Allgemeinen ist die Prognose der Neuralgien gar nicht un-
günstig; weitaus die Mehrzahl der Fälle wird geheilt; und wenn
auch die günstigen Angaben von Valleix (139 Heilungen auf 182
Fälle) vielleicht nicht ganz der Wirklichkeit entsprechen, so kann
ich doch auch nach meinen Beobachtungen annehmen, dass ungefähr
zwei Drittel aller Fälle nach längerer oder kürzerer Zeit geheUt
werden (natürlich ohne Garantie gegen Recidive). Immerhin bleibt
eine Reihe von Fällen, in welchen ein schwererer und mehr chroni-
scher Verlauf, und von anderen, in welchen Unheilbarkeit zu erwarten
ist. Es ist zu zeigen, dass man diese Fälle erkennen kann und
auf welche Momente das prognostische Urtheil sich hauptsächlich zu
stützen hat.
Hier kommt vor allen Dingen die Ursache der Krankheit in
Betracht: alle Neuralgien, welche auf schweren, organischen Verän-
derungen (Knochenleiden, Carcinome und andere Geschwülste, unzu-
gängliche Narben u. dgl.) beruhen, bieten eine sehr ungünstige Pro-
gnose; sie sind in der Regel unheilbar. In geringerem Grade gilt
dies von den durch organische Centralleiden bedingten Neuralgien;
Neuralgie im Allgemeinen. Prognose. 67
hier gelingt es manchmal, die Neuralgie zu tilgen , auch wo man
dem Grandleiden nicht Einhalt gebieten kann. Ungünstig wird die
Prognose bei ausgesprochenen senilen and anderen Oewebsdegene-
rationen, femer bei aasgesprochener hereditärer neuropathischer Dis-
position. Günstiger za beartheilen sind die darch Anämie , durch
rheumatische Einflüsse, durch Traumen hervorgerufenen Neuralgien;
Terhältnissmässig sehr günstig ist die Prognose der syphilitischen
und am allergünstigsten die der Malarianeuralgien.
In Bezug auf den Sitz der Krankheit läjsst sich im Allgemeinen
sagen ; dass periphere Neuralgien günstiger sind, als centrale, was
ohne Zweifel zusammenhängt mit der an und für sich schlimmeren
Prognose der betreffenden Centralleiden.
Einigen Unterschied in der Prognose bieten die verschie-
denen befallenen Nervengebiete: Brachialneuralgien sind
im Allgemeinen leichter heilbar, als Ischias und diese leichter als
Trigeminusneuralgie. Doch hat das für den Einzelfall so gut wie
gar keine Bedeutung und dieser muss hauptsächlich nach anderen
Kriterien beurtheilt werden.
Von besonderem Gewicht ist in vielen Fällen das Alter der
Kranken und es lässt sich im Allgemeinen sagen, dass zunehmendes
Alter die Prognose verschlimmert. Im Einzelnen ist zu erwähnen,
dass die im jugendlichen Alter, besonders um die Pubertätszeit ent-
stehenden Neuralgien meist heilbar sind; dass dagegen die in den
Zeilen des körperlichen Verfalls entstehenden Neuralgien eine sehr
schlechte Prognose gewähren, es ist deshalb von Bedeutung fttr die
Prognose, dass man auf die Zeichen der Senescenz, das beginnende
Atherom der Arterien, den Arcus senilis u. dgl. seine Aufmerksam-
keit richte. Die zur Zeit des Klimakteriums entstehenden Neural-
gien werden in ihrer Prognose hauptsächlich von dem allgemeinen
Ernährungszustand bestimmt.
Das Geschlecht bedingt einen gewissen Unterschied, indem
die Prognose bei Männern im Allgemeinen günstiger ist als bei
Frauen.
Mit zunehmender Heftigkeit und Häufigkeit der Anfälle,
ebenso wie mit zunehmender Dauer der ganzen Krankheit wird die
Prognose ungünstiger.
Das Hinzutreten gewisser complicirender Erscheinungen:
ausgesprochener Anästhesie, Paralyse, Atrophie u. s. w. verschlimmert
ebenfalls die Prognose. Endlich muss auch noch der Eriolg oder
Misserfolg gewisser Behandlungsmethoden, die Möglichkeit energischer
Einwirkungen, der Gesammtemährungszustand u. s. w. bei der Pro-
6*
68 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebroBpinalen Nerven.
gnose berücksichtigt werden; denn nur eine ZusammenfasBung und
richtige Würdigung aller einzelnen Momente kann hier vor Irrthümem
schützen.
Quoad yitam ist die Prognose fast absolut günstig , da nur in
Ausnahmefällen der Tod durch die Neuralgie herbeigeftlhrt wutl.
Auch in Bezug auf die Beseitigung des quälendsten Symptoms, des
Schmerzes kann die Prognose immer einigermassen günstig gestellt
werden, da es uns mit unseren jetzigen Palliatiynütteln meist möglich
sein wird, die Leiden der Ejranken auf ein geringes Maass zu redn-
ciren und sie dadurch erträglich zu machen.
Therapie.
Die Behandlung der Neuralgien gehört zu den am meisten be-
gehrten und auch im Ganzen nicht am wenigsten lohnenden Beschäf-
tigungen des Arztes. Die hohe Schmerzhaftigkeit des Lieidens lässt
dem Kranken rasche ärztliche Hülfe in hohem Grade wttnschens-
wertl\ erscheinen und der Arzt ist auch meist im Stande, rasch die
gewünschte Erleichterung zu verschaffen, wenn auch die definitife
Heilung nicht immer leicht gelingt. Jedenfalls soll der Arzt den
antineuralgischen Heilapparat, der allerdings in neuerer Zeit stark
reducirt worden ist, genau kennen und vollständig beherrschen. Es
soll deshalb hier eine ausführliche Darlegung der Therapie der Neur-
algien gegeben werden , auf welche wir uns bei der Besprechung
der einzelnen Neuralgien beziehen werden, um Wiederholungen zu
vermeiden.
Eine streng methodische Darstellung, geordnet nach den einzelnen
Indicationen, wie sie heutzutage gewöhnlich beliebt wird, bietet ge-
wisse Schwierigkeiten : einmal deshalb, weil manche Mittel mehreren
Indicationen genügen, also an mehreren Stellen zu erwähnen sind;
dann deshalb, weil wir es hier mit einer symptomatischen Krank-
heitsform zu thun haben und also die Indicatio morbi mit der Indi-
catio symptomatica zusammenfällt. Die anatomischen Veränderungen
deren Beseitigung sonst Gegenstand der Indicatio morbi bildet, müssen
hier unter der Indicatio causalis abgehandelt werden. Wenn wir
deshalb im Folgenden die übliche Eintheilung beibehalten, so ge-
schieht dies nur der Uebersichtlichkeit wegen und wir sind uns da-
bei bewusst, dass gegen dieselbe mancherlei einzuwenden ist
a. Prophylaxis. Dieselbe ist durchaus nicht ohne Bedeutung
fllr die Verhütung von Neuralgien. Sie kann zunächst Anwendung
finden auf solche Individuen, bei welchen eine Disposition
zu Neuralgien anzunehmen ist. Es handelt sich hier beson-
Neuralgie im Allgemeinen. Therapie. Prophylaxis. 69
ders um die Glieder neuropathisch belasteter Familien and besonders
fttr die heranwachsende Generation in solchen Familien kann der
Hausarzt durch frühzeitige Aufmerksamkeit auf die Sache Vieles
leisten.
Vor allen Dingen ist auf eine gute Ernährung zu sehen: reich-
liche Verabreichung kräftiger, nährender Speisen (Fleisch, Brod,
Eier, besonders Milch, Frttchte) in geeigneten Fällen in Verbindung
mit Leberthran ist absolut nothwendig und man braucht sich vor den
yermeintlichen Folgen einer allzu üppigen, „ erhitzenden " Ernährungs-
weise durchaus nicht zu fürchten. — Regelmässige und systematische
Huskelbewegung (Turnen, Spazierengehen, Fechten, Schwinunen,
Zimmergynmastik) ist ein wesentliches Correlat der kräftigen Er-
nährung und trägt sehr erheblich zur Kräftigung des Nervensystems
bei. Doch ist dabei ein hinreichender Wechsel zwischen Ruhe und
Thätigkeit wohl ins Auge zu fassen. — Ganz besonders wichtig ist
ausreichender Schlaf, gerade während der Wachsthums- und Ent-
wickelungsperiode ; Anstie bezeichnet täglich volle 10 Stunden als
ein durchaus nicht zu hohes Maass! — Viel Genuss frischer Luft
und Vermeidung langen Aufenthaltes in verdorbener Luft, in Schul-
räumen; Vermeidung von Stimulantien aller Art, Spirituosen, Kaffee,
Thee. Unterstützung aller dieser diätetischen Maassregeln durch
kalte Waschungen, Bäder, besonders Fluss- und Seebäder. Von be-
sonderer Wichtigkeit ist hier die Zurückhaltung des Geschlechts-
triebes, was durch Ueberwachung des Umganges, der Leetüre, der
Beschäftigung einigermassen geschehen kann ; Onanie oder frühzeitige
sexuelle Excesse sollen um jeden Preis verhütet werden, so schwierig
das auch in vielen Fällen sein mag. Endlich muss in der ganzen
Leitung der Erziehung auf die Kräftigung des ganzen Menschen in
physischer und psychischer Beziehung besonderes Augenmerk ge-
richtet werden: keine übermässige Belastung des Geistes mit Nich-
tigkeiten, sondern ernste systematische und doch anregende Beschäf-
tigung! Keine Förderung der Eitelkeit und des Ehrgeizes, keine
starke Gemüthserregung auf religiösem Gebiet, keine frivole oder
gehaltlose Leetüre, kein Besuch von schlechten, oberflächlichen Schau-
spielen — wohl aber ernste Beschäftigung mit Poesie, Musik, Kunst !
Dem denkenden Arzt mögen diese Andeutungen genügen. (Vgl. die
trefflichen Bemerkungen von Anstie über diesen hochwichtigen
Gegenstand 1. c. p. 212 ff.) Er wird in vielen Familien einen empfäng-
lichen Boden für derartige Maassregeln finden, darf aber nur von
einer sehr consequenten Durchführung derselben erheblichen Erfolg
erwarten.
j
70 Ebb, Elraukheiten der periphercn-cerebrospinalen Nerven.
In zweiter Linie kann die Prophylaxe nothwendig werden bei
Leuten, die schon einmal an Neuralgie gelitten haben
und die sich vor Recidiven schützen wollen. Hier müssen vor allen
Dingen die bekannten Schädlichkeiten vermieden werden: die Indi-
viduen haben sich vor Erkältung, vor schlechter Ernährung und be-
sonders vor geistigen oder körperlichen Ueberanstrengungen zu hüten
und dies besonders zu Zeiten, welche ohnehin der Entstehung von
Neuralgien günstig sind (Pubertät, Klimakterium etc.). Leute, welche
sehr angestrengt beschäftigt sind, sollen sich von Zeit zu Zeit Er-
holung gönnen, jeden Sommer ihre Luftcur an einem passenden
Orte gebrauchen. Fast in allen Fällen wird es von Nutzen sein,
solche Leute durch eine vorsichtige, systematische Abhärtungscur
allmälig gegen äussere Schädlichkeiten resistenter zu machen; es
muss dem Ermessen des Arztes in jedem Einzelfalle überlassen
bleiben, welche Stufenfolge der Körperbewegungen, Bäder, kalten
Waschungen u. s. w. jeweils die zweckmässigste ist.
Endlich kann aber auch die Prophylaxe während des Bestehens
einer Neuralgie dazu dienen, die Paroxysmen zu verhüten.
Die zweckmässigsten Maassregeln dazu sind : möglichst absolute Ruhe
des kranken Theiles (kein Kauen oder Sprechen bei Gesichtsschmerz,
kein Gehen bei Ischias!); Vermeidung von äusserer Kälte und Nässe,
von Luftzug, ebenso aber auch von Sonnenhitze oder grellem Licht
(bei Gesichtsneuralgien); Vermeidung von Gemüthsbewegungen, Ver-
dauungsstörungen und allen etwaigen Schädlichkeiten, welche die
Erfahrung als Veranlassungen der Paroxysmen in dem einzelnen Fall
kennen gelehrt hat.
b. Indicatio causalis. Auf sie muss ganz besondere Rück-
sicht genommen werden, weil ihre Erftlllung in vielen Fällen die
Grundbedingung der Heilung ist. Es fallen unter diese Kategorie
auch die gröberen anatomischen Läsionen, welche die nächsten
Ursachen des Symptoms „Schmerz" darstellen, in welchen wir bei
unseren jetzigen Kenntnissen ja die Hauptsache bei der Neuralgie
erblicken müssen.
Die einfachsten Verhältnisse bieten anscheinend Traumen und
Fremdkörper als Ursachen der Neuralgien; doch sind wir auch
hier in vielen Fällen ohnmächtig in unsem Bestrebungen; wo die
Lage der Theile es gestattet, sind chirurgische Eingriffe zu machen
und häufig auch von glänzendem Erfolg begleitet: so die Excision
oder Correctur von Narben, Entfernung von Fremdkörpern, Resection
und Wiedervereinigung gequetschter oder zerrissener Nerven u. s. w.
Dieselbe Aufgabe bietet sich bei mechanischen Ursachen der
Neuralgie im AlTjcemeinen. Therapie. Causalbehandlung. 71
Neuralgie (Druck von Geschwülsten, Compression durch Periostitis,
Hyperostosen, gewucherten Callus, verhärtete Fäcalmassen u. s. w.).
Wo es möglich ist, mässen diese drückenden Körper auf chirurgischem
oder anderem Wege entfernt werden und das hat gewöhnlich glän-
zenden Erfolg; so besonders bei Neuromen und Tubercula dolorosa.
Ist eine chirurgische Behandlung nicht möglich, so muss man suchen
durch die anderen bekannten Mittel (erweichende, resorbirende Mittel,
Antiphlogistiea, Bäder, Ableitungen u. dgl. je nach dem einzelnen
Fall) die drückenden Gewebe zu verkleinern und zum Schwinden
zu bringen; wie wenig Erfolg das aber in den meisten Fällen hat,
lehrt die Erfahrung.
Sind Hyperämien oder Stasen in der Umgebung des
Nerven die Ursache von Neuralgien, so sind die dagegen gerichteten
Mittel (Blutentziehungen, geeignete Lagerung, Ableitung auf den
Darm u. s. w.) gewöhnlich erfolgreich; dafür bietet die durch
hämorrhoidale Stasen unterhaltene Ischias nicht selten schlagende
Belege.
Die organischen Leiden der Centralorgane, welche
von Neuralgien begleitet sind (Gehirntumoren, Gehirnabscess, Menin-
gitis, Tabes, Myelitis u. s. w.) müssen nach den bei diesen Krank-
heiten üblichen Methoden behandelt werden, die an den betreffenden
Stellen dieses Werkes nachzusehen sind.
Liegt nachweisbare Neuritis (s. diese) zu Grunde, so ist Anti-
phlogose angezeigt : Blutentziehungen, Kälte, Ableitung auf Haut und
Darm, später resolvirende Mittel, Galvanismus.
Bei rheumatischen Ursachen sieht man häufig raschen
Erfolg von energischer und frühzeitiger Diaphorese, am besten durch
Dampfbäder, verbunden mit örtlicher Antiphlogose und Ableitung
auf die Haut (Sinapismen, Vesicantien); von älteren Aerzten (Eisen -
mann) wird hier besonders Colchicum in Verbindung mit etwas
Opium gerühmt; in veralteten rheumatischen Fällen thun besonders
die indifferenten Thermen (Wildbad, Teplitz, Gastein — auch Baden-
Baden und Wiesbaden) gute Dienste; femer Kaltwassercuren und
besonders die Elektricität. Einen gewissen Nutzen gewährt häufig
auch das Ueberwintern in einem milden Klima und der Gebrauch
des Jodkalium.
Von grosser Wichtigkeit ist die energische Bekämpfung der
neuropathischen Disposition, die so häufig den Neuralgien
zu Grunde liegt. Es geschieht diese nach allgemein therapeutischen
Grundsätzen; eine detaillirte Schilderung würde hier viel zu weit
führen. Es mag kurz darauf hingevriesen werden, dass die sog.
72 Ebb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
„ nerTenstärkende Methode " im weitesten Umfang in Anwendnng ge-
bracht werden muss; besondere Beachtung verdient die Regolirang
der Diät nnd Lebensweise, Soi^e für hinreichenden Schlaf, fleissige
Bewegung in freier Luft , Anwendung Ton kalten Waschungen und
Bädern, Seebädern, Aufenthalt in Gebirgsluft; alles dies untersttttzt
von im Einzelfalle angezeigten Medicamenten (Chinin, Eisen, Nerrims^
Phosphor, Strychnin u. a.) eventuell auch Mineralwassercuren. Nur
strenges Individualisiren , sorgfältige Auswahl der Cunnethoden und
grosse Ausdauer im Gebrauch derselben können hier erfolgreich sein.
Da notorisch eine sehr grosse Zahl von Neuralgien auf Grundlage
einer nervösen Disposition entsteht, hat der Arzt allen Grund, sich
mit den Details und den Htllfemitteln der nervenstärkenden Methode
aufs Genaueste bekannt zu machen. — Sind deutliche hysterische
Grundlagen vorhanden, so mögen nebenbei noch die Antihysterica
ihre Stelle finden.
Aehnliche Wichtigkeit besitzt die Anämie in ihren mannich-
fachen Formen als Grundlage von Neuralgien und die Eisenpräparate
verdanken ihren grossen antineuralgischen Ruf gewiss nur dem Um-
stand, dass gar so viele Neuralgien in Folge von Anämie entstehen.
Auch hier können Details nicht gegeben werden : die mannichfachsten
Modificationen in der bekannten Behandlung von Anämie und Chlorose
können hier nothwendig werden; natürlich spielen neben reichlicher
Ernährung die Eisenpräparate hier eine Hauptrolle ; wo sie im Stich
lassen, kann Arsenik mit Nutzen gegeben werden; Anstie empfiehlt
als besonders wirksam bei anämischen Neuralgien junger Frauen eine
Verbindung von Liqu. ferr. sesquichlorat. (10—15 Tropfen) mit Strychn.
(0,0015) mehrmals täglich.
Bei dyskrasischen und kachektischen Zuständen (als
z. B. Scrophulose, Tuberculose, Gicht u. s. w.) finden die bei diesen
Krankheiten als wirksam befundenen diätetischen und pharmaceutischen
Maassnahmen ihre Stelle. — Wird Syphilis als Ursache einer Neur-
algie angenommen, so sind je nach dem Stadium der Krankheit die
Quecksilberpräparate und das Jodkalium angezeigt und meist sehr
wirksam. — Bei nachweisbaren Intoxicationen (Alkohol, Queck-
silber, Blei etc.) versäume man nicht, die gegen dieselben wirksamen
Curmethoden energisch zur Anwendung zu bringen.
Von dem glänzendsten Erfolge ist endlich die causale Behand-
lung bei den Malarianeuralgien. In solchen Fällen typischer
Neuralgien, die auf wirklicher Malariainfection beruhen, beseitigen
einige tüchtige Gaben Chinin das Uebel fast immer in zauberhafter
Neuralgie im ADgemeinen. Therapie. Diät. 73
Weise; und nar in seltenen Fällen hat man nöthig, zum Arsenik zu
greifen, wenn Chinin im Stich lässt.
Indicatio morbi und symptomatica. Wir handeln die-
selben zusammen ab, da die meisten hier zu besprechenden Heil-
mittel nach beiden Richtungen hin wirken, während wir zur Zeit
noch gänzlich ausser Stande sind, über das eigentliche Wesen der
Krankheit etwas Bestimmtes auszusagen und dieselbe noch als eine
symptomatische Krankheitsform auffassen müssen, bei welcher die
BdLämpAing des Hauptsymptoms mit der Bekämpfang der Krankheit
selbst zusammenfällt.
Wir begegnen hier einer ganz colossalen Menge von Mitteln,
welche als Antineuralgioa sich eines gewissen Rufes erfreut haben
und zum Theil noch erfreuen. Es war eine kritische Sichtung in
diesem seit alten Zeiten aufgehäuften Material nöthig; und sie ist
auch in den letzten Decennien reichlich gettbt worden. Die neuere
Zeit hat die Zahl der gegen Neuralgie gebrauchten Mittel auf wenige
Gruppen reducirt; die übrigen hat man entbehren gelernt und nur
in verzweifelten Fällen greift man noch auf sie zurück, um hie und
da zu erfahren, dass sie doch manchmal auch etwas nützen.
Es mag hier zunächst gestattet sein, einige Bemerkungen über
die Diät und Lebensweise der an Neuralgie Leidenden zu
machen ; ihre sorgfältige Regulirung muss in allen Fällen einen inte-
grirenden Theil der Behandlung bilden und erftlllt nicht selten mehrere
Indicationen. Die hier anzuftlhrenden Vorschriften beziehen sich natür-
lich vorwiegend auf die schwereren Fälle.
Die Kranken sollen vor allen Dingen geistige und körperliche
Ruhe bewahren, müssen sich von allen anstrengenden Arbeiten fem
halten, alle öemüthsbewegungen vermeiden ; wenn möglich, ist völliges
Zurückziehen von den Geschäften für einige Zeit durchzufllhren. —
Demnächst steht im Vordergrund die Soi^e für ausreichende Erholung
und besonders ftir reichlichen Schlaf; wenn nöthig, muss derselbe
durch Medicamente erzielt werden (am besten Ghloral, sehr zweck-
mässig in Verbindung mit etwas Morphium). — Sehr zu empfehlen
ist grosse Regelmässigkeit des Lebens, richtige Abwechslung von
Arbeit und Erholung, regelmässige Mahlzeiten mit etwas Ruhe dar-
nach. Massige Bewegung in ireier Luft an schönen Tagen, oder bei
schwächlichen Personen auch nur Aufenthalt in der Luft, ist sehr
ntttEÜcb. — Die Nahrung muss (immer mit Berücksichtigung indivi-
dueller Verhältnisse) eine sehr reichliche, roborirende sein, besonders
bei sehr jungen und bei älteren Individuen. Anstie kann eine sehr
reichliche, das Maass des ftir Gesunde Nothwendigen sogar überstei-
74 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
gende EmähruDg nicht genug rühmen; dieselbe soll Überhaupt bei
allen chronischen Neurosen von evidentem Nutzen sein. Hervor-
ragend wichtig ist dabei ohne Zweifel eine reichliche Zufuhr von
Fett mit der Nahrung; neben reichlicher Zufuhr von Fleisch, Milch,
Eiern, Brod etc. wird deshalb besonders der fortgesetzte Gebrauch
grosser Dosen von Leberthran empfohlen; wird derselbe nicht er-
tragen, so kann man versuchen, ihn einiger massen zu ersetzen durch
reichlichen Genuss von Rahm, Butter, Olivenöl, Cocosnussöl oder
dergleichen. Leider haben Neuralgische oft schlechten Appetit und
Aversion gegen gewisse Nahrungsmittel und ihr Magen ist nicht im
Stande, den an ihn gestellten gesteigerten Anforderungen zu geniigen ;
bei einiger Ausdauer und Geschicklichkeit und bei gutem Willen der
Patienten wird man es aber doch in vielen Fällen zu der gesteigerten
Nahrungsaufnahme bringen. — Der Genuss von Spirituosen ist nur
erlaubt, insofern dieselben als Nahrungsmittel mit den Mahlzeiten
genossen werden und in dieser Weise ist der Genuss eines guten
Weines oder kräftigen Bieres wohl zu gestatten ; dagegen haben sich
die Kranken zu hüten vor reichlichem Genuss von Spirituosen; be-
sonders dürfen dieselben nicht in narkotisirenden Dosen genossen
werden.
Gleichmässige Temperatur wird von den Kranken immer wohl-
thätig empfunden werden ; auch ist durch die Kleidung Schutz gegen
rasche J^bkühlung und Erkältung zu gewähren; dabei darf dieselbe
nicht allzu warm sein, es muss im Gegen theil eine gewisse Abhär-
tung angestrebt werden durch kalte Waschungen, Abreibungen, Bäder
(natürlich anfangs mit temperirtem, allmälig kälterem Wasser).
Ueberhaupt ist der Gebrauch der Bäder als diätetisches Mittel nicht
zu vernachlässigen; Anstie empfiehlt auch die türkischen (heissen
Luft-) Bäder mit nachfolgender Rückendouche als zweckmässiges Ab-
härtungsmittel. — Endlich müssen die Kranken die oben erwähnten
prophylaktischen Maassregeln gegen das Auftreten der Anfälle be-
folgen.
Je nach individuellen Verhältnissen, Allgemeinbefinden, Habitus,
Lebensgewohnheiten, Krankheitsursachen u. s. w. müssen in den hier
aufgezählten Maassregeln Erweiterungen und Modificationen eintreten,
die aufzuzählen hier nicht der Ort ist.
Die eigentlichen Heilmittel der Neuralgie verfolgen alle
den Zweck, die hypothetisch angenommene krankhafte Ernährungs-
störung des Nerven zum Ausgleich zu bringen und dadurch die
Schmerzanfälle, das Hauptsymptom der Neuralgie, zu beseitigen.
Wie dies durch die bierhergehörigen Mittel zu Wege gebracht wird,
Neuralgie im Allgemeinen. Therapie. Elektricität. 75
darüber können wir jetzt noch keine annehmbare Meinung aus-
sprechen, weil uns das Wesen des krankhaften Ernährungsvorgangs,
weil uns die feinere Art und Weise, wie der neuralgische Schmerz
entsteht, noch unbekannt sind. Die theoretischen Vorstellungen,
welche man sich gewöhnlich von dieser Wirkungsweise macht (Be-
seitigung anatomischer Veränderungen und Circulationsstörungen, Ent-
fernung Ton abnorm starken Reizen, Verminderung der krankhaften
Erregbarkeit des Nerven u. s. w.), haben gewiss ihre Berechtigung,
aber doch noch zu wenig sichere thatsächliche Grundlagen, als dass
nicht eine eingehendere Beschäftigung mit denselben vorläufig als
fär den Praktiker ziemlich wertfilos erscheinen mttsste. Wir gehen
deshalb gleich zur Betrachtung der Heilmittel selbst tlber.
Hier sind es hauptsächlich 3 Gruppen von Mitteln, welche heut-
zutage im Vordergrunde der Neuralgiebehandlung stehen und in der-
selben am Meisten leisten: nämlich t. die Elektricität in ihren
verschiedenen Formen; 2. die Narcotica, besonders in der hypo-
dermatischen Applicationsweise und 3. gewisse specifischeMittel,
Nervina, welche erfabrungsgemäss in vielen Fällen wirksam sind.
Damit sind jedoch unsere Hülfsmittel nicht erschöpft, sondern wir
werden weiterhin noch andere, wichtige und mächtige Heilmittel
(Kälte, Bäder, Ableitungsmittel, chirurgische Eingriffe u. s. w.) zu
besprechen haben, welche allerdings an umfassender Anwendbarkeit
und Wirksamkeit hinter den genannten 3 Gruppen zurückstehen.
1. Die Elektricität hat sich in neuerer Zeit einen ganz her-
vorragenden Platz in der Therapie der Neuralgien erworben durch
ihre glänzenden Erfolge bei allen möglichen Formen derselben. Ihre
Wirkungsweise ist noch ziemlich dunkel, wahrscheinlich aber eine
mehrfache: sie kann die Erregbarkeit der sensiblen Nerven ver-
mindern, abnorme Reize von denselben entfernen, kann ihre Ernäh-
rung modifidren, kann Hyperämien, Entzündungen beseitigen und
endlich auch ableitend wirken — kann also mehreren Indicationen
zugleich genügen. Die Methoden ihrer Anwendung sind mannichfach
ausgebildet worden, besonders seit Wiedereinflihrung des galvanischen
Stroms in die Praxis durch Remak. Die Erfolge der Elektrothe-
rapie sind auch wohl auf keinem Gebiete so unbestritten, wie auf
dem der Neuralgien.
Die beiden, jetzt fast ausschliesslich gebrauchten Elektricitäts-
arten, der faradische und der galvanische Strom sind wirksam, der
letztere jedoch in höherem Grade und in vielseitigerer Weise als
der erstere.
Der faradische Strom ist vorwiegend nützlich bei peripheren
76 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
NenralgieD, wo die Nerven vom Strom erreicht werden können, and
in Fällen, wo keine erhebliche anatomische Veränderang, keine Nenritis
oder dgl. vorhanden ist, also besonders bei den sogenannten reinen
idiopathischen, » habitnellen ** Neuralgien. (Als Hautreiz, Ableitungs-
mittel reicht seine Wirksamkeit wohl noch etwas weiter.)
Der galvanische Strom hat mindestens dieselben Wirkungen
auf die peripherischen Neuralgien, ist aber ausserdem von eminenter
Wirksamkeit bei centralen und tiefsitzenden Neuralgien (spinalen,
cerebralen und Wurzelneuralgien). Er besitzt ausserdem durch seine
n katalytischen "^ Wirkungen (Einfluss auf die Gefässe, auf Exsudationen,
trophische Vorgänge) ein sehr umfangreiches Wirkungsgebiet auch
bei Neuralgien, die von dem faradischen Strom unbeeinflusst bleiben.
Spedelle Indicationen sind noch nicht vollständig anzugeben, da
auch hier die meisten Thatsachen erst empirisch gefunden werden
müssen und noch vielfach der Bestätigung bedürfen. Natürlich können
nicht alle Neuralgien durch die Elektricität geheilt werden; dieselbe
wirkt nicht einmal bei allen als sicheres Palliativ, sondern «wird in
dieser Beziehung von den Narcoticis entschieden übertroffen. Dies
gilt besonders flir die Neuralgien durch erhebliche anatomische Ver-
änderungen, für die durch Anämie, Intoxicationen hervorgerufenen,
so lange diese Ursachen noch fortwirken.
Dagegen bieten die sogenannten idiopathischen Neuralgien, femer
die meisten rheumatischen und neuritischen, die habituell gewordenen
und endlich auch ein Theil der excentrischen Neuralgien der Elektri-
cität und besonders dem galvanischen Strom ein ausgebreitetes und
dankbares Wirkungsgebiet. Die Erfolge sind oft geradezu frappant,
treten sofort ein ; in anderen Fällen ftlhrt aber erst eine länger fort-
gesetzte und consequente Behandlung zum Ziel.
Die Resultate, welche von den verschiedenen Elektrotherapeuten
in übereinstimmender Weise gemeldet werden, sind in hohem Grade
günstig. In den bekannten Lehrbüchern der Elektrotherapie (Alt-
haus, M. Meyer, Rosenthal, Benedict, Beard und Rock-
well, Duchenne) finden sich daflir die unzweideutigsten Belege.
Ich selbst war in der Lage, diese günstigen Angaben durchaas zu
bestätigen und habe die in einer früheren Publication (Deutsch. Arch.
f. klin. Med. Bd. III) gegebenen günstigen Resultate auch bei einer
weiteren, grösseren Anzahl von Fällen erhalten.
Die M.ethoden der elektr. Behandlung mögen hier nur kurz
angedeutet werden, indem für alle Details auf die genannten Hand-
bücher der Elektrotherapie verwiesen werden muss.
Die faradiache Behandlung bedient sich zweier Methoden:
Neuralgie im Allgemeinen. Therapie. Elektricität. 77
a. Durchleiten eines starken Stromes der seeundären Spirale durch
den Nenren mittelst feuchter Elektroden^ möglichst central am Nerven-
stamm; starker Strom , einige Minuten hindurchgeleitet; meist öftere
Wiederholung nöthig.
b. Sehr energische Hautreizung mittelst des elektrischen Pinsels
oder als elektrische Moxe (Duchenne, M. Meyer) im Verbreitungs-
bezirk des Nerven, an seiner Austrittstelle und über den Points dou-
lourenx. Diese Methode, häufig von grosser Wirksamkeit, gehört
eigentlich unter die Rubrik der Ableitungsmittel (s. u.).
Die galvanische Behandlung verfolgt besonders den Zweck,
modificirend auf die Emährungsverhältnisse des Nerven zu wirken,
sogenannte katalytische Effecte hervorzurufen und die Erregbarkeit
des Nerven herabzusetzen. Dieser Zweck wird am besten erreicht
dnrch sogenannte stabile Ströme. Die von den Elektrotherapeuten
jetzt mit Eifer ventilirte Frage, wie diese anzuwenden, ob nach der
polaren oder nach der Richtungsmethode, muss erst noch definitiv ent-
scbieden werden: die Erfolge scheinen jedoch bei beiden Methoden
ziemlich gleich gut. Nach der polaren Methode wird am besten die
Anode stabil angewendet, mit langsam an- und abschwellender Strom-
stärke ; die Anode wird dabei nacheinander auf den Nervenstamm (wo-
möglich in nächster Nähe des eigentlichen Krankheitsherdes) und auf
die Points douloureux aufgesetzt, die Kathode auf irgend einen indif-
ferenten Punkt. Manchmal scheint auch die stabile Einwirkung der
Kathode besser zu wirken, was wohl durch katalytische Wirkungen
zu erklären ist. — Die Richtungsmethode zieht die „absteigende"
Stromesrichtung vor: dabei kommt die Anode auf den Plexus oder die
Wurzeln, die Kathode auf den Nervenstamm und die Points doulou-
reux zu stehen. — Hauptgrundsatz ist dabei immer: Behandlung in
loco morbi. Das hat besonders wichtige Consequenzen für die Be-
handlung der excentrischen Neuralgien: dieselbe ist nur erfolgreich,
wenn der Strom direct auf Gehirn oder Rückenmark applicirt wird;
ausserdem ist aber in manchen Fällen dann auch noch eine periphere
Behandlung nöthig, vielleicht um abnorme Erregbarkeitsverhältnisse in
den peripheren Nervenbahnen zu beseitigen. Die von Remak einge-
führte Methode der Behandlung mancher Neuralgien auf indirectem
Wege, von den Sympathicusganglien aus, sowie die von Beard und
Rockwell empfohlene „allgemeine Elektrisation*^ als Hauptmethode
gegen die sogenannten constitutionellen Neuralgien sind noch nicht hin-
reichend controlirt und geprüft, um als nützlich empfohlen werden zu
können. — Für manche Fälle scheint die Behandlung der schmerz-
haften Druckpunkte an der Wirbelsäule sehr günstig zu wirken
(Mor. Meyer); sie werden der stabilen Einwirkung der Anode
unterworfen.
Ueber die Dauer und Häufigkeit der einzelnen Applicationen lässt
sich nicht viel Allgemeines sagen : im Durchschnitt sollen die Sitzungen
nur kurz sein (2 — 6 — 8 Min.) und täglich oder jeden anderen Tag
wiederholt werden, selten mehrmals täglich. Die Stromstärke muss
im Allgemeinen eine massige sein.
Der Erfolg ist gewöhnlich ein momentaner und dauert anfangs
78 Ebb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
verschieden lange Zeit (ein paar Stunden bis Tage) an^ um endlich
nach mehr oder weniger zahlreichen Applicationen ein ganz dauernder
zu werden. Wenn nach einer massigen Anzahl (6 — 10) Sitzungen
gar kein erheblicher Erfolg erzielt werden konnte, ist der Fall in der
Hegel als für die elektrische Behandlung nicht geeignet anzusehen.
2. Die Narcotica (und Anaesthetica) spielen heutzutage in
der Therapie der Neuralgien eine sehr grosse Rolle ; man kann ohne
dieselben nicht mehr auskommen, da sie ungemein sichere und an-
genehme Palliativmittel sind. Sie werden in dieser Hinsicht von
keinem anderen Heilmittel tibertroffen, besonders seit man gelernt
hat, sie durch hypodermatische Injection in sehr geringer und doch
ungemein wirksamer Dosis dem Organismus einzuverleiben ; sie haben
sich dadurch einen sehr umfassenden und segensreichen Wirkungs-
kreis erworben. — Trotz der vielfachen Experimentation mit diesen
Mitteln wissen wir über ihre eigentliche Wirkungsweise noch sehr
wenig. Man hat sie ursprünglich nur als schmerzstillende Agentien
also rein symptomatisch angewendet und in der That werden nicht
leicht die Hoffnungen auf diesen Theil ihrer Wirkung getäuscht;
allein andererseits lehrt auch die Erfahrung, dass unter dem Gebrauch
dieser Mittel zahlreiche Neuralgien zur Heilung gelangen,, dass sie
also auch als eigentliche Heilmittel wirken. Den schmerzstillenden
Effect führt man gewöhnlich zurück auf die Aenderung des Erreg-
barkeitszustandes, welche sowohl die peripheren, wie die centralen
Empfindungsapparate durch die Narcotica erfahren ; die Wirkung auf
die Centralorgane ist jedenfalls die überwiegende und wichtigere
und aus ihr besonders erklärt sich der grosse palliative Nutzen der
Narcotica. Wie die curative Wirkung zu Stande kommt, daflir
existiren nur sehr ungenügende Hypothesen: man spricht von einer
dauernden Herabsetzung des Erregbarkeitszustandes, also wohl von
feineren nutritiven Modificationen in den Empfindungsapparaten ; auch
wäre denkbar, dass durch die dem Nervensystem gewährte Ruhe
und den Schlaf, welchen die Narcotica herbeifllhren , eine Aus-
gleichung der krankhaften Ernährungsstörungen und damit Heilung
angebahnt wird. Das mag vorläufig auf sich beruhen — jedenfalls
besitzen wir in der hypodermatischen Iigection gewisser Narcotica
ein vortreffliches und sicheres Palliativmittel bei Neuralgien; und
ausserdem werden durch dieselben manche Neuralgien, besonders
leichtere, frisch entstandene Fälle peripherischen Sitzes definitiv
geheilt.
Weitaus die wichtigsten hier in Frage kommenden Mittel sind
die Alkaloide des Opium, und zwar fast ausschliesslich das Mor-
Neuralgie im Allgemeinen. Therapie. Narcotica. 79
•
phinm, welches wohl das dominirende Mittel in der subcutanen
Therapie genannt werden darf. Am zweckmässigsten und sichersten
ist nämlich die Einverleibung desselben durch hypodermatische
Injection.
Die hypodermatische (subcutane) Injection ist wohl heutzutage so
sehr Gemeingut aller Aerzte geworden , dass es eines näheren Ein-
gehens auf dieselbe nicht bedarf. Man fuhrt sie aus mittelst kleiner
(Pravaz'scher oder Luer'scher) Spritzen, die eine feine Stiletcanüle be-
sitzen und so die Einbringung gelöster Arzneikörper in das Unterhaut-
zellgewebe gestatten. Die Hauptsache ist, dass man die genau abge-
messene Fltissigkeitsmenge wirklich in das Unterhautzellgewebe bringt ;
das kann bei einiger Uebung sehr leicht ohne grosse Belästigung des
Kranken geschehen; man muss vermeiden, die Injection in das Gewebe
der Cutis selbst zu machen, weil dadurch grössere Schmerzhaftigkeit,
Anschwellung und selbst Entzündung entstehen kann. — Die Wahl
der Applicationsstelle ist nicht gleichgültig; nur wo es sich ausschliess-
lich um Erzielung der Allgemeinwirkung (auf das centrale Nerven-
system) handelt, kann man eine beliebige Hautstelle wählen und zwar
am besten eine solche, welche sich durch dünne Haut und lockeres
Unterhautzellgewebe auszeichnet, z. B. Schläfe, Schlüsselbeingegenden,
vordere Bauchwand, innere Fläche der Vorderarme und Oberschenkel.
Will man ausserdem die locale Wirkung erzielen, wie das bei Neural-
gien gewöhnlich der Fall ist, dann injicirt man in möglichster Nähe
des afficirten Nervenstammes, an die Schmerzpunkte u. s. w. — Die
grossen Vortheile dieser Methode beruhen auf der grösseren Schnellig-
keit und Sicherheit der Resorption der Arzneikörper, auf der gleich-
zeitigen Erzielung der Allgemein- und der örtlichen Wirkung, auf der
Möglichkeit einer genaueren Dosirung der Mittel, welche zugleich in
viel kleineren Dosen wirksam sind; endlich darauf, dass sie die Yer-
danungsorgane gar nicht oder nur in geringem Grade belästigen, den
Appetit wenig stören.
Die Dosirung geschieht am zweckmässigsten in der Weise, dass
man eine Lösung verwendet von solcher Stärke, dass jeder Theilstrich
der Spritze (oder 5 oder 10 Theilstr.) ein Milligramm (oder mehrere)
des Medicamentes enthält, so dass man durch einfaches Ablesen der
Theilstriche leicht bestimmen kann, wie viel man ii^jicirt. Zu dem
Zweck muss natürlich die Spritze genau tarirt werden. Das beste
Lösungsmittel ist Aqu. destill; doch kann man durch Hinzufügen
gleicher Theile von Glycer. pur. der Lösung mehr Beständigkeit und
Haltbarkeit verleihen. Die Stoffe müssen zuvor in dem erwärmten Gly-
cerin gelöst werden. (Ueber die Technik der Injection, die Cautelen
dabei, die genaue Dosirung, die Lösungsmittel und über Alles, was
zur hypodermatischen Injection gehört s. Eulenburg, Die hypoder-
matische Injection 2. Aufl. Berlin 1867.)
Die Dosis, in welcher Morphium muriat. ii\)icirt wird, schwankt
von 0,005 bis 0,10 Grammes; man beginnt mit den schwächsten
Dosen und steigt nur allmälig zu den höheren ; meist kann man die
80 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
einmal wirksam beftmdene Dosis längere Zeit beibehalten ; doch tritt
auch hier allmälig Gewöhnung ein. Nicht selten sind unangenehme,
aber gefahrlose Nebenerscheinungen, die besonders bei Injection am
Kopf und Hals leicht eintreten: Angstgefühl, Schwindel, Benomm^-
heit des Kopfes, Schlafiieigung, Betäubung, Uebelkeit und Erbrechen ;
sie gehen meist rasch vorttber, doch ist es gut, die Kranken vorher auf
ihr mögliches Eintreten vorzubereiten. — Man wendet die Morphium-
injectionen zunächst überall da an, wo eine rasche und sichere Be-
seitigung des Schmerzes dringend angezeigt ist; femer, wo man durch
palliative Beseitigung des Schmerzes die Leiden der Ej-anken erleich-
tem will, bis durch andere Mittel definitive Heilung herbeigeführt
wird; endlich auch zu curatlven Zwecken, wenn man annehmen
darf, dass das Morphium an sich Heilung herbeiitihren kann. Es
ist nicht gut, die Injectionen allzuhäufig zu machen; einmal täglich,
höchstens 2 mal soll die Regel bilden; in schweren Fällen muss
man den Kranken aber auch mehr gestatten. Zu eigentlich ourati-
tiven Zwecken ist es nützlich, durch die Injectionen mehrere Tage
lang die Schmerzparoxysmen möglichst vollständig zu unterdrücken;
es scheint dies für die Herbeiftlhmng der Heilung günstig zu sein.
— Der Effect der Morphiuminjection ist meist ein sehr frappanter:
in wenig Minuten sind die Kranken oft von den wüthendsten Schmerzen
befreit, fühlen sich wie neugeboren, können sprechen, essen, sich be-
wegen u. s. w. Diese Euphorie dauert, je nach der Heftigkeit des
Falles und der Grösse der injicirten Dosis verschieden lange Zeit
— Stunden bis Tage lang — an. Je nach Umständen steigert oder
vermindert man die injicirte Dosis. Nach länger fortgesetztem Ge-
brauch einigermassen grosser Dosen von Morphium, an welchen be-
sonders Kranke, welchen man die Injectionen selbst zu machen ge-
stattet, leicht gerathen, tritt ein Zustand ein, der mit dem Alcoholis-
mus grosse Aehnlichkeit hat (Hyperästhesie, Neuralgien, Schlaflosig-
keit, Gehschwäche, Zittern, Neigung zur Transpiration, psychische
Depression, Delirium tremens u. s. w.), und nur unter den grössten
Qualen können die Kranken von dem Gifte entwöhnt werden. Nach
Levinstein*) ist die plötzliche Entziehung der successiven ent-
vorzuziehen; sie erfordert aber eiserne Consequenz und grosse
Energie des Arztes und vollkommen sichere Ueberwachung des
Kranken. Den drohenden Collaps bekämpft man mit reichlichen
Dosen von Stimulantien , zweckmässiger Diät u. s. w. Contraindi-
eirt sind die Morphiuminjectionen natürlich bei grosser allgemeiner
I) Die Morphiumsuchl. Berl. klin. Woch. 1875 No. 48 u. 1876 No. 14.
Neuralgie im Allgemeinen. Therapie. Narcotica. 81
Schwäche, hohem Alter, Gehimhyperämie, organischen Herzkrank-
heiten etc.
Neben dem Morphium kommen die übrigen Opiumpräparate
kaum in Betracht (Extr. opii, Tinct. op. simpl., Narcein, Godein,
Narcotin u. tf. w.). Sie können getrost verlassen werden.
Von den übrigen Narcoticis verdient nur das A tropin noch
einer besonderen Erwähnung. Es hat ähnliche antineuralgisehe Wir-
kungen wie das Morphium, hilft sogar in manchen Fällen, wo jenes
im Stich lässt. Von besonderer Wirkung soll es nach Anstie bei
glaucomatösen Neuralgien und bei solchen des Beckens sein. Wegen
der Gefahr heftiger Intoxicationserscheinungen, welche oft schon bei
Minimaldosen eintreten, wird man aber nur im Nothfall zu diesem
Mittel greifen. Die Injectionsdosis ist 0,0005—0,001—0,003. Alt-
haus erklärt die combinirte Anwendung von Morph. (0,01) und
Atropin (0,001) flir besonders wirksam in vielen Fällen.
Wo die Verhältnisse die Anwendung der hypodermatischen In-
jectionen nicht gestatten (und das wird häufig genug in der Privat-
praxis der Fall sein), da muss man sich zur inneren Anwendung
der Narcotica entschliessen ; dieselbe erfordert höhere Dosen und ist
dabei weniger wirksam, stört häufig die Verdauung. Man reicht dann
Morph. 0,01 bis 0,10 in mehrfach wiederholten Gaben ; zweckmässig
ist eine Verbindung desselben mit mittleren Dosen von Chinin: es
wird besser ertragen und die Wirkung auf die Neuralgie ist in vielen
Fällen evidenter. Auch die übrigen Opiumpräparate, sowie Atropin,
Extr. belladonnae, hyoscyami u. s. w., können innerlich gegeben werden.
Viel weniger Vertrauen verdient die äusserliche Anwendung
der Narcotica. Die Mher hier und da gebrauchte Inoculation und
endermatische Application narcotischer Alkaloide ist heutzutage gänz-
lich verlassen. Dagegen wird man in der täglichen Praxis den Ge-
branch narkotischer Salben und Einreibungen nicht wohl entbehren
können und wird auch mit aller Vornehmheit den öfter günstigen
Effect dieser Applicationen nicht ganz wegleugnen können. Allzuviel
darf man sich freilich — besonders in schwereren Fällen — davon
nicht versprechen. Man lässt mehrmals täglich die Salbe oder Lösung
in die schmerzenden Hautpartien oder über dem erkrankten Nerven
einreiben, oder damit bestrichene oder befeuchtete Gompressen, oder
endlich narkotische Pflaster längere Zeit auflegen. Erwähnung dürften
hier verdienen : Salben mit Morph, oder Extr. opii, Extr. belladonnae ;
Salben mit Veratrin (1,0 auf 20,0) oder Aconitin (0,50 auf 20,0),
welche so lange eingerieben werden, bis bei ersterer Prickeln, bei
letzterer Taubheitsgefahl in der Haut entsteht; von entschiedener
Handtnieh d. spec Pathologie n. Therapie. Bd. XII. 1. 2. Aofl. 5
82 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Wirkung habe ich oft eine Salbe gefunden, welche Veratrin und
Extr. op. aquos. zu gleichen Theilen (ää 1,0 auf 20,0 Fett) enthält.
Trousseau empfiehlt als gutes Palliativ wässrige Atropinlösnng,
entweder (0,30— 120,0 Aqu.) mit Compressen aufgelegt, oder (0,15—
10,0 Aqu.) mehrmals täglich eingerieben; oder Extr. belladonn. 1,0
Glycer. und Amyl. aä 4,0, einzureiben und mit feuchter Compresse
zu bedecken. — Diese und ähnliche Präparate wird man nicht selten
zur Erleichterung der Kranken in Anwendung bringen.
An die Narcotica schliessen sich, der ähnlichen Wirkung
wegen, unmittelbar andieAnaesthetica (Chloroform, Aether, Liqn.
hollandicus, Amylnitrit u. s. w.). Sie wirken flüchtiger und erfahrungs-
gemäss nicht so günstig bei Neuralgien wie die Narcotica; doch
wird man in vielen Fällen ihre Wirksamkeit gern in Anspruch
nehmen. Sie wirken entweder nach ihrer Aufnahme in's Blut durch
Anästhesirung der centralen Empfindungscentren, oder bei örtlicher
Anwendung anästhesirend auf die peripheren Nervenendigungen und
wahrscheinlich hauptsächlich als Hautreize (Ableitungsmittel). Man
kann sie gebrauchen lassen : a. in Form von Inhalationen ; man lässt
aber dann die Anästhesie nur so weit gehen, bis der Schmerz ver-
schwunden ist, nicht bis zur Bewusstlosigkeit; erhält dann diesen
Zustand durch fortgesetzte massige Inhalation. Kann besonders zur
Linderung sehr heftiger Schmerzparoxysmen dienen, b. innerlich,
indem man Chloroform oder Aether zu 10—25 Tropfen in schleimigem
Vehikel öfter nehmen lässt; kann als massig intensives Palliativ
gelten; c. in Form von Klystieren (Aether und Chloroform 1,0—1,50
pro dosi im Decoct. amyli); von ähnlicher Wirkung und empfehlens-
werth bei Neuralgien im Sacralplexus oder den Beckennerven;
d. äusserUch, in Form von Salben oder Linimenten (z. B. Chloro-
form mit Ol. hyoscyam.), oder so, dass man Aether oder Chloroform
auf der Haut verdunsten lässt (am besten mit Zerstäubungsapparaten)
oder auch so, dass man mit den Anaestheticis getränkte Wattebausch-
eben auf die besonders schmerzenden Hautstellen auflegt und durch
Bedecken mit einem Uhrglas oder dergl. die Verdunstung verhütet;
endlich hat man neuerdings auch die subcutane Injection von Chloro-
form empfohlen (Bartholow. Mattison s. Virchow-Hirsch Jahres-
bericht pro 1874. IL S. 134) und zwar in Dosen von 1,25 Gramm;
ist wohl sehr schmerzhaft, soll aber nur vorübergehende Schwellung
und keine Entzündung machen. — Alle diese Applicationen können
besonders da Anwendung finden, wo eine Aenderung der Medication
wünschenswerth erscheint, wo man den Gebrauch der Narcotica
nicht zu lange fortsetzen will.
Neuralgie im Allgemeinen. Therapie. Specifica. 83
«
Hier sind einige Worte über das Chloralhydrat einzuschal-
ten. So wirkungslos dasselbe gegen schwere Neuralgien jedenfalls
ist, so erwünscht kann uns seine ausgezeichnete hypnotische Wirkung
in vielen Fällen sein und es wird zu diesem Zwecke in besonders
vortheilhafter Weise mit kleinen Dosen Morphium verbunden (etwa
1,0 Chloral auf 0,01 Morph.). — In neuerer Zeit sind auch Erfahrungen
über günstigen Einfluss des Chloral allein auf frische und leichte
Formen von Neuralgien bekannt geworden.
Weit mehr jedoch wird jetzt ein anderes Präparat als Anti-
neuralgicum gerühmt, das Grotonchloralhydrat oder wie man
nach Liebreich*) richtiger sagt, das Butyl chloral. Dies Mittel
bewirkt schon vor der Hypnose eine deutliche Heruntersetzung der
Sensibilität und zwar vorwiegend am Kopfe, im Gebiet des Trige-
minus. Seine Wirkung ist hauptsächlich eine palliative, ähnlich,
aber von kürzerer Dauer, wie die des Morphium. Von Berger*),
Brünniche') u. A. werden günstige Wirkungen bei Neuralgien,
besonders des Quintus berichtet; Mering^) dagegen sah keinen Er-
folg davon und zieht ihm das Morphium vor. Man gibt es am
besten in folgender Form: Butyl. Chloral. hydrat. 5,0—10,0, Glyc.
20,0, Aqu. dest. 130,0. Davon, nach dem ümschütteln, 1 — 2—3 Ess-
löffel in Pausen von 5 — 10 Minuten zu nehmen; nicht bei leerem
Ifagen !
Ob das Gelsemium sempervirens die ihm von der einen
Seite (Wickham Legg, Sawyer, Jurasz*), Spencer, Thom-
son) nachgerühmte, von der anderen Seite (G.Berger)') entschie-
den bestrittene antineuralgische Wirkung bewähren wird, bleibt ab-
zuwarten.
3. Die Gruppe der Specifica umfasst eine sehr grosse Anzahl
von Mitteln, von welchen man auf Treu und Glauben eine so günstige
Einwirkung auf den Emährungs- und Erregbarkeitszustand erwartet,
dass dadurch die Neuralgie schwindet (Alterantia nervina). Diese
Mittel sind theils empirisch gefunden und durch zahlreiche Erfahrungen
erprobt, theils auf Grund pharmakologischer oder physiologischer
Untersuchungen oder auch auf Grund pathologischer Theorien in die
Therapie der Neuralgien emgeftihrt und zum Theil mit grossem Un-
1) Ueber das Butylchloral. Deutsch, med. Wochenschr. No. 1. 1875.
2) Ueber Neuralgien und ihre Behandlung. Centralbl. 1875 No. 10.
3) s. Vlrchow-Hirsch Jahresber. pro 1874. Bd. 2. S. 134.
4) Berl. klin. Woch. 1875 No. 21.
5) Centralbl. f. d. med. Wiss. 1875 No. 31.
6) Centralblatt 1875 No. 43 u. 44.
6*
84 Erb, Krankheiten der periphcren-cerebrospinalen Nerven.
recht als besonders wirksam gepriesen worden. Die Erfahrung hat
noch nicht ihr endgültiges Urtheil tiber alle diese Mittel gesprochen,
doch ist jetzt schon ein sehr grosser Theil als unwirksam und min-
destens tiberflttssig zu betrachten , so dass man die ungeheure Zahl
derselben mit gutem Gewissen auf wenige, heutzutage noch anwend-
bare reduciren kann.
Ihre Wirkung in vielen Fällen ist ganz unzweifelhaft und von
den besten Beobachtern sicher gestellt; ihre Wirkungsweise aber in
den meisten Fällen total dunkel. Ein Theil wirkt wohl durch all-
gemeine Hebung der Ernährung und Blutbildung , ein anderer Theil
durch Einwirkung auf die Circulation und die Gefässe, ein anderer
durch directe Modification des molecularen Verhaltens der Nerven,
ein anderer durch Veränderungen in der Ernährung einzelner Ge-
webe u. s. w. Meist ist man wegen dieser Unkenntniss zu emer
rein empirischen Anwendung dieser Mittel gezwungen, und man
wurd nur allzu oft in Fällen, wo die vorhergehenden Gruppen im
Stiche lassen oder nicht anwendbar sind, zu ihnen zu greifen ge-
nöthigt sein.
In erster Linie ist unter diesen specifischen Mitteln der Arsenik
zu nennen; er wirkt nicht bloss als Antitypicum bei Malarianeuralgien,
sondern auch entschieden als eigentliches Nervinum; es werden ihm
bekanntlich höchst wunderbare Wirkungen auf die allgemeine Er-
nährung und den allgemeinen Tonus des Nervensystems zugeschrieben
(Isnard: „Arsenik- ist ein neurosthenisches Tonicum: er hebt die
Nervenkraft und stellt in deren getrübter Thätigkeit die Ordnung
wieder her"). Jedenfalls entfaltet er bei vielen Neuralgien eine be-
trächtliche Wirksamkeit und zwar sowohl bei frischeren Fällen, be-
sonders solchen, die regelmässige periodische Anfälle zeigen, wenn
sie auch nicht auf Malaria beruhen, als auch bei veralteten, rebel-
lischen Fällen reiner idiopathischer Neuralgien; vor allen Dingen
sind es die Neuralgien bei allgemeiner nervöser Diathese und bei
mangelhafter Blutbildung, welche dem Arsenik weichen. Man gibt
die Solutio Fowler. zu 3—8—10 Tropfen 3 mal täglich, in allmälig
steigender Gabe; oder das Acid. arsenicos. in Wasser gelöst, zu
0,008—0,01—0,03 pro die in getheilten Dosen. Immer muss dies
Medicament lange fortgebraucht werden. In neuerer Zeit hat man
auch den Arsenik subcutan injicirt (A. Eulen bürg); das hat un-
leugbare Vorzüge und wird, wie mir eigene Erfahrung gelehrt hat,
recht gut ertragen. (Kai. arsenicos. solut. 1,0, Aqu.dest. 2,0; davon
injicirt 0,30 bis 0,60 auf Ein Mal; kann mehrmals täglich wieder-
holt werden.
Neuralgie im Allgemeinen. Therapie. Spedfica. 85
Yielgerühmt ist das Zink, als Zinc. oxydat., oder Zinc. yalerian.
oder sulfur. — Mass in hohen Dosen gegeben werden. Indieationen
unsicher. Das Zinkoxjd zusammen mit Extr. hjoscyam. bildet den
wesentlichen Bestandtheil der Meglin'schen Pillen, die früher vielfach
empfohlen wurden.
Auch der Phosphor (0,001 — 0,006 pro dosi) wird von manchen
Seiten warm »empfohlen , besonders bei anämischen und neurasthe-
nischen Neuralgien.
Bismuthum, Argent. nitric, Baryum chlorat., Auronatr. chlorat.
Plumb., Hydrargyrum sind vielfach empfohlen, aber wohl selten wirk-
sanL Der Sublimat soll besondere Wirksamkeit gegen veraltete
rheumatische Neuralgien besitzen. .
Die Eisenpräparate haben unleugbar grossen Nutzen bei
anämischen Neuralgien, als blutbildende Mittel, erftlllen also hier die
Gausalindication. Ob sie direct als Nervina wirken, ist in hohem
Grade zweifelhaft und besonders das Mher vielfach in enormen
Dosen gereichte Perr. carbon. scheint keine specifische Wirkung gegen
Neuralgien zu besitzen. Dagegen schreibt Ans tie demFerr. sesqui-
chlorat eine auffallende und specifische Wirkung auf die nervösen
Centren zu.
Chinin verdient hier jedenfalls auch eine Stelle; es hat auch
bei nicht auf Malaria beruhenden Neuralgien sehr entschiedene
Wirkung. Ich habe es besonders bei frischen rheumatischen Neur-
algien in Verbindung mit kleinen Dosen Morphium (Chin. 0,20,
Morph. 0,01, mehrmals täglich) evident nützlich gefanden. Auch
von Trousseau wird es sehr gerühmt. Naunyn empfiehlt es
neuerdings in ganz enormen Dosen (3,0 — 8,0 pro die) gegen alte
Verschleppte Neuralgien, besonders wenn dieselben auf Malaria-
Ursprung zu beziehen sind. Verneuil rühmt es als das sicherste
Mittel gegen die von ihm beschriebenen traumatischen Neuralgien.
Strychnin wird vonAnstie gerühmt, innerlich oder hypoder-
matisch. Auch in Verbindung mit Liq. ferr. sesquichlor.
Das Kai. bromat. ist in vielen Fällen ein unschätzbares Mittel,
besonders da, wo es hypnotisch wirkt. Ans tie empfiehlt es be-
sonders bei Neuralgien von Leuten, welche bei sonst guter allge-
meiner Ernährung eine gewisse Unruhe und Ueberreizung des Geistes
zdgen, meist in Folge ungenügender Befriedigung des Greschlechts-
triebes; so bei zum Goelibat gezwungenen Frauen. Grosse Dosen
wie bei Epilepsie sind erforderlich.
Auch über das Kai. jodat., diesen Better in so manchen Nöthen
der Therapie, muss gesagt werden, dass es in manchen Fällen evi-
86 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
denten Nutzen bringt: so bei veralteten rheumatischen Neuralgien,
bei sehr hartnäckigen idiopathischen u. s. w.
Von vegetabilischen und animalischen Mitteln hat eigentlich nur
das Ol. terebinth. sich eines einigermassen gesicherten Rufes zu
'erfreuen; seine Empfehlung taucht immer wieder auf, unterstützt von
anscheinend sehr günstigen Resultaten. Indicationen sehr unklar:
veraltete, verzweifelte Fälle, besonders von Ischias. N«tzen oft ganz
unzweifelhaft. Dosis circa 1,0, mehrmals täglich, am besten in Gallert-
kapseln und während der Mahlzeiten zu nehmen.
Valeriana, Asafoeti da, Castoreum mögen bei hysterischen
Neuralgien versucht werden.
Neben den bis jetzt betrachteten wichtigeren Gruppen von anti-
neuralgischen Heilagentien sind aber auch noch andere gelegentlich
mit vielem Erfolg zu verwenden. Zu diesen gehört zunächst die
Kälte. Sie ist bekanntlich ein sehr energisches Mittel, um die Er-
regbarkeit der Nerven herabzusetzen und vermindert im Bereich ihrer
Einwirkung die Sensibilität sehr energisch. Dies hat zu ihrer An-
wendung bei Neuralgien geftihrt. Sie wird natürlich nur da wirk-
sam sein können, wo der leidende Nerv durch die Kälte erreichbar
ist : also bei oberflächlich gelegenen Nerven. Da die Kälte ausserdem
sehr energische antiphlogistische und antihyperämische Wirkungen
entfaltet, ist sie auch bei Neuralgien durch Neuritis, Hyperämie
rheumatische Entzündung u. dgl. mit Nutzen zu verwenden. Selbst
bei centralen Neuralgien kann man von der Application der Kälte
auf Kopf oder Rücken vielleicht Erfolg erwarten. Anwendungs-
weise: Eisblase, Aetherzerstäubung, Irrigation, kalte Douchen (Kalt-
wassercuren).
Eines alten und befestigten Rufes in der Therapie der Neuralgien *
erfreuen sich die Ableitungsmittel. Sie wurden früher ausser-
ordentlich viel angewendet, sind auch beim Publicum sehr beliebt
und verdienen auch heute noch vielfache Anwendung, da ihre Wirkung
häufig vortreflFlich ist. Man versteht bekanntlich unter „Ableitung"
(Derivation) das Aufhören eines krankhaften Vorganges oder Erregungs-
zustandes an irgend einer Körperstelle durch (künstliche) Etablirung
eines solchen an einer anderen mehr oder weniger entfernten Körper-
stelle. Die physiologischen Vorgänge dabei sind noch ziemlich wenig
erforscht und die meisten Thatsachen eigentlich nur auf empirischem
Wege festgestellt. Als Ableitungsmittel benutzen wir a. starke sen-
sible Hautreize — dadurch Alteration der sensiblen Erregung und
Empfindung in anderen Nervenbahnen und mächtige Einwirkung auf
die vasomotorischen Nerven, Gefässzusammenziehung oder -Erweite-
Neuralgie im Allgemeinen. Therapie. Ableitungsmittel. 87
rung. — b. starke Hyperämie — dadurch Beseitigung yon Hyper-
ämien am Krankheitsherd, Ablenkung des Blutes nach unwichtigen
Steilen. — c. Erzeugung von Entzündung — dadurch „Ableitung"
von Entzündung, Depletion der Blutgefässe. — d. starke Secretion
— dadurch Depletion des Circulationsapparates , Beseitigung von
Hypeiümien, Exsudaten u. s. w. Die meisten dieser Ableitungs-
mittel wirken auf die Haut, wenige nur auf Darm und Nieren; die
ersteren wurden bei Neuralgien stets bevorzugt.
Der bequemste und energischste Hautreiz ist ohne Zweifel der
elektrische Pinsel und die elektrische Moxe: ruft colossale sensible
Reizung hervor, kann beliebig abgestuft werden und hinterlässt keine
weiteren Folgen. Der Effect bei Neuralgien ist meist glänzend:
vorübergehende oder dauernde Beseitigung des Schmerzes; beson-
ders bei peripheren Neuralgien ohne materielle Grundlage anzuwen-
den. — Ganz analoger Weise wirken wohl in vielen Fällen das
Ferrum candens, die Moxen u. s. w., nämlich als starke sensible
Hautreize; besonders die Application des Glüheisens an ganz ent-
fernten Hautstellen (z. B. Gauterisation des Ohres) kann nur in
dieser Weise wirksam sein. Es ist aber notorisch, dass diese Appli-
cation nicht selten heftige, veraltete Neuralgien (z. B. Ischias) vor-
übergehend und selbst dauernd beseitigt. In anderen Fällen wirkt
aber das Ferrum candens hauptsächlich durch die nachfolgende Ent-
zündung und Eiterung.
Unter den Bubefacientien sind die verschiedensten im Gebrauch:
Sinapismen, Einreibungen mit Ol. terebinth., mit Chloroform, mit
Veratrinsalben, mit Spir. camphor., mit Tinct. Jodi, mit dem be-
feuchteten Höllensteinstift u. s. w. werden empfohlen und verdienen
auch in leichteren rheumatischen und idiopathischen Fällen An-
wendung.
Unter den Vesicantien ist weitaus hervorragend das gewöhnliche
Blasenpflaster (Empl. canthar.). Dasselbe ist besonders von
Valleix als das Hauptmittel bei allen möglichen Neuralgien em-
pfohlen worden und hat sich auch in den Händen anderer Beobachter
als ein hervorragendes Mittel documentirt. Die eigentliche Wirkungs-
weise ist noch ziemlich unklar; die Hauptsache ist wohl der eigent-
liche Hautreiz; demnächst die Vesication; Anstie hält die Wirkung
für eine das Nervensystem stimulirende. — Am evidentesten sind die
Ertblge bei frischen rheumatischen Neuralgien; doch sieht man auch
bei veralteten, habituellen Fällen manchmal Nutzen; Rosenbach
erreichte günstige Wirkung bei den Neuralgien im Beginn des Ileo-
typhus. Am zweckmässigsten ist die Anwendung der sog. fliegen-
88 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Herren.
den Vesicantien, längs des erkrankten Nerven; Anstie hält die
Application in der Nähe der Poram. intervertebral., an welchen der
erkrankte Nerv austritt, für besonders heilsam. — Längeres Offen-
halten der Vesicatorflächen ist nar in ganz veralteten Fällen rathsam.
Bei älteren Personen pflegen Blasenpflaster weniger wirksam zu sein«
Die übrigen hier anzureihenden Mittel (Daphne Hezereum, Ein-
reibung mit Crotonöl, mit Pustelsalbe u. s. w.) stehen an Wirksam-
keit und Brauchbarkeit weit hinter den Blasenpflastem zurück. Die
Anlegung und Unterhaltung von Fontanellen kann wohl als veraltet
bezeichnet werden.
Die Douche filiforme, die Acupunctur, die subcutane Injection
von Kochsalz, von Arg. nitr. u. s. w. wirken wohl nur als starke
Gegenreize und können als solche ebenßills zur Beseitigung von
Neuralgien beitragen.
Das Ferrum candens endlich muss als ein in manchen Fällen
mächtiges Mittel bezeichnet werden, obgleich seine Indicationen leider
nicht mit genügender Schärfe gestellt werden können. In hartnäckigen,
veralteten Fällen, wo keine schweren Organerkrankungen anzunehmen
sind^ wird man zu demselben seine Zuflucht nehmen, dagegen ist es
als Palliativmittel von anderen weit überholt. Am zweckmässigsten
dürfte die oberflächliche, strichweise Cauterisation sein.
Zur Ableitung auf den Darm und die Nieren wird man bei
Neuralgien nur selten und dann nur nach ganz speciellen Indicationen
Veranlassung finden.
Im Allgemeinen lässt sich wohl sagen, dass die Ableitungsmittel
zumeist fUr leichte und frische Fälle passen und unter diesen beson-
ders ftlr die rheumatischen und entzündlichen, zum Theil auch die
idiopathischen Formen ; und dass sie am besten bei kräftigen, jugend-
lichen Individuen wirken.
Weitere wichtige Hülfsmittel bei der Behandlung der Neuralgien
sind Bäder und Badecuren. Auch von diesen hat man in
schweren und hartnäckigen Fällen natürlich alles nur Mögliche ver-
sucht. Ausser den durch die Gausalindication geforderten Badecuren
(Thermen, Stahl wässer, salinische Quellen, Seebäder etc.) hat man
auch solche direct gegen die Neuralgie unternehmen lassen. Den
grössten Buf gemessen hier die indifferenten Thermen wegen
ihrer beruhigenden, erregbarkeitsvermindemden Wirkung; besonders
die kühleren Thermen scheinen hier wirksam. Zu nennen wären
etwa: Schlangenbad, Pfeffers, Ragatz, Wildbad, Gastein, Wiesbaden,
Teplitz, Leuk. Im Anschluss daran darf man wohl die Dampfbäder
und die sogenannten römisch-irischen (heissen Luft ) Bäder erwähnen.
Neuralgie im Allgemeinen. Therapie. Bäder. 89
— Specielle Indicationen anfzustellen, ist zur Zeit noch recht schwer.
Ftlr die ktihleren Thermen mag man bestimmen: Neuralgien bei
Spinalirritation etc. ; die wärmeren finden Anwendung bei alten rheu-
matischen und traumatischen (Schussverletzung, Narben etc.) Neur-
algien mit entsprechenden, motorischen und trophischen Störungen;
die Hochgebirgsthermen endlich sind fOr ältere Leute mit beginnen-
dem Atherom etc., welche einer allgemeinen Erfrischung und Kräftigung
bedürfen.
Ausser den Thermen kommt wenig in Frage : in analoger Weise
nfttzlich sind manchmal Moorbäder. — Stahlwässer nur nach besonderen
Indicationen. Kaltwassercuren und Seebäder sind in manchen ver-
alteten Fällen nützlich, sollen aber ebenfalls nur nach bestimmten
Indicationen verordnet werden, — Luftcuren, Gebirgsaufenthalt u. s. w.
ebenso wie Molkencuren, Traubeneuren u. dgl. werden nur der Causal-
indieation genügen müssen.
Ein letztes und fttr viele Fälle offenbar sehr rationelles Mittel
besteht endlich darin, dass man die Fortleitung der schmerz-
haften Erregung zum Gehirn verhindert und dadurch die
Neuralgie sistirt. Das ist natürlich zunächst bei peripheren Neural-
^en indicirt, wo es möglich ist, die Leitungsunterbrechung central
yon dem Krankheitssitze eintreten zu lassen. Man kann diese Lei-
tuDgsunterbrechung der centripetalen Fasern bewirken:
a. durch Compression der Nerven; dieselbe muss so energisch
sein und so lange fortgesetzt werden, bis die sensible Leitung ge-
hemmt ist. Es ist das ein sehr zweifelhaftes und gefährliches Mittel,
indem der richtige Grad der Compression schwer zu treffen sein
dürfte; die Gefahr dauernder Leitungsunterbrechung liegt nahe, und
ist besonders bei gemischten Nerven eine sehr grosse, indem bekannt-
lich die motorischen Nerven durch Compression viel leichter dauernd
ftmctionsunfähig werden, als die sensiblen. Ausserdem wird sofort
mit dem Aufhören der Compression der Schmerz wieder eintreten
und von einer dauernden Heilung kann keine Rede sein. Höchstens
kann man die Anfälle dadurch abkürzen. Für die allermeisten Fälle
dürfte es sehr schwierig sein, die Compression an der geeigneten
centralen Stelle anzubringen und in genügender Weise wirken zu
lass^i. Es ist dies wohl nur an gewissen Extremitätennerven mög-
lich; am Trigeminus in den allermeisten Fällen gewiss nicht, weil
hier der Krankheitsherd in der Regel höher sitzt, als die ftir Druck
erreichbaren Stellen der Trigeminusäste. Wenn man trotzdem gerade
bei Gesichtsneuralgien häufig von den Kranken selbst starke Com-
pression der leidenden Theile des Gesichts instinctiv als Palliativ-
90 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
mittel angewendet und davon auch deutlichen Erfolg sieht, so ge-
schieht dies schwerlich; wie die meisten Autoren glauben, durch
Leitungsunterbrechung in den Nervenästen, sondern unserer Meinung
nach mehr durch den starken Gegenreiz, welchen die Compression
ausübt, ähnlich wie das starke Beiben des Gesichts, was man bei
denselben Kranken ebenfalls häufig als Linderungsmittel angewendet
sieht. Jedenfalls ist die Compression ein höchst unzuverlässiges und
flir die meisten Fälle verwerfliches Mittel.
b. Durch chirurgische Eingriffe, unter welchen vor Allem die
Nervendurchschneidung, Neurotomie und die Resection eines mehr
oder weniger langen Nervenstücks, die Neurektomie zu nennen
sind. Diese Operationen sind — dies ist wenigstens die Regel —
nur bei rein sensiblen Nerven anzuwenden^ da bei gemischten
Nerven Lähmungen entstehen, die in allen Fällen sehr langsam und
manchmal gar nicht heilen. Man wird sich also zur Operation an ge-
mischten Nerven nur im alleräussersten Nothfall entschliessen dürfen«
Zweck dieser Operationen ist, die Fortleitung des krankhaften
neuralgischen Erregungsvorgangs zum Gehirn zu hemmen, dadurch
also den Schmerz zu beseitigen. Eine klare Indication liegt also
zunächst nur vor für die rein peripheren Neuralgien, bei welchen
ein central gelegnes Stück des Nerven der Operation zugänglich ist.
Man macht dann die Operation zunächst, um die Leiden der Kranken
zu tilgen, sodann aber auch in der Hoffnung, dass während der Zeit,
die bis zur Wiederherstellung der Leitung durch Zusammenheilung
der durchschnittenen Nervenenden verstreicht, eine definitive Heilung
des peripheren Krankheitsherdes eintreten werde, eine Hoffnung, die
auch durch die bekanntlich nach Neurotomien eintretende periphere
Degeneration und Regeneration der Nerven unterstützt wird. Leider
trügt diese Hoffnung nicht selten. So glänzend auch in manchen
Fällen die Resultate der Operation sind, so sieht man doch gar zu
häufig mit der Wiederkehr der Sensibilität, also mit dem Zusammen-
heilen der Nervenenden, auch die Neuralgie wiederkehren und nicht
selten den früheren Grad erreichen; dies geschieht natürlich rascher
nach Neurotomie, als nach Neurektomie; darnach ist die Methode zu
wählen. Bei Recidiven steht natürlich nichts einer wiederholten
Operation, der Ausschneidung der Narbe, entgegen und wenn dieselbe
leicht ausführbar ist, werden die Kranken um diesen Preis gerne
sich wieder für eine Reihe von Monaten Ruhe vor ihrem quälenden
Leiden verschaffen lassen.*)
1) Es wäre auch denkbar, dass bei central bedingter Neuralgie die einzelnen
Anfälle durch leichte sensible Reize von der Peripherie her ausgelöst wOrden;
Neuralgie im Allgemeinen. Therapie. Operative Eingriffe. 91
Man hat aber auch — so wenig verständlich dies auch auf den
ersten Anblick erscheinen mag — Erfolge und selbst ganz glänzende
Erfolge von der Neurektomie bei entschieden centralen Neuralgien
eintreten sehen. Es ist durch die ungemein zahlreichen Beobach-
tungen hervorragender Chirurgen auf diesem Gebiet (Nussbaum,
Schuh, Patruban, Wagner, Nölaton, Gross, Podratzki
o. s. w.) über jeden Zweifel festgestellt, dass auch centrale Neuralgien
durch operativen Eingriff für küi*zere oder längere Zeit zum Ver-
schwinden gebracht werden können und schon Bell hat ausge-
sprochen, dass der operative Eingriff an sich schon zuweilen eine
Bolche Stimmufgsänderung im Nervensystem hervorbringe, dass da-
durch Heilung von Neuralgien eintrete. Man sieht sich so zur Ueber-
zeugung gedrängt, dass der mächtige, durch die Operation gesetzte
peripherische Reiz die — wenn auch nicht durchsichtige — Ursache
des Yerschwindens der Neuralgie sei, dass er ähnlich wie ein starker
Gegenreiz von der Haut her als ein energisches Alterans auf das
Nervensystem wirke und dadurch wenigstens temporäre Heilung her-
beiführe. Vielleicht handelt es sich dabei um einen analogen Vor-
gang wie bei der bekannten Reflexhemmung durch starke sensible
Reize. Es wird dadurch auch verständlich, dass man in einzelnen
Fällen Heilung von Neuralgien hat eintreten sehen in Folge von
Resection mehr oder weniger entfernter und anscheinend gar nicht
betheiligter Nervenstämme (Bardeleben, Nussbaum).
In den meisten von diesen Fällen tritt aber nach längerer oder
kürzerer Zeit der Schmerz wieder auf und man hat sich dadurch
zu wiederholten Operationen veranlasst gesehen, und höher gelegne
Nervenstellen oft durch höchst schwierige und gefährliche Operationen
(Resection des Oberkiefers etc.) zu erreichen gesucht — nicht immer
mit dauerndem Erfolg. Wenn man jedoch erwägt, dass in den meisten
Fällen die centripetale Wirkung der Resection an sich das Wirksame
zu sein scheint, so erscheinen solch grosse und schwierige Operationen
ungerechtfertigt und es dürfte die wiederholte Durchschneidung an
derselben peripherischen Stelle genügen. Nur bei bestimmten An-
mit der Dorchschneidaag der peripherischen Nerven fallen diese centripetalen
Erregungen und damit die Qelegenheitsursachen der Paroxysmen fort; diese hören
also auf oder werden seltener, so lange, bis mit der Regeneration auch wieder die
peripheren Erregungen kommen. Auch für diese Fälle wäre die Neurektomie ein
gutes Palliativmittel. — Eine weitere Ursache von Recidiven liegt ohne Zweifel
darin, dass diejenigen krankhaften Processe am Nerven, wegen deren die Opera-
tion gemacht wurde, am centralen Stumpf sich weiterentwickeln und so die früheren
Symptome wieder hervorrufen.
92 Erb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
haltspunkten fUr den wirklich peripheren Sitz möchten die gefähr-
licheren Operationen zu gestatten sein.
Es sind fast nur die Verzweigungen des Trigeminus, welche den
Gegenstand solcher Operationen bilden; an den Extremitäten kann
man die verschiedenen rein sensiblen Hautäste jedoch in der gleichen
Weise in Angriff nehmen; an den gemischten Nervenstämmen darf
man sich nur schwer dazu entschliessen , wird aber auch hier in
manchen Fällen, besonders wo es sich um Exstirpation von Neuromen,
Excision von Narben u. s. w. handelt, die Resection nicht vermeiden
können ; es muss aber dann für möglichst sichere Wiedervereinigung
der Nervenenden gesorgt werden.
Wenn man erwägt, dass in vielen Fällen äusserst schwierige
und umfangreiche Operationen gemacht werden müssen, um den be-
absichtigten Zweck zu erreichen, und dass in manchen Fällen ein
tödtlicher Ausgang derselben eingetreten ist; wenn man sich den
äusserst belehrenden Fall von W i e s n e r (Berl. klin. Wochenschr. 1868)
vor Augen hält, in welchem nach wiederholten grossen, aber erfolg-
losen Operationen der galvanische Strom noch Heilung eines schweren
Tic douloureux brachte, wird man sich der Ueberzeugung nicht ver-
schliessen, dass eine Indication, wenigstens für die schwierigeren
Proceduren der Neurektomie, nur in den durch kein anderes
Mittel heilbaren, schweren und quälenden Neuralgien
gestellt werden darf; für solche Fälle muss die Operation das ulti-
mum refugium sein. Zu den leichteren Operationen der einfachen
Nervendurchschneidung, die man subcutan ausführen kann, wird man
sich dagegen leichter entschliessen dürfen. — Auch bei Neuralgien
in Amputationsstümpfen wird eine frühzeitige Resection hoch oben
gerechtfertigt sein, so lange der Beizungsprocess am Stumpf sich
noch nicht weit nach oben fortgepflanzt hat. (Mitchell.)
Ganz aus der Therapie der Neuralgien zu streichen sind aber die
Amputationen oder Exarticulationen der Gliedmassen,
die man unbegreiflicherweise ebenfalls bei Neuralgien ausgeführt hat.
Da offenbar diese Operationen nicht mehr leisten können, als die
Durchschneidung der betreffenden Nervenstämme, da sie überdies
häufig lebensgefährlich sind, kann von ihrer Anwendung weder bei
peripheren noch bei centralen Neuralgien vernünftiger Weise die Rede
sein ; es sei denn, dass ausser der Neuralgie noch anderweitige krank-
hafte Processe vorhanden wären, welche an und ftlr sich die Vor-
nahme solcher Operationen erheischten.
Hier ist endlich noch ein Wort beizufügen über die auf opera-
tivem Wege herbeigeführte Hemmung des arteriellen Blut-
Neuralgie im Allgemeinen. Therapie. Allgemeiner Gurplan. 93
Zuflusses zu den erkrankten Theilen als Heilmittel der Neuralgie.
Trousseau suchte das durch Dnrehschneidung und nachfolgende
Compression der Arterien zu erreichen und hat von einer solchen
Durchschneidung der Art. temporalis und occipitalis wiederholt glän-
zende Erfolge hei Neuralgien des Kopfes gesehen; diese kleine
Operation verdient öfter versucht zu werden. — Nussbaum und
Patruban haben dann in neuerer Zeit zur Heilung von schweren
Gesichtsneuralgien die Arter. carotis der leidenden Seite unterbunden
und dadurch radicale Heilung bewirkt. Auch zu diesem heroischen
und lebensgefährlichen Mittel wird man sich nur in den verzweifeisten
Fällen entschliessen.
Von Nussbaum (Deutsch. Zeitschr. f. Chir. Bd. I. 1872) ist
auch neuerdings ein anderes operatives Verfahren in die Therapie
der Neurosen eingeführt worden, welches noch zu wenig Nachahmer
geftmden hat, als dass jetzt schon ein Urtheil über dasselbe gefällt
werden könnte. Es besteht dasselbe in Blosslegung und Dehnung
der von krankhaften Vorgängen heimgesuchten peripherischen Nerven.
Nussbaum beseitigte damit eine schmerzhafte Contractur mit Anä-
sthesie in der linken oberen Extremität; Gärtner ebenfalls eine alte,
schmerzhafte paralytische Muskelcontractur des rechten Arms; und
Patruban (AUgem. Wien. med. Zeit. 1872. No. 43 u. flf.) heilte
mit dem gleichen Verfahren eine heftige und hartnäckige Ischias.
Ueber den wirklichen Werth solcher kühnen Operationen können
erst weitere Erfahrungen belehren.
Nach dieser Au&ählung unserer Hilfsmittel zur Bekämpftmg der
Neuralgie mögen noch einige allgemeine Bemerkungen über
den Gurplan im einzelnen Falle gestattet sein. Natürlich müssen
sich diese Bemerkungen auf die aller-allgemeinsten Umrisse be-
schränken.
In jedem einzelnen Falle hat man zunächst eine möglichst ge-
naue Untersuchung vorzunehmen und die Ermittlung der Krankheits-
ursachen zu erstreben; darnach ist vor allen Dingen die Causalindi-
cation zu erfüllen.
Der Kranke will aber vor allem möglichst hald seinen Schmerz
los sein und deshalb wird man sich in der Regel auch alsbald ver-
anlasst sehen, eines der sicherem Palliativmittel anzuwenden, umso-
mehr als gerade die wichtigeren unter diesen Mitteln gewöhnlich
auch der Indicatio morbi entsprechen; also wird man entweder sofort
die Elektricität, oder subcutane Morphiuminjectionen anwenden, oder
94 Krb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
kann wohl auch die innere Darreichung von Morph, mit Chinin vor-
nehmen. Man kann wohl auch mehrere dieser Mittel miteinander
verbinden; z. B. Galvanisation imd Injectionen. Als Untersttitzungs- 1
mittel dienen in geeigneten Fällen Ableitungsmittel (besonders fliegende
Vesicantien, reizende Einreibungen, Veratrinsalben u. s. w.) oder die
Kälte, oder Bäder, dazu richtige diätetische Vorschriften, die jedem j
einzelnen Falle angepasst werden müssen. — Wo keine Ursache zu 1
ermitteln ist und wo die Palliativa eben nur palliativ wirken, gehe
man dann neben dem Fortgebrauch dieser letzteren zu den eigent-
lichen Specificis über: man versuche Arsen, Zink, Kai. bromat, Ol. 1
terebinth. u. s. w. je nach den für das eine oder andere dieser Mittel
sprechenden Verhältnissen.
Consequenz in dem Gebrauche der einzelnen Mittel ist natürlich
nothwendig; doch werde dieselbe namentlich bei den Narcoticis nicht
übertrieben wegen der unangenehmen Erscheinungen, welche die
Entwöhnung von diesen Mitteln zu begleiten pflegen. Sind die ge-
wöhnlichen und vertrauenswürdigeren Mittel erschöpft, dann müssen
nach der Reihe die übrigen Specifica versucht werden; man kann
durch energische Badecuren, Diät, Kaltwassercuren u. s. w. eine
günstige Umstimmung des Gesammtorganismus und speciell des Ner-
vensystems herbeizuführen suchen. Die individuellen Verhältnisse
müssen dafür die nöthigen Anhaltspunkte liefern. — Endlich wird
man sich in den allerhartnäckigsten und schwersten Fällen zur Vor-
nahme chirurgischer Eingriffe entschliessen.
Bei der Behandlung des einzelnen neuralgischen Anfalls muss
die Auswahl der geeigneten Erleichterungsmittel dem Ta<5te des
Artes hauptsächlich überlassen werden ; in den einzelnen Fällen kann
man verschiedene Maassnahmen treffen : Absolute Ruhe, Wärme, warme
Hand- oder E\issbäder, leichte Ableitungsmittel (Sinapismen, Reiben,
Bürsten), Compression, Sorge für Darmentleerung; auch rasche
Schweisserzeugung durch Einschlagen in ein nasskaltes Lacken und
wollene Decken; vorsichtige Chloroforminhalation; das souveräne
Mittel, welches in dringenden und schweren Fällen am meisten Ver-
trauen verdient, ist eine tüchtige hypodermatische Morphiuminjection.
Weitere Details und etwaige Modificationen der im Vorstehenden
auseinandergesetzten Therapie der Neuralgien werden bei den einzelnen
Formen der Neuralgie ihre Stelle finden.
Neuralgien. Trigeminusneuralgie. Begriffsbestimmung. 95
2. Nenralgien der einzelnen Nerven.
a. Neuralgie des Nervus trigeminus. Neuralgia Quinti.
Prosopalgie. FothergilTscher Gesichtsschmerz.
Tic douloureux.
J. Fothergill, Med. observ. and inquir. Tom. V. 1773. — Pujol, Essai
Bur le tic douloor. Paris 1787. — M^giin, Recherch. sur la n^vr. faciale.
Strassb. 1816. — Masius, Beiträge zu einer künft. Monographie des Gesichts-
Bchmerzes. Hecker*s liter. Annal. 1826. — John ßcott, Uases of tic doul. and
other forms of neuralgia. Lond. 1834. — Schauer, Gesichtsschm. als Symptom,
Casper's Wochenschr. 1838. — Romberg, Neuralg. nervi V. specimen. Berol.
1840. — K. H. W. Barth, Mehriähr. Sorgfalt. Beobachtung über den Gesichts-
schm. Halle 1825. — Notta, Arch. g6ner. 1854. — Wiesner, Berl. klin. Woch.
t86S No. 17 u. 18. — Jonath. Hutchinson, On herpes zoster frontalis seu
ophthalmicus. Lond. Ophthalm. Hosi). Rep. V. 1866 u. VI. 1869. — Bowman,
Gases of zoster of the Ophthalmie, region. ibid. VI. p. 1. 1869. — Urbantschitsch,
Troph. Störungen im Gebiet d. N, auriculo-tempor. trigemini. Wien, med Press.
1874 No. 32 u. 33. — Vergl. femer die Lehr- und Handbücher von Romberg,
Hasse, Rosenthal, Eulenburg u.A. und die Werke über Elektrotherapie. —
Valleix 1. c. p. 7—184. Anstie 1. c. an verschied. Stellen. — Trousseau,
N^vralg. ^pileptiforme. Arch. g^nör. 1853. —
S c h u n , üeber Gesichtsneuralg. u. Nervenresection. 1 858. — v. B r u n s , Durch-
schneidung der Gesichtsnerven bei Gesichtsschmerz. Tübing. 1859. — Bratsch,
Bericht über 93 Nervenresectionen, 5 Carotisunterbindungen etc. von Prof. Nuss-
baum ausgeführt Bayr. ärzt. Intell. 1863. — A. Wagner, Ueb. nervös. Gesichts-
schm. und seine Behandl. durch Neurectomie. Arch. f. klin. Chir. XL 1869. —
Patruban, ünterb. d. Carotis comm. Woch. d. Gesellsch. d. Wien. Aerzte. 1866.
Begriffsbestimmung. Unter der Bezeichnung Trigemi-
nusneuralgie oder Prosopalgie fasst man alle Neuralgien zu-
sammen, welche im Ner7. trigeminus oder seinen sensiblen Aesten
und Zweigen ihren Sitz haben und die demnach an den verschie-
densten Stellen des Verbreitungsbezirks dieses Nerven auftreten kön-
nen. Es kann das ganze Gebiet des Trigeminus von der Neuralgie
befallen sein, wiewohl das im strengen Sinn des Wortes nicht leicht
vorkommen dürfte ; oder es sind nur einzelne Aeste oder Zweige er-
griffen und unter diesen wieder einzelne mit besonderer Häufigkeit
(z. B. Supra- und Infraorbitalis , Mentalis), während andere seltner
oder fast nie an der Neuralgie betheiligt erscheinen (Lingualis,
Auriculares anteriores, Becurrentes [durae matris]). — Dass der Nerv,
facialis niemals der Sitz dieser Neuralgie sein kann, bedarf wohl
heutzutage keiner besonderen Erwähnung mehr; seine manchmal zu
beobachtende scheinbare Betheiligung daran verdankt er aus-
schliesslich den ihm beigemischten sensiblen Trigeminusfasem (£am.
communic. facial.).
Die Prosopalgie gehört zu den häufig vorkommenden Neuralgien ;
sie erscheint alltäglich in allen möglichen Formen, von welchen zum
Gltlck die schweren jedoch zu den Seltenheiten gehören. Sie ist
96 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
fast immer nur einseitig vorhandeD, doch sind auch zahlreiche Fälle
von doppelseitigem Auftreten bekannt; keine Seite des Gesichts wird
besonders von ihr bevorzugt.
Aetiologrie und Pathogenese.
Die Häufigkeit der Prosopalgie erklärt sich wohl hinreichend
aus dem grossen Verbreitungsbezirk und der reichen Yei^telung des
Quintus ; aus der anatomischen Lagerung seiner Aeste, welche durch
zahlreiche Fissuren , Löcher und Knochenkanäle zu passiren haben
und so mancherlei mechanischen Einwirkungen ausgesetzt sind; ans
den Beziehungen seiner Zweige zu zahlreichen wichtigen Organen,
deren Störungen sich auf den Nerven weiter verbreiten können ; end-
lich aus dem Umstände, dass das Gesicht in höherem Maasse äusseren
Schädlichkeiten, Erkältungen, Traumen u. s. w. ausgesetzt ist, als
der Verbreitungsbezirk anderer Nerven.
lieber das Wesen der Prosopalgie und ihre Pathogenese kann
dem dartlber bei den Neuralgien im Allgemeinen Gesagten nichts
weiter hinzugefügt werden; nur die einzelnen ursächlichen Momente
mögen hier eine kurze Erwähung finden.
Unter den prädisponirenden Momenten spielt die Here-
di t ä t eine ganz entschiedene Rolle ; es existiren viele Beispiele, wo
die Krankheit in mehreren Generationen einer Familie auftrat —
In noch höherem Maasse wichtig ist die neuropathische Dis-
position, mag sie angeboren oder erworben sein : sie äussert sich
ungemein häufig in dem Auftreten von Gesichtsschmerz und jeder
Praktiker wird bestätigen können, dass man die Prosopalgie beson-
ders häufig bei sog. » nervösen *" Individuen, bei Hysterischen und zu
vielerlei Nervenleiden Geneigten findet. — In Bezug auf das Lebens-
alter lehrt die Statistik, dass in der Kindheit das Leiden sehr ftelten
ist (Ghaponni6re fand unter 119 Fällen nur 2 bei Kindern unter
10 Jahren) ; dass es im mittleren Lebensalter viel häufiger wird, aber
auch im späteren Alter noch recht häufig auftritt ; gerade in die Zeit
der beginnenden Senescenz fällt oft die Entstehung der schwersten
und unheilbaren Fälle. — Das Geschlecht erscheint von deutlichem
Einfluss, indem den meisten Zusammenstellungen zufolge Weiber viel
häufiger befallen werden, als Männer.*) — Das Geschlechtsleben
ist hier ebenso von Einfluss wie bei Neuralgien überhaupt; bei Frauen
ist das Klimakterium die Zeit, wo häufig Prosopalgie zum Ausbruch
1) Nach Valleix t43 Weiber auf 124 M&nner; Hasse 30 W., 27 M.^
Schramm 136 W., 59 M.; Erb 51 W., 21 M.
Neuralgien. Trigeminusneuralgie. Aetiologie and Pathogenese. 97
kommt. Alle geschlechtlichen Excesse nnd UeberreizuDgen sind ge-
eignety die Disposition zu fördern. — Anämie, allgemeine Er-
nährnngsstörnngen; Dyskrasien n. s. w. spielen hier dieselbe
RolIO; wie bei allen Neuralgien. Von besonderer Wichtigkeit scheinen
Senescenz; fettige Gewebsdegenerationen , Arterienerkrankungen
fliT die Entstehung der Prosopalgie zu sein. Der prädisponirende
Einfluss Ton Jahreszeit und Temperatur ist noch nicht hin-
reichend erforscht.
Unter den Gelegenheitsursachen ist vor allen Dingen die
Malariainfection zu nennen. Sie erzeugt die typischen Formen
Yon Qesichtsneuralgie, die fast ausschliesslich im Ram. supraorbitalis
locaUsirt sind, und sich durch ihr endemisches oder epidemisches
Auftreten in Malariagegenden, ihren regelmässig typischen (Quotidian-,
Tertiantypns, selten höhere Typen) Verlauf und ihre leichte Heil-
barkeit durch Chinin charakterisiren. — Denmächst ist die häufigste
Ursache wohl Erkältung und das erklärt sich bei der exponirten
Lage der meisten Trigeminuszweige hinreichend. Es ist gar keinem
Zweifel unterworfen ; dass ein grosser Theil sowohl der leichteren,
rasch vorübergehenden, als auch der schwerer heilbaren, chronischen
Formen von Prosopalgie auf die bekannten Erkältungsursachen : kalten
Luftzug, Durchnässung, nasse Fttsse u. s. w. zurQckgeftlhrt werden
kann, wenn wir auch ttber die dabei stattfindenden feineren Vorgänge
mid ihren Mechanismus noch ganz im Unklaren sind. — Die im Be-
ginn des Ileotyphus auftretenden Neuralgien betreffen fast ausschliess-
lich das (Gebiet des Trigeminus und der Occipitalneryen. (Rosen-
bach.)
Seltener sind Traumen und Fremdkörper die Ursachen
von Gesichtsneuralgien ; doch sind Fälle genug beschrieben, wo trau-
matische Einwirkungen die Krankheit im Gefolge hatten, oder wo
die Untersuchung Fremdkörper ergab, mit deren Entfernung die Neur-
al^e verschwand (Glassplitter, Porzellanscherben, Stttckchen von
Bleikugeln u. s. w.).
Erkrankungen benachbarter Organe sind eine ungemein
häufige Quelle von Gesichtsneuralgien und gerade der schwereren
Formen derselben. Besonders sind hier Erkrankungen der Schädel-
und Gesichtsknochen zu erwähnen, welche bei den innigen Beziehun-
gen des Trigeminus zum Knochengerttst von allergrösster Bedeutung
sind: man hat Verdickungen und Hyperostosen dieser Knochen, ent-
zündliche Schwellungen derselben und ihres Iferiosts, Verengerung
der verschiedenen Knochenkanäle, Caries, Exfoliation von Knochen-
partien, Exostosen besonders an Zähnen und Zahnwurzeln als Ursachen
HMidVach d. spec. Pathologie n. Therapie. XIL Bd. 1. 2. Aufl. *
98 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
nachgewiesen. *) Demnächst sind es Neubildungen der yerschiedeasten
Art und des verschiedensten Sitzes, welche Prosopalgie hervorrufeDy
wenn sie den Trigeminus oder seine Zweige mechanisch beeinträch-
tigen oder wohl auch in mehr actiye Mitleidenschaft ziehen : besonders
sind es Geschwülste an der Schädelbasis, an der Dura mater, an
den Kiefern, welche hier in Frage kommen. — Endlich hat man ans
dem berühmten Falle von Romberg auch aneurysmatische
Erweiterug der Carotis interna, da wo sie dem GangL
Gasseri anliegt, als eine mißliche Ursache der Prosopalgie kennen
gelernt und man dürfte an diese Möglichkeit besonders da zu denken
haben, wo an dem Stamm der Carotis und ihren HauptHsten sich
die Zeichen des Atheroms und der Aneurysmenbildung unzweideutig
nachweisen lassen.
Anatomische Veränderungen am Nerven und im Gehirn
hat man nicht selten nachweisen können, theils bei Nekropsien, theils
an durch Besection entfernten Neryenstücken. Die Befimde sind
jedoch durchaus nicht übereinstimmend. So fiind man am Nerven
selbst (Stamm oder Zweige): Neurilemm verdickt, geschwollen, ge-
röthet (Carnochan, Wagner, Podrazky u. A.); Verdickung,
bindegewebige Entartung des Gangl. Gasseri und der Nervenstämme
(Laveran, Podrazky); Abplattung und Atrophie des Ganglion und
seiner Aeste (Rom borg); kleine kalkige, anorganische Concremente
an der Nervenscheide (Allan, Norman, Sharp). Diesen Be-
funden gegenüber darf jedoch nicht verschwiegen werden, dass in
einer ganzen Beihe von Fällen die genaueste Untersuchung an ezci-
dirten Nervenstücken nichts Krankhaftes hat entdecken können und
dass auch nicht wem*ge Nekropsien nur negative Besultate ergeben
haben. — Hier sei beigeftigt, daiss auch aus klinischen Gründen wahr-
scheinlich ist, dass sowohl active, wie passive Hyperämie des
Nerven gelegentlich Ursache von Prosopalgie wird, wenn sich das
auch anatomisch nur schwer nachweisen lassen wird. Mit dem Nach-
weis von eigentlichen Gehirnerkrankungen, welche ohne Be-
einflussung des intracraniellen Theils des Nerven bloss durch Affection
seiner intracerebralen Faserung Prosopalgie erzeugt hätten, ist man
noch nicht sehr weit gekommen. Es sind einzelne Fälle bekannt,
wo Tumoren, Erweichungsherde, Abscesse u. s. w. an verschiedenen
1) Einen sehr interessanten Fall von typischem Tic douloureux, bei welchem
die Section eine spitze, den Stamm des Trigeminus an der Schädelbasis durch-
bohrende Exostose nachwies, hat Chouppe in den Arch. de Physiol. T. IV.
p. ö5S mitgeiheilt
Neunügieii. Trigeminosneuralgie. Aetiologie und Pathogenese. 99
Tbeilen des Gehirns mit Trigeminusneoralgie einhergingen ; allein
diese Fälle sind im Ganzen sehr selten und dies mögen Diejenigen
berücksichtigen, welche nor allzuleicht einen grossen Theil der Pro-
sopalgien fbr excentrische, ftlr solche wirklich centralen Ursprungs
erklären.
Eine wichtige und häufige Veranlassung zu Gesichtsneuralgien
haben wir in den verschiedenartigsten Beizungen peripherer
Nerven zu constatiren. Dieselben können zunächst die Verzwei-
gungen des Trigeminus selbst betreffen und haben wir in dieser Be-
ziehung die Fremdkörper bereits oben erwähnt Demnächst ist es
besonders häufig der Reiz von cariösen Zähnen, welcher sich oft als
Ursache nachweisen lässt, wenn auch allerdings durchaus nicht in
allen Fällen, wo Zahncaries neben Gesichtsneuralgie besteht; die
grosse Häufigkeit der Zahncaries macht es begreiflich; dass dieselbe
ganz unabhängig und ohne Beziehung zur Prosopalgie bestehen kann.
Auch gehinderter Ausbruch der Weisheitszähne und falsche Entr
wiekelui^ derselben kann zur Neuralgie ttthren. — Femer hat man
Erkrankungen der Nasen- und Stirnhöhlen als Ursachen der Gesichts-
neuralgie beschuldigt; ich sah eine solche im Gefolge einer papillo-
matösen Wucherung am harten Gaumen sich entwickeln. — Beson-
ders häufig aber entstehen solche Neuralgien aus Beizungen der
Augen: Ueberanstr^gung der Augen, Lesen bei schlechter oder allzu
greller Beleuchtung werden beschuldigt, und sind bei vorhandener
Disposition gewiss eine häufige Quelle neuralgischer Beschwerden.
Inwieweit das Gleiche gilt von wirklichen Erkrankungen des Auges,
welche mit neuralgischen Erscheinungen nicht selten complicirt sind
(Olaueoma, Herpes conjunctivae u. s. w.) und ob dieselben nicht
teilweise Folgen und Begleiterscheinungen der Neuralgie sind, ist
noch nicht hinreichend festgestellt und wird unten noch näher be-
rührt werden.
Es können aber auch von entfernteren Nervengebieten Beizungen
ausgehen, welche zur Trigeminnsneuralgie ftilu-en. Anstie hat zwei
Fälle gesehen, in welchen Verletzungen des Uhiaris und des Occipi-
taÜB eine Gesichtsneuralgie hervorgerufen hatten, deren ursächlicher
Zusammenhang mit der ursprüngUohen Verletzung ziemlich sicher
nachweisbar war. — Hierher gehören auch die Fälle, wo angeblich
Intestinalreiz (durch Würmer, Obstipation u. dgl.), wo Genitalreiz
(durch functionelle Ueberreizung, oder besonders Uterinerkrankungen,
Ovurialleiden u. s. w.) als Ursachen des Gesichtsschmerzes angeführt
werden.
Endlich wird von Anstie auch psychische Ueberanstren-
7*
100 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
gUBg durch ttbermässige geistige Arbeit, durch Sorgen, Kummer etc.
als directe Veranlassung der Prosopalgie angegeben.
In welchem Zusammenhang diese Momente alle mit der Neuralgie
stehen, welchem Mechanismus die Entstehung derselben zu danken
ist, darüber haben wir nichts als Yermuthungen ; es kann unbenommen
bleiben, einen Theil dieser Fälle mit dem Nichts erklärenden Namen
„Reflexneuralgien'' zu belegen.
Der Vollständigkeit wegen wollen wir auch die Gicht, den
Rheumatismus, Hämorrhoiden, unterdrückte Fussschweisse u. dgL als
mögliche, wenn auch nicht zweifellose Ursachen der Prosopalgie an-
zuführen nicht versäumen.
Symptomatologie.
Das Krankheitsbild der Prosopalgie ist das typische fiCIr die
Neuralgien überhaupt: die classischen Beschreibungen neuralgischer
Erkrankungen und ihrer Paroxysmen sind meist Fällen von Oesichts-
schmerz entnommen. Es kann deshalb in der Hauptsache auf den
Yorhergehenden Abschnitt verwiesen werden. Einzelne Modificationen
treten wohl ein, theils durch den anatomischen Sitz der Krankheit,
das Befallensein einzelner Äeste und Zweige bedingt, theils auf ge-
wisse physiologische Beziehungen des Nerven zurückfUhrbar.
Als Vorboten beobachtet man nicht selten stunden- und tage-
lang ein Gefühl von Druck und Spannung, von Ziehen, Kitzel, Formi-
cation u. dgl. in der bedrohten Gesichtshälfte, oder herumziehende
Zahnschmerzen, leichtes Unbehagen, Frösteln u. dgl. Selten eine Art
wirklicher Aura, die von verschiedenen Theilen des Körpers ausgehen
kann und die einzelnen Paroxysmen regelmässig einleitet In andern
Fällen treten aber auch die Anfälle plötzlich, ohne alle Vorboten auf.
Während der Anfälle pflegt der Schmerz gewöhnlich in be-
tiiUihtlicher Heftigkeit zu wüthen und spottet in den schwereren
Fällen jeglicher Beschreibung. Es kommen hierbei offenbar die
höchsten Grade der Schmerzhaftigkeit vor, die überhaupt je empftm-
den werden und die Kranken finden nicht Worte genug, um das
Entsetzliche ihrer Leiden zu schildern. In den leichteren Fällen
beobachtet man freilich oft nur massigen Schmerz; selten besteht
dann eine mehr continuirliche Schmerzhaftigkeit der betroffnen Qe-
sichtsgebiete während der Anfälle, nur hie und da von leichtem
Aufblitzen des Schmerzes unterbrochen ; meist setzen sich die Anfälle
zusammen aus zahlreichen einzelnen reissenden und bohrenden, bald
hier bald da auftretenden Schmerzeindrücken. Für die schweren
und schwersten Fälle aber ist ganz besonders charakteristisch das
Neuralgieii. Trigeminasneoralgie. Symptome. 101
lancinirende , blitzähnliche Auftreten des heftigsten Schmerzes, der
bald mity bald ohne Veranlassung ganz plötzlich mit überwältigender
Heftigkeit über den Kranken hereinbricht, demselben die heftigsten
Aeuflsemngen des Schmerzes und der Verzweiflung entlockt, ihn zu
den wunderbarsten Grimassen und allen möglichen Anstrengungen
zur Erleichterung des Schmerzes zwingt und endlich nach wenigen
Augenblicken wieder verschwindet, um vielleicht alsbald in ähnlicher
Weise an einer andern Stelle zu erscheinen. Diese lancinirenden
Schmerzen werden sehr häufig in die Knochen localisirt und die
Kranken wissen ihre Heftigkeit nicht lebhaft genug zu schildern ; es
sei, als wenn ein Blitz hindurchftlhre , ein Messer hineingestochen
oder ein glühender Draht eingebohrt würde, als drohten alle Knochen
des Gesichts zersprengt zu werden u. s. w. Dabei sieht man auf dem
Gesichte häufig die gleich zu beschreibenden vasomotorischen und
motorisehen Begleiterscheinungen und die Kranken bedienen sich aller
möglichen Kunstgriffe, um die wüthenden Schmerzanfälle zu lindem :
den Einen sieht man ein Tuch fest an die kranke Gesichtshälfte
drücken, oder einzelne Schmerzpunkte energisch comprimiren, oder
das Gesicht mit grosser Energie reiben bis zum Wundwerden; den
Andern sieht man die Zähne fest aufeinander beissen oder mit den
Zähnen knirschen oder den Kopf fest an irgend einen harten Körper
anstemmen. Die Sprache versagt, das Gesicht nimmt den Ausdruck
des höchsten Schmerzes und der Verzweiflung an und der Kranke
ist für einige Augenblicke ausschliesslich unter der Herrschaft des
Schmerzes. Meist sind die Paroxysmen kurz und hinterlassen ent-
weder gar keine weitere Empfindung als die der Erschöpfting, oder
nur ein dumpfes Schmerzgeftlhl, welches im Vergleich zu dem Schmerz
während des Paroxysmus leicht zu ertragen ist.
Die Häufigkeit der Paroxysmen ist in den einzelnen Fällen und
zu verschiedenen Zeiten eine äusserst verschiedene ; mit dem Wechsel
der Jahreszeiten, mit den Schwankungen des körperlichen Allgemein-
befindens, mit verschiedenen deprimirenden oder exaltirenden Ein-
flüssen nimmt ihre Frequenz ab und zu. In vielen Fällen und zu
gewissen Zeiten genügen oft minimale äussere Einwirkungen, um den
Paroxysmus hervorzurufen und die Kranken sehen oft mit wahrem
Schrecken solchen Einflüssen entgegen, weil sie ihnen sicher einen
Anfall bringen. So kann man beobachten, dass ein leichter Luftzug,
dass die Berührung des Gesichts beim Waschen oder Rasiren, dass
Sprechen, ELauen, Niesen, grelles Licht oder lauter Schall, dass jede
Gemüthsbewegung, der Eintritt des Arztes oder eines Fremden ins
Zimmer u. dgl. m. den Anfall hervorruft, und es ist klar, dass da-
102 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
durch die Ernährung des Ej*anken leidet und das Dasein zu einem
nahezu unerträglichen gemacht werden kann.
Wahrend der Anfälle fast immer, in den Intervallen verhältniss-
massig selten, lassen sich an verschiedenen Stellen der Trigeminos-
Verzweigungen Schmerzpunkte nachweisen, deren Lage bei den
einzelnen Formen unten genauer angegeben werden soll. Hier sei
einstweilen nur erwähnt, dass der von Trousseau besonders nrgirte
Point apophysaire sich auch bei vielen Gtesichtsneuralgien nachweisen
lässt, und zwar als Druckempfindlichkeit des 2. und 3. Halswirbel-
domfortsatzes oder auch der Protuber. occip. externa.
Bei keiner andern Neuralgie sind die verschiedensten nervösen
Begleiterscheinungen so gewöhnlich wie bei dieser ^ und es erklärt
sich dies aus den innigen Beziehungen des Trigeminus zu allen mög-
lichen anderen Nervengebieten sehr leicht.
Unter den sensiblen Begleiterscheinungen spielt beson-
ders die Irradiation des Schmerzes eine grosse Rolle ; es gibt wohl nur
wenige Fälle, in welchen nicht auf der Höhe des Paroxysmus eine
Weiterverbreitung des Schmerzes entweder auf die andern Zweige und
Aeste des Trigeminus selbst, oder auf die Ocdpitalnerven, oder selbst
auf entferntere sensible Nervengebiete hin stattfände. So hat man be-
obachtet, dass irradiirte Schmerzen im Nacken, der Schulter, der Brust-
drüse, den Intercostalnerven und selbst in den Extremitäten auftraten.
Femer findet sich nicht selten in dem erkrankten Hautgebiete
ein Geftihl von Formication, von leichtem Taub- und Pelzigsein; es
kann dasselbe sich sogar, wie ich in einem Falle sah, auf die Zähne,
das Zahnfleisch und die betreffende Zungenhälfte erstrecken. Häufig
geht dasselbe mit objectiv nachweisbaren Veränderangen der Haut-
sensibilität (Anästhesie oder Hyperästhesie) einher und es gilt daftlr
die von Nothnagel aufgestellte Regel, dass Hypei^thesie sich vor-
wiegend bei frischen, Anästhesie vormegend bei älteren Fällen von
Oesichtsneuralgie findet Doch habe ich auch schon in ganz frischen
Fällen deutliche Anästhesie gefunden und in einzelnen Fällen auch
jede objectiv nachweisbare Sensibilitätsstörung fehlen sehen.
Hochgradige Anästhesien treten manchmal bei schweren orgSL-
nischen Erkrankungen des Trigeminus gleichzeitig mit Neuralgie
desselben auf (Anaesthesia dolorosa) und haben dann natürlich eine
weit ernstere Bedeutung; sehr gewöhnlich folgt auf die mit Zoster
verbundenen Supraorbitalneuralgien circumscripte Anästhesie.
In sehr seltenen Fällen hat man auch Störungen der Smnes-
oi^ane beobachtet; Notta citirt einige Fälle von Amblyopie and
Amaurose, welche, wie es schien, von einer Gesichtsneuralgie abzu-
Neuralgien. TrigeminuBneoralgie. Symptome. 103
leiten waren und mit dieser schwanden, and Aehnliches belegt Hut-
chinson*) mit einigen Beispielen; zweifelhafter sind dagegen Ge-
bdrstömngen als Begleiterscheinnngen Ton Gesiehtsneuralgien, ob-
gleich die Innervation des Masc. tensor tympani vom Trigeminus her
solche ins Bereich der Möglichkeit rttckt*). Aach Geschmackstörangen,
die durch die Chorda tympani vermittelt werden könnten, sind selten
erwähnt. — Zu erwähnen ist dagegen Photophobie als eine nicht
seltene Erscheinung bei Neuralgien des obem Astes.
Von den motorischen Begleiterscheinungen erregen die
krampfhaften Zusammenziehungen verschiedener Muskeln zumeist die
Aofin^ksamkeit. Am häufigsten sieht man die zweifellos reflectorischen
KriUnpfe im Fadalisgebiet; bald als Blepharospasmus, bald als ein-
fiiches Zucken um den Mundwinkel; als Verzerrung des Gesichts oder
endlich auch als förndicher Tic convulsif auftretend. Erst jüngst
wurde mir ein Fall von FaciaUskrampf zugeschickt, der sich bei
näherer Betrachtung als ein Fall von Tic douloureux erwies. —
Krampf der Kaumuskeln kommt seltner vor; doch hat man tonische
and klonische Ki^mpfe derselben beobachtet; man darf dieselben
nicht mit den willkürlichen energischen Contractionen verwechseln,
welche zum Zwecke der Unbewe^chkeit der Kiefer oder als Aus-
drock des Schmerzes ö$er ausgeftlhrt werden. — Lähmung der Kau-
mosk^ kommt sehr selten vor und nur in Fällen, wo eine oi^anisohe
Erkrankung auch die motorische Portion des Quintus in ihr Bereich
zieht — Krampf haftie Contractionen der Zunge, Wälzen derselben
in der Mundhöhle u. s. w. sind in besonders schweren Fällen als
reflectorische Erscheinung beobachtet worden.
Selten pflanzen sich die krampfhaften Erregungen noch weiter,
anch auf die übrige Körpermusculatur fort; doch hat Sinclair
Holden einen Fall beschrieben, wo während der Anfälle idlgemeine
tonische KiUmpfe eintraten. Bei Hysterischen sind die neuralgischen
Paroxysmen manchmal Ausgangspunkt allgemeiner hysterischer Con-
Tolsionen.
Was von den hier und da beschriebenen Lähmungserscheinungen
an den Augenmuskeln (Mydriasis, Ptosis, Strabismus extern, s. d. Fälle
bei Notta und Hutchinson) und ihrem VerhältniBS zur Neuralgie
zu halten sei, lässt sich mit dem vorliegenden Material nicht ent-
scheiden; wahrscheinlich aber iBt, dass es sich hier um zufällige
Complicationen, vielleicht Co^ffecte derselben Ursache handelt
1) Lond. Ophthalm. Hosp. Rep. IV. p. 381. 1863—65.
2) y^. darüber Moos, Bericht über d. I. Versamml. südwestd. Neurolog. u.
Irren&rzte in Baden-Baden. Arcb. f. Psych, u. Nervenkr. VI. 1876.
1 04 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Sehr gewöhnlich sind yasomotoriBche Störungen: die im
Beginn der Anfälle manchmal kurze Zeit vorhandene abnorme Blässe
des Gesichts macht meist bald einer gesteigerten Böthe desselben
Platz, die in schweren Fällen sehr auffallend werden kann, so dass
das Gesicht intensiv geröthet erscheint, nicht selten auffallend glänzt
und eine leichte teigige Anschwellung zeigt. Diese Köthe erstreckt
sich auch auf die sichtbaren Schleimhäute und besonders ist es die
Conjunctiva, die ungemein häufig eine hochgradige Hypei^mie auf-
weist, die selbst bis zur Chemosis sich steigern kann ; doch hat man
auch hyperämische Böthe in der Nasenhöhle der afficirten Seite und
der entsprechenden Hälfte der Mundhöhlenschleimhaut beobachtet. —
Stärkeres Schwitzen der afficirten Gesichtshälfte wurde in einzelnen
Fällen gesehen. — Sehr gewöhnlich ist endlich während der An-
fälle starkes Pulsiren der Carotiden, der Facial- und Temporalarterie.
Die Physiologie hat hinreichende Aufschlüsse darüber geliefert,
warum bei Trigeminusneuralgien secretorische Störungen so
gewöhnlich sind; sie hat die directe oder indirecte Abhängigkeit
verschiedener Secretionen vom Trigeminus nachgewiesen. Weitaus
am häufigsten ist die gesteigerte Thränensecretion; sie ge-
hört in Verbindung mit der starken Böthung der Conjunctiva zu den
gewöhnlichen Erscheinungen bei Neuralgien, des I. und 11. Astes.
Da die experimentellen Untersuchungen gezeigt haben, dass sowohl
der Nerv, laciymalis, wie der Nerv, orbitalis secretorische Nerven der
Thränendrüse enthalten, deren Beizung Thränensecretion hervorruft
(Herzenstein, Wolferz), dass femer Beizung der sensiblen Ver-
zweigungen des I. und H. Astes des Trigeminus reflectorisch die Thränen-
secretion steigert, erklärt sich die gesteigerte Thränensecretion bei
Neuralgien gerade dieser beiden Aeste in sehr einfacher Weise. — Etwas
weniger häufig wird gesteigerte Speichelsecretion geftifiden;
die Kranken beschreiben dieselbe als ein reichliches Zusammenlaufen
salziger Flüssigkeit im Munde. Für die Erklärung des Zustande-
kommens derselben genügt die sichergestellte Thatsache, dass reflec-
torisch vom Trigeminus aus die Speichelsecretion erregt werden kann,
während es noch nicht entschieden ist, ob die vom HI. Ast des Trige-
minus (Bam. lingual.) zur Submaxillar- und Sublingualdrüse gehen-
den secretorischen Zweige diesem selbst oder der Chorda tympani
entstammen. Noch seltener endlich beobachtet man gesteigerte
Secretion der Nasenschleimhaut; dieselbe ist von wässerig*
sehleimiger Beschaffenheit (selten blutigschleimig) und nicht mit der
durch reichliche Thränensecretion verursachten stärkeren Absonde-
rung zu verwechseln. Da nach Vulpian's Versuchen Beizung des
Neuralgien. Trigeminusneuralgie. Symptome. 105
6«Dglion spbenopalatinam gesteigerte Secretion der entsprechenden
Nasenschleimhant hervorruft , wird man wohl darin anch die Er-
klärnng ftlr die genannte pathologische Erscheinung finden dürfen.
Die bei der allgemeinen Schilderung der Neuralgien erwähnten
trophischen Störungen sind gerade bei Prosopalgien am häu-
figsten gefunden worden. Es gehören hierher: die Anschwellung und
Hypertrophie des Gesichts, theils durch stärkere Durchfeuchtung oder
wirkliche Hypertrophie der Haut, theils durch abnorme Wucherung
des subcutanen Fettgewebes, theils durch Hypertrophie der Gesichts-
knochen ; wird besonders in veralteten und hartnäckigen Fällen manch-
mal beobachtet. Die Veränderungen an den Haaren, die früher be-
sehrieben wurden (Rauh- und Struppigwerden derselben, periodisches
oder dauerndes Weisswerden, Ausfallen oder stärkere Wucherung der
Haare), kommen gerade bei Gesichtsneuralgien am häufigsten vor.
Demnächst sind es mehr entztlndliche Störungen an der Haut
and andern Geweben, welche die Gesichtsneuralgie manchmal be-
gidten ; so vor allen Dingen Herpeseruptionen im Verbreitungsbezirk
des erkrankten Nerven, die unter die Kategorie des Herpes Zoster
gehören; am häufigsten kommt der Zoster ophthalmicus oder fron-
talis im Gebiet des ersten Astes zur Beobachtung und zieht nicht
selten anch die Cionjunctiva und die Cornea in Mitleidenschaft; er
ist eine schwere, sehr belästigende Affection, kann zur Zerstörung
des Auges führen und hinterlässt gewöhnlich tiefe Narben und par-
tielle Anästhesien; das Auge selbst ist in der Begel nur dann mit-
ergriffen, wenn sich Herpesbläschen im Bereich des Bamus ethmoi-
dalis (Nasenflügel und Nasenspitze) finden. (Hutchinson, Bow-
man.) In seltenen Fällen beobachtet man auch Herpes labialis bei
Neuralgien des 2. und 3. Astes. — Viel seltner ist eine erysipelatöse
Entzündung im Gebiete des erkrankten Nerven, die gewöhnlich nach
wenigen Tagen wieder schwindet und von dem Herpes Zoster leicht
zu unterscheiden ist. A n s t i e erwähnt eine subacute Entzündung des
Periosts und der fibrösen Häute in der Nähe der Schmerzpunkte,
welche manchmal zu deutlicher Anschwellung führen soll. — Sehr
wichtig, wenn auch in ihrem Verhältniss zur Neuralgie noch nicht
vollständig geklärt, sind endlich Ernährungsstörungen des Auges, die
besonders bei Neuralgien des ersten Astes hie und da beobachtet
worden sind: der Herpes conjunctivae hat wohl dieselbe Bedeutung,
wie der Zoster auf der Haut; die in seltnen Fällen beobachtete
Ophthalmia neuroparalytica ist wohl auf Mitbetheiligung der von den
Physiologen vielumstrittenen trophischen Fasern im Trigeminus zurück-
znflihren; in der Regel kommt sie nur bei schwereren Läsionen des
106 Erb, Krankheiten der peripher^-cerebrospinalen Nerven.
Nerven zu Stande (s. u. das Capitel über Anästhesie des Trigeminas) ;
inwieweit die Angabe yon Anstie, dass Iritis manchmal in Folge
von Neuralgie entstehe and das Glancoma simplex in gewissen Fällen
von Neuralgie abhänge, richtig ist, können erst weitere Untersachim-
gen, besonders von Seiten der Ophthalmologen entscheiden (FgL
Hatchinson, Lond. Ophth. Hosp. Bep. IV).
Psychische Verstimmangen werden bei keiner anderen
Neuralgie so häufig beobachtet, wie bei der Prosopalgie, wenn anoh
allerdings zu verwundern ist, mit welch' gutem Humor manche Kranke
ihr schweres Leiden ertragen. Die schweren Fälle können aber
melanchoUsche Verstimmung, grosse Reizbarkeit und Lebensttberdross
erzeugen und Selbstmord bat schon manchmal den Lieiden der Kran-
ken ein Ziel gesetzt.
Auch Allgemeinstörungen werden nur in sehr schweren
Fällen beobachtet. Durch die dann eintretende Dyspepsie, die Schlaf-
losigkeit etc. werd^ die Kranken in ihrer Ernährung herunterge-
bracht und können allgemeiner Erschöpfung und Marasmus verfall^L
— Bei Malarianeuralgien hat man hier und da in Begleitung der
Anfälle gleichzeitig Frost, Hitze und Seh weiss beobachtet (Rom-
berg.)
Einzelne Formen der Gesichtsneuralgie, laicht immer
ist der ganze Trigeminus Sitz der Neuralgie ; weit häufiger vielmehr
Sind es einzelne Aeste und Zweige desselben, in welchen die Affec-
tion vorwiegend oder ausschliesslich ihren Sitz hat. Man kann dar-
nach verschiedene Formen unterscheiden.
Neuralgie des 1. Astes (Neuralg. ophthalmica). Hat
ihren Sitz im ganzen Verbreitungsbezirk dieses Astes oder nur in
einzelnen Theilen desselben. Es kuin also Schmerz auftreten in der
Stirn bis zum Scheitel und gegen die Schläfe hin, im oberen Augen-
lid, an der Nasenwurzel und auf der Nase herab bis gegen die
Spitze hin, (durch den Ram. ethmoidalis) selbst im vorderen Theil
der Nasenhöhle. Auch der Bulbus kann durch die Ciliamerven der
Sitz heftiger neuralgischer Schmerzen werden (Ciliameuralgie). Da-
gegen fehlen bestimmte Angaben ttber eine etwaige Betheiligung des
N. recurrens ophthalm. (der zur Dura mater und dem Tentorium
geht) an der Neuralgie des ersten Astes. — Alle die einzelnen Zweige
des N. ophthalm. können gelegentlich der Sitz einer isolirten Neur-
algie werden; weitaus am häufigsten jedoch ist dies der Fall im
N. supraorbitalis und man erhält dann das Bild der so häufigen
Neuralg. supraorbitalis: Schmerz in der Stirn, der Nasenwurzel
und dem oberen Augenlid verbreitet, Hyperämie der Conjunctiva, ge-
Neuralgien. Trigeminiuiiennügie. Symptome, Einzelne Formen. 107
stdgerte Thränensecretion n. b. w. Dabd beobachtet man ÜBi constant
einen Haaptschmerzpankt am Foram. supraorbitale ; er ist yielleicht
der häufigste von allen. Mandimal ist der ganze Verlanf des Nerven
fliegen Dmek sehr empfindlich. Seltenere Schmerzpunkte sind: am
obo^n Angenlid (Palpchralponkt) ; auf der Nase da, wo der N. ethmoi-
dalis durch den Nasenknorpel herrortritt (Nasalpnnkt) ; am inneren
Augenwinkel, dem N. snpratrochlearis entsprechend ; am Tuber parie-
tale des Scheitelbeines (Parietalpunkt) ; endlich ist auch der Bulbus
manchmal bei Druck sehr schmerzhaft. — Die Supraorbitalneuralg^e
ist eine der häufigsten durch Eriiältung entstandenen Formen; sie
ist femer die fast ausschliessliche Localisation der Malarianeuralgie
und der Neuralgien im Beginn des Ileotyphus. Die Begleiterschei-
nungen sind bei ihr meist sehr ausgesprochen, der Verlauf im Ganzen
ein milder und kurzer und die Behandlung meist erfolgreich.
Neuralgie des 2. Astes: (Neuralgia supramaxillaris)
hrt ihren Sitz im Verbreitungsgebiet des 2. Astes und es kann der
Schmerz also auftreten in der .Wange, dem unteren Augenlid, den
Seitentheilen der Nase und der Oberlippe (N. mfraorbitalis), femer
in der Jochbein- und vorderen Schläfengegend (N. orbitalis s. subcu-
taneus malae), in der oberen Zahnreihe (Nn. alveolares super.),
endlich in der Nasenhöhle und am Qaumen (N. sphenopalatinus nut
seinen Verzweigungen). Dass auch der N. recurrens supram. (eben-
so wie der Recurr. inframax. vom dritten Aste) gelegentlich an der
Neuralgie Theil nehme, scheint mir unzweifelhaft: eine Ej*anke mit
Neuralgie des 2. und 3. Astes machte mir die ganz bestinmite An-
gabe, dass sie während der Anfälle einen tiefen bohrenden Schmerz,
»ganz im Inneren des Kopfes'', empfinde. Auch Anstie erzählt
unter dem Namen „ Gfehimneuralgie " einige Fälle, die wohl hierher-
gehören.
Von den genannten Zweigen des zweiten Astes wird der N.
q)benopalat. am seltensten von Neuralgie befallen; man hört die
Sjunken selten ttber Schmerz am Gaumen und in der Nasenhöhle
klagen. — Häufiger ist der N. orbitalis (Henle) der Sitz einer
iBoHrten Neuralgie, die an ihrer Localisation leicht zu erkennen ist
Weitaus am häufigsten aber ist der ganze N. infiraorbitalis betheiligt
(Neuralg. infraorbitalis) und man begegnet dann der charak-
teristischen Localisation des Schmerzes in der Wange, Oberlippe,
oberen Zahnreihe und Jochbeiogegend. Besonders häufig sind die
sehwereren Formen der G^ichtsneuralgie , wenn sie auf einen Ast
besduünkt sind, im Infraorbitalis localisirt — vielleicht in Folge
des langen Verlaufes in einem engen Enochenkanal.
108 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalei Nerven.
Der Haoptschmerzpunkt bei dieser Neuralgie ist der Infraorbital-
punkt am Foram. infraorbit. ; demnächst ein Malarpmikt an der Ans-
trittstelle des K. subcutan, malae; seltener sind Scbmerzpunkte in der
Oberlippe (Labialpunkt), am Gaumen oder an verschiedenen Stellen
des Alveolarfortsatzes des Oberkiefers nachzuweisen. Sie sind
während der Anfälle fast immer, ausserhalb derselben nur in einem
Theil der Fälle vorhanden.
Dr. Gross (Americ. Joum. of med. Sc. 1870 July.) beschreibt
als besondere Form eine Neuralgie, welche ihren Sitz in den zahn-
losen üeberresten der Alveolarfortsätze , besonders des Oberkiefers,
bei alten Leuten hat. Sie unterscheidet sich in Nichts von den ge-
wöhnlichen Formen des Tic douloureux, als durch diese specielle
Localisation. Gross hält es für zweifellos, dass die reichlichere Ab-
lagerung von Knochensubstanz in den zahnlosen Alveolarfortsätzen
auf die in denselben verlaufenden Nerven comprimirend und irritirend
wirke und so die Neuralgie hervorrufe. Demgemäss wiU er in vielen
Fällen definitive Heilung der Neuralgie durch Resection des Alveolar-
fortsatzes erreicht haben.
•
Neuralgie des 3. Astes (N^uralgia inframaxillaris).
Hat ihren Sitz in dem ganzen, umfangreichen Verbreitungsbezirk
des 3. Astes und es kann demnach der Schmerz auftreten in der
Unterkiefergegend, der unteren Zahnreihe und am Rinn (N. alveolar,
infer. und mentalis), in der Zunge und Schleimhaut der Mundhöhle
(N. lingualis), in der Wange (N. buccinatorius und commnnicans
facialis), in der Schläfengegend, dem vorderen Theil der Ohrmuschel
und dem äusseren Gehörgang (N. auriculo-temporalis, N. meat. andit.
ext. und auricul. anter.). — Im Ganzen sind isolirte Neuralgien des
3. Astes nicht häufig; doch kommen Fälle vor, in welchen sich die
Neuralgie auf den grössten Theil der genannten Zweige erstreckt.
Von diesen Zweigen wird der N. lingualis am seltensten mitbetrofifen;
doch hat man dies und selbst ganz isolirtes Befallensein dieses
Nerven wiederholt beobachtet (Neuralg. Ifaigualis). — Häufiger ist
die neuralgische Affection des Auriculotemporalis, entweder als Theil-
erscheinung einer Neuralgie des 3. Astes oder auch ganz isolirt, wo-
von ich Beispiele beobachtet habe; die Localisation des Schmerzes
in der Schläfengegend und am Ohr ist charakteristisch. Am
häufigsten ist der Sitz der Neuralgie im N. alveolaris inferior, wo-
bei der Schmerz in den unteren Zähnen, dem Kinn und der Unter-
lippe auftritt.
Dem entsprechend ist unter den Schmerzpunkten der häufigste
der Mentalpunkt am Foramen mentale ; demnächst ein Temporalpunkt
vor dem Ohre da, wo der N. auriculo-tempor. sich über den Joch-
Neuralgien. Trigeminasneuralgie. Symptome. Einzelne Fonnen. 109
bogen hinzieht; die anderen von Valleix erwähnten Schmerzponkte
an der Unterlippe, an der Seite det Zange, an dem Alveolarfortsatz
des Unterkiefers sind sehr ineonstant and schwer nachzuweisen. Die
B^leiterscheinangen treten bei dieser Form der Neuralgie meist
mehr in den Hintergrand : der einseitige Zangenbelag, die gesteigerte
Speichelsecretion sind zu beachten ; besonderes Augenmerk aber ver-
dienen die etwa vorhandenen Störungen in der Motilität der Kau-
moskeln and der Zunge, weil aus denselben manchmal Schlüsse auf
den Sitz und die Art des zu Grande liegenden Leidens gezogen
werden können.
Eine Unterscheidung verschiedener Formen der Gesichtsneuralgie
vom klinischen Standpunkt aus ist zur Zeit nur in sehr unvoll-
kommener Weise möglich ; die Versuche älterer Aerzte, die verschie-
denen , rheumatischen ^, „ gichtischen % „ scrophulösen *", „hysterischen^,
» organischen ^, „ entztlndlichen'S » habituellen '', „ sympathischen ^ u. a.
Neuralgien aus der Qualität des Schmerzes und der Gruppirung der
Symptome von einander zu unterscheiden, mtlssen als gescheitert
betrachtet werden. Auch der Versuch von Benedict (Anzeig. d.
Ges. d. Aerzte in Wien 1871 No. 5) bei den Gesichtsneuralgien
(ebenso wie bei allen anderen Neuralgien) zwei grosse Gruppen zu
unterscheiden, welche in Symptomatik, Localisation , Prognose und
Therapie von einander wesentlich verschieden seien, entbehrt noch
der hinreichenden wissenschaftlichen Begründung. Zu der ersten
Gruppe rechnet Benedict die Neuralgien, deren Paroxysmen (bei
auf- und abwogender Intensität) einen mehr continuirlichen Verlauf
nehmen, zu der zweiten Gruppe jene, deren Paroxysmen sieh aus
hinter momentanen Anfällen zusammensetzen. Diese zweite Gruppe
soll durch reflectorische Erregung der Vasa nervorum zu Stande
kommen. Ehe jedoch eine ausführlichere Begründung dieser An-
schauung vorliegt, ist dieselbe nicht discussionsfähig.
Allem nach fallen die zu der zweiten Gruppe gehörigen Fälle,
welchen Benedict speciell den Namen Tic douloureux vindicirt,
zusammen mit jenen, welche Tronsseau in classischer Weise unter
dem Namen „ epileptiforme Neuralgie ^ beschrieben hat (Arch. gän^r.
1853, Janvier; medic. Klinik, deutsch v. Culmann. Band II. 1868)
imd welche hier nicht unerwähnt bleiben können. Auch ohne der
Ansicht des grossen französischen Klinikers von der specifischen
Katar dieser Neuralgie beizupflichten, kann man zugeben, dass die
bierher gehörigen Fälle eine grosse Uebereinstimmung und vieles
Charakteristische in den klinischen Erscheinungen zeigen und an
110 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
sich leicht zu erkennen sind. Es sind die Fälle von meist äusserst
hartnäckiger, yieljähriger Prosopalgie, welche die Quelle unsäglichen
Leidens. fUr die Kranken werden und vielfach der Gegenstand be*
rtthmter Schilderungen des Gesichtsschmerzes geworden sind. Hef-
tigste, mit der Schnelligkeit des Blitzes eintretende Schmerzen, die
ein paar Sekunden oder Minuten lang mit grosser Baschheit anfein-
ander folgen, um dann plötzlich wieder zu verschwinden; in vielen
Fällen auffallende und heftige mimische Beflexkrämpfe gleichzeitig
mit dem Schmerz; rasche Wiederholung dieser aus momentanen
Einzelanfällen sieh zusanmiensetzenden Paroxysmen einige Stunden
oder Tage, selbst Wochen lang; dann Aussetzen und Verschwinden
der Anfälle fttr Tage, Wochen, selbst Jahre; fast unausbldbliche
Becidive ; Zunahme der Intensität des Leidens durch Alles^ was den
Organismus schwächt und herunterbringt; Auftreten meist erst im
vorgerückteren Alter und hiw gerade ofk in der schlimmsten Fonn.
— Das mögen die Hanptzttge des Erankheitsbildes sein, welches
man aus der voranstehenden Beschreibung der Gesichtsneuralgie in
seinen Einzelheiten ergänzen mag.
Diese Form der Gesichtsneuralgie wird meist ftb* c^oitralen
Ursprungs gehalten, ohne dass jedoch diese Annahme hinreichend
durdi Autopsien begründet wäre. Es spricht einigermassen fbr die-
selbe, dass man diese Neuralgie häufiger in Familien findet, in welchen
eine bestimmt ausgesprochene Anlage zu Psychosen besteht (Anstie);
dass sie mit Epilepsie zusammen vorkommt (Trousseau); und dass
bei ihr häufig eine grosse allgemeine Empfindlichkeit, eine unge-
wöhnlich starke psychische Beaction beobachtet wird (A. Eulen-
burg). — Auf der anderen Seite ist dag^en zu erwähnen, dass sie
manchmal ganz scharf auf einzelne Aeste des Trigeminms beschränkt
vorkommt und dass es zwischen ihr und den leichteren, gewöhnlichen
Formen der Gesichtsneuralgie ganz unmerkliche Uebergänge gibt
So lange demnach nicht bestimmtere Nachweise über die Lociüisa-
tion und die anatomische Verursachung des Leidens gegeben werden
können, als jetzt, dürfen wir wohl den hier charakterisirten Tic
douloureux nur als die schwerste Form der Gesichtsneuralgie auf-
fassen, welcher durch verschiedene Verhältnisse, vielleicht vorgerücktes
Lebensalter, Gewebsdegenerationen, neuropathische Disposition, Con-
stitutionsanomalien u. dgl. der Charakter besonderer Intensität und
Hartnäckigkeit aufgedrückt ist. Und es ist nichts dagegen einzu-
wenden, wenn Eulenburg diese Form als constitutionelle
Neuralgie den übrigen, leichteren mehr accidentellen Formen
gegenüberstellt.
Neoralg. Trigemmosnearalgie. Einzelne Fonnen. Verlauf. Dauer. Ausgänge. 111
Uebrigens ist die Prognose dieser Form wohl nicht so absolut
sdilimm, wie sie Tronssean, der nie einen Fall definitiv heilen
99h j hinstellt. Jedenfalls gelingt es mit den heutigen Hilfsmitteln
(und es ist dies auch Trousseau gelungen) in vielen Fällen , die
Kranken für kürzere oder längere Zeit von ihren Schmerzen zu
befreien.
Der Verlauf der Trigeminusneuralgien kann sich sehr ver-
schieden gestalten: bald beobachtet man einen streng typischen
Verlauf, regelmässiges Auftreten der Paroxysmen zu bestimmten
Zeiten des Tages oder der Nacht, regelmässigen Ablauf der ganzen
Krankheit Us zur Heilung. — Häu%er aber ist der atypische
Verlauf: unregelmässiges Auftreten der Anfälle, Häufung derselben
zu gewissen Zeiten und auf bestimmte Veranlassungen hin, ver-
schieden lange Dauer der Intervalle; nicht selten Intermissionen,
welche sich auf verschieden lange Zeitrilume, Wochen, Monate, selbst
Jahre erstrecken können. Dies hängt zumeist von der Ursache der
Krankheit, von der Constitution des Kranken, begtlnstigenden Mo-
menten u. dgl. ab. Am ausgesprochensten und unberechenbarsten
ist der Verlauf bei den schweren Fällen des eigentlichen Tic dou-
lonreux; hier kann man mit Bestimmtheit auf zeitweilige Häufung
und Steigerung der Anfälle und dann wieder mehr oder weniger
lange Intermissionen rechnen, und nur in den allerschwersten Fällen
werden diese anfallsfreien Zeiten immer kürzer und bleiben endlich
ganz aus.
lieber die Dauer der Krankheit lässt sich gar nichts Bestimmtes
sagen; man hat sie mehrere Stunden*) und hat sie mehr als 30 Jahre
cbmem sehen; die schwereren Formen des Tic doul. begleiten die
Kranken gewöhnlich ftir den Rest ihres Lebens.
Die Ausgänge hängen zum gr(testen Theil von der Natur der
Krankheitsursache, zum Theil von uns unbekannten Verhältnissen ab.
Heilung tritt in den meisten Fällen wohl ein, besonders bei
rheumatischen, hysterischen, anämischen, durch Malaria etc. entstan-
denen Formen. Chronisch- und Habituellwerden der Krank-
heit ist zu erwarten bei ausgesprochener, neuropathischer Disposition,
bei schlechten EmährungsverhSÜtnissen, Gefässdegeneration, Auftreten
im höheren Lebensalter u. dgl. — Unheilbarkeit ist die Regel
bei schweren, organischen Grundleiden und auch bei den Formen,
welche unter die Kategorie der epileptiformen Neuralgie faUen. —
1) Yalleix beflchrabt sogar einen Fall, der nur emen einzigen Parozysmus
TOD LO Mio. Dauer darbot
112 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrosplnalen Nerven.
Der Tod tritt eotweder durch das Grandleiden ein oder kann auch
die Folge der durch die Neuralgie selbst gesetzten allgemeinen
Schwäche und Erschöpfung, Schlaflosigkeit, mangelhaften Nahrungs-
zufhhr u. dgl. sein. Als mehr zufällige Ausgänge sind Anästhesie
des Trigeminus, Melancholie und andere Geistesstörungen, Gehirn-
apoplexien u. dgl. zu nennen.
Die Diagnose der Trigeminusneuralgie als solcher bietet in
der Regel keine grossen Schwierigkeiten, wenn man genau auf die
allgemeinen Merkmale der Neuralgien achtet. Sie wird sich also
gründen auf die Localisation und Verbreitung des Schmerzes, auf
den Charakter und das paroxysmenweise Auftreten desselben, auf
den Nachweis der Schmerzpunkte und der verschiedenen B^leit-
erscheinungen u. s. w. Immerhin sind diagnostische Irrthttmer and
Unsicherheiten möglich; hie und da mögen Verwechselungen yor-
kommen mit Zahnschmerz (dieser ist meist continuirlich , local, der
Zahn gegen Berührung und Kälte sehr empfindlich, cariös ; der Zahn-
schmerz kann aber auch in Neuralgie übergehen!), mit Entzündung
des Periosts und der Knochen oder der Oberkiefer- und Stimhöhl^i
(Qualität und Sitz des Schmerzes, Druckempfindlichkeit, örtliche An-
schwellungen etc. sind hier entscheidend), mit hysterischem Clayos
(auf eine kleine Stelle am Scheitel beschränkt, von da nicht aus-
strahlend; sonstige hysterische Erscheinungen), mit anämischem und
dyspeptischem Kopfschmerz (keine bestimmte Localisation, Schmerz
mehr in der Tiefe, dumpf, drückend, keine Paroxysmen und Begleit-
erscheinungen), mit Migi^e (Schmerz in der Tiefe des Schädels
localisirt, keinem Nervenzweig entsprechend, pulsirend, Erbrechen,
hochgradige Reizbarkeit etc.). Bei einiger Aufmerksamkeit wird man
diesen Verwechselungen entgehen können.
Sehr wichtig ist die Diagnose des Sitzes der Neuralgie, be-
sonders die Entscheidung über peripheren oder centralen Ursprung
derselben. Leider aber gestattet der gegenwärtige Stand unserer
Kenntnisse diese diagnostische Unterscheidung nur in der Minderzahl
der Fälle. Eine gewisse Wahrscheinlichkeit des peripheren Sitzes
ergibt sich : aus der Beschränkung der Neuralgie auf einen bestimmten
Ast oder Zweig, aus nachweisbarer peripherischer Ursache; aus der
Möglichkeit den Anfall durch periphere Einwirkungen zu coupiren;
aus der Anwesenheit von Schmerzpunkten in den Intervallen etc.
Für den centralen Ursprung spricht: lancinirender Charakter des
Schmerzes und Localisation desselben in die Knochen (?) ; verbreitete
Reflexzuekungen ; allgemeine Hyperästhesie und starke psychische
Reizbarkeit; Abhängigkeit der Schmerzen von den mimischen Be-
Neuralgien. Trigemmosaeuralgie. DiAgnose. Prognose. 113
wegongen; Fehlen der Schmerzponkte in den Interrallen (?); Stö-
mngeQ in anderen Hirnnerren. Auf alle diese Charaktere kann man
nch jedoch nicht sicher verlassen, sondern nur eine möglichst genaue
Erwägung aller Umstände kann hier das Urtheil einigermassen
sieher stellen.
Dasselbe gilt in noch höherem Maasse ftlr die so überaus wich-
tige Diagnose der Ursache des Leidens. Es kann hier nicht alles
wiederholt werden , was in Bezug auf die Ursachen der Gesichts-
neuralgie zu berttcksichtigen ist und was sich jeder Arzt im concreten
FaUe selbst sagen wird; es sei bloss darauf hingewiesen, dass nur
eine mö^ichst sorgfältige und umfassende Ermittelung und Erwägung
aller Einzelheiten im Zusammenhalt mit den Ergebnissen einer
möglichst eingehenden Untersuchung dieser praktisch so wichtigen
Aufgabe gerecht werden kann.
Die Prognose muss sich vor allen Dingen nach der Ursache
lichten; wo eine solche nicht nachweisbar ist, muss man mit der
Prognose vorsichtig sein, weil selbst anscheinend leichte Fälle eine
unerwartete Hartnäckigkeit zeigen und durch vriederholte Recidive
die Hoffnung auf Genesung zerstören können. Malaria, rheumatische
Ursachen, Anämie, Zahncaries und andere periphere Reize geben die
günstigere Prognose ; nenropathische Disposition, vorgerücktes Lebens-
alter, Kachexien, Gewebsdegenerationen, schwere organische Erkran-
kungen, centrale Leiden etc. bedingen eine ungünstige Prognose. Be-
sonders ungünstig sind die habituell gewordenen, sog. constitutionellen
Neuralgien; sie werden in der Regel nur vorübergehend gebessert
Dagegen darf man bei den meisten irisch entstandenen, nicht allzu
heftig auftretenden und besonders bei den typischen Formen in der
Regel baldige Heilung erwarten.
Therapie.
Ungewöhnliche Schwierigkeiten stellen sich der Behandlung der
Prosopalgie häufig genug entgegen ; Kenntnisse und Geduld des Arztes
werden nicht selten auf erschöpfende Proben gestellt und nur allzu
häufig ist der Erfolg aller Bestrebungen ein unbefiledigender.
Es muss hier ganz nach den bei der allgemeinen Therapie der
Neuralgien aufgestellten Grundsätzen verfahren werden; indem wir
auf diese verweisen, kann hier das Meiste nur angedeutet. Weniges
nur au0ftlhrlicher besprochen werden.
' Der Causalindication kann nicht selten genügt werden:
Chinin ist von glänzendem Erfolg bei der Supraorbitalneuralgie durch
Malariainfection ; bei Neuritis, Knochen- oder Periostentzttndungen ist
Handboehd. tpec. Pathologien. Therapie. Rd.X 11. 1. 2. Aufl. 8
114 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
energische Antiphlogose am Platz; Diaphorese, rasebe Ableitimg auf
die Hanty innerlicb Colchicam mit Op. empfeblen sich bei rbeuma-
tischer Ursache ; von glänzender Wirkung ist oft die Entfernung von
Fremdkörpern, Narben, Geschwülsten, Neuromen u. s. w. Eine be-
sondere Beachtung verdient die oft vergeblich, oft aber auch mit
grossem Nutzen ausgeftihrte Extraction cariöser Zähne Dieselbe ist
nur dann zu veranlassen, wenn der Schmerz offenbar von dem kranken
Zahne ausgeht, wenn durch Reizung des Zahnes Paroxysmen hervor-
gerufen werden können, wenn der Zahn bei Berührung mit Metall
oder kalter Flüssigkeit sehr schmerzhaft ist; nach Friedberg
weicht die Neuralgie manchmal erst, wenn man auch die nicht
schmerzenden, aber schadhaften Zähne entfernt. Bei sehr erreg-
baren und schwächlichen Personen lässt man die Extraction am
besten in der Narkose machen. Gesunde Zähne zu extrahiren,
bloss weil sie während des neuralgischen Paroxysmus schmerzen,
ist nicht erlaubt. — Bei Beizungen peripherer Organe oder anderer
Nervengebiete müssen die erforderlichen Heilmethoden angewendet
werden. — Besondere Berücksichtigung erfordert das Allgemein-
befinden: die Bekämpfting der Anämie, Kachexie, verschiedener
Dyskrasien, der neuropathischen Disposition u. s. w. Alles dies hat
nach allgemeinen Grundsätzen mit Inbetrachtnahme der speciellen
Verhältnisse des einzelnen Falles zu geschehen; hier besonders kann
sich der praktische Blick des Arztes bewähren und die richtige
Auswahl der einzelnen (roborirenden, alterirenden etc.) Curmethoden,
der passenden Badeeuren, Ealtwassercuren , Diät u. s. w. ist hier
nicht selten von grossem Nutzen.
Bei der directen Behandlung hat sich besonders die Elek-
tricität in der neueren Zeit einen gesicherten Ruf erworben; es
sind Fälle durch dieselbe geheilt worden, in welchen die schwersten
operativen Eingriffe wiederholt vergebens gemacht waren (Wiesner)
und man kann wohl sagen, dass wesentlich durch die Ausbildung
der el. Behandlung die Prognose des eigentlichen Tic douloureux
nicht mehr ganz so traurig ist, wie sie Trousseau darstellt. Beide
Stromesarten haben ihre Erfolge. Der faradische Strom kann als
el. Pinsel oder el. Moxe im Gesicht wohl nicht leicht Anwendung
finden, wegen der heftigen Beizwirkung und enormen Schmerzhaftig-
keit; man kann ihn danp nach M. Meyer im Nacken anwenden;
auch wäre vielleicht der schon von Eisen mann gemachte Vorschlag
zu beherzigen, durch starke cutane Faradisation des äusseren Ohfes
dieselben Wirkungen zu erstreben, wie mit der Gauterisation des
Helix. — Zweckmässiger erscheint die Faradisation mit feuchten
Kearalgien. Trigeminusnearalgie. Therapie. 115
Elektroden, die auf die besonders schmerzhaften Punkte and in die
Nähe der Nervenstämme aufgesetzt werden; in einem Falle hat mir
eine derartige Faradisation quer durch den Kopf (vor dem Ohr) mit
„ schwellenden "^ Strömen (nach Frommhold) sogar bessere Dienste
geleistet, als die Galvanisation. — Im Allgemeinen jedoch ist diese
letztere, d. h. die Behandlung mit dem galvan. Strom weit vorzu-
ziehen und liefert viel günstigere Besultate. Die verschiedensten
Metboden haben hier Erfolge aufzuweisen: handelt es sich um peri-
phere Neuralgien einzelner oberflächlich gelegener Aeste lAuriculo-
tempor., frontalis, alveolaris infer.), so kann man beide Elektroden
auf den Nerven aufsetzen und einen absteigenden stabilen Strom ein-
wirken lassen; dasselbe sucht man bei den tiefer gelegenen Aesten
(N. infraorbitalis, lingualis etc.) zu erreichen dadurch, dass man die
Anode in den Nacken oder hinter das Ohr, die Kathode auf die Aus-
trittstelle des schmerzhatten Astes setzt Nach der polaren Methode
lässt man die Anode stabil auf die besonders schmerzhaften Punkte
einwirken, während die Kathode im Nacken oder an einer sonstigen
indifferenten Körperstelle sitzt. Zur Beeinflussung der Hauptäste an
der Schädelbasis und nach ihrem Austritt aus den KeUbeinlöchem
ist es zweckmässig, den Strom quer durch den Schädel an den ge-
eigneten Stellen zu leiten, die Anode auf der leidenden Seite. Ftlr
schwerere Fälle habe ich eine polare Einwirkung der Anode an
diesen Stellen mit zu einer ziemlich hohen Stromstärke anschwellen-
den und dann langsam wieder abschwellenden stabilen Strömen be-
sonders nützlich gefimden. Benedict empfiehlt für die schweren
Fälle die Galvanisation längs und quer durch den Schädel und die
Sympathicusgalvanisation, und ich glaube, von dieser Methode eben-
falls einige Erfolge gesehen zu haben. Ein von schwerer Supra-
orbitalneuralgie heimgesuchter College hatte vortrefflichen Erifolg
nur von der Einwirkung des Pinsels bei 6—8 Elementen; die aut
der Stimhaut sehr schmerzhafte Procedur wurde gemildert durch
Unterlegen einiger Schichten feuchten Löschpapieres. Es ist Auf-
gabe der Elektrotherapie, künftighin die Indicationen flir diese ver-
schiedenen Methoden genauer zu präcisiren; vorläufig ist dies noch
nicht möglich; allein es ist wahrscheinlich, dass iUr verschiedene
Formen der Prosopalgie (je nach ihren Ursachen und ihrer genaueren
Localisation) auch verschiedene Galvanisationsmethoden angezeigt
sein werden. Da wir zur Zeit in den meisten Fällen über den Sitz
und die Ursachen in Ungewissheit zu sein pflegen, milssen wir auf vor-
wiegend empirischem Wege die einzelnen Methoden anwenden und
in den schwereren Fällen besonders verschiedene Methoden nach-
s*
116 £rb, Krankheiten der peripberen-cerebrospinalen Nerven.
«jnaiider erproben , um die wiriksamste zu finden. Die Erfolge «ind
in leichteren, Mschen, aber anch in vielen veralteten, idiopatbisclieii
Fällen wahrhaft glänzende; bei den schwereren Formen wird man
in vielen Fällen erhebliebe Erleichterung, selten wirkliche Heilung
bringen. Glerade in diesen muss man aber durch Ausdauer und
Modification in der Behandlung den schliesslichen Erfolg zu er-
zwingen suchen. Orosse Uebung und Sidierheit in der elektrothera-
peutiscben Technik sind daeu natttrlich unabweteliche Bedingvnigen.
Alles Nähere s. in d. Lehrbtichem der Elektrotherapie.
Fftr die Anwendung der Narcotica gelten ganz die im allge-
meinen Theil ausgeflihrten Grundsätze; doch muss man sich gerade
in schwereren Fällen vor einer allzu energische und lange fortge-
setzten Anwendung derselben bitten, weil die Kranken gar cn
schwer davon wieder entwöhnt werden können. Es ist deshalb
zweckmässig, öfteren Wechsel in den Narcoticis emtreten zu lassen
(Opium, Morphium, Laudanum, Strammonium, Hjoscyamus, Bella-
donna; am meisten wird man sidi natürlich immer auf die Opiate
bes. das Morphium, verlassen mttssen). Natürlich hat man, gediUngt
durch die Verhältnisse, die Narcotica in zahllosen Anwendungsweisen
versucht; die vorzüglichste unter denselben ist jedenfalls die hypo-
dermatische Injection, die hier besonders mit allen Gautelen anzu-
wenden ist. Die Injection im G^cht selbst ist möglichst zu ver-
meiden, weil sehr schmerzhaft, oft entstellend und manchmal zu
Entzündungen ftihrend. Die zweckmässigsten Stellen sind die
Schläfengegend und die seitliche Halsregion unt^halb des Ohres.
Doch wird man sich bei ausgesprochener localer Schmerzhaftigkeit
auch nicht von einer Injection unter die Stirn- oder Wangenhaut
abhalten lassen. — Für manche leichtere Fälle genügen diese In-
iectionen zur Heilung; ftir die schwereren Fälle sind sie nur ein
Palliativmittel, das in der Regel mehr und mehr an Wirksamkeit
verliert und endlich in Dosen angewendet werden muss, die dem
Gesanmitorganismus verderblich werden, ohne die gewünschte Wir-
kung hinreichend zu entfalten. Die Injection anderer Narcotica hat
keine besonderen Vorzüge; höchstens wäre Atropin zu versuchen,
welches Anstie besonders ftlr die mit Glaucom einhergdienden
Supraorbitalneuralgien empfiehlt.
Die innerliche Anwendung der Narcotica ist weniger zu em-
pfehlen, doeh in vielen Fällen nicht zu entbehren. Zu erwähnen
ist hier noch besonders die von Trousseau geübte und als einzig
wirksam empfohlene Palliativbehandlung seiner epileptifonnen Neur-
algie mit unglaublich grossen Dosen von Opiaten. Trousseau be-
NeuralgieiL Trigeminosneoralgie. Tben4>ie. 117
gnuit mit ca. 0,20 Morphium oder Opium oder Extr. opü auf den
Tag und steigt , wemi keine bedrohlicben Erscheinungen eintreten
(was gewöhnlich bei dieser Krankheit nicht der Fall zu sein pflegt)
mit der Dosis rasch so lange, bis Erleichterung eintritt, in einzelnen
Fällen Iris auf vier. Grammes (!) Morphium und 8 — 12 Grammes
Opium für den Tag! Er berichtet Ton einer Kranken, welche täg-
lich 15^20 Grammes Opium nach BedUrMss verbrauchte und dabei
keine Intoxicationserscheinungen , wohl aber eine ungeheuere Besse-
rung ihres entsetzlichen Leidens yersptirte. Troussseau hat mit
dieser Behandlung wenigstens so viel erreicht, dass die fiirchtbaren
AufMle seltener und schwächer wurden, dass sie selbst fllr einige
Wochen oder Monate ganz cessirten. Er betont aber ausdrückUcb,
dass das Opium in hohen Dosen gegeben werden muss, deren
Grenzen sieh gar nicht im Voraus bestimmen lassen. Mit der Besser
ruBg tritt Intoleranz gegen das Mittel ein und dann muss man mit
der Dosis heruntergehen. Manche Personen vertragen aber die hohen
Dosen gar nieht
Belladonna, Hyoscyamus, Strammonium etc. können ebenfalls
innerlich in steigenden Dosen versucht werden und erweisen sich
hier und da nützlich. — Erwähnt werden mag auch die Einftlhrung
der Narcotica durch die Nase in Form von wässerigen Lösungen
oder Schnupfyulvem ; hat günstige palliative Wirkung, besonders
bei Supraorbitalneuralgien.
Für die äusserliche Anwendung mag hier besonders auf die
Opium- und Veratrinsalben, auf die Einreibungen mit Aconitin, auf
die Fomente mit Atropin hingewiesen werden (s. allg. Theil), welche
sich ihrer leichten Anwendbarkeit wegen empfehlen.
Aneh die Anaesthetica finden in der früher angegebenen
Weise hier nicht selten eine gute Stelle. Besonders Chloroformin-
halationen und einige äusserliche Applicationen (Wattebausch mit
Chloroform in den äusseren Gehörgang, Auflegen von mit Chloro-
form oder Aether getränkter Watte auf die schiperzhaften Stellen)
haben sich in der Therapie des Gesiehtsschmerzes eingebürgert.
Das Butylchloral (früher Crotonchloralfaydrat genannt) ist
von 0. Liebreich als ein fast specifisches Mittel gegen Gesichts-
schmerz und überhaupt alle schmerzhaften Affeetionen im Gebiet
des Trigeminus empfohlen. Sehr günstige Erfolge — wenigstens
palliative — stehen hier Misserfolgen (Mering) gegenüber. Weitere
Erfahrungen müssen abgewartet werden. Darreichung und Dosirung
wie oben S. 83 angegeben.
118 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
M a n z i 0 bat in einem hartnäckigen und veralteten, allen Mitteln
trotzenden Falle von Infraorbitalnearalgie Inhalationen von Amyl-
nitrit mit bestem Erfolge angewendet.
Sehr häufig wird man gerade beim Gesichtsschmerz genöthigt
sein, zu den specifischen Mitteln zu greifen. Es gilt für die-
selben das im allg. Theil Gesagte. In leichteren, typischen oder an-
nähernd typischen Fällen, wenn sie auch nicht auf Malaria beruhen,
wird Chinin seine Wirkung selten versagen; ich gebe es gern mit
etwas Morphium in idiopathischen oder rheumatischen, frischen
Fällen, besonders von Supraorbitalueuralgie und meist mit Erfolg.
— Für die schwereren Fälle dagegen ist der Arsenik das souveräne
Mittel; derselbe hat gerade bei den schweren, constitutionellen
Formen vielfach so entschiedene Resultate gehabt, dass er immer
und immer wieder versucht zu werden verdient. Die Dosirung ist
die gewöhnliche, man darf jedoch nicht zu ängstlich sein (Tinct.
Fowler. 3 — 6 8—10 Tropfen mehrmals täglich; Acid. arsenicos.
0,01 bis 0,02 pro die in getheilter Gabe). Von den übrigen Speci-
ficis: Zinc. (Meglin'sche Pillen), Strychnin, Argent. nitr., Auro-natr.
chlorat. u. s. w. ist nichts Besonderes zu sagen. Lecointe hat
von starken Dosen römischer Kamillen (längere Zeit gebraucht)
Erfolge gesehen, Pf äff u. A. rühmen den Erfolg des innerlich ge-
reichten Ol. terebinth.; Sublimat, Ferr. carbonicum, Kai. jodat. haben
ihre Lobpreiser gefunden.
Mit Ableitungsmitteln ist in der Regel wenig zu machen.
Vesicantien finden ihre beste Applicationsstelle im Nacken oder hinter
dem Ohr. — Verschiedene reizende und irritirende Salben hat man
auf das Gesicht angewendet. — Der Vorschlag, die Haut über den
Points douloureux mit dem Höllensteinstift tüchtig zu ätzen, wird
wohl wenig Anhänger finden. — Bepinseln mit Jodtinctur, die Acu-
punctur und Elektropunctur, die Aquapunctur, Bepinseln des Gau-
mens mit verdünntem Ammon. caustic. u. dgl. sind energische Gegen-
reize, welche meist nur vorübergehende Wirkung haben werden und
hinter der Wirksamkeit der el. Geissei jedenfalls zurückstehen. Das
Glüheisen in Form des Strichfeuers hat man ebenfalls versucht —
jedenfalls der heroischste und wohl auch wirksamste unter diesen
Gegenreizen.
Die Kälte wird man nur in wenigen Fällen wirksam finden;
in der Regel wird sie von den Kranken nicht ertragen, sondern es
werden eher warme Umhüllungen und Aufschläge angenehm em-
I) Annali univers. Bd. 231. p. 512. 1875.
Neuralgien. TrigeminusDeuralgie. Therapie. 1 1 9
pfänden. Doch kann bei peripheren besonders neuritischen Neural-
gien auch ein unverkennbarer Nutzen von Eälteapplicationen herTor-
treten. — Die Compression hat gerade bei Trigeminusneuraigieu
die wenigsten Bedenken, da es sich hier um rein sensible Nerven
handelt, deren Leitungshemmung keine sehr üblen Folgen hat. Man
mag daher immerhin versuchen, ob energische Compression des lei-
denden Nerven oder verschiedener Points doulour. den Schmerz lin-
dert nnd kann dieses Mittel geeigneten Falles als erwünschtes Pallia-
tiv gebrauchen lassen.
Von Bädern und Badecuren ist meist nur dann Erfolg zu
erwarten, wenn ihnen ganz bestimmte Indicationen zu Grunde liegen.
Direct gegen die Neuralgie wirken Seebäder, Thermen, Kaltwasser-
curen manchmal sehr glänzend, meist aber lassen sie im Stich oder
bedingen eine Exacerbation des Leidens.
Bei keiner andern Neuralgie sind endlich operative Eingriffe
so häufig angezeigt und auch so vielfach gemacht worden, wie bei
der Prosopalgie. Die Discussionen der Chirurgen über den Werth,
die Indicationen und die Methoden der Neurotomie und Neurektomie
drehen sich fast ausschliesslich um den Trigeminus. Es kann jetzt
wohl als festgestellt betrachtet werden, dass in vielen Fällen von
Trigeminusneuralgie ganz bestimmte Indicationen für die Operation
vorbanden sind und dass die meisten hier in Betracht kommenden
Operationen verhältnissmässig ungefährlich und mit den verbesserten
Methoden auch wenig eingreifend sind. Und dass die Operation fUr
die Kranken selbst eine nützliche und segensreiche ist, das lehren
zur Evidenz die zahlreichen Beispiele, in welchen sich die Kranken
mehrfach wiederholten Operationen unterzogen und sogar die Chirurgen
zu immer erneuten und kühneren Operationen gedrängt haben. Man
muss nur einmal die entsetzlichen Leiden solcher Kranken gesehen
haben, um es zu begreifen, dass sie nach jedem, auch dem schwersten,
Mittel verlangen, welches ihnen wenn auch nur vorübergehende Be-
freiung von ihren Schmerzen verspricht.
Indicirt erscheint die Operation : a) wenn periphere Ursachen
der Neuralgie selbst oder der einzelnen Paroxysmen anzunehmen und
durch kein anderes Mittel zu entfernen sind; b) wenn bei centraler
Ursache oder bei vorhandener Unklarheit über den Sitz des Leidens
die aufreibende Heftigkeit desselben an und ftlr sich einen ernsten
operativen Eingriff rechtfertigt, nachdem alle übrigen Mittel erschöpft
sind. Die Erfahrung, dass auch bei notorisch centraler Ursache die
Operation doch in vielen Fällen mehr oder weniger lange dauernde
Befreiung von den Schmerzen gebracht hat, hat dieser Indication eine
120 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
festere Basis verliehen. Es ist klar, dass es besonders die schweren
Fälle der r> epileptiformen Neuralgie ^ sind, welche in diese Kategorie
fallen nnd bei diesen sind auch bereits zahlreiche Operationen ge-
macht worden.
Der Ansflihrung der Operation mnss natürlich vorausgehen eine
möglichst sichere Feststellung des eigentlich beiallenen Nervenzweigea
und es sind in dieser Beziehung besonders die irradiurten Schmerzen
einer genauen Würdigung zu unterriehen; ferner muss man bestrebt
sein, den genaueren Sitz der Affection in der Höhe der Faserieitung
zu erniren, weil natürlich ein Operiren oberhalb dieses Sitzes die
Hauptaufgabe ist — Natürlich wähle man im einzeben Fall das
möglichst sichere und gefahrlose Operationsverfahren. Es dürfte sieh
vielleicht in Fällen von unsicherer Diagnose und zweifelhaftem Er-
folge empfehlen, versuchsweise das leichtere Operationsverfahren (z. B.
subcutane Neurotomie) vorauszuschicken und erst bei Wiederkehr der
Schmerzen zu dem eigentlichen Haupteingriff (Neurektomie eines mög-
lichst langen Nervenstücks) zu schreiten. Dies muss jedoch dem Er-
messen der Chirurgen anheimgestellt bleiben. Eine Detailbespreohnng
aller dieser Fragen, der Indicationen , Folgeerscheinungen, Nachbe-
handlung findet man in dem vortrefflichen Aufsatz von A. Wagner
(Arch. f. klin. Chir. Band XI).
Ueber die einzelnen Operationen und ihre Technik können wir
uns hier nicht verbreiten. Man hat dieselben in der neueren 2ieit
erheblich vervollkommnet, und die Resectionen auf alle möglichen,
fast unerreichbaren Nervenzweige ausgedehnt; man ist in die Tiefe
der Augenhöhle, in die Flügelgaumengrube bis zum For. rotund. vor-
gedrungen, hat Unter- und Oberkieferresectionen nicht gescheut, um
zu den erkrankten Nerven zu gelangen. Weitaus am häufigsten ist
der Nerv, infraorbitalis Gegenstand solcher Operationen. Das Nähere
bieten die Werke über Chirurgie und Operationslehre.
Die Erfolge sind im Ganzen befriedigend. Eine Zusammen-
stellung A. Wagner 's über 135 Fälle ergibt: Erfolglosigkeit der
Operation 9 mal ; Tod 6 mal ; Reddive traten ein nach Tagen i mal,
nach Monaten 32 mal, nach Jahren (6is 3) 20 mal ; Recidive blieben
ans nach Monaten 18 mal, nach Jahren 25 mal; die Zeitdauer des
Erfolgs blieb unbestimmt 24 mal. Wenn man erwägt, dass es sich
dabei fast nur um äusserst schwere, hartnäckige und verzweifelte
Fälle handelt, wird man den Worten Wagner's beistimmen, dass
die Neurektomie bei Prosopalgie eine wissenschaftliche Berechtigung
und eine hochzuschätzende praktische Bedeutung hat
Ueber die von Nussbaum und Patruban geübte und empfohlene
Neuralgien. Trigemuiasnearalgie, Therapie. Cervico-Occipital-Nearalgie. 121
Unterbindung der Carotis als Radicalmittel bei Trigeminasneur-
algie ist znr Zeit noch kein bestimmtes Urtheil möglich. Die bisher
mitgetheilten Erfolge sind jedoch so günstige dass die Operation wohl
weiterer Veranehe werth ist. Da sie jedoch bisher aller bestimmteren
Indication ermangelt, wird man sie nur als ultimum refugium da an-
wenden, wo die unstillbaren Leiden der Kranken einen energischen
und gefährlichen Eingriff rechtfertigen.
In Bezug auf das diätetische Verhalten bei Gksiehtsnear-
algien braucht dem im allgemeinen Tb eil darüber Gresagten nicht
viel binzugeftigt zu werden. Da der Trigerainus vermöge seiner
mannichfachen physiologischen Beziehungen sowohl durch somatische
wie durch psychische Einflüsse in Terschiedenster Weise beeinflusst
ond erregt werden kann, ist besonders auf eine soi^ältige Fem-
haltnng aUer die Paroxysmen heryorrufenden oder steigernden Ein-
flüsse zu achten. Besonders ist streng jede körperliche oder geistige '
Ueberanstrengung, überhaupt Alles, was schwächend auf den Orga-
msmus einwirkt, zu meiden, eine zeitweilige Entfernung von allen
Qesehäfien ist häufig nützlich. In Bezug auf Diät und Lebensweise
wird man sich ganz nach den individuellen Verhältnissen zu richten
haben, mit Berücksichtigung der im allgem. Theil gegebenen Winke
und Bathschläge. Grosse Umsicht und Ausdauer sind hier besonders
in den schwereren Fällen nothwendig.
b. Neuralgie im Oebiet der vier oberen Cervicalnerven
(Plexus ccrvicalis). — Cervico-Occipital-Neuralgie.
Bretschneider 1. c. — Valleix 1. c. p. 185—224. — Eulenburg,
Hasse, L c. ~ Börard, Dict. de m^. Bd. 12. 1836.
Peter, N^vralgies diaphragmatiques. Ar eh. g^n^r. 1872. Bd. 17. — Falot,
Neuralgie des Phrenicus. Montpell. m^d. 1866.
Diese, im Ganzen seltene Neuralgie hat ihren Sitz im Verbrei-
tongsbezirke der sensiblen Fasern der 4 oberen Cervicalnerven. Es
können also folgende Nerven an der Krankheit betheiligt sein: 1)
der Nerv, oecipit. major, der zwischen Proc. mastoid. und dem
Dornfortsatz des 2. Halswirbels unter die Haut tritt und sich am
Hmterhaupt und bis zum Scheitel hin verästelt; 2) der N. oecipit.
minor, der sich zur Seite des Hinterhauptes bis gegen das Ohr hin
aisbreitet; 3) der N. auricul. magnus, der sich in der Ohrmuschel
ond in der Haut oberhalb des Warzenfortsatzes und über der Parotis
veHtotelt; 4) der N. subcutan, colli inferior, der sich in der
ganzen vorderen Halsregion bis zur Unterkinngegend und gegen die
122 Erb, Krankheiten der periphereu-cerebrospinaleo Nerven.
WaDge hin aasbreitet; endlieh 5) die Nn. sapraclavicalares,
welche sich in der Sehlüsselbeingegend , in der oberen Region der
Brust und der unteren des Nackens yerästeln. — Der Schmerz bei
dieser Neuralgie kann also eine sehr grosse Verbreitung haben: in
der ganzen Hinterhauptsgegend bis zum Scheitel und im Ohr, in der
ganzen Haut des Halses und Nackens bis über das Schlüsselbein
hinab und nach aufwärts bis gegen die Wange (Anastomose mit dem
Subcutan, colli super, vom Nerv, facialis). Weitaus am häufigsten
aber ist es der starke N. occip. major, welcher von der Neuralgie
befallen wird (Neuralgia occipitalis); seltener der Occip. min.
und Auricul. magnus; die Betheiligung des subcut. coli, und der
Supraclayiculares wird nur selten erwähnt.
Ueber die Aetiologie dieses Leidens ist nicht sehr viel be-
kannt. Prädisponirend sind hier dieselben Verhältnisse wie bei Neur-
^algien überhaupt; Hysterie und Anämie werden besonders häufig
beschuldigt.
Unter den Gelegenheitsursachen ist wahrscheinlich Er-
kältung die häufigste; kalte Zugluft oder Wind in den Nacken,
Durchnässung u. s. w. werden häufig mit aller Bestimmtheit als
Ursachen beschuldigt. — Traumatische Einwirkungen sind in
einzelnen Fällen notirt. Besonders wichtige und häufige Ursachen
sind Erkrankungen der oberen Halswirbel: rheumatische
oder syphilitische Periostitis, Garies, Geschwulstbildungen aller Art
(ich sah einen sehr schweren Fall durch ein von den oberen Hals-
wirbeln ausgehendes Osteom bedingt) können Occipitalneuralgie be-
dingen. — Krankheiten der cervicalen Lymphdrüsen und in einem
Falle Aneurysma der Art vertebral. hat man beobachtet. Es ist
endlich nicht unwahrscheinlich, dass auch centrale Erkrankun-
gen (des Halsmarkes und des Gebims) gelegentlich das Symptom
der Occipitalneuralgie darbieten.
Symptome. Meist einseitiges, nicht selten aber auch doppel-
seitiges Auftreten. Der Schmerz kann äusserst heftig sein, wird meist
als reissend und bohrend geschildert, nicht selten als deutlich lanci-
nirend. Verbreitet sich am häufigsten von der seitlichen oberen
Nackenregion aus nach aufwärts bis zum Scheitel und selbst gegen
die Stirn hin; in selteneren Fällen an und hinter dem Ohre, gegen
die Wange zu, oder in der •vorderen Halsregion, von hier Ausläufer
nach dem Kinn und über den Unterkiefer hin entsendend ; oder end-
lich nach abwärts über die Schlüsselbeine hinab und nach hinten
gegen die Scapula hin. — Sehr deutlich ist in der Regel das Auf-
treten in Paroxysmen, die selbst eine ähnliche Heftigkeit wie bei
Neuralgien. Cervico-Occipitalneoralgie. Aetiologie. Symptome. 123
Prosopalgie erreichen können und verschieden lange Dauer dar-
bieten. In der Zwischenzeit sind die Kranken entweder ganz
schmerzfrei, oder es besteht nur ein dumpfer drückender Schmerz.
Die Anfälle werden hervorgerufen durch Bewegungen, besonders
Drehen des Kopfes, durch Lachen, Kauen, Niesen u. dgl. Beson-
ders charakteristisch ist die steife Haltung des Kopfes und Nackens
während der Anfälle, weil die Kranken ängstlich jede Bewegung
desselben vermeiden; ausserhalb, der Anfälle sind die Bewegungen
des Kopfes meist frei.
Sehr gewöhnlich sind Schmerzpunkte bei dieser Neuralgie
nachzuweisen und zwar am häufigsten an der Austrittstelle des N.
occip. maj., etwa in der Mitte zwischen Proc. mastoid. und den Dom-
fortsätzen der oberen Halswirbel (Occipitalpunkt) ; häufig auch ist
der Nerv längs seines Verlaufes über das Hinterhaupt schmerzhaft;
femer ein Punkt am Scheitelhöcker (Parietalpunkt) und die Dom-
fortsätze der oberen Halswirbel; selten kann man solche Punkte über
den Stämmen der übrigen betheiligten Nerven, oder am Ohr, oder
auf dem Schlüsselbein nachweisen.
Selten beschränkt sich bei dieser Neuralgie der Schmerz auf
das befallene Nervengebiet; vielmehr sind Irradiationen des
Schmerzes sehr häufig: am häufigsten wohl nach der Stirn und
Schläfe hin, auch gegen die Wange; ferner nach verschiedenen
Zweigen des Brachialplexus und zu den Intercostalnerven hin; das
kann zu Verwechselungen mit anderen, besonders Trigeminusneur-
algien lehren.
Auch die bekannten Störungen der Sensibilität kann man hier
und da beobachten ; so wird von Hyperästhesie in der Hinterhaupts-
gegend berichtet, so dass Berührung der Haare empfindlieh war;
ich selbst habe leichte Anästhesie im ganzen Gebiet beider Occipi-
talnerven und des Auricularis magnus beobachtet, verbunden mit
subjectivem Taubheitsgeflihl. — Während der Paroxysmen treten
nicht selten krampfhafte Erscheinungen in den Nackenmus-
keln auf: Zuckungen und Spannung derselben, oft eine tonische
CJontraction, die aber zum Theil willkürlich zur möglichsten Fixirung
des Kopfes hervorgemfen wird. Selten sind Zuckungen in den Ge-
sichtsmuskeln. Von vasomotorischen und trophischen Stömngen ist
wenig bekannt. Anstie erwähnt Anschwellung der Lymphdrüsen
als Folge dieser Neuralgie. — Häufiges Erbrechen und hochgradigen
Marasmus habe ich in einem besonders schweren Falle beobachtet,
der hier wohl einer kurzen Mittheilung in verschiedener Hinsicht
werth ist.
124 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nenren.
Am 8. Oktober 1862 wurde ein 1 5 jähriger Banernjnnge^ GU>a8wiii
Heil er ; in einem jammenrollen Zustande höchster Abmagerung und
Schwäche auf die medic. Klinik .(Prof Friedreich) gebracht. Die
Anamnese; welche der bis zum völligen Skelett abgemagerte Bursche
mit hinreichender Klarheit gibt; ergibt eine 2 — 3jährige Dauer des
Leidens ; dazu rohe Behandlung von Seite der Stiefetteni; schlechte
ungenügende Nahrung. Die Anfälle sind allmälig inm^r heftiger
und häufiger geworden, die Ernährung durch das sich hinzugesellende
Erbrechen immer schlechter. Der Kranke klagt über einen a nf alls-
weise auftretende n^äusserst'he ft igen Schmerz imNacken
und Hinterhaupt; der sich auch etwas nach dem Rücken verbrei-
tet und immer von Erbrechen begleitet ist. Der 2. Halswirbel
ist während der Anfälle sehr empfindlich bei Druck; ebeaso
einige Rückenwirbeldornfortsätze. Bewegung des Kopfes während
der Anfälle erregt die furchtbarsten Schmerzen; während sie in den
anfallsfreien Zeiten ganz gut geht. Pat. liegt gewöhnlich stark opis-
thotonisch gekrümmt im Bett; kann weder stehen noch gehen ; noch
ohne Hülfe im Bett sitzen. Alles Oegessene wird erbrochen. Unglaub-
liche Abmagerung und Schwäche. Geistige Functionen intaet; keiner-
lei sonstige Anomalien; kein Symptom einer Centralerkrankung. —
Nach vergeblicher Anwendung der Kälte, narkotischer Linimente etc.
wird zu subcutanen Morphiuminjectionen (0;005— 0;01) geschritten;
welche überraschend schnelle Besserung erzielen: nach wenigen Tagen
die Schmerzen fast verschwunden; das Erbrechen vorüber; Appetit und
Beweglichkeit wiederkehrend. Pat erholt sich nach und nach völlig
(Gewicht am 2. Dezemb.; nachdem die Besserung schon sehr grosse
Fortschritte gemacht; erst 25,4 Kilo; am 23. April 1863 dagegen
33;8 Kilo); so dass er einen Ausläuferdienst übernimmt. Die Neural-
gie ist nicht wiedergekehrt.
Der Verlauf der Cervico-Occipital-Neuralgie ist im Allgemeinen
ein milderer; als der der Prosopalgie; doch kommen auch hier manch-
mal schwere und unheilbare Fälle vor, welche an die epileptiforme
Neuralgie erinnern. Das hängt hier wie dort ganz von den Ursachen
ab; und es würde eine ausiUhrlichere Besprechung nur zu Wieder-
holungen fllhren. Dasselbe gilt ftlr Dauer und Ausgänge dieser
Neuralgie.
Die Diagnose ist im Allgemeinen leicht; eine Verwechselung
mit TorticoUis rheumatica (Muskelrheumatismus mit fixem Sitze des
Schmerzes, ohne Paroxysmen, Steigerung des Schmerzes constant
bei bestimmten Bewegungen) kann wohl leicht vermieden werden. —
Wichtiger und schwieriger ist natürlich die Diagnose der Ursaohei
and hier ist besonders immer eine genaue Untersuchung der Hals-
wirbelsäule von aussen und vom Rachen her vorzunehmen. Hier ist
an das längst gewürdigte Symptom zu erinnern; dass bei Wirbel-
Neuralgien. Cernco-Ocdpital-Keanügie. Verlauf. Diagnose. Prognose. Therapie. 1 25
Idd^i die Ej-aaken beim Erbeben des Kopfes das Hinterbaapt mit
der Hand zu stützen pflegen.
IXe Prognose ergibt steh aas den Ursachen und der Würdigung
fittmmtliober concarrirenöer Verhältnisse nach allgemeinen Grundsätzen.
Die Therapie ist in der Mehrzahl der Fälle erfolgreich; nur
bei schweren organischen Leiden wird man nichts zu erwarten habeni
als palliative Erfolge. Fttr die gewöhnlichen Fälle empfehlen sich
am meisten: äussere Hantreize. Fliegende Vesicantien sind oft
von glänzender Wirkung; der el. Pinsel und die Moxe; die trans-
carr^ite Gauterisation ; für leichtere Fälle wird man selbst mit Ein-
reibnng von Y eratrinsalbe , oder von OL terebinth. mit Ol. croton.
(5:1) auskommen. Oertliche Blutentziehungen wird man nur
selten gebrauchen. — Glänzend ist in Mschen rheumatischen, manch-
mal auch in veralteten Fällen, die Wirkung des galvanischen
Stromes, der nach bekannten Methoden anzuwenden ist. — Ein
vorzflgliches Palliativ- und nicht selten auch wirkliches Heilmittel
sind endlich die subcutanen Morphiuminjectionen. — Spe-
dfisdie und Allgemeinbehandlung nach allgemeinen Grundsätzen. —
In verzweifelten Fällen kann man auch die leicht auszufahrende
Beaection der betrefifenden Nerv'bnstämme versuchen, wird aber da-
mit meist nicht viel ausrichten, weil dem eigentlichen Sitze des
Leidens dann nicht beizukommen i^
Unter dem Namen Neuralgia diapbragmatica bat jüngst
Peter eine Neuralgie beschrieben, die im Nerv, phrenicus ihren Sitz
haben und sehr häufig vorkommen, ja eine der häufigsten neural-
gischen Affectionen sein soll^- ^^ ^^ ^^^^ i™ Allgemeinen ge-
neigt, den N. phrenicus ftlr einen rein motorischen Nerven zu halten;
allein schon seine Zusammensetzung aus den verschiedenen Bflndeln
des Plexus cervicalis macht es in hohem Grade wahrscheinlich, dass
er auch sensible Fasern enthält; Peter erklärt ihn geradezu fOr einen
gemischten Nerven und auch die Anatomen sind der Ueberzeugung,
dass ihm sensible Fasern beigemischt sind (Henle, Nervenlehre
S. 472). Immerhin wäxe der physiologische Beweis fbr diese Ansicht
erst noch zu erbringen und es wttrde derselbe ohne Zweifel den
an und ftlr sich bestechenden Auseinandersetzungen Peter 's eine
groBse Stütze verleihen.
1) Faiot (Montpellier ni6d. 1866 — Yirchow u. Hirsch, Jahresber.) hat bereits
früher diesdbe Affection , von welcher er mehrmals selbst befallen war, unter dem
Titel „Neuralgie des Phrenicus** beschrieben.
n
1
126 Erb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
Die Neuralgie des Phrenicns (die wir wohl zweckmässiger als
Neuralgia phrenlca bezeichnen, entsprechend der gebräuchlicheren
Bezeichnung des Nerven selbst) äussert sich als ein lebhafter Schmerz
an der Basis des Thorax , den Ansatzstellen des Zwerchfells ent-
sprechend, besonders den vorderen; femer als ein Schmerz in einer
dem Verlaufe des Phrenicus entsprechenden Linie herauf über die
Brust; endlich als Schmerz an der Stelle, wo der Nerv aus dem
Plex. cervical. entspringt und über den Scalenus anticus herabläuü
Nicht selten beobachtet man ausstrahlende Schmerzen nach der
Schulter, dem Hals und Nacken, dem Unterkiefer hin — also un
Bereich des Plex. cervicalis ; auch in die obere Extremität irradiiren
die Schmerzen nicht selten, besonders nach der innern Fläche des
Oberarms hin. Besonders der Schmerz in der Schulter ist so con-
stant und charakteristisch, dass sein Zusammenvorkommen mit dem
Schmerz an der Basis des Thorax sofort den Verdacht auf Neuralg.
phrenica erwecken muss. — Die genauere Untersuchung lehrt dabei
eine Anzahl Druckschmerzpunkte kennen und zwar 1) die Dom-
fortsätze der oberen Halswirbel, besonders des 2. — 5., seltner des
6.; 2) den N. phrenicus selbst längs seines Verlaufs in der Sopra-
claviculargrube ; 3) die Zwerchfellanfeätze, besonders die vorderen an
der 7.— 10. Rippe, seltner die hintern; und endlich 4) einen Punkt
am Knorpel der 3. Rippe, dessef Bedeutung aber nicht ganz klar ist.
Die Schmerzen sind mehr oder weniger continuirlich, jedoch in
einzelnen Paroxysmen exacerbirend, manchmal von lancinirendem
Charakter; die unaufhörliche Bewegung des Zwerchfells toit der
Respiration mag die Andauer des Schmerzes erklären. Begleitet
ist die Neuralgie fast immer von Respirationsbehinderung (durch
Beeinträchtigung der Zwerchfellsthätigkeit), dadurch erscheint auch
das Pressen, Niesen, Husten u. dgl. erschwert und schmerzhaft.
Schwäche und Zittern im Arm treten nicht selten auf. Die übrigen
von Peter erwähnten Begleiterscheinungen (Herzpalpitationen, Angma
pectoris u. s. w.) gehören nicht der Neur. phrenic. als solcher, sondern
complicirenden oder zu Grunde liegenden Leiden an.
Während nämlich die Neuralgia phren. nicht selten ganz isolirt
ftlr sich und selbständig auftritt (bes. bei nervösen und anämischen
Individuen, in Folge von Erkältung u. s. w.), ist sie doch in der
Mehrzahl der Fälle Begleiterscheinung anderweitiger Leiden, so be-
sonders der Angina pectoris, von Herz- und Gefässerkrankungen*)»
1) Ich habe einen unzweifelhaft hieher gehörigen, ganz typischen Fall im
Beginne einer sich schleichend entwickelnden Pericarditis gesehen.
Neuralgien. Keuralgia phrenica. Cephalal^e. 127
Basedow'scher Krankheit, Hilzvergrösserung , Leberleiden a. s. w.,
und Peter ist geneigt; einen Theil der bei diesen Leiden auftretenden
regelmässig oder mehr zufällig vorhandenea Schmerzen auf neural-
gische Mitbetheiligung des Phrenicus zu beziehen; er belegt diese
Anschauung mit einer Anzahl von Krankheitd|;eschichten. Die Neuralg.
phren. kommt weitaus am häufigsten auf der linken Seite vor. —
Die diagnostische Unterscheidung dieser Neuralgie von anderen, mit
ähnlichen Erscheinungen einhergehenden Erkrankungen (Pleuritis
diaphragmatica, Pericarditis, Gastralgie, reiner Angina pectoris u. s. w.)
wird bei genauer Erwägung der den beiderseitigen Erkrankungsformen
angehörigen Symptome nicht allzuschwierig sein. — Die Therapie
ist die gewöhnliche der Neuralgien. Peter hat besonders Schröpf-
köpfe, Vesicatore und subcutane Morphiumiqjeotionen angewandt. Für
die meisten Fälle wird die Behandlung des Grundleidens die Haupt-
sache sein.
Anhang.
KopfBchmerz. Cephalalgie. Cephalaea.
Bittner, Tract. de cephalai^a. Vienn. 1825. — Weatherhead, Ueber das
Kopfw^eh. abers. v. Pfeiffer. Leipzig 1836. — Wilkinson King, Onthe seat of
h^Mlache etc Lond. med. Gaz. Dec. 27. 1844. — Patrik J. Murphy, On hea-
dache and its yarieties. Lancet 1854. Febr. March. — Sieveking, On chronic
and periodical headache. Med Tim. and Gaz. 1854. Aug. 12. 19. 26. — John
Add. Symonds, On headache Med. Tim. 1858. March-May. — Lebert, Hand-
buch d alig. Pathol. 1865 S. 528. — Hasse 1. c. p. 29. ~ A. Culenburg,
Zur Pathol. des Sympath. Berl klin. Woch. 1873 No.l5. — Benedict, Nerven-
paüi. u. Eiektrother. 1874. S. 185. — Handfield Jones, Gases of neurosal hea-
dache. Med. Tim. and Gaz. Jan. and Febr. 1874. — Weir Mitchell, Headaches
from heatstroke, from fevers, after meningitis, from overuse of brain etc. Philad.
med. and surg. Rep. July Aug. 1874. —
Es wird wenige vom Nervensystem ausgehende Krankheits-
symptome geben, welche uns in der Praxis so häufig begegnen, wie
der „Kopfschmerz'', wenige aber auch, welche eine so vielseitige
und mannichfaltige Bedeutung haben können. Nicht bloss bei den
Nervenkrankheiten selbst, sondern bei allen möglichen anderen Er-
krankungen, beim Fieber, bei Verdauungsstörungen, bei den ver-
schiedensten entzündlichen Vorgängen am Kopf und in seiner Nähe
u. 8. w. findet sich Kop&chmerz als ein mehr oder weniger constantes,
häufig aber auch trügliches Symptom.
Wir haben hier keine ausftlhrliche Abhandlung über den Kopf-
schmerz zu liefern — nach Eisenmann's Ausspruch könnte man
damit leicht einen massigen Octavband flillen — sondern nur einige
128 Ebb, Krankheiten der periphereD-cerebrospinalen Nerven.
kurze BemerkongeD über diejenigen Formen des Kopfschmerzes zu
machen, die im vulgären Sprachgebrauch als mehr oder weniger rein
„nenröse^ bezeichnet werden und die sich nicht in den gewöhniidiea
Rahmen der Neuralgien und der sonstigen bekannten Krankheits-
formen einfUgen lassen.
Im Voraus mögen diejenigen Formen des Kopfschmerzes kors
bezeichnet werden, welche dgentlich nicht den Gegenstand dieser
Betrachtungen bilden. Dahin gehört vor Allem der durch äussere
Neuralgien der sensiblen Nerven bedingte Kopfschmerz. Wir haben
bei der Besprechung der Trigeminus- und Occipitalneuralgie gesehen,
woran derselbe zu erkennen ist: an der Localisation des SchmerzeSi
den Schmerepunkten, den Begleiterscheinungen u. s. w.
Eine vielfach unter dem Begriff des nervösen Kopfschmerzes
subsummirte Affection ist die Hemicranie (Migräne). Die aosge-
sprochnen Fälle dieser Neurose sind leicht zu erkennen : anfallsweises,
periodisches Auftreten eines halbseitigen Kopfschmerzes, Uebligkeit
und Erbrechen, Hyperästhesie der Sinnesorgane, Beziehungen zu den
Menses, zu Diätfehlem u. s. w. charakterisiren dieselbe ; man vergl.
darüber das Ci^itel über Hen^cranie. — Es gehören aber offenbar
auch viele Fälle in diese Kategorie, welche nicht das ansgesprochne
Bild des Migräneanfalls darbieten: so die bei vielen Frauen vorkom-
menden halb- oder doppelseitigen Kopfschmerzen, die mit Uebligkeit
einhergehen, bei Compression der Carotiden cessiren, mehr oder
weniger lang anhalten und nicht selten mit wirklicher Migräne ab-
wechseln. Man wird diese Fälle bei längerer Beobachtung leicht
richtig beurtheilen.
Der Kopfschmerz gehört femer zu den regelmässigen Symptomen
des Fiebers, mag dasselbe aus irgend welcher Ursache immer ent-
standen sein. Gewöhnlich ist dies ein massiger, dumpfer, lieMtzen-
der, m die Tiefe der Augenhöhle oder an den Schädelgrund locali-
sirter Schmerz, der durch Bewegung des Kopfs, durch Bücken n. d^.
gesteigert wird, mit Gefühl von Eingenommenheit des Kopfes, nicht
selten mit Delirien einhergeht. Die nachweisbare fieberhafte Tem-
peratursteigemng ist das entscheidende Moment ftir seine Beurtheilnng.
Ueber die eigentliche Entstehnngsweise des fieberhaftien Kopfischmerxes
sind wir noch nicht im Klaren. Natürlich gibt es auch Fälle, wo
neben dem Fieber noch andre Ursachen des Kopfschmerzes gleich-
zeitig vorhanden sind.
Bei entzündlichen, ulcerativen neoplastischen Pro-
cessen des Schädels und seiner Umgebung, bei Erkrankun-
gen der höhern Sinnesorgane ist Kopfschmerz eine der ge-
Neuralgien. Cephalalgie. Aetiologie. 129
wohnlichsten Erscheinungen and kann hier theils durch mechanische
Irritation der Neryen, theils durch entzündliche Beizung derselben,
theils wohl auch nur durch Irradiation erklärt werden. Hieher ge
h5ren die Kopfschmerzen bei Katarrh der Stirn- und Keilbeinhöhlen,
bei Entzündungen der Haut, der Galea, des Periosts am Schädel,
bei syphiL Schädelerkrankungen, bei Garies des Felsenbeins, bei
Geschwülsten der Schädelbasis, bei Augen- und Ohrenleiden u. s. w.
Häufig werden diese Kopfschmerzen lange Zeit ftlr rein nervös ge-
halten, wenn sich das Grundleiden langsam und unmerklich entwickelt.
Sehr wichtig ist endlich der Kop&chmerz bei allen möglichen
Erkrankungen des Gehirns und seiner Häute. Er bildet
ein überaus häufiges, wenn auch durchaus nicht constantes Symptom
derselben. Er pfiegt dabei oft von grosser Heftigkeit zu sein, tief-
sitzend, bohrend, klopfend, entweder continuirlich oder paroxysmen-
weise auftretend, durch Bewegungen, Klopfen des Schädels u. dgl.
gesteigert Häufig wird dieser Schmerz in seiner wahren Bedeutung
erst dann erkannt, wenn sich weitere Symptome von Gehirnleiden
einstellen (Delirien, Schwindel, Erbrechen, partielle Lähmungen,
Anästhesien oder Krämpfe, allgemeine Gonvulsionen u. dgl.). Man
vgl. darüber die betreffenden Abschnitte des vorigen Bandes.
Es bleibt aber immerhin noch eine grosse Gruppe von Fällen
übrig, in welchen keine anatomische Grundlage des Schmerzes nach-
weisbar ist und in welchen wir abnorme Reizungszustände sensibler
Nerven an oder in dem Kopfe anzunehmen gezwungen sind und
welche man deshalb mit einigem Recht unter die „ nervösen Gephal-
algien"* einreihen kann. In diesen Fällen kann der Schmerz einen
äusserst wechselnden Charakter haben: er wird als Drücken,
Reissen, Bohren, Pulsiren u. dgl. bezeichnet ; die Kranken haben das
Geflihl, als bohre sich ihnen ein glühender Nagel in den Kopf, als
solle der Kopf zerspringen, oder als werde er heftig gepresst u. s, w.
Schütteln des Kopfs, Bücken, Pressen und Drängen beim Stuhlgang,
stärkere Bewegung, rasche Bewegung der Augen, starke Licht- oder
Schalleindrücke, Lesen, Arbeiten, pflegen diesen Schmerz zu steigern,
während er durch Falpation oder Beklopfen des Schädels meist nicht
hervorgerufen oder gesteigert werden kann.
Häufig machen die Kranken bestimmte Angaben über den Sitz
des Schmerzes: am häufigsten wird derselbe in Stirn und Schläfe
oder das Hinterhaupt localisirt; häufig als ein tiefsitzender, innerer
bezeichnet, in die Tiefe der Augenhöhlen, in das innere Ohr, an die
Schädelbasis, in die Kopf knocken verlegt; bald ist er einseitig, bald
doppelseitig, bald fix, bald wandernd, in dem einen Fall diffus über
lUndbach d. spec. Pathologie a. Therapie, ßd XII. I. :?. Anfl. 9
130 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven,
den ganzen Schädel verbreitet, im andern auf einen einzelnen kleinen
Punkt (Clavus) localisirt.
Sehr gewöhnlich sind die mannichfachsten Begleiterschei-
nung e n dieses Kopfschmerzes vorhanden : Gtefllhl von Eingenommen-
heit, Wüste und Leere, von Klopfen im Kopf, Flimmern vor den
Augen, Ohrensausen, Schwindel, selten Delirien oder leichte Bewuset-
losigkeit, Zuckungen und Krampf einzelner Muskeln oder ganzer
Muskelgruppen ; Verlangsamung des Pulses, Uebligkeit und Erbrechen ;
manchmal Anästhesie, Formication u. dgl. — Dazu kommen häufig
noch die Erscheinungen des Grundleidens.
Die Dauer des Schmerzes ist eine äusserst verschiedene ; Stun-
den, Tage, Jahre kann er anhalten oder wenigstens mit kurzem oder
langem Unterbrechungen wiederkehren (habitueller Kopfechmerz). Er
kann auf massiger Intensität verharren, oder sich bis zu einem Grade
steigern, der die Kranken in Verzweiflung bringt.
Die Physiologie lässt uns im Zweifel über die sensiblen Nerven-
bahnen, in welchen diese Erregung ihren Sitz hat. Die Experimente
über die Empfindlichkeit der verschiedenen Gebilde des Schädel-
innem haben widersprechende Resultate gegeben. Während Leyden,
Hitzig, Ferfier die Dura mater bei ihren Versuchen sehr empfind-
lich gefunden haben, schreibt ihr Pagenstecher sehr geringe
Empfindlichkeit zu und Bartholow, der am Menschen experimen-
tirte (Beard, Arch. of Electrol. and Neurologie L New- York 1874»
p. 68) fand ebenfalls geringe Empfindlichkeit gegen mechanische
Reizung. — Die Pia mater scheint allen Versuchen nach ziemlich
unempfindlich zu sein und dasselbe gilt offenbar für den grössten
Theil der Substanz der grossen Hemisphären. Wenn Bartholow
seine Nadeln tief in die Gehirnsubstanz einsenkte, trat erst dann,
wenn dieselben ungefähr die grossen Basalganglien erreicht hatten,
Schmerz im Nacken ein.
Wenn trotzdem Kopfschmerz bei den allerverschiedensten Loca-
lisationen von Krankheiten in der Hirasubstanz oder den Himhäuten
vorkommt, so vermögen wir dies eben aus den physiologischen That-
sachen nicht zu erklären. Wir müssen entweder annehmen, dass
unter pathologischen Verhältnissen Gebilde empfindlich werden und "^
zu Schmerzen Veranlassung geben können, welche unter normalen
Verhältnissen geringe oder gar keine Empfindlichkeit zeigen; oder
wir können uns denken, dass bei pathologischen Vorgängen Druck
und Reizungsvorgänge sich auf grössere Entfernungen hin, auf Ge-
bilde verbreiten, welche entschieden sensibel sind. Als solche sen-
sible Gebilde können wir mit aller Bestimmtheit die Dura mater
Neuralgien. Gephalalgie. Pathogenese. 131
bezeichnen, welche vom Trigeminus und Vagus ausreichende sensible
Zweige erhält ; vielleicht sind auch die Nervi plex. chorioid., welche
Benedict jüngst (Virch. Arch. Band 59) beschrieben hat, sensibler
Natur und für manchen „innem" Kopfschmerz verantwortlich zu
machen. Wohin wir speciell den „nervösen" Kopfschmerz zu loca-
lisiren haben, ist noch ganz unentschieden und können wir darüber
nichts weiter als Vermuthungen haben.
Je nach der Pathogenese des nervösen Kopfschmerzes können
wir nun verschiedene Formen desselben unterscheiden, die vnr im
Folgenden kurz charakterisiren wollen.
Kopfschmerz durch Anämie ist gewöhnlich gleichmässig
in Schläfe und Stirn, manchmal auf dem Scheitel, längs der Pfeil-
naht localisirt, dumpf, drückend, nicht sehr heftig. Er wird durch
horizontale Lage, Bettruhe u. s. w. erleichtert, durch langes Stehen
und Aufrechtsein verschlimmert. Er geht mit Schwindel, Neigung
zu Ohnmächten, allgemeiner Blässe, Herzklopfen, Dyspnoe, cardialgi-
schen und dysmenorrhoischen Beschwerden u. dgl. einher und findet
sich sehr häufig bei Chlorotischen und bei allen Zuständen von Anämie,
besonders gerne bei Weibern.
Kopfschmerz durch active Hyperämie (Congestion) ist
gewöhnlich unbestimmt verbreitet, oft klopfend, geht mit Druck und
Schwere im Kopf, Agitation, Hyperästhesie und Sinnestäuschungen,
mit gerötheten Augen und Qesicht, starkem Klopfen der Carotiden
einher. — Als Gephalaea vasomotoria hat Eulen bürg einen
heftigen Schmerz in Stirn und Schläfe beschrieben, der von Druck
und Eingenommenheit des Kopfes, von Hitze und Röthung des Ge-
sichts und der Ohren begleitet ist und in regelmässigen Paroxysmen
auftreten kann. Ich habe selbst einen ähnlichen Fall gesehen, wo
heftiger Scheitelschmerz und Schwindel mit intensiver Röthe und
Hitze der Stirn und des Scheitels einhergingen.
Als toxischen Kopfschmerz kann man jenen bezeichnen,
der durch Einfuhr gewisser Gifte oder durch Infection mit gewissen
Krankheitsproducten und -keimen hervorgebracht wird. Am be-
kanntesten ist der Kopfschmerz nach Alkoholintoxication, welcher
sich am Morgen nach reichlichen Libationen als ein Geftihl von
schmerzhaftem Druck und von Schwere zu erkennen gibt, das vor-
wiegend an der Schädelbasis und in der Tiefe der Augenhöhle localisirt
erscheint. Bei den notorischen Beziehungen des Alcoholismus zu Er-
krankungen der Dara mater können wir wohl mit einigem Recht
diesen Koptschmerz auf die sensiblen Fasern der Dura beziehen. —
Auch chronische Bleiintoxication pflegt häufig Gephalaea hervorza-
9*
132 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
rufen ; Vergiftungen mit Narcoticis, mit Kohlendunst, Schwefel wasser-
stoflf u. s. w. pflegen gewöhnlich lange anhaltenden Kopfechmerz zu
hinterlassen; auf manche Menschen wirkt schon der Aufenthalt in
schlechter Luft, in ttberfttUten Räumen Kopfschmerz erzeugend; bei
der urämischen Intoxication ist heftiger Kopfschmerz ein gewöhnliches
Symptom. Vielleicht hat man auch das Recht, den die Infection mit
Typhusgift, mit Malaria u. dgl. begleitenden Kopfschmerz zum Theil
wenigstens als direct infeetiösen zu bezeichnen; Fournier*) be-
schreibt besonders bei syphilitischen Weibern eine sehr heftige
Cephalaea, welche zu den secundären Erscheinungen gehört und sich
wesentlich von den durch syphilitische Knochenafifectionen und sy-
philitische Neuralgien bedingten Kop&chmerzen unterscheidet. Alle
diese Formen von Kopfschmerz wird man vorwiegend an den be-
gleitenden Erscheinungen der Intoxication und Infection erkennen.
Bei Hysterischen gehört der Kopfschmerz zu den allerh&a-
figsten Plagen : sehr gewöhnlich erscheint er hier in Form des Clavus,'
auf eine kleine Stelle des Scheitels beschränkt, häufig aber aueh
mehr dififus, in der Tiefe des Schädels, horizontal von der Stirn zum
Nacken ziehend und immer begleitet von allen möglichen andern
Zeichen dieser vielgestaltigen Krankheit. Er wird während der
Menses, durch psychische Aufregungen, Aerger u. dgl. gesteigert,
durch Zerstreuung und Anregung häufig beseitigt.
Als rheumatischen Kopfschmerz bezeichnet man den
notorisch durch Erkältung entstandenen, in den Schädelmuskeln und
der Galea localisirten, reissenden, manchmal sehr heftigen Schmerz,
der mit deutlicher Druckempfindlichkeit der Kop&chwarte einhergeht
und bei Aenderungen der Temperatur und des Wetters sich steigert
Mettauer (Bost. med. Joum. July 1870) beschreibt einen wohl
hierhergehörigen wunderbaren Fall von „Neuralgie des Occipito-
Frontabnuskels *" , welchen er durch einen subcutanen Kreuzschnitt
über den ganzen Schädel geheilt haben will.
Eine sehr unklare und dunkle Form ist der sympathische
Kopfschmerz, welcher bei Erkrankungen aller möglichen peripheren
Oi^ne eintreten kann und nicht leicht zu erklären ist. Besonders
von den Verdauungsorganen aus (Stimschmerz bei Magenkatarrh,
Kopfechmerz bei Helminthiasis, bei Hämorrhoiden etc.) und von den
Geschlechtsorganen her (Kopfechmerz durch Onanie, geschlechtliche
Excesse, durch Uterus- und Ovarialleiden etc.) wird diese Form mit
Vorliebe hervorgerufen.
1) Le^ons sur la Syphilis. Paris lS7a p. 761.
Neuralgien. Cephalalgie. Diagnose. Therapie. 133
Endlich gibt es noch eine Form, die ich als nearasthenischen
Kopfschmerz bezeichnen möchte; jene meist dumpfen, drtickenden,
tiefsitzenden Schmerzen im Kopf, welche die intellectnelle Thätigkeit
sehr beeinträchtigen und manchmal zur Migräne exacerbiren, die man
bei Leuten findet, die sich durch körperliche oder geistige Anstren-
gungen, Nachtwachen, sorgenvolle und aufreibende Thätigkeit, durch
grosse Aufregung und Leidenschaften, durch sexuelle Ueberreizung
u. dgl. heruntergebracht haben und deren Nervensystem die viel-
fältigsten Zeichen reizbarer Schwäche darbietet. Das ist eine ziem-
lich häufige und quälende Form.
Ausserdem begegnet man nicht selten räthselhaften Fällen, in
welchen absolut kein Grund fQr die oft äusserst heftigen und quälenden
Schmerzen gefunden werden kann; so habe ich bei einem jungen
Manne, einem Kellner, einen auf eine thalergrosse Stelle rechts vom
Scheitel beschränkten, gegen Abend zu furchtbarer Heftigkeit exa-
cerbirenden Schmerz beobachtet, der durch Druck, Bücken, Bewegung
etc. gesteigert wurde und ftlr dessen Entstehung gar kein Anhalts-
punkt zu gewinnen war ; die Galea war bei Druck sehr empfindlich,
aber nicht geschwollen und nicht geröthet, die zugehörigen Nerven
nicht empfindlich; Syphilis bestand nicht; dreimalige stabile Appli-
cation der Anode beseitigte das Leiden. — In zwei Fällen habe ich
heftigen, anhaltenden Stimschmerz mit reflectorischem Stimrunzeln
u. dgl. gefunden, ohne dass es mir möglich war, auch nur den ge-
ringsten Grund für das Leiden zu entdecken und auch ohne einen
therapeutischen Erfolg mit den verschiedensten Mitteln zu erzielen.
Jedem beschäftigten Praktiker werden solche und ähnliche Fälle
häufig zur Beobachtung kommen.
Die Diagnose der einzelnen Formen des Kop6chmerzes ergibt
sich aus der vorstehenden Schilderung und aus der Berücksichtigung
aller begleitenden Umstände. Bei der Untersuchung beachte man
genau die äusseren Schädelgebilde, das Verhalten der peripheren
Nerven, der Sinnesorgane, der Gehimlunctionen; man percutire den
Schädel, lasse den Athem anhalten und pressen, man berücksichtige
die Circulations- und Verdauungsorgane, etwaige hereditäre Disposi-
tionen, Intoxicationen u. s. w. Besondere Beachtung verdienen die
hartnäckigen Formen von Kopfschmerz, welche oft jahrelang den
Vorläufer schwerer GehimaflFectionen bilden.
Bei der Therapie kann der Arzt viel Scharfsinn und Tact und
moss oft eine grosse Vielseitigkeit entwickeln. Zunächst ist natür-
lich das Grundleiden zu behandeln und erfordert die gegen Anämie,
134 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Hysterie, Syphilis, Nervenschwäche, Localkrankheiten etc. gebräuch-
lichen Heilmittel.
In vielen Fällen wird aber ausserdem noch direct gegen den
Kopfschmerz eingeschritten werden mtissen. Die Zahl der gegen
denselben empfohlenen Mittel ist sehr gross. Wir heben daraus
folgende hervor.
Kälte, in Form von nassen Compressen, Eisbeuteln u. dgl. em-
pfiehlt sich besonders bei der congestiven und den meisten toxischen
Formen, kann aber auch bei hysterischen und verwandten Zuständen
nützlich sein. Ebenso die Application der Kälte in den Nacken, die
Anwendung kalter Fussbäder, kalter Einwickelungen der Waden und
kalter Sitzbäder.
Die Narcotica in allen möglichen Formen hat man versucht;
sie leisten verhältnissmässig wenig und ihre Indicationen sind nicht
leicht festzustellen. Man vergl. das darüber bei den Neuralgien Ge-
sagte. Eine Dosis Morphium in einer Tasse schwarzen Kaffee thut
oft gute Dienste. Auflegen von Chloroformwatte auf die schmerz-
hafte Stelle, Einreibung von Veratrinsalbe u. dgl. erleichtern manch-
mal. Zu eingehenderen Versuchen fordern die bisherigen Erfolge des
Butylchloral heraus.
Die Ableitungsmittel können in verschiedener Weise ange-
wendet werden: fliegende oder eiternde Vesicantien in den Nacken
und hinter die Ohren, Sinapismen, Einreibung von Pustelsalbe auf
die schmerzhafte Stelle, Moxen und selbst das Ferrum candens, ferner
Blutegel an die Schläfe oder in den Nacken oder ad anum können in
speciellen Fällen Anwendung finden.
Ein ganz vorzügliches Mittel ist die Elektricität und sie mag
hier ganz nach den bei den Neuralgien aufgestellten Grundsätzen
angewendet werden. Die Galvanisirung längs und quer durch den
Schädel und am Sympathicus stehen hier in erster Linie ; demnächst
die stabile Einwirkung der Anode auf den Scheitel oder andere
schmerzhafte Punkte. Wie Benedict u. A. kann auch ich die oft
auftallend günstige Wirkung der „ elektrischen Hand " (Faradisiren des
Kopfes mittelst der befeuchteten Hand des Arztes, welche die eine
Elektrode darstellt; schwacher Strom, 2 — 5 Min. lang) bestätigen.
Auch die „allgemeine Faradisation" (nach Beard und Rockwell)
scheint in manchen Fällen günstig zu wirken, besonders bei Hysterie,
Neurasthenie und verwandten Zuständen; ebenso die von Beard
gerühmte „centrale Galvanisation.*'
Sind spastische Zustände der Gefässe als Ursache anzunehmen,
dann wird Amylnitrit zu versuchen sein. — Hat man es umgekehrt
Neuralgien. Cephalalgie. Therapie. Cervico-Brachial-Neuralgie. 13ü
mit paralytischen Zuständen der Gefäsäe zu thun, so wäre Seeale
eornnt. zu yersuchen; Eulen bürg hat in seinem Falle von Cephalaea
vasomotor. von der Darreichung des Extr. Secal. cornut. (0,60—0,90
pro die) auffallenden Erfolg gesehen.
Eisen, Chinin, Arsenik, Kai. bromat. und Kai. jodat. werden ge-
legentlich zu versuchen sein; sehr empfohlen wird eine Verbindung
von Chinin (0,10) mit Pulv. herb, digit (0,05 — jeden Abend eine
solche Dosis — fttr länger fortgesetzten Gebrauch. Argent. nitr.
allein oder mit Salmiak erwähnen wir nur, weil dringend empfohlen.
Trousseau empfiehlt heisse (40— 50o C.) Sandsäcke in Form von
Hauben, die öfter ^2—^4 Stunden getragen werden sollen, ohne
jedoch specielle Indicationen dafUr aufzustellen. Dieselben könnte
man auch nach Chapman in den Nacken appliciren.
In vielen Fällen wird man durch Luftveränderung, Zerstreuung,
Bade- und Vergnügungsreisen, durch sorgfältige Regulirung der Diät
und Lebensweise, der Beschäftigung u. dgl. mehr erreichen, als mit
allen Mitteln des Arzneischatzes.
c. Neuralgie im Gebiet der vier unteren Cervicalnerven.
(Plexus brachialis). — Cervico-Brachial-Neuralgie.
Valleix 1. c. p. 225—272. — Bretschneider , Romberg, Hassse,
Ealenburg 1. c. — Fil. Lussana, Monograf. delle Nevralgie brachiali. Qaz.
med. ital. Lombard. 1858. — Bergson, Nevralgia brachiale. Anoal. univers. 1860.
— Schramm, DieNeuralg. d. Armgeflechts. Bayr. ärztl. Intell.-Blatt 1859 No. 47.
— AI. Rosenthal, Neuralpe des Plex. cervico-brach. Wien. allg. med. Zeit.
1864 No. 7 u. 8. — Duhring, Painfal neuroma of the skin. Amer. Journ. of
med. Sei. Oct. 1873. — Maury and Duhring, ibid. July 1874. — W. Mit-
chell. Traumatic neuralgia; section of median nerve, ibid. July 1874.
Begriffsbestimmung. Man versteht unter dem gemeinschaft-
lichen Namen „ Cervicobrachialneuralgie " alle jene Neuralgien, welche
in der sensiblen Faserung der vier unteren Cervicalnerven und eines
Theiles der ersten Dorsalnerven ihren Sitz haben ; welche also theils
den hinteren Aesten dieser Nerven (die sich in der Haut des Rückens
verbreiten); theils sämmtlichen sensiblen Zweigen des Plexus brachialis
angehören können. Im letzteren Falle kann der Schmerz seinen Ver-
breitungsbezirk am Oberarm haben (Bereich des N. cutaneus humeri
vom N. axillaris *), des Cutan. poster. supen und infer. vom N,
1) Wir folgen hierbei den Bezeichnungen Henle's. wie sie sich in dessen
Handbach der Nervenlehre, Brannschweig 1871 finden He nie gibt daselbst
ä. 504 auch eine sehr bequeme schematische Darstellung der Verbreitungsbezirke
der sensiblen Hautnerven des i^rachialplexus , welche beim Studium dieser Neur-
algien sehr brauchbar ist.
136 Krb, Krankheiten der peripheren- cerebroBpiualen Nerven.
radialis, und des Cutan. medialis, welch' letzterer die innere Ober-
armJBäche hauptsächlich versorgt), oder er kann dem Vorderarm an-
gehören (dessen innere Fläche vorwiegend vom Cntan. medios und
Cutanens lateralis, theilweise auch von kleinen Aesten des Medianns
und Ulnaris versorgt wird, während zur Haut der Rttckenfläche haupt-
sächlich Zweige des Cutan. post. infer. vom N. radialis und des
Cutan. medius gehen), oder endlich er erstreckt sich bis in die Hand
und Finger hinein, den Hautverästelungen des Medianas (Hohlhand
und Volarfläche der 3 ersten und der Hälfte des 4. Fingers, Dorsal-
fläche der beiden letzten Phalangen derselben Finger), des Ulnaris
(Volarfläche der anderen Hälfte des 4. und des 5. Fingers, medkde
Hälfte der Dorsalfläche der Hand und der Finger) und des Radialis
(laterale Hälftie der Dorsalfläche der Hand und der Finger, Daumen-
ballen) entsprechend.
Eine scharfe Trennung der Brachialneuralgien nach diesen ein-
zelnen Nerven ist in der Regel durchaus nicht möglich, weil fast
immer mehrere derselben befallen sind und ausserdem die Verflechtui^
der einzelnen Bündel im Plex. brachial, eine so innige und mannich-
faltige ist, dass die einzelnen Cervicalnerven wohl immer an mehrere
periphere Nerven gleichzeitig Fasern abgeben. Es ist deshalb auch
nicht leicht thunlich, aus der Gruppirung der neuralgischen Be-
schwerden in der Peripherie einen Schluss auf das etwa befallene
Bündel des Plexus oder gar auf die ursprünglich erkrankten Wurzeln
zu ziehen. Nur bei ganz peripherem Sitze werden ganz bestimmte
Nervenbahnen befallen sein und man hat dann auf einzelne Zweige
des Plexus brach, beschränkte Neuralgien ; sitzt aber der Krankheits-
herd höher, im Plexus selbst, oder in den einzelnen Cervicalnerven
oder ihren Wurzeln, dann darf man in der Regel eine grössere und
un regelmässige, sich auf mehrere und verschiedene Hautäste er-
streckende Verbreitung erwarten. Und dem entsprechen auch die
Thatsachen in der Wirklichkeit: fast immer findet man eine grosse
und unregelmässige Verbreitung des Schmerzes über mehrere Nerven-
gebiete und es lässt sich nur soviel sagen, dass hier alle möglichen
Combinationen, wenn auch in verschiedener Häufigkeit, vorkommen.
Die Haut über den grossen Nervenstämmen am Oberarm und Vorder-
arm kann in dieser Weise neuralgisch afficirt sein, ohne dass diese
Stämme selbst erkrankt wären und es ist gut, sich diese Möglichkeit
immer vor Augen zu halten, um vor Irrthümem über den eigentlichen
Sitz der Neuralgie geschützt zu sein.
Angesichts dieser weiten und unregelmässigen Verbreitung der
einzelnen Brachialneuralgien und ihrer häufigen Combination unter-
Neuralgien. Cervico-Brachial-Neuralgie. Aetiologie. 137
einander, können wir der von Lusiäana* gegebenen specialisirten
Eintheilung derselben nach den einzelnen Nervenzweigen keinen
grossen praktischen Werth beilegen; dagegen dürfte es von wissen-
Bchaftlichem Interesse sein, eine grossere Anzahl genau beobachteter
F&lle auf diese Verhältnisse zu prüfen , weil das in Zukunft ftlr die
exactere Localisation der Krankheit wohl von Wichtigkeit werden
kann.
Aetiologie«
In Bezug auf ^' . Prädisposition gilt dasselbe wie ftlr die
Cervico-Occipital-Neuralgie. Das weibliche Geschlecht scheint häufiger
beMen, dem entsprechend sollen Hysterie und Anämie in besonderem
Haasse prädisponirend wirken.
Ungleich wichtiger und besser bekannt ist aber eine Reihe von
Gelegenheitsursachen. Unter denselben stehen traumatische
Einwirkungen und Fremdkörper obenan; sie sind in yielen
Fällen mit Sicherheit als Ausgangspunkt von Brachialneuralgien con-
statirt und es bedarf nur einer kurzen Aufzählung derselben: Ver-
wundungen aller Art, Stich- und Hiebwunden, Schussverletzungen,
Luxationen und Subluxationen, Aderlasswunden, Verbrennungen, Gon-
tusionen; Fremdkörper aller Art und Beschaffenheit, die einen Nerven
irritiren; Geschwülste aller Art; Druck von Aneurysmen, Gompression
durch den Gallus schlecht geheilter Fracturen; Wirbelaffectionen u.s. w.
Von nachweisbaren Erkrankungen an den Nerven selbst sind es be-
sonders die Neuritis und die Neurome (cicatricielle Neurome nach
Amputationen z. B.), welche die Neuralgie hervorrufen können. —
Weitere häufige Ursachen sind Erkältungen: viel Arbeit in kaltem
Wasser, Schlafen auf feuchter Erde oder an feuchter Wand u. dgl. —
Femer hat man Ueberanstrengungen des Armes, vorwiegend mit
feineren Arbeiten (Elavierspielen, Nähen und anderer weiblicher Hand-
arbeit) als Ursachen beschuldigt. J. S a 1 1 e r hat Beflexirritation von
kranken Zähnen her als Ursache der Brachialneuralgie nachgewiesen.
— Bleüntoxication, auch Malaria bedingen manchmal diese Neuralgie.
— In welchem Zusammenhang die Angina pectoris mit der Brachial-
neunügie steht, die eine häufige Theilerscheinung der Anfälle von
Angina p. ist, kann noch nicht hinreichend klar gelegt werden. —
Endlich kann Brachialneuralgie auch als Symptom centraler Erkran-
kungen (Hemiplegie, Tabes, progressiver Muskelatrophie u. s. w.)
erscheinen. — Maury und Duhring beobachteten sie in Verbin-
dung mit multipler Geschwulstbildung (Neurome?) in der Haut des
Oberarms.
13S Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Symptome.
Der Schmerz wird bei der Bractiialneuralgie meist als ein
äusserst heftiger geschildert, und zwar geben die Kranken theiis einen
mehr continuirlichen, bohrenden, glühenden, brennenden, dumpfen
Schmerz an, der sehr häufig mit der Sensation verglichen wird, welche
ein heftiger Stoss auf den ülnaris oberhalb des Condyl. int. hervor-
ruft; theiis aber treten auch heftige reissende, durchfahrende, lanci-
nirende Schmerzen auf, welche bald in auf- bald in absteigender
Richtung die Extremität durchschiessen und oft sehr genau dem Laufe
der Hauptnervenstämme zu folgen scheinen. Auffallend ist der furcht-
bar brennende, von W. Mitchell als „Causalgia" bezeichnete
Schmerz, über welchen häufig bei Nervenschussverletzungen geklagt
wird und welchen man im letzten Kriege häufig genug beobachten
konnte; Aehnliches kann aber auch bei centralen Neuralgien vor-
kommen; häufiger jedoch sind bei diesen die eigentlich lancinirenden
Schmerzen.
Immer zeigt der Schmerz deutliche Exacerbationen und Remis-
sionen oder selbst Intermissionen , und zwar treten auffallend häufig
nächtliche Paroxysmen auf, welche die ganze Nacht anhalten
können. Sie werden nicht selten hervorgerufen und gesteigert durch
leichte Berührungen des Armes, die Bettwärme, besonders aber durch
Muskelbewegungen : man kann fast sicher bei Brachialneuralgien die
Paroxysmen hervorrufen oder Recidive produciren, wenn man die
Kranken viel Klavier spielen oder Nähen oder irgend welche Hand-
arbeit verrichten lässt.
Der Sitz des Schmerzes entspricht dem Verbreitungsbozirk eines
oder mehrerer der oben aufgezählten Nerven und bedarf keiner
weiteren Beschreibung; man wird im einzelnen Falle durch eine
sorgfältige Untersuchung unschwer ermitteln können, welche Nerven-
gebiete die hauptsächlich befallenen sind, wenn auch allerdings eine
scharfe Abgrenzung theiis wegen des eigenthümlichen centralen Ur-
sprungs, theiis wegen mannichfacher peripherer Anastomosen in der
Regel nicht möglich sein wird.
Dem entsprechend ist auch die Lage der Schmerzpunkte
eine etwas unbestimmte; es sind deren sehr viele angegeben; sie
sind nur durch genaue Untersuchung zu finden und zeigen häufig
zeitlichen und örtlichen Wechsel. Am häufigsten findet man solche
Punkte: am Plex. brachialis selbst, besonders von der Achselhöhle
aus; am unteren Winkel der Scapula (schwer zu erklären); an der
hinteren Schulterfläche (dem N. axillaris entsprechend); am Medianus
Neuralgien. Cervico-Brachial-Neuralgie. Symptome. 139
in der Ellenbenge; an den Austrittstellen des Cutan. medins und
lateralis unter die Hant^ am Ulnaris oberhalb des Condylus int. und
am Handgelenk; am Radialis, wo er sich um den Humerus herum-
schlägt und oberhalb des Handgelenkes ; endlich an den Dornfortsätzen
der 4 unteren Hals- und 2 — 3 oberen Brustwirbel und zur Seite
derselben, wo die hinteren Aeste unter die Haut treten. Ausser-
dem manche andere unregelmässige und nicht genauer bestimmbare
Punkte.
Zahlreiche Begleiterscheinungen finden sich fast in allen
Fällen von Brachialneuralgie. Irradiirte Schmerzen im Gebiet des
Plex. cervic. und der oberen Nn. dorsales (daher wohl die häufige
Angabe von Schmerz in der Schulter und im Schulterblatt) häufig
auch in dem Gebiet der Intercostalnerven. — Ein eigenthttmliches
Gefllhl von Erstarrung, von Kriebeln iti den befallenen Theilen wird
oft angegeben; nicht selten deutliche Formication und Taubsein, welches
häufig einer objectiv nachweisbaren Anästhesie entspricht; auf der an-
deren Seite auch sehr gewöhnlich Hyperästhesie in dem erkrankten
Hautbezirk, so dass die leiseste Berührung, der Druck der Kleider
oder der Bettdecke, nicht ertragen wird.
Die Motilität der obern Extremität ist in fast allen Fällen
gestört: die Bewegungen sind steif, erschwert, schmerzhaft, die Finger
werden starr gehalten. Zittern und fibrilläre Contractionen sind nicht
selten, während krampfhafte, anhaltende Contractionen der verschie-
denen Armmuskeln weniger häufig beobachtet werden. Auf der
andern Seite kommen Paresen, seltner Paralysen einzelner Muskeln
und ganzer Muskelgruppen, die dem befallenen Nervengebiete ange-
hören, vor.
Unter den vasomotorischen und trophischen Störungen
kommen Kälte und Blässe des Arms und der Hand am häufigsten
vor ; in manchen Fällen aber auch abnormes Hitzegeftthl, gesteigerte
Röthe. In einigen Fällen habe ich eine bläuliche, dunkle Röthe der
Finger, mit Kälte und reichlicher Schweissbildung beobachtet. Herpes-
emptionen sind nicht selten im Gebiete der befallenen Hautnerven.
Schwerere trophische Störungen (Pemphigus, schwer heilende Ulcera-
tionen, Glanzfinger, Veränderung des Nagelwachsthums u. dgl.) werden
meist bei solchen Neuralgien beobachtet, welche durch schwere Ner-
venverletzungen hervorgerufen sind und gehen dann immer mit
schwerer motorischer und sensibler Paralyse einher.
In Bezug auf die Allgemeinstörungen darf auf den allgemeinen
Theil verwiesen werden; es sei hier nur angeftihrt, dass man nicht
selten neben der Brachialneuralgie die Erscheinungen schwerer orga-
140 Erb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
nischer Krankheiten des Herzens und der grossen Gefässstämme, so-
wie des Gentralnervensystems findet, die natürlich besondere Beaeh-
tnng beanspruchen.
In Bezug auf Verlauf, Dauer und Ausgänge der Brachial-
nenralgie gilt dasselbe, was über die Cervico-Occipital- Neuralgie ge-
sagt wurde.
Die Diagnose erfordert in vielen Fällen besondere Vorsicht and
Aufmerksamkeit, da einerseits an der oberen Extremität mancherlei
schmerzhafte Affectionen anderer Art vorkommen, welche zu Ver-
wechselungen Anlass geben können (Muskelrhenmatismen , Gelenk-
rheumatismen, Knochenleiden u. s. w.), andrerseits eine scharfe Ab-
grenzung der neuralgischen Nervengebiete hier nicht so gut möglich
ist. Man muss also besonderen Werth auf die Eruirung der charak-
teristischen Merkmale der Neuralgie überhaupt (s. allg. Theil) legen
und auf der andern Seite die localen Kennzeichen der genannten
Affectionen mit möglichster Sorgfalt zu ermitteln suchen. — INe
Diagnose der Ursache des Leidens hat ganz nach allgemeinen Grund-
sätzen zu geschehen. — Der Sitz in Bezug auf die Höhe der Faserung
ist in der Regel nicht leicht zu ermitteln; nur bei ganz peripherem
Sitze wird eine oder die andre Nervenbahn ausschliesslich befallen
sein, doch kann dasselbe auch bei centralem Sitze vorkommen. Ftir
die Diagnose des Sitzes der Erkrankung im Plexus oder den Nerven-
wurzeln gibt die Localisation des Schmerzes sehr wenig Anhalts-
punkte; hier kann nur eine umfassende Erwägung aller einzelnen
Umstände manchmal genaueren Aufschluss verschaffen.
Die Prognose richtet sich hier wie bei den Neuralgien im
Allgemeinen nach der Ursache des Leidens, der Heftigkeit und Daner
desselben, nach constitutionellen Verhältnissen, dem Alter der hidi-
viduen u. s. w.
Therapie,
Die causale Behandlang hat hier einen ziemlich grossen Wir-
kungskreis angesichts der Häufigkeit der Fälle, in welchen Traumata,
Fremdkörper, Druck von aussen u. dgl., Brachialneuralgie hervorrufen ;
mancherlei chirurgische Eingriffe werden hier möglich und von Nutzen
sein. In allen Fällen also, wenn möglich, Erftlllung der Causalindi-
cation nach den allgemeinen Regeln!
Bei der directen Behandlung stelle ich die EI ek tri ci tat in den
Vordergrund; die Resultate derselben sind in der Regel höchst be-
friedigend. Der galvanische Strom verdient meistens den Vorzug,
doch habe ich einen Fall beobachtet, in welchem nach vergeblicher
Neuralgien. Cenrico-Brachial-Neuralgie. Therapie. 141
Anwendung desselben der faradische Strom Heilung bewirkte; die
Anwendimgsweise geschieht nach allgemeinen elektrotherapeutischen
Onindsätzen (s. diese und unten die Behandlung der Ischias).
^ Demnächst wird man die Narcotica nicht entbehren können:
Lussana empfiehlt Belladonna oder Atropin als das Hauptmittel;
wir werden anmächst zum Morphium greifen und dasselbe in syste-
matischer Weise subcutan injiciren. Erst wo dies im Stich lässt,
wende man sich zu den andern Narcoticis. — Auch äusserliche nar-
kotische Applicationen sind in leichteren Fällen von Vortheil, Lini-
mente mit Chloroform, Salben mit Opium und besonders Veratrin,
dessen Wirksamkeit ich gegenüber den abweisenden Bemerkungen
Eulenburg's ganz entschieden aufrecht erhalten muss. Dasselbe
hat mir (1,0—20,0 Fett) allein oder noch besser in Verbindung mit
Extr. op. aqu. in zahlreichen Fällen entschiedene Dienste geleistet
Ob es als Narcoticum oder als ELautreiz wirkt, will ich dabei unent-
schieden lassen.
Die Hautreize sind ebenfalls von grosser Wirksamkeit: be-
sonders fliegende Vesicantien, Einreibungen von Terpentin, Senf öl
u. dgl. werden gerühmt. Gegen die furchtbaren Leiden der „Caus-
algia** werden öfter und bis zur Erleichterung wiederholte starke
Vesicantien auf die schmerzenden Hautpartien von W. Mitchell
besonders gerühmt; neben ihnen sind Morphiuminjectionen in den
erkrankten Theil selbst und beständige Wasserumschläge die besten
Erleichterungsmittel. Für schwerere Fälle die transcurrente Cauteri-
sation. Von innerlichen Mitteln empfiehlt Schramm besonders
das Chinin, ftir ältere Fälle den Arsenik. Auch Terpentin ist em-
pfohlen. — Badecuren, Thermen, Moorbäder, Kaltwassercuren nach
speciellen Indicationen.
Operative Eingriffe werden zunächst nur an den rein sen-
sibleji Hautästen zu gestatten sein ; zur Neurektomie an den gemischten
Nervenstämmen wird man sich, der unvermeidlichen und äusserst be-
lästigenden motorischen Lähmung wegen, nur in den allei^ussersten
Fällen entschliessen, und zwar wird man in allen Fällen verlangen
dürfen, dass eine notorische periphere Ursache der Neuralgie nach-
gewiesen sein muss, wenn die Operation gerechtfertigt sein soll'). Dass
dies nicht selten möglich ist, soll nicht geleugnet werden, und es soll
dann nur für eine sichere — wenn auch nicht rasche — Vereinigung
der Nervenenden gesorgt werden, damit die Lähmung nicht zu einer
dauernden werde. — Von Amputationen und Resectionen der obem
1) Maury und Duhring haben sogar den ganzen Plexus brachialis am
Halse durchgeschnitten.
142 Erb, Krankheiten der peripberen-cerebrospinalen Nerven.
Extremität kann nur unter ganz ausserordentlichen Umständen —
aber niemals allein der Neuralgie wegen — die Rede sein.
Das diätetische Verhalten bei der Brachialnenralgie muss
nach allgemeinen Grundsätzen geregelt werden. Hier ist nur speciell
zu betonen 9 dass möglichste Ruhe der kranken Extremität eine der
ersten Bedingungen zur Heilung ist, dass man also den Kranken alle
Anstrengung derselben, besonders mit den sog. feineren Arbeiten,
Nähen, Stricken, Klavierspielen, Schreiben u. dgl. unbedingt ver-
bieten muss.
d. Neuralgie im Gebiete der Dorsalnerven. — Inter-
costalneuralgie.
Chaussier, Table sypoptique etc. 180^ — Nicod, Noav. Joom. de m^-
chir. etc. Paris. 1818. — bassereau. Essai sur la n^vralgie des nerfs intercost
1840. — Valleix 1. c. p. 272— 349. — Beau, Dela nevrite et de la neur. inter-
cost Arch. g^D^r. 1847, — Krleomeyer, Deutsch. Kün. 1851. — Andr. Leoni,
Consid^r. sur la o^vralg. dorso - iotercost. Th^se. 1858. — Bretschneider,
Romberg, Hasse, Euleoburg, Rosenthal 1. c.
Mastod^nie: A. Gooper, Illustr. of the diseases of the breast Lond. 1829.
— Carpentier-M^ricourt, Trait^ des malad, du sein. 1845. — Alfter,
Neuralgia mammae. Allg. med. Centralz. 1856 No. 25. — M. Rosenthal, Ueber
Neuralgien d. Mamma etc. Wien. med. Presse. 1873 No. 2u. 3. — F. Schnitze,
Doppelseitige Mastodynie mit Colostrumsecretion. Berl. klin. Woch. 1874 No. 42.
Begriffsbestimmung. Die Neuralgien, welche in dem Ver-
breitungsbezirk der sensiblen Fasern der 12 Dorsalnervenpaare ihren
Sitz haben, werden unter dem Namen „ Dorso- Intercostalneuralgie*'
zusammengefasst. Es kann demnach die Haut des Rückens und der
Inende bis über die Crista ilei hinab, welche von den hintern Zweigen
der Dorsalnerven versorgt wird, Sitz des Schmerzes werden; ebenso
die Haut der ganzen vorderen und seitlichen Brust- und Bauchwand
bis gegen die Symphyse hinab, in welcher sich die HantiUite der
Nn. intercostales verbreiten; da der erste und zweite Intercostalnerv
Hautäste zur Achselhöhle und der innem Fläche des Oberarms ab-
geben, so können auch diese Partien gelegentlich Sitz der Neuralgie
sein. Selten sind die hintern und vordem Zweige der Dorsalnerven
gleichzeitig von der Neuralgie befallen; meist nur die vorderen, so
dass in der Mehrzahl der Fälle nur von einer „Neuralgia intercostalis*'
die Bede sein kann.
Diese Neuralgie tritt fast immer einseitig, selten doppelseitig
auf; weit überwiegend ist die linke Seite die befallene; die einzelnen
Intercostalnerven werden in sehr verschiedener Häufigkeit befallen,
die grösste Zahl der Erkrankungen betrifft den 5.-9. Intercostal-
nerven; meist sind nur einzelne oder mehrere, selten viele Intercostal-
nerven gleichzeitig befallen. — Combinationen dieser Neuralgie mit
Neuralgien. Intercostalneuralgie. Aetiologie. 143
andern Neuralgien, oberflächlichen sowohl, wie visceralen (Brachial-,
Lnmbo-abdominalnearalgie, Angina pectoris, Cardialgie) sind verhält-
nissmässig häufig.
Aetiologie.
Prädisponirt ist vor allen Dingen das weibliche Geschlecht, wel-
ches ttberwiegend häufig befallen wird. Die Zusammenstellungen von
Valleix und Bassereau ergeben 51 Weiber auf 11 Männer. —
Das Alter zwischen 20 und 40 Jahren wird am häufigsten befallen.
— Schwächliche, nervöse, hysterische und anämische Individuen sind
besonders prädisponirt; ebenso Reconvalescenten von schweren Krank-
heiten.
Unter den directen Ursachen spielt die Erkältung eine
gewisse, wenn auch nicht sehr hervorragende Rolle; doch ist ihre
Einwirkung auf prädisponirte Individuen vielfach sehr markirt. —
Von Traumen hat man Stösse auf Brust und Rücken, Verletzungen
und Wunden als Ursachen gefunden. — Anatomische Verände-
rungen am Nerven selbst wurden selten beobachtet; hier und
da Neurome, in manchen Fällen Neuritis (dann häufig mit Hei*pes
zoster verbunden) mit Verdickung und Induration des Neurilemm. —
Wichtiger sind Erkrankungen benachbarter Organe als Ursachen der
Intercostalneuralgie : so vor allen Dingen die Lungenphthise, welche
sowohl in ihren frühesten, wie in ihren späteren Stadien nicht selten
Ton wirklicher Intercostalneuralgie (nicht zu verwechseln mit pleuri-
tisehem Schmerzi) begleitet wird. Der causale Zusammenhang der
beiden Affectionen ist noch nicht recht klar: vielleicht handelt es
sich nur um coUaterale Hyperämien im Neurilemm, vielleicht um,
von der Pleura her fortgeleitete, Entzündung, vielleicht um mecha-
nische Zerrung und Compression der Nerven durch pleurhische
Schwarten. — Erweiterung der Venen in den Plexus des
Wirbelkanals wird auch als Ursache beschuldigt ; Störungen des ve-
nösen Blutlaufs, der besonders auf der linken Seite vom 4.-8. Inter-
costalraum relativ erschwert ist, hat man auch als Ursache der
grösseren Prädisposition der linken Seite angenommen (He nie). —
Aortenaneurysmen, welche zu Usur der. Wirbel und Rippen
führen und dadurch oder anderweitig die Intercostalnerven in ihr
Bereich ziehen, können schwere Neuralgien hervorrufen. Dasselbe
gilt von Wir bei leiden aller Art (Spondylitis, Caries, Tuberculose,
Krebs der Wirbel u. s. w.) sowie von Erkrankungen der Rippen
(Periostitis, Caries, Nekrose).
Sehr häufig sind Erkrankungen des Rückenmarks die
144 Ebb« Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
Ursache von Intercostalneuralgien ; so besonders die circumscripte
MyelitiS; die Meningitis spinalis, Tumoren im Wirbelkanal und Rücken-
mark, und sehr häufig die Tabes dorsalis. Die reif- oder gttrtelftbnhch
den Rumpf in verschiedener Höhe befallenden Schmerzen bei diesen
Krankheiten gehören zum grossen Theile der Intercostalneuralgie an
und bieten die charakteristischen Symptome derselben dar.
Malariainfection ist in seltenen Fällen als Ursache nach-
gewiesen. — Uterinerkrankungen spielen jedenfalls nicht die
grosse ätiologische Rolle, die ihnen von mancher Seite (Bassereau)
zugeschrieben wird; auch Menstrnationsstörungen haben nach
Yalleix' genauen Untersuchungen wohl nur eine secundäre und zu-
fällige Bedeutung.
Symptome.
Wie schon gesagt erscheint der Schmerz am häufigsten in der
vordem und seitlichen Rumpfwand (Neuralg. intercostalis), selteoer
im Rücken. Seine Ausbreitung richtet sich ganz nach der Zahl und
dem Verästelungsbezirk der befallenen Nerven. In der Regel ist der
Schmerz ein mehr oder weniger anhaltender, dumpfer und drücken-
der, aber dann von Zeit zu Zeit unterbrochen von reissenden, land-
nirenden, marternden Schmerzen, die in förmlichen Paroxysmen auf-
treten können. Sehr ausgeprägt ist in manchen Fällen der dem Lanf
des Nerven folgende durchschiessende Schmerz, der vom Rücken
nach der vorderen Rumpffläche sich bewegt; man findet sogar an-
gegeben, dass dei Schmerz von der Austrittstelle des Ram. perforans
lateral, nach vorn und nach hinten ausstrahle. Nicht selten werden
auch „Stiche durch die Brust'' angegeben. Die Heftigkeit des
Schmerzes kann eine sehr grosse sein und zwar sowohl die des
schmerzhaften Reifs um die Brust, wie die der lancinirenden Schmerzen.
Alle Athembewegungen , Husten , Niesen, Schneuzen u. dgl. steigern
den Schmerz; ebenso leichte Berührung der Haut, Druck der Klei-
dungsstücke u. s. w., während ein stärkerer Druck nicht selten Er-
leichterung schafiFt. Die Paroxysmen werden durch die bekannten
Ursachen hervorgerufen und gesteigert; Valleix glaubt einen be-
sonders verschlimmernden Einfluss des Schneewetters nachgewiesen
zu haben. Während der Paroxysmen bieten die Kranken ein ziem-
lich charakteristisches Bild : sitzen nach der kranken Seite gekrümmt,
mit ängstlichem Gesichtsausdruck , wagen nicht tief zu atbmen oder
laut zu sprechen u. dgl.
Schmerzpunkte werden bei der Intercostalneuralgie sehr
regelmässig und in charakteristischer Weise gefunden. Einer neben
Neuralgien. Intercostalneuralgie. Symptome. 145
der Wirbelsäule, entsprechend der Stelle, wo der Nery aus dem for.
intervertebr. hervortritt ( Vertebralpunkt) ; ein zweiter da, wo der
RanL perfor. lateral, unter die Haut tritt, also etwa in der Mitte des
ganzen Nervenverlaufe (Lateralpunkt), ein dritter da, wo der Per-
forans anterior die Muskeln durchbohrt, also neben dem Sternum
und am Abdomen über dem M. rectus (Stemal- oder vorderer Punkt).
Diese Punkte sind gewöhnlich sehr deutlich nachzuweisen und bieten
bei Druck sehr grosse Empfindlichkeit dar. Manchmal lässt sich
diese Empfindlichkeit auch längs des ganzen Verlaufs der I. G. Nerven
nachweisen und findet sich nicht selten auch an mehreren Domfort-
sätzen der Brustwirbelsäule.
Irradiation des Schmerzes nach dem Rtteken, nach dem Arm,
nicht selten auch in die Lendengegend und die untere Extremität
wird beobachtet; ebenso Gombination mit Anfällen von Angina pec-
toris, mit Cardialgie und mit Gallensteinkolik. — Hyperästhesie
des be&ilenen Hautgebiets ist sehr gewöhnlich; oft wird nicht Rei-
bung noch Druck der Kleidungsstücke ertragen. Anästhesie ist
dagegen seltener, ist jedoch deutlich beobachtet worden, meist auf
kleine umschriebe Stellen beschränkt; ein Vorkommen, welches be-
sonders nach Zoster gewöhnlich zu sein scheint. ~ Von motorischen
Störungen kennt man nur die Beeinträchtigung der Respirations-
bewegung, die sehr gewöhnlich ist, ohne dass man jedoch Genaueres
über ihren Mechanismus wttsste.
Auch von vasomotorischen und trophischen Störungen
wird wenig berichtet, mit Ausnahme des Vorkommens von Herpes
Zoster, über welches eine grosse Anzahl von Beobachtungen vor-
liegt. Das Verhältniss desselben zur Neuralgie ist jedoch ein durch-
aus unconstantes ; es gibt viele Fälle von L C. Neuralgie ohne
Zoster — und sie bilden wohl die Mehrzahl; femer gibt es nicht
selten Fälle von Zoster ohne neuralgische Beschwerden, das ist die
Regel bei Kindern und jugendlichen Individuen; endlich gibt es aber
auch Fälfe, in welchen die Neuralgie mit Zoster verbunden auftritt
und zwar gewöhnlich so, dass die Neuralgie eine längere Dauer hat
als der Zoster, diesem vorausgeht und ihn auch längere Zeit über-
dauert, wie das gewöhnlich bei älteren Leuten der Fall ist. Dass
hier ein causaler Zusammenhang zwischen den beiden Erscheinungs-
reihen existirt, kann wohl nicht geleugnet werden ; welcher Art der-
selbe jedoch ist, kann noch nicht als ausgemacht betrachtet werden.
Wir haben im allgemeinen Theil die einander gegenüberstehenden
Ansichten besprochen und verweisen deshalb auf jenen Abschnitt.
So viel scheint nur aus den bisher vorliegenden Thatsachen gefolgert
Handbuch d. spec. Pathologie a. Therapie. XII. Bd. I . i. Aafl. 1 0
146 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
werden zu dürfen, dass man da, wo die I. C. Neuralgie mit Zoster
verbunden auftritt, eine Neuritis des Nerven als die Ursache beider
Erscheinungen ansehen darf.
Ueber Veränderung der Milchsecretion bei der gewöhnlichen
I. C. Neuralgie ist nichts bekannt.
Die Entwickelung der Krankheit geschieht meist so allmälig, dass
die Kranken den Beginn derselben nicht mit Bestimmtheit anzugeben
wissen. Ihr Verlauf ist ein äusserst unregelmässiger, nicht selten
sehi* hartnäckig. Wenn HeUung erfolgt, tritt sie ebenfalls meist ganz
allmälig em. Uebrigens hängen die Ausgänge der Krankheit wesent-
lich von der Art des Grundleidens ab: Heilung tritt in den meisten
rheumatischen und idiopathischen Fällen ein; bei centralen Nerven-
leiden nur schwer und nicht leicht dauernd; bei Lungenphthise,
Wirbelleiden u. dgl. besteht die Krankheit nicht selten bis zum Tode.
Die Diagnose der I. C. Neuralgie bietet nicht selten gewisse
Schwierigkeiten. Am leichtesten ist Verwechselung möglich mit dem
Bheumatismus der Brustmuskeln (gewöhnlich als Pleurodynie bezeich-
net). In der That können sich die beiden Krankheiten zum Ver-
wechseln ähnlich sehen, so dass nur die genaueste Untersuchung
und oft erst der Ausgang der Krankheit die Diagnose entscheiden.
Der Sitz des Schmerzes in bestimmten Muskeln, seine Exacerbation
bei gewissen Bewegungen, besonders des Kopfs und der Gliedmassen,
das Fehlen der charakteristisch gelagerten Schmerzpunkte und endlich
die rasche Heilung im Laufe weniger Tage unterscheiden die Pleu-
rodynie hinlänglich von der I. C. Neuralgie. — Erkrankungen der
Brustorgane selbst wird man durch genaue physikalische Untersuchung
leicht von der Neuralgie trennen können. — Für die in manchen
Beziehungen nicht unähnliche Angina pectoris ist die hochgradige
Erstickungsangst und das Geftihl der drohenden Lebensvemichtung,
in Verbindung mit den Erscheinungen am Herzen und am Pulse,
hinreichend charakteristisch.
Wichtig ist vor allen Dingen die Diagnose der Ursachen des
Leidens und kann hier besonders nicht genug Sorgfalt auf die Er-
mittelung von etwaigen Wirbelleiden oder Spinalkrankheiten ver-
wendet werden, deren möglichst frühzeitiges Erkennen für die Be-
handlung von äusserster Wichtigkeit ist.
Die Prognose richtet sich nach dem über den Verlauf und
die Ursachen Gesagten. Die einfachen rheumatischen und idiopa-
thischen Fälle zeigen im Verhältniss zu manchen andern Neuralgien
im Ganzen einen milden Verlauf.
Neuralgien. Intercostalneuralgie. Therapie. 147
Therapie.
In Bezug anf die Grundsätze, Mittel und Methoden der Be-
handlung der I. C. Neuralgie kann dem im allgemeinen Theil und
bei den im Vorhergehenden beschriebenen Formen der Neuralgie
G^esagten nicht viel hinzugefügt werden. Nächst den durch die
Cansalindication geforderten Maassnahmen empfiehlt sich vor Allem
der Gebrauch der Hautreize und hier stehen allen voran die von
Valleix dringend empfohlenen fliegenden Vesicantien, die man der
Reihe nach über den Schmerzpunkten applicirt; die Wirkung ist oft
eine äusserst frappante. In leichteren Fällen wird man auch mit
milderen Hautreizen oder mit narkotischen und anästhetischen Ein-
reibungen auskommen. ~ Zweckmässig verbindet man damit die
Anwendung der subcutanen Morphiuminjectionen, besonders in schwe-
reren Fällen. — Die Elektricität leistet oft vorzügliche Dienste, theils
alB Hautreiz (faradischer Pinsel oder Moxe), theils direct auf den
kranken Nerven einwirkend; das letztere besonders bei Anwendung
des galvanischen Stroms, der nach den früher aufgestellten Grund-
sätzen applicirt wird (am besten Anode auf die Wirbelsäule, Kathode
auf den seitlichen und vorderen Schmerzpunkt, stabiler kräftiger
Strom). — Für die Anwendung der Specifica und sonstiger Heil-
metboden gelten die allgemeinen Regeln. Zu operativer Behandlung
wird man nur in ganz bestimmten Fällen schreiten.
Für die Behandlung des manchmal die Neuralgie begleitenden
Zoster gelten einfache Vorschriften : neben der Behandlung der Neur-
algie ist eine Bedeckung mit indifferenten, schützenden Salben oder
Pflastern angezeigt, welchen man irgend ein narkotisches Präparat
beiftigen kann. Eine Cauterisation der Bläschen mit Höllenstein ist
entschieden überflüssig und von der Application von Vesicantien ist
bei Zoster abzurathen. Höchstens könnte man dieselben zur Seite
der Wirbelsäule appliciren, wenn daselbst keine Bläschengruppen
stehen, weil nach Anstiegs Ansicht gerade die Vesication im Grebiete
der hinteren Nervenzweige auf die Neuralgien der vorderen Aeste
von dem günstigsten Einfluss sein soll. A n s t i e will auf diese Weise
die weitere Entwickelung des Herpes unterbrochen haben.
Anhang.
Neuralgie der Brustdrüse. Mastodynie.
Die Brustdrüse erhält ihre Nerven zum grössten Theil von den
Intercostalnerven und zwar wird die Haut über derselben versorgt
10*
148 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
von den Rami perfor. lat. und anter. des 2. — 6. Intercostalnerven (zum j
kleineren Theil von Aesten der Nn. supraclaviculares), während die 1
Drüsensubstanz selbst vom 4. — 6. Perfor. later. versorgt wird. j
Die Brustdrüse kann gelegentlich isolirt ?on exquisit neuralgischen
Schmerzen und Anfällen befallen werden und dies hat zur Aufstellung ,
dieser Unterart der Intercostalneuralgie geführt, welche vonCooper j
zuerst unter dem Namen „Irritable breast" genauer beschrieben wurde. .
Die dabei auftretenden Schmerzen haben ganz den neuralgischen !
Charakter, sie können furchtbar quälend sein und sich an Heftigkeit
den Anfällen des Tic douloureux nähern. Der Schmerz ist reissend,
schneidend, bohrend, stechend, wie wenn Messer eingestossen würden, !
erscheint in Paroxysmen, welche meist kurzdauernd sind, sich aber
auch über mehrere Stunden erstrecken können. Die Brust scheint
dabei viel schwerer^ die Frauen können nicht auf der kranken Seite |
liegen, der Druck der Kleidungsstücke und die leiseste Bertthrang
werden unerträglich. Schmerzpunkte sind dabei meist nur in
ganz unbestimmter Weise, an der Brustwarze, am oberen oder seit-
lich-unteren Rand der Drüse nachzuweisen; in der Regel jedoch
sind die entsprechenden. Dornfortsätze bei Druck empfindlich (2.-6.
Brustwirbel). ~ Nicht selten werden die einzelnen Paroxysmen von
Erbrechen begleitet; hochgradige cutane Hyperästhesie besteht fast
immer; auf der Höhe der Anfälle treten Irradiationen des Schmerzes
in verschiedene Nervengebiete: Brustwand und Rücken, Arm und
Nacken, auf. — Während der Menses tritt meist eine Steigerung
der Erscheinungen auf Ueber die Milchsecretion finden sich nur
spärliche Angaben; der von F. Schnitze beobachtete, von mir
längere Zeit behandelte Fall zeigte eine deutliche aber spärliche
Secretion einer milchähnlichen Flüssigkeit, die sich bei mikroskopischer
Untersuchung mehr als Colostrum erwies. — Alfter sah in einem
Falle Zoster auf die Neuralgie folgen. — Rufz hat die Krankheit
bei einem Manne gesehen. Hasse fand bei einem Knaben die
Mammilla geschwollen und schmerzhaft, es hat sich also wohl um
Entzündung derselben gehandelt, die bei Knaben gar nicht selten
vorkommt. Das Leiden dauert meist Jahre lang und trotzt oft hart-
näckig jeder Behandlung. Die Kranken werden dadurch in hohem
Grade gepeinigt.
Die Aetiologie der Krankheit ist noch ziemlich dunkel. In
manchen Fällen lässt sich ein Zusammenhang mit der Lactation,
wohl auch mit Schwangerschaft nachweisen. Auf Schrunden der
Brustwarze sieht man manchmal die Neuralgie folgen. — Anämie,
Chlorose, Hysterie spielen jedenfalls bei der Entstehung eine grosse
NeoralgieD. Mastod jnie. Neuralgie der Lumbalnerven. 149
•
Rolle. — Unter den örtlichen Veranlassungen sind mit Sicherheit
tranmatische Einwirkungen auf die Brustdrüse bekannt. In einzelnen
Fällen scheinen kleine Neurome oder Tubercula dolorosa der Brust-
drtisenneryen den Ausgangspunkt Air die Neuralgie zu bilden: man
findet in diesen Fällen kleine, harte, sehr empfindliche Knötchen im
Drüsengewebe, die sich selbst bei jahrelangem Bestehen nicht ver-
ändern, bald sehr schmerzhaft, bald wieder schmerzlos sind und auch
ohne besondere Veranlassung wieder verschwinden können. Nach
den bisherigen dürftigen Untersuchungen scheinen dies kleine Fibrome
oder auch wahre Neurome zu sein.
Die Diagnose begegnet bloss Schwierigkeiten bei der Unter-
scheidung beginnender maligner Tumoren, welche nicht selten eben-
falls von lebhaften, landnirenden Schmerzen in der Drüse begleitet
sind. Die Wachsthumsverhältnisse dieser Tumoren, ihre geringere
Empfindlichkeit, der Grad der Schmerzen etc. werden im weiteren
Verlauf bald über die Natur des Leidens Aufechluss geben. Vor
Verwechselungen mit Mastitis, mit circumscripten Abscessen u. dgl.
wird eine genaue Untersuchung schützen.
Die Therapie ist häufig nicht sehr trostreich. Vor allen Dingen
wird der Causalindication zu genügen, und werden hier besonders die
anämischen Zustände, sowie Störungen und Erkrankungen der (reni-
ialoTganQ zu berücksichtigen sein.
Die directe Behandlung erfordert die gewöhnlichen gegen Neur-
algie gebiäuchlichen Mittel: Narcotica, Elektricität (von welcher ich
in einem Falle entschiedenen Nutzen sah) und specifische Mittel.
Gooper empfahl besonders ein narkotisches Pflaster mit Belladonna.
— Blntentziehungen waren in manchen Fällen nützlich. — Warme
Bedeckung der Drüse, besonders mit Pelzwerk, wird von den Kranken
meist wohlthätig empfunden. Zu operativen Eingriffen (Exstirpation
der schmerzhaften Knötchen, Amputation der Brustdrüse) wird man
sich nur bei sehr dringender Indication entschliessen.
e. Neuralgie im Bereich der Lumbalnerven (Plexus
lumbalis). — Neuralgia lumbo-abdominalis, cruralis et
obturatoria.
Valleix 1. c. p. 349—388. — Bretschneider, Romberg, Eulenburg
1. c. — Neucourt, De la N^vralgie lombaire Arch. g^ner. 1858. — Boub-
seau, Deox observ. de n^vr. da nerf saph^ne externe. Gaz. des h6p. 1869 No. 7.
— Liegev, Intercostal- und Hodenneuralgie mit nenralg. Priapismus. Presse
m6d. 1855 No. 37. — d*Axthrey, Consid^rat. sur quelques formes de la n^vralg.
iombo-abdomin. — Tb^se de Strasb. 1867. — Köser und Rotteck, üeber
150 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospioalen Nerven.
Hemia obturator. Arch. f. phys. Heilk. 1851. — Die Literatur über Ischias ent-
hält ebenfalls vieles Hierhergenörige.
Begriffsbestimmung. Alle Neuralgien, welche in der sen-
siblen Faserung der 4 ersten Lumbalnerrenpaare ihren Sitz haben,
fassen wir hier in gemeinschaftlicher Betrachtung zusammen^ da eine
scharfe Abgrenzung der Neuralgien der verschiedenen hier Concor-
rirenden Nerven in anatomischer Beziehung nicht wohl thunlich ist.
Es bestehen so zahlreiche Anastomosen und Varietäten des Ursprungs
sowohl, wie der Verbreitung dieser Nerven, dass eine genauere Ana-
lyse der einzelnen möglichen Formen zu Weitschweifigkeiten führen
wflrde, die durch die praktische Bedeutung dieser Neuralgien in keiner
Weise gerechtfertigt sind.
Die Hautbezirke, welche in der Regel von den Lendennerven
versorgt werden, sind etwa folgende: Lendengegend (hintere Aeste
der Lumbalnerven), Gesässgegend, Leistengegend, Hypogastrium und
Mons Veneris und ein Theil des Scrotum (der Labia majora); femer
die vordere, laterale und mediale Fläche des Oberschenkels, die
vordere Kniegelenksgegend, die mediale Fläche des Unterschenkels
und der innere Fussrand bis zur grossen Zehe. Dieser ^osse Bezirk
kann in einzelnen Fällen Einschränkungen oder Erweiterungen er-
fahren, je nachdem einzelne Nervenzweige von oberhalb oder unter-
halb gelegenen Ursprungsgebieten abgegeben werden; diese Ver-
schiedenheiten sind jedoch ohne jede praktische Wichtigkeit.
Wohl nie werden sämmtliche sensible Faserungen des Plexus
lumbalis gleichzeitig von Neuralgie befallen ; meist nur einzelne, häufig
mehrere Zweige desselben und man kann hier der praktischen Be-
quemlichkeit halber ftlglich zwei Hauptgruppen unterscheiden, von
welchen die erste die Neuralgien der von Henle sog. „kurzen"
Nerven des Lendengeflechts umfasst, welche wir unter dem gemein-
samen Namen der Lumbo-abdominalneuralgie zusammen-
fassen wollen; die zweite Gruppe enthält die Neuralgien der sog.
„langen^ Nerven des Schenkelgeflechts und mag mit dem gemein-
samen Namen Schenkel- oder Gruralneuralgie bezeichnet
werden. — Die hinteren Aeste der Lumbalnerven können sich in
beiden Gruppen betheiligt finden, thun dies jedoch meist nur in mehr
untergeordneter Weise.
Die Lumbo-abdominalneuralgie umfasst die Neuralgien
im N. ileohypogastricus (Haut der Hüfte und oberer Theil des Hypo-
gastriums), im N. ileoinguinalis (Haut über dem Tensor fasciae und
am Mons veneris), im N. lumbo-inguinalis (medialer Theil der Leisten-
gegend bis gegen die Mitte des Oberschenkels) und im N. sperma-
Neuralgien. Neuralgie der Lumbalnerven. Aetiologie. 151
ticus extern. (Scrotam oder Labium maj. und angrenzende Haut der
inneren Schenkelfläche). Es wäre Uberfltlssig, die Neuralgie in jedem
einzelnen dieser Nervengebiete mit einem besonderen Namen zu
unterscheiden.
Von der Schenkelneuralgie sind, je nach dem vorzugs-
weise oder ausschliesslish befallenen Nerven, drei Varietäten mög-
lich: es kann der N. cutaneus fem. lateral, (laterale und ein Theil
der Rfickenfläche des Oberschenkels bis gegen das Knie hin) der
Sitz der Schmerzen sein, oder der N. cruralis mit Einschluss des
N. saphenus (Haut der vorderen und inneren Schenkelfläche, des
Knies, der inneren Unterschenkelfläche und des inneren Fussrandes),
oder endlich der N. obturatorius (innere Oberschenkelfläche gegen
das Knie zu). Da diese Nervengebiete meist ziemlich scharf von
einander getrennt sind, kann man ihre Neuralgien wohl mit beson-
deren Namen bezeichnen.
Alle diese Neuralgien sind verhältnissmässig sehr selten; die
Lnmbo-abdominalneuralgie schliesst sich noch am meisten an die
Intercostalneuralgie an, kommt wie diese meistens links und vor-
wiegend bei Weibern vor, während die Schenkelneuralgie häufiger
bei Männern erscheint. Unter den einzelnen Formen ist wohl die
Neuralgie des N. cruralis selbt die häufigste.
Aetiologie.
Ist im Ganzen noch wenig bekannt. Speciell über die Prädispo-
sition zu diesen Neuralgien wissen wir nichts Genaueres und nichts,
was sich nicht schon aus der allgemeinen Darstellung ergäbe.
Von directen Veranlassungen ist Erkältung eine der häufigsten;
dann Ueberanstrengung, welche besonders bei der arbeitenden Classe
manchmal das Entstehen von Schenkelneuralgie im Gefolge hat. —
Traumatische Einwirkungen (Schussverletzungen etc.), Fremdkörper
(Schrotkom u. dgl), Neurome und andere Geschwülste hat man als
Ursachen gefunden. — Compression durch Hernien (Schenkelhernie
und Hernia obturatoria), durch Stuhl Verstopfung und Kothstauung
sind praktisch sehr wichtige und bemerkenswerthe Ursachen. —
Garcinome des Beckens und der Wirbelsäule, Wirbelerkrankungen,
Psoasabscesse , Uterin- und Vaginalerkrankungen haben sich als
Ursachen nachweisen lassen. Der heftige Knieschmerz bei Coxitis
moss wohl auch als neuralgischer gedeutet werden, wenn wir auch
über sein Zustandekommen noch nicht recht im Klaren sind; viel-
leicht ist derselbe Irradiationserscheinung (ßeflexneuralgie) oder durch
mechanischen Druck von Seiten des geschwollenen Hüftgelenkes oder
152 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
des in Reflexcontractur befindlichen H. psoas bedingt. Auch Orchitis
und Epididymitis blennorrhag. sollen nach Mauriac eine nicht seltene
Veranlassung von Lnmbo - abdominalneuralgie sein. Endlich sind
spinaJe Erkrankungen (Meningitis und Myelitis spin. und besonders
die Tabes) sehr häufig von excentrischen Neuralgien auch in diesen
Nervengebieten begleitet.
Symptome.
Mit Rücksicht auf die Seltenheit und geringere praktische Wichtig-
keit dieser Neuralgien müssen wir uns auf die Angabe der wichtigsten
Punkte beschränken.
a. Lumbo-abdominalneuralgie. Charakteristisch flir die
zu dieser Gruppe gehörigen Formen der Neuralgie ist besonders die
Combination von Schmerz in der Lendengegend , der sich über die
Crista ilei bis gegen das Gesäss hinab erstrecken kann, mit Schmerz
am Hypogastrium, Mons veneris, im Scrotum oder den Labia majora.
Seltener ist die Inguinalgegend gleichzeitig befallen; doch kommt
auch das vor und man wird sich aus den obigen Angaben über die
Verbreitung der einzelnen Nerven leicht den Sitz und die AusbreituDg
des Schmerzes in den einzelnen Fällen ableiten können.
Die Art des Schmerzes ist die bei Neuralgien gewöhnliche:
dumpfe, drückende, continuirliche Schmerzen, häufig und paroxys-
menweise unterbrochen von reissenden, bohrenden, lancinirendeo
Sensationen, die oft blitzähnlich von der Lende nach vom zu den
besonders afficirten Theilen hindurchschiessen. Die Heftigkeit des
Schmerzes ist nur in einzelnen Fällen eine sehr grosse; meist ist
sie erträglich.
Schmerzpunkte werden bei dieser Gruppe sehr gewöhnlich
gefanden: einer oder mehrere in der Lendengegend neben der Wirbel-
säule (Lnmbarpunkt), einer etwa in der Mitte der Crista ilei (Iliaeal-
punkt), einer oder mehrere oberhalb der Symphyse zur Seite der
Linea alba (Abdominalpnnkt), nicht selten einer am Scrotum oder
am Labinm majus; endlich weniger constant solche in der Leisten-
gegend, auch an der Portio vaginalis uteri der entsprechenden Seite
des Scheidengewölbes.
Irradiirte Schmerzen nach den benachbarten Nervengebieten, be-
sonders den Crural- und Intercostalnerven werden häufig beobachtet ;
wahrscheinlich werden auch die sympathischen Geflechte der Becken-
organe nicht selten in Mitleidenschaft gezogen.
Von motorischen Störungen finde ich nur eine durch die Schmera-
haftigkeit bewirkte Erschwerung des Gehens und in einzelnen Fällen
Neuralgien. Nenr. d. Lnmbalnerven Lumbo-abdomiDal- u. Schenkelneuralg. 153
Krampf des Cremaster erwähnt. lieber sonstige Begleiterscheinungen
ist in der Literatur wenig zu finden: Erbrechen tritt während der
Paroxysmen nicht selten ein ; Zoster habe ich in einem meiner Fälle
gesehen; Notta erwähnt von Seiten der Harn- und Gkschlechts-
oTgBne: gesteigerten Geschlechtstrieb mit Priapismus und Ejacnla-
tioDen ; yermehrten und schmerzhaften Harndrang ; fluor albus, lieber
den genaueren Zusammenhang dieser Erscheinungen mit der Neuralgie
fehlen noch die nöthigen Untersuchungen.
Es kann hier nicht unerwähnt bleiben^ dass Va 1 1 e i x ^ d'A x t h r e y
u. A. die von A. Cooper beschriebene Neuralg. spermatica
(britable testis) als eine Unterart der Lumbo-abdominalneuralgie (Ileo*
scrotalneuralgie) betrachten, während Romberg, A. Eulenburg
u. A. dieselbe in den Plex. spermatic. sympathici verlegen. Die
mannichfachen Anastomosen der spinalen und sympathischen Bahnen
in diesen Regionen machen eine anatomische Entscheidung dieser
Streitfrage unmöglich und erklären auch die Möglichkeit mannichfacher
Combinationen und Modificationen der klinischen Erankheitsbilder.
Wir werden unten im Zusammenhang noch einmal die Neuralgien im
Bereich der äusseren Genitalien kurz berühren.
b. Schenkelneuralgie. Hier unterscheiden wir : 1 ) N e u r a 1 g.
n. cutanei fem. later. Verbreitung des Schmerzes auf der äusseren
und dem angrenzenden Theil der hinteren Schenkelfläche bis gegen
das Em*e herab. Da die Zweige dieses Nerven vorwiegend nach
hinten hin abgehen, hat man sich vor Verwechselung mit der Neur-
algie des N. cutan. femor. poster. zu hüten, welcher dem Gebiet
des Ischiadicus angehört. — Schmerzpunkte: constant einer an der
^ina ilei anter. sup., wo der Nerv aus dem Becken heraustritt;
raeonstant einzelne an der äusseren Schenkelfläche. — Art des
Schmerzes und Begleiterscheinungen ähnlich wie bei der folgenden
Form.
2) Neuralgia n. cruralis. Verbreitnngsbezirk dieser Neur-
algie ist die mittlere und innere Partie der vorderen Schenkelfläche,
die vordere Kniegelenksgegend, die innere Fläche des Unterschenkels
und der innere Fussrand bis zur grossen Zehe. Besonders die Aus-
brdtnng auf den Unterschenkel und den inneren Fussrand ist in
hohem Haasse charakteristisch und auf Betheiligung des N. saphenus
zurückzuführen. — Der Schmerz ist reissend, bohrend, lancinirend,
von einem Punkt auf den anderen überspringend und macht seine
Exacerbationen und Paroxysmen vorwiegend des Nachts; in den
Intervallen besteht meist nur dumpfes Schmerzgeftlhl. Bewegungen
des Beines, besonders Gehen und Laufen steigern den Schmerz er-
heblich; in manchen Fällen auch passive Bewegung. Schmerz-
154 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
punkte: sehr häufig ein Punkt in der Leistengegend, da wo der
Nerv aus dem Beeken hervortritt; ein Punkt an der inneren Seite
der Kniescheibe, wo der N. saphen. unter die Haut tritt; einer nach
vorn vom inneren Knöchel und einer an der Basis der grossen Zehe.
Inconstante Punkte am Oberschenkel, wo die kleineren Hantäste ab-
gehen ; sie sind meist schwer zu finden und sehr flüchtiger Natur. —
Irradiation des Schmerzes kommt vor nach den übrigen Zweigen
des Lendengeflechtes, den hinteren Aesten der Lumbalnerven u. s. w.
— Hyperästhesie der Haut, besonders in der Kniegelenksgegend, ist
sehr häufig.
Auf der anderen Seite kommen auch partielle Anästhesien höheren
oder geringeren Grades vor. Sehr gewöhnlich ist Formication im Ge-
biet des Saphenus; seltener Gefühl von Taubsein. — Sehr erheblich
sind meist die Störungen der Bewegung: Erschwerung und grosse
Schmerzhaftigkeit des Gehens, Schwäche und paretische Zustände
der Oberschenkelmusculatur u. s. w. — Bousseau sah Röthe, An-
schwellung und gesteigerte Schweisssecretion am inneren Fnssrand
bei Neuralgie des Saphenus; ich fand in einem Falle hochgradige
Atrophie der vorderen Oberschenkelmuskeln. — Ob die von Brodie
zuerst beschriebenen sog. hysterischen Neurosen des Kniegelenkes
mit ihren Erscheinungen von Hautröthe, Schwellung und gesteigerter
Temperatur in das Gebiet der Cruralneuralgie fallen, dürite wohl
z. Z. noch eine oflFene Frage sein (s. u. „Gelenkneuralgie").
3) Neuralgia obturatoria. Bei ihr sitzt der Schmerz ganz
am inneren Rand des Oberschenkels und zieht sich bis gegen das
Kniegelenk hinab. Ist eine ungemein seltene Affection und hat
eigentlich nur dadurch eine gewisse praktische Bedeutung, dass sie
gelegentlich fllr die Diagnose der schwer zu erkennenden Hemia
obturatoria und ihrer Incarceration verwerthet werden kann. Bom-
berg hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, dass Erscheinungen
von Incarceration in Verbindung mit neuralgischen Beschwerden im
N. obturatorius die Diagnose in solchen schwierigen Fällen sicher
stellen können. Gewöhnlich ist dabei Formication an der mneren
Schenkelfläche, ein Cteftlhl von Erstarrung und Schwerbeweglichkeit
der Adductoren des Schenkels vorhanden. — Im üebrigen zeigt diese
Form der Neuralgie keine Besonderheiten.
Verlauf und Dauer aller dieser Neuralgien können natürlich
ungemein wechselnd sein und werden vorwiegend durch die zu Grunde
liegenden Ursachen bestimmt. Im Allgemeinen lehrt die Erfahrung,
dass der Verlauf ein leichter und milder, die Dauer der Krankheit
meist eine verhältnissmässig kurze ist; doch gilt dies nur fllr die
Neoralgien. Lumbo-abdominal- und Schenkelneuralgie. Ischias. 155
em&chen Formen ohne schwere organische Grundkrankbeiten. Von
diesen vor allen Dingen hängen auch die Ausgänge der Krankheit
ab. Natürlich wird auch dadurch die Prognose bestimmt, welche
ftlr die einfachen Formen jedoch eine ziemlich gttnstige ist ; dieselben
heilen meist leicht und rasch.
Die Diagnose kann in manchen Fällen ihre sehr erheblichen
Schwierigkeiten haben; für die erste Gruppe kann besonders Lum-
bago zu Verwechselungen Anlass geben: wenn man berücksichtigt,
dass bei der letzteren Krankheit der Schmerz gewöhnlich auf einen
scharf umschriebenen Punkt localisirt ist, dass er nicht nach vorn
ausstrahlt, dass Beugung oder Streckung des Rumpfes oder das Heben
einer Last besonders schmerzh^^ft sind, dass die Schmerzen bei ab-
soluter Ruhe verschwinden — wird man vor Irrthümem ziemlich ge-
schützt sein. — Die Schmerzen bei der Nierensteinkolik sind häufig
nicht von den neuralgischen zu unterscheiden und entstehen wohl
auch durch Irradiation auf die spinalen Nerven. — Für die zweite
Gruppe kann die Unterscheidung von Hüftgelenks- und Kniegelenks-
leiden manchmal schwierig sein; eine genaue Untersuchung kann
hier meist Au&chlnss geben und verdient besonders das Symptom
Berücksichtigung, dass die Haut bei Neuralgien empfindlicher als
das Gelenk selbst bei Druck und Bewegung ist.
üeber die Therapie ist nicht viel Besonderes zu sagen. Nach
EriÜllung der Gausalindication wird man zu den gewöhnlichen
Mitteln schreiten; fliegende Vesicantien sind für die leichteren Fälle
empfehlenswerth ; Morphiuminjectionen und Elektricität fttr die hart-
näckigeren; ich habe in 3 Fällen von Cruralneuralgie vom galva-
nischen Strom raschen und glänzenden Erfolg gesehen (absteigender
stabiler Strom von der Lendenwirbelsäule zu dem Nerven und in
diesem selbst). Bousseau sah Erfolg von Atropininjectionen, nach-
dem Morphium versagt hatte. — Selten wird man zu energischeren
Mitteln greifen müssen und es kann für die Details der Behandlung
in hartnäckigen und schweren Fällen auf die Therapie der Ischias
verwiesen werden.
f. Neuralgie im Gebiete der Sacralnerven (Plexus sa-
cralis). — Neuralgia ischiadica. Ischias. Malum Gotun-
nii. Hüftweh. (Neuralg. pudendo-haemorrhoidalis.)
Dom Cotugno, Comment. de ischiade nervosa. Neapol. 1764. — Petrini,
Nuoyo methodo di curare la sciat. nervös. Roma 1781. — L entin, Hufeland's
Joom. L 1795. — Martinet, Temploi de Phuile de t^r^binth. dans la sciatique.
156 Erb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
t824. — Fiorayante, Annal. univers. 1843. — Baruch, Natur und Beband-
lunff d. Ischias. Oesterr. med Jahrb. 1845. — Valleix, L c. p. 386—520. —
Robert, Trait^ de la Sciatique etc, Rev. m6d. 1847. — Jobert, Union mW.
1859. No. 77. — M. Rosenthal, Wien. allg. med. Zeitung. 1864. No. 11—14
— Füller, Clinic. lectnres on Sciatica. Lancet 1864. — Betz, Zur Patbol. und
Therap. d. Ischias. Memorab. 1865. Lagrelette, £tude histor., semiol. et
th^rap. de la Sciatique. Th^se. Paris 1869. — Patruban, Blosslegung und Deh-
nung des grossen Hüftnerven behufs Heilung der Ischialgie. AUgem. Wien. med.
Zeit 1872. No. 43, 44. 47, 53. — M. Landouzy, Dela sciatiaue et de Fatrophie
musculaire qui peut Ja compliquer. Arch. g^n^r. 1875. Mars-May. — Anitie,
On sciatica and its treatment. Medic. Times. 1874. May 30. June 13. — yei|l.
femer Romberg, Hasse, Eulenburg, und die Lehrbücher d EUektrotherapie.
D'Axthrey, Consid^r. sur quelques formes de la n^yralgies lombo-abdom.
Th^se. 1867. — Liege y, Intercostal- und Hodenneuralgie. Presse m^. 1855.
No. 37. — Dardel, Deux observat. de n^vrose ano-v^sicale opini&tre, sanscansö
mat^. appr^ciable. Gaz. m^d. de Lyon 1S67. -^ Weir Mitchell, Anal and
perineal Neuralgie. Philad. med. Tim. 1873.
Begriffsbestimmung. Die in den sensiblen Verzweigungen
des Plexus sacralis (5. Lumbar- und 1.— 5. Sacralnerv) bausenden
Neuralgien können ungezwungen ihrem Sitze und ihrer Verbreitung
naeh in 2 Gruppen gebracht werden: die erste Gruppe enthält die
Neuralgien, welche in der Aftergegend; am Damm und den äusseren
Genitalien vorkommen und vorwiegend in den Verästelungen des
N. pudendohaemorrhoidalis zu suchen sind; wir werden sie unten
in gedrängter Darstellung zusammen mit den übrigen Neuralgien der
äussern Genitalien abhandeln. Die andre Gruppe enthält die dem
N. cutan. fem. post. und dem N. ischiadicus angehörigen Neuralgien,
welche an der hintern Fläche des Oberschenkels; an dem ganzen
Unterschenkel und Fuss (mit Ausnahme der vom N. saphenus ver-
sorgten Partien) localisirt sein können. Sie sind weitaus die wich-
tigsten und häufigsten unter den Neuralgien des Plexus sacralis und
werden gewöhnlich unter dem gemeinsamen Namen der Ischias
zusammengefasst. Die Ischias ist mit der Trigeminusneuralgie die
häufigste und praktisch wichtigste Neuralgie; sie kann mit grosser
Heftigkeit und Hartnäckigkeit auftreten und der Behandlung grosse
Schwierigkeiten bereiten. Sie verdient deshalb eine etwas eingehen-
dere Würdigung.
Neuralgia ischiadica. Ischias. Malum Gotunnii.
Hüftweh.
Sitz dieser Neuralgie kann sein: der grösste Theil der hintern
Oberschenkelfläche und ein Theil des Gesässes (N. cutan. fem. poster.),
die Kniekehle und das Kniegelenk (Nu. articul. gen. super, und infer.),
die hintere, vordere und laterale Fläche des Unterschenkels und der
ganze Fuss mit Ausnahme des inneren Fussrandes (N. cutan. cror.
Neuralgien. Ischias. Aetiologie. % 157
poster. med., die Nn. communic. peron. et tibial., die Nn. peron.
saperfic. et profund., der N. tibialis mit seinen plantaren Endästen).
Nicht immer sind alle diese Nerven gleichzeitig befallen^ meist jedoch
mehrere nnd nur selten einer allein; am häufigsten ist die hintere
Oberschenkelfläche bis zur Mitte der Wade der Sitz des Schmerzes ;
demnächst die äussere Fläche des Unterschenkels und Fusses, selten
die Sohle allein. Fast immer ist, wie bei allen Neuralgien, nur eine
Seite be&llen und zwar die rechte so häufig wie die linke; in ein-
leben Fällen sind aber auch beide Seiten ergriffen, dann aber meist
eine Seite stärker wie die andere.
Aetiologrie.
Nicht in dem Maasse, wie bei vielen andern Neuralgien, beson-
ders des Trigeminus, spielt hier die Prädisposition eine Rolle;
die meisten Fälle von Ischias werden durch accidentelle , mehr
äusserliche und locale Schädlichkeiten hervorgerufen. Doch hebt
Anstie auch f&r diese Neuralgie den schlimmen Einfluss frühzei-
tiger Senescenz und beginnender Körperschwäche hervor und betont,
dass selbst bei anscheinend robusten Individuen sich häufig schon
die leisen Zeichen davon nachweisen lassen, wenn sie von Ischias
befiilien werden. Immerhin bilden aber diese Fälle die Minderzahl
und schon die Natur der meisten notorischen Gelegenheitsnrsachen
der Ischias erklärt es, warum dieselbe besonders häufig gerade bei
robusten, kräftigen, schwer arbeitenden, sich allen äussern Schädlich-
keiten ohne Scheu aussetzenden Personen so häufig ist. Es lässt
sich darauf vielleicht auch — zum Theil wenigstens — die entschie-
den grössere Disposition des männlichen Geschlechts gegenüber dem
weiblichen zurückführen. (Valleix: 72 Männer, 52 Weiber; Eulen -
bürg: 25 M., 7 Weiber; Erb: 40 M., 10 Weiber.) Ebenso das
häufigere Befallen werden im mittleren Lebensalter, wo der Kampf
oms Dasein zu den grössten Anstrengungen veranlasst nnd den man-
nichfachsten äusseren Schädlichkeiten gegenüber geführt v^ird. — Auch
der begtinstigende Einfluss der kalten Jahreszeit, sowie verschiedener
Klimate lässt sich ohne Zweifel grösstentheils auf die Häufung
atmosphärischer Schädlichkeiten zurückführen, ebenso wie die grosse
Häufigkeit der ischiadischen Erkrankungen überhaupt wohl darauf
zurückzuführen ist, dass der Ischiadicus theils durch seme grosse
Länge und oberflächliche Lage, theils durch seine Beziehungen zum
Becken und den Beckenorganen äusseren Schädlichkeiten in ganz
besonderem Maasse ausgesetzt ist — Dass endlich nervöse Diathese,
158 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinaleii Nerven.
Hysterie, MenstmationsBtömngen ebenfalls prädisponirende Momente
sind, kann nicht befremden.
Weit wichtiger sind aber jedenfalls die Gelegenheitsar-
Sachen. Unter ihnen steht obenan die Erkältung. Znglnft bei
erhitztem Körper, Durchnässung, Schlafen auf feuchter Erde oder in
der Nähe einer feuchten Wand u. dgl. sind so häufig mit aller Be-
stimmtheit als Ursachen der Ischias nachzuweisen, dass an ihrer
Wirksamkeit gar kein Zweifel sein kann. — Ferner sind trauma-
tische Einwirkungen auf den Nerven selbst zu erwähnen: im
letzten Krieg habe ich auf Schussverletzungen des Ischiadicus die
scheusslichsten Formen der Neuralgie folgen sehen : Aderlasswunden,
Knochenbrüche, Fall aufs Gesäss, schwere und lange Entbindungen,
besonders mit Hülfe der Zange, wobei der Plexus sacralis gequetscht
wird — sind nicht seltene Veranlassungen. — Starke Anstren-
gungen der Beine, viel Bewegung werden von Anstie als hänfige
Ursache, besonders bei pi^disponirten Individuen beschuldigt. Nähen
an der Nähmaschine hat Seeligmüller in einem Fall als Ursache
gefunden. — Eine sehr wichtige Rolle spielen Störungen der
venösen Circulation, die wahrscheinlich in mechanischer Weise
den Plexus sacralis irritiren : besonders sind es venöse Stauungen in
den Venenplexus des Beckens, bedingt durch Hämorrhoiden, anhal-
tend sitzende Lebensweise, habituelle Obstipation, Pfortaderstockun-
gen u. dgl., welche nicht selten Ischias im Gefolge haben. Mecha-
nischerDruck kann in der mannichfachsten Weise Ischia» erzeugen :
vieles Sitzen auf harten, unbequemen Stühlen, Stuhlverstopfung nnd
Anhäufung von Kothmassen im S romanum ; Schwellungen und Lage-
veränderungen des Uterus; Uterus gravidus; Tumoren des Beckens
und der Beckenorgane, besonders Carcinome, Medullarsarkome und
Eierstockstumoren ; Aneurysmen ; Hemia ischiadica u. s. w. — Manche
Fälle endlich scheinen syphilitischen Ursprungs zu sein.
Anatomische Veränderungen.
Am Nerven selbst ist zwar mancherlei bekannt, aber nichts, was
regelmässig die Neuralgie begleitete > so dass man auch hier die
anatomischen Veränderungen bis auf weiteres als accidentelle Krank-
heitsursachen betrachten muss. Man hat gefhnden : Neuritis (ich habe
jüngst eine von hartnäckiger Sehnenscheidenentzündung am Unter-
schenkel her fortgeleitete Neuritis als Ursache einer ganz colossalen
Ischias beobachtet) Hyperämie, Oedem und Exsudation im Neurilemm ;
Tuberkelablagerung und Verknöcherung in demselben; Ektasie der
Venen; Geschwülste, cicatricielle Neurome etc.
Neuralgien. Ischias. Anatomische Veränderungen. Symptome. 159
ErkrankungenderWirbel (Spondylitis, Caries, Garcinom etc.)
siod häufig von heftigen ischiadischen Besehwerden begleitet — Femer
Erkrankungen des Centraineryensystems, besonders des
fifickenmarks, seltner oder yielleicht niemals des Gehirns ; Meningitis
spinalis, Myelitis und ganz besonders die Tabes dorsalis gehen sehr
gewöhnlich mit excentrisch neuralgischen Schmerzen im Ischiadicus
(gewöhnlich doppelseitig) einher. — Als Nachkrankheit von Typhus,
ab Folge von Syphilis hat man Ichias beobachtet. Ob Malariain-
fection dieselbe hervorrufen kann, wird von allen Autoren als zweifel-
haft hingestellt ; eine typische Ischias gehört zu den grossen Selten-
heiten. — Bei Diabetes soll Ischias, wie ich von befreundeter er-
ÜEÜimer Seite weiss, nicht selten vorkommen (während umgekehrt
Braun in seiner Balneotherapie [3. Aufl. S. 411] angibt, dass er
öfter Diabetes als Symptom von Ischias beobachtet habe). — Es gibt
endlich noch eine Reihe von Dingen, die als Ursachen der Ischias
cursiren, ohne jedoch in der Regel für vollwerthig anerkannt zu
werden: z. B. unterdrllckte Fussschweisse , geheilte Hautausschläge,
Bleiintoxication , Reflexe von den Verdauungsorganen u. s. w. Ihre
Berechtigung muss erst noch genauer festgestellt werden.
Symptome.
Die Krankheit beginnt gewöhnlich mit Vorboten, welche sich
als dumpfes, schmerzhaftes Ziehen, als Steifheit, als Gefühl von
Formication, von Ueberrieseb , Kälte oder Hitze in der kranken
Extremität darstellen. Rascher oder langsamer in den verschiedenen
Fällen steigern sich die Erscheinungen; einzelne schmerzhafte Blitze
treten auf, die sich aUmälig häufen und stärker werden und endlich
zmn Ausbruch eines heftigen Schmerzparoxysmus führen. Selten
tritt ein solcher Paroxysmus ganz plötzlich und ohne Vorläufer auf.
Während desselben sind es besonders heftige, reissende, laneinirende
Schmerzen, welche in steigender Heftigkeit und Häufigkeit das Bein
meist in der Richtung der Nervenstämme durchziehen : diese Schmer-
zen gehen meist von einem oder mehreren bestimmten Punkten aus
und verbreiten sich gewöhnlich in absteigender, viel seltner in auf-
steigender Richtung, manchmal nach mehreren Richtungen; oft
wfithet der Schmerz an einer bestimmten Stelle mit häufigen, blitz-
ähnfa'chen Stössen, wechselt dann seinen Sitz, tobt an einer andern
Stelle, um dann wieder an die erste zurückzukehren u. s. w. Die
gewöhnlichste Localisation ist in der Haut, oft aber auch in der
Tiefe, in und zwischen den Muskeln, nicht selten auch in den Knochen.
Auffallend genau vermögen die Kranken oft aus der Localisation des
160 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Schmerzes die anatomische Lagerang des schmerzenden Nerven an-
zugeben; sie bezeichnen mit dem Finger auf der Haut die Bahnen,
welchen der Schmerz vorwiegend folgt und dieselben entspredien
den Haaptnervenstämmen; auch die Linien , welche die schmerz-
haftesten Pankte mit einander verbinden, entsprechen häufig genaa
diesen Nerven.
Die Pausen zwischen den lancinirenden Schmerzen sind in der
Regel durchaus nicht schmerzfrei; ein dumpfes drückendes Wehge-
tUhl macht sich in den befallenen Theilen bemerkbar, welches nor
selten ganz verschwindet. Es kommen demnach gewöhnlich nnr
Remissionen des Schmerzes vor. Die Exacerbaticmen und die Rli-
figkeit der Anfälle fallen gewöhnlich auf den Abend und die Nacht,
und die heftigen Schmerzen verscheuchen nicht selten den Schlaf fllr
viele Stunden; doch kommen auch Fälle vor, wo der Tag die
Schmerzen bringt und die Nächte ruhig sind. Eine Menge von Din-
gen ist im Stande, den Schmerz zu steigern und Paroxysmen her-
vorzurufen; am entschiedensten thut dies gewöhnlich Bewegung des
kranken Beins ; schon die einfache Lagevei^nderung im Bett kann
dazu genügen, fast sicher thut es jede stärkere und anhaltende Be-
wegung; doch gibt es auch Kranke, welche im Herumgehen Er-
leichterung ihrer Schmerzen finden und es nicht im Bett aushalten
können. Einfache Berührung der Haut, kalte Luft, Waschen des
Beins, Husten, Niesen, rasches Bücken, Drängen beim Stuhlgang a.dgl.
sind häufige Veranlassungen für die Schmerzausbrüohe. Alles dieses
zwingt die meisten Kranken zu grosser Vorsicht beim Gebranch des
Beins und bei allen Verrichtungen : daher die oft sehr charakteristiscbe
Haltung des Beins, das in allen Gelenken leicht gebengt und mög-
lichst unbeweglich gehalten wird, um jede Zerrung und jeden Dmck
des Ischiadicus zu vermeiden.
Die Verbreitung des Schmerzes ist in den einzelnen Fällen eine
äusserst verschiedene; es kommen eben hier alle nur denkbaren
Combinationen vor; es hängt das von den vorwiegend befallenen
Nervengebieten ab. Am häufigsten klagen die Kranken über Schmerz
an der hintern Schenkelfläche, der in der Gegend des Foram. isch.
beginnt und sich bis zur Kniekehle und der Wade hinzieht; dem-
nächst ist es besonders das Gebiet des Peroneus (vordere und äussere
Unterschenkelfläche und Fussrttcken), welches der Sitz der Schmerzen
ist; weit seltner ist das Tibialisgebiet betroffen, doch hat man aof
die Sohle allein beschiünkte Formen (Neur. plantaris) gesehen. Nicht
selten ist das ganze Verbreitungsgebiet gleichzeitig befallen und der
Schmerz tritt nur bald in dem einen, bald in dem anderen Nerv^-
Neuralgien. Ischias. Symptome. 161
gebiet mit besonderer Heftigkeit auf. Dann sind in der Regel auch
die hintern Aeste der Sacralnerven betheiligt und die Kranken klagen
Aber heftigen Sehmerz im Kreuz und in der Lende.
Schmerzpunkte fehlen bei der Ischias selten; doch gibt es
unzweifelhaft Fälle , in welchen selbst die genaueste Untersuchung
keine solchen Punkte nachweisen kann. Von Valleix wird ein
Punkt neben dem Kreuzbein, etwa in der Gegend der Spina iL poster.
super., für den constantesten erklärt; ich selbst finde den der Aus-
trittstelle des N. ischiad. aus dem Becken entsprechenden Punkt am
häufigsten schmerzhaft bei Druck; femer einen solchen am untern
Ibmd des Glutaeus, wo der Cutan. poster. hervortritt; in der Knie-
kehle eine schmerzhafte Linie längs des N. tibialis, einen schmerzhaften
Punkt am Capitulum fibulae; einen Punkt hinter dem äussern und
einen hinter dem innem Knöchel; einzelne Punkte am Fussrücken;
nicht selten auch einige inconstante auf der hintern Schenkelfläche
und der Wade, da, wo die Hautäste sich theilen oder die Fascie
durchbohren u. s. w. Nicht selten kann man auch per yaginam oder
selbst per rectum den Plexus sacralis selbst erreichen und ihn bei
Druck schmerzhaft finden.
Nächst der Trigeminusneuralgie sind besonders bei der Ischias
die Begleiterscheinungen am häufigsten und eingehendsten
beobachtet worden.
Irradiation des Schmerzes kommt besonders häufig vor nach
dem Ischiadicus der andern Seite, der auf der Höhe der Paroxysmen
in Mitleidenschaft gezogen wird; seltener sind es die Lumbarnerven
nnd ihre Verästelungen, oder noch entferntere Nervengebiete , in
welche der Schmerz irradiirt. — Sehr gewöhnlich sind abnorme
Sensationen in der leidenden Extremität: Formication, Geftlhl von
Taubsein, Pelzigsein, Kälte u. s. w.; häufig lassen sich auch die
massigen Grade von Hypei^thesie oder Anästhesie in dem befallenen
Haatgebiet und darüber hinaus nachweisen, welche Nothnagel
jtbigst eingehender gewürdigt hat (s. o.). Ausgesprochene partielle
Anästhesie, auf verschiedene Hautstellen localisirt, kommt ebenfalls
nicht selten vor.
Unter den motorischen Erscheinungen ist zunächst der
yeränderte hinkende Gang und die eigenthttmliche Haltung des Beins
aufiTällig, welche oben schon erwähnt wurden. — Krampfhafte Er-
scheinungen des verschiedensten Grades sind nicht selten: von leichten
fibrillären Contractionen, und von massiger, schmerzhafter Spannung
der Muskeln an werden alle möglichen Abstuftmgen des Krampfs bis
zu starkem Tremor und den fürchterlichsten convulsivischen Zuckun-
Haadbueh d. spec. Pathologie a. Therapie. XII. Bd. 1. 2. Aufl. 11
162 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
gen beobachtet, welche auf der Höhe der Paroxysmen die Qnalen
der Kranken ins Unglaubliche steigern können. Diese Erscheinungen
sind Folge directer oder reflectorischer Reizung. Von ernsterer Be-
deutung sind meist die paretischen und paralytischen Zust&nde, welche
sich nicht selten hinzugesellen ; leichte Parese, Schwäche, Steifigkeit
finden sich fast in jedem Falle ; kommt es jedoch zu stärkerer Parese
oder zu wirklicher Paralyse in einzelnen Muskelgmppen , so deutet
das immer auf eine schwerere Läsion des Nerven hin.
Die vasomotorisch-trophisohen Störungen bei Ischias
haben wir im allgemeinen Theil (s. o. S. 50 £) bereits erörtert.
Blässe und Kälte der Haut mit lebhaftem subjectiven Kälte- und
Vertaubungsgefhhl sind nicht selten; Röthe und Hitze der Haut mit
gesteigerter Schweissbildung kommen in andern Fällen vor oder
wechseln mit den erstgenannten Erscheinungen ab. Von den tropbi-
sehen Störungen ist einfache massige Atrophie der Muskeln die bfto-
figste; sie ist in neuester 2ieit von M. Landouzy zum Gtegenstand
einer sehr eingehenden Besprechung gemacht worden ; sie soll unab-
hängig von der Dauer und Intensität der Erkrankung überall da sich
einstellen, wo der Ischias eine materielle Läsion des Nerven — am
häufigsten Neuritis — zu Grunde liegt; sie soll im Zusammenhalt
mit dem Charakter des Schmerzes und den Ergebnissen der objectiven
Untersuchung die klinische Unterscheidung einer neuritischen und
einer rein neuralgischen Form der Ischias ermöglichen ; hochgradige
Atrophie kommt nur bei gleichzeitiger schwerer Lähmung vor; Muskel-
hypertrophie erwähnt Graves; gesteigerten Haarwuchs Anstie;
Zoster wird selten beobachtet; Flies beobachtete einmal Emplaon
zahlreicher Furunkel; Auftreten von Zucker im Harn will Braan
(Balneotherapie) als Symptom der Ischias in mehreren Fällen beob-
achtet haben.
Allgemeinstörungen, Fieber oder dergleichen kommen bd-
nahe niemals bei Ischias vor; doch kann auch hier die grosse Heftig-
keit des Schmerzes durch Störung des Appetits und der Verdauung^
durch Schlaflosigkeit u. s. w. allmälig eine völlige Erschöpfimg der
Kräfte herbeiführen; natttrlich kann aber auch das der Ischias tu
Grunde liegende Leiden (z. B. Carcinom, Wirbelcaries, Tabes etc.)
Allgemeinstörungen der schwersten Art bedingen^ die aber nicht der
Ischias als solcher angehören.
Ueber die elektrische Erregbarkeit des N. ischiadicos bei
der Ischias hat A. Eulen bürg (1. c. S. 154) merkwürdige Angaben
— wenigstens in Bezug auf die motorischen Fasern — gemacht: er
fand wiederholt qualitative Veränderungen des normalen Zuckungs-
Nennügieii. Ischias. Verlauf. Dauer. Ausgänge. 163
gesetzes, die bis zur Umkehr desselben gehen konnten, neben quan-
titativer Steigerung oder Verminderung der galvanischen Erregbarkeit.
Mir ist etwas Aehnliches bisher — ausser bei gleichzeitiger schwerer
Lähmung und Muskelatrophie ; wo diese Reaction aber eine ganz
andere Bedeutung hat — noch nicht vorgekommen. — Die faradische
Sensibilität der Haut ist häufig, entsprechend dem Grade der etwa
vorhandenen Anästhesie , etwas herabgesetzt. Jedenfalls wäre eine
genaue Untersuchung dieser Verhältnisse und ausführliche Mittheilung
der betreffenden Beobachtungen sehr wünschenswerth.
Verlauf, Dauer, Ausgänge.
Nachdem die Krankheit, wie oben gesagt, meist allmälig be-
gonnen und sich bis zu einem gewissen Grade gesteigert hat, erhält
sie sich mit grösseren oder geringeren Schwankungen auf einem ge-
wissen Intensitätsgrade kürzere oder längere Zeit. In der Regel ist
die Ischias eine Ejrankheit von mehreren Wochen, selten nur gelingt
es, sie in wenigen Tagen zur Heilung zu bringen; weit häufiger
rieht sie sich Monate lang hin. Die Anfälle kommen dabei meist
in ziemlich unregelmässiger Weise und ein streng typischer Verlauf
wird beinahe niemals beobachtet. Grosse Schwankungen in der
Intensität der Erscheinungen bilden die Regel: Gemüthsbewegnngen,
körperliche Anstrengungen, Witterungswechsel, niederer Barometer-
stand etc. sind die Momente, an welche die Verschlimmerungen zu-
meist anknüpfen. — Die Besserung erfolgt gleichfalls ganz alUnälig
und meist mit vielen Schwankungen. Auch nach erfolgter Heilung
bebalten die Kranken meist noch lange das Gefühl einer erkrankten
und sehwachen Extremität: dieselbe ist steif, schwerfällig, ermtidet
leicht und wird bei der geringsten Veranlassung der Sitz erneuerter
Schmerzen. Recidive sind ungemein häufig.
Die Dauer der Krankheit schwankt von wenig Tagen bis zu
30 Jahren; am häufigsten ist bei sog. idiopathischen Fällen eine
Dauer von einigen (2 — 8) Wochen.
Genesung ist der häufigste Ausgang; leider ist dieselbe oft un-
vollständig: wenn auch die Neuralgie verschwunden ist, so bleiben
oft Steifheit und Schwäche des Beins, Atrophie desselben, Sensibili-
tälsstörungen, Neigung zu Recidiven zurück ; die Spuren des Leidens
sind oft Jahrelang noch wahrzunehmen. — Schlimmere Ausgänge
hängen zumeist von der Natur des Grundleidens ab und sind nicht
der Neuralgie zuzuschreiben. Die
11*
164 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Diagnose
der Ischias begegnet nicht selten grossen , manchmal selbst onttber-
windlichen Schwierigkeiten ; besonders bei sehr fettleibigen Personen,
bei Frauen, bei ungebildeten Leuten, die über ihre Sensationen nicht
gut Rechenschaft ablegen können, bei welchen denmach die Unter-
suchungsergebnisse unsicher und zweideutig sind, wird man nicht
selten nur eine zweifelhafte Diagnose stellen kOnnen. Am häufigsten
wird eine Verwechselung mit Muskelrheumatismus im Ober-
oder Unterschenkel nahe liegen. Wenn auch das charakteristische
Unterscheidungsmerkmal von Valleix, dass die Kranken beim Bhea-
matismus den Sitz des Schmerzes mit der ganzen Hand bezeichnen,
während sie bei der Neuralgie das mit der Fingerspitze thun, gewiss
nicht für alle Fälle zutrifft, so wird man doch aus den schon mehr-
fach angezahlten Merkmalen des Muskelrheumatismus (Localisation,
Schmerz bei bestimmten Bewegungen, leichte Heilbarkeit u. s. w.)
meist leicht die richtige Unterscheidung treffen.
Am schwierigsten und wichtigsten ist jedenMls die Unterscheidung
von Hüft gelenkleiden; besonders die schleichend und chromsch
sich entwickelnden Formen der Coxitis und Coxarthrocace, die euie
Zeit lang ohne Fieber und ohne erhebliche Difformität des Beckens,
ohne grosse locale Empfindlichkeit verlaufen, kOnnen Irrthttmer her-
beiführen und lange Zeit ftlr Ischias angesprochen werden. Nur eine
sehr genaue locale Untersuchung kann hier Aufklärung verschaffen:
man muss die Haltung des Beins, die Lage der bei Druck schmerz-
haften Stellen, den Schmerz beim Einstossen des Gelenkkopüs in die
Pfanne, die Verlängerung oder VerkOrzung des Beins, die Configu-
ration der Hinterbacke, das andauernde oder paroxysmenweise Auf-
treten des Schmerzes, die Verbreitung desselben, die etwaigen All-
gemeinerscheinungen berücksichtigen, um zur Entscheidung zu ge-
langen. — Noch viel schwieriger wird die Unterscheidung von der ner-
vösen Coxalgie sein (hysterische Gelenkneurose), welche von Brodie,
Esmarch, Wernher, Stromeyer u. A. beschrieben worden ist
Die strenge Localisation des Schmerzes auf das Hüftgelenk, während
im Uebrigen das Fehlen entzündlicher Störungen constatirt werden
kann, mtlssen die Hauptanhaltspunkte ftir die Diagnose geben.
Mit Psoitis kann wohl die Ischias nur bei grosser Unaufmerk-
samkeit verwechselt werden.
Von grosser Wichtigkeit ist immer die Diagnose des Sitzes
der Neuralgie in Bezug auf die Höhe der Faserung (peripher, Plexus,
Wurzeln, central). Eine genaue Berücksichtigung aller einzelnen
Umstände wird die Diagnose in manchen Fällen ermöglichen: tta
Neuralgien. Ischias. Diagnose. Prognose. Therapie. 165
den peripheren Sitz spricht die Localisation auf einzelne Aeste^ das
gleichzeitige Vorhandensein erheblicher motorischer nnd vasomoto-
rischer Störungen; fttr den Plexus können nur die Ausbreitung des
Schmerzes, nnd die etwaigen Ergebnisse der Untersuchung per vaginam
oder rectum entscheidend sein; fttr Wurzel- oder centrale Erkran-
kung spricht die Ausbreitung der Schmerzen auf die hintern Aeste
der Sacralnerven, der ausgesprochen lancinirende Charakter derselben,
ihre vorwiegende Localisation in den Knochen und der Nachweis
smderweitiger centraler Symptome. Für alle diese Unterscheidungen
wird der Nachweis einer bestimmten, local einwirkenden Ursache
sehr werthvoU sein. — Die Diagnose der der Ischias zu Grunde
liegenden Ursach e geschieht nach allgemeinen Grundsätzen und ist
natürlich von grösster Wichtigkeit für die Therapie.
Prognose.
Sie ist bei der Ischias weniger günstig als bei der Cruralneur-
algie, aber immerhin noch besser, als bei den meisten anderen Neur-
algien von ähnlicher Intensität der Erscheinungen. Beeinflusst wird
sie natürlich zunächst von der Krankheitsursache: liegen schwere,
unheilbare Leiden der Neuralgie zu Grunde, so ist die Prognose
natürlich sehr schlecht. Frische, rheumatische und idiopathische
Fälle erlauben fast immer eine sehr günstige Prognose: auf ihre
Heilung in wenig Wochen kann mit Sicherheit gerechnet werden. —
Langsam entstandene Fälle, zu welchen sich Anästhesien, Lähmung
und Atrophie hinzugesellen, sind meist sehr hartnäckig. Mit zu-
nehmender Dauer des Leidens wird die Prognose schlimmer, ebenso
mit zunehmendem Alter der Kranken. Immerhin berücksichtige man
auch die Neigung zu Recidiven.
Therapie«
Hier wie überall ist zunächst der Gausalindication zu ge-
nügen; das kann in manchen Fällen durch operative Eingriffe ge-
schehen (Entfernung von Geschwülsten, Einrichtung von Fracturen,
Aussehneidung von Narben und Fremdkörpern) ; wo venöse Stauungen,
Unterleibsstockungen u. dgl. anzunehmen sind, wird man von Abführ-
mitteln, von salinischen Bmnnencuren (Kissingen, Homburg, Marien-
bad, Tarasp etc.), auch von Blutentziehungen am After oder Perineum
oft auffallenden Erfolg sehen; bei traumatischen Einwirkungen auf
dass Gesäss wird man antiphlogistische Mittel : ELälte, Blutentziehungen,
Ruhe, comprimirende Verbände u. dgl. anwenden ; P 1 o u v i e z empfiehlt
bei traumatischer Neuritis einen Druckverband über die ganze Extre-
166 £&B, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nenren.
mität, ebenso bei Ischias durch cicatricielle Neurome; bei centralen
Leiden mnss die entsprechende centrale Behandlung eingeleitet werden
u. s. w. Weitaus am häufigsten wird man es mit Msch entstandenen,
rheumatischen Formen bei robusten Individuen zu thun haben: hier
ist eine energische Diaphorese und Ableitung auf die Haut am meisten
angezeigt, und durch ein ttlchtiges Schwitzbad (Dampf- oder tfirici-
sches Bad) in Verbindung mit blutigen Schröpf köpfen oder starken
Hautreizen — am besten Vesicantien — bei absoluter Ruhe gelingt
es nicht selten, frisch entstandene Fälle in wenig Tagen zur Heilung
zu bringen. In veralteten rheumatischen Fällen dttrften besondere
Jodkalium und die indifferenten Thermen Anwendung verdienen;
bei vorausgegangener Syphilis grosse Dosen Jodkalium.
Die Zahl der direct gegen die Ischias gerichteten Mittel ist
eine ganz enorme; wir können hier nur die wichtigsten erwähnen.
In leichteren Fällen kann man sich mit der Anwendung der
Hautreize begnügen; die jedenfalls eine hervorragende Stelle in
der Therapie der Ischias einnehmen. Nichts ist hier wirksamer, als
die schon von Gotugno eingeführten und von Valleiz besondere
empfohlenen fliegenden Vesicantien : etwa kartenblatt- oder handgrosse
Vesicantien werden nacheinander (in Pausen von 2 — 3 Tagen) anf
die besonders schmerzhaften Stellen gelegt und nach vollendeter
Vesication unter einfachem Verband wieder zur Heilung gebracht.
Der Erfolg ist meist glänzend ; manchmal verschwindet der Schmerz
nur so weit, als die Vesicantien gereicht haben; Anstie empfiehlt
ihre Application aufs Kreuz (blistering of the posterior branches)
als ganz besonders wirksam, gibt jedoch zu, dass sie manchmal eret
bei AppUcation über dem Nerven selbst wirksam sind. — Weniger
zu empfehlen ist das Offenerhalten der Vesicatorstellen durch reizende
Salben; nach kurzer Zeit pflegen dann die Schmerzen sich wieder
zu steigern. — Von anderen leichteren Hautreizen ist in der Regel
weniger zu erwarten als von den Vesicantien; will man sie den-
noch anwenden, so hat man die Wahl zwischen Sinapismen, Linim.
camphorat., Pustelsalbe, OL terebinth. allein, oder in Verbindung mit
Ol. crotonis., Daphne mezereum, den frischgestossenen Blättern von
Ranuncul. acris (ein altes, in neuerer Zeit wieder aufgewärmtes Volks-
mittel) und ähnlichen Dingen. Betz empfiehlt als sehr wirksam das
Auflegen eines Pflasters aus: Empl. oxycroc. 15.0, Arg. nitr. polv.
1,0 — 1,50 — auf die besonders schmerzhaften Stellen; es bleibt liegen,
bis es von selbst abfällt, ruft starkes Brennen und Ekzem hervor
und soll dabei der Schmerz nach 1 — 2 Tagen aufhören.
Für alle schwereren Fälle, wo man energischer einwirken will,
Keoralgien. Ischias. Therapie. 167
ist das Glttheisen das souveräne Mittel; es hat oft auffallende
Resultate. Am meisten wird die Application des Striebfeuers em-
pfohlen (Caut^risation transcurrente. Valleix, Jobert); weniger
die tiefe Cauterisation mit nachfolgender Eiterung. (Abbrennen von
Moxen und Anlegen von Fontanellen gehören ebenfalls hierher.) Am
zweckmässigsten macht man wohl das Brennen direc) tiber den er-
krankten Nervenpartien: man hat es aber auch an ganz entfernten
ITerven mit Erfolg versucht, zwischen den Zehen und am Fnssrticken ;
am merkwürdigsten ist unstreitig der palliative Erfolg, welchen nicht
selten die Cauterisation des äusseren Ohres mit einem dttnnen ab-
gestumpften Glttheisen hat ; die Thatsache besteht jedenfalls und ist
von den besten Beobachtern constatirt ; wenn wir sie nicht verstehen
und nicht erklären können, so ist das kein Grund, mit spöttischen
Bemerkungen darttber wegzugehen.
In den meisten Fällen — und ganz besonders auch da, wo die
Natur der Grundkrankheit keine HeUnng erwarten lässt — : wird man
die Narcotica nicht entbehren können; man wird sie häufig mit
Nutzen als Unterstützungsmittel gleichzeitig mit der ableitenden
Methode anwenden ; in vielen Fällen werden sie das einzig befriedi-
gende PalUativmittel bilden. Es ist dem im allgemeinen Theil
(a. 0. S. 78) über die Anwendung der Narcotica Gesagten hier nicht
viel hinzuzufügen. Selbstverständlich stehen die subcutanen Injec-
tionen von Morphium (0,01—0,06) in erster Linie; am besten macht
man sie in der Nähe des Foramen ischiadicum oder über den übri-
gen schmerzhaften Punkten; häufig ist es nöthig, den einzelnen
Nervenzweigen mit der Injection zu folgen, um den Schmerz überall
zu tilgen; deshalb manchmal zweckmässig, mehrere kleinere Injec-
tionen an verschiedenen Stellen gleichzeitig zu machen; bei Ischias
duplex an beiden Beinen. Genügt Morphium nicht, so kann man
Atropin versuchen; die übrigen Narcotica sind für gewöhnlich ent-
behrlich. Aeusserliche Anwendungen derselben (Salben mit Veratrin
und Opium, oder mit Aconitin, Extr. belladonn., Ol. hyoscyam. u. s. w.)
verdienen weniger Vertrauen. Erwähnung verdient eine von Troussean
Yielempfohlene Methode: in eine am Gesäss angelegte Fontanelle
werden täglich 2 — 3 Ktlgelchen eingelegt, von welchen jedes 0,05 Extr.
opii und ebensoviel Extr. belladonn. enthält, durch Traganthgummi zu-
sammengehalten. Die Anaesthetica (Ghlorof., Aether etc.) können
bei Ischias als Linimente und besonders in Form von Elystieren An-
wendung finden; gerade die letztere Application wirkt palliativ
recht gut.
Die neuere Zeit hat in der Elektricität das hervorragendste
168 Erb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
Heilmittel der Ischias kennen gelernt und cultivirt. Dieselbe ver-
dient in allen schweren Fällen und — wo dies leicht thunlich ist —
auch besonders in leichten und frischen Fällen Anwendung und be-
lohnt meist durch ausgezeichnete Heilresultate. Es gilt dies aller-
dings weniger von dem faradischen Strom, der nur in wenigen Fällen
günstig wirkt; er mag in der bekannten Weise als elektrische Geissei
oder Moxe oder mit feuchten Elektroden, die einen starken secun-«
dären Strom in den Nervenstamm einführen; angewendet werden.
Viel wichtiger und umfassender jedoch ist die Wirksamkeit des gal-
vanischen Stroms bei Ischias, und die ttbereinstimmenden Angaben
der Elektrotherapeuten melden äusserst befriedigende Resultate so-
wohl in frischen wie in veralteten Fällen — vorausgesetzt natürlich,
dass sie nicht auf unheilbarer organischer Grundlage beruhen. (Man
vgl. darüber die verschiedenen Lehrbücher der Elektrotherapie.) Ich
habe in einer Reihe von Fällen (s. auch Deutsch. Arch. f. klin. Med. III
S. 342) in wenigen Sitzungen Heilung selbst veralteter Formen er-
zielt, andere Male jedoch auch eine länger fortgesetzte Behandlung
zur Beseitigung der Schmerzen nOthig gehabt. Die gebräuchlichste
Methode ist die Anwendung absteigender stabiler StrOme, wobei die
Anode auf das Foram. isch. oder besser noch aufs Kreuz und die
Kathode auf die besonders schmerzhaften Punkte applicirt wird;
zweckmässig ist es oft, nach Remak's Vorgang einzelne Abschnitte
des Nerven von 6 — 8 Zoll Länge nacheinander unter die Einwirkung
des Stroms zu bringen und damit am Kreuz zu beginnen und bis
zum Fuss hinabzugehen ; den Schluss bilden dann einige durch Strom-
schliessungen erzeugte Muskelzuckungen, welche das Steifigkeitsge-
ftthl und die Schwere im Bein leicht beseitigen. — Eine andere Me-
thode ist die stabile Einwirkung der Anode auf den Stamm des Nerven
und die Schmerzpunkte (von Remak schon unter dem Namen der
Zirkelströme angewendet). Immer müssen starke Ströme mit breiten
Elektroden (wegen der tiefen Lage der Nerven) angewendet werden ;
die Dauer der Einwirkung sei 5—10 Minuten, täglich oder alle
2—3 Tage. Natürlich muss die Regel: Behandlung in loco morbi!
eingehalten werden und ist demgemäss in bestimmten Fällen die
Kreuzgegend und die Wirbelsäule in die Behandlung mit einzube-
ziehen ; nicht selten ist es auch nothwendig, den Schmerz bis in die
einzelnen Nervenzweige mit dem Strom zu verfolgen. — Besondere
Symptome (Anästhesie, Paralyse u. s. w.) müssen natürlich besonders
behandelt werden. Benedict hat für besonders hartnäckige Fälle
vorgeschlagen, die eine Elektrode in den Mastdarm einzuführen, die
andere auf das Kreuzbein aufzusetzen, um so den Sitz des Leidens
Neuralgien. Ischias. Therapie. 169
m()glich8t direct zu erreichen. Der Erfolg war in einem solchen
Falle sehr gut. — Berücksichtigung verdient wohl auch die von
Ciniselli (vgl. Virchow-Hirsch, Jahresbericht. Ber. üb. Elektrother.
1867 u. 1872) wiederholt empfohlene continuirliche Application eines
einfachen galvanischen Elements — eine Zink- und eine Kupfer-
platte, durch einen Draht verbunden — an die leidende Extremität:
diese Platten können jeder beliebigen Hautstelle adaptirt werden und
werden stunden- und tagelang getragen ; die Erfolge sind in manchen
FUlen recht bemerkenswerth.
Erst wenn die bisher erwähnten Mittel im Stiche lassen , mag
man zu specifischen Mitteln übergehen. Aus der grossen Zahl
derselben lässt sich unschwer eine Reihe von solchen zusammen-
stellen, die wenigstens den Nachweis zahlreicher Erfolge für sich
haben. Den ersten Rang nimmt hier ohne Zweifel das Ol. tere-
binth. rectif. ein. Schon seit 150 Jahren im Gebrauch hat sich
dies Mittel von den verschiedensten Seiten her Anerkennung zu ver-
schaffen gewusst, ohne dass es bis jetzt gelungen wäre, die Indica-
tionen ftir dasselbe genauer zu präcisiren. Soviel ist nur sicher, dass
es in vielen Fällen hilft, in anderen im Stich lässt Es ist besonders
von Martinet, Recamier u. A. empfohlen und kann in den ver-
schiedensten Formen gereicht werden (z. B, Rp. Ol. tereb. 4,0, Meli,
despum. 60,0: 2—3 Essl. täglich. — Sehr zweckmässig in Gallert-
kaspeln, welche je 1,0 enthalten und von welchen 3—12 täglich ge-
nommen werden, am besten zu den Mahlzeiten). Es soll seine günstige
Wirkung meist nach wenig Tagen schon entfalten. — Nächstdem wird
der Arsenik gerühmt. Von Chinin ist in der Regel nichts zu er-
warten, selbst bei typischen Formen hat man es ohne Erfolg gegeben.
— Kai. jodat. ist in vielen Fällen nützlich. — Die Mercurialien,
besonders Sublimat, das Seeale comutum, Kai. bromat., Ol. jecoris,
Colchicum u. s. w. können nur genannt werden ; es mag beigefügt
werden, dass die Alten die Musik als ein Heilmittel der Ischias be-
trachteten — gewiss ohne Ahnung von den Leistungen der modernsten
Musik.
Kehren wir von diesen wenig tröstlichen Dingen zurück, so be-
sitzen wir in den Bädern aller Art noch sehr mächtige Hilfsmittel
gegen Ischias. — Es mag vorher erwähnt werden, dass man auch
anhaltende örtUche Einwirkung der Wärme nützlich gefunden hat:
Plouviez empfiehlt Application von Kataplasmen von 40—50^ C.
auf das leidende Bein. — Unter den Bädern erfreuen sich die in-
differenten Thermen des grössten Rufes und es ist kein Zweifel, dass
schon viele schwere und hartnäckige Formen von Ischias in Teplitz,
170 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Gastein, Wildbad, Ragatz, aach in Wiesbaden and Baden-Baden ge-
beilt worden sind. Genauere Indicationen fehlen; am günstigsten
sind wahrscheinlich veraltete rheumatische Formen. Auch von Moor-
bädern hat man gute Erfolge gesehen. Ganz zweifellos ist in vielen
Fällen der günstige Einfluss von energischen Kaltwassercuren, selbst
in sehr schweren und hartnäckigen Fällen; die Warnung Bomberg'fl
vor solchen Curen ist jedenfalls eine unbegründete gewesen. Ancli
Seebäder haben sich manchmal nützlich erwiesen. — Alle diese
Bäder wird man nach bestimmten individuellen Verhältnissen aos-
wählen müssen.
Nur in ganz verzweifelten Fällen wird man sich zur Operation
— wenigstens an den Hauptnervenstämmen — entschliessen. Fttr
kleinere sensible Zweige ist dieselbe ohne Weiteres erlaubt; allein
zur Resection des Ischiadicus selbst oder seiner beiden Endzweige
wird man sich, der darauf folgenden meist unheilbaren Lähmung
wegen, nur schwer entschliessen. Inmierhin können genügende Indi-
cationen dazu vorhanden sein und man hat auch in solchen Fällen
die Operation schon mit Erfolg gemacht. Die allgemeinen Grund-
sätze müssen hier für den Entschluss maassgebend sein. — Patrnban
hat jüngst einen Fall veröffentlicht, in welchem er nach dem Vor-
gang Nussbaum's die Blosslegung und Dehnung des Hüftnerven
wegen einer hartnäckigen Ischias machte und zwar mit Erfolg; auch
die Beweglichkeit des Beines blieb erhalten. Weitere Erfahrungen
müssen erst über die Anwendbarkeit dieser kühnen Operation ent-
scheiden.
lieber das diätetische Verhalten der an Ischias Leidenden
ist nicht viel zu sagen; dasselbe ergibt sich leicht aus der Beur-
theilung des Einzelfalls. Für alle Fälle aber empfiehlt sich als wich-
tiges Unterstützungsmittel fllr die Heilung möglichste Ruhe des er-
krankten Gliedes; am besten Bettlage fUr einige Zeit. Ausserdem
dürfte die Sorge fttr regelmässige Stuhlentleerung nicht zu vernach-
lässigen sein.
Neuralgia pudendo-haemorrhoidalis (und Neuralgien
der äussern Genitalien überhaupt).
Die Seltenheit und Unwichtigkeit der dem N. pudendo-haemorrh.
selbst angehörigen Neuralgien lassen ein genaueres Eingehen auf
dieselben überflüssig erscheinen. Der Hauptverbreitungsbezirk dieses
Nerven ist in den äusseren Genitalien ; dieselben erhalten jedoch noch
von so verschiedenen Seiten her sensible Fasern, dass es durchaus
unthunlich ist, die Neuralgien der einzelnen Nervengebiete hier ge-
Neuralgien. Neuralgia pudendo-haemorrhoidaliB etc. 171
sondert zu betrachten. Ansserdem betheiligen sich anch noch die
Plexus des Sympathicns in wesentlicher, aber nicht genau anatomisch
abzngrenzender Weise an der Innervation der äusseren Genitalien,
und es wird dadurch die Schwierigkeit einer systematischen Betrach-
tung noch mehr gesteigert. Es mag deshalb gestattet sein, nur einen
kurzen Blick auf die hier vorkommenden, in unser Gebiet gehörigen
Affectionen zu werfen, um dem Arzte ftlr die immerhin sehr seltenen
Fälle einige Anhaltspunkte zu gewähren. Die Pathologie und Therapie
dieser Neuralgien ist noch eine äusserst mangelhafte und bedarf sehr
der weiteren Ausbildung.
Die sensible Innervation der äusseren Genitalien und der zunächst
benachbarten Hautpartien geschieht m folgender Weise: zum Mons
veneris kommen Zweige von den Nn. ileo-inguinalis und spermaticus
ext; das Scrotum und die Labia majora werden versorgt vom
N. spermat. extern., von den Nn. scrotales^ poster. (e Pudendo-hae-
morrhoid.) und vom N. pudend. long, infer. (e Cutaoeo femor. poster.) ;
Penis und Clitoris erhalten ihre Zweige vom N. dorsalis penis
et clitor. (e Pudendo-haemorrh.) und vom Plexus cavemos. sym-
pathici; die Urethra vom N. dorsal, pen. und den Scrotales poster.;
Samenstrang und Hoden werden, wie es scheiot, vorwiegend
vom Sympathicus aus versorgt, ans dem Plez. deferentialis und dem
Plex. spermaticus; das Perineum und die Aftergegend end-
Heh werden vom N. haemorrhoidal. extern, und vom N. perineus mit
sensiblen Zweigen versehen.
Aus dieser Uebersicht geht zunächst hervor, dass die äussern
Genitalien bei verschiedenen Neuralgien mitbetheiligt sein können:
so bei der Lumbo-abdominalneuralgie , bei der Ischias und bei der
Neuralgie des N. pudendo-haemorrhoidalis ; doch ist Aber diese Be-
tiieiligung verhältnissmässig wenig bekannt; nur bei der Lumbo-
abdominalneuralgie wird sie häufiger erwähnt und kann hier in den
Vordergrund der Erscheinungen treten. Jedenfalls dürfte diese Sache
weitere Beachtung verdienen.
Es kommen jedoch auch isolirte Neuralgien an den Genitalien
vor (analog der Mastodynie in ihrem Verhältniss zu den Intercostal-
neuralgien); meist sind dann wohl mehrere Nervengebiete befallen,
und die Betheiligung der einzelnen schwer auszuscheiden. Man kann
etwa folgende Formen unterscheiden, ftlr welche sich auch casuistische
Belege in der Literatur finden:
Neuralgia penis et glandis penis: hat ihren Sitz in der
Eichel und längs des Gliedes bis zur* Wurzel hin; die Schmerzen
können sehr heftig sein, sind meist periodisch, lancinirend oder
172 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
brennend, werden durch Urinentleerang und Coitus häufig gesteigert,
gehen manchmal mit Priapismus und frequenten Ejaculationen einher,
sind manchmal vorwiegend einseitig. Hierher ist z. B. ein Fall von
Liegey (I. c.) gehörig. Manchmal erscheint die Neuralgie auch in
Form einer unangenehmen Wollustempfindung mit lebhaftem Hitzege-
fühl im Penis, so in einem Fall von Mor. Hey er. Auch ich habe
einen solchen Fall gesehen, der während mehrjährigen Bestehens
allen Heilversuchen trotzte.
Neuralgia scrotalis (labialis): ist wohl am häufigsten Tbeil-
erscheinung einer Lumbo-abdominalneuralgie (von Chaussier als
Neur. ileo-scrotalis bezeichnet) und hat dieselben cbarakteristiscben
Erscheinungen wie diese. Scrotum oder Labium majus zeigen dabei
gegen Druck oft eine hochgradige Empfindlichkeit.
Neur. urethralis: zeigt sich als ein glühender, brennender
Schmerz in der Harnröhre, der besonders beim tropfenweisen Abgang
des Harns eintritt und gewöhnlich von gesteigertem Harndrang be-
gleitet wird. Die Einführung des Katheters ist erschwert und in
hohem Grade schmerzhaft. Erscheint manchmal im Beginn der
Tabes dorsalis; kann aber auch durch Erkältung (Eisenmann)
oder durch krankhafte Beschaffenheit des Harns entstehen.
Neur. spermatica: sie zeigt sich als ein heftiger intermitti-
render Schmerz im Hoden und Nebenbod^, der längs des Verlaufes
des Samenstranges oft bis zur Lende hin ausstrahlt Dabei besteht
hochgradigste Druckempfindlichkeit in den genannten Gebilden (A.
Cooper's „irritable testis"), häufig auch deutliche periodische An-
schwellung derselben. Uebligkeit und Erbrechen begleiten nicht selten
die einzelnen Anfälle; das Leiden ist meist einseitig und kommt
vorwiegend bei jugendlichen Individuen vor. lieber den eigentlichen
Sitz dieser Neuralgie sind die Meinungen getheilt: Valleix aod
d'Axthrey halten sie fttr eine Art der Lumbo-abdominalneuralgie,
während sie von den meisten deutschen Autoren (Romberg, Hasse,
A. Eulen bürg) für eme sympathische Neuralgie erklärt wird. Da
der Hoden fast ausschliesslich vom Sympathicus her seine Nerven
erhält und dieselben auch seiner Entwickelung im Foetus nach nicht
wohl von den Nerven des Hodensackes erhalten kann, dürfte wohl
die letztere Meinung die richtige sein (s. die Krankheiten der sym-
pathischen Nerven),
Als Neur. ano-vesicalis hat Dardel abnorme Sensationen
in der Steissbeingegend beschrieben, welche mit Hyperästhesie (oder
wohl auch Anästhesie) in der Haut des Perineum einheigehen nnd
von krampfhafter Contraction des Sphincter ani, von Blasenkrampf
Neuralgien. Coccygodynie. 173
UBd erschwerter Hamentleerong begleitet sind. — Eine ähnliche
Affection hat anter dem Namen „Anal and Perineal Neoralgia*'
Weir Mitchell (Philad. Medic. Times 1873) beschrieben. Sie
soll besonders bei Tabetikem nnd Onanisten, manchmal nach dem
Cottos, vorkommen.
Die Therapie aller dieser Affectionen moss nach allgemeinen
Gnmdsätzen geleitet werden. Die leichteren Formen werden meist
rasch dem gewöhnlichen antineoralgischen Correrfahren weichen,
während die schwereren Formen oft hartnäckig allen Heilversnchen
Trotz bieten. Die Narcotica hat man am meisten in Oebranch ge-
zogen^ innerlich nnd äosserlich, am besten hypodermatisch. — Spe-
eifica (Arsenik, Chinin, Eal. bromat., OL terebinth. etc.) wird man
meist nicht entbehren können. — lieber Werth nnd Erfolge der
elektrischen Behandlung liegen noch nicht genügende Thatsachen
Yor. Ich habe jüngst einen Fall von bereits mehrjähriger Urethral-
nenralgie dorch Faradisation vom Kreuz zum Perineum in wenig
Sitzungen zur Heilung gebracht. — Operative Eingriffe (selbst bis
zur Gastration gehend) hat man besonders bei der Neur. spermatica
hie und da mit Erfolg gemacht.
g. Neuralgie des Plexus coccygeus. Coccygodynie.
Die Nu. coccygei verbreiten sich in der Haut über dem Steiss-
bein und in den dasselbe umgebenden Weichtheilen. Ob dieselben
der Sitz emer wirklichen Neuralgie werden können, erscheint noch
iouner zweifelhaft, wiewohl ein Theil der von Simpson (Med.
Tim. and 6az. July 1859) unter dem Namen „ Coccyodynia ** be-
schriebenen Krankheitsfälle wohl neuralgischen Ursprungs sein dürfte.
Das Hauptsymptom dieser Coccygodynie ist Schmerz in der
Gegend des Steissbeines beim Sitzen und Oehen, manchmal auch
beim Uriniren und der Defäcation^ wenn dabei stark gepresst wird.
Druck auf das Steissbein und Bewegung desselben mit dem Finger
bringen ebenfalls Schmerz hervor. Die Affection kann viele Jahre
dauern und kommt &st nur bei Frauen vor, entweder in Folge von
traumatischen Einwirkungen auf das Steissbein (Fall, schwere Ge-
bart) oder nach Erkältungen, manchmal auch anscheinend spontan.
Die wahrscheinliche Ursache des Schmerzes ist der Zug der am
Steissbein sich inserirenden Muskeln, wenn das Steissbein oder seine
fibröse Umgebung der Sitz einer entzündlichen Reizung ist (oder
wenn der N. coccygeus neuralgisch afificirt ist?).
In Fällen, wo der neuralgische Charakter des Leidens deutlich
ist, kann die antineuralgische Behandlung von Erfolg sein; so hat
174 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Seeligmüller (Nenropath. Beobachtangen. Halle 1873. S. 25) einen
viele Jahre bestehenden Fall rasch durch die Faradisation gehdlt;
meist aber lässt sie völlig im Stich und es ist nur von einer opera-
tiven Behandlung Heilung zu erwarten. Dieselbe besteht in voll-
ständiger Trennung des Steissbeines von allen fibrösen und musculösen
Fasern, die mit ihm in Verbindung stehen; sie kann subcutan mit
dem Tenotom ohne grossen Schmerz und Blutung bewirkt werden
und hat sich in vielen Fällen erfolgreich bewiesen. Genügt sie nicht
zur Heilung, dann muss man das ganze Steissbein exstirpiren.
Anhang:
Heuralgie der Gelenke. Hysterisches Oelenkleiden. Gelenknenrosen.
B. Brodle, Diseases of the joints. II ed. London 1822. — Brodle, Lectores
lUustr. of certain local nervous fäTectlons. 1837. Deutsch von Kürschner. Mari)arg
1838. — Stromeyer, Handb. der Chirurgie. Freiburg 1844. -- Volkmann, in
Pitha u. BilLroth's Chirurde. n. 2. S. 678. 1872. — Esmarch, üeber Gelenk-
neurosen. 1872. — Wernher, üeber nervöse Coxalgie. Dtsche Zeitschr. t Chir.
I. 1872. — Stromeyer, Erfahrungen über Locahieurosen. Hannover 1873. —
0. Berg er, Zur Lehre v. d. Gelenkneuralgien. Berl.klin.Woch. 1873. No. 22—24.
u.: Zur Casuistik der Gelenkneuralgien. Deutsch. Zeitschr. f. prakt. Medidn.
1874. — Mor. Meyer, Ueber Gelenkneurosen. Berl. klin. Woch. 1874 No. 26. —
Fr. Richter, Zur Casuistik der Gelenkneurosen. Corresp.-Bl. d. ärzt. Yer. v.
Thüring. 1875 No. 6. — C. Lerche, Zur Casuistik der Gelenkneuralgien. Dias.
Breslau. 1875. Casuistik s. bei Hirsch, Spinahieurosen. 1843; Barwell, Diseases
of the joints 1865: Marion Sims, Gebärmutterchirurgie. 1866; Skey, On
Hysteria. 1867. — Benedict, Elektrotherapie. 1868.
Brodie war der Erste, welcher die Aufmerksamkeit der Aer^
anf gewisse schmerzhafte, in ihrem Auftreten -den Neuralgien im
höchsten Grade analoge Affectionen der Oelenke gerichtet hat, bei
welchen die genaueste objective Untersuchung, sowie der Verlauf
des Leidens die Annahme organischer Veränderungen in dem Grelenke
mit aller Sicherheit auszuschliessen gestatteten. Der bertthmte eng-
lische Chirurg that den Ausspruch, dass mindestens vier Ftinftel
aller in den höheren 6esellschafl»classen bei Frauen auftretenden
Gelenkleiden hierher gehören, ein Ausspruch, der von Esmarch in
neuester Zeit bestätigt wurde. Da dieses Leiden vorwiegend in
Begleitung ausgesprochener hysterischer Erscheinungen auftritt, hat
man sich gewöhnt, dasselbe als „hysterisches Gelenkleiden' zu be-
zeichnen; weil diese Bezeichnung jedoch durchaus nicht auf alle
Fälle passt, hat Esmarch den unbestimmteren Namen „Gelenk-
neurose*' YOigeschlagen, während Berger sich ftir die Bezeichnung
n Gelenkneuralgie ", als das Wesen der Krankheit am schärfeten ans-
drtlckend, entschieden hat.
Neuralgien. Neuralgie der Gelenke. Aetiologie 175
Es ist nicht zu leugnen, dass dieses Leiden die entschiedensten
Analogien mit wirklicher Neuralgie hat und es wird dasselbe auch
Ton den meisten Sehriftstellem einfach fUr neuralgisch erklärt , so
neuestens von Esmarch; und 0. Berger hat in überzeugender Weise
dargethau; dass es sich dabei um wirkliche Neuralgie handle. Immer-
hin fehlt das fUr die tibrigen Neuralgien meist so charakteristische
Beschränktsein aui einzelne bestimmte Nervenbahnen; da die meisten
Gelenke von verschiedenen Seiten her ihre Nerven erhalten (so z. B.
das Httflgelenk vom N. cruralis, obturatorius und ischiadicus; das
Kniegelenk vom Cruralis, Obturat., Peroneus und Tibialis); immer-
hin mag die fnnctionelle Einheit der' betreffenden sensiblen Nerven-
bahnen die gleichzeitige Erkrankung , besonders bei prädisponirten
Individuen bedingen; ausserdem ist ja keineswegs erwiesen , dass
bei Gelenkneuralgien immer sämmtliche zu einem Gelenke gehören-
den Nervenbahnen afficirt sind.
Die Gelenkneuralgien haben in Deutschland wenig Beachtung
gefunden und man würde versucht sein, die Richtigkeit des Aus-
spruchs, dass sie nur in England häufig, m Deutschland aber selten
seien, anzuerkennen, hätten nicht Esmarch und Stromeyer zahl-
reiche Beispiele aus ihrer Erfahrung vorgeführt und die Aussprüche
Brodle 's über dieses Leiden bestätigt. Auch zeigen die neuesten
Fabiicationen über diesen Gegenstand, dass es nur grösserer Auf-
merksamkeit bedurfte, um auch bei uns das Leiden als nicht selten
zn erkennen. So mag die hohe praktische Bedeutung des Gegen-
standes — denn eine Verkennung des Leidens kann für die Kran-
ken von den betrübendsten Folgen sein — eine kurze Schilderung
der Gelenkneuralgien an dieser Stelle rechtfertigen.
Aetiologie.
Eine entschiedene Prädisposition zu den Gelenkneuralgien
besteht bei dem weiblichen Geschlecht; und zwar stellen das grösste
Contingent zu demselben jene jungen Damai der höheren Gesell-
schaftschissen , welche durch ihre unvernünftige Lebensweise, viel
gesellige Vergnügungen, Nachtschwärmereien, falsche Ernährungs-
weise, ungenügende körperliche Bewegung, Verzärtelung und Ver-
wöhnung aller Art, ihr Nervensystem in jenen Zustand reizbarer
Schwäche versetzen, welche die fruchtbarste Quelle der verschie-
densten hysterischen Erscheinungen ist Ueberhaupt bedingt Hysterie,
nsag sie entstanden sein, wie sie wolle, einen hohen Grad der Pj^-
disposition fUr Gelenkneursdgien. In ähnlicher Weise scheinen de-
primirende und angreifende Gemüthsbewegungen , auch starke oder
176 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
öfter wiederholte Blutverlaste zu wirken. Doch kann dabei nicht
yei*schwiegen werden , dass auch ganz gesunde, robuste Individuell,
Dienstmädchen u. s. w., ja dass auch Männer gelegentlich von dem
Leiden befallen werden — ebenso gut, wie von anderen Neuralgien.
Berger fand unter 13 Fällen 6 bei vorher ganz gesunden und
nicht hysterischen Individuen und warnt überhaupt vor einer allzn-
starken Betonung des hysterischen Charakters der Krankheit.
Unter den Gelegenheitsursachen sind in erster Linie me-
chanische, traumatische Einwirkungen auf die Gelenke zu nennen:
leichte Contusionen und Distorsionen der Gelenke, wie sie durob
Fall und Stoss beim Tanzen, 'beim Schlittschuhlaufen, Bergsteigen
so häufig entstehen, können nach Ablauf der durch das Trauma un-
mittelbar gesetzten Störungen Gelenkneuralgien hinterlassen, beson-
ders wenn eine inconsequente , schwankende, allzusehr entki^ftende
Behandlung dabei eingeleitet wurde. — Demnächst rufen gar nicht
selten heftige Gemüthsbewegungen , Schreck, Furcht u. dgl. die Ge-
lenkneuralgie hervor ; die Sorge um Angehörige, die schwere Gelenk-
leiden haben, die Furcht, selbst daran zu erkranken, kann die Ursache
von Gelenkneuralgien werden. — Erkältung ist ebenfalls in einzehen
Fällen beschuldigt worden. — Reizungen der Unterleibsorgane dorch
Ingesta oder die verschiedensten pathologischen Dinge hat man als
Ursachen gefunden ; besonders die Harn- und Geschlechtsorgane sind
in dieser Beziehung eine ergiebige Quelle (s. Fälle bei Es mar eh;
Stromeyer, Sims u. A.). Vielleicht liefern die zahlreichen Ver-
bindungen, welche die sympathischen Beckengeflechte mit dem
Lumbal- und Sacralplexus eingehen, den Schlttssel dafttr. — Directe
mechanische Reize auf die zu dem Gelenk gehenden Nerven hat
man ebenfalls gefunden, so ein Aneurysma als Ursache einer Knie-
gelenkneuralgie. Endlich treten Gelenkneuralgien manchmal nach
acuten Krankheiten auf und Berger hat betont, dass dieselben Theil-
erscheinungen gewisser Krankheiten des centralen Nervensystems sein
können (Hemiplegie, Tabes etc.).
Symptome.
Die Krankheit tritt meist ohne Vorläufer auf, kann ganz plötz-
lich eintreten, häufig aber entwickelt sie sich von leisen Anfängen
zu immer höheren Graden.
Das Hauptsymptom ist ein mehr oder weniger lebhafter SchmerZ;
welcher als ziehend, reissend, stechend u. dgl. bezeichnet wird und
sich nicht immer auf das befallene Gelenk beschränkt, sondern nach
verschiedenen Richtungen hin ausstrahlt; so bei HUftgelenkneuralgie
Nearalgien. Neuralgie der Gelenke. Symptome. 177
nach abwärts bis zum Knie^ bei Neuralgie des Euiegelenks nach
auf- und abwärts längs der verschiedenen betheiligten Nervenbahnen.
Der Schmerz tritt vorwiegend in Anfällen auf, macht sehr deutliche
Exacerbationen und Remissionen, ist meist gegen Abend heftiger, am
Morgen gelinder; in der Regel stört er den Schlaf nicht ~ ganz im
Gegensatz zum Schmerz bei Gelenkentzündungen; sind die Kranken
einmal eingeschlafen, so schlafen sie meist ruhig die ganze Nacht.
Ablenkung der Aufmerksamkeit und in einzelnen Fällen Herumgehen,
vermögen den Schmerz zu vermindern. Während der Menses ist er
manchmal stärker, manchmal verschwindet er aber auch während
ihrer Dauer.
Die objective Untersuchung des kranken Gelenks ergibt dabei
auffallend magern Befund. Das Gelenk ist nicht geschwollen, manch-
mal sogar weniger umfangreich als das gesunde, es fUhlt sich nicht
sehr heiss an, Verkürzung des Gliedes fehlt. Dagegen findet sich
eine Reihe von Erscheinungen, wie wir sie bei Neuralgien regel-
mässig wahrzunehmen pflegen. Zunächst besteht eine grosse Em-
pfindlichkeit des Gelenks bei Druck und Berührung; dieselbe äussert
sich an einzelnen bestimmten Stellen ganz besonders intensiv — das
sind die Schmerzpunkte. Solche finden sich am Hüftgelenk:
zwischen Trochanter major und Sitzknorren, neben der Spina iL anter.
snperior ; am Kniegelenk : am innem Rand der Patella auf dem Condyl.
intern., in der Ejiiekehle über dem Capitul. fibulae; am Fussgelenk:
hinter dem äussern und innem Knöchel ; am Schultergelenk : am Plex.
brach, oberhalb und unterhalb des Schlüsselbeins und in der Achsel-
höhle; am Ellbogengelenk: Condyl. extern, und Capit. radii; am
Handgelenk: auf dem Proc. styloid. ulnae; an den Wirbelgelenken:
auf den Domfortsätzen (es ist wahrscheinlich, wenn auch nicht leicht
sicher zu entscheiden, dass ein Theil der unter dem Najnen „Spinalirri-
tation^ beschriebenen Fälle der Grappe der Gelenkneuralgien angehört).
Ausser den Schmerzpunkten besteht aber gewöhnlich auch noch
eine sehr ausgesprochene diffuse Hyperalgesie der das Gelenk
bedeckenden Haut, und es ist besonders charakteristisch und dia-
gnostisch wichtig, dass bei solchen Kranken eine leise Berühmng der
Haut oder die Erhebung einer Hautfalte meist viel schmerzhafter
empfunden wird, als tiefer Dmck auf das Gelenk selbst; dem ent-
sprechend findet man auch in der Regel, dass das Gegeneinander-
driUigen der Gelenkenden verhältnissmässig wenig schmerzhaft ist.
— Auch Anästhesie der umgebenden Haut scheint, wenn auch
selten, vorzukommen (Boddaert; Berger). Ebenso hat Berger
Parästhesien (Ardor, Formication) beobachtet.
Hftndbnch d. ipec, Pathologie n. Therapie. Xu. Bd. 1. 2. Aufl. 12
178 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Von motorischen Begleiterscheinungen sind am ge-
wöhnlichsten verschiedenartige Erampi^astände vorhanden: krampf-
hafte Znsammenziehnngen, welche zu falschen Stellungen der Glieder
fuhren und sich bis zu dauernden Gontracturen steigern können (kom-
men besonders häufig bei Neuralgie des Hüftgelenks vor). In andern
Fällen Zittern und tremorartige Krämpfe, auch convulsive Zustände.
— Meist wird hochgradiges Schwächegefähl angegeben, selten wirk-
liche Lähmung. Doch schildert Wernher bei nervöser Goxalgie
eine Beihe sehr ausgesprochner Lähmungszustände (und ebensolcher
Krampf^), es scheint sich jedoch in einem Theil seiner Fälle um
leichtere Formen wirklich entzündlicher Krankheiten des Hüftgelenks
gehandelt zu haben.
Vasomotorische Störungen sind sehr gewöhnlich mA
können gelegentlich zu diagnostischen Irrthümem verleiten. Sehr
charakteristisch ist oft der rasche und nicht selten regelmässige
Wechsel zwischen GefässfllUe, Böthe, Hitze, und GefUssleere, BUlsse,
Kälte der Gelenkgegend. Es kann zu erheblicher Tnrgeseenz der
Haut, zu teigiger Anschwellung derselben konmien, und Brodle
beschreibt das zeitweilige Auftareten einer Urtlcaria-ähnlichen grossen
Quaddel über dem ganzen Gelenk, in welcher er vergeblich nach
Eiter suchte.
Von trophischen Störungen wird nur Abmagerung der be-
treffenden Extremität, Atrophie der das Gelenk bewegenden Hoskehi
erwähnt; von Wernher wird ein Zurückbleiben des Waohsthums
ganzer Extremitäten bei jugendlichen Individuen geschildert und auf
die Betheiligung trophischer Nerven bezogen.
Sehr auffallend sind immer die Functionsstörungen 4er be-
treffenden Gelenke. Unbeweglichkeit und Schwäche derselben sind
die hervortretendsten Erscheinungen: die Kranken vermeiden jede
Bewegung damit, als schmerzhaft ; sie halten das Gelenk steif und
meist m der Extensionsstellung fixirt (zum Unterschied von Entzün-
dungen). Auch passive Bewegungen sind oft ganz unmöglidi wegen
der Muskelspannung, und es können so Ankylosen voigetänscbt
werden. Die Ghloroformnarkose ist dann in der Regel im Stande,
das Wesen dieser Ankylose und die volle Beweglichkeit des Gelenks
zu enthüllen. Esmarch berichtet, dass manchmal knarrende Ge-
räusche in den Gelenken wahrgenommen werden.
Es bedarf wohl nach der vorstehenden Schilderung keiner weiteren
Rechtfertigung, dass wir diese Gelenkaffection zu den Neuralgien
gestellt haben: alle für Neuralgien charakteristischen Erscheinnogeo
haben sich nachweisen lassen. In der That sprechen sich auch üst
Neuralgien. Neuralgie der Gelenke. Verlauf. Diagnose. 179
alle Autoren von Brodie an in diesem Sinne ans, am entschieden-
sten Esmareh and 0. Berger. Etwas reservirter ist Volkmann
in seiner Meinung.
Gelenkneuralgien können gelegentlich in allen Gelenken des
Körpers yorkommen; jedoch sind sie weitaus am häufigsten im Knie-
und Hüftgelenk; im ersteren nach Esmareh' s Znsammenstellung
etwa doppelt so häufig als im letzteren. Jedoch werden auch Hand-,
Fuss- und Schultergelenk nicht selten befallen ; ja selbst die kleinen
Gelenke der Finger und des Metacarpus können Sitz der Neuralgie
werden und es geht diese mit heftigen Schmerzen längs der Digital-
nerven einher. Meist ist nur ein Gelenk befallen; selten zwei oder
mehrere; doch hat man auch dies beobachtet.
Verlauf.
Der Verlauf der Krankheit ist meist ein sehr unbestimmter und
wechselnder und spottet besonders bei Hysterischen oft jeder Be-
rechnung. Grosse Schwankungen kommen vor, die verschiedensten
äusseren Eindrücke vermögen dieselben hervorzurufen ; oft tritt plötz-
liche Heilung durch irgend eine mächtige psychische Einwirkung
(Sturz vom Pferde , Theilnahme an einem Ball, an einer Hochzeit
oder dgl.) ein, oder mit dem Auftreten irgend eines anderen Schmerzes
im Körper oder einer andern Krankheit verschwindet die Gelenk-
nenralgie. Es kann aber auch der Verlauf ein äusserst hartnäckiger
and langwieriger sein; die Kranken sind zu jahrelangem BettUegen
yemrtheilt, sich und Anderen zur Qual ; es treten Contracturen, Läh-
mungen u. dgl. ein, und ein vorzeitiger Marasmus kann sich an-
schliessen. — Bei sonst gesundem Nervensystem ist der Verlauf
meist einfacher y wie bei den gewöhnlichen Neuralgien: nach ver-
schieden langer Dauer des Leidens tritt allmälig Heilung ein.
Diagnose.
Die Diagnose hat oft mit nicht geringen Schwierigkeiten zu
kämpfen, weil die Entscheidung, ob man es mit Neuralgie oder mit
den frühesten Stadien entzündlicher oder cariöser Zustände zu ftiun
hat, häufig fast unmöglich ist. Esmareh gesteht, mehrfach die
beginnende Garies sicca der Gelenke eine Zeit lang ftlr Gelenkneur-
algie gehalten zu haben. Dies ist natürlich ftir die Behandlung von
der enormsten Wichtigkeit. Die Entscheidung kann um so schwieriger
sein, wenn die neuralgischen Symptome sich aus notorisch entzünd-
lichen Zuständen heraus entwickelt haben.
Hat man es mit ausgesprochen hysterischen Individuen zu thun,
12*
180 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
sind alle Zeichen einer hochgradigen nervösen Reizbarkeit Vorhanden,
so erleichtert das die Diagnose sehr wesentlich. Ist dies nicht der
Fall, dann wird, wie überhaupt in allen Fällen, flir die Diagnose
zumeist entscheidend sein: das auffallende Missverhältniss
zwischen der Heftigkeit und Dauer des Leidens und der
Geringfügigkeitderörtlichen Veränderungen(E8march).
Man muss natttrlich in solchen Fällen sehr genau und sorgfältig unter-
suchen und man wird sich fUr Neuralgie entscheiden: wenn der
Schmerz in Paroxysmen auftritt, des Nachts meist Ruhe lässt, durch
Ablenkung der Aufinerksamkeit yerschwindet, beim Zusammenstossen
der Gelenkenden nicht grösser wird ; wenn Schmerzpunkte und Haut-
hyperästhesie, oder in späteren Stadien leichte Anästhesie, oder wenn
Parästhesien in bestimmten sensiblen Nervengebieten vorhanden sind,
wenn vasomotorische Erscheinungen nicht fehlen, wenn Ruhe, Blut-
entziehungen, Immobilisirung des Gelenks eher schaden als nützen;
ftlrGelenkentzündung dagegen : wenn deutliche bleibende Schwel-
lung, wenn Schmerz bei Druck auf die Gelenkenden, wenn Fixation
in Beugestellung, wenn Fieber vorhanden ist, wenn die Kälte, Blut-
entziehungen, Gipsverbände entschieden günstig wirken u. s. w. —
In vielen Fällen wird man mit Nutzen die Ghloroformnarkose zur
Sicherstellung der Diagnose verwerthen ; dieselbe bewirkt ausserdem
bei Neuralgie nicht selten Verschwinden des Schmerzes für einige
Zeit; dasselbe gilt von subcutanen Morphiumiojectionen.
Prognose.
Die Prognose hat mehr als das örtliche Leiden den Allgemein-
zustand und die Lebensverhältnisse der Kranken zu berücksichtigen.
Hat man es mit jugendlichen, robusten, nicht nervösen Individuen zu
thun, so ist die Prognose günstig. Besteht dagegen ausgesprochne
Nervosität und Hysterie, so ist die Prognose zweifelhaft und wird
um so ungtlnstiger, je schwerer die zu Grunde liegenden Veranlas-
sungen zu beseitigen, je schwerer die Kranken aus hemmender oder
direct verschlimmernder Umgebung zu entfernen sind, je weniger sie
Einsicht, Willensstärke und Energie zur Durchführung einer conse-
quenten Behandlung besitzen. Diese allgemeinen Andeutungen müssen
als Richtschnur bei der prognostischen Beurtheilung der einzelnen
Fälle dienen.
Therapie.
Nach dem, was wir über die Auffassung und Pathogenese des
Leidens gesagt haben, ergibt es sich von selbst, dass man in der
Neuralgien. Neuralgie der Gelenke. Therapie. Igl
Mehrzahl der Fälle sein Hauptaugenmerk auf die AUgemeinbehand^
long zu richten haben wird; erst wenn die causale Indication erfüllt
ist, ist eine dauernde Beseitigung des Uebels zu erwarten. Man wird
in der Regel eine allgemein tonisirende Behandlung einzuleiten und
spedell gegen die Hysterie und verwandte nerrüse Zustände einzu-
schreiten haben. In diesem Sinne ist es zu verstehen, wenn Eisen
and Chinin, wenn Luftcuren, besonders im Gebirge, wenn Ealtwasser-
euren, Stahl- und Soolbäder und ganz besonders die Seebäder sich
oft in eminentem Maasse nützlich erweisen; warum Zerstreuung und
Ablenkung der Aufmerksamkeit, Vergnügungen, Reisen und besonders
die Entfernung von Hause aus drückenden oder irritirenden Ver-
hältnissen häufig so günstig wirken. Tact und Umsicht des Arztes
werden bei der Stellung dieser Indicationen in besonderem Maasse
erfordert and oft genügen solche Maassnahmen, um mit einem Schlage
das Leiden zu bessern und zu heben. Davon sind sehr belehrende
Beispiele bei Brodie, Esmarch und Stromeyer zu lesen. Natür-
lich sind auch etwa zu Grande liegende Ortliche Organstörungen sorg-
fältig zu behandeln, besonders Erkrankungen des Genitalapparats,
Dyspepsien, Obstipation, Leberleiden u. dgl.
In Bezug auf die directe Behandlung wird von den Autoren
übereinstimmend angegeben, dass die gewöhnlichen antiphlogistischen
Mittel: Blutentziehungen, Kälte, starke Ableitungsmittel, besonders
die längere Zeit in Eiterung erhaltenen Vesicatore and Fontanellen
eher schaden als nützen. Auch die absolute Ruhe des Gelenks ist
natzlos und man kann sich deshalb die Anlegung von Gipsverbän-
den ersparen. — Dagegen ist vor allen Dingen eine psychische
Behandlung an) Platze; energische psychische Einwirkung ftlhrt
oft am raschesten zum Ziel und es erklärt sich daraus, warum manche
von diesen Fällen darch Sympathie, durch Mesmerismus, durch
wonderthätige Heilige und Reliquien, durch das Wasser von Lourdes
u. dgl. geheilt werden ; dazu gehört nur ein recht brünstiger Glaube
and etwas Hocuspocus. Esmarch erklärt es mit Recht filr er-
laubt, dass auch der Arzt diesen Einfluss psychischer Bewegungen
gebrauche; es braucht ja dabei kein Schwindel mit unterzulaufen.
Vor Allem ist es nöthig, dass man sich das unbedingte Vertrauen
solcher Kranken (darch sorgfältige Untersuchung und sicheres Auf-
treten) erwirbt, dass man sie dann versichert, ihr Leiden sei be-
deutungslos und sie sollten nur das kranke Gelenk gebrauchen; dass
dies gehe, davon kann man sie durch passive und noch besser durch
active Bewegungen — z. B. durch einen kleinen Spaziergang im
Zimmer während lebhafter Conversation oder eindringender ana-
182 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nenren.
mnestischer Fragen — überzeugen. Ist so der erste Schritt geschehen,
so schreitet bei einigem guten Willen und etwas Energie der Kranken
die Heilung meistens rasch vorwärts. Mächtige psychische Eindrücke,
welche die Kranken gelegentlich treffen, können ebenfalls in dieser
Weise gtlnstig wirken (s. bei Esmarch und Stromeyer). Meist
wird aber eine geeignete locale Behandlung diese Einwirkungen
noch unterstützen müssen. Diese soll nach Esmarch eine möglichst
negative sein, da Alles, was die Aufinerksamkeit sehr auf den kranken
Theil lenkt, das Leiden verschlimmern kann. Das Wichtigste von
Allem ist der Gebrauch des Gliedes; häufig beginnt die Hei-
lung unmittelbar nach den ersten Versuchen, das Gelenk wieder zu
gebrauchen. Man beginne mit passiven Bewegungen und gehe bald
zu activen über, auch wenn dieselben anfangs Schmerzen machen.
— In einzelnen Fällen sah man von energischem Massiren, was ja
gewöhnlich nicht ohne passive Bewegungen abgeht, Erfolg. Sdir
günstig wirken gewöhnlich kalte Begiessungen, Abreibungen, Douchen,
während die permanente Einwirkung der Kälte eher schadet Sehr
gerühmt werden von Esmarch die bis in den Spätherbst hinein
fortgesetzten kurzen kalten Seebäder. — Wernher empfiehlt sehr die
permanente Extension bei nervöser Coxalgie ; er hängt Gtemchte von
5—6 Pfd. an die Knöchel, meist ohne Gegenextension, lässt nur das
Fussende des Bettes etwas höher stellen als das Kopfende; die
Wirkung war in vielen seiner Fälle eine zauberhafte.
Hat man es mit sonst gesunden Individuen zu thun, so tritt die
gewöhnliche Behandlung der Neuralgie in ihre Rechte. Subcutane
InjectioneB von Morphium oder Atropin sind oft von glänzender
Wirkung ; auch fliegende Vesicantien können in solchen Fällen nützen.
Ebenso die Anwendung der Elektricität (entweder faradischer
Pinsel oder starke galvanische oder faradische Ströme quer durch
das Gelenk geleitet, mit Berücksichtigung der Hauptnervenstämme.
0. Berg er erzählt überaus glückliche Erfolge von der elektrischen
Behandlung: in zwei Fällen traten frappante Erfolge ein, beim energi-
schen Gebrauch des faradischen Pinsels, in einem andern Falle bei
der Einwirkung eines massigen galvanischen Stroms. Auch Mor.
Meyer empfiehlt einen starken faradischen Strom quer durch das
Gelenk. Von innem Mitteln, die nicht gerade durch die Cansalindi-
cation gefordert sind, wären vor allen Chinin und Arsenik zu nennen.
— Einzelne symptomatische Indicationen (Muskelatrophie, secundäre
Lähmungen etc.) ergeben sich von selbst.
Anästhesie. Begriflfsbestimmang. 1 83
3. Anästhesie.
Lehrbücher von Romberg, Hasse, A. Eulenburg. — Lehrbücher d.
Physiologie; bes.E. H.Weber, Tastsinn u. Gemeingefühl in Wagner*s Handwört.
d. Fhys. 1849. — Puchelt, üeber partielle Empfindungslfthmung. Heidelb. med.
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Eigenbrodt, Ueber die Diagnose der part. Em^findungsl&hmung. Yirch. Arch.
XmH. 1862. — Smoler, Cntane Analgesie u. ihr symptomat. Vorkommen in
yerschied. Krankheiten. Prwj. Vierteljahrschr. 1865. Bd. HI u. IV. — Goltz,
Neues Verfahren, die Schärte des Drucksinns in der Haut zu prüfen. Gentralbl.
1863. No. 18. — Mo 8 1er, Der Sieveking*sche Aestbesiometer. Arch. d. Heük.
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leben, Ueber Ursachen u. Wesen der nach der Durchschneidung des Trigem.
auftretenden Homhautaffection. Virch. Arch. Bd. 65. S. 69. 1875.
Unter Anästhesie (Empfindungslähmung) begreift man die Ver-
minderung oder völlige Anfhebang der durch die centripetalen (sen-
sorischen) Nerven zum Bewusstsein gebrachten Einwirkungen.
In diesem weitesten Sinne gehören also in das Bereich der
Anästhesie einmal die Empfindungslähmungen im Gebiete der sen-
siblen Hautnerven (cutane Anästhesien); femer diejenigen der
sensiblen Muskelnerven und aller zum Bewegungsapparat gehören-
den sensiblen Bahnen (musculäre Anästhesien); femer die
Empfindungslähmungen der verschiedenen inneren vegetativen Organe
(viscerale Anästhesien) und endlich jene der specifischen
Sinnesnerven (sensuale Anästhesien). Diese verschiedenen
Formen sind von sehr verschiedener praktischer Wichtigkeit ; weitaus
die häufigsten und wichtigsten sind die Empfindungslähmungen im
Gebiet der sensiblen Hautnerven. Diese haben wir zunächst zu be-
trachten.
184 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Cutane Anästhesien,
Sie kommen ungemein häufig theils selbstständig^ theils — und
das ist der gewöhnlichere Fall — als Theilerscheinnng der Ter-
schiedensten Krankheiten des Nervensystems vor. Man findet meist
nur eine Verminderung (Geftlhlsparese) , seltner eine völlige
Aufhebung der Hautsensibilität (Gefühlsparalyse).
An Stelle der entfallenden, durch die Haut vermittelten Sensa-
tionen nehmen die Kranken oft eigenthümUche krankhafte Empfin-
dungen wahr, die in der Regel nicht genau beschrieben werden
können und als „ Taubsein ''y „Pelzigsein", „Kriebeln*', „Eingeschla-
fensein", „ Formication * u. dgl. bezeichnet werden. Dieselben sind
zurückzuführen theils auf eine Abstumpfung und Vermindemng der
normalen Sensationen und treten nur auf, wenn solche Sensationen
durch äussere Reize entstehen sollen, theils auf neuentstandene,
pathologische Empfindungen und stellen im letzteren Fall wirkliche
Parästhesien dar.
Bekanntlich vermittelt die Haut sehr verschiedene Qualitäten
der Empfindung, die man gewöhnlich in zwei grosse Gruppen —
Tastempfindungen und Gemeingefühle — scheidet. In jeder
dieser Gruppen sind es wieder mehrfache Empfindungsqualitäten, die
wir unterscheiden können. In der ersten Gruppe spricht man von
Druckempfindungen und von Temperaturempfindungen;
unter jenen versteht man sowohl die durch einfache Berührungen
der Haut (Druckminima) , sowie durch die Berührung verschieden-
artiger Körper hervorgerufenen qualitativ verschiedenen Empfindun-
gen, als auch die durch verschiedene Druckgrössen hervorgerufenen
und abschätzbaren eigentlichen Druckempfindungen 0 ; unter diesen
1) Es dürfte vielleicht praktisch zweckmässig sein, diejenigen EmpfindoDgs-
qualitäten, welche durch leise Berührung, durch Streichen, durch Berührung mit
glatten oder rauhen, mit trockenen, feuchten, wolligen u. dgl. Körpern, welche
durch Auflegen verschiedenartig geformter Körper (z. B. Geldstücke, Hinge,
Schlüssel u. dgl., deren Form und Qualität man erkennt, auch ohne den durch
sie hervorgehrachten Druck abzuschätzen) hervorgerufen werden, als eigentliche
Tastgefühle oder als Berührungsgefühle (Meissner's einfache Tast-
empfindung) von den wirklichen Druckempfindungen, die sich auf die Grösse
und Differenz des einwirkenden Druckes beziehen, zu trennen. Es soll damit
nicht geleugnet werden, dass sich, streng genommen, alle diese Tastempfindungen
auf Modificationen des Druckes und der Temperatur (mit Zuhülfenahme des
Ortssinns) zurückführen lassen, allein für die praktische Verwerthung und be-
sonders für die diagnostische Untersuchung dürfte es zweckmässiger sein, die
obige Unterscheidung zu machen.
AnSsthesie. Catane Anästhesien. 185
die durch Körper von verschiedener Temperatur hervorgerufenen
Empfindungen.
In der zweiten Gruppe — Gemeingefbhle — sind sehr ver-
schiedene Empfindungsqualitäten untergebracht, von welchen die be-
kanntesten Schmerz y Jucken, Kitzel, Wollust, elektrische Empfin-
dungen sind.
Die Haut vermittelt aber nicht allein diese qualitativ verschie-
denen Empfindungen an sich, sondern wir erhalten zugleich auch
Ao&chluBS über den Ort, an welchem die betreffenden äusseren
Reize auf die Haut eingewirkt haben, und wir vermögen durch den
Ort sinn auch mehrere gleichzeitig einwirkende, qualitativ gleiche
Empfindnngsreize als getrennte zu erkennen.
Es werden dadurch die Verhältnisse der Hautsensibilität ziemlich
verwickelte und schwierige, und man muss in pathologischen Fällen
sein Augenmerk auf alle die verschiedenen Empfindungsqualitäten
richten (also auf das Tast- oder Bertlhrungsgeftthl, den Drucksinn,
Temperatursinn, Ortsinn, endlich unter den GemeingefUhlen beson-
ders auf das Schmerzgefühl, Kitzelgeftthl und die elektrische Empfin-
dung).
Es Bind nämlich unter pathologischen Verhältnissen nicht immer
alle Empfindungsqualitäten gleichzeitig und gleichmässig gelähmt.
Ist dies dennoch der Fall, ist alle und jede Empfindung erloschen,
80 spricht man von einer totalen Empfindungslähmung.
Häufig jedoch sind nur einzelne Qualitäten vermindert oder erloschen,
die übrigen mehr oder weniger erhalten: es können z. B. die Tast-
empfindungen erloschen, die GemeingefUhle erhalten sein oder um-
gekehrt; dann hat man die partielle Empfindungslähmung.
— Es können aber femer auch einzelne Tastempfindungen oder
ebenso einzelne GemeingefÜhle verloren oder erhalten sein und man
kann deshalb wieder partielle Tastsinnslähmungen und par-
tielle Gemeingeftlhlslähmungen unterscheiden. Es können
hier alle möglichen Combinationen vorkommen und sind auch zum
grössten Theil schon beobachtet worden. So kann der Drucksinn
isolirt gelähmt sein, während die übrigen Qualitäten erhalten sind;
dasselbe gilt ftir den Temperatursinn und Ortsinn; oder es können
zwei von diesen Qualitäten gelähmt, die dritte unversehrt sein; bei
alledem kann gleichzeitig Lähmung des Gemeingeftlhls vorhanden
Bein oder nicht. Unter den partiellen Gemeingeftthlslähmungen ist
die häufigste der Verlust der Schmerzempfindung — Analgesie — ;
sie kann mit oder ohne partielle Tastsinnslähmung erscheinen. Man
sieht, dass die Zahl der möglichen Combinationen eine ziemlich
18t> Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
grosse ist, und dass nur eme sehr soi^fältige Untersachnng dieselben
genauer ermitteln kann. Sehr gewöhnlich gehen die einzelnen Com-
binationen in einander über, und man sieht mit dem Fortschreiten
der pathologischen Processe auch die Empfindungslähmung sich aof
immer weitere Gebiete verbreiten ; es kann so eine partielle Empfin-
dungslähmung durch verschiedene Mittelstufen allmälig in die totale
übergehen.
In Bezug auf die räumliche Ausbreitung der Anästhesie auf der
Hautoberfläche unterscheidet man circumscripta (locale) und
diffuse oder allgemeine Anästhesie; man spricht von einseitig^;
doppelseitiger, hemiplegischer, paraplegischer Empfindungslähmung,
welche Bezeichnungen keiner weiteren Erklärung bedürfen.
In Bezug auf die Intensität der Störung nennt man complete
Anästhesie jene, bei welcher die betreffende EmpfindungsqnalitiU
vollständig erloschen, in complete jene, bei welcher dieselbe nur
mehr oder weniger herabgesetzt ist.
Pathogenese und Aetiologie.
Zum Verständniss der Pathogenese der Anästhesien ist es zweck-
mässig, einen kurzen Blick auf die den Empfindungen zu Grunde
liegenden physiologischen Vorgänge zu werfen.
Alle Empfindungen in der Haut entstehen durch Verändenuig
peripherischer Endapparate der sensiblen Hautnerven, die uns wohl
nur zum Theil bekannt sind (Vater 'sehe oder Pacini'sche Kör-
p^chen , Meissner' sehe Tastkörperchen , kolbenförmige An-
schwellungen von Langerhans). Ob es verschiedene solcher End-
apparate für die verschiedenen Empfindungsqualitäten gibt, ist unbe-
kannt.
Jede äussere Einwirkung auf diese Endapparate ruft eine Bei-
zung derselben hervor; diese Reizung pflanzt sich durch die empfin-
dungsleitenden (sensiblen) Nervenfasern in centripetaler Richtung
fort. Auch hier ist die Frage noch unentschieden, ob für die ein-
zelnen Empfindungsqualitäten verschiedene leitende Bahnen existiren;
oder nicht. Weder die von Seite mancher Physiologen beigebrachten
Gründe, noch die von manchen Beobachtern (Nothnagel, Berger)
beigebrachten pathologischen Fälle, welche für die Existenz diffe-
renter Leitungsbahnen zu sprechen scheinen, konnten die Frage bis-
her nach einer oder der andern Richtung hm positiv entscheiden.
Es ist selbst wieder zweifelhaft geworden, ob von den peripheren
Endapparaten aus in den vorhandenen centripetalen Leitungsbahnen
eine ganz isolirte Leitung bis zum Centralorgan stattfinde oder nicht.
Anästhesie. Cutane Anästhesien. Aetiologie und Pathogenese. 187
Es ist wenigstens für die sensiblen Endyerzweignngen an der oberen
Extremist durch patiiologische Fälle und physiologische Experimente
(Arloing nnd Tripier) wahrscheinlich gemacht ^ dass nach Aus-
sehaltong einer sensiblen Leitungsbahn die dieselbe gewöhnlich be-
nfitzenden sensiblen Eindrtlcke durch benachbarte Leitnngsbahnen
zum Gentralorgan hingeführt werden, so dass in dem Verbreitnngs-
bezirke eines durchschnittenen sensiblen Zweiges die Anästhesie
fehlen kann, und man zur Annahme ausgiebiger peripherischer
Anastomosen unter den einzelnen sensiblen Zweigen gezwungen ist
Die peripheren Leitungsbahnen gehen durch die hintern Wurzeln
m Rückenmark hinein. Ueber ihren weiteren Verlauf in diesem
schwebt noch immer ein schwer zu lichtendes Dunkel. Die weissen
Hinterstränge (und yielleicht die angrenzenden Theile der Seiten-
strftnge) und die graue Substanz sind hier jedenfalls die Hauptlei-
tODgswege. Wie sieh dieselben aber auf die efaizelnen Empfindungen
yertheilen^ ob getrennte Bahnen ftlr dieselben existiren oder nicht,
ist auch hier nicht definitiv entschieden. Schiff fand zuerst die
Thatsache^ dass die Leitung der Schmerzempfindungen an die An-
wesenheit der grauen Substanz geknüpft sei, während die isolirten
HinterstiUnge noch Tastempfindungen vermittelten ; er nahm getrennte
Leitangsbahnen an. Brown-S6quard nimmt sogar ftlr alle ein-
zehien Empfindungsqualitäten getrennte Leitungsbahnen au. Eine
neuerdings mehr vertretene Ansicht ist die, dass in der weissen
Substanz und deren unmittelbarer Nähe die Hauptleitungen, in der
grauen Substanz die Nebenleitungen verlaufen; dass diese letzteren
erst bei stärkeren Reizen betreten werden, dann aber zu einer stär-
keren Erregung (Schmerz) Veranlassung geben können. — Für den
grössten Theil der sensiblen Leitungsbahnen findet bereits im Bücken-
mark in verschiedener Höhe desselben eine Kreuzung statt.
In der MeduUa oblongata nehmen die sensiblen Bahnen eine
mehr seitliche Lage ein ; sie ziehen durch die Brücke und den Him-
sehenkel, treten dann in noch nicht vollständig genau ermittelte Be-
gehungen zu den grossen Grchimganglien , besonders zum Sehhügel
und ziehen dann durch die Stabkranzfäsernng weiter zur Hirnrinde.
Es scheinen besonders die hinter der Syl vi' sehen Spalte gelegenen
Bindengebiete zu sein, in welchen die sensible Faserung endet und
iu welchen wir also die centralen Endapparate fllr die Au&ahme
der Empfindungen zu suchen hätten. Ob es auch im Gehirn ver-
Bchiedene Leitungsbahnen und verschiedene Gentralorgane für die
eiuzebnen Empfindungsqualitäten gibt, ist noch nicht mit hinreichen-
der Sicherheit entschieden, aber nach einzelnen pathologischen Be-
188 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
obachtungen (Mosler, Berg er u. A.) wenigstens wahrscheinlich.
Dagegen sucht G. Busch auf Grund eines Falles von partieller
Emp&idungslähmung aus centraler Ursache mit vielem Schar&iim
wahrscheinlich zu machen, dass sämmtliche Empfindungen durch die
gleichen Nervenbahnen geleitet werden und ihre Verschiedenheit nar
aus der Verschiedenheit der Beizeinwirkung zu erklären sei.
Ein Blick auf die hier kurz skizzirten Verhältnisse lehrt sofort,
dass Anästhesie durch Veränderungen an sehr verschiedenen Stellen
der sensiblen Nervenapparate entstehen kann und zwar: 1. durch
Veränderung (Unevregbarkeit) der peripheren Endapparate, 2) durch
Hemmung oder Unterbrechung der sensiblen Leitung und zwar: a) der
peripheren, b) der spinalen, c) der cerebralen Leitung ; endlich 3. durch
Veränderung (Unerregbarkeit) der centralen Aufhahmsorgane. Nach
diesen Möglichkeiten lassen sich am einfachsten die Ursachen der
Anästhesien gruppiren.
1. Ursachen, welche die Erregbarkeit der peripheren
sensiblen Endorgane herabsetzen oder vernichten.
(Eigentliche periphere Anästhesien.)
Eine der greifbarsten hierhergehörigen Ursachen, deren anästhe-
sirende Wirkung jeden Augenblick demonstrirt werden kann, ist ohne
Zweifel die Kälte /örtliche Wärmeentziehung). Als Prototyp ihrer
Einwirkung kann man die locale Anästhesie durch Zerstäubung von
Aether (oder ähnlichen Flüssigkeiten) auf der Haut anführen; durch
die dabei stattfindende mächtige Eälteentwickelung wird [die Haut
in kurzer Zeit so empfindungslos, dass man chirurgische Operationen
an derselben ohne Schmerz ausführen kann. Diese Methode hat sich
bekanntlich fllr kleinere Operationen bei manchen Chirurgen einer
gewissen Beliebtheit zu erfreuen. — Ganz ähnlich wirkt das Auf-
legen von Eis oder von Eältemischungen, oder wohl auch die Vkogere
Einwirkung einer sehr kalten Luft.
Es wird dadurch oflFenbar die Erregbarkeit der peripheren End-
apparate (vielleicht auch der zunächst gelegenen sensiblen Leitungs-
bahnen) herabgesetzt oder völlig aufgehoben. Physiologische Ver-
suche (Weber, A. Eulenburg, Nothnagel u. A.) haben gelehrt,
dass dabei Druck-, Temperatur- und Raumsinn, Schmerzempfindung
und elektrocutane Sensibilität in nahezu gleicherweise herabgesetzt
werden. — Beim eigentlichen Erfrieren entsteht Gefühllosigkeit durch
brandige Zerstörung der Haut; die sogenannten „rheumatischen"
Anästhesien sind wohl auf andere Momente, als auf du-ecte Kälte-
wirkung zurttckzuflihren. — Auch die Einwirkung höherer Wärme-
grade kann zu einer Abstumpfung der verschiedenen Empfiodungs-
Anästhesie. Cutane Anästhesien. Aetiologie und Pathogenese. 1S9
qaalitäten fUhren, wie Versuche von Weber und Nothnagel ge-
zeigt haben.
Häufig beobachtet man, dass die längere Einwirkung gewisser
Aetzmittel auf die Haut die Sensibilität derselben herabsetzt; am
bekanntesten ist die durch Laugeeinwirkung bei Wäscherinnen her-
Torgerufene Anästhesie (Romberg), bei deren Entstehung aber wohl
die gleichzeitige Kälte oder Wärme des Wassers mehr oder weniger
mitwirkt. Auch von ätzenden Säuren (Essigsäure, Scheidewasser etc.)
ist eine ähnliche Wirkung beobachtet worden; dass dieselbe durch
Einwirkung dieser Aetzmittel auf die peripheren Endapparate zu er-
klären ist, kann wohl keinem Zweifel unterliegen, wenn wir auch
die feinere Art und Weise dieses Einwirkens nicht genauer kennen.
Die Einwirkung elektrischer Ströme kann ebenfalls die
Sensibilität der Haut etwas herabsetzen. Nadedja Suslowa fand
eine Verminderung des Tast-, Raum- und Temperatursinns beim Durch-
leiten eines schwachen faradischen Stroms durch die Haut und in der
Umgebung der Anode des galvanischen Stroms ; dagegen keine Ver-
änderung des Gemeingefbhls.
Dass gewisse Narcotica die Sensibilität der Haut direct her-
absetzen, ist durch A. Eulenburg's Versuche mit subcutanen
Morphiuminjectionen nachgewiesen. Auch die energische Einwirkung
Ton Linimenten oder Salben mit Atropin, Aconitin u. dgl. vermag
die Sensibilität der Haut — offenbar durch Einwirkung auf die
peripheren Endapparate — herabzusetzen.
Von nicht geringer Wichtigkeit fttr das Zustandekommen der
Anästhesie sind Girculationsstörungen; besonders Ischämie
der Haut ist eine häufige und wichtige Ursache der cutanen Anästhe-
sie; mechanische sowohl wie spastische Ischämie kann die Erregbar-
keit der peripheren Endapparate herabsetzen und auf diesem Wege
wirken manche vasomotorische Neurosen (Arterienkrampf), welche
mit Anästhesie einhergehen (Nothnagel). Auch Stauungshyper-
ämie soll die Feinheit der Tastempfindungen herabsetzen (Ais-
berg). In welcher Weise die bei manchen Hautaffectionen (z. B.
der von Ve i e 1 beschriebenen Paralysis cutis circumscripta multiplex
Qttd beim Herpes Zoster) beobachteten localen Anästhesien zu Stande
kommen, ist noch dunkel; doch darf man wohl beim Zoster mit
rimger Sicherheit auf neuritische Leitungshemmung in den peripheren
Nervenbahnen recurriren. — Endlich wird eine totale Zerstörung
der Haut (durch Verbrennung, ErMerung, Ulceration etc.), indem
sie die peripheren Tastorgane zerstört, auch die durch diese ver-
mittelten Empfindungsqualitäten vernichten.
190 Ebb, Krankheiten der peripfaeren-cerebrospinalen Nerven.
2. Ursachen, welche die Leitung in den peripheren Ner-
venbahnen hemmen oder unterbrechen. (Erste Gruppe der
Leitungsanästhesien.) Auch hier kann die Kälte ihre Wirk-
samkeit entfalten; die Einwirkung derselben auf periphere Nerven-
stämme setzt die Sensibilität im Yerbreitungsbezirk herab. Die Er-
kältung ruft wohl meist durch Beeinflussung der peripheren Nerven-
stämme Anästhesie hervor; es mag sich dabei meist um eine Idcbte
(„rheumatische") Neuritis derselben handeln. — Demnächst sind
Traumata (aller Art und im weitesten Sinne) häufige Ursachen
peripherer Anästhesie; sie au&uzählen, würde zu weit ftthren. Viel-
fach handelt es sich dabei um einfache Compression, wie sie durch
Hernien y Tumoren aller Art, durch Neurome, durch Lepraknoten
(Lepra anaesthetica) u. dgl. herbeigeführt wird. Die einfache Neu-
ritis, wenn dadurch die Nervenfasern hinreichend comprimirt werden,
kann zur Anästhesie führen , so bei Zoster; ein von Bemak er-
zählter Fall) wo nach peripherer Nervenverletzung am Nagelglied
des Daumens sich allmälig eine centripetal fortschreitende Anästhesie
im Radialis- und Medianusgebiet ausbildete , darf wohl durch fort-
geleitete Neuritis erklärt werden ; der von R e m a k daflir eingefllhrte
Begriff der Reflexanästhesie dürfte unserem Verständniss viel femer
liegen. Hierher gehOrt wohl auch ein Theil der Anästhesie die man
bei Neuralgien findet, während ein anderer Theil sich wohl durch
Einwirkung auf das Centralorgan erklärt (s. o.).
3. Ursachen, welche Hemmung oder Unterbrechung
der spinalen Leitung bewirken. (Zweite Gruppe der Leitungs-
anästhesien.)
Die Zurflckftthrung der spinalen Anästhesien auf bestimmte locale
Veränderungen im Rückenmark hat ihre sehr erheblichen Schwierig-
keiten, theils wegen der Unsicherheit unserer Kenntnisse über die
physiologischen Leitungsbahnen, theils wegen der Mangelhaftigkeit
der pathologischen Anatomie des Rückenmarks. Hier im Central-
organ beginnt eigentlich erst das Hauptgebiet der partiellen Empfin-
dungslähmungen, denn weitaus die Mehrzahl der in diese Rubrik
gehörigen Fälle beruht auf Erkrankungen des centralen Nerven-
systems; an reinen und zweifellosen Beobachtungen von partieller
Empfindungslähmung bei Erkrankungen peripherer Nervenstämme
fehlt es noch fast vollständig (ausgenommen wohl der Fall von
Nothnagel 1. c, der aber erst 2 Jahre nach Einwirkung des
Trauma untersucht wurde). Für alle Detailfragen müssen wir auf
die Schilderung der Rückenmarkskrankheiten (Band XI dieses Wer-
kes) verweisen: hier mögen einige kurze Andeutungen genügen.
Anästhesie. Cutane Anästhesien. Pathogenese und Aetiologie. 191
Sehr einfach sind nattlrlich die Verhältnisse bei vollständiger
qaerer Trennang oder Compression des Rückenmarkes — da findet
sich totale Empfindungslähmui^ aller Hautbezirke, welche ihre Nerven
Ton unterhalb der Stelle der Läsion erhalten; das ist der Fall bei
Wirbelsänlenbrüchen , bei Zertrümmerung des Rückenmarks durch
Kutextrayasate, bei Compression desselben durch Tumoren, ^^yphosen,
Congestionsabscesse n. dgl., bei Durchschneidung oder Zerreissang
des Rückenmarks u. s. w. — Für die partiellen Empfindungslähmungen
di^^n müssen wohl immer Erkrankungen der Hinterstränge (nnd
der Seiteaistränge zum Theil) oder der grauen Substanz oder beider
sogleich yerantwortlich gemacht werden. Da es nach Schiffs
neuesten Angaben (Centralbl. f. d. med. Wiss. 1872 No. 49) scheint,
als ob nicht bloss die Ausbreitung der Erkrankung im Querschnitt
des Rückenmarks für die Grösse und Art der SensibilitätsstOmng
maassgebend sei, sondern auch der Sitz des Krankheitsherdes in
T^schiedener Höhe des Rückenmarks, indem die empfindungsleiten-
den Bahnen ihre Lage im Rückenmarksquerschnitt allmäh'g ändern
(z. B. Ton den SeitenstiiUigen in die Hinterstränge oder die graue
Substanz überführen), so werden dadurch die Verhältnisse nur Ver-
wickelter. So viel scheint jedoch mit einer gewissen Wahrschein-
lichkeit festzustehen, dass bei Erkrankungen der grauen Substanz
Yorwiegend das QemeingeAlhl , bei Erkrankungen der Hinterstränge
ond des Lendentheils der Seitenstränge dagegen vorwiegend die
Tastempfindung beeinträchtigt wird; femer dass bei einseitiger spi-
naler ^ästhesie eine Läsion der entgegengesetzten Markhälfte an-
genommen werden darf (wegen der Kreuzung der sensiblen Fasern
im Rückenmark). Auf welche anatomischen Localisationen jedoch
die so häufig bei Rückenmarkskrankheiten zu beobachtenden par-
tiellen Tastsinns -Lähmungen zurückzubeziehen sind, ist uns noch
TöUig unbekannt und es existiren darüber bis jetzt nur mehr oder
weniger wahrscheinliche Yennuthungen.
Es ist von diesen Gesichtspunkten aus leicht verständlich, dass
bei verschiedenen Erkrankungen des Rückenmarks Sensibilitäts-
sKbruDgen zu den gewöhnlichsten Symptomen gehören, dass aber
aneh, bedingt durch Sitz und i^mliche Ausbreitung der krankhaften
Prooesse im Rückenmark, die mannichfachsten Abstufungen und
Combinationen der Sensibilitätsstörung beobachtet werden, dass in
Wirklichkeit alle möglichen Formen der partiellen Empfindungsläh-
mnngen vorkommen. Vor Allem sind es die Tabes dorsalis, die
Myelitis chronica, die Rückenmarksklerose und -Erweichung u. s. w.,
welche mit solchen Anästhesien einhergehen und verweisen wir ftlr
192 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
alles Nähere auf die aasftibrliche Beschreibung dieser Krankheiten
im XI. Band.
4. Ursachen, welche Hemmung oder Unterbrechung der
cerebralen Leitung bewirken. (Dritte Gruppe der Leitungs-
anästhesien.)
Hier sind die Verbältnisse mindestens ebenso schwierig and
dunkel wie am Rückenmark. Das Postulat getrennter Leitungsbahnen
ftlr die verschiedenen Empfindungsqualitäten scheint aus zahlreichen
pathologischen Beobachtungen hervorzugehen; doch haben dieselben
bisher nichts Sicheres über die Lage und den Verlauf dieser Bahnen
im Gehirn ergeben; erst zukünftige, durch den Zufall begünstigte
zahlreiche und exacte Einzelbeobachtungen können hier aUmUig
Klarheit bringen. Bis jetzt können wir nur soviel sagen, dass die
sensiblen Leitungsbahnen auf ihrem Wege vom verlängerten Mark
durch die Hirnschenkel längs der Gentralganglien und durch die
Stabkranzfaserung bis zur Hirnrinde hin an allen möglichen Stellen
und durch eine grosse Zahl von Erkrankungen lädirt werden können^
so dass Anästhesie entsteht. Wegen der bereits vollendeten Kreuzung
aller sensiblen Leitungsbahnen wird die Anästhesie sich auf der dem
Sitze der Hirnläsion entgegengesetzten Körperseite befinden; sie wird
meist in hemiplegischer Form auftreten, wenn auch allerdings bei
doppelseitiger Erkrankung auch doppelseitige Anästhesie vorkommt
und andererseits ein sehr kleiner Erkrankungsherd auch eine ganz
locale Anästhesie bewirken kann. Fast immer sind motorische Läh-
mungen (Hemiplegie) und mancherlei Herdsymptome von Seiten des
Gehirns gleichzeitig vorhanden. Für alle Details in dieser Beziehung
muss jedoch auf Band XI verwiesen werden.
Hier sei nur erwähnt, dass Gehirnblutungen wohl die häufigste
Ursache cerebraler Leitungsanästhesien darstellen ; besonders sind es
Blutungen in den Pons, die Himschenkel, die äusseren Theile des
Sehhügels und die benachbarte Stabkranzfaserung, welche regelmässig
von Anästhesie begleitet sind, wenn dieselbe auch meist verhältniss-
mässig rasch wieder verschwindet. — In ähnlicher Weise wirken
hochgradige Gehimanämie (z. B. durch Embolie), femer Gehirner-
weichung, Encephalitis, Sklerose, Tumoren, Verletzungen n. s. w.,
kurz alle Momente, welche die sensible Faserleitung im Gehirn zu
stören oder zu unterbrechen im Stande sind.
5. Ursachen, welche die Erregbarkeit der centralen
Aufnahmsapparate herabsetzen oder vernichten. (Eigent-
liche centrale Anästhesien.)
Hier handelt es sich also um Erkrankungen derjenigen Hirn-
An&sthesie. Gutane Anästhesien. Pathogenese and Aetiologie. 193
theile, in welchen die den Uebergang der Empfindung ins Bewusst-
sein vermittelnden Nervenapparate liegen; wahrscheinlich also vor-
wiegend um Erkrankungen der grauen Hirnrinde, besonders der mehr
Dach hinten gelegenen Abschnitte derselben. Alle möglichen ana-
tomischen Veränderungen in diesen Theilen können so die Ursachen
Yon Anästhesien werden, besonders sind es auch Meningealerkran-
kungen, welche durch gleichzeitige Beeinträchtigung der grauen Hirn-
rinde Anästhesien hervorrufen können; endlich erklärt sich daraus
das überaus häufige Vorkommen der Anästhesie bei vielen Geistes-
krankheiten, deren Sitz wir ja hauptsächlich in die Bindengebilde
zu verlegen gewohnt sind.
Von Himkrankheiten sind es besonders die chronische Encepha-
litis mit ihren verschiedenen Ausgängen in Sklerose oder in Er-
weichung, Embolien, Meningealapoplexien , MeningealentzUndungen
a. dgl., welche mit centraler Anästhesie einhergehen; die Anästhesie
während epileptischer Anfälle, in der Katalepsie, im Sopor, im urä-
mischen Coma u. 8. w. ist wohl ebenfalls auf Functionsstörnng der
Hunrinde zurttckzuftlhren. Unter den eigentlichen Psychosen tritt
Anästhesie (und besonders auch Analgesie) am häufigsten bei Melan-
cholia attonita und beim paralytischen Blödsinn auf — bei dem
letzteren jedoch zum Theil wohl bedingt durch die gleichzeitige
Ettckenmarkserkrankung ; auch bei einfacher Melancholie, beim
Wahnsinn und den verschiedenen Blödsinnsformen sind Anästhesien
nicht gerade selten. Es erklärt sich daraus, warum Geisteskranke
oft die schmerzhaftesten Operationen mit grosser Seelenruhe ertragen
mä. hier und da die scheusslichsten Selbstverstümmelungen mit sich
Yomehmen. Für die Details mögen die betreffenden Specialwerke
nachgelesen werden.
Es gibt nun aber noch eine Beihe von Anästhesien, über deren
Pathogenese und deren Sitz wir noch ziemlich im Unklaren sind,
welche deshalb unter den vorstehenden Rubriken keine Erwähnung
finden konnten. Vor Allem sind da zu erwähnen die Anästhesien
bei der Hysterie. Sie bilden eine der gewöhnlichsten Erschei-
nungen der Hysterie, kommen bald local, bald über eine ganze
Körperhälfte oder selbst auf die ganze Hautoberfläche verbreitet vor,
meist als totale, seltener als partielle Empfindungslähmung, besonders
häufig Analgesie. Ueber den eigentlichen Sitz dieser hysterischen
Anästhesien sind wir noch ganz im Dunkeln ; wahrscheinlich ist, dass
in der Mehrzahl der Fälle das Centralnervensystem dabei afficirt ist ;
doch sind gewiss die verschiedensten Localisationen möglich. Die
bei Epilepsie, Katalepsie, Chorea, Hypochondrie u. a. Neurosen manch-
Handbuch d. spec. Pathologie a. Tbempie. Bd. XII. 1. 2. Anfl. 13
194 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
mal beobachteten Anästhesieii sind in der gleichen Weise unklar
in Bezug aaf ihren Sitz.
.Die sog. toxischen Anästhesien entstehen wohl meist daroh
Veränderung des centralen Nervensystems; wenigstens gilt dies zu-
nächst von den durch die sog. Anaesthetica (Chloroform, Aether^
Liquor hoUandicus u. s. w.) hervorgebrachten fimpfindungslähmungen ;
es scheint ziemlich sicher, dass dieselben zuerst die Erregbarkeit der
sensiblen Centren , dann aber auch die der motorischen und der
Reflexcentren herabsetzen; wahrscheinlich bleiben schliesslich aber
auch die peripherischen Leitungbahnen und Endapparate nicht un-
beeinflusst. Die Anaesthetica wirken besonders durch Vertodenmg
der grauen Substanz, während die Nervenfasern, wie es scheint^
schwieriger von denselben angegriffen werden; daraus ist vielleicht
die Thatsache zu erklären, dass in einem gewissen Stadium der
Narkose Tastempfindungen noch vermittelt werden, während das
Bchmerzgeitihl bereits erloschen ist.
Viel weniger intensiv ist die anästhesirende Wirkung der Nar-
cotica (Morphium, Atropin u. s. w.). Doch bewirken auch sie
schon in kleinen Dosen Abstumpfung der Sensibilität und in grossen
Dosen einen mit völliger Anästhesie einhergehenden Sopor. Ihre Wir-
kungsweise ist wohl eine ähnliche wie die der Anaesthetica. — In
welcher Weise verschiedene andere toxische Substanzen: Alkohol,
Blei, Kupfer, Arsenik, Ergotin, Saponin, Kai. bromat. u. a. Anästhesie
bewirken, ist bis jetzt bloss Gegenstand der Vermuthngen und ist
hier noch ein weites Feld fttr Beobachtungen und Untersuchungen.
Es kommen femer auch nach acuten Krankheiten nicht
selten Anästhesien, theils locale, theils mehr oder weniger verbreitete
vor, über deren Localisation die Acten noch nicht geschlossen sind.
Am häufigsten sind es Typhus und Diphtheritis, welche solche Zu-
fälle bedingen, doch hat man audi nach andern Infectionskrank-
beiten (Cholera, Dysenterie, Scarlatina u. s. w.) und selbst nach ei&-
fachen fieberhaften Entzündungen solche Anästhesien auftreten seh».
Ihre Localisation ist wahrscheinlich eine verschiedene, und kann so-
wohl das centrale, wie das peripherische Nervensystem betreffen.
Meist sind damit ^eichzeitig motorische Lähmungen verbunden.
Endlich haben wir in neuester Zeit durch Fournier (Le^ s. 1.
Syphilis, Paris 1873, p. 783 ff.) höchst merkwürdige Aufechlüsse über
die bei der Syphilis — im secundären Stadium — ungemein häufig
vorkommende Amügesie erhalten. Sie ist wenigstens bei Frauen
eine sehr gewöhnliche Theilerscheinung der secundär syphilitischen
Affectionen, kann diffus über den ganzen Körper verbreitet sein, ist
Anästhesie. Cutane Anftsthesieii Symptome. Prüfangsmethoden. 195
aber häufiger ganz local, inselfönnig an verschiedenen Hantstellen
zn finden. Ihre Prädilectionsstellen smd der Handrücken und die
Brüste. Sie ist selten mit Abstumpfung des Tastsinns, noch seltner
mit gleichzeitiger Verminderung des Temperatursinns verbunden. Ihre
Abhängigkeit von der syphilitischen Ini'ection wird von Fournier
nit aller Entschiedenheit behauptet und die unterscheidenden Merk-
male von der hysterischen Analgesie werden von ihm ziemlich scharf
hervorgehoben. Ihre anatomische Localisation ist noch vollkommen
unklar.
Symptome.
Anästhesien können sich durch subjective wie durch objective
Symptome bemerkbar machen; die ersteren sind häufig sehr unbe-
gtinunt und mehrdeutig; zur genaueren Constatirung der Krankheit^
ihrer Art und Ausbreitung, sowie ihres Sitzes, sind die objectiven
Symptome bei Weitem werthvoller. Man ermittelt dieselben durch
eine sorgfältige objective Untersuchung. Dieselbe ist Idder
sehr schwierig und mühevoll, im höchsten Grade zeitraubend und
noch dazu bei vielen, besonders ungebildeten Kranken, in ihren Re-
sultaten ziemlich unsicher. In vielen Fällen allerdings sind die Re-
sultate sehr klar und schlagend: allein wenn man bedenkt, wie sehr
wir trotz vielfältiger Untersuchungen noch über die wichtigsten Punkte
in der Physiologie und Pathologie der Empfindungsapparate im Un-
klaren sind, wird man gestehen müssen, dass bereits viel kostbare
Zeit und Mühe auf diese Beobachtungen vergebens verwendet wor-
den ist
Eine kurze Aufzählung der Prüfungsmethoden der Sensi-
bilität kann hier nicht umgangen werden. Es mag einleitend die
von Türck zuerst gefundene Thatsache erwähnt werden, dass das
Gebiet der Anästhesie grösser erscheint, wenn man mit der Unter-
suehung von dem anästhetischen Hautgebiete aus gegen das gesunde
yorschreitet und umgekehrt; es lässt sich also die Grenze zwischen
gesunden und kranken Gebieten in der Richtung des Fortschreitens
der Untersuchung verschieben. Das mag man in den einzelnen
Fällen beachten.
Die Untersuchung des eigentlichen Tast- oder Berührungs-
gefühls (s.o. S. Ib4 Anmerk.) geschieht am einfachsten durch zarte
und oberflächliche Berührung mit der Fingerspitze oder einem Nadel-
kopf, durch leichtes Streichen über die Haut, Berühren der Haare;
dadurch, dass man die Kranken Kopf und Spitze der Nadel bei leiser
Berührung unterscheiden lässt; dass man sie mit glatten, rauhen^
13*
196 Erb, Kraukheiten der periphereu-cerebrospinalen Nerven.
wolligen Gegenständen berührt, deren Natur aie angeben müssen; end-
lich an Theilen, welche an besonders feine Unterscheidungen gewöhnt
sind (Handflächen) dadurch, dass man verschiedene Körper z. B. Oeld-
stücke, kleine Schlüssel, Knöpfe, Ringe u. dgl. auflegt und dieselben
bei geschlossenen Augen bezeichnen lässt. Durch Paralellversnche an
Gesunden (am besten an sich selbst) muss man sich ein Urtheil über
die möglichen Leistungen des Tastsinns auf diesem Gebiet verschafft
haben, um pathologische Fälle richtig beurtheilen zu können. Bei
einseitiger Erkrankung hat man natürlich an der gesunden Seite das
bequemste und sicherste Vergleichsobject.
Die Prüfung des Drucksinns geschieht am Besten durch Auf-
legen von Gewichten zur Bestimmung des Differenzminimums, welches
noch wahrgenommen wird (Methode von E. H. We b e r). Diese Methode
ist so bekannt, dass darüber nichts weiter gesagt zu werden braucht.
— Für gewöhnlich kann man die Prüfung sehr bequem mit verschie-
denen Geldmünzen (Eigenbrodt) ausführen, mit Gulden- oder Thaler-
stücken u. dgl., deren man eine verschieden grosse Zahl auflegt. Die
dabei nöthigen Cautelen sind: Ausschluss des Muskelgefühls durch
Fixirung des zu untersuchenden Körpertheiles auf einer festen Unter-
lage; Ausschluss der Temperaturempfindung durch Einschaltung eines
schlechten Wärmeleiters (z. B. Holzplättchen) ; Aufsetzen der Gewichte
in regelmässigen Zeiträumen. — Eulenburg hat die Drucksinns-
prüfung wesentlich erleichtert durch die Angabe des ,,Baraesthesio-
meters" (Drucksinnmesser), an welchem durch wechselnden Druck
auf eine Feder variable und an einem Zifferblatt ablesbare Druck-
grössen (also auch Druckdifferenzen) in Wirksamkeit gebracht werden
können. Das Instrument ist handlich und kann an jeder beljebig^i
Hautstelle applicirt werden; auch hierbei muss das Muskelgefatil aus-
geschlossen werden. Eulenburg fand mit diesem Instrument, dass
im Gesicht noch 730 - V^o Druckdifferenz unterschieden wird; an Hand
und Arm ca. Vau — ^lo; ebensoviel etwa an der Vorderseite des Ober-
und Unterschenkels und am Fussrücken; erst grössere Differenzen da-
gegen an der Sohle und der Hinterfläche des Beines. Diese Zahlen
können als ungefährer Maassstab bei pathologischen Untersuchungen
dienen. Diese geben nur bei einseitigen Erkrankungen rasche und
sichere Resultate, wo die beiden Körperhälften miteinander verglichen
werden können; ist dies nicht der Fall, so können geringe Anomalien
des Drucksinns nur bei der grössten Sorgfalt und Genauigkeit ent-
deckt werden. Im Ganzen jedoch finde ich die Resultate mit diesem
Instrumente ziemlich unsicher; es kommt zu viel darauf an, mit wei-
cher Schnelligkeit man die verschiedenen Grade des Druckes mit dem-
selben eintreten lässt. — Die von Goltz ersonnene Prüfung des
Drucksinns durch Pulswellen von variabler Stärke, die in einem mit
Flüssigkeit gefüllten Kautschukschlauch erzeugt werden, wird sich
wohl keinen Eingang in die Praxis verschaffen.
Der Temperatursinn kann im Groben geprüft werden durch
Berührung nut kalten und heissen Gegenständen (kalte und heisse
Metallstäbe, Reagenzgläser mit kaltem und heissem Wasser gefüllt);
feiner ist schon die Prüfung, ob die Kranken die Temperatur^fferenz
Anästhesie. Gutane Anästhesien. Symptome. Prüfungsmethoden. 197
zwifichem kühlem Anblasen (ans einiger Entfernnng) nnd warmem An-
hauchen (ans nächster Nähe) mit Sicherheit unterscheiden können.
Für feinere Untersnchnngen mnss man sich solcher Instrumente
bedienen; welche die Einwirkung sehr nahe bei einander liegender
Temperaturen gestatten, um die kleinste noch wahrnehmbare Tempera-
turdifferenz zu ermitteln (Nothnagel: zwei mit verschieden er-
wärmtem Wasser gefällte Cylinder mit Metallboden. Eulenburg:
zwei mit grossen flachen, zum Aufsetzen auf die Haut passenden Queck-
flübergefässen versehene Thermometer, an einem Stativ verschiebbar
befestigt — Thermaesthesiometer). Temperaturen zwischen 27
nnd 33 0 G. werden am feinsten unterschieden und zwar fast tiberall
Differenzen von einem halben Grad und weniger; an der Wange sogar
nur 0,2 '^ C. ; am Rttcken etwa \^. — Stärkere Abweichungen von
diesen Zahlen mtissen als pathologisch angesehen werden. — Ab-
wechselndes fUntauchen der Finger, Hände oder FUsse in verschieden
erwärmtes Wasser kann diese feineren Untersuchungsmethoden einiger-
massen ersetzen.
Die Prüfung des Ortsinns (Raumsinns) geschieht am einfachsten
so, dass man eine beliebige Hantstelle mit dem Finger oder der Nadel-
spitze bertthrt, während der Kranke die Augen geschlossen hält, und
ihn dann die bertthrte Stelle angeben lässt; die in die Breite der Ge-
sundheit fallenden Fehler in der Genauigkeit dieser Angaben ent-
sprechen ungefähr der Grösse der nöthigen Distanz der Zirkelspitzen
an den verschiedenen Hautstellen nach der Methode von E. H. Weber.
— Diese letztere Methode mit dem Web er 'sehen Tasterzirkel (oder
dem analogen Sievek Inguschen Aesthesiometer) gibt exactere und in
ZaliJen ausdrttckbare Resultate. Man sucht dabei die geringste Distanz
zu ermitteln, bei welcher zwei räumlich von einander getrennte Tast-
eindrücke noch als gesonderte, als zwei, empfunden werden. Diese
Distanz ist an verschiedenen Stellen sehr verschieden und kann un-
mittelbar an dem Zirkel abgelesen werden ; jede tiber die Norm gehende
Vergrösserung dieser Distanz bedeutet eine Abnahme des Ortsinns.
Die Normaldistanzen sind von Weber mit grosser Sorgfalt ermittelt
worden; es seien davon etwa folgende erwähnt: Zungenspitze —
1,2 Mm., Fingerspitze — 2,25 Mm., Dorsalseite der i. Fingerphalanx
— 16 Mm., Handrücken — 31- Mm., Vorderarm und Unterschenkel
ca. 40 Mm., Rttcken 40—70 Mm., Oberarm und Oberschenkel —
77 Mm. — Natürlich dürfen nur erhebliche Abweichungen von diesen
ungefähren Normalzahlen als pathologisch bezeichnet werden; denn
die individuellen Differenzen sind bei verschiedenen Individuen sehr
gross und durch Uebung in diesen Untersuchungen können auch be-
trächtliche temporäre Schwankungen herbeigeführt werden. Ueber die
Details und die Cautelen dieser ziemlich zeitraubenden Methode s. die
Lehrbücher der Physiologie.
Unter den Prüfungen des Gemeingefühls steht diejenige der
Schmerzempfindung obenan. Dieselbe kann leicht geprüft wer-
den durch Nadelstiche, Brennen, Kneipen, starken Druck, auch durch
Anwendung starker faradischer Ströme. — Das Kitzelgefühl wird
in bekannter Weise untersucht. — Eine auf den ersten Blick sehr an-
198 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
sprechende Methode ist die von Leyden angegebene Prüfung der
elektrocutanen Sensibilität mittelst des faradischen Stromes.
Mittelst einer Art elektrischen Tasterzirkels sncht man die Stromstärke
zu bestimmen, bei welcher noch eine elektrische Minimalempfindung
entsteht; der in Mm. ablesbare Rollenabstand der Inductionsspiralen
gibt dafür die vergleichbaren Zahlenwerthe. Leider ist diese Methode
sehr unsicher, vorwiegend wegen der verschiedenen Dicke und Lei-
tungfähigkeit der Epidermis, welche einen geradezu unberechenbaren
Factor in den Versuch einilihrt. Nach meinen Versuchen muss ich
diese Methode als zur gewöhnlichen praktischen Verwerthung nicht
geeignet bezeichnen ; sie ist ebenfalls sehr zeitraubend. Für die meisten
Fälle ist jedenfalls eine einfache faradische Prüfung mit den gewöhn-
lichen Elektroden ausreichend.
In einzelnen Fällen kann endlich die Untersuchung der Haut-
sensibilität noch dahin vervollständigt werden, dass m^n die Zeit-
dauer der Empfindungsleitung zu bestimmen sncht; es kom-
men nämlich Fälle von verlangsamter Empfindungsleitung nicht gar
zu selten vor. Handelt es sich um erhebliche Verlangsamung, so
wird man dieselbe schon daran erkennen können, dass die Kranken
einen Geflihlseindruck durch Ausruf oder Fingerheben (bei geschlosse-
nen Augen) viel später markiren, als normal. Für feinere Differemsen
bedient man sich zweckmässiger der exacten physiologischen Measungs-
methoden.
Mit allen diesen verschiedenen Methoden bekommt man ein
vollkommenes objectives Bild der Art, des Grades, der Ausbreitung
der Anästhesie und kann mit grosser Genauigkeit bestimmen, inwie-
weit die einzelnen Empfindungsqualitäten an derselben betheiligt sind.
Dass hier die allerverschiedensten Combinationen und Abstufungen
der Störung vorkommen, versteht sich von selbst und braucht hier
nicht des Weiteren ausgeflihrt zu werden. Es würde auch unge-
mein schwer halten, allgemeine Krankheitsbilder der verschiedenen
objectiv nachweisbaren Formen von Anästhesie zu entwerfen; die-
selben sind in jedem einzelnen Falle verschieden und ergeben sich
aus der objectiven Untersuchung von selbst.
Die subjectiven Symptome der Anästhesie sind meist nega-
tiver Art, auf das Wegfallen der normalen Empfindungen begründet,
oder sie sind mehr accidentelle, d. h. sie gehören nicht der Anästhesie
als solcher, sondern begleitenden Störungen an, werden durch die
gleichen Ursachen hervorgerufen.
Am häufigsten klagen die Kranken über ein Geftlhl von „Taub-
sein " , „ Pelzigsein " , als ob etwas zwischen der Haut und den sie
berührenden Gregenstäuden sich befände; an den Fingern ist es so,
als wenn dieselben in Handschuhen oder dergl. steckten, an den
Füssen so, als wenn die Kranken auf Wolle, Teppich, auf einer mit
Anästhesie. SensibUit&ts-PrOfung. Sabjective Symptome. Parftsthesien. 199
Wasser gefbUten Blase n. dgl. gingen. In den Fingerspitzen werden
die leichteren Grade dieses Gefühls besonders beim Reiben der Pinger
aneinander dentlich. In den höheren Graden geben die Kranken
an, dass es ihnen vorkomme, als fehlten ihre Glieder, als träten sie
beim Gehen in die Laft; sie haben die Controle der Aagen dazn
nöthig. Das gewöhnliche Berühningsgeftthl, das Kleider und Schuhe
vermitteln, ist erloschen ; bei den verschiedensten Hantierungen fehlen
die dabei gewöhnlichen Empfindungen; die Feder, die Nadel fallen
aus der Hand, wenn sie der Kranke nicht beständig mit den Augen
öberwacht; die feineren Beschäftigungen sind dadurch erheblich er-
schwert oder unmöglich. — Von den tieferen Theilen, Muskeln, Ge-
lenken , Knochen können auch bei völliger Anästhesie noch dumpfe,
den Kranken sonst unbekannte Empfindungen ausgehen, welche dann
anter den subjectiven Symptomen angegeben werden. Meist besteht
in den anästhetischen Theilen ein Gefühl dumpfer Schwere.
Ausserdem ist eine der gewöhnlichsten Klagen der Kranken die
über Kriebeln, Ameisenlaufen (Formication) in den erkrankten Theilen.
Diese Sensationen gehören aber nicht der Anästhesie als solcher an
(was schon daraus hervorgeht, dass sie ganz selbstständig fllr sich,
oder in Begleitung anderer Affectionen, z. B. Neuralgien, vorkommen
können), sondern müssen schon zu den Begleiterscheinungen
der Anästhesie gerechnet werden. Diese Begleiterscheinungen kön-
nen ^hr mannichfaltiger Art sein ; sie beruhen zum grössten Theil
auf Betheiligung anderer Nervenbahnen an den krankhaften Vor-
gängen, zum Theil wohl auch auf dem Wegfall der physiologischen
Functionen der befallenen Nerven.
Im Gebiete der sensiblen Nerven werden zunächst die so-
eben erwähnten Parästhesien (Kriebeln, Formication, seltener
Oefbbl von Hitze oder Kälte, Brennen u. s. w.) wahrgenommen;
Diese Sensationen fallen meist in das Bereich der anästhetisohen
Bezirke, ohne jedoch dieselbe Grenzen, wie diese inne zu halten;
es kommen hier grosse Verschiedenheiten vor. Worauf diese Sensa-
tionen eigentlich beruhen, ist nicht genau bekannt ; wir wissen nicht,
welche Form der NerveHerregung vorhanden sein muss, um jenes
eigenthtimliche Gefllhl hervorzurufen, das wir als Formication, Ein-
geschlafensein bezeichnen; wir nehmen aber an, dass es sich meist
um Erregungszustände der leitenden Bahnen handelt, welche nach
dem Gesetz der excentrischen Projection in die Peripherie verlegt
werden, ähnlich wie die sogleich zu erwähnenden excentrischen
Schmerzen. Das Gefühl von Hitze oder Kälte mag durch begleitende
Vei^derungen des Blutgehalts der Theile bedingt sem.
200 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nenren.
Nach Schiff sind pathologische Erregungen der Leitungsbahnen
in den Hintersträngen des Rückenmarks die häufigsten Ursachen der
subjectiven Tastempfindungen bei spinalen Affectionen. Brown-
Söquard erklärt das subjective HitzegefUhl, Brennen u. dgl. durch
pathologische Erregung der Fasern fttr die Temperaturempfindung im
Rttckenmark.
Unter den sensiblen Begleiterscheinungen sind femer Schmerzen
sehr gewöhnlich ; sie entstehen bei Leitungsanästhesien dadurch, dass
an dem central von der Leitungshemmung gelegenen Theile der
Faserung Reizungszustände vorhanden sind, welche nach dem Gesetze
der excentrischen Projection als Schmerzen an die Peripherie ver-
legt werden und hier selbst sehr heftige Grade erreichen können.
Der eigenthümliche Gegensatz in der Thatsache, dass Theile, welchen
oft durch kein Reizmittel eine Schmerz- oder selbst nur Berühmngs-
empfindung entlockt werden kann, der Sitz der wüthendsten Schmer-
zen werden können, hat zur Aufstellung einer besonderen Kategorie
der Anästhesie, der Anaesth. dolorosa geftihrt ; diese Aufstellung
hat jedoch keinen weiteren Zweck.
Es ist klar, dass solche excentrische Schmerzen nur bei Leitnngs-
anästhesien vorkommen können ; bei eigentlich centralen Anästhesien
können sie einfach nicht vorkommen, weil hier die empfindenden
Endapparate selbst unerregbar geworden sind und also keinerlei
Empfindungen vermitteln können. In der That sieht man solche
Schmerzen auch häufig bei allen möglichen Formen der Leitungs-
anästhesien, am häufigsten wohl bei traumatischen Einwirkungen
auf die peripheren Nervenstämme (Schussverletzungen, Contusionen,
Neuritis u. s.. w.), und es hängt mehr oder weniger von der zu-
fälligen Gruppirung der Symptome ab, ob man solche Fälle zu den
Neuralgien, oder zu den Anästhesien oder zu den Lähmungen
stellen wird; die Zusammenlagerung verschiedenartiger Leitungs-
bahnen in demselben Nervenstamm bedingt diese Mannichfaltigkeit
der Symptome.
Die Sinnesempfindungen sind in manchen Fällen zum Theil
alterirt, besonders wie es scheint bei central bedingten Anästhesien
oder bei Läsionen solcher Nerven, in deren Bahnen Sinnesnerven
verlaufen (Lingualis). Am häufigsten wird vom Verlust des Ge-
schmacks und Geruchs berichtet (z. B. Fälle von Binz, Guttmann},
viel seltener des Gehörs und noch seltener des Gesichts. Es wird
das einzig und allem von dem Sitze des Krankheitsherdes ab-
hängen.
Unter den motorischen Begleiterscheinungen ist Lähmang
Anftsihesie. SinnesempfindangeD. Motor. BegleiterscheinuDgen. 201
sehr häufig mit der Anästhesie vergesellschaftet; sie entsteht meist
durch dieselbe Ursache wie die Anästhesie , z. B. bei gemischten
peripheren Nerven ; bei spinalen Erkrankungen beobachet man gleich-
zeitige Paraplegie oder die als Ataxie bezeichnete Coordinations-
8t($rnng; bei cerebralen Erkrankungen ist neben der sensiblen auch
meist motorische Hemiplegie vorhanden. — Krämpfe werden seltener
beobachtet, können jedoch durch das Orundleiden ebenfalls veran-
lasst werden : so Muskelspannungen, Tremor, fibrilläre Contractionen,
Spasmen, Contracturen u. s. w. vorwiegend bei spinalen und cerebralen
Anästhesien. Bei peripheren Anästhesien gemischter Nerven können
sich ebenfalls in Folge der gleichzeitigen Lähmung Muskelcontrac-
tnren herausbilden.
Von besonderer Wichtigkeit ist das Verhalten der motorischen
Beflexe. Bei peripheren Anästhesien sind alle Reflexe ohne Aus-
nahme aufgehoben; bei spinalen Anästhesien hängt alles von dem
Sitz und der Ausbreitung der Orundkrankheiten ab : liegt der Reflex-
bogen intact unterhalb der Erkrankungstelle, so können die Reflexe
erhalten und selbst gesteigert sein ; liegt er oberhalb derselben oder
hat die Erkrankung ihn selbst mitergriffen, dann sind die Reflexe
aufgehoben. — Bei cerebralen Anästhesien sind sämmtliche spinalen
Reflexe erhalten und häufig gesteigert ; die im Gehirn selbst vermittel-
ten können sich verschieden verhalten, analog den Reflexen bei
spinalen Erkrankungen. Es ist hier nicht der Ort, in Details über
alle diese Dinge einzugehen, welche bei den Gehirn- und Rücken-
markskrankheiten abzuhandeln sind.
In vielen Fällen sieht man ausgesprochene vasomotorische
Begleiterscheinungen — bald Röthe und gesteigerte Temperatur der
Haut, manchmal mit vermehrter Seh weiss bildnng, bald Blässe und
Kälte mit abnormer Trockenheit der Haut Es hängt das ebenso
wie bei Neuralgien von der gleichzeitigen Betheiligung der vasomoto-
rischen Nervenbahnen an der Krankheit ab, die natürlich bei den
einzelnen Krankheitsformen in sehr verschiedener Weise afficirt wer-
den können. Es ist dabei zu betonen, dass die Anästhesie an sich
d. h. der Wegfall der gewöhnlichen centripetalen Erregungen keiner-
lei Einfluss auf die periphere Circulation hat, sondern dass dieselbe
nur durch directe Beeinflussung der vasomotorischen Bahnen alterirt
werden kann, oder reflectorisch nur von jenen Reizungszuständen
aus, welche bei Anästhesien die excentrischen Schmerzen und Par-
ästhesien hervorrufen.
Ein Aehnliches gilt von den trophischen Störungen, die
als nicht seltene Begleiterscheinungen bei Anästhesien auftreten. Da
202 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
beobachtet man Atrophie der Mnskeln und anderer Gewebe, Ab-
schilferung der Epidermis, Verkrüppelung und abnormes Wachstham
der Nägel, Anschwellnng und Glänzendwerden der Haut (Glossy
fingers), Eruption von Herpes, Pemphigus, von Geschwüren; leichte
und schwere Grade des Decubitus; geringe Resistenz gegen alle
möglichen äusseren Schädlichkeiten, welche sofort von bösartigen
Entzündungen, Ecchymosen, Brand gefolgt sein können. Die ein-
fache Thatsache, dass manche vollständige und hochgradige An-
ästhesien, z. B. die meisten cerebralen, ein Theil der spinalen, die
hysterischen u. a., durchaus ohne solche trophische Störungen ver-
laufen, beweist zur Genüge, dass nicht die Anästhesie an sich die
Ursache dieser Störungen ist. Höchstens kann die durch die Anästhesie
häufig gesetzte Unmöglichkeit, einwirkende äussere Schädlichkeiten
rechtzeitig zu erkennen und zu entfernen, eine der Bedingungen zum
Zustandekommen der Ernährungsstörungen sein. Diese selbst jedoch
beruhen zweifellos auf der Mitbetheiligung trophischer und vasomoto-
rischer Nervenbahnen an der Erkrankung. Ist die Erkrankungsstelle
da, wo sensible, vasomotorische (und trophische) Bahnen dicht bei-
sammen liegen, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass alle Nervenfasern
gleichmässig affidrt sind, am grössten: daher sehen wir solche Er-
nährungsstörungen am gewöhnlichsten bei schweren Läsionen peri-
pherer gemischter Nervenstämme. Im Rückenmark, wo sensible und
vasomotorisch-trophische Bahnen nicht so nahe beisammen liegeu,
können sie auch isolirt erkranken; deshalb fehlen die trophischen
Störungen bei manchen spinalen Anästhesien, während sie bei andern
vorhanden sind; wo der ganze Querschnitt des Markes in ij^nd
erheblicher Ausdehnung zerstört ist, kann man sicher auf sie rechnen.
Auf der andern Seite liegen im Gehirn die betreffenden Nerven-
bahnen so weit auseinander, dass ein gleichzeitiges Erkranken der-
selben zu den Seltenheiten gehört: daher fehlen bei cerebralen
Anästhesien trophische Störungen in der Regel durchaus.
Eine der interessantesten trophischen Störungen ist die im Ge-
folge der Trigeminusanästhesie nicht selten auftretende sog. „neu-
roparalytische Ophthalmie": wachsende Hyperämie der Con-
junctiva, Trübung und Ulceration der Cornea, schliesslich Perforation
derselben und Zerstörung des Auges durch Panophthalmie — das
ist der gewöhnliche Verlauf in den schweren Fällen dieser Art
Bekanntlich ist diese — nach Durchschneidung des Trigeminus
in der Schädelhöhle so regelmässig auftretende — trophische Stö-
rung von den Physiologen (Magendie, Büttner, Meissner,
Snellen, Schiff, Hippel u. a.) in eingehendster Weise unter-
An&stbesie. Trophische Störungen. NeuroparaljtiBche Ophthalmie. 203
gacht worden; gerade anf diesem Gebiete sollte der Streit ftir oder
wider die Existenz trophischer Nerven entschieden werden. Die
Ansicht, dass die sensiblen Fasern selbst einen direct trophischen
Einfloss hätten, ist widerlegt ; ebenso ist die von S n e 1 1 e n mit vieler
Ausdauer vertretene Meinung, dass der Wegfall des von den sen^blen
Nerven dem Aoge gewährten Schatzes die einzige Ursache der neu-
roparalytischen Ophthalmie sei, wohl nicht haltbar; am wahrschein-
lichsten schien bisher die von Meissner zuerst begründete Ansicht,
dass eigentliche trophische Fasern innerhalb des ersten Astes des
Trigeminus liegen und zwar zu einem Bündel vereinigt, und dass
von ihrer eventuellen Mitbetheiligung an der Läsion, welche die
Anästhesie bedingt, das Auftreten oder Fehlen der trophischen Stö-
rungen abhänge. Wir müssen diese Frage der experimentirenden
Physiologie und Pathologie zur definitiven Entscheidung überlassen
und wollen hier nur noch beifttgen, dass nur eine Läsion der peri-
pheren Trigeminusbahn diese trophische Störung zu bedingen pflegt,
während dieselbe bei central bedingten Anästhesien des Trigeminus
fehlt.
Auch die neuesten Arbeiten über diesen Gegenstand haben die
schwierige Frage noch nicht zur Entscheidung zu bringen vermocht.
Merkel (Die trophische Wurzel des Trigeminus. Centralbl. f. d. med.
Wiss. 1874 No. 57) glaubte in der vom vorderen Vierhtigelganglion
stammenden^ mit grossen blasigen Ganglienzellen versehenen, sog. vor-
deren sensiblen Wurzel des Trigeminus (Meynert) die trophische
Wurzel desselben erkennen zu dürfen und leitet von ihrer Läsion die
trophischen Stönmgen am Auge ab. Eckhard (Bericht üb. d. 8. Wan-
derversamml. südwestdeutsch. Irrenärzte in Heppenheim. Zeitschr. f.
Psych. Band 32. 1875) tritt aber dieser Auffassung entschieden ent-
gegen und betrachtet die trophischen Störungen nur als Resultate der
paralytischen Gefässerweitenmg. Auch Claude Bernard (Gaz.
m6d. d. Paris 1874 No. 13) betrachtet dieselben als Resultate cir-
culatorischer Störungen. Senft leben dagegen (Virch. Arch. Bd. 65
S. 69) hält eine traumatische (durch die Anästhesie erleichterte)
Nekrose der Cornea für das Primäre und will von trophischen Wir-
kungen gar nichts wissen. Durch diese Nekrose werde erst eine
secnndäre eitrige fhitzündung erregt. Die von Senftleben mit
Unterstützung Cohnheim's angestellten sehr umsichtigen und sorg-
fältigen Versuche sprechen allerdings mit grosser Entschiedenheit
gegen den Einfluss trophischer Nervenfasern bei diesem Process; sie
gestatten nicht einmal die Annahme einer durch die Trigeminusdurch-
schneidung gesetzten erhöhten Vulnerabilität des Comealgewebes.
Immerhin aber dürfte bei den vielen Schwankungen, welche diese
Frage schon erlitten hat, Vorsicht in der Annahme der von Senft-
leben gezogenen, allerdings sehr verführerischen Schlüsse geboten sein.
204 Erb» Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Es haben nach Allem die bei Anästhesien Yorkommenden Be-
gleiterscheinungen mehr noch als bei den Neuralgien eine vor-
wiegend accidentelle Bedeutung; sie stehen meist nicht in einer direo-
ten Abhängigkeit zur Anästhesie; wohl aber kann ihr Vorhanden-
sein und ihre Gruppirung zur Aufklärung der Localisation und Art
der die Anästhesie bedingenden krankhaften Processe viel beitragen.
Ihre Erforschung ist daher in den einzelnen praktischen Fällen oft
von nicht geringer Wichtigkeit.
Symptomatologie einzelner Formen der Anästhesie.
Zur genaueren Orientierung wollen wir hier einzelne häufiger
vorkommende Formen der Anästhesie kurz charakterisiren^ soweit
sie nicht an anderen Stellen dieses Werkes zur ausftlhrlicheren Er-
wähnung kommen.
Traumatische Anästhesien, Bei ihnen ist zunächst ein Trauma
(Schussverletzung, Quetschung, Luxation etc.) oder eine mechanische
Compression (durch Geschwülste, Narben u. s. w.) als Ursache nach-
weisbar. Die Anästhesie gewöhnlich eine totale; ausgeprochene mo-
torische, vasomotorische und trophische Störungen fehlen nie; meist
sind mehr oder weniger lebhafte excentrische Schmerzen vorhanden.
Der Verlauf meist ein sehr langsamer; Zusammenheilung tritt ge-
wöhnlich spät ein, jedoch in der Regel ftir die sensiblen Bahnen
früher als für die motorischen. An manchen Nervengebieten (z. B.
Medianus, Rami digitales) kann jedoch — wahrscheinlich durch
Anastomosen — die Sensibilität sehr bald nach der Verletzung zu-
rückkehren.
Rheumatische Anästhesien. Erkältung, Durchnässung oder dgl.
ist als .Ursache nachzuweisen. Gewöhnlich gehen rheumatoide, nenr- *
algiforme oder wirklich neuralgische Schmerzen einige Zeit der
Anästhesie voraus. Diese ist meist nicht sehr hochgradig ; Schmerz-
empfindung für sehr lebhafte Reize meist erhalten. In gemischten
Nerven manchmal leichte Motilitätsstörung; seltner vasomotorische
und trophische Erscheinungen, doch kann Herpes vorkommen. Ver-
lauf meist rasch und günstig.
Anästhesie der Wäscheriniien, Die Kranken klagen über ein 6e-
flihl von Taubsein, von Formication, von eigenthümlicher Erstarrung
in beiden Händen und Vorderarmen ; seltner über heftige Schmerzen
darin. Gleichzeitig gewöhnlich vasomotorischer Krampf, Hände blass
und kalt. Die Anästhesie erstreckt sich meist auf alle Empfindungs-
qualitäten und ist meist unvollständig, so dass lebhafte Reize aller
Art noch empftmden werden. Motorische Störungen fehlen oder sind
An&sthesie. Verschiedene Formen derselben. 205
unbedeutend. Die Affeetion ist hartnäckig und besteht selbst nach
Aufgeben der Beschäftigung oft lange fort. (Fällt wohl zum Theil
mit der Yorigen, zum Theil mit der folgenden Form zusammen.)
Vasomotorische (ischämische) Anästhesie. Ist meist eine incom-
plete, aber totale Anästhesie, deren Intensität erhebliche Schwan-
kungen nachweist. Entscheidend ist der Nachweis, dass diese Schwan-
kungen zusammenfallen mit Schwankungen vasomotorischen Krämpfe
der kleinen Ebtutgef ässe : dass Kälte, Blässe, oft auch Gyanose der
Haut, Kleinheit des Pulses die Anästhesie einleiten und begleiten,
dass äussere Wärme sie vermindert. Kälte sie vermehrt. Verlauf
wechselnd, meist rasch und günstig.
Neuritische Anästhesie, Sie bietet in ihrer Erscheinungsweise
nichts Charakteristisches; sie ist meist incomplet, gewöhnlich von
ausgesprochenen neuralgischen Beschwerden, seltner von motorischen
Störungen begleitet. Herpes dagegen tritt häufiger auf. Emzig be-
stimmend ftir die Unterscheidung ist der Nachweis eines neuritischen
Herdes am Nerven. Dasselbe gilt für die durch Lepra, Neurome
und andre Tumoren hervorgerufenen Anästhesien: nur der Nachweis
dieser pathologischen Gebilde kann die Diagnose ermöglichen.
Ebenso ist für die toxischen Anästhesien vorwiegend der Nach-
weis einer vorhandenen In toxication entscheidend; am leichtesten pflegt
dieser bei der chronischen Bleivergiftung zu gelingen, bei welcher
tlbrigens die Anästhesie selten hochgradig ist. Die Anästhesie durch
Eigotinvergiftung befällt meist Finger und Zehen gleichzeitig und
geht mit erheblichen vasomotorischen Störungen einher ; in schwereren
Fällen kommt es zu brandigem Absterben der Glieder.
Anästhesien nach acuten Krankheiten können von der mannich-
fachsten Art sein. Häufig sind sie nach Typhus, beschränkt auf das
Gebiet eines einzelnen Hautnerven, oder auf das Gebiet grösserer
gemischter Nervenstämme verbreitet und dann meist mit motorischen
Störungen verbunden ; oder sie sind spinalen, manchmal selbst cere-
bralen Ursprungs. Nach Diphtheritis tritt am häufigsten Anästhesie
der Rachengebilde auf, eine Erscheinung, die selbst nach einfacher
entzündlicher Angina gar nicht ungewöhnlich ist. Weiterhin kommen
aber auch sehr verbreitete Anästhesien vor, die jedoch meist centralen
Ursprungs zu sein scheinen.
Die hysterischen Anästhesien können in der allermannichfachsten
Weise erscheinen: local, oder diffus über den ganzen Körper ver-
breitet, auf eine Extremität beschränkt, oder in hemiplegischer oder
paraplegischer Form; sie können partiell (am häufigsten Analgesie)
oder total sein, können die Schleimhäute (Rachen- und Kehlkopf-
206 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospüuüen Nerven.
Bchleimfaaat, Vagina und Vnlya) ebensowohl befallen, wie die äussere
Haut. Ihre eigentliche Bedeatnng wird in der Regel nur durch den
Nachweis der Hysterie tlberhaupt festgestellt (s. das betr. Capitd).
Die syphilitische Anästhesie (Fournier), die sieh vorwiegend
als Analgesie, nnd zwar an bestimmten Körperstellen (Handrücken,
Mamma etc.) äussert, haben wir schon oben kurz charakterisirt
Spinale Anästhesien gehören zu den häufigsten und werden meist
zunächst an ihrem doppelseitigen Auftreten in den untern Extremi-
täten erkannt; doch kommen sie auch isolirt an andern Körperstellra
vor (z. B. im Ulnarisgebiet bei Tabes, am Trigeminus, am Rumpf).
Sie können als partielle und als totale, als complete und inoomplete
Empfindungslähmung erscheinen. Charakteristisch für den Krank-
heitssitz sind nur die begleitenden Erscheinungen gestörter Rflck^i-
marksfunction (Paresen und Paralysen, meist in paraplegischer Form,
Ataxie, Gürtelgeftthl , Blasen- und Geschlechtsschwäche n. s. w.),
wortlber das Nähere bei den Rtlckenmarkskrankheiten (Band XI).
Die cerebralen Anästhesien sind nur dann leicht als solche zo
erkennen, wenn sie. eine Seite des Körpers betreffen; häufig aber
kommen sie auch ganz local beschränkt auf einzelne Hantstellen,
Nerrengebiete oder Extremitäten vor und dann ist die Entscheidung
nur durch die begleitenden cerebralen Symptome (motorische Läh-
mungen, Sinnesstörungen, Betheiligung der Oehimnerven, Schwindel,
Abnahme der Intelligenz und des Gedächtnisses u. s. w.) möglieb,
aber in den meisten Fällen auch leicht. Anästhesien können bei
Herderkrankungen und bei diffusen Erkrankungen des Gehirns Yor-
kommen; sie sind meist nicht sehr hochgradig und zeigen eine ent-
schiedene Neigung zum Besserwerden ; partielle Empfindungslähmun-
gen kommen vor, wiewohl selten. Die grosse Mimnichfaltigkeit in
dem Auftreten der cerebralen Anästhesien erklärt sich einfisusb aus
der räumliehen Trennung der sensiblen, motorischen und vasomoto-
rischen Bahnen im Gehirn und den zahlreichen ErkrankungsmögU^-
keiten desselben. — Bei den Psychosen kommt aufhUend häufig
Analgesie vor, doch auch einfache locale Anästhesie. Für alle De-
tails müssen wir auf die betreffenden Specialabschnitte verweisen.
Von den Anästhesien einzelner peripherer Nerven verdient eine
ausfuhrlichere Erwähnung wohl nur die Anästhesie des Trige«
minus.
Dieselbe wird verhältnissmässig häufig isolirt beobachtet nnd
stellt eine meistentheils ernste Erkrankung dar, die neben ihrer pnÜL-
tischen Bedeutung auch noch sehr erhebliches physiologisches und
pathologisches Interesse bietet.
Anästhesie. Yerschiedene Formen derselben. Anästhesie des Trigeminus. 207
Sehr häufig sind es Entzttndangeii , Erweichungen, Degenera-
tionen, Oeschwulstbildungen u. dgl. in dem intracraniellen Theil des
Trigeminus und besonders im Ganglion Gasseri, welche diese Anä-
sthesie bedingen. Oder es pflanzen sich pathologische Processe von
den benachbarten Theilen, ELnochen, Oefässen, Hirnhäuten etc. auf
den Trigeminus fort, oder derselbe wird bei Schädelbrüchen, Kopf-
verletzungen, Operationen etc. mit verletzt Solche und ähnliche
Ursachen haben die peripheren Anästhesien des Trigeminus; doch
auch die centrale Faserung desselben kann bei Apoplexien, Tumoren,
Erweichung, Sklerose des Gehirns in Mitleidenschaft gezogen werden,
welche sich als Anästhesie manifestirt.
Je nach dem Sitze der Erkrankung ist natttrlich die Ausbreitung
der Anästhesie eine verschiedene, entweder eme locale, auf einzelne
Aeste oder Hauptstämme beschränkte, oder eine über den ganzen
Verbreitungsbezirk des Trigeminus ausgedehnte. Im letzteren Fall
ist die ganze betreffende Gesichtshälfte, ein Theil des Ohres, die
Haut der Schläfe und des Vorderkopfs, empfindungslos. Die Gon-
junctiva und Cornea, die betreffende Seite der Nasenschleimhaut, der
Mundhöhle, Zunge, des Zahnfleischs und eines Theils des Rachens
sind mehr oder minder vollständig anästhetisch. Ob partielle 'Em-
pfindungslähmungen im Gesicht vorkommen, ist mir nicht bekannt.
Wenn die Kranken ein Glas an den Mund setzen, scheint es ihnen
zerbrochen, sie ftihlen nicht, wenn sie auf der anästhetischen Seite
etwas im Munde haben, nicht wenn ihnen ein Fremdkörper ins Auge
kommt u. dgl. — Von Begleiterscheinungen sind excentrische Schmer-
zen, oft in Form eines heftigen Tic douloureux nicht selten. — Die
ELanbewegungen können gestört oder unversehrt sein, das hängt von
der Mitbetheiligung der Portio minor trig. ab, ebenso wie die vor-
handene oder fehlende Atrophie der Kaumuskeln. Die vom Facialis
innervirten Gesichtsmuskeln sind der willkürlichen Bewegung in voll-
kommener Weise fähig; doch erscheinen die Bewegungen der anä-
sthetischen Gesichtshälfte nicht selten gehemmt und mehr träge.
Reflexe fehlen bei peripherer Anästhesie ;rollkommen. — Die Haut
des Gesichts erscheint gedunsen, oft bläulich geröthet und kühl;
Auflockerung des Zahnfleisches, Caries der Zähne, Geschwürsbildung
auf Mund- und Nasenschleimhaut, Blutungen aus denselben hat man
beobachtet; Verletzungen, welche häufig durch Beissen auf die anä-
sthetische Wangenschleimhaut entstehen, heilen schwer und werden
zu schlecht aussehenden Geschwüren. — Auffallend sind meist die
Erscheinungen an den Augen : die Sehschärfe nimmt ab wegen man-
gelnder Thränensecretion und secundärer Ernährungsstörungen und
208 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Hyperämie; die Cornea trübt sich, ulcerirt, perforirt, und das Auge
geht atrophisch zu Grunde; darüber haben wir oben schon ge-
sprochen.*) — Die Geruchsempfindnng leidet nur durch die vorhan-
dene Trockenheit der Nasenschleimhant, von welcher jedoch durch
einfach sensible Reize (Ammoniak, Schnupftabak) keine Reflexe mehr
ausgelöst werden können. Das Gehör bleibt meist intaet, wenn nicht
der Tensor tympani durch die Affection gelähmt wird; in diesem
Falle können geringe Gehörstörungen vorkommen. Neuerdings hat
aber Moos^) über eigenthümliche Fälle berichtet, in welchen neben
meist doppelseitiger Anästhesie des Trigeminus, welcher zuweilen
lebhafte Reizerscheinungen voraufgehen, sich eine, manchmal mit
subjectiven Gehörsempfindungen eingeleitete, progressive Lähmaug
des Acusticus, totale Taubheit, einstellt. Die motorische Portion des
Quintns bleibt dabei frei. Der Sitz dieser, gewöhnlich ziemlich acut
auftretenden Affection muss wohl in der Medulla oblongata gesucht
werden. — Dagegen pflegt sehr gewöhnlich die Geschmacksempfin-
dung erheblich beeinträchtigt zu sein. Es fehlt dieselbe auf den
zwei vordem Dritteln der der anästhetischen Seite angehörigen Zan-
genhälfte. Bekanntlich vermittelt der N. lingualis die Geschmacks-
empfindung in diesen Theilen der Zunge ; die Geschmacksfasem wer-
den ihm aber zum grössten Theil durch die Chorda tympani von der
Bahn des Facialis her zugeftihrt. Da jedoch eine Reihe wohlcon-
statirter Fälle vorhanden ist, in welchen völlige Anästhesie des Tri-
geminus ohne Betheiligung des Facialis mit Verlust des Geschmacks
auf der vordem Zungenhälfte einherging (z. B. Hirschberg, Gatt-
mann, Kocher, Hippel U.A.), so ist es wahrscheinlich, dass die
Geschmacksfasem der Chorda doch aus der Trigeminusbahn stammen.
Sobald dieselbe also da lädirt wird, wo sie diese Geschmacksfasem
noch enthält — was nach den vorliegenden Beobachtungen an der
Schädelbasis der Fall zu sein scheint <— tritt gleichzeitig Geschmacks-
lähmung ein. (Wir werden auf diese in vieler Beziehung wichtige
Frage bei den Neurosen der Geschmacksnerven und bei der Lähmung
des Facialis noch ausführlich zurückkommen ; s. die betreffenden Ca-
pitel.) — Ueber das Verhalten der Speichelsecretion bei TrigeminuS'
anästhesie liegen noch keine Angaben vor.
Das ist in Kürze das Krankheitsbild der Anästhesie des Trige-
1) Dass bei Anästhesie des Trigeminus der Augendruck sinke, geht aus dem
yon Hirsch her g (Centralbl. 1875 No. 6) publicirten Falle keineswegs hervor,
da in diesem Falle gleidueeitig fast alle Augenmuskeln gelähmt waren.
2) Bericht üb. d. I. Yersamml. südwestd. Nenrolog. u. Irrenärzte in Baden-
Bad^n. Arch. f. Psych u Nenrenkrankh. VI. 3. 1876.
Anästhesie. Anästhesie d. Trigeminus. Verlauf. Dauer. Ausgänge. 209
minoSy wie dieselbe tbeils isolirt ftlr sich, theils als Theilerscbeinang
Terscbiedener cerebraler und basaler Erkrankungen vorkommt, lieber
den Sitz des Leidens, seine peripbere oder centrale Entstehung wird
man aus der Verbreitung der Anästhesie, aas der Anwesenheit moto-
rischer, trophischer mid sensorieller Störungen, aus dem Vorhanden-
sein oder Fehlen von Störungen der Nerven an der Himbasis oder
dee Gehirns bei einiger Aufmerksamkeit leicht ins Klare kommen.
Die betreffenden diagnostischen Sätze s. bei Bomb erg.
Die Anästhesie der einzelnen spinalen Nerven bedarf keiner be-
sonderen Beschreibung; ihr Sitz und ihre Ausbreitung ergeben sich
aas der Anatomie; ihre Aetiologie . und Symptomatologie aus den
vorstehenden Auseinandersetzungen.
Verlauf, Dauer und Ausgänge.
Was ttber Verlauf, Dauer und Ausgänge der Anästhesie
zu sagen wäre, lässt sich in wenige Worte zusanamenfassen ; es hängt
das fast ausschliesslich von der Orundkrankheit und ihrer Heilbar-
keit ab. Der Beginn der Anästhesie kann ein ganz plötzlicher oder
kann ein ganz allmäliger sein; dazwischen kommen alle möglichen
Abstufungen zur Beobachtung. In günstigen Fällen tritt, nachdem
die Störung ihren jeweiligen Höhepunkt erreicht hat, allmälige
Besserung und endlich Heilung ein (so z. B. bei vielen cerebralen
Anästhesien, bei den rheumatischen, ischämischen, traumatischen
Formen). In ungünstigen Fällen ist die Verschlimmerung eine con-
tinuirlich oder sprungweise zunehmende: von der partiellen zur to-
talen, von der drcumscripten zu der diffusen Anästhesie fortschrei-
tend; weiterhin gesellen sich schwere Ernährungsstörungen dazu,
ausgebreiteter Decubitus, der durch Erschöpfung der Kräfte oder
Pyämie den Tod herbeiftlhren kann. Doch ist selbst bei vorge-
schrittenen anästhetischen Zuständen immerhin noch Besserung mög-
lich — es hängt das eben alles vom Grundleiden ab und es hiesse
fast die ganze Pathologie des centralen Nervensystems recapituliren,
wenn wir näher auf die verschiedenen Verlau&weisen eingehen wollten.
— Häufig bleibt auch nach eingetretener Besserung noch ein oder
das andere Residuum der Krankheit zurück: die Sensibilität bleibt
längere Zeit etwas stumpf, wird besonders durch die Kälte deutlicher
vermindert, als an gesunden Hautstellen ; manchmal bleiben einzelne
Empfindungsqualitäten ftlr längere Zeit als die andern, oder dauernd
erloschen und es kann so eine Art unvollständiger Heilung zu Stande
kommen.
Handbaeh d. spec. Pathologie ü. Therapie. Bd. XII. 1. 2. AoA. 14
210 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Diagnose.
Die Diagnose der Empfindungslähmüng hat verschiedene Punkte
zu berücksichtigen. Zunächst den Grad und die Ausbreitung des Lei-
dens: mit Hülfe der sämmtlichen oben angegebenen Untersuchungs-
methoden wird man sich darüber Klarheit verschaffen können.
Demnächst hat man den Sitz des Krankheitsherdes zu er-
mitteln und hier ist die wichtigste Unterscheidung die, ob periphere
oder centrale Erkrankungen die Anästhesie bedingen. Die Hanpt-
anhaltspunkte ergeben sich aus der im Vorstehenden gegebenen Dar-
stellung schon von selbst; män.muss zur Entscheidung herbeiziehen:
die Ausbreitung und den Orad der Anästhesie (partielle Empfindungs-
lähmung kommt fast nur bei centralen Erkrankungen, bei peripheren
beinahe nie vor), die begleitenden motorischen, vasomotorischen und
trophischen Störungen, das Verhalten der Reflexe, das Fehlen oder
Vorhandensein spinaler und cerebraler Symptome, den Nachweis
etwaiger Ursachen u. s. w. — Die Unterscheidung, ob es sich um
eine eigentlich periphere Anästhesie oder um eine periphere Lei-
tungsanästhesie, und andrerseits, ob es sich um eine eigentlich
centrale oder um eine cerebrale Leitungsanästhesie handelt, wird
sich in den meisten Fällen aus den Details des Krankheitsbildes er-
geben. Oft ist diese Entscheidung aber nicht sicher möglich.
Endlich hat die Diagnose sich auch noch zu erstrecken auf die
eigentliche Ursache der Anästhesie, auf die zu Grunde liegende
pathologisch-anatomische Veränderung. Hier können detaillirte An-
gaben nicht gemacht werden : eine sorgfältige Erwägung der einzelnen
Erscheinungen, wie sie zum grossen Theil die specielle Pathologie
ftlr die verschiedenen zu Orunde liegenden Erkrankungen angibt,
muss die nöthigen Anhaltspunkte liefern. Häufig wird so eine exacte
Diagnose möglich sein; nicht selten aber auch nicht und bei einer
grossen Gruppe von Anästhesien, die auf sog. impalpablen Emährongs-
störungen beruhen (Hysterie, Intoxicationen, Rheumatismen u. s. w.),
werden wir uns auf vage Vermuthungen in Bezug auf Sitz und pa-
thologische Anatomie des Leidens beschränken müssen.
' Prognose.
Die Prognose der Anästhesien richtet sich fast ausschliesslich
nach der Ursache, resp. nach dem Sitze des Leidens. Günstigen
Ausgang darf man erwarten bei den rheumatischen, ischämischen,
hysterischen und syphilitischen Anästhesien, bei den durch periphere
Eälteeinwirkung oder Aetzmittel hervorgerufenen Formen. Ebenso
Anästhesie. Diagnose. Prognose. Therapie. 211
gibt massige Compression meist eine günstige Prognose, wenn das
comprimirende Moment beseitigt werden kann ; ist dagegen die Com-
pression so stark gewesen, dass Degeneration des Nerven eingetreten
ist, dann ist die Prognose ungünstiger, jedenfalls die Heilungsdauer
eine sehr lange. Noch mehr gilt dies für völlige Continuitätstren-
nangen : hier tritt immer Degeneration ein und es kommt alles darauf
an, ob die getrennten Nervenenden sich in einer für die Zusammen-
heilung und Begeneration günstigen oder ungünstigen Situation be-
finden; im ersteren Fall wird nach einiger Zeit (meist mehrere
Monate) Heilung eintreten, im letzteren Fall wird dieselbe Monate
und Jahre erfordern oder ganz ausbleiben. — Die Anästhesien nach
acuten Krankheiten verlaufen meist günstig; ebenso die toxischen. —
Die Prognose der spinalen und cerebralen Anästhesien fällt meist
mit der Prognose des Grundleidens zusammen, jedoch nicht immer;
speciell bei cerebralen Formen (z. B. durch Apoplexie, Embolie be-
dingten) beobachtet man nicht selten, dass die sensible Lähmung
bald verschwindet, während die übrigen Erscheinungen fortbestehen.
Im Allgemeinen auch sind cerebrale Anästhesien prognostisch
günstiger zu beurtheilen als spinale. Sind die letzteren sehr voll-
ständig und hochgradig, sind sie von schweren Ernährungsstörungen
begleitet, dann ist die Prognose meist schlecht. (Alles Nähere s.
Band XL)
Therapie.
Vor Allem muss die causale Indication erftlllt werden; in der
grossen Mehrzahl der Fälle ist die directe, die symptomatische Be-
handlung erfolglos, wenn nicht die Ursache der Anästhesie beseitigt
ist, und häufig genügt allein die Erfüllung der Gausalindication, die
Heilung der Grundkrankheit, um die Anästhesie von selbst ver-
schwinden zu machen. Es würde viel zu weit tlQhren, hier auch nur
annähernd die von der Gausalindication möglicherweise geforderten
therapeutischen Maassnahmen anzudeuten: es ist klar, dass die ver-
schiedensten chirurgischen Eingriffe, dass zahlreiche innere und äussere
Heilmittel, dass besonders auch die Elektrotherapie, die Hydro- und
Balneotherapie eine ausgedehnte und wichtige Anwendung finden
können. Besonderes Augenmerk wird man in häufigen Fällen auf
die zu Grunde liegenden Erkrankungen des Gentralnervensystems zu
richten haben.
Ist jedoch keine Ursache nachweisbar, oder ist nach Beseitigung
der Ursache die Anästhesie noch mehr oder weniger vollständig vor-
handen, oder wenn man neben der causalen Behandlung gleichzeitig
14*
212 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
das störeDde Symptom der Anästhesie in Angriff zn nehmen Grund
hat, dann tritt die direete Behandlung der Anästhesie ein^ es
wird dies Symptom selbst Object geeigneter therapeutischer Maass-
nahmen. Es scheint, als ob in vielen Fällen eine solche direete Be-
handlung zur völligen Heilung unumgänglich wäre, denn gar oft
sieht man auch nach der Entfernung der Ursache und der Heilang
des Grundleidens die Anästhesie erst einer directen Behandlung rasch
weichen. — Wo jedoch eine durch unsere Mittel nicht zu beseitigende
Ursache vorhanden ist, wird man natürlich von der directen Behand-
lung der Anästhesie nichts zu erwarten und dieselbe als überflüssig
zu unterlassen haben.
Der Hauptzweck dieser directen Behandlung ist die Wieder-
herstellung der gesunkenen oder aufgehobenen Erreg-
barkeit und Leitungsfähigkeit der sensiblen Apparate.
Dieser Zweck wird am besten erreicht durch die periphere Einwirkung
geeignet abgestufter Reize, weiche einerseits die verminderte Erreg-
barkeit zu steigerui andrerseits in der Faserleitung vorhandene Hinder-
nisse zu überwinden im Stande sind.
Weitaus das vorzüglichste von allen hierzu brauchbaren Mittein
ist unbestritten die Elektricität, ein Reizmittel, welches in der
feinsten und verschiedenartigsten Weise abgestuft und mit der grössten
Leichtigkeit und ohne üble Nebenwirkungen im Gefolge zu haben,
überall angewendet werden kann. Die zweckmässigsten hierher ge-
hörigen Methoden (von den überaus zahlreichen und wichtigen Modis
der Anwendung der Elektricität gegen das Grundleiden, spinale,
cerebrale Erkrankungen, Neuritis, vasomotorischen Ej*ampf u. s. w.
haben wir hier nicht zu sprechen und verweisen flir dieselben auf
die betreffenden Abschnitte dieses Werkes und die Lehrbücher der
Elektrotherapie) sind:
a. Faradisa tion der Haut, mittelst des elektrischen Pinsels
oder der elektrischen Bürste, oder wenn die Reizung nicht so stark
zu sein braucht, mittelst feuchter Elektroden. Am besten nimmt man
die Inductionsströme von der secundären Spirale und benutzt die
Kathode (des Oeffnungsstroms) zur Hautreizung, während die Anode
an irgend einer indifferenten Stelle angesetzt wird; die Ströme müssen
meist sehr stark sein, die Reizung soll ein paar Minuten andauern.
Die anfangs unfühlbaren Ströme werden in günstigen Fällen im
Laufe der Sitzung alimälig fühlbar und können schliesslich selbst
schmerzhaft werden. Dann zeigt sich in dem faradislrten Theil eine
mehr oder weniger vollständige Wiederherstellung der Sensibilität
auch für andere Reize, Tast-, Schmerzempfindnng etc. Diese Besserung
Anästhesie. Therapie. 213
kann Stunden und Tage lang anhalten cind endlich dauernd werden.
Sie beschränkt sich bei cerebralen Anästhesien manchmal nicht bloss
auf die direct gereizten Stellen ; sondern man sieht manchmal auch
die nicht direct behandelten anästhetischen Stellen wieder empfindlich
werden y so z. B. bei Faradisation des Armes Wiederkehr der Sensi-
bilität im Bein (Vulpian). Die Erklärung aller dieser Wirkungen
ist aber noch in hohem Grade hypothetisch.
b. Galvanisation der Haut, am besten durch labile Ein-
wirkung (Hin- und Herstreichen) der Kathode auf der wohldurch-
feuchteten Haut und bei starkem Strom. Die Anode wird dabei auf
den Krankheitsherd oder an einer indifferenten Stelle aufgesetzt. In
vielen Fällen ist auch gleichzeitige energische Beizung der Nerven-
Stämme von Nutzen. — Weniger zweckmässig ist die Anwendung
des elektrischen Pinsels in Verbindung mit der Kathode des galva-
nischen Stroms; es gehören dazu enorme Stromstärken und dann
entstehen leicht Anätzungen der Haut. Dauer der Einwirkung wie
beim faradischen Strom; Häufigkeit der Wiederholung derselben nach
allgemeinen Grundsätzen. In heilbaren Fällen sieht man' meist nach
jeder Sitzung Besserung eintreten; die verschieden lange Zeit anhält
and endlich dauernd wird.
In ähnlicher Weise wie die Eiektricität wirken zahlreiche andere
Hautreize, besonders die so sehr beliebten Spirituosen, ätherischen
und andere reizende Einreibungen (Opodeldoc, Kampherspiritus, Ol.
terebinthin., Ol. sinapeoS; Spir. formicar., Spir. serpylli, Tinct. can-
tharidum, Ungt. veratrini u. s. w.). Intensivere Wirkungen kann man
durch Urtication, abwechselnd kalte und heisse Douchen, trockne
Kohlensäurebäder u. s. w. erreichen. In gelinderer Weise wirken
warme Bäder, Thermen und einfache Frictionen. T ü r c k hat schon
nachgewiesen, dass man durch Reiben allein geringe Grade von
Anästhesie beseitigen kann und so mag der mechanische Beiz des
Beibens einen gewissen Antheil an dem vielgerfthmten Erfolge vieler
Einreibungen haben.
Die energischeren Gegenreize (Vesicantien, Pnstelsalben, Moxen,
Glttheisen) dürfen nur nach ganz bestimmten Indieationen (meist
causalen) Anwendung finden; vor ihrer Anwendung an anästhetischen
Theilen, welche zu ernsteren Ernährungsstörungen geneigt sind, ist
entschieden zu warnen.
Innere Mittel werden meist nur nach Maassgabe der Causalindi-
cation Anwendung finden. Direct gegen die Anästhesie hat man das
Strychnin empfohlen; ausserdem manche andere Nervina (Moschus,
Castoreum, Valeriana, Amica u. s. w.), deren Wirkung aber im
höchsten Grade zweifelhaft ist.
214 Ebb, Kraiikheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Die Anästhesie des Trigeminas wird vor Allem die dareh das
anzunehmende Grnndleiden geforderte Behandlung erfahren mtlssen;
bei ihr spielt die Anwendung des galvanischen Stroms eine hervor-
ragende Rolle, erheischt jedoch Vorsicht wegen der Nähe des Ge-
hirns. Gegen die neuroparaljtische Ophthalmie ist ein Schutzverband
des Auges das beste Mittel. — Die Emährungstörungen der Haut
werden nach bekannten chirurgischen Grundsätzen behandelt.
Das diätetische Verhalten(Lebensweise, Ernährung u. s, w.)
richtet sich einfach nach den causalen Indicationen. Eine besondere
Berücksichtigung verdient der prophylaktische Schutz anästhetischer
Theile gegen schwerere Ernährungsstörungen. Die geeigneten Mittel
dazu sind: passende Lagerung und Unterstützung der Theile, Ver-
meidung jedes länger anhaltenden Drucks, scrupulöseste Reinlichkeit,
kalte und spirituöse Waschungen. Dennoch wird es nicht immer
gelingen, das Auftreten solcher Ernährungsstörungen dauernd hintan-
zuhalten.
Musculäre Anästhesien.
Nasse, Zeitschr. fOr psych. Aerzte. t822. Heft II. — Ch. Bell, Physiol. a.
pathol. Unters, d. Nervensyst Deutsch v. Romberg. 18.H2. S. 185. — 0. Landry,
Snr la paralysie du sentim. d'actlYit^ muscul. Aren, g^n^r. 1852. — Gaz. d. höp.
1855. — Duchenne, Electrisat locaUs^e. IL edit p. 389 u. 424. 1861. —
£. Leyden, Ueber Muskelsinn u. Ataxie. Yirch. Arch. Bd. 47. 1867. — Bern-
hardt, Zur Lehre vom Muskelsinn. Arch. f. Psych, u. Neryenkrankh. Bd. III.
1872. — C. Sachs, PbvsioL u. anatom. Untersuchungea über die sensiblen Ner-
ven der Muskeln. Keichert u. Dubois' Arch. 1874 u. Dissert. Berlin. 1875. —
C. Sachs, Die Nerven d. Sehnen. Reich, u. Dubois* Arch. 1875 S. 402.
Vgl auch die Lehrbücher von Romberg, A. Eulenburg u. A. und die
Handbücher der Physiologie.
Wir können hier die sog. musculären Anästhesien (und verwandte
Erseheinungen) nur ganz flüchtig berühren, entsprechend der verhält-
nissmässig geringen praktischen Wichtigkeit, welche diese Dinge zur
Zeit noch besitzen. Es mag geradezu gewagt erscheinen, diese Krank-
heitserscheinungen in dem Abschnitt über Krankheiten des peripheren
Nervensystems abzuhandeln, da ja peripherische Bahnen, welche die
Muskelsensibilität vermitteln könnten, erst in allemeuster Zeit nach-
gewiesen werden konnten. Ueberdies sind die musculären Anästhe-
sien so vorwiegend Symptome von centralen, besonders spinalen
Nervenleiden, dass ihre eingehendere Würdigung den Gapiteln über
diese centralen Erkrankungsformen vorbehalten bleiben muss. Immer-
hin kann eine kurze Erwähnung derselben auch an dieser Stelle
nicht wohl umgangen werden.
Die Exist^iz anatomischer Bahnen für von den Muskeln her-
kommende centripetale Erregungen wird von manchen Beobachtern
MuBculäre Anästhesien. MuskelgefOhl. 215
TollstäDdig geleugnet und es werden von diesen nur durch die Mus-
keln hindurchtretende und zu ihren Nachbargebilden (Fascien etc.)
gehende sensible Nervenbahnen zugegeben. Soviel schien bislang
nur sicher y dass die etwa vorhandenen sensiblen Muskelnerven mit
den hintern Wurzeln das Rückenmark verlassen, sich aber im weitem
Verlauf den motorischen Nerven beimischen und mit diesen zu den
Muskeln gelangen. Erst in allerneuster Zeit hat Arndt (Arch. i
mikrosc. Anat. IX. S. 481) in den Muskeln feine Nervenfasern ge-
funden (bei allen Thierclassen) , welche das Sarcolemma umspinnen
und in diesem zu endigen scheinen, und welche er fUr die sensiblen
Muskelnerven hält. Weit genauer und umfassender sind aber die
Untersuchungen von G. Sachs, welcher mit Httlfe verschiedener
Methoden die Existenz und anatomische Beschaffenheit sensibler
Muskelnerven wohl über jeden Zweifel festgestellt hat. Auch von
Odenius (citirt bei Sachs) wurden die sensiblen Muskelnerven ge-
sehen. Raub er nimmt an, dass den Vater'schen Körpern, die sich
in den Muskelscheiden, am Periost, in der Nähe der Gelenke finden,
ein Theil der Functionen zukommt, die man gewöhnlich dem sog.
Muskelsinn zuschreibt. Nicht minder wird den von C. Sachs ge-
fundenen und beschriebenen Nerven der Sehnen ein Theil derjenigen
sensiblen Functionen zukommen, welche beim Zustandekommen der
sog. Muskelsensibilität concurriren.
Auch die physiologischen Forschungen ttber die Sensibilität
der Muskeln haben noch manche Lücken und Unklarheiten gelassen
und eine definitive Einigung gerade ttber die Hauptpunkte ist durch-
aus noch nicht erzielt
Es lässt sich — auch ganz abgesehen von der Existenz anato-
misch getrennter Bahnen und ihrer Endigung im Muskel selbst oder
in seinen nächsten Nachbartheilen — wohl nicht leugnen, dass von
den Muskeln ausgehend und mit ihrer Function im innigsten Zu-
sammenhang stehend gewisse Empfindungen vorkommen, die ganz
unabhängig von den durch die Haut vermittelten Empfindungen sind,
mit denselben jedoch eine gewisse Aehnlichkeit haben. Diese Em-
pfindungen sind theils solche, die wir den Gemeingeftlhlen zurechnen
müssen — wir fassen sie zusammen unter dem Namen: Muskel-
geftthl; theils solche, die den Tastempfindungen analog sind, wie
diese eine Abschätzung von Gewichten, von differenten Widerständen
und Contractionszuständen ermöglichen — wir bezeichnen diese mit
dem Namen: Muskelsinn oder Eraftsinn.
Unter dem Muskelgefühl versteht man die dumpfe und un-
bestimmte Empfindung, welche bei energischer Gontraction in den
216 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
Muskeln selbst entsteht und sich bis zu förmlichem Schmerz steigern
kann (bei gewissen Krämpfen) ; femer die ganz analoge Empfindung,
welche bei faradischer Reizung der Muskeln entsteht, in ihrer Inten-
sität der angewendeten Stromstärke parallel geht, sich bis zu heftigem
Schmerz steigern und leicht von dem gleichzeitig durch die Faradi-
sation erzeugten Hautschmerz unterschieden werden kann (elektro-
musculäre Sensibilität). Ferner gehört hierher das Ermtidungs-
geflihl, welches sich in den Muskeln nach anhaltendem Gebrauche
derselben etablirt; endlich die Empfindlichkeit gegen tiefen Druck,
welche gesunde Muskeln zeigen, wenn man sie mit den Fingern
quetscht oder einen Stoss geden dieselben ftlhrt, eine Empfindung,
die von der gleichzeitigen Hautempfindung leicht getrennt werden
kann. So kenne ich es als eme bei Knaben nicht unbeliebte Quälerei,
durch starkes Quetschen des M. biceps brachii mit den Fingern leb-
haften Schmerz zu erzeugen, eine Procedur, welcher man durch
energische Contraction des Biceps die Spitze abbrechen kann ; dabei
erhellt die Nichtbetheiligung der Haut an dem Schmerze zur Evidenz.
Das Muskelgeflihl wird geprüft entweder durch äusseren Druck oder
weit besser durch Faradisation der Muskeln. Dabei tritt bei ge-
nügender Stromstärke das charakteristische dumpfe Gontractionsge-
ftihl sehr deutlich hervor, und man kann selbst durch Messung des
dazu erforderlichen Rollenabstandes einen vergleichbaren Maassstab
für die Intensität desselben gewinnen.
Der Muskelsinn ermöglicht uns zunächst die Abschätzung von
Gewichts- und Druckunterschieden und zwar in noch feinerem Maasse,
als dies durch den Druckshm der Haut möglich ist (nach E. H.
Weber werden noch Gewichtsdifferenzen von 39:40 durch den
Muskelsinn unterschieden). Er gibt uns Aufechluss über die Grösse
und Ausgiebigkeit der Muskelcontraction und über die derselben ent-
gegenstehenden Widerstände, resp. über die zur Ueberwindung der-
selben aufgewendete Kraft (Kraft sinn). Wahrscheinlich hat dieser
Muskelsinn auch einen gewissen Antheil an unserer Fähigkeit, jeder-
zeit — auch im Dunkeln oder mit geschlossenen Augen — über
die Haltung und Stellung unserer Glieder genau orientirt zu sein und
dieselbe auch bei geschlossenen Augen in genau bestimmbarer Weise
ändern zu können ; femer an der Fähigkeit , das Gleichgewicht des
Körpers zu erhalten. Höchst wahrscheinlich wirken aber bei dieser
Fähigkeit noch zahlreiche andre sensible Eindrücke mit, die von den
Gelenkenden, Bändern, Sehnen, Fascien, der äussern Haut u. s. w.
ausgehen. Da jedoch diese einzelnen Factoren durchaus nicht wohl
von einander getrennt werden können und da ihre Störungen durch
Maskelgefühl und Muskelsmn. 217
dieselben UntersncIiungsmethodeD ermittelt werden , betrachten ^ wir
sie ab zu dem Muskelsinn gehörig.
Die Prüfung des Moskelsinns geschieht durch Hebung von ver-
selüedenen Gewichten und Abschätzung ihrer Differenz (jedoch mit
sorgfältiger Ausschliessung des Drucksinns der Haut). Am besten
hängt man die Gewichte in ein um das zu untersuchende Glied ge-
schlungenes Tuch, oder l'ässt dieses so zwischen den Fingern halten,
dass es mehr durch Reibung als durch Druck festgehalten wird.
Man kann so die kleinsten, überhaupt noch fühlbaren Gewichts-
grOssen, wie auch die kleinsten wahrnehmbaren Gewichtsdifferenzen
bestimmen und durch Vergleich mit Gesunden etwaiges pathologische
Verhalten des Muskelsinns feststellen. — Auch mittelst des Dynamo-
meters kann man solche Prüfungen des Erafteinns anstellen. —
Weiterhin lässt man die Versuchspersonen mit geschlossenen Augen
ihre Glieder in bestimmte vorgeschriebene Stellungen bringen, zu
bestimmter Höhe erheben, in gleiche Lage mit dem passiv beweg-
ten Glied der andern Seite bringen; man lässt sie nach berührten
Punkten ihrer Eörperoberfläche greifen, eine vorgehaltene tickende
Uhr oder Glocke erfassen — alles mit geschlossenen Augen. Ge-
sünde flihren dies alles mit merkwürdiger Präcision aus, bei Kran-
ken wird man dagegen oft über die grosse Unsicherheit zu erstaunen
haben.
Es ist hier nicht der Ort, in die noch heute fortgeführte phy-
siologische Discussion über die wirkliche Existenz des Muskelgeftthls
tmd Muskelsinns — als von den Leistungen sensibler Muskelnerven
abhängiger Functionen — einzutreten. Die vorliegenden Fragen sind
im höchsten Grade schwierig und die Erledigung der Differenzen in
dem einen oder andern Sinne auch für die Praxis jetzt noch be-
deatungslos. Gewichtige Namen sind — wenn auch mit mancherlei
BeschiHnkungen und Differenzen — für die Existenz der Muskel-
sensibilität eingetreten: so Gh. Bell, Romberg, Bernard,
Landry, Duchenne, E. H. Weber, Leyden u. A., während
Andere dieselbe in der einen oder andern Form leugnen, so S p i e s s ,
Lotze, Remak, Schiff u. A. Erst Sachs hat neuerdings positive
experimentelle Beweise für die Existenz der Muskelseusibilität beige-
bracht. — Noch in jüngster Zeit hat Bernhardt (1. c.) das sog. Mus-
kelgeftlhl in die den Muskel umgebenden Theile verlegt und den sog.
Kraftsinn als eine Function der Seele dargestellt, welche ganz unab-
hängig von aus dem Muskel selbst stammenden centripetalen Ein-
drücken sei; Sachs hat diese Ansichten mit Schärfe zurückgewiesen.
— Von allerhöchstem Interesse fllr diese Fragen sind die merkwür-
2 IS Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
digen Beobachtungen^ welche We irMitchellan Amputationsstflmpfen
machte (Injaries of nerves Pbilad. 1872. p. 353 ff.). Er fand, dass
z. B. nach Oberarmamputationen die Kranken doch ein deutliches
Geftthl von der Stellung und Bewegung der entfernten Hand behal-
ten — was für den centralen Ursprung dieser Empfindungen sprechen
wttrde. Er fand aber auch, und das ist noch wunderbarer! dass
Faradisation gewisser Nervenstämme an amputirten Gliedern das
Gefühl der Bewegung und Stellungsänderung in den gar nicht mehr
vorhandenen Theilen auslöste , wie wenn dieselben noch da wären
— und das spricht wieder ftlr centripetal forlgeleitete Erregungen.
Diese Thatsachen verdienen genaues Studium. — Wir haben die
hier obschwebenden physiologischen Fragen nicht zu entscheiden;
für uns ist nur die praktische Erfahrung maassgebend, dass unter
pathologischen Verhältnissen sowohl das, was wir als Muskelgeftthl,
wie das, was wir als Muskelsinn bezeichnen , nach einer oder der
anderen Sichtung alterirt werden kann und zwar unabhängig von
der Hautsensibilität ! und es kommt für die praktische Verwerthnng *
dieser Thatsachen vorläufig nicht viel darauf an, ob wir die Art und
Weiset wie diese Sensationen zu Stande kommen und dem Bevnisst-
sein mitgetheilt werden, ganz genau kennen oder nicht. Nur ge-
häufte und genau angestellte pathologische Beobachtungen können
mit der Zeit darüber Licht verbreiten.
Anästhesie des Muskelgejuhls. Sie wird am leichtesten bei der
elektrischen Untersuchung erkannt ; es fehlt dann das eigenthttmliche
dumpfe Contractionsgeftlhl , welches bei der Faradisation gesunder
Muskeln wahrgenommen wird; es fehlt ausserdem die Empfindlich-
keit des Muskels gegen starken Druck. Diese Anästhesie kann mit
oder ohne gleichzeitige cutane Anästhesie vorkommen ; meist besteht
gleichzeitig Muskellähmung; der eigentliche Muskelsinn kann dabei
intact sein. — Diese Anomalie kommt am häufigsten bei hysterischen
Lähmungen vor und hat es Duchenne als charakteristisch fttr diese
Lähmungen bezeichnet, dass bei ihnen die elektromusc. Gontractilittt
erhalten, dagegen die elektromusc. Sensibilität erloschen sei. Dies
ist jedoch nicht für alle Fälle richtig. — Bei genauerer Untersuchung
wird man auch bei manchen andern Lähmungsformen diese Anästhesie
des Muskelgefühls nachweisen können.
Anästhesie des Muskelsinns. Sie äussert sich durch Abnahme
oder Verlust der Fähigkeit, Gewichtsdifferenzen wahrzunehmen oder
kleine Gewichte überhaupt durch Muskelcontraction zu erkennen ; es
wird also das noch wahrnehmbare Widerstandsminimum grösser
werden und andererseits werden die wahrnehmbaren Differenzen ver-
Anästhesie des Moskelgefühls tu Muskelsinns. Neurosen d. Sinoesnerven. 219
schiedener Gewichte an Grösse wachsen. Es ist klar^ dass dies nur
constatirt werden kann bei einigermassen erhaltener Motilität; in
ganz gelähmten Muskeln kann von einer Prüfung des Muskelsinns
gar nicht die Rede sein. — Diese Anästhesie äussert sich aber femer
auch noch durch Verlust des Geftihls für das Gleichgewicht des
Körpers I durch die Unfähigkeit, mit geschlossenen Augen über die
Lage und Stellung der Glieder , über die Grösse etwa ausgeführter
Bewegungen u. dgl. sich Rechenschaft zu geben; doch gehört dazu
wohl noch mehr als der Verlust des eigentlichen Muskelsums, indem
an den genannten Leistungen wohl andere sensible Theile einen ge-
wissen Antheil haben. Auch der Verlust des Muskelsinns kann bei
Hysterischen vorkommen und zwar ist dann meist gleichzeitig die
Etoutsensibilität und das Muskelgeftlhl gelähmt Am häufigsten aber
beobachtet man Anästhesie des eigentlichen Muskelsinns bei der
grauen Degeneration der Hinterstränge des Rückenmarks (Tabes dor-
salis) und es ist hierbei das vielbesprochene Symptom des Schwan-
kens und Hinstürzens beim Schliessen der Augen zum Theil durch
Anästhesie des Muskelsinns herbeigeführt; doch scheint hier eine
grosse Mannichfaltigkeit der Erscheinungsweise möglich zu sein: in
manchen Fällen können die Kranken noch Gewichtsdifferenzen richtig
erkennen, während das Widerstandsminimum bedeutend heraufgerückt
ist; am häufigsten ist das Gleichgewichtsgefühl und das Geflihi ftlr
die Lage und Stellung der Glieder alterirt; dabei ist meist die
elektromusc. Sensibilität erhalten; die Hautsensibilität kann in ver-
schiedener Weise alterirt sein. Das Nähere s. Band XL 2. S. 90 ff.
lieber die Therapie der musculären Anästhesien ist nicht viel
zu sagen ; sie fällt in der Regel mit der des Grundleidens zusammen.
Meist bedürfen dieselben gar keiner besonderen Behandlung. Will
man eine solche instituiren, so ist nichts anderes zu rathen, als die
directe oder indirecte Faradisation, resp. Galvanisation der Muskeln.
der
Sie stellen ein noch ziemlich dunkles und schwer abzugrenzen-
des Gebiet dar. Das, was früher in dieser Kategorie zusammenge-
&sst wurde, wird allmälig aufgehellt , und die fortschreitende Er-
kenntniss der übrigen Erkrankungen der Sinnesapparate verengert
das Gebiet der sog. Sinnesneurosen immer mehr. Die grössten Fort-
schritte hat in dieser Richtung die Pathologie der beiden höheren
Sinnesnerven, des Opticus und des Acusticus gemacht Da die Neu-
220 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
rosen derselben jedoch Specialdisciplinen angehören, die durch eine
eigene reiche Literatur vertreten sind, verweisen wir den Leser in
dieser Beziehung auf die Lehrbücher der Augen- und Ohrenheilkunde.
An dieser Stelle wollen wir nur die Neurosen der Geschmacks- und
Geruchsnerven abhandeln.
1. Neurosen der Geschmaoksnerven.
Henle, Lehrbuch der Anatomie. Bd. in. 2. Nervenlehre. 1873. — Romberg,
Nervenkrankheiten. 3. Aufl. Bd. I. S. t48 u. 301. 1853. — A. Eulenburg,
Funct. Nervenkr. S. 292. — Stich, Beitr. z. Eenntn. d. Chorda tymp. Annal. d.
Charit^, ym. 1857. — Lotzbeck, Deutsch. Klin. 1858. No. 12. ~ Ziemssen,
Yirch. Arch. XUL S. 376. 1858. — B. Schirmer, Einiges zur PhysioL des Ge-
schmacks. Deutsch. Klin. 1859. No. 13, 15 u. 18. — Neumann, Elektr. als Mittel
z. Unters, des Geschmacksinns u. über Geschmacksfunct. d. Chorda. EOnigsb.
med. Jahrb. IV. 1864. — Hutchinson, Lond. Ophth. Hosp. Rep. lY. p. 189.
1863—65. — Moos, Störung des Geschmacksinns durch Druck auf die Chorda
rp. Centralb. 1867. No. 46. Arch. f. Augen- u. Ohrenheilk. Bd. L 1. S. 207. —
Schiff, Neue Unters, über d. Geschmacksnerven d. vord. Theils der Zange.
Molesch. Untersuchungen. Bd. X. S. 406. IS67. ~ Schiff^ Intomo ai nervi Sei
gusto etc. Morgagni. 1870. — Llmparziale. XI. 1S71. No. 15 u. XII. 1872. No. 14.
— Lussana, Ilecherches experim. et observ. pathol. sur les nerfs du gout Arch.
de phvsiol. norm, et path. 1869. — Lussana, Sui nervi del gusto. Gaz. med,
Ital. Frov. Yenet. XIII. No. 42—46. 1871. — Lussana, Sur les nerfs du gout
Arch. de physiol. norm, et path. 1872. — Prövost, Note r^lat aux fonct gustat.
du nerf lingual. Gaz. m^d. d. Par. 1869. No. 37 u. 38 u. Arch. de Physiol. 1873.
— Kocher, Hirschberg^ Guttmann, Fälle von Tngeminusl&hmung. Berlin,
klin. Wech. 1868. No. 10 u. 11; 48 u. 49; 51. — A. wernich, Beär. z. d.
Par&sthes. des Geschmacks. Arch. f. Psych, u. Nervenkr. II. 1869. — Erb, Zwei
F&lle von traumat. Facialparal^^e. Arch. f. klin. Med. VII. S. 246. 1870. —
Steiner, Rüekenmarkshyperämie ; Unters, über d. Chorda tymp. bei doppels^t
central. Facialparalyse. Arch. d. Heilk. XI. 1870. — Guttmann, Seltener Fall
von Hysterie etc. Berl. klin. Woch. 1869. No. 28 u. 29. — Tillmannä, Ueber
Faciall&hmung bei Ohrkrankh. Diss. Halle. 1869. — Althaus, Zur Phys. a. Path.
d.Trigem. Arch. f. klin. Med. VE. S. 563. 1870. ~ Seeligmüller, NeuropathoL
Beobachtung. Halle. 1873. 4. Beob. — Noyes, A case of irritat of the chorda
^mp. Transact. Amer. otol. Soc. Boston 1874. — Erb, Ueber rheumatische
Fadalislähmung. Arch. f. klin. Med. XV. S. 6. 1874. — C. A. Carl, Enthält die
Chorda tymp. Geschmacksfasem? Arch. f. Ohrenheilk. 1875. — Bärwinkel,
Kritisches üh. Facialis!, u. Klinisches üb. d. Chorda tymp. Arch. f. kUn. Med.
XVI. S. 122. 1875. — Bernhardt, Ueber die Function d. Trigeminus als Ge-
schmacksnerv. Arch. f. Psych, u. Nervenkr. VL S. 561. 1876. — Urbantschitsch,
Ueber Anomal, d. Geschmacksempfindung etc. in Folge eitriger Erkrankungen d.
Paukenhöhle. Anz. d. k. k. Ges. d. Aerzte in Wien. 1876. No. 25. —
Die Anatomie und Physiologie der Geschmacksnerven ist noch
immer ein streitiges Gebiet; es bestehen wenigstens in einigen we-
sentlichen Punkten unter den Hauptforschem noch erhebliche Diffe-
renzen. Die folgende Darstellung des heutigen Standes dieser Lehre
sucht möglichst nur das zu geben, was heutzutage als feststehend
oder im höchsten Grade wahrscheinlich betrachtet werden kann ; sie
mag als Ergänzung dessen dienen, was wir bei der Trigeminus-
anästhesie über die Störung der Geschmacksfunction gesagt haben.
Neurosen der Geschmacksnerven. Physiologie. 221
und wir werden uns später bei der Facialislähmnng nochmals aus-
führlich darauf zu beziehen haben.
Das Hauptorgan ftlr die Vermittelung der Qeschmacksfunction
ist jedenfalls die Zunge; ausserdem werden aber auch Geschmacks-
empfindungen rermittelt von einem Theil des weichen Gaumens, den
Craumenbögen und wohl auch von den Rachenwandungen. Soviel
ist sicher y dass die Zungenwurzel und die Bachengebilde einerseits,
und die vordere Zungenhälfte andrerseits ihre Geschmacksfasern von
verschiedenen Nervenbahnen her erhalten.
Die Geschmacksfasem fOr den hinteren Theil der Zunge, den
Gaumen, die Rachenwand liegen im N. glossopharjmgeus ; das ist
über jeden Zweifel durch zahllose Versuche an Thieren (Schiff,
L US Sana und Inzani u. A.) festgestellt und gilt jedenfalls auch
fUr den Menschen.
Die vorderen zwei Drittel der Zunge und die Zungenspitze er-
halten ihre Geschmacksfasern zunächst aus dem N. lingualis:
Dnrchschneidung desselben in der Nähe seines Eintritts in die Zunge
hebt den Geschmack in den genannten Theilen vollständig auf; das
ist durch das Thierexperiment und ebenso durch gleichwerthige
Experimente am Menschen (Resection des Lingualis wegen Neuralgie
Busch, Inzani, v. Gräfe, Yanzetti) erwiesen.
Weiterhin hat man aber auch gefunden, dass Durchschneidung
der Chorda tympani (oder Lähmung des Facialis an einer Stelk,
wo er die Chordafasem noch enthält) ebenfalls im vordem Abschnitt
der Zunge Geschmackslähmung oder doch Geschmacksverlangsamung
erzeugt (Bernard, Schiff, Lussana, Neumann, Stich, Till-
manns u. A.). Und andrerseits geht aus manchen Beobachtungen
der Ohrenärzte hervor, dass bei zufälliger Reizung der Chorda Ott-
schmacksempfindungen in der Zungenspitze (neben prickelnder oder
stechender Sensation und vermehrter Speichelabsonderung) hervor-
treten (Noyes). Damit war festgestellt, dass die Chorda tympani
ebenfalls Geschmacksfasem ftthrt, und es musste nun nothwendig die
Frage entstehen, ob alle Geschmacksfasem aus dem Lingualis in
die Chorda übertreten, oder ob ein Theil derselben im Lingualis
bleibt. Schiff ist nach seinen Versuchen fOr die letztere Meinung
eingetreten, da er bei isolirter Durchschneidung der Chorda ebenso
wie bei isolirter Durchschneidung des Lingualis (oberhalb der Ver-
bindung mit der Chorda) jedesmal nur Abstumpfung des Geschmacks,
keine völlige Lähmung desselben eintreten sah. Andere dagegen
(Neumann, Lussana) sehen die Chorda tympani als den alleinigen
Geschmacksnerv fbr die vordere Zungenhälfte an. Jedenfalls ist so
222 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
viel sicher, dass die Chorda einen sehr erheblichen Theil, wenn nicht
alle Geschmacksfasem flir die vordere Zangenhälfte enthält; wahr-
scheinlich kommen hier grosse individuelle Verschiedenheiten vor.
Es besteht nun aber auch noch Streit über den weiteren Veriauf
der Chordafasem zum Gehirn. Einige Experimentatoren (Bernard,
Lussana, Inzani) behaupten, dass sie im Facialis zum Gehirn
gelangen und dass die Portio intermedia dieselben enthält Die Be-
weise daftir sind mangelhaft: die Durchschneidung des N. facialis
an der Schädelbasis gibt keine unzweideutigen Resultate; bei Läh-
mungen des Facialis, die ihre Ursache an der Schädelbasis haben,
ist Geschmackslähmung bisher mit Sicherheit noch nicht constatirt
worden (Stich). In einem flir diese Frage wichtigen Falle von
Ziemssen fehlt leider die Section; auch bestand Anästhesie der-
selben Zungenhälfte.
Andre (besonders Schiff) behaupten, dass die Geschmacksfasem
der Chorda aus der Bahn des Facialis wieder ttbertreten in die Bahn
des Trigeminus und zwar in den zweiten Ast desselben durch Ver-
mittlung des N. petrosus superfic. major oder anderer hier vorhan-
dener Anastomosen. (Ebenso sollen die etwa im Lingualis verblie-
benen Geschmacksfasem in der Höhe des Gangl. oticum aus dem
dritten Ast durch verschiedene inconstante Anastomosen in den zweiten
Ast und so zum gemeinschaftlichen Stamm des Trigeminus gelangen.)
Schiffs zahlreiche und mannichfach modificirte Experimente, die
an Exactheit der Ausftihrung und Klarheit der Besultate die der
übrigen Beobachter zu ttbertreffen scheinen, stützen diese Ansicht
sehr: Durchschneidung des Trigeminus an der Schädelbasis hebt
allemal den Geschmack in der vorderen Zungenhälfte vollständig
auf; dasselbe wird bewirkt durch Trennung des N. petros. superf.
major., durch Loslösung des Gangl. sphenopalatin. aus allen seinen
Verbindungen und endlich durch Exstirpation dieses Ganglion. —
Pr6vost hat sich auf Grand seiner Versuche gegen diese Annahme
ausgesprochen: er sah nach Exstirpation des Gangl. sphenopalat.
keine Geschmacksstörung eintreten. S c h i f f hat in einer eingehenden
Kritik dieser Versuche nachgewiesen, dass denselben die Beweiskraft
mangelt und hat in neuen fehlerfreien Versuchen wiederholt consta-
tirt, dass Exstirpation des Ganglion in der That den Geschmack auf
der vorderen Zungenhälflie aufhebt. (Morgagni 1870.)
Es ist klar, dass alle diese Versuche an Thieren mit den grössten
Schwierigkeiten zu kämpfen haben , weil es sich dabei um Fest-
stellung subjectiver Empfindungen derselben handelt. Viel wichtiger
und beweiskräftiger sind deshalb ftir die vorliegenden Fragen patho-
Aafschluss über die Geschmacksfanctioii durch pathoL Fälle. 223
logische BeobachtuDgen am MeDschen, weil hier die Aasbreitang and
der Grad der Geschmacksstörang viel leichter festznstellen sind.
Natürlich ist aber nar einer sehr sorgfältigen kritischen Auswahl der
vorliegenden Beobachtungen Beweiskraft zuzuschreiben. *) Unter pa-
thologischen Verhältnissen kommen vor:
1. Fälle von isolirter, vollständiger Anästhesie des
Trigeminus (durch Erkrankung seines an der Schädelbasis liegen-
den Abschnittes) mit gleichzeitiger Aufhebung des Ge-
schmacks an der vorderen Zungenhälfte. (Gh. Bell,
Untersuchungen etc. S. 301 und 312; Dixon, Medice- chir. Transact.
X. 1845. p. 378 und 389; Romberg, Fall 3. S. 302; v, Meyer
bei Romberg S. 306; Rigler bei Romberg S. 262; Hutchinson,
Anstie, Hirschberg, Kocher, Guttmann, Seeligmttller,
Bernhardt u. s. w.) — Die entgegenstehenden Fälle, wo bei völliger
Anästhesie des Quintus der Geschmack auf der vorderen Zungen-
hälfte erhalten geblieben sein soll, sind alle nicht ttberzeugend. Der
Fall von Stamm (bei Romberg S. 308) beweist gar nichts, da
ein Theil der Fasern erhalten und ausserdem die Geschmacksempfin-
dung deutlich verlangsamt war; der ebendaselbst citirte Fall von
B^rard ist ganz dunkel, weil Trigeminus und Facialis zerstört ge-
wesen sein sollen y und doch der Geschmack (wahrscheinlich aber
nur im Glossopharyngeusgebiet) erhalten blieb. Der von Romberg
selbst auf S. 312 aufgeführte Fall beweist genau das Gegentheii von
dem, was Romberg daraus folgert. Der Geschmack im hintern
TheU der Zunge war hier erhalten, im vordem und mittleren Theil
dagegen erloschen. Der vielcitirte Fall von Renzi, der Lussana's
Hauptbeweismittel bildet, beweist nichts, weil nicht nachgewiesen
ist, dass alle Fasern des Quintus zerstört waren ; es ist nicht einmal
eine mikroskopische Untersuchung angestellt! Ein ebenfalls von
L US Sana (1872) citirter Fall von Vizioii kann nichts Sicheres
beweisen, da aber den eigentlichen Sitz der Läsion Dunkelheit
herrscht und die Section fehlt ; derselbe Vorwurf trifft den Fall von
Althaus; ausserdem war in diesem der Geschmack deutlich ver-
langsamt, und er wurde erst 2 Jahre nach Beginn der Affection
untersucht, wo in andern Fasern des Quintus schon deutliche Besse-
rung eingetreten war, und vielleicht eine vicariirende Thätigkeit des
Glossopharyngens sich eingestellt hatte. Es ist klar, dass die Fälle
von Trigeminuserkranknng mit negativem Befund in Bezug auf
1) Vgl. darüber meine ausführliche Zosammenstellang zahlreicher Fälle im
Deutsch. Arcb. f. klin. Medic. XY. S. 29 u. ff.
224 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
die Gescbmacksstörung nur dann eine entschiedene Beweiskraft be-
sitzen würden, wenn nachgewiesen wäre, dass alle im TrigeminuB-
stamm liegenden Fasern zerstört sind, und dass es sich nicht um eine
centrale Erkrankung handelt Dieser Nachweis ist aber in keinem
der bisher bekannten Fälle geliefert. Den Trigeminusanästhesien mit
positiver Geschmacksstömng kommt eine grössere Beweiskraft za,
weil beim Nachweis einer, auf den in der Schädelhöhie liegenden
Theil des Trigeminus beschränkten, Erkrankung und gleichzeitiger
Geschmacksstörung die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Theil die
Geschmacksfasem enthält, eine sehr grosse ist
2. Fälle von isolirter, vollständiger, peripherer
Facialislähmung mit Aufhebung des Geschmacks auf
der vorderen Zungenhälfte (Neumann, Roux, Cohn, Vi-
zioli, Lussana, M. Meyer, Erb Fall 1, Tillmanns, Lan-
douzy, Bazire, Hitzig U.A.). Hier anzuschliessen analoge Fälle
von Vereiterung des mittleren Ohres oder Caries des Felsenbeines
mit Lähmung des Facialis, Zerstörung der Chorda tympani. Endlich
3. Fälle von Lähmung des Facialis an der Schädel-
basis, oberhalb des Gangl. geniculi, ohne Beeinträch-
tigung des Geschmacks. Stich fand weder in der Literatur
noch „unter einem nicht geringen eigenen Material^ einen Fall von
Basallähmung des Facialis, in welchem der Geschmack beeinträchtigt
gewesen wäre; ebenso Erb, Fall 2. Einen hierhergehörigen, sehr
beachtenswerthen Fall findet man bei Wachsmuth (Bulbärpara-
lyse S. 21); beide Faciales an der Schädelbasis total fettig dege-
nerirt, Geschmack auf der vorderen Zungenhälfte erhalten; im Petros.
superfic. maj. normale Fasern. Noch schlagender 2 Fälle, die
Ziemssen in Virch. Arch. XIII. S. 2^3 flf. ausftlhrlich mittheilt;
endlich ein neuerer, jedoch vielleicht nicht ganz sicherer Fall von
Bärwinkel.
Die gegentheiligen Beobachtungen von angeblicher Basallähmung
des Facialis mit Beeinträchtigung des Geschmacks habe ich 1. c. S. 39
citirt und kritisirt (Ziemssen, Steiner, Davaine etc.); sie sind
mehr als zweifelhaft. Ein in neuester Zeit von competenter Seite
mitgetheilter und mit Rücksicht auf die vorliegende Frage untersuch-
ter Fall verdient noch Erwähnung. Charcot u. Gombault (Arch.
de Physiol. Y. p. 143) schliessen aus einem Fall, in welchem völlige
Facialislähmung mit Einschluss des Gaumensegels nebst Geschmacks*
lähmung bestand, während die Sensibilität des Gesichts intact, aber
Neuralgie des Trigeminus vorhanden war, dass die Geschmacksfasem
im Stamm des Facialis liegen. Auch dieser Fall ist durchaus nicht
beweiskräftig, weil mehrfache anatomische Läsionen gefunden wurden.
Bahnen der Geschmacksnerven. 225
besonders ein grösserer Herd im Pods ganz in der Nähe des Trige-
minus; femer heisst es: „Facialis und Trigeminus erscheinen in
gleicher Weise grau.^ Möglich auch^ dass der Felsentheil des
Facialis zuerst erkrankte ^ da das Velum palatinum anfangs nicht
gelähmt war.
Angesichts dieser Thatsachen, die jedenfalls die Regel für weit-
aus die Mehrzahl der Fälle bilden, ist nur der Schluss erlaubt, dass
die Geschmacksfasern zum grössten Theil aus dem N.
lingualis in die Chorda und mit dieser in den Facialis
übergehen, von diesem aber dann zum Trigeminus zu-
rückkehren. Die dieser Rückkehr dienenden Bahnen sind aller-
dings noch nicht genau bekannt; es können folgende sein: 1) vom
Gangl. geniculi durch den Petrosus superf. major und N. vidianus
zum Gangl. sphenopalatin. und damit zum 2. Ast des Trigeminus
(diese Verbindung ist auch von anatomischer Seite schon als directe
Fortsetzung der Chorda in Anspruch genommen worden so yon
Cloquet, Hirzel, Hirschfeld und Leveill^). 2) Im Facialis
peripher yerlauiende Fasern der Chorda, die durch den Ram. com-
munic. zum Auriculotemporalis, aus diesem- zum Gangl. oticum und
von hier zum Gangl. sphenopalatin. oder Gassen gelangen (hierdurch
wtlrden die Fälle erklärt, wo Trennung des Facialis unterhalb des
Foram. stylomastoid. die Geschmacksverlangsamung bewirkte: Stich ,
Lotzbeck, Vizioli, ein Vorkommniss, welches übrigens durch-
aus nicht die Regel ist, wie ich mich jüngst in einem Falle von
Parotisexstirpation überzeugte). 3) Directe Verbindungsfäden der
Chorda mit dem Gangl. oticum etc. 4) Vom Gangl. geniculi durch
den Plex. tympan. zum Petros. superiSc. minor, zum Gangl. otic.
u. ß. f. Es sind wohl noch mehrere Verbindungswege vorhanden,
ebenso für die etwa im Lingualis verbleibenden Geschmacksfasem^
und es ist möglich, dass dieselben bei einzelnen Individuen in sehr
verschiedener Weise benutzt werden ; darauf kommt am Ende wenig
an; wesentlich ist nur die Thatsache, dass die Hauptmasse der Ge-
schmacksfasem der vorderen Zungenhälfte zunächst im Lingualis,
dann in der Chorda und eine Strecke in der Bahn des Facialis ver-
läuft, um endlich wieder in die Bahn des Trigeminus zurückzukehren
and mit diesem in das Gehirn einzutreten.
Noch eine Möglichkeit wäre hier zu erwähnen, nämlich die^
dass Chordafasem auch durch das Gangl. oticum und den N. tym-
panicus zum Glossopharyngeus und mit diesem ins Gehirn gelangen
könnten. Diese Möglichkeit ist aber Angesichts der Experimente
und pathologischen Beobachtungen am Trigeminus gar nicht wahr-
Handbach d. spec. Pathologie o. Therapie. Bd. XII. 1. 3. Aaa. 15
226 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
scheinlich; immerhin könnte sie Torkommen and so das scheinbar
paradoxe Verhalten einzelner Fälle erklären.
Dass solche Fälle vorkommen nnd vorgekommen sind, soll nicht
geleugnet werden; es mag immerhin richtig sein, dass Facialisläb-
mnngen nnd Trigeminusanästhesien an den betreffenden Stellen vor-
kommen können, ohne dass der Geschmack beeinträchtigt wäre; in-
soweit solche Fälle sich nicht ans einer unvollständigen Zerstörung
der betreffenden Nervenbahnen erklären, sind sie wahrscheinlich
zurUckzuflihren auf Varietäten und Abnormitäten der Leitungsbahnen,
welchen die Geschmacksfasern auf ihrem Wege zum Gehirn bei ein-
zelnen Individuen folgen. Endlich können auch Anastomosen des
Lingualis mit dem Glossopharyngeus innerhalb der Zunge die Rein-
heit der klinischen Erscheinungen erheblich beeinträchtigen.
Resumiren wir den Stand unserer heutigen Anschauungen über
die Geschmacksnerven, so ergibt sich folgendes: Zungengrund,
Gaumen und Rachenwandungen werden vom Glossopharyngeus ver-
sorgt; die vorderen zwei Drittel der Zunge dagegen vom Lingualis;
die Geschmacksfasem dieses Nerven treten aber zum grössten Theil
(alle?) in die Chorda tympani über, verlaufen dann innerhalb der
Facialisbahn bis höchstens zum Gangl. geniculi und treten endlich
auf verschiedenen, füt den Menschen noch nicht genauer bekannten
Bahnen, wieder zum Trigeminus (2. und 3. Ast) über und verlaufen
in dem Stamme dieses Nerven zum Gehirn.
Ueber die intracerebralen Bahnen der Geschmacksfasem, sowie
über den eigentlichen centralen Herd der Geschmacksempfindung ist
nichts Genaueres bekannt.
Die Physiologie lehrt, dass besonders die Zungenränder, die
Spitze und vor allem die Zungenwurzel mit dem feinsten Geschmacks-
vermögen ausgestattet sind, dass aber auch einzelne Theile des Gau-
mens, die vorderen Gaumenbögen und ein Theil der Rachenwand
zu schmecken befähigt sind; dass durch gegenseitige Berührung der
genannten Theile die Geschmacksempfindungen an Intensität nnd
Deutlichkeit gewinnen. Ueber das eigentliche Wesen der Geschmacks-
empfindungen ist man ganz im Unklaren, und es beruht nur auf
conventioneller Uebung, wenn man die Geschmacksempfindungen in
einzelne verschiedene Kategorien bringt, von welchen die des Bittem^
Süssen, Sauren und Salzigen die hauptsächlichen sind; jedoch ist
damit der vielseitige Inhalt der Geschmacksempfindungen keines-
wegs erschöpft.
NachLussana empfindet der vordere Theil der Zunge manche
schmeckende Stoffe anders als der hintere; mit dem vorderen Theil
Ort der Gesclimackbempfindmig. Prüfuog des GeschmackBinnes. 227
BoUen besonders gut die Nahnmgs- und Genussmittel geschmeckt
werden, während die Zongenwarzel vorwiegend der Sitz der ein-
gehen specifischen Geschmäcke (bitter, scharf, alkalisch etc.) sein
soll. Nor lösliche Stoffe können geschmeckt werden, and es sind
die meisten Geschmacksempfindungen sehr deutlich von dem Geftlhl
der Lust oder Unlust, des Angenehmen oder Unangenehmen, Widrigen
begleitet
Für die pathologische Untersuchung genügt es vollständig, sich
auf die genannten Hauptkategorien der Geschmacksempfindungen zu
beschränken und ihre Störungen genauer festzustellen. Bei diesen
Untersuchungen sind gewisse Cautelen zu berücksichtigen : Am besten
ist es, bei weit geöffnetem Munde und geschlossenen Augen die Zunge
herausstrecken zu lassen und auf die zu untersuchenden Stellen die
schmeckbaren Stoffe in möglichst kleinen Portionen und hinreichend
concentrirter Lösung mittelst eines Glasstabs oder feinen Pinsels auf-
zutragen; ehe sie die Zunge zurückziehen, müssen die Kranken durch
ein Zeichen mit der Hand oder dem Kopfe zu erkennen geben, dass
sie etwas geschmeckt haben, und dann erst sollen sie angeben, flir
was sie es gehalten haben. Hauptsache ist die genaue Localisation
des Geschmacksreizes und die Verhütung der Diffusion desselben
nach benachbarten oder entfernten Zungenpartien. Nach jedem Ein-
zelversuch muss die Zunge durch Ausspülen und Ausspucken für den
folgenden vorbereitet werden.
Zur Prüfung des bitteren Geschmacks benutzt man: Ghinin-
lösung, Coloquinthen- oder Quassiadecoct, Lösung von Pikrinsäure
u. s. w.; bittere Stoffe werden vorwiegend an der Zungenwurzel
deutlich geschmeckt. — Die Qualität des Süssen wird mittelst
Zuckerlösung, Syrup, Honig u. dgl. geprüft und tritt besonders an
der Zungenspitze deutlich hervor. — Zur Prüfung des Sauren
wählt man I^sig, verdünnte Säuren, Wein etc.; vorwiegend an den
Bändern deutlich. — Das Salzige wird mit Lösungen von Koch-
salz, Brom- oder Jodkalium, Natr. bicarbon. u. s. w. untersucht.
Zum Ueberfluss kann man auch manche Erzeugnisse der Küche,
Saucen u. dgl. zur Prüfung herbeiziehen. — Die Prüfung der zur
Geschmackserregung nothwendigen Concentrationsminima, sowie die
Prüfung der Empfindlichkeit für Concentrationsdifferenzen der gelösten
schmeckbaren Stoffe hat bis jetzt keinerlei praktische Bedeutung.
Dagegen besitzen wir in der galvanischen Geschmacks-
prüfung eine sehr werth volle und bequeme Untersuchungsmethode
flir pathologische Fälle. Neumann hat dieselbe zuerst genauer
präcisirt: 2 feine mit kleinen Knöpfen versehene Drähte werden
15*
228 £bb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
wohl yoD einander isolirt, wenige Millimeter von einander entfernt
auf irgend einen nichtleitenden Träger (Glasstab, elastischen Katheter
oder dgl.) befestigt , sind bis zu den Knöpfen mit Siegellack über-
zogen und bilden die Elektroden, welche mit den Polen eines oder
mehrerer galyanischer Elemente verbunden werden. Setzt man die-
selben auf die Zunge auf, so entsteht neben einem leichten Brennen
eine deutliche Geschmacksempfindung, die als säuerlich, salzig, me-
tallisch, kupferig u. dgl. bezeichnet wird und an der Anode etwas
stärker ist als an der Kathode. Es ist damit eine ganz genaue
Localisation des galvanischen Geschmacksreizes gegeben und man
kann durch Verschiebung des kleinen Elektrodenpaares über Zungen-
oberfläche, Gaumen etc. die Grenzen der schmeckenden und nicht
schmeckenden Bezirke haarscharf bestimmen und auch über Diffe-
renzen in der Intensität der Geschmacksempfindung an symmetrischen
Stellen leicht Aufschluss erhalten. Die Geschmacksnerven sind be-
kanntlich in hohem Grade empfindlich gegen den galvanischen Strom:
beim Galvanisiren des Halses, des Kopfes, des Nackens und häufig
selbst des Büokens treten oft sehr deutliche galvanische Geschmacks-
empfindungen ein ; wahrscheinlich sind dieselben in den meisten Fällen
durch Stromschleifen bedingt, welche zu den Gebilden der Mundhöhle
gelangen ; immerhin ist es möglich, dass auch die Geschmacksnerven
in ihrem peripheren und centralen Verlauf bei galvanischer Beizung
Geschmacksempfindungen auslösen und es wäre deshalb in manchen
pathologischen Fällen vielleicht durch verschiedene Localisation des
galvanischen Beizes Au&chluss über den Sitz der Läsion zu erhalten,
welche die Geschmacksstörung bedingt. Darauf wäre künftighin bei
geeigneten pathologischen Fällen zu achten; die Versuche müssen
jedoch mit den grössten Cautelen angestellt werden, wenn sie zu
beweisenden Besultaten fahren sollen.
Die Geschmacksneurosen lassen sich in zwei Gruppen bringen,
von welchen die eine die Hyperästhesien und Parästhesien der Ge-
schmacksnerven, die andere die verschiedenen Formen der Anästhesie
derselben enthält.
Hyperästhesie und Parästhesie der Geschmacksnerven. — Hyperaesth.
gustatoria.
Es sind das im Ganzen seltene Vorkommnisse, die bis jetzt
keine grosse praktische Bedeutung haben und auf welche sich wohl
die Aufmerksamkeit etwas eingehender richten dürfte. Die eigent-
liche Geschmackshyperästhesie kann sich äussern als eine Verfeine-
rung der Geschmacksempfindung, so dass schon ganz minimale Dosen
Hyperästhesie, Farästhesie und Anästhesie der Geschmacksnerven. 229
von schmeckenden Stoffen wahrgenommen werden; so z. B. bei
Hysterischen, welche manchmal in Speisen oder Arzneien einzelne
Stoffe heransschmecken, von welchen ein Gesunder keine Spur wahr-
nimmt; oder sie äussert sich darin, dass die begleitenden Gefühle
der Lust oder Unlust eine erhebliche Steigerung erfahren, so dass
manche Stoffe ungemein widrig, andere auffallend angenehm schmecken,
was sie bei Gesunden nicht thun. Auch diese Anomalie kommt vor-
wiegend bei Hysterischen vor. Wem ich beobachtete etwas Aehn-
liches bei Kranken, welche nach subcutanen Injectionen von Mor-
phium auffallend rasch einen bitteren ekelerregenden Geschmack auf
der Zunge bekamen.
Zu den Parästhesien des Geschmacks darf man wohl die spon-
tanen, subjectiven Geschmacksempfindungen rechnen, die in manchen
Fällen von rheumatischen Facialparalysen auf der vorderen Hälfte
der ZuDge wahrgenommen werden (Boux; Stich); es wird dabei
bald ein „säuerlicher'', bald ein „süsslicher'' oder auch ein „fader"
Geschmack angegeben. — Bei Erkrankungen des Trigeminus, bei Ge-
sichts- und Lingualneuralgien hat man solche Geschmacksstörungen
noch nicht beobachtet. Hierher gehören wohl auch die (rcschmacks-
empfindungen, welche nach dem Einnehmen gewisser Arzneistoffe
in der Zunge sich einstellen; am besten bekannt ist der bittere Ge-
schmack bei Santoningebrauch (Böse), der so hervortritt, dass z. B.
Wasser beim Trinken ebenfalls einen bitteren Geschmack hat Wahr-
scheinlich handelt es sich hier um Einwirkungen auf die peripheren
Geschmacksapparate. — Entschieden centralen Ursprungs sind je-
doch die subjectiven Geschmacksempfindungen Geisteskranker, die
theils als Geschmackshallucinationen, theils als Illusionen au&ufassen
sind und meist unangenehme, widrige Empfindungen darstellen.
Anästhesie der Geschmacksnerven, Anaesthes. gustatoria. (Die
Bezeichnung Ageustie, die häufig ftlr diesen Zustand gebraucht
wird, ist entschieden falsch; sie bedeutet: „ Nttchtemsein % „nichts
zu kosten haben". Einzig richtig ist Ageusis [?on ^^eta^^ = Ge-
schmacksinn], wofür man vielleicht auch Ageusie sagen könnte.)
Man begreift unter diesem Namen alle die ziemlich häufig vor-
kommenden verschiedenen Grade und Formen der Geschmacksbe-
einträchtigung bis zur völligen Aufhebung jeder Geschmacksempfin-
dung, zur Geschmackslähmung. Diese Anästhesie kann vollständig
oder unvollständig (in Bezug auf ihre Intensität) sein ; sie kann ähn-
lieh wie die Hautanästhesien eine totale oder partielle sein, d. h. es
können alle Geschmacksqualitäten nicht mehr empftmden werden,
oder nur einzelne derselben; es wird schwierig sein, die Fälle von
230 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
partieller Geschmackslähmung genauer za constatiren, da schon unter
normalen Verhältnissen die Empfindlichkeit ftlr die einzelnen Ge-
schmackskategorien an verschiedenen Stellen der Zunge etwas Ter-
schieden ist; Jacubowitch (siehe Hofmann und Schwalbe,
Jahresbericht f. Anat. u. Physiol. 1872) hat einen solchen Fall von
partieller Geschmacksinnslähmung bei einem leprösen Kosaken
beschrieben: der Kranke schmeckte bitter und sauer nicht, dagegen
süss und salzig ganz gut. Genauere Angaben fehlen jedoch. End-
lich kann die Geschmackslähmung auch drcumscript oder diffus
sein (in Bezug auf ihre anatomische Verbreitung), es kann die Spitze
der Zunge, oder die Basis, eine Seite oder beide Seiten derselben
ihr Sitz sein.
Zunächst kann die Geschmacksanästhesie peripherisch zu
Stande kommen durch alles, was die Einwirkung der schmeckenden
Stoffe auf die Geschmacksnerven erschwert oder verhindert, oder die
Erregbarkeit der peripheren Endapparate herabsetzt. Erkrankungen
der Zungenschleimhaut, grosse Trockenheit derselben, starker Zungen-
belag wirken in ersterer Weise; Einwirkung von Kälte oder Hitze
in der letzteren: es ist bekannt, dass Eisgenuss die Feinheit des
Geschmacks beeinträchtigt^ dass sehr heisse Speisen nicht genau
geschmeckt werden.
Viel wichtiger aber sind die Leitungsanästhesien der
Geschmacksnerven. Sie können nach den obigen Auseinander-
setzungen zu Stande kommen in der Bahn des Glossopharyngeus,
des Trigeminus und Lingualis, und endlich der Chorda und des
Facialis und sie werden dadurch nicht selten zu wichtigen diagnosti-
schen Kriterien ftlr die Bestimmung des Sitzes der Erkrankungen in
diesen Nerven.
Bei Leitungshemmungen im Glossopharyngeus ist der Ge-
schmack auf der betreffenden Seite der Zungenwurzel, des Gaumens
und Rachens aufgehoben. Die Literatur weist bis jetzt keine patho-
logischen Fälle auf, in welchen eine isolirte Erkrankung des N. glos-
sopharyngeus mit der betreffenden Geschmacksstörung nachgewiesen
wäre. Die wenigen vorhandenen Fälle waren meist sehr complicirter
Natur und mit vielfachen I^äsionen anderer Nerven vergesellschaftet,
so z. B. ein Fall von Fränkel (Berlin, klin. Woch. 1875 No. 3).
Was wir Sicheres über Glossopharyngeuslähmung wissen, verdanken
wir dem Thierexperiment.
Bei Leitungshemmung im Trigeminus oder Lingualis, oder
in der Chorda und gewissen Abschnitten des Facialis betrifft die
Geschmacksanästhesie die vordere Zungenhälfte, die Seitenränder und
Anästhesie der Geschmacksnerven. 231
die Spitze der Zange. Solche Fälle kommen sehr häufig vor und
es kann der Sitz der Lähmung an sehr verschiedenen Stellen , die
Lähmungsursache eine äusserst mannichfaltige sein. In Bezug auf
Elrkrankungen des Trigeminus haben wir oben eine Reihe von
Fällen citirt, wo Erkrankung dieses Nerven innerhalb der Schädel-
höhle zu Geschmackslähmung führte; die Zahl dieser Fälle könnte
leicht vermehrt werden. Ebenso sind mehrere sichere Fälle con-
statirt, wo Durchschneidung des Lingualis (wegen Neuralgie) zu
völliger Oeschmackslähmung auf der vorderen Hälfte der Zunge
ftthrte (Busch, Inzani, v. Gräfe, Vanzetti). — Erkrankungen
einzelner Aeste des Trigeminus als Ursachen der Geschmacksläh-
mung sind bisher nur spärlich nachgewiesen; beweisend scheint nur
eine Beobachtung von Romberg (1. c. S. 302, Fall 3), wo der dritte
Ast des Trigeminus isolirt erkrankt war. Die Angabe von Wood-
bury, dass nach Durchschneidung des 3. Astes dicht am Foramen
ovale die Geschmacksempfindung erlischt, hat deshalb keinen Werth,
weil bei der beschriebenen Operationsmethode die Chorda sicher mit
durchschnitten wird.
Verletzungen der Chorda vom äusseren Ohre aus, Zerstörung
derselben durch Erkrankungen des Mittelohrs (Urbantschitsch
fand unter 50 Fällen von eitrigem Katarrh der Paukenhöhle 38 mal
Geschmacksverminderung) und Caries des Felsenbeines sind mehr-
fach als Ursachen der Geschmackslähmung auf der vorderen Zungen-
hälfte beobachtet worden ; man wird also in solchen Fällen gut thun,
zeitweilig den Geschmacksinn zu prüfen, da die Kranken häufig
nicht spontan auf Beeinträchtigung desselben aufmerksam werden.
Lähmungen des Facialis aus den verschiedensten Ursachen
(traumatische, rheumatische und solche durch Erkrankungen des
mittleren Ohres und Caries des Felsenbeines) hat man häufig von Ge-
schmacksstörungen begleitet gesehen (Neumann, Roux, Lussana,
Tillmanns, Erb; Stich will sogar bei allen darauf untersuchten
completen rheumatischen Faciallähmungen Beeinträchtigung des Ge-
schmacks beobachtet haben, was ich durchaus nicht bestätigen konnte).
In fast allen diesen Fällen ist die Annahme gerechtfertigt, dass der
Facialis innerhalb des Ganalis Fallopiae und unterhalb des Gangl.
geniculi von der Lähmungsursache getroffen wurde.
Dagegen existirt ein Fall von Stich, in welchem der Facialis
dicht unterhalb des Foram. stylomast, und ein Fall von Lotzbeck,
in welchem derselbe (resp. seine Zweige) vor dem Ohre durchschnitten
wurde, wo ebenfalls Geschmacksstörung — jedoch nur Verlangsamung
des Geschmacks — beobachtet wurde. Diese Fälle erklären sich wohl
232 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
durch rückläufige Fasern von der Chorda, welche durch den Auriculo-
temporalis zum Gehirn gehen, vielleicht aber auch durch im Facialis-
stamm aufwärts schreitende neuritische Vorgänge. Es wäre tlbrigens
durch genauere Beobachtungen erst festzustellen, ob diese Geschmacks-
Störung bei Facialisdurchschneidung eine regelmässige ErschdnuDg
ist — was wir Yorläufig bezweifeln auf Grund einer eigenen Beob-
achtung. Ein Fall von Vizioli (citirt bei Lussana 1872) Dnrch-
schneidung des Facialis durch einen Messerstich hinter und unter-
halb des Ohres mit Geschmackslähmung — gehört wohl auch hier-
her, obgleich Verfasser des guten Glaubens ist, dass die Chorda
dabei mitgetroffen sei.
Lähmungen des Facialis an der Schädelbasis sind auf Geschmacks-
störungen wenig untersucht. Ich habe einen Fall beobachtet, in
welchem entschieden periphere Lähmung des Facialis mit Gaumen-
segellähmung einherging, man also die Läsion oberhalb des Gangl*
genicnli zu suchen hatte; hier bestand keine Geschmacksstörung,
was ftir die Ansicht von Schiff spricht. Auch Stich hat in zahl-
reichen Fällen von Basallähmung des Facialis niemals Geschmacks-
störung gefunden (s. auch die oben citirten Fälle von Ziemssen).
Es können also die Leitungsanästhesien der Geschmacksneryen
äusserst mannichfaltiger Natur sein und die richtige Deutung ihres
Ursprungs und ihres Sitzes ist oft gar nicht leicht. Diese Schwierig-
keiten werden noch erhöht durch die wahrscheinlich in vielen Fällen
vorhandenen Varietäten des Verlaufe der Geschmacksfasem. Da
zahlreiche Bahnen fUr dieselben vorhanden sind, welche die Ge-
schmacksfasem in vielfach wechselnder Zahl enthalten können, so
erklärt sich daraus, warum anscheinend ganz gleiche Fälle bei ver-
schiedenen Individuen ein sehr wechselndes Bild der Geschmacks-
störung darbieten können.
Ehe die Geschmacksstörungen mit voller Sicherheit für die Dia-
gnose der verschiedenen genannten Nervenlähmungen verwerthet wer-
den können, bedarf es immer noch einer grösseren Anzahl genauer
und mit Rücksicht auf eine bestimmte Fragestellung untersuchter
Beobachtungen; erst dann wird die Lehre von den Geschmacksläh-
mungen klarer werden, und es wird allmälig entschieden werden,
ob die obige Darstellung des Verlauft der Geschmacksfasem richtig
ist, oder ob sie modificirt werden muss. Jedenfalls kann dieselbe
einstweilen als Grundlage tVir weitere Untersuchungen dienen. Die
vorliegenden Fragen können endgültig nur durch pathologische Be-
obachtungen entschieden werden ; das bisher vorliegende Material ist
aber dazu bei Weitem nicht ausreichend.
Anästhesie der Geschmacksnerven. 233
Ueber Leitungsanästhesien in der centralen Bahn der Geschmacks-
fasem wissen wir sehr wenig ; der Verlauf dieser Bahnen ist grössten-
theils unbekannt. An centrale Leitungsanästhesien dürfen wir aber
wohl denken, wenn gleichzeitig das Lingualis- und Olossopharyngeus-
gebiet anästhetisch sind, wenn ausserdem etwa noch ausgebreitete
cutaae und musculäre Anästhesien bestehen (so bei Guttmann,
BerL klin. Woch. 1869. Binz, Deutsch. Klin. 1858). Solche Fälle
kommen wohl am häufigsten bei Hysterie vor. Die verhältnissmässig
seltenen Fälle von Tabes, Bulbärparalyse, Apoplexien u. s. w., welche
Geschmacksstörung zeigen, thun dies wohl auch durch Läsion der
centralen Geschmacksfasernng. Der Fall von Steiner, welcher
Greschmacksstörung bei doppelseitiger centraler Facialislähmung
dargeboten haben soll, ist durchaus nicht beweiskräftig, weil einer-
seits nicht sicher nachgewiesen ist, dass die Facialislähmung wirklich
centralen Ursprungs war, andrerseits nicht, dass der Trigeminus frei
war; es bestanden vielmehr lebhafte brennende Schmerzen an den
Bändern und der Spitze der Zunge.
Ueber Geschmackslähmung in Folge von Erkrankung des cen-
tralen Herdes der Geschmacksempfindung wissen wir nichts Näheres.
Die Diagnose des Grades und der räumlichen Ausbreitung der
Geschmacksanästhesie kann nur auf die objective Untersuchung ge-
gründet werden; die subjectiven Empfindungen und die Angaben der
ELranken darüber sind meist ganz unzuverlässig. —■ Die Diagnose
des eigentlichen Sitzes der Störung hat oft, wie sich aus der vor-
stehenden Darlegung ergibt, mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen ;
hier kommt Alles auf die möglichst genaue Ermittelung der Begleit-
erscheinungen und auf Feststellung der gleichzeitig betheiligten anderen
Nervenbahnen an. Es sei hier nochmals betont, dass man bei den
zahlreichen Möglichkeiten des Verlaufs der Geschmacksfasem auf
mancherlei Unregelmässigkeiten gefasst sein muss; sie sollen aber
gerade ein Sporn zu recht genauer Untersuchung sein. Auch die
durch die Anastomosen zwischen Glossopharyngeus und Lingualis
gegebene Möglichkeit der gegenseitigen theilweisen Vertretung beider
Nerven muss im Auge behalten werden.
Die Prognose der Geschmacksanästhesie richtet sich einfach
nach der des Grundleidens. Da die subjectiven Beschwerden ver-
hältnissmässig gering sind, werden die Kranken in den meisten Fällen
keinen grossen Werth auf das Verschwinden dieses Symptoms legen.
Immerhin kann bemerkt werden, dass die Geschmackslähmung oft
äusserst hartnäckig ist und nicht selten die Lähmung der die Ge-
234 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nenren.
schmacksfasem führenden Hauptbahn (z. B. des Facialis) erhebliche
Zeit überdauert.
Die Therapie muss in der grossen Mehrzahl der Fälle eine
rein causale sein und sich die Bekämpfung des Grundleidens zur
Aufgabe machen ; darüber siehe die verschiedenen einschlägigen Ab-
schnitte dieses Werks. Direct gegen die Geschmackslähmung kann
man wohl nichts Besseres yersuchen als Faradisation oder Galvani-
sation — je nach Sitz und Art der Erkrankung an verschiedenen
Localitäten: peripher an der Zunge selbst oder längs des Lingaalis,
oder durch ^e Felsenbeingegend u. s. w.
2. Neurosen der Qemohsnerven.
Romberg, Nervenkrankheiten 1. 3. Aufl. S. 147 u. 298. 1853. — A. Eulen-
burg 1. c. S. 307. ~ Lockemann, Zur Casuistik der Geruchsanomalien.
Zeitschr. f. rat Med. 3. Reihe. Xn. 1861. — W. Stricker, Verlost des Ge-
ruchs in Folge local. Anästhesie. Yirch. Aren. Band 41. 1867. — Prövost,
Atrophie des nerfs olfactifs fr^quente chez les vieillards etc. Gaz. m6d. de Paris.
1866 No. 37. — Jackson, Bemerkungen über das Vorkommen Ton Gemchs-
haUuc. bei Epilepsie u. s. w. Lancet 1S66. Jan. 24. — Notta, Recherches snr
la perte de lodorat. Arch. g^ner. de M^d. Avril 1870 (Zahlreiche Casuistiki. —
W. Ogle, Anosmia, or cases illustrat. the physiol. and pathol. of the sense of
smeU. Med.-chir. Transact. LIII. 1870 (Reichhaltige Arbeit). — Molli^re, Note
gour senrir ä Phistoire de la pathol. du nerf olfactif. Lyon m6d. 1871 No. 20. —
ander, Epil. Anf&Ue m. subject. Geruchsempfindung bei Zerstörung d. 1. Tract
olf. durch emen Tumor. Arch. f. Psych, u. Nerv. IV. S. 234. 1873. — Althaus.
Treatise on medical electric. II ed. 1S70. — Beard and Rockwell, Medical
and surgical electricity. 1871. —
Die anatomisch-physiologischen Verhältnisse des Geruchsapparates
sind verhältnissmässig einfach — wenigstens soweit sie zur Zeit fllr
die Pathologie in Betracht kommen.
Einziger Geruchsnerv ist der Nerv, olfactorius. Seine die Lamina
cribrosa des Siebbeins durchsetzenden Aeste verbreiten sich auf einer
begrenzten Region der Nasenschleimhaut (oberer Theil der Scheide-
wand, obere und mittlere Muschel), welche als regio olfactoria be-
zeichnet wird. Die Endausbreitungen dieser Aeste stehen wahr-
scheinlich in directer Verbindung mit gewissen eigenthttmlichen End-
apparaten, welche die Entstehung der Geruchserregungen vermitteln
und dieselben auf die Nervenfasern übertragen. Von den centralen
Bahnen der Riechnerven ist nicht viel Sicheres bekannt; die sog.
äussere Wurzel des Tractus olfactorius soll die Hauptmenge der-
selben enthalten; sie lässt sich bis in die Gegend der Insula Reilii
verfolgen.
Der Trigeminus (1. und 2. Ast) ist der eigentlich sensible Nerv
Neurosen der Greruchsnerven. 235
der Nasenschleimhaut; er hat mit der Geruchsempfindnng gar nichts
zn than, sondern vermittelt nur Tastempfindungen und GemeingefÜhl.
Die specifischen Geruchsempfindungen werden hervorgerufen durch
eine zahllose Menge flüchtiger, gasförmiger Stoffe, von welchen jeder
seine bestimmte, mit Nichts zu vergleichende Empfindung hervorruft,
fiirem eigentlichen Wesen nach sind die Geruchsempfindungen ebenso
wenig zu bestimmen, wie die Geschmacksempfindungen. Auch bei
ihnen ist das begleitende Gefühl der Lust oder Unlust, des Ange-
nehmen oder Widrigen gewöhnlich sehr ausgesprochen.
Gegen den elektrischen Strom reagiren die Geruchsnerven sehr
schwach; reizt man die Nasenschleimhaut mit sehr starken galva-
nischen Strömen, so soll ein phosphoriger Geruch eintreten ( A 1 1 h a u s) ;
meist wird aber durch die gleichzeitig auftretenden heftigen Neben-
erscheinungen — Schmerz, Schwindel, Lichtempfindung — die Wahr-
nehmung der Geruchsempfindung unmöglich gemacht. Deshalb ist
der galvanische Strom für die Prüftmg des Geruchssinns nicht zu
brauchen.
Dieselbe kann vielmehr nur so geschehen, dass man die Kranken
an verschiedenen Riechstoffen abwechselnd mit dem einen oder dem
andern Nasenloche riechen lässt, mit Vermeidung aller solcher Stoffe,
welche irritirend auf die Trigeminusfasern wirken, z. B. Ammoniak,
Essigsäure, Schnupftabak u. s. w. Diese rufen Kitzel, Stechen,
Kiesen hervor und stören so die reine Geruchswahrnehmung erheb-
lich. Man wählt am besten theils angenehme, theils unangenehme
Biechstoffe zur Pröiung ; aus der ersteren Gruppe z. B. wohlriechende
Blumen, kölnisches Wasser und andere Wohlgerüche, Ol. bergam.,
Ol. Rosmarin.; Moschus, Campher u. s. w.; ans der andern Gruppe
etwa Tmct. valerianae, Asa foetida, Terpentin, Schwefelwasserstoff
oder andere von den zahlreichen übelriechenden Körpern, welche die
orgimische Chemie kennt.
Zur Vervollständigung der Prüfung ist es nützlich, auch den
Geschmack von aromatischen oder wohlschmeckenden Speisen und
Greti^ken zu prüfen (z. B. Vanille, Zimmt, Käse, Kaffee, Wein,
Liqueur), weil der specifische Wohlgeschmack derselben zum grössten
Theil vom Geruchsinn abhängt und es häufig gelingt, auf diesem
Wege noch Geruchsempfindungen hervorzurufen, während das von
vom her, durch die Nasenöffhungen, nicht möglich ist. S. u. patho-
logische Fälle.
Wir gruppiren die Neurosen des Olfactorius, über welche- bis jetzt
in der Pathologie noch ziemlich wenig bekannt ist, in ähnlicher Weise
wie die Neurosen der Geschmacksnerven.
236 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Hyperästhesie und Parästhesie der Geruchsnerven. — Hyperaesthetia
olfactoria.
Eine wirkliche, einfache Hyperästhesie des Geruchsinns — Ab-
nahme des wahrnehmbaren Reizminimums — kommt hier und da
bei Hysterischen vor, welche in oft unglaublicher Weise die geringsten
Spuren vorhandener Riechstoffe wahrnehmen, Stoffe und Personen
nach dem Geruch unterscheiden können u. s. w.
In ähnlicher Weise wie beim Geschmacksinn kann sich die
Hyperästhesie aber auch als eine erhebliche Steigerung der beglei-
tenden Geftihle der Lust oder Unlust bei den Geruchsempfindungen
darstellen ; besonders im letzteren Sinne tritt häufig excessive Reaction
ein : Gerüche, welche Gesunden kaum wahrnehmbar, gleichgültig oder
selbst angenehm sind ( Wohlgertlche , Blumenduft), erregen manchen
Kranken die widrigsten, unangenehmsten, selbst förmlich schmerz-
haften Empfindungen; sie können zu Kopfschmerz, Ohnmächten,
Krampfanfällen Veranlassung geben. Auf der andern Seite kommt
es vor, dasB widrige und unangenehme Gerüche von den Kranken
mit Leichtigkeit tolerirt und selbst bevorzugt werden. Auch ftlr
diese Fälle liefert die Hysterie das grösste Contingent; Aehnliches
beobachtet man manchmal bei Geisteskranken.
Subjective Geruchsempfindnngen der verschiedensten Art kommen
bei manchen Erkrankungen der Riechnerven und des Gehirns und
nicht selten bei Geisteskranken, manchmal bei Epileptikern vor. Es
sind meist unangenehme widrige Gerüche, über welche von den
Kranken geklagt wird (Aasgeruch, Leichengeruch, Schwefeldunst,
Kohlendampf, „schrecklicher'' Geruch u. s. w.), während nur selten
von indifferentem oder gar angenehmem (Geruch erzählt wird. Ge-
schwülste, Erweichungen, Degenerationen des Olfactorius gehen nicht
selten während ihrer Entwickelung mit solchen subjectiven Geruchs-
empfindungen einher, welche mit völliger Zerstörung des Nerven
verschwinden und der Anosmie Platz machen. Diese Empfindungen
sind nichts Anderes als excentrische Sensationen, hervorgerufen durch
Reize an irgend einer Stelle der Riechnervenbahn. In ganz ähnlicher
Weise kommen solche Parästhesien des Geruchsinns bei den ver-
schiedensten Gehimleiden vor (Main gault, Dubois, Lockemann,
Westphal, Sander, Schlager). Bei Geisteskranken sind solche
subjective Erregungen des Geruchsinns gar nicht selten ; sie entstehen
entweder als wirkliche Hallucinationen oder häufiger als Illusionen,
sind meist unangenehmer, höchst widriger Art und nicht selten Quelle
und Inhalt ftlr mancherlei Wahnvorstellungen und abnorme Willens-
Hyperästhesie und An&sthesie der Geruchsnerven. 237
impulse. Endlich hat man bei Epileptischen öfter solche subjective
Gerachsempfindnngen beobachtet; theils selbstständig zwischen den
Anfällen bestehend, theils nnd häufiger denselben als eine Art Aura
vorausgehend (Jackson, Lockemann, Sander).
Von einer eigentlichen Therapie dieser Hyperästhesien des
Geruchsinns ist bis jetzt nicht viel die Rede. Die Hauptsache ist
die Behandlung des Gnmdleidens. In manchen Fällen wäre yielleicht
ein Versuch mit Anaestheticis oder mit der Elektricität gerechtfertigt.
Anästhesie der Gej^uchsnerven. Anaesthesia olfactoria. Anosmie,
Ist eine häufigere und wichtigere Erkrankung als die Hyper-
ästhesie. Es wird allerdings unter dem Namen der Anosmie sehr
Vieles zusammengeworfen, was mit dem nervösen Riechapparat gar
nichts zu thun hat; man hat sich gewöhnt mit diesem Namen alle
Zustände zu bezeichnen, in welchen aus irgend welchen Gründen eine
Greruchsempfindung nicht zu Stande kommt, selbst wenn dabei die
Regio olfactoria mit ihrem sensoriellen Nervenapparat ganz intact
ist. Wir sind deshalb genöthigt, in der folgenden Darstellung der
Vollständigkeit halber manches zu erwähnen, was streng genommen
nicht hierher gehört, aber doch wohl eine kurze Erwähnung verdient.
Der Leser wird leicht die nöthige Scheidung zu machen wissen.
Die Anosmie äussert sich durch fortschreitende Abnahme der
Intensität der Geruchsempfindungen, die bis zum völligen Erlöschen
derselben gehen kann. Oft gehen zuerst nur einzelne Geruchs-
empfindungen verloren, besonders die Wahrnehmung zarter Wohl-
gerüche u. dgl., ^vährend einzelne oft lange Zeit erhalten bleiben.
Endlich können aber alle möglichen Gerüche die Nase unempfind-
lich lassen. Dabei bleibt aber die Sensibilität der Nasenschleim-
haut (Trigeminus) vollständig erhalten, das stechende Gefllhl von
Ammoniak, von Essigsäure wird ebenso deutlich wahrgenommen wie
früher, Schnupftabak ruft Niesen hervor, ohne jedoch seinen cha-
rakteristischen Geruch zu erzeugen.
Gleichzeitig damit klagen fast alle Kranken über eine sehr er-
hebliche Beeinträchtigung des Geschmacks, jedoch nur wenn die
Anosmie eine doppelseitige ist. Sie können verschiedene Speisen
und Weinsorten nicht mehr recht von einander unterscheiden, haben
keinen Genuss mehr von den verschiedenen Genussmitteln u. s. w.
Prüft man jedoch ihren Geschmacksinn näher, so stellt sich heraus,
dass sie die vier Hauptkategorien des Geschmacks: süss, sauer, bitter
and salzig in ganz normaler Weise percipiren; dagegen sind ihnen
alle Wahrnehmungen verlorengegangen, welche den charakteristischen
238 £sB, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
„Wohlgeschmack" der yerschiedensten Nahnmgs- und Oenossmittel
bedingen (das was die Franzosen „ saveur **, die Engländer „ flavonr "
nennen). Kaffee erscheint ihnen als versttsstes heisses Wasser , mit
etwas bitterem Beigeschmack; Wein als ein schwacher Essig von
grösserer oder geringerer Rauhigkeit; Käse als etwas' Salziges —
kurz die verschiedensten Speisen haben ihr Aroma und ihren unter-
scheidenden Wohlgeschmack verloren. 0 — Es gibt jedoch auch Fälle
wo bei doppelseitiger 'Anosmie der Wohlgeschmack erhalten bleibt
Ogle hat diese ganze Reihe von Erscheinungen in ganz befriedigen-
der Weise au%eklärt.
Der Geschmack an sich beschränkt sich auf die bekannten vier
Hauptkategorien oder auf wenige verwandte einfache Wahrnehmun-
gen; alle übrigen/ bei der Au&ahme von Speisen und Getränken
auftretenden Empfindungen — die einfach tactilen ausgenommen,
welche uns über Consistenz, Glätte, Rauhigkeit, Zähigkeit, Aggr^;at-
form u. s. w. der Ingesta Au&chluss geben — gehören dem Geruch-
sinn an ; er speciell vermittelt den sogenannten Wohlgeschmack, das
was wir als Blume des Weines, als Aroma des Bratens, als Fein-
heit des Gewürzes kennen und lieben; er verleiht den Nahrungs-
mitteln ihre hauptsächliche Würze. Wir sind gewohnt, bei der
Nahrungsaufnahme immer beide Sinne zusammenwirken zu lassen,
die Geschmacks- und Geruchswahmehmungen dabei als einheitliche
aufzufassen und als „Geschmack^ zu bezeichnen. Pathologische
Yor^Uige aber vermögen die beiden Sinneswahmehmungen zu trennen
und nur die eine übrig zu lassen; ist der Geruch verloren, der Ge-
schmack erhalten, so sehen wir die Wohlgeschmäcke schwinden und
nur die einfachen Geschmackswahmehmungen übrig bleiben; daher
die auffallende Vei^derung des „Geschmacks", welche die meisten
von unsem Nahrungsmitteln und Getränken dabei erfahren.
Da die durch den Geruchsinn vermittelten Wahrnehmungen die
wichtigeren und mehr charakteristischen sind, erscheint den Kranken
die Störung des „Geschmacks" beim Verlust des Geruchssinns viel
störender, als bei der Geschmackslähmung. Wie oft werden wirk-
liche Geschmackslähmungen von den Kranken gänzlich übersehen!
Ausserdem kommen auch selten ganz vollständige Geschmacksläh-
mungen vor. Die Störung des „Geschmacks" bei doppelseitiger
Anosmie erklärt sich also sehr einfach.
Aber auch die anscheinend paradoxe Thatsache, dass bei völliger
1) Yergl. darüber die vortreff liehen Bemerkungen von Schirmer in der
Deutsch. Klin. 1&59 No. 13.
Anästhesie der Gerudisnerven. Einfluss auf den Geschmack. 239
UnfUhigkeity durch die Nase eingesogene Riechstofie wahrzunehmen,
doch der Wohlgeschmack — also die von Speisen und Getränken
ausgehende Geruchsempfindung — erhalten bleiben kann, erklärt
sich bei genauerer Betrachtung ebenso einfach. Der eigentliche Ge-
rach wird vermittelt durch die von den Nasenlöchern her zur Regio
oliactoria gelangenden Luftströmungen; der Wohlgeschmack durch
die von der Kachenhöhle her durch die Choanen zur Regio olfactoria
hingeführten Riechstoffe. Die Nasenhöhle wird durch die grosse
Annäherung der mittleren Muschel an das Septum in zwei überein-
ander liegende Kanäle getheilt, wovon der obere und vordere vor-
wi^end dem olfactorischeu; der untere und hintere vorwiegend dem
respiratorischen Luftstrom dient. Durch gewisse Muskelbewegungen,
welche die Nasenlöcher erweitern, wird der Eintritt der Luft in beide
Kanäle erleichtert; durch andere Muskelbewegungen (Compressor
narium) wird der respiratorische Kanal fast völlig abgeschlossen und
die Luft gezwungen, fast vollständig durch den „RiechkanaP zu
streichen^ wie das beim sogenannten Schntlffeln der Fall ist (Ogle).
Immer ist dabei nothwendig, dass der vordere Eingang des ,,Riech-
kanals'' gehörig weit sei. Fehlen nun die genannten Muskelbewe-
gungen, wie z. B. bei Facialparalysen, oder ist durch Schleimhaut-
schwellung, Polypen oder dgl. der vordere Eingang des „ Riechkanals '^
verlegt, so wird bei völliger Respirationsf ähigkeit kein Luftstrom
in den „ Riechkanal ^ eindringen, und keine Spur von Geruchsempfin-
dung eintreten. Dabei wird die Möglichkeit, dass von den Choanen
her, an welchen sich keine derartigen Hindemisse finden, Luft mit
mechstoffen geschwängert zur Regio olfact. gelange, vollkommen er-
halten sein können, und es wird damit die Erhaltung des Wohlge-
schmacks der Speisen und Getränke gegeben sein. In dieser Weise
erklären sich wohl ohne Zweifel die Fälle, in welchen der eigent-
liche „Geruch" erloschen, dagegen der Wohlgeschmack der Speisen
und Geti^nke erhalten ist (s. solche Fälle bei Notta und Ogle).
In allen solchen Fällen ist der Schluss erlaubt, dass die Riechfähig-
keit erhalten, dass aber der Zutritt der Riechstoffe zu der Regio
olÜACtoria von vom her unmöglich, von den Choanen her dagegen
frei sei. Einen interessanten Beleg dazu liefert ein von Ogle mit-
getheilter Fall, wo durch Adhäsion des Gaumensegels eine Abspermng
der Nasenhöhle von der Mundhöhle bewirkt war; die Folge war
Verlust des Gerachs und des Wohlgeschmacks (bei Erhaltung der
einfachen Geschmacksempfindungen); als die Communication herge-
stellt war,. waren beide wieder vorhanden.
Anosmie kann auf sehr verschiedene Weise zu Stande kommen.
240 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
Zunächst peripherisch durch alles, was die EinwirkuDg der Riech-
stoffe auf die Riechapparate behindert oder unmöglich macht, und
dann durch alles, was die Erregbarkeit und Aufnahmsfähigkeit dieser
Apparate herabsetzt oder vernichtet; nur im letzteren Falle werd^i
wir es mit wahrer Anosmie zu thun haben. Beide Kategorien sind
aber nicht immer leicht zu trennen.
Eine der gewöhnlichsten hierher gehörigen Ursachen ist Katarrh
der Nasenschleimhaut; acute und chronische Coryza, Influenza etc.
können den Geruch flir kürzere oder längere Zeit aufheben, ihn
selbst fUr immer vernichten. Es geschieht dies wohl durch directe
Ernährungsstörungen der Riechendapparate, z. Th. aber auch durch
mechanische Verengung oder Abschluss des Riechkanals. — Abnorme
Trockenheit der Nasenschleimhaut ist ebenfalls eine Ursache der
Anosmie; sie ist das Mittelglied, welches bei manchen Fällen von
Trigeminusanästhesie oder Facialislähmung eine Anosmie der gleichen
Seite bewirkt: bei Trigeminusanästhesie kann die Schleimhautsecre-
tion in der Nase vermindert sein, oder es hört die Thräneneea*etion
auf, und damit wird die zum Riechen nothwendige Durchfeuchtung
der Nasenschleimhaut verhindert. Bei Facialislähmung ist der durch
mangelhaften Lidschluss unmöglich gemachte Abfluss der Thränen
in die Nasenhöhle eine Ursache der Anosmie ; allein die gleichzeitig
vorhandene Lähmung des Levator alae nasi und des Compressor
naris ftigt ein weiteres causales Moment von grosser Bedeutung hinzu.
— In gleicher mechanischer Weise, einfach durch Aufhebung der
Luftcirculation im Riechkanal, wirken Verengerungen der Nasenlöcher,
Nasenpol jpen , Abschluss der Nasen- und Rachenhöhle. — Nach
heftiger Erkältung hat man Verlust des (rcruchs eintreten sehen
(v. Franque), in bisher noch unerklärter Weise. Die Einwirkung
von stark reizenden Qertichen (Romberg), reizenden Injectionen
und Nasendouchen, von Ammoniak und Kloakenluft (Graves), von
Aether (Stricker) auf die Nasenschleimhaut hat man ebenfalls wohl
als periphere Ursachen der Anosmie anzusehen.
Endlich hat Ogle auf die Wichtigkeit des Pigments der Regio
olfactoria fUr die Riechftinction hingewiesen und dieselbe in sehr
interessanter Weise zu bekiilfltigen gesucht; er sucht einen Fall von
Anosmie , welehe sich bei einem Negerknaben gleichzeitig mit dl-
gemeinem Pigmentverlust in der Haut einstellte (mitgetheilt von
Dr. Hutchison), durch Verlust des Pigments in der Riechschleim-
haut zu erklären.
Viel wichtiger als diese peripherischen Anosmien sind diejenigen,
welche durch Leitungshemmung in den Riechnerven und im
Anftatliesie der Geruchsaerven. Ursachen. 241
Tractus dfact entstehen. Sie gehen manchmal mit subjeetiveo Oe-
raehBempfindimgen einher. — Hierher gehören zoniehst die trauma-
tischen AnosDuen, welche meist durch Fall auf den Ki^f, besonders
das I&terhaiipt entstehen und nicht immer von SohMelbrttchen be-
gldtet sind (Molli&re, Notta, Ogle). Direote Brüche des Stirn-
Qsd Siebbeins werden natürlich die Oifactorii leicht in Mitleiden-
schaft ziehen; Ogle nimmt aber ausserdem an, dass auch ohne
äehädelbrneh eiae Losreissung des Bulbus ol&ctc^. von seinen in die
Lamina eribrosa eintretenden Aesten ein^ten und so Anosmie ent-
stehen könne.
PröYOSt hat als Ursache der senilen Anosmie^ die bei älteren
Personen sich gar nicht selten findet, eine Degeneration und Atrophie
der Biechnervoi nachgewiesen. — Femer hat man Erweichung, Indu-
ration und Geschwnlstbildung des Nerven, Tuaeren in der vordem
Schädelgrabe und im Vorderlappen des Gehirns, Biostoaen, Caries,
Itoungitis an der betreffenden Steile nicht selten als Unsache von
Anosmie nadigewiesen (Loder, Oppert, Romberg u. A.). —
Bier sind wohl auch anzureihen die Fälle von angefoomer Anosmie
(Notta), für weldie man in mehreren Beobachtung^ (Cerutti,
RosenmUller, Pressat) angebomen Mangel der Tractus olfaot.
id» Ursache gefunden bat
Centralen Ursprung« (durch Hemmung der intraeerebralen
Leitang oder Unerregbarkett des Biechcentrums sind viele Fälle von
Anosmie. Besonders interessant sind die Fälle von Anosmie, welche
mit Aphasie und rechtseitiger Hemiplegie einhergehai und immer
auf die linke Nasenhöhle beschränkt sind (Jackson, Fleteher
und Bansome, Ogle; anch^ich habe gegenwärtig einen solchen
Fall — durch Embolie entstanden — in Behandlung). Ogle macht
darauf aufmerksam, dass es sich dabei wohl um eine Mitbetheiligung
der äusseren Wurzel des Tractus olfact. sin., welche sich bis gegen
die Insula hin verfolgen lasse, handle, und dass diese Thatsache
später einmal diagnostische Bedeutung für die Localisation der 6e-
himerkrankungen gewinnen könne. — Auch die bei Hysterie häufig
vorkommende Anosmie ist wohl centralen Ursprung»; sie ist meist
vei^gesellschaflet mit Verlust des Geschmacks, ontanen und mnsculären
AnäathesieiL Das Gleiche gitt für die Anosmie bei Geisteskranken.
Welchen Sitz die Anosmie in einzelnen von Notta erwähnten
Fällen, die dieser als „essentielle Anosmie^ rabricirt, gehabt hat,
läset sieh nicht angeben; sie hatte sich ohne jede nachweisbare Ur-
sache bei jungen Frauenzimmern entwickelt und bestand ohne weitere
sonstige Störangen.
Handbuch d. spec. Pathologie n. Therapie. XII. Bd. 1. 2. Aufl. t6
242 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Die Prognose der Anosmie richtet sich natttrlich vorwiegend
nach ihrer Ursache. Unheilbar sind die durch schwere organische
Läsionen bedingten Fälle; gflnstigere Prognose gewähren die Anos-
mien nach Coryza, Erkältungen, Traumen u. s. w.; am günstigsten
sind natürlich die auf mechanischen Verhältnissen beruhenden For-
men, sofern es gelingt, das Hindemiss für den Eintritt des Luftetroms
in den Biechkanal zu beseitigen. Da man mit dem Verlust des Ge-
ruchssinns mehr unangenehme als angenehme Eindrttcke zu entbehren
pflegt, wird von den Kranken meist kein grosser Werth auf diese
Störung gelegt; nur der gleichzeitige völlige Verlust des Wohlge-
schmacks wird meist sehr unangenehm empfunden.
Die Therapie ist bis jetzt sehr mangelhaft; meist wird man
sich auf die Behandlung des Grundleidens und auf Beseitigung der
Ursachen beschränken. Die directe Behandlung hat bisher noch
wenig Erfolge aufzuweisen. Notta sah von verschiedenen irritiren-
den Schnupfpulvem nur negativen Erfolg; erlebte aber dafür, dass
manche veraltete Fälle ohne jede Behandlung von selbst heilten.
Brünniche (Virchow-Hirsch's Jahresber. pro 1874. S. 134) wandte
mit Erfolg Bepinselungen der Nasenschleimhaut mit einer einprocen-
tigen Lösung von Strychnin. nitr. in Ol. olivar. an. Duchenne hat
in einigen Fällen von der Faradisation der Nasenschleimhaut Erfolg
gesehen, besonders bei Hysterischen. Beard und Bock well em-
pfehlen ebenfalls die Faradisation und Galvanisation. Sie appliciren
dieselbe theils aussen auf die Nase, theils mittelst einer sondenför-
migen Elektrode direct auf die Nasenschleimhaut. Auch Fieber
(Elektrotherapie) sah von der Anwendung des galvanischen Stroms
(olivenförmige Elektroden in beide Nasenlöcher) gtinstigen Erfolg.
Nevtsei der Mttoriscliei Nervei«
Störungen in der Function deijenigen centriftigalen Nervenbahnen,
die man als motorische bezeichnet, und der mit ihnen zusammen-
hängenden centralen und peripheren Endapparate bilden das Wesen
der Motilitätsneurosen. Die Verhältnisse sind bei , denselben
weit complicirter, als bei den Sensibilitätsneurosen, weil die Erregung
der motorischen Function schon unter normalen Verhältnissen von
zahlreicheren Punkten her geschehen kann.
Ein Blick auf die normalen anatomisch-physiologischen Verhält-
nisse der motorischen Apparate wird lehren, von welchen Seiten her und
in welcher Weise pathologische Störungen der Motilität eintreten können.
Motilit&tsnearosen. Einleitung. 243
Die sog. motorischen Nervenbahnen mit ihren peripheren End-
apparaten, den Muskeln, bilden das anatomische Snbstrat ftlr die
BewegongSTorgänge. Die Muskeln sind integrirende Bestandtheile
des actiren Bewegungsapparates; ohne sie ist eine Entfaltung der
motorischen iThätigkeit der Nerven, eine motorische Function, gar
nicht möglich oder wenigstens ftlr uns nicht wahrnehmbar. Nicht
unberechtigt ist daher die Auffassung, welche sie als mit den moto-
rischen Nerven einheitliche Organe betrachtet und Störungen, welche
von Veränderungen der Muskeln selbst ausgehen, ebenfalls den moto-
rischen Neurosen zurechnet. Streng genommen jedoch muss man
den Begriff der motorischen Neurosen beschränken auf Störungen
der motorischen Nerven mit Einschluss ihrer innerhalb der Muskel-
fasern selbst gelegenen Endapparate (motorischen Endplatten u. s. w.).
— Dass eine solche strenge Scheidung in pfaxi oft nicht möglich
ist, liegt auf der Hand ; Veränderungen der intramusculären Nerven-
endigungen und der Muskelfasern selbst werden sich häufig nicht
von einander trennen lassen. Das muss bei der Darstellung berück-
sichtigt werden, wenn es auch vor dem Bichterstuhle einer strengen
Kritik nicht zu verantworten ist.
Bttckwärtsschreitend gelangen wir von den motorischen Nerven-
bahnen zum Btickenmark, in welches dieselben durch die vorderen
Wurzeln eintreten. Im Btickenmark selbst ist der Verlauf der moto-
rischen Bahnen noch nicht mit aller wünschenswerthen Sicherheit
eriorscht. Die Hauptbahn fahrt wahrscheinlich aus den vorderen
Wurzeln in die graue Substanz und von dieser nach kurzem Verlauf
in die weissen Markstränge (Vorderseitenstränge) zurück, in welchen
sie bis zum verlängerten Marke verbleibt; eine Kreuzung der moto-
rischen Bahnen findet im Bückenmark jedenfalls nur in geringem
Maasse statt. Ausser der Hauptbahn gibt es aber noch zahlreiche
Nebenbahnen, die wohl alle in der grauen {„ kinesodischen ") Substanz
liegen und zur Fortleitung des motorischen Erregungsvorgangs unter
gevrissen physiologischen und pathologischen Verhältnissen dienen.
In der Höhe der Medulla oblong, und des Pons findet die Haupt-
kreuzung der motorischen Bahnen statt; jenseits dieser Gebilde —
im Himschenkel und weiter — finden sich nur bereits gekreuzte
motorische Fasern. Dies gilt auch für die in den motorischen 6e-
himnerven direct ins Gehirn eintretenden motorischen Bahnen.
Ueber den Verlauf der motorischen Bahnen im Gehirn brauchen
hier nur kurze Andeutungen gegeben zu werden. Die Hauptbahn
verläuft vom Pons ab durch den Himschenkelfiiss zu den grossen
centralen Ganglienmassen — Streifenhügel und Linsenkem — mit
16*
244 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
welchen ein Theil der Fasern jedenfalls wichtige Verbindungen ein-
geht; weiterhin verläuft die Bahn in der Faserang des Stabkranzes
zu dem Grau der Hemisphären und zwar wahrscheinlich vorwiegend
in den Vorderlappen. Hier findet zunächst eine Endignng in gewissen
motorischen Gentren statt, welche von F ritsch und Hitzig nach-
gewiesen wurden. Die verschiedenen Muskelgruppen des Körpers
(Gesicht, Augen, obere, untere Extremität, Rumpf etc.) besitzen ge-
trennte Gentren, von welchen aus durch elektrische Reizung Bewe-
gung in den dazu gehörigen Muskelgruppen ausgelöst werden kann.
Ob diese motorischen Gentren wirklich schon die centralen Herde
der Willensthätigkeit darstellen, ist nicht ausgemacht; jedenfalls aber
ist wahrscheinlich, dass die Uebertragung der Willenserregungen auf
die Muskeln an die Integrität dieser Centren gebunden ist.
Ausser dieser Hauptbahn existiren aber noch mancherlei Ver-
bindungen, Nebenbahnen u. s. w., von welchen der motorischen
Leitung Erregungen zugeführt werden können. So zunächst im
Rückenmark eine Verbindung mit sensiblen Bahnen, durch welche
die Reflexbewegungen vermittelt werden: eine Verbindung, die
zweifellos durch Ganglienzellen vermittelt wird und in der grauen
Substanz zu suchen ist; ähnliche Verbindungen finden sich auch
höher oben im verlängerten Mark und im Gehirn ; sie sind jedenfiUls
ungemein zahlreich, weitverbreitet und von grösster Bedeutung. —
Im verlängerten Mark und Gehirn finden sich mannichfache Ver-
bindungen der motorischen Bahnen mit sogenannten automatischen
Centren, von welchen directe Erregungen ausgehen, so das Centmm
fUr die Respirations-, ftir die Herzbewegungen, f&r die vasomotorischen
Bahnen. Verwickelter und weniger erforscht sind endlich noch die
Beziehungen der motorischen Bahnen zu den verschiedensten Theilen
des Grosshims (Vierfaügel, Sehhügel etc.) und zum Kleinhirn, auf
welche wir hier nicht näher einzugehen haben.
Die physiologischen Leistungen der motorischen Apparate werden
in verschiedene Gruppen gebracht, je nach der Art und Weise der
Erregung, welche den ersten Anlass zu der dabei hervortretenden
Mnskelcontraction gibt. Sie sind folgende:
Willkürliche Bewegungen — Aeusserungen des bewnssten
Willens, von Erregungen der centralen Willensapparate, höchstwahr-
scheinlich in der grauen Grosshimrinde, ausgehend und auf die moto-
rischen Bahnen Übertragen. Ihnen nahe verwandt sind die Mitbe-
wegungen, welche aus der Ausbreitung der Willenserregung auf
nicht beabsichtigte motorische Bahnen hervorgehen; ihr Znstande-
kommen ist theils zurückzuführen auf räumliche Nähe der einzelnen
Motüitätsneurosen. Arten der Bewegung. 245
motorischen Centren der yerschiedenen Mnskelgruppen in der Oross-
hinrmde (so z. B. für den Facialis und die Angenmuskeln Hitzig),
tiieils auf die zahlreichen Nehenleitnngen und Verbindungen; welche
sieh in der grauen Spbstanz allenthalben iGuiden, und welche eine
scdche Ausbreitung eines ursprünglichen Reizes auf zahlreiche Bahnen
ermöglichen. Die Hitbewe^^ungen, welche schon physiologisch häufig
vorkommen und in der Pathologie ebenfalls eine gewisse Bolle spielen,
können ausser bei den willkttrlichen Bewegungen auch bei den ttbrigen
Formen der motorischen Erregung auftreten.
Automatische Bewegungen: sie werden von gewissen
Centren aus — unabhängig vom Willen — erregt, in welchen der
ErregnncsYOigang selbst gewöhnlich herrorgerufen wird durch be-
stimmte Zustände und Veränderungen des Blutes. Die Centren für
die Beq;»rationsbewegungen, fttr die Herzbewegung, fttr das Er-
brechen, fOr die vasomotorischen Nerven sind solche automatische
Centren ; meist sind dieselben gleichzeitig auch auf reflectorischem
W^e erregbar; sie liegen wohl alle im verlängerten Mark und im
Gehirn. Ob audi das Rückenmark automatische Bewegungen y&c-
Huttelt, ist nicht sicher gestellt, der vielumstrittene Huskeltonus
würde als dne solche Art der Bewegung oder Erregung au&ufiiasen
sein. Da seine Existenz — wenigst^is an den willkürlichen Muskeln
— zweifelhaft und auch fttr die Pathologie ohne besondere Bedeutung
ist, soll hier nicht auf diese Frage eingegangen werden.
Reflexbewegungen: sie sind die Folge directer Uebertragung
oentripetaler Erregungen auf centrüugale Bahnen, ebenfalls, ohne
Mitwirkung des Willens. Die. physiologischen G^etze, nach wdchen
die Reflexbewegungen erfolgen, dürfen als bekannt vorausgesetzt
werden und lassen sich auch in pathologischen Fällen häufig deut-
lidi erkennen. Alle mögliche Abstufungen von den einfachsten, bis
zu den complidrtesten und verbreitetsten Reflexbewegungen kommen
gerade unter pathologischen Verhältnissen vor. — Nicht zu ttber-
sehen sind auch die Reflexhemmungen, welche sich vielfach
der Reflexbewegung entgegenstellen und zumeist durch ^eichzeitige
Erregung sensorischer Oebiete zu Stande kommen. Die Hauptherde
fttr diese Hemmungsvorgänge finden sich im Gehirn (Reflexhemmungs-
ceotren von Setchenow), und von ihnen ans kann ebenfalls eine
pathologisdie Modification der Reflexbewegung^ entstehen.
Es kann endlich nur kurz hier hingewiesen werden auf gewisse
V<»gftnge, welche bei den mannichfachen Bewegungsformen und Be-
wegoagsstörungen eine ttberaus grosse Rolle spielen, ohne dass es
bis jetet gelungen wäre, viel Lieht ttber dieselben zu verbreiten: so
24(5 Ebb, Krankheiten der peripWen-cerebrospinalen Nerven.
die Vorige der Gombination und Coordination der Be-
wegungen, die Einttbung bestimmter motorischer Bahnen zu gleich-
zeitiger zweckmässiger Action, wie wir sie z. B. beim Sprechen,
Schreiben, Gehen , Glavierspielen u. s. w. beobachten. Diese und
ähnliche Vorgänge müssen häufig in den Kreis der Betrachtung ge-
zogen werden und harren noch eingehender Erforschung.
Es ist nach dem Vorstehenden leicht, sich ein Bild davon zu
machen , ' wie zahlreich und verwickelt die Störungen der Motilität
sein werden, von wie vielen verschiedenen Punkten aus abnorme
Erregungen in die motorischen Bahnen einbrechen, an wie vielen
Stellen Hemmungen der motorischen Erregungsleitung Statt finden
können. In der That sind die Bilder und Formen der Motilitäts-
neurosen äusserst mannichfaltige und die Entwirrung der ihnen zu
Grunde liegenden Vorzüge häufig sehr schwierig, in vielen Fällen
unmöglich.
Wir müssen die Betrachtung hier auf diejenigen Störungen be-
schränken, welche durch Erkrankung der peripheren motorischen
Bahnen oder ihrer virtuellen Fortsetzungen im Rückenmark und Ge-
hirn entstehen — so weit sie in das vage Gebiet der sogenannten
Neurosen fallen. Es sollen hier vorwiegend diejenigen Störungen
Berücksichtigung finden, welche in der Bahn der willkürlichen Be-
wegungen, oder in der Reflexbahn, oder in den Bahnen für gewisse
automatische Bewegungen stattfinden. Die complicirteren Störungen,
welche von Seiten verschiedener mit den motorischen Bahnen in Ver-
bindung stehender Gentralapparate zu Stande kommen, werden besser
bei den Erkrankungen der Gentralorgane besprochen.
Die Störung der Motilität (der motorischen Verenge überhaupt)
kann nach zwei Richtungen hin erfolgen:
entweder beobachten wir eine Steigerung der motorischen Er-
scheinungen, die sich in verschiedener Weise und in verschiedenem
Grade äussern kann — das nennt man Hyperkinesis, Krampf.
oder wir finden eine Abnahme der motorischen Erscheinungen,
die bis zum völligen Erlöschen derselben gehen kann — Akinesis,
Lähmung.
Es sind also vorwiegend quantitative Veillnderungen der
motorischen Thätigkeit, welchen wir unter pathologischen Verhält-
nissen begegnen. Ob auch qualitative Veränderungen vorkommen,
ist zweifelhaft; man könnte die verschiedenen Formen des Krampfs
als solche bezeichnen; jedoch streng genommen wohl nicht mit Recht;
denn es handelt sich bei diesen wohl immer nur um Verschieden-
heiten, welche durch die zeitliche Aufeinanderfolge, die örtliche Ver-
Motilitätsnearosen. Untersachangsmethoden. 247
breituDg und die Intensität der motorischen Erregungen bedingt sind.
Die einwirkenden Beize mögen qualitativ verschieden sein -— das
Resultat derselben wird immer nur eine quantitativ modificirte mo-
torische Erregung (Muskelcontraction) sein können.
Untersuchung der Motilität und der motorischen
Apparate. Es mögen hier einige praktische Bemerkungen über die
ärztliche Untersuchung bei den Motilitätsneurosen Platz finden , die
sich jedoch nur auf das praktisch Wichtige und Brauchbare beschrän-
ken sollen.
Die Leistungen der motorischen Apparate äussern sich nur durch
Gontractionen der Muskeln und die dadui*ch ausgelösten Bewegungen
des Körpers oder seiner einzelnen Theile. Zur Prüfung der physio-
logischen Leistungen und der pathologischen Störungen der motorischen
Apparate ist somit vor allen Dingen erforderlich die Beobachtung der
Muskelbewegungen; also die Prüfung der Haltung , Stellung uod der
Bewegungen des ganzen Körpers oder seiner einzelnen Theile. Am
besten wird dieselbe natürlich vorgenommen an dem entblössten Körper;
doch können gröbere Anomalien auch leicht am bekleideten Kranken
wahrgenommen werden.
Ein geübtes Auge erkennt sofort die vorhandenen Anomalien; und
es ist in vielen Fällen leicht; auf den ersten Blick die Diagnose ge-
wisser Bewegungsstörungen zu stellen. Häufig jedoch ist eine sehr
genaue und eingehende Untersuchung erforderlich; um über die Einzel-
heiten der vorhandenen Störung ins Klare zu kommen. — Diese
Störungen sind erkennbar theils an dem zu starken Hervortreten und
Ausgesprochensein gewisser Stellungen und Bewegungen (beim Krampf);
theils an der Schwäche oder dem gänzlichen Ausfall gewisser Be-
wegungen und den dadurch hervorgebrachten Anomalien in der Hal-
tung; der Configuration und Symmetrie des Körpers oder einzelner
Theile desselben (bei Lähmungen).
Zur Erkennung der ersten Gruppe von Störungen ist besonders ge-
naue Kenntniss der physiologischen Function der einzelnen Muskeln
erforderlich. Auf dieser Grundlage ist die Diagnose meist leicht; sie
kann aber in complicirten FäUeU; und wo es sich um Krampf einzelner;
tiefgelegener Muskeln handelt; die gewöhnlich nur mit anderen Mus-
keln gleichzeitig wirken; äusserst schwierig sein und grosse Sorgfalt
und Mühe erfordern. Eine möglichst genaue Besichtigung des ent-
blössten Körpers ; active und passive antagonistische Bewegungen;
passiver Widerstand; welchen man den krampfhaften Bewegungen ent-
gegensetzt; gewaltsames Geraderichten der abnorm gestellten Körper-
theile — das sind die Haupthülfsmittel bei diesen Untersuchungen.
Eine vortreffliche Vorübung für diese Untersuchungen ist die locale
Faradisation der einzelnen erreichbaren Muskeln des Körpers; es ist
das eine experimentelle Erzeugung von Krämpfen an beliebigen Mus-
keln; deren Resultat ftir die objective Betrachtung dasselbe ist; wie
das der spontanen Krämpfe. — Man kann die locale Faradisation auch
zur Unterstützung der Diagnose verwerthen durch Faradisation der An-
tagonisten; der symmetrischen Muskeln der anderen Körperbälfte u. s. w.
248 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Endlich lasse man bestimmte Bewegungen willkürlich ansAlhrea^
um ihre Stc^mngen durch die krankhaften Bewegungen zu erkenneii, ^
welche bekanntlich oft dann erst eintreten^ wenn wiUktlrliche Be-
wegungen versucht werden. In dieser Weise mtlssen auch complicirte
Bewegungen veranlasst werden: Stehen, Gehen ^ Httpfen^ Schreiben,
Ciavierspielen, K&hen u. s. w.
Zur genaweren Erkenntniss des Ausfalls gewisser Bewegungen
ist die Untersuchung mehr^er Einzelheiten erforderlich.
Zunächst entsteht die Frage, welche Bewegungen geschwächt
oder aufgehoben sind; man hat also zunächst das Fehlen oder Vor-
handensem der Bewegungen einzelner Muskeln oder Muskelgruppen
£u untersuchen. Dazu müssen die einzelnen wiMkirlichen Bewegungen
isolirt ausgeMhrt werden; genaue pfajsiologisciie Kenntnisse sind da-
bei für den Arzt unmngäoiglioh näthig, damit er die n^Sthlgen Bewe-
gUBgen v*o«i Kranken verlangen kann. Die Erwerbung dieser Keimt-
nis9e ist wesentlich eHeichtert durch die vortrefflichen Ai4)eiten von
Duc'kenne (iE4iyBiologie des mouvements. 1867) und von Ziemssen
(Elektrie. in d. Medic. 4. Aufl. 1872). Im Oesichft hat man zu beob-
«ehten die niilktlrlieten Bewegungen und die mimkchen, beim Sprechen
Lachen u. s. w. eintretenden Bewegungen.
Am Rumpf und Hals Beugung und Streckung, Seitwärisbewegun-
%en, Dretiungen, die Respirationsbeweguttgen, die BaiM^presse u. «. w.
An den oberen Extremitäten Beugung, Streckung und Rotation
in den einsselnen Gelenken, Pronation und -Supinatioa, Bewegungen
der einzeinen Finger etc. An den unteren Estremitäten Bevgung
und Streckung, Abductlon, Adduction und Rotation in den einzelnen
G<etenken ; Stehen, Geben, Zehenstand, Stehen «uf Einem Fuss u. s. w.
Auf die Details dieser Untersuctiungen werden wir bei den einzelnen
Läkmungsforraen ekizugehen iiaben.
Wefterhm iiat man zu untersuchen, welchen Grad die Ab-
schwächung der einzelnen Bewegungen erreicht hat; ob es sieh nur *
um eine mehr oder weniger hochgradige Yemiinderaiig und 'Schwäche
der wittkürUehen Action (Parese), oder um eine v(^)ige Aufhebung
derselben (Par^'lysic) hafndelt. Das wird meist leicht zu erkennen
sein, kaum acber bei comfpli(Arten Bewegungen, die das Zusamfiien-
wirken ttebrerer Muskeln erfordern, in Bezug auf einzehie darunter
seine grossen Schwierigkeiten haben.
Ist keine Töllige Lähmung vorhanden, so kimn die weitere Frage
gesteift werden, welche Kiraftleistung mit den erkran^üten mo-
torisehea llreüen noch eu erzielen ist? Eine ungefähre Maassbestim-
mHOg 'kann man daflfar erhalten durdi eine vefigleicfaende PrttAing des
¥?%lerstandes, weldier passiven Bewegungen noch entgegengesetzt
werden kaim, dtirch Prflftog des Druckes, welchen die Kranken mit
den 'EztremStäten noch austlben können. Direct messen 4umn man
die ILtaft der Bewegungen mittelst der verschiedenen Formen des
Dynamometers, die tbeils auf Drucik, tbeils auf Zug eingerichtet sind,
sich tfber lange nicht an «Men Muskeln 'des Körpers verwenden lassen.
Da es jedoch kein absolvtes Maass Air die Kraft^rösse -deT einselnen
Muskeln gibt, halben diese Messungen nur sehr relativen Wertii und
Moülit&tsneurosen. Untersuchungsmethoden. 249
flmd mit wirküehem Nutzen vorwiegend da zu verwerthen, wo es «ich
um Bestimmung der Ab- oder Zunahme der Kraftleistung bestimmter'
Muskeln bei einem und demselben Individuum^ oder um vei^leiehende
Untersuchung symmetrischer Körpertheile handelt. — Ftir die hier
fraglichen Bestimmungen muss häufig das subjective Gefühl des Kran-
ken, die früher oder später eintretende Ermüdung bei gewissen Be-
wegui^en^ ergänzend eintreten.
Endlich muss geprüft werden , mit welchem Grad von Gleich-
müasigkeity ExactheÄt und Sicherheit die einzelnen BewQgungen vor
sich gehen; ob sie gktö oder stossweisC; ob sie mit Zittern oder mit
störenden Nebenbewegungen u. dgl* erfolgen. Hier beobachte man
genau die Einzelbewegungen, lasse gerade Striche oder Kreise be-
schreiben, einzelne Punkte mit den Fingern treffen, auf einem Striche
gehen u. s. w. Die beim Gehen eintretenden Schwankungen kann
man auch graphisch darstellen lassen, indißm man die Kranken unter
einem Brett dahingehen lässt, auf welchem ein am Kopfe des Kran-
ken befestigter Pinsel die „Ganglinie" aufzeichnet. — Auch die ge-
naue Beobachtung verschiedener complieirter Bewegungen, des Laufens,
Hüpfens, Btublsteigens, Sc^hreibens, Nähens, Strickens u. s. w. kann
W^tT mancherlei Beweguiigsstöningen (Krampf, Ataxie, Lähmung)
richtige Aufschltlsse geben. — Yielfech ist es nützlich, mit diesen
Untersuchungen gleichzeitig die Piltfung des sog. Muskelsinns zu ver-
binden (s. 0.).
Auch die Ausführung passiver Bewegungen kann über
mancherlei Verhältnisse Aufklärung verschaffen: ob die gelähmten
Uuskeln völlig erschlafft, oder ob sie gespannt, contracturirt u. dgl.
sind, ob sie leicht in convulsivisches Zittern geratthen; welche Musfkeln
im Krämpfe befindlich sind, wie gross die Kraft der krampfhaft ge-
spannten Muskeln ist u. s. w.
Niemals versäume man die Prüfung der Reflexbewegungen,
deren Erhaltensein, Steigerung oder Fehlen oft wichtige diagnostische
Aufschlüsse besonders über den Sitz motorischer Störungen geben kann.
Man prüfe die Reflexe von den Sinnesorganen (Auge, Ohr, Zunge) und
von den Schleimhäuten (Corynnctiva, Nasenschleimhaut, RachenscAileim-
haut etc.), von den Sehnen ans (durch mechanische Reize) und ganz
besonders von der Haut her, durch Kitzel, Stechen, Kneifen, faradische
Reizung u. dgl. — Die Untersuchung der automatischen Bewe-
g^ngen ergibt sich von selbst.
Man wird auf diese Weise über die Leistungen der motorischen
Apparate und ihre pathologischen Störungen ziemlich vollständig ins
Klare konmien. Wir besitzen aber noch andere Mittel, um über das
Veriiaken der motorischen Affiai'ate (Nerven und Musk^k) selbst
dann Bocfa Aufsehluss zu erhalten , wenn dieselben gar keiner ipfaysio-
logiBeken Leistung mehr fä^g sind. Diese Mittel sind äussere (Reize,
weleke wir auf die motorischen Apparate an den ^ersehiedensten
ätteUen einwirken lassen ktenen, und welche eme mannichfadi versohie-
dese^ unter pathokgis^ien Verhältnissen sich häufig abnorm igestal-
tende Raaction derselben hervormfenl Aus den vorhandenen Anomalien
dieser motorischen Reaction sind wir in vklen Fällen im Stande, be-
250 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
gtiminte Schlüsse auf das anatomische und physiologische Verhalten
der Nerven und Muskeln zu ziehen , welche ihrerseits hinwiederum
Aufschlüsse über den Sitz der Störung an den motorischen Apparaten
liefern können.
Unter diesen äusseren Reizmitteln sind es besonders elektrische
und zum Theil auch mechanische ReizC; welche sich zum Zwecke
der ärztlichen Untersuchung an motorischen Theilen am besten eignen.
Da von ihrer Anwendung zu diagnostischen Zwecken , welche uns m
vielen Fällen die werthvollsten Aufschlüsse über mancherlei feinere
Verhältnisse bei Krämpfen sowohl , wie bei Lähmungen gibt, in den
folgenden Abschnitten sehr viel die Rede sein wird; so möge hier eine
kurze Besprechung der einschlägigen physiologischen Verhältnisse im
gesunden 7 lebenden menschlichen Körper eine Stelle finden. Es ge-
schieht dies theils um spätere Wiederholungen zu vermeiden ; theils
zur vorläufigen Orientirung für solche Leser, welche mit der be-
treffenden Specialliteratur nicht vertraut sind.
Die mechanische Erregbarkeit der motorischen Nerven und
Muskeln wird am einfachsten geprüft mittelst des gewöhnlichen Per-
cussionshammers. Unter physiologischen Verhältnissen ruft massig'
starkes Aufklopfen in den meisten Muskeln des Körpers, manchmal
mehr, manchmal weniger leicht eine kurze Zuckung der getroffenen
Muskelbündel hervor; am leichtesten dann, wie es scheint, wenn man
die Eintrittstelle des motorischen Nerven trifft. An einzelnen Muskeln
(z. B. dem Pectoralis miyor, dem Deltoideus, den Muskeln an der
Streckseite des Vorderarmes etc.) treten diese Contractionen leichter,
an anderen schwieriger ein. Bei sehr erregbaren Individuen, bei Re-
convalescenten von schweren Krankheiten, bei Phthisikem etc. tritt
nicht selten an der vom Schlage getroffenen Stelle ein umschriebener
Wulst hervor, von welchem nach beiden Seiten hin kleine Contractions-
wellen bis zu den Enden der Muskelfasern verlaufen: eine Form der
Zuckung, ftir^ welche die Physiologie noch keine hinreichend befrie-
digende Erklärung gegeben hat. — Die Nervenstämme selbst sind
weniger leicht durch mechanische Reize erregbar; es ist meist ziemlich
starkes, oft schmerzhaftes Aufklopfen nöthig, um von ihnen aus Muskel-
zuckungen zu erhalten. Die Muskeln müssen bei diesen Untersuchun-
gen möglichst erschlafft sein. — Unter pathologischen Verhältnissen
kann eine erhebliche Steigerung dieser mechanischen Erregbarkeit m
den Muskeln eintreten (Erb, Hitzig).
Viel wichtigere und umfassendere Ergebnisse liefert die elek-
trische Reizung der motorischen Apparate. Sie ist bereits
zu einer äusserst werthvoUen diagnostischen Untersuchungsmethode
ausgebildet; sie vermag uns Aufschluss zu geben über mancherlei
palpable sowohl wie impalpable Veränderungen in den Nerven und
Muskeln, welche die verschiedensten motorischen Störungen begleiten;
sie ermöglicht nicht selten ein Urtheil über den anatomischen Sitz der
Störung, sie gibt uns Anhaltspunkte für die Prognose vieler Fälle und
bestinmit nicht selten die Indicationen für die Therapie. Es kann so-
mit an eine genauere Einsicht in die Pathologie vieler motorischen
MotUit&tsneurosen. Untersachungsmethoden. 251
Stdrungen heutzutage ohne elektrische Untersuchung nicht wohl mehr
gedacht werden.
Eine erschöpfende Darstellung kann natürlich hier nicht gegeben
werden; wir verweisen in dieser Beziehung auf die Lehrbücher der
Physiologie und die neueren elektrotherapeutischen Arbeiten (vgl. be-
sonders Brenner, Untersuch, u. Beob. auf d. Gebiete d. Elektro-
therapie. Leipzig 1868 — 69; ZiemsseU; Elektric. i. d. Medic. 4. Aufl.
Berlin 1872; Erb, Sammlung klin. Vortr. Herausgeg. von Volkmann.
No. 46. 1872j. Wir beabsichtigen hier nur eine kurze Darlegung
der Ergebnisse der elektrischen Reizung an den motorischen Nerven
und Muskeln des lebenden gesunden Menschen; wie sie nach den
neuesten Untersuchungen als feststehend angenommen werden können.
Wir werden uns darauf bei der Angabe pathologischer Veränderungen
unmer zu beziehen haben.
Die Grundlage der ganzen Untersuchungsmethode bildet die That-
Sache ; dass die motorischen Nerven und die Muskeln durch Applica-
tion elektrischer (galvanischer und faradischer) Ströme auf dieselben zu
ihrer specifischen Function angeregt werden^ und dass dadurch Muskel-
contractionen entstehen; dass also m. a. W. motorische Nerven und
Muskeln auf elektrische Ströme ^reagiren^, und dass diese Reaction in
einer ganz gesetzmässigen Weise erfolgt (Zuckungsgesetz). — Die Er-
regung der motorischen Apparate geschieht hauptsächlich durch die
Dichtigkeitsschwankungen; welche mit dem Schliessen und Oe&en des
dieselben durchfliessenden Stromes verbunden sind. (Eine gewisse Er-
regung findet auch während des continuirlichen Fliessens des Stromes
statt; kommt aber jfür unsere Zwecke weniger in Betracht.) Die Er-
regung ist um so stärker; je grösser diese Dichtigkeitsschwankungen
smd; und je rascher sie eintreten; — also je stärker der Strom und
je plötzlicher die Veränderungen seiner Dichtigkeit; sie bleibt auS;
wenn der Strom sehr schwach ist oder wenn die Dichtigkeitsschwan-
kongen nur sehr allmälig eintreten. Darauf beruht eigentlich die ganze
elektrische Untersuchung.
Man benutzt gewöhnlich zwei Arten der strömenden Elektricität
zur elektrischen Untersuchung : Faradische (Inductions-) Ströme und
galvanische (Contact-; constante; Batterie-) Ströme. Die ersteren
werden in selbstthätigen Apparaten erzeugt; welche rasch aufeinander-
folgende; abwechselnd entgegengesetzt gerichtete Ströme von momen-
taner Dauer und erheblich grosser Abgleichungsgeschwindigkeit liefern ;
die letzteren sind continuirlich erzeugte und continuirlich in derselben
Intensität fliessende Ströme; in welchen wir willkürlich — vermittelst
des sog. Stromwenders — Unterbrechungen; resp. Schliessung und
Oeffhung eintreten lassen können ; wodurch die nöthigen Dichtigkeits-
schwankungen hervorgerufen werden. Alle Details darüber siehe* in,
den Lehrbüchern der Elektrotherapie.
Das Verhalten der Nerven und Muskeln gegen faradische StrömC;
die Art und Weise und die Stärke der Reaction derselben bezeichnet
man als faradische Erregbarkeit. Sowohl durch Nerven- als
durch die Muskelreizung wird nur einerlei Effect — Muskelcontrac-
tion — erzielt. Geschieht dies durch Reizung des moto];ischen Nerven,
252 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nenren.
80 hat man die indirecte Reizung; bei Reizung des Maskeb selbst
dagegen die direete Reizung. Spricht man also von indirecter
fu'a^soher Erregbarkeit eines Muskels^ so meint man die Erregbarkeit
des zngehtfngen motorischen Nerven; unter direeter faradiscber Erreg-
barkeit versteht man die Erregbarkeit der Muskelsubataoz selb^
(Dieselben Benennungen gelten natttrlioh auch für die galvanische
Reizung.)
Zur Prttfung der fiu^dischen Erregbarkeit bedient man sieh ge-
wöhnlich der von der secundären Spirale der gewöhnlichen Sehlitten-
apparate gelieferten sog. i, secundären Inductionsströme '^ (doch kann
man auch dea sog. Elxtrastrom der primAren Spirale benats«n). Die
Kathode des Oeffirangsinductionsstromes ist der am meisten erregende
Pol, daher bedient man sich; um die VerhältBiBse nicht tu whr zu
compUciren, ausschliesslich der Kathode zur Erregung und setst die
Anode auf irgend einen indifferenten Körpertheil (Stemnm, Kniescheibe
oder dgl.). Das ist die Methode, auf welche sich alle unsere Angaben
bezieheo.
Bei ihrer Anwendung am Gesunden ergibt sich nun: dass bei
Reizung aller erreiehbaren Nerven des Körpers bei einer gewissen
geringen Stromstärke (mesriiar an dem Rollenabstand des Apparates)
eine Minimaleontraction der Muskeln eintritt ; dass bei mäasiger Steige-
rung dieser Stromstärke eine starke tetanische Gontraction der Unakeln
entsteht; dass die symmetrisdMu Nenren beider Köq>eriiälfteB &8t
genau bei der gieidiea Stromstärke zur Erzeugung von Minimaleon-
tractionen angeregt werden; und dass endlich auch versdoedene, dicht
unter der Haut liegende Nerven verschiedener Körperprovinaen (Ram.
frontalis nervi facialis, N. accessorius, N. ulnaris und persnees) eben-
falls bei nahe beisammenliegenden Stromstärken Minimalcontraetionen
auslösen. (Vgl. Übet diese Details: Erb, Zur Lehre von der Tetanie
nebst B^nerkung aber elektr. Erregbarkeit^rttfungen u. s. w. Areh.
fitar Psych, und Nervenkr. Bd. IV. 1873.) ~ Alle erfaeblieheii Ab-
weichungen von diesem Verhalten müssen als pathologisdi betnuAtet
werden und können nach der einen oder anderen Richtung hin er-
folgen: Steigemg oder Vermmderung und gänzliches Erlösdien der
faitid. Erregbarkeit. Dieselben Sätze gelten mutat. mutand. auch fUr
die erreichbaren Muskeln des Körpers, wobei man in der Regd die
Reizung derselben von den Eintrittsstellen ihrer motorischen Nerren im
Auge hat
Das Verhalten der Nerven und Muskeln gegen SchtieMung und
Oeffiiung und continuirliches FKessen des galyaaischen StroMsa be-
zeichnet man als galvanische Erregbarkeit. Aus GrUadeü der
Physiologie md der physikalischen Zweckmässigkeit, auf die hier sieht
näher eingegangen werden kann, untersucht man am lebeadsn KAiper
am besten die Wirkung der beiden Pole isolirt (polare Methode). Die
zu untersuchenden Nerren und Muskeln werden in Verbindung mit
den einen — dem differeoten — Pole gebracht, während der andere
— der indifferente — Pol auf irgend einer indifferenten Körperstelle
(am besten dem Sternum) nüit. Indem man nun den differenten Pol
bald Anode bald Kathode sein lässt und dabei Schliessungen und Oeff-
Motüitätsneorosen. Elektr. Prüfung. Zucktmgsgesetz am Menschen. 253
nnngen der Kette yornimmt; erhält man eine Reihe von Reactionen
(auf Kathodenschliessnng — KaS; und Kathodenöfinung — EaO; auf
Anodenschliessung und -Oefibnng; AnS und AnO), welche zusammen das
Zuckungsgesetz des motorischen Nerven und Muskels
darstellen.
Das Zuckungsgesetz des motorischen Nerven baut sich aus den
folgenden beiden Sätzen auf: Die Ka erzeugt vorwiegend (oder
streng genommen ausschliesslich) Schliessungszuckung ^ die An vor-
wiegend (oder ausschliesslich) Oeffnungszuckung; die erregende
Wirkung der Kathode ist stärker als die der Anode. Daraus ergibt
sich einfach die folgende Reactionsweise bei den verschiedenen Strom-
sttrken :
Niederste Stufe — schwacher Strom: KaSZ — r die Ka erzeugt
einfach Schliessungszucknng; die An nichts.
MittlereStufe — mittelstarker Strom : KaSZ'^ AnSz, und AnOz —
die Ka ruft stärkere Schliessungszuckung hervor ; aber keine Oeff-
nungszuckung; die An dagegen sowohl Schliessung- wie Oefibungs-
zuckung von geringer Stärke ; beide nahezu gleich stark , bald die
einC; bald die andere etwas stärker oder früher auftretend.
Höchste Stufe — starker Strom: KaSTe, AnSZ; AnOz, und KaOz
— die Schliessungszuckung mit der Ka wird zur tetanischeu; toni-
schen Oontractiou; beim Oeffhen tritt schwache Zuckung ein; mit
der An beim SchUessen und Oeffnen lebhafke Zuckung.
Daraus ergibt sich auch einfach; wie die verschiedenen Zuckungen
bei aufsteigender Stromstärke aufeinanderfolgen müssen; und wie das
relative Intensitätsverhältniss derselben sein muss^ wenn wir die gal-
vanische Erregbarkeit der motorischen Nerven qualitativ und quanti-
tativ fOr normal betrachten sollen. — Dies Zuckungsgesetz lässt sich
bei emi^er Uebung und Vorsicht in allen beliebigen, erreichbaren mo-
torischen Nerven des Körpers in im Wesentlichen übereinstimmender
Weise herstellen.
Das Zuckungsgesetz der Muskeln selbst ist das nämliche; es be-
ruht aber wohl auf der Reizung der intramusculären Nervenendigungen;
höchst wahrscheinlich aber besitzen auch die Muskeln eine eigene iso-
lirte Erregbarkeit; welche aber bloss dann deutlich hervortritt, wenn
die Nervenendigtingen ausgeschlossen sind, wie das unter pathologischen
Verhältnissen vorkommt.
Abweichungen von diesem normalen galvanischen Zuckungsgesetz
kommen unter pathologischen Verhältnissen häufig vor und zwar so-
wohl quantitative (Steigerung und Verminderung der galvanischen Er-
regbarkeit), wie qualitative Veränderungen (Aenderungen der Zuckungs-
formel und des Zuckungsmodus). Wir werden darauf bei den einzelnen
Capiteln zurückkommen.
1. Krampf im Allgemeiaen.
Romberg, Nervenkrankheiten, 1. S. 335. 3. Aufl. — Hasse 1. c. S. 126. —
A^Eulenburg, Funct. Nervenkr. S. 623. — J. Chr. Glarus, Krampf in path.
254 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
11. therap. Hinsicht. Leipzig 1822. — L. Fleckles, Die Krämpfe in aUen ihren
Formen. Wien 1834. — Natanson, Beitr. z. physiol. Diagnostik der Kräxnpfe;
mitgetheilt von Bergson. Deutsch. Klin. 1860. No. 25. — Nothnagel, £nt>
stehuDg allgem. Gonvulsionen vom Pons u. v. d. MeduU. oblong, ans. 'Virch. Arch.
Bd. 44. — Zur Lehre vom klon. Krampf, ibid. Bd. 49. 1869. — Hitzig, üeber
Reflex erregende Druckpunkte. Berl. klin. Woch. 1866. No. 7. — Unt^such. z.
Physiolof^ie des Gehirns. Reichert u. Dubois' Archiv. 1970, 1871 und 1873. —
Ueber die Auffassung einiger Anomalien der Muskelinnervation. Arch. f. P^ch.
u. Nervenkr. HI. S.312 u. 601. 1872. — üeb^r einen interess. Abscess der Hirn-
rinde, ibid. in. 1872. — Wernher, Verletzung der linken Grosshimhälfte. Yirch.
Arch. Bd. 55. 1872. — Benedict, Nervenpathol. und; Elektrotherapie. 1874. —
Heu bei, Das Krampf centrum des Frosches etc. Pflüger's Arch. IX. 1874. —
A. Freusberg, Ueber das Zittern. Arch. f. Psych u. Nerv. VI. S. 57. 1S75. —
Ranke, Ueber die krampfstill. Wirkung des const. el. Stroms. Ztschr. f. Biolog.
II. 1866. — S. ausserdem die verschiedenen Arbeiten von v. Gräfe, Remak,
die Lehrbücher d. Elektrotherapie u. s. w.
Eine erschöpfende Darstellung aller das weite Gebiet der
„Krämpfe"' berührenden allgemeinen Verhältnisse zn geben, ist an
dieser Stelle nicht möglich und liegt auch nicht in der Absicht dieses
Werkes. Das mnss der allgemeinen Pathologie überlassen bleiben.
— Es sind hier viel verwickeitere und weiter auseinander gehende
Verhältnisse vorhanden, als z. B. bei den Neuralgien, deren Patho-
logie und Therapie einer allgemeinen Darstellung leicht zn^Lnglich
und von entschiedenem praktischem Interesse ist. Die Krämpfe lassen
sich nicht unter solch' einheitliche Gesichtspunkte bringen, sie stellen
kein einheitliches Erankheitsbild dar. Das Gebiet der Erampfkrank-
heiten ist notorisch noch ein sehr dunkles, und gerade über die
wichtigsten und wesentlichsten Verhältnisse derselben besitzen wir
sehr wenig positive Kenntnisse und fast nur Vermuthnngen.
Nur Einzelnes, was für die vorläufige Orientirung und für das
Verständniss der Einzelformen förderlich sein kann und die folgende
Darstellung derselben erleichtert, soll hier in Kürze erörtert werd^L
Schon die Definition des BegriflFes „Krampf" hat ihre sehr
beträchtlichen Schwierigkeiten, wegen der zahllosen und mannich-
faltigen Erscheinungen, welche der Sprachgebrauch unter diesem
Namen vereinigt. Am Besten verstehen wir wohl darunter alle
abnormen Muskelcontractionen, welche entweder durch rein
pathologische Reize hervorgerufen sind, oder bei welchen die Grösse
der hervortretenden Wirkung in einem entschiedenen Missverhältniss
zur Grösse des physiologischen Reizes steht. Die krampfhaften
Muskelcontractionen sind also abnorm entweder dadurch, dass sie
durch neue, fremdartige, pathologische Erregungen der motorischen
Ganglienzellen, Nervenfasern oder Muskeln zu Stande kommen, oder
dadurch, dass die auf die physiologischen Reize (Wille, Reflex, au-
tomatische Erregung) folgenden motorischen Erregungen eine abnorme
Krampf im Allgemeinen. Definition. Erscheinangsweise. 255
Steigerang erfahren haben. Es handelt sich also beim Krampf fast
immer um eine Steigerung der motorischen Thätigkeit, also auch
um eine Steigerang des sichtbaren Ausdmcks derselben^ der Muskel-
contraction.
Die Erscheinungsweise dieser pathologischen Mnskelcon-
traetionen ist eine äusserst mannichfaltige und man kann darnach
sehr Terschiedene Formen des Krampfes unterscheiden; die Praxis
lehrt zahlreiche, hierhergehörige Krankheitsbilder kennen, die oft nur
wenig Aehnlichkeit mit einander besitzen. Die Versuche, eine lieber-
sieht über alle diese verschiedenen Formen zu gewinnen, sind bis-
her nicht sehr glücklich gewesen.
Am allgemeinsten verbreitet ist die Eintheilung in tonische
und klonische Krämpfe. Unter tonischen Krämpfen versteht man
die längere Zeit (Minuten — Stunden — Tage lang) anhaltenden,
nahezu gleichmässigen Muskelcontractionen von grosser Intensität;
dabei werden die Glieder in starrer Ruhe gehalten. — Unter kloni-
schen Krämpfen versteht man die rasche Aufeinanderfolge von Con-
traction und Erschlaffung der Muskeln, oder den raschen Wechsel
in der Contraction verschiedener Muskelgruppen, wobei die ein-
zelnen Körpertheile in beständiger, oft sehr lebhafter Bewegung be-
griffen sind.
Man tritt vielleicht dem Wesen dieser beiden Krampftbrmen
etwas näher, wenn man sagt, dass bei dem tonischen Krampf die
einzelnen motorischen Erregungen einander zeitlich so nahe gerückt
sind, dass sie zu einer continuirlichen tetanischen Contraction zusam-
menfiiessen, während bei dem klonischen Krampf die einzelnen Er-
regungen durch so lange Zeitintervalle von einander getrennt (und
auch wohl an Intensität und im Angriffspunkt so vielfach wechselnd)
sind, dass jede einzelne Erregung zur Wahrnehmung kommt.
Diese Eintheilung ist aber noch lange nicht erschöpfend, weil
nicht alles umfassend; es müsste jedenfalls noch eine Gruppe von
Krampfbewegungen aufgestellt werden, welche die geordneten, coor-
dinirten, aber unwillkürlich und zwangsweise ansgeftlhrten Bewe-
gungen umfasst (statische Krämpfe, Zwangsbewegungen, coordi-
nirte Krämpfe; diese letztere Bezeichnung scheint uns die
zweckmässigste ftir diese Gruppe von Krämpfen, da der Begriff
der statischen Krämpfe bei den verschiedenen Autoren ein sehr
verschiedener ist).
Aber auch unter den tonischen und klonischen Krämpfen gibt
es noch mehrfache i sehr scharf von einander zu scheidende, beson-
2&6 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
dere Unterarten ; die hauptsächlichsten davon mögen hier eine karze
Erwähnung finden.
Die leichteste Form des klonischen Krampfes ist das Zittera
(Tremor); es besteht aus wenig ausgiebigen, in sehr kurzen Inter-
vallen aufeinanderfolgenden Contractionen einzelner Muskeln und
Muskelgruppen, oder in raschem Wechsd sehwacher ContraetioBeo
antagonistischer Muskeln, so daas dadurch leichte, zitternde, oscUli-
rende Bewegungen der Olieder entstehen; in dw höheren Oradeo
sind es ausgiebigere, oft durch nichts zu baanende kurze Contrac-
tionen, welche zu lebhaftem Zittern und selbst lu förmlichem Sehüttaln
der Glieder fahren (Paralysis agitans).
Ausgiebiger sind diejenigen Krampf bewegungen , (Ue man als
Spasmen und Gonvulsionen bezeichnet: energiscbe, kraftvolle
Contractionen einzelner Muskeln und Muskelgruppen., so dasa leb-
hafte, in kurzen Pausen aufeinanderfolgende Bewegungen entsteheo
(Grimassenschneiden, Bewegungen des Kopfes oder Rumpfes, „Schlagen '
der Glieder). Sind diese Krämpfe auf den grössten Theil der M«8-
culatur verbreitet, bald hier bald da in rascher Folge auftretend, %u
lebhatten, ausgiebigen, unregelmässigen Bewegungen des Rumpfes
und der Glieder fahrend, so spricht man von Convulsionen ; sie
bilden die Hauptsache bei den epileptischen, urämischen, hysterischen
Krämpfen.
Die einfachste Form des tonischen Krampfes ist der sogenannte
Crampus — eine andauernde, heftige, schmerzhafte Contraction
eines einzelnen Muskels oder bestimmter Muskelgruppen (z. B. beim
Wadenkrampf, beim Trismus, bei Tetanie). Ist diese Ej*ampfibrm
über den grössten Theil der Körpermusculatur verbreitet, in mehr
oder weniger lange dauernden Paroxysmen wiederkehrend, so hat
man den tetanischen Krampf (bei Tetanus).
Eine eigenthUmliche Krampiform ist die gleich massige,
aber nicht hochgradige Starre vieler oder aller Körpermns-
kein, wie wir sie bei der sog. Katalepsie finden; die Muskeln ver-
harren dabei unbeweglich in einem mittleren Contractionsznstand,
der Wille hat gar keinen Einfluss auf sie, wohl aber kann man ihren
Widerstand durch passive Bewegungen mit ziemlicher Lieichtigkeit
überwinden (wächserne Biegsamkeit/.
Dauernde, wochen- bis jahrelang anhaltende, unausdehnbare
Verkürzung, welche häufig mit bestimmten Ernährungsstörungen der
Muskeln einhergeht, bezeichnet man als Contractur; sie kann auf
einzelne Muskeln beschiilnkt sein, ist aber meist auf ganze Muskel-
gruppen (Beuger oder Strecker an bestimmten Gelenken) verbreitet.
Motilit&tsnearosei^. Krampf. Verschiedene Formen. 257
Weiterhin kommen dann in krampfhafter Weise erzeugt aucli
noch Bewegungen höherer Ordnung ror, oflTenbar durch Erregung
der motorischen Gentren flir gewisse complicirte Bewegungen bedingt
oder doch von solchen motorischen Fasergruppen ausgehend^ welche
zu bestimmten combinirten Bewegungen assocürt sind; sie werden,
an sich richtig combinirt und coordinirt, in krampfhafter Weise, gegen
den Willen der Ej*anken, oft in förmlich automatischer Weise ausge-
führt: das sind Zwangsbewegungen, coordinirte Krämpfe.
(Gehen nach einer Seite oder im Kreise; bestimmte Bewegungen
mit den Armen oder mit dem Kopfe u. s. w.)
Endlich kommen auch noch krampfhafte Mitbewegungen
vor, welche die gewollten Bewegungen begleiten, dieselben stören,
unsicher machen und vereiteln, oder welche selbst auf die blosse
Absicht einer Bewegung hin eintreten; sie sind besonders bei der
Chorea minor zu beobachten.
Die Praxis weist gelegentlich noch mancherlei andere Formen
des Krampfes auf, welche sich nicht leicht unter eine der genannten
Rubriken bringen lassen; die oben aufgezählten sind jedoch weitaus
die häufigeren und wichtigeren.
Krampf muss natürlich tiberall durch eine Reizung der moto-
rischen Apparate hervorgerufen werden. Diese Reizung selbst kann
auf zweierlei Weise zu Stande kommen: entweder durch Zunahme
der einwirkenden Reizgrösse, so dass ein der abnormen
Grösse des Reizes entsprechender motorischer Effect ausgelöst wird,
oder durch Zunahme der Erregbarkeit der motorischen
Apparate, so dass ein die Orösse des Reizes weit überschreitender
motorisclier Effect entsteht. Auf die eine oder die andere Ursache
mflssen alle Kiilmpfe zurttckgeftihrt werden können; wahrscheinlich
aber spielt die Steigerung der Erregbarkeit in der Pathologie der
Krämpfe eine wichtigere Rolle, als die Zunahme der Reizstärke. Es
entsteht nun zunächst die Frage, wo, an welchen Stellen der moto-
rischen Bahnen diese Reizung eingreifen muss , um Krampf hervor-
zurufen; und die weitere Frage, wie diese Reizung im Aligemeinen
beschaffen sein muss (ob momentan oder continuirlich , ob intermit-
tirend, ob mechanischer oder chemischer Natur u. s. w.).
In Bezug auf den Ort der Reizung lehrt die einfachste Be-
trachtung und die tägliche Beobachtung, dass die Reizung entweder
dir e et auf die motorischen Apparate und Bahnen an irgend einer
Stelle ihres Verlaufs einwirken kann, oder indirect, auf reflec-
torischem Wege, und es scheint, als wenn damit eine nattirliche
Haoabveli d. spec. Pathologie u. Tberapie. Bd. XII. 1. 2. Anfl. 17
258 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospkialen Nerven.
EintheiluDg des Krampfes in zwei Gruppen gegeben wäre, welche
in ihrer Erscheinungsweise, in ihrer Verbreitung und anatomischen
Localisation gewisse Verschiedenheiten darbieten. Wenn Natanson
demnach angibt, dass die directen Krämpfe sich immer als anhal-
tende, tonische, heftige und schmerzhafte Muskelcontractionen dar-
stellen, welche gewissen anatomischen Gruppirungen der moto-
rischen Bahnen (einzelnen Nerven oder bestimmten Plexus) ange-
hören, die indirecten Krämpfe aber als klonische, kurzdauernde,
wechselnde und schmerzlose Muskelcontractionen erscheinen, welche
auf physiologisch associirte Muskelgruppen (Beuger, Strecker,
Bespirationsmuskeln oder dgl.) sich verbreiten, so ist dies eine sehr
bestechende und die theoretische Betrachtung wesentlich erleichternde
Angabe; man darf aber dabei nicht vergessen, dass die bisher vor-
liegenden Thatsachen eine solch einfache Auftassung der Verhältnisse
durchaus nicht gestatten. Erst zahlreiche weitere Beobachtungen
können über diese jedenfalls äusserst wichtige und auch für die
Praxis sehr bedeutungsvolle Frage näheren Aufschluss bringen.
Die durch directe Beizung entstandenen Krämpfe können natür-
lich an allen möglichen Stellen der motorischen Bahnen, von der
Peripherie bis ins Ceutrum, erzeugt sein ; die reflectorischen Krämpfe
dagegen können nur im Centralorgan, durch Vermittlung der grauen
Substanz, zu Stande kommen.
Die directen Krämpfe können entstehen: Durch Beizung der
Muskelfasern selbst oder der motorischen Endplatten
in denselben; hierher gehören wohl die sog. fibrillären Contrac-
tionen, sowie gewisse Formen von Contractur und Muskelstarre^
welche in Folge von Lähmungen mit consecutiven anatomischen Ver-
änderungen der Muskeln entstehen.
Durch Beizung der peripheren motorischen Leitungs-
bahnen, bis zum Eintritt ins BUckenmark, resp. Gehirn. Trauma-
tische Einwirkungen, Zerreissung, Quetschung, Schussverletzungen,
Entzündungen der motorischen Nerven sind die häufigsten hierher
gehörigen Veranlassungen. Druck von Aneurysmen, Geschwülsten etc.
kann in ähnlicher Weise wirken. Der Krampf ist dann auf die be-
fallene motorische Bahn streng localisirt, ist meist, aber nicht immer,
tonischen Charakters und eventuell begleitet von den entsprechenden
sensiblen und vasomotorischen Störungen.
Durch Beizung der Leitungsbahnen und der motori-
schen (Beflex-) Centren im BUckenmark; hierher gehören
die Contracturen, Mnskelspannungen, Spasmen u. s. w., die man bei
Myelitis und andern spinalen Erkrankungen beobachtet, die Kriimpfe
MotiHt&tsneurosen. Krampf. Pathogenese. Aetiologie. 259
beim Tetanus nnd ähnlichen spinalen Neurosen. Die feinere Art
und Weise des Zustandekommens dieser spinalen Krampfformen ist
ans noch ziemlich unbekannt; vielleicht handelt es sich in manchen
Fällen um directe Reizung der motorischen Leitungsbahnen in den
Vorderseitensträngen und in der grauen Substanz; oder um Reizung
und Steigerung der Erregbarkeit der in der grauen Substanz liegen-
den motorischen Centralapparate , der reflexvermittelnden Ganglien-
zellen u. s. w.
Hier bat man es meist zu thun mit Krämpfen von charakteri-
gtischer Verbreitungsweise (beide untere Extremitäten, Beuger oder
Strecker, fttr welche die Bahnen im Rückenmark beisammen liegen
u. 8. w.); fast immer sind begleitende spinale Erscheinungen vor-
handen.
Durch Reizung der Leitungsbahnen und Centralap-
parate im Gehirn. Hier werden die Verhältnisse schon äusserst
mannichfaltig und verwickelt: zunächst können die einfachen moto-
rischen Leitungsbahnen im Gehimstamm und der Stabkranzfaserung
in pathologische Erregung versetzt werden : es ist notorisch, dass bei
bestimmten Erkrankungen dieser Gebilde Krämpfe nicht selten auf-
treten. Demnächst kommen die motorischen Centren in Betracht,
welche Fritsch und Hitzig in der grauen Rinde der Vorderlappen
nachgewiesen haben; dass ihre Reizung auch beim Menschen unter
pathologischen Verhältnissen zum Auftreten peripherer localisirter
Krämpfe Veranlassung geben kann, lehren die jüngst veröflFentlichten
interessanten Beobachtungen von Hitzig und Wem her. Eine
ganz ähnliche und jetzt erklärte Beobachtung findet sich auch in
der Arbeit von Debrou über Gesichtsmuskelkrampf (Arch. g6n6r.
1864. Fall 5: rechtseitiger Ejrampf der Gesichts- und Kaumuskeln
mit Aphasie, kleiner apoplektischer Herd im linken Stimlappen).
Hierher auch eine jüngst publicirte Beobachtung von Goldstein
(Schmidf s Jahrbücher Bd. 161. Heft 2). — Hieran reihen sich patho-
logische Erregungen gewisser automatischer Centren (der Centren
für In- und Exspiration, flir das Lachen, Gähnen u. dgl.), welche
unzweifelhaft der Ausgangspunkt gewisser Krampfformen werden
können. — Verwickelter werden die Verhältnisse schon bei den
manmchfaltigen Verbindungen der motorischen Bahnen unter sich,
welche unzweifelhaft im Centralorgan liegen; Verbmdungen , welche
die gleichzeitige Innervation zahlreicher Muskeln und Muskelgruppen
ermögüchen, wie sie bei jeder wiUkürUchen einfachen Bewegung in
ganz unwillkürlicher Weise stattfindet. Auch durch pathologische
Veränderungen in diesen Leitungsbahnen können Krampf bewegungen
1"
260 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebroBpinalen Neryra.
za Stande kommen; es ist wahrscheinlich, dass die pathologischen
Mitbewegungeh , welche dnrch ein Uebergreifen der willkürlichen
motorischen Erregung auf gewöhnlich nicht betretene, wenn auch
anatomisch präformirte Leitnngsbabnen entstehen, auf diese Verbin-
dungen zurückzuführen sind und Hitzig hat auf pathologische Ver-
änderungen derselben die hemiplegischen Contracturen zurückzuführen
gesucht. — Noch schwieriger und dunkler sind die Verhältnisse bei
gewissen ELrampfformen, deren Localisation wir ebenfalls im Gehirn
zu suchen haben und die wir als coordinirte Krämpfe, Zwangsbe-
wegungen u. dgl. bezeichnen. Es lohnt nicht, hier auf diese .noch
äusserst unklaren und mannichfacher Deutung fähigen Dinge dnsu-
gehen, welche an andern Stellen dieses Werkes ihre Erörterung
finden werden.
Endlich hat Nothnagel noch ein besonderes Krampfcen-
trum nachgewiesen, d. h. eine umschriebene Stelle im Centralorgan,
von welcher aus durch directe oder reflectorische Reizung allgemdne
CouYulsionen ausgelöst werden, ähnlich wie bei Epilepsie. Diese
Stelle liegt im Pons, wabrschemlich da, wo die motorischen Liei-
tnngsbahnen der Vorderseitenstränge ihre erste centrale Endigong in
Ganglienzellen finden. Die Reflexreizung dieses Krampfcentrums ge-
schieht am besten und sichersten von einer umschriebenen Stelle am
Boden des 4. Ventrikels aus (beiderseits, etwas seitlich Ton der
Mittellinie), deren genauere Grenzen jedoch für den Menschen noch
nicht festgestellt sind.
Die auf reflectorischem Wege entstehenden Krämpfe werden zu-
nächst überall durch die graue Substanz der Centralorgane vermittelt,
wenn auch allerdings der eigentliche Entstehungsherd derselben nicht
selten ziemlich fem von dieser zu suchen ist; die einfachsten Reflex-
kiUmpfe kommen im Rückenmark zu Stande, complicirtere höher
oben im verlängerten Mark und im Gehirn, wo die sensiblen und
motorischen Bahnen an den verschiedensten Stellen durch graue
Substanz miteinander in Verbindung treten. — Die Reflexkrän^fe
bilden jedenfalls eine sehr wichtige und grosse Gruppe unter den
Klampfen; zahllose Einzelfälle der verschiedensten Art gehören
dieser Kategorie an. Sie können, entsprechend der Complicirtheit
der Reflex Vorgänge , in verschiedener Weise* zu Stande kofnmen,
nämlich :
durch gesteigerte Reizung und erhöhte Erregbarkeit
der centripetalen (sensiblen) Bahnen; das ist eine derh&n-
figsten Quellen reflectorischer Krämpfe ; von den verschiedensten Kör-
pertheilen her können alle möglichen Reize die Veranlassung solcher
Motilitätsneiirosen. Krampf. Pathogenese. Aetiologie. 261
Kitmpfe werden : so von den sensiblen Nerven selbst aas Traumen^
Entzündungen nnd andere Irritationen der Nerven ^ Neuralgien nnd
Hyperästhesien; von der äussern Haut und besonders von den
SeÜamhäuten her Reizungen aller Art durch Entzündungen, Ulcera-
tionen, Fremdkörper, Concretionen, Helminthen (es sei hier nur hin-
gewiesen auf Blepharospasmus, Cjstospasmus , Vaginismus, auf die
durch Grenitalerkrankungen , Darmleiden u. s. w. hervorgerufenen
Knunpfformen). — Alle diese Krämpfe folgen dem Schema der Re-
flexvorgänge, wie es uns die Physiologie kennen gelehrt hat; sie
beschränken sich zuerst auf die näehstgelegenen Muskeln, verbreiten
flieh dann auch auf entferntere und können endlich auf sehr zahl-
rdehe Muskelgruppen sich erstrecken;
durch Steigerung der Erregbarkeit der Reflexcen-
tren im Rückenmark und Gehirn; dieselbe kann durch ver-
schiedene Erkrankung^, durch Vergiftung mit gewissen Stoffen
(Strychnin) bewirkt sein; schon die physiologischen sensiblen Er-
regungen genügen dann zur Auslösung von Krämpfen, so z. B. beim
Tetanus, bei Myelitis. Ein geringerer Grad dieser Erregbarkeits-
steigerung spielt wahrscheinlich eine grosse Rolle bei der Erzeugung
sehr vieler Reflexkräm|tfe ; me ist daa, was man als Disposition zu
Krämpfen (Gonvulsibilität) bezeichnet; welche bei jeder irgendwie
lebhaften sensiblen Einwirkung zum Ausbruch von Krämpfen filhrt;
so z. B. bei der Hysterie;
durch Aufhebung der Thätigkeit der reflexhemmen-
den Centren im Gehirn; fällt die Thätigkeit derselben weg
(durch Zerstörung derselben oder Abschneidung der Leitung zum
Rückenmark), so werden die vom Rückenmark vermittelten Reflexe
gesteigert und können selbst einen krampfhaften Charakter annehmen.
Genaueres über diese Vorgänge ist jedoch ftir die menschliche Pa-
thologie noch nicht ermittelt.
Dass auch eine Verminderung der Leitungswiderstände in den
centrifugalen (motorischen) Bahnen eine Steigerung der Reflexe be-
wnrken könne, ist wohl a priori anzunehmen. Es kann jedoch frag-
lieh erscheinen, ob auf diese Weise, bei physiologisch normalen
sensiblen Reizen und bei normaler Ekregbarkeit der Reflexcentren,
entstandene etwaige Krampfbewegungen den Reflexkrämpfen zuge-
rechnet werden können. Unsere bisherige Erfahrung hat auch diesen
Entstehungsmodus bisher nicht nachgewiesen.
In Bezug auf die Art der Reizung, in Bezug auf die Frage,
in wdcher Weise an den verschiedenen Punkten der motorischen
Apparate die pathologischen Erregungen eingreifen, welche Beschaffen-
262 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
heit die krampferzengenden Reize haben müssen, darüber sind wir
noch völlig im Unklaren. Es handelt sich hier offenbar um sehr
feine Verhältnisse, jedenfalls nicht um grobe anatomische Verände-
mngen in den motorischen Apparaten selbst; wo solche vorhanden
sind, wird ihre unausbleibliche Folge Lähmung sein und nicht Krampf.
Immerhin können Krampf und Lähmung zusammen in denselben
Nervengebieten vorkommen, wie die tägliche Erfahrung lehrt; alldn
dieses Vorkommen ist nach demselben Schema wie die Anaesthesia
dolorosa leicht zu erklären, und jedenfalls wird in solchen Fällen
der Krampf erzeugt an solchen Stellen der motorischen Bahn, welche
noch keine erheblichen Vei^nderungen ihrer Structur erlitten haben.
Wie gar die Reize beschaffen sein müssen, welche die verschie-
denen Einzelformen des Krampfs erzeugen, wie es kommt, dass in
dem einen Fall Tremor, im andern Spasmus, im dritten Tetanus oder
klonische Convulsionen entstehen, darüber hat man vergebens die
verschiedensten Hypothesen aufgestellt. Positives weiss man aber
darüber sehr wenig. Der tonische ELrampf soll vorwiegend dann
entstehen, wenn directe Reize die motorischen Bahnen an irgend
einer Stelle treffen (Natanson), der klonische Krampf dagegen bei
indirecter Reizung. Das dürfte .aber kaum für alle Fälle unbestrittene
Geltung haben. Immerhin stimmt damit überein, dass Nothnagel
gefunden hat, dass für die Entstehung klonischer Krämpfe die graue
Substanz erforderlich ist; der Durchgang der Erregung durch die
graue Substanz wirkt derartig, dass auch continuirliche Reize nur
einen intermittirenden Bewegungsvorgang auslösen. Dies deutet
darauf hin , dass bei den meisten klonischen Ki^mpfen an eine Be-
theiligung der grauen Substanz der Centralorgane zu denken ist
Jedoch ist es durchaus noch nicht erwiesen, dass nicht auch be-
stimmte Veränderungen in den peripheren motorischen Leitungsbahnen
zur Entstehung klonischer Krampfformen führen können. Wenn wir
sehen, dass durch den Reiz eines Aneurysma der - Vertebralarterie,
welches dem N. facialis anliegt, ein exquisiter Tic convulsif . ent-
stehen kann (s. F. Schultze, Fall von Facialiskrampf. Virch. Arch.
Band 65), so ist doch der Gedanke nicht abzuweisen, dass hier eine
Erkrankung des peripheren Nerven vorliegt. Dass nicht der mecha-
nische Reiz des pulsirenden Aneurysma die Ursache des völlig inter-
mittirenden Krampfs sein kann, ist klar. So drängt sich auch hier
der Gedanke auf, dass durch den mechanischen Reiz eine bestimmte
feinere Ernährungsstörung, eine bestimmte Erkrankung des Nerven
herbeigeführt wird, welche sich in dem Auftreten des typischen Ge-
sichtskrampfes äussert; ganz ebenso wie wir als Ursache der Neur-
Motilit&tsnearosen. Krampf. Pathogenese. Aetiologie. 263
algien nicht die directen Reize, sondern eine durch dieselben herbei-
geitihrte Emährongsstöning der sensiblen Nerven annehmen mnssten.
(S. o. S. 35.) Es ist wahrscheinlich y dass solche Veränderongen
der motorischen Nervenbahnen ein wichtiges Mittelglied in der Pa-
thogenese der Krämpfe darstellen.
Jedenfalls ist noch fast alles dunkel und hypothetisch auf diesem
schwierigem Gebiet; das Wenige, was wir bis jetzt wissen, bezieht
sich aof einige nähere Ursachen der Krämpfe, deren Kennt-
niss uns manchen Einblick in die Pathogenese gewisser Krampffor-
men gestattet, wenn wir auch über ihre feinere Wirkungsweise noch
im Unklaren sind.
Die einfachsten unter diesen Ursachen sind wohl mechanische
Beize, welche erfahrungsgemäss an den verschiedensten Theilen der
motorischen Apparate Krämpfe hervorrufen können : Durchschneidung,
QaetschuDg, Zerrung peripherer Nerven gehen mit Krampf einher;
DurchschneiduDg des Rückenmarks ruft je nach der Höhe der ge-
troffenen Stelle mehr oder weniger ausgebreitete Krämpfe hervor:
tonische durch directe Reizung der motorischen Bahnen, klonische
auf reflectorischem Wege, durch Vermittelung der grauen Substanz;
ebenso können mechanische Insultationen verschiedener Stellen des
Oehims Krämpfe auslösen: Nothnagel hat seine Untersuchungen
aber das Krampfcentrum mit Httlfe mechanischer Reize gemacht;
die Entstehung apoplektischer Ergüsse ist gewöhnlich von krampf-
haften Bewegungen begleitet.
Nicht minder wirksam sind häufig chemische Reize; sehr
verschiedene Stoffe, besonders gewii^ Qifte, können die motorischen
Apparate in solcher Weise verändern, dass direct oder auf reflecto-
rischem Wege Krämpfe entstehen: so z. B. Strychnin, Ergotin und
zahllose andre ot^anische Alkaloide, Alkohol, Blei, Quecksilber etc.
Femer sind es gewisse Girculationsstörungen, welche
wir nicht selten als Ursachen von Krämpfen beschuldigen mtlssen.
Am bekanntesten ist, dass plötzliche und hochgradige Anämie
wenigstens an gewissen Hirnabschnitten — besonders am Krampf-
centrum, wie es scheint — sehr ausgebreitete und heftige Krampf-
erscheinuDgen auslösen kann (nicht jedoch am Rückenmark, wie
der bekannte Stenon'sche Versuch lehrt). Ein Aehnliches gilt von
hochgradiger venöser Hyperämie und Stase, welche ebenfalls
vom Gehirn aus die Entstehung von Krämpfen bewirken kann
(Landois, L. Hermann). In beiden Fällen handelt es sich wahr-
scheinlich um die Anhäufimg von Kohlensäure oder andern StofT-
wechselproducten im Himgewebe, welche die Reizung hervorrufen.
264 Ebb, Krankheiten äex peripheren-cerebrospinalen Nerren.
Auch für die Entstehung des Zittems hat- Freasberg geringere
Grade von Girculationsstörungen als eines der. wirksamen Momente
nachgewiesen. — Durch diese Thatsachen wird die Entstehung von
Krämpfen bei vasomotorischen Neurosen dem Verständniss näher ge-
rückt ; eine durch Gef {Isskrampf bewirkte plötzliche Anämie ist ohne
Zweifel die erregende Ursache für manche Erampfformen; vielleicht
wirken auch manche sensible Erregungen auf diesem indirecten Wege
durch Erzeugung vasomotorischen Krampfs.
Veränderungen des Blutes können in mancherlei Weise
zur Entstehung von Krämpfen beitragen theils dadurch, dass das
Blut gewisse toxisch wirkende Substanzen enthält, (so bei Urämie,
Cholämie etc.), theils dadurch, dass seine mangelhafte qualitative
Beschaffenheit secundär zu Ernährungsstörungen im Nervensystem
ftlhrt, welche Krampf oder doch wenigstens hochgradige Disposition
zu Krämpfen herbeiführen (so Hydi^mie, Chlorose, allgemeine
Kachexie etc.).
Anatomische Veränderungen der motorischen Apparate:
Entzündung, Neubildung, Erweichung, Blutextravasate mit ihren Fol-
gen etc. sind nicht selten von Krämpfen begleitet; jedoch wissen wir
nichts Genaueres über die feinere Art und Weise, wie dieselben hier
zu Stande kommen.
Nicht selten sind wir auch zur Annahme impalpabler Er-
nährungsstörungen genöthigt, wenn wir uns irgend eine plau-
sible Vorstellung von der Entstehung mancher Krämpfe machen
wollen; so bei Epilepsie, Chorea, Hysterie etc. — Auf solchen
feineren Ernährungsstörungen beruht wohl auch da«, was man ge-
wöhnlich mit dem Namen der Convulsibilität, der Disposition zu
Krämpfen bezeichnet Dieselbe spielt jedenfalls bei der Ent-
stehung zahlloser Krampfformen eine ganz hervorragende Bolle; sie
kann angeboren, von den Eltern ererbt, oder durch verschiedene
Einflüsse, Krankheiten u. dgL erworben sein ; sie fällt in vielen Fällen
zusammen nut der allgemeinen neuropathischen Disposition, die in
so vielen Familien heimisch ist und eine fruchtbare Quelle so vieler
Neurosen bildet. Jugendliches Alter, weibliches Geschlecht, manche
Entwickelungskrankheiten , besonders Chlorose scheinen ihre Wirk-
samkeit am meisten zu begünstigen. Wir können nicht umhin, das
Wesen dieser Disposition in feineren Ernährungsstörungen der mo-
torischen Apparate zu suchen, über deren eigentliche Beschaffenheit
wir aber sehr wenig wissen; einzelne jetzt vorliegende Thatsachen
machen es wahrscheinlich, dass wir diese Ernährungsstörung in
Motflit&tsaetiroBeii. Krampf. Symptomatologie. 265
manehen Fällen an Yerändemngen der elektrischen Erregbarkeit
(Steigerung derselben) werden erkennen können.
Die wenigstpalpablen Störungen endlich; die aber gar nicht selten
ausgesprochene und schwere Krämpfe heryorrufen, sind psychische
Einwirkungen, besonders die mächtig einwirkenden, deprimiren-
den Affecte: Angst, Schreck , Zorn, Entsetzen (besonders beim An-
blick von Krämpfen) spielen in der Aetiologie vieler Krampfformen
eme grosse Bolle.
In welcher Wei^ jedoch diese Dinge wirken, ob sie direct eine
Alteration in den motorischen Apparaten bewirken, oder indirect
durch Beeinflussung der vasomotorischen Nerven oder auf reflecto-
risehem Wege — darttber wissen wir noch gar nichts.
Bei den einzelnen Krampfformen werden wir noch mancherlei
spedelle Ursachen zu erwähnen haben.
Allgemeine Symptomatologie.
Die Verbreitung der Sjlimpfe kann eine äusserst verschie-
dene sein; das richtet sich vor allen Dingen nach der Qualität und
den Angriffspunkten ihrer Ursachen. Bei localer peripherer Beizung
trifft man Beschränkung des Krampfes auf einzelne Muskeln oder
Muskelgruppen ; doch ist dabei nicht zu vergessen, dass auch vom
Centrum aus ganz isoUrte und drcumscripte Krampfformen ausgelöst
werden kennen, Was sieh aus dem Faserverlauf im Gehirn ganz
wohl erklärt. — Ist das Btlckenmark in toto aflScirt, so kann der
grösste Theil der Körpermusculatur ergriffen sein, selbst mit Einschluss
der von der motorischen Portion des Trigeminus versorgten Muskeln.
— Ist endlich das Krampfcentrum afficirt, dann ist wohl die allge-
meinste Verbreitung der Krämpfe zu erwarten. Dazwischen liegen
alle möglichen Abstufungen, bedingt durch den anatomischen Sitz
der eigentlichen Erkrankung. So kommt vor: Beschränkung auf
einen einzelnen Muskel (z. B. einen einzelnen Augenmuskel, oder den
Steniocleidomastoideus etc.) oder auf einen einzelnen Nerven (z. B.
Facialis oder Accessorius) oder auf einzelne Plexus oder eine einzelne
Extremität (so z. B. bei Paralysis agitans, paralytischer Contractur)
oder auf eine Körperhälfte (halbseitige Convulsionen bei Herderkran-
kimgen in einer Gtohimhemisphäre) oder auf die untere Körperhälfte
(bei spinalen Erkrankungen) , oder endlich Ausbreitung auf fast die
gesammte Körpermusculatur (z. B. bei Tetanus, Epilepsie). — Nicht
Bdten beobachtet man auch eine Beschränkung auf gewisse Muskel-
gruppen, welche zu synergischer, associirter Thätigkeit erzogen sind
266 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
oder durch ein besonderes Centram dazn veranlasst werden (so
Zwangsbewegungen, Bespirationskrämpfe, Gähnkrampf n. s. w.).
Aus dieser versebiedenen Verbreitnngsweise lassen sich natfllr-
lich häufig bestimmte Schlüsse auf den Sitz der vorhandenen DlAon
ziehen.
lieber das Auftreten der Krämpfe lässt sich nicht viel Allge-
meines sagen; es ist das äusserst verschieden und muss bei den
einzelnen Formen des Genaueren angegeben werden. Sehr häufig
treten die Ei^mpfe in deutlichen, bestimmt charakterisirten Paroxys-
men auf, die nicht selten einen ganz typischen Verlauf nehmen und
in mehr oder weniger regelmässigen, längeren oder kürzeren Inter-
vallen wiederkehren. Häufig, aber auch ist das Auftreten ein ganz
unbestimmtes, durch gewisse äussere Veranlassungen hervorgerufenes;
oder die Krämpfe schliessen sich an willkttrliche Bewegungen an;
oder sie treten ganz spontan auf und können dann verschieden lange
Zeit dauern, oft ftir immer bestehen.
Ausser der pathologischen Muskelaction beobachtet man aber
nicht selten noch eine Reihe von weiteren Erscheinungen, welche
das Krankheitsbild vervollständigen, und welche wir in Begleiter-
scheinungen und in Folgeerscheinungen des Elrampfes trennen können.
Unter Begleiterscheinungen verstehen wir solche, welche durch
Ausbreitung der Störung auf andere Theile derselben Nervenbahn
oder auf andere Nervenbahnen entstehen; unter Folgeerschei-
nungen solche, welche die Wu*kung des Krampfes selbst, der
krampfhaften Muskelverktirzung sind.
Die Begleiterscheinungen sind bei den Krämpfen luige
nicht so constant und in so charakteristischer Weise vorhanden wie
bei den Neuralgien ; sie haben meist mehr den Charakter accidenteller
Erscheinungen, welche durch die gleiche Krankheitsursache hervor-
gebracht sind.
In manchen Fällen fehlen die Begleiterscheinungen durchaus, so
z. B. beim Strabismus, beim einfachen Tic convulsif; hier ist der
Krampf das einzige subjective und objective directe Symptom der
Neurose; nur Folgeerscheinungen können dabei sein.
In den meisten Fällen jedoch beobachtet man verschiedene Be-
gleiterscheinungen, und zwar:
Motorische Störungen. Die gewöhnlichste ist Abschwächung
des Willenseinflusses auf die im Krämpfe befindliehen Muskeln,
welche bis zur völligen Lähmung gehen kann; dies kann in der
verschiedensten Weise zu Stande kommen, worüber bei den einzelnen
Formen das Nähere nachzusehen; meist handelt es sich um eine
Motüit&tsneurosen. Krampf. Symptomatologie. 267
durch die Elrankheitsarsache hervorgemfene LeitungshemmaDg an
einer höher gelegenen Stelle der motorischen Bahn. — Aach eine
Art Irradiation der motorischen Erregung kommt Tor ; aof der Höhe
des Krämpfe sieht man Mitbewegongen in mehr oder weniger zahl-
reichen Mnskelgmppen eintreten, offenbar dnrch Ansbreitang der
Erregang aof die vielfachen Verbindungsbahnen entstanden.
Sensible Störungen. Sehr häufig beobachtet man Schmerz
als Begleiter des Krampfs, und zwar Schmerz in den contrahir-
ten Muskeln selbst und von diesen ausgehend; so besonders bei
den einfachen Crampis, beim Tetanus etc.; er kann aber auch bei
vielen Krämpfen fehlen. Ueber seine Entstehungsweise wird noch
gestritten; es kann jedoch nicht wohl zweifelhaft sein, dass es sich
dabei um Seizung sensibler Muskelnerven durch die Muskelcontrac-
tion handelt, derselben Nerven, welche auch das Muskelgefllhl und
die elektromusculäre Sensibilität vermitteln. Dass dieser Schmerz
nicht durch mechanische Compression zwischen den Muskeln verlau-
fender sensibler Hautnerven hervorgerufen wird, ist schon durch das
Fehlen excentrischer Schmerzempfindungen in der Haut bewiesen,
ausserdem wird Jeder, der einmal Wadenkrampf gehabt hat, ttber
die Localisation des Schmerzes in dem prall contrahirten Muskel
selbst nicht den geringsten Zweifel gehabt haben. — Häufig beob-
achtet man nach Ablai^ des Krämpfe ein sehr lebhaftes Geftihl von
Müdigkeit und Abgeschlagenheit in den befallenen Muskeln ;
nicht selten auch jenen bekannten eigenthümlichen Muskelschmerz,
welcher sich in den Muskeln Gesunder so häufig etwa 24 Stunden
nach einer heftigen, ungewohnten Muskelanstrengung einstellt („ Tum-
weh") und welcher bei activer Contraction sowohl wie bei Druck
auf die betreffenden Muskehi hervortritt. — Femer kommen aber
auch Schmerzen in verschiedenen Nervenbahnen vor, wenn gleich-
zeitig mit den motorischen auch sensible Fasern gereizt werden, so
bei Erkrankungen gemischter Nerven, oder der Centralorgane, oder
wenn es sich um reflectorischen Krampf bei Neuralgien oder dgl.
handelt Das wird sich aus der Art und Weise der Orundkrankheit
erklären lassen. — Dasselbe gilt für die nicht selten gleichzeitig mit
Krampf auftretenden Erscheinungen von Formication, Taubsein
oder ausgesprochener Anästhesie. Das Auftreten dieser Symptome
wird ganz von den Umständen des Einzelfalles abhängen und hat
mit dem Krampf an sich nichts zu thun.
Vasomotorische und secretorische Störungen. Sie
fehlen häufig und bei vielen Krampftbrmen vollständig; tlberhaupt
scheinen auch da, wo sie vorkommen, ihre Beziehungen zu dem
268 Ebb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
Krampf selbst nur sehr lose zu sein; sie sind eben Theilerscheiniin-
gen derselben Krankheit^ welche auch den Krampf erzengt Manch-
mal beobachtet man vasomotorischen Krampf oder Lähmung, Blässe
oder Röthe rerschiedener Hautstellen als Vorläufer gewisser Krampf-
paroxjsmen (Epilepsie); abnormes Kälte- oder Hitzegeftthl mit den
entsprechenden Circulationsstörungen schliesst sich manchmal an
Krampfanfälle an; betheiligt die Krankheit gleichzeitig die vasomo-
torischen Bahnen — sei es in den peripheren Nerven , oder sei es
im Centralorgan — so können entsprechend localisirte vasomoto-
rische Störungen (Blässe, Röthe, Gyanose) vorkommen.
Von den Secretionen ist am häufigsten die Schweisssecre-
tion alterirt: profuse Schweisse kommen bei Epilepsie und Tetanus
vor, bei halbseitiger Epilepsie hat man halbseitigen Schwdss beob-
achtet. Als Urina spastica bat man jene helle, reichliche Urin-
absonderung bezeichnet, welche nach schweren Krampftemfällen nicht
selten beobachtet wird. Von gesteigerter Speichelsecretion weiss die
Casuistik des Facialiskrampfes nichts.
Auch die trophischen Störungen sind in den meisten Fällen
sehr unbedeutend. Es ist oft geradezu wunderbar, wie wenig die
von den schwersten und hartnäckigsten KrampfTormen heimgesuchten
Muskeln ihr Volumen und ihren Ernährungszustand ändern, sie zeigen
in vielen Fällen weder Hypertrophie noch Atrophie. Immerhin aber
kommen diese Störungen in einzelnen Fällen vor; sehr selten aller-
dings Hypertrophie der vom Krampf befieülenen Muskeln (Bell);
häufiger Atrophie, die selbst ziemlich hochgradig werden kann ; meist
sind dann schwere motorische Störungen (Lähmung) vorhanden, und
die Atrophie ist mehr Folge dieser als des Krampfes. Dabei findet
sich erhebliche anatomische Veränderung des Muskels: Wucherung
narbigen Bindegewebes neben der Atrophie der MuskelfBusem , nicht
selten auch Fetteinlagerung — Veränderungen, wie sie besonders bei
langjährigen Contracturen sich regelmässig ausbilden.
Schwerere trophische Störungen an der Haut, den Nägeln und
andern Oeweben kommen wohl nur bei gleichzeitiger schwerer Lä-
sion der trophischen und vasomotorischen Nervenbahnen zu Stande
und sind dann eine ganz accidentelle Erscheinung; fast immer wird
man in solchen Fällen gleichzeitig hochgradige Anästhesie und LAh-
mung finden.
Psychische Störungen kommen nicht selten in Be^eHong
von KiUmpfen vor, meist jedoch nicht in directer Abhängigkeit von
denselben. Der Zusammenhang beider Erscheinungen ist in vielen
Fällen noch äusserst dunkel. In einem Theil der Fälle sind die
Motüit&UnetiroBen. Krampf. Symptomatologie. 269
psychischen Störangen emfach Co^ffect derselben Ursache ; in andern
Fällen mag die dnrch häufige ErampfanfäUe gesetzte schwere Er-
schütterung des Nervensystems y oder es mögen dadurch bedingte
Girculationsstörangen allmälig psychische Symptome hervorrufen, oder
es mag in manchen Kranken durch die Existenz der Krampfkrank-
heit allmälig eine hypochondrische oder melancholische Verstimmung
hervorgerufen werden u. s. w. Man wird in jedem einzelnen Falle
dies Verhältniss genauer zu ermitteln haben.
Allgemeinstörungen werden im Ganzen selten beobachtet
und wo sie vorkommen, sind sie meist Folgen des Grundleidens und
dem Krämpfe gleichwerthig. Das Nähere wird bei den einzelnen
Krampfibrmen mitgetheilt werden. Nur diess mag hier Erwähnung
finden, dass die krankhaften Muskelcontractionen an sich, selbst wenn
sie sehr ausgebreitet sind, nicht im Stande sind erhebliche Steige-
rung der Körpertemperatur hervorzurufen, dass also das manche
Krampfkrankheiten begleitende Fieber eine andre Quelle haben
moss, als die durch den Kra^lpf selbst in den Muskeln gesetzte
Wärmeproduction. DatUr liegen hinreichend beweisende Erfahrun-
gen vor.
Die Folgeerscheinungen der Krämpfe sind zunächst rein
mechanische, durch die abnorme Muskelcontraction an und fttr sich
bedingte; sie können natürlich je nach dem Sitze des Krampfes
äusserst mannichfaltige sein, was hier nur angedeutet zu werden
braucht. Es kommen vor: Störungen in der Function der Sinnes-
organe (Strabismus, Blepharospasmus); Behinderung der Mobilität der
Gtelenke, Störungen in den geordneten Bewegungen des Körpers, ab-
norme Stellung und Haltung des Kop& und der Glieder, Verkrümmung
der Wirbelsäule, Veränderungen der Gelenkenden, Verschiebung und
Subluxationen der Gelenke; ferner Erschwerung des Athmens, der
Harn- und Stuhlentleerung, der Nahrungsaufiiahme u. s. w. Dadurch
können in secundärer Weise allgemeine Ernährungsstörungen, psy-
chische Verstimmungen u. dgl. entstehen. Alle Details darüber s. bei
den einzelnen Formen der Krampfkrankheiten.
Ueberdas elektrische Verhalten der erkrankten motorischen
Nerven und Muskeln ist nicht viel Positives zu sagen. So hoch-
gradige und diagnostisch wichtige Veränderungen, wie wir sie später
bei den Lähmungen kennen lernen werden, kommen hier nicht vor.
Fttr die Erkennung feinerer, besonders quantitativer Veränderungen
der elektrischen Erregbarkeit sind auch die bisher ttblichen Unter-
suchungsmethoden so wenig ausreichend gewesen, dass die meisten
hierher gehörigen Angaben nur mit einigem Misstrauen aufzunehmen
270 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
sind. — In vielen Fällen werden gar keine el. Erregbarkeitsände-
rangen gefanden; in einzelnen Verminderang , in andern Erböhong;
ich habe bei einigen Fällen von Tetanie hochgradige Steigerang be-
sonders der galvanischen Erregbarkeit gefunden, über welche weiter
unten bei der Tetanie berichtet werden wird. Eine Verallgemeine-
rung lassen diese wenigen Thatsachen bisher noch nicht za; auch
für die Pathologie und Diagnostik der Eiümpfe im Allgemeinen hat
die elektrische Untersuchung bisher nichts Erhebliches geleistet.
Endlich ist hier noch eine Erscheinungsreihe zu erwähnen, aaf
welche man bei manchen Erampiformen aufmerksam geworden ist,
und welche von grosser Bedeutung fUr die Pathologie sowohl wie fUr
die Therapie dieser Krämpfe zu sein scheint: es ist diess das Vor-
handensein von Druckpunkten. Die Erfahrung hat gelehrt, dass
in einer Beihe von ErampffäUen Druck auf bestimmte Punkte eine
Unterdrückung vorhandener Erampfanfälle bewirkt (von Gräfe,
Remak), während in andern Fällen durch Druck auf bestimmte
Punkte die Erampfanfälle hervorgerufen werden (Hitzig). — Die
krampfsistirenden Druckpunkte hat man besonders beim Gesichts-
krampf aufgefunden, und es hat sich herausgestellt, dass dieselben
meist den verschiedenen Aesten und Zweigen des Trigeminas ent-
sprechen, ähnlich wie die Schmerzpankte bei Neuralgien ; nicht selten
sind diese Stellen auch empfindlich bei Druck. Ausserdem aber hat
man auch von ganz entfernten Punkten — der Wirbelsäule, den
Handgelenken — her die krampfstillende Wirkung bei Druck ein-
treten sehen, v. Gräfe hat primäre und inducirte Druckpunkte
unterschieden; die ersteren bilden den Hauptausgangspunkt der
Erankheit und scheinen in den directesten reflectorischen Beziehungen
zu den primär und am stärksten befallenen Muskeln zu stehen ; Druck
auf dieselben sistirt den ganzen Erampf völlig. Die inducirten Druck-
punkte entstehen erst im Laufe der Erankheit, finden sich an mehr
oder weniger entfernten Nervenbahnen, Druck auf dieselben sistirt
den Erampf erst nach einiger Zeit und niemals vollständig, lässt
vielmehr den eigentlichen Ausgangspunkt des Erampfes unbertihrt
— Auch bei anderen als GesichtskiUmpfen hat man solche Punkte
gefunden. Bei der Erklärung dieser Erscheinungen hat man offenbar
nur an reflectorische Vorgänge zu denken. Es wäre möglich, dass
Druck auf bestimmte Nervenstämme die von ihren Verbreitungsge-
bieten herkommenden sensiblen Reize aufhielte und so die Anregung
zu ReflexkiUmpfen sistirte, wodurch der Erampf vorübergehend zum
Schweigen gebracht wird. Wahrscheinlich aber hat man an die
reflexhemmenden Einflüsse zu denken, welche bekanntlich von ener-
Hotilit&tBneurosen. Krampf. Prognose. Therapie. 271
gischen sensiblen Eindrücken ausgehen, und welche die Physiologie
in neuerer Zeit in umfassender Weise untersucht hat. Es würde sich
daraus erklären, warum häufig von mehreren verschiedenen Punkten
aus eine Hemmung des Krampfes ausgelöst werden kann. Welche
von diesen Annahmen die richtige ist, und ob nicht etwa beide ihr
getrenntes Berechtigungsgebiet haben, wird erst an der Hand weiterer,
auf diese Punkte hin geprüfter Thatsachen entschieden werden können.
Einen interessanten Fall von krampferregenden Druckpunkten
hat Hitzig publicirt; auch hier ist wohl nur an reflectorische Vor-
gänge zu denken. Beide Arten von Druckpunkten haben eine sehr
erhebliche Bedeutung ftlr die Therapie, weil von ihnen aus nicht
selten eine gtlnstige Modification der Krämpfe zu erzielen ist.
lieber die allgemeine Prognose der Krämpfe läjsst sich natür-
lich angesichts der zahllosen, in ihrer Entstehungsweise so verschie-
denen KramiTormen nur wenig sagen. Im Allgemeinen erhält man
den Eindruck, dass Krämpfe als schwere und hartnäckige Leiden zu
betrachten sind. Nur die einfachsten Fälle von Reflexkrampf oder
von auf directer Beizung beruhenden Krämpfen gewähren mit Sicher-
heit eine günstige Prognose. Bei den meisten übrigen Formen aber,
besonders wenn der Krampf einmal etwas eingewurzelt ist, bei aus-
gesprochener neuropathischer Disposition, bei den meisten idiopathi-
schen Formen u. s. w. wird selbst der geübteste Arzt nur eine zwei-
felhafte Prognose stellen können, weil selbst anscheinend leichte Fälle
in unerwarteter Weise oft allen Heilversuchen Trotz bieten. Jeden-
falls lehrt die Erfahrung, dass die meisten Krampftbrmen schwer
heibar sind und leicht recidiviren.
Alle Details müssen flir die specielle Besprechung aufgespart
bleiben; es mag hier nur betont werden, dass die Prognose im
schlimmen Sinne beeinflusst wird: durch den Nächweis aus-
gesprochener neuropathischer Disposition, centralen Sitzes, organischer
Oehim- oder Bückenmarksleideu, durch die Unmöglichkeit der Ent-
fernung der Ursachen, durch höheres Alter der Kranken, lange Dauer
des Krampfes.
Dass sie dagegen |im günstigen Sinne beeinflusst wird:
durch den Nachweis einfacher und leicht zu entfernender Ursachen,
durch peripheren Sitz und kurze Dauer des Leidens, durch jugend-
liches Alter und günstige Emährungsverhältnisse der Individuen.
Allgemeine Therapie. Die Krampfkrankheiten gehören
jedenfalls zu den undankbarsten Objecten der ärztlichen Thätigkeit
und stellen die Geduld des Kranken und den Scharfsinn und die Aus-
dauer des Arztes nicht selten auf harte Proben. Nur wenig ist be-
272 Ebb, Krankheiten der periph^en-cerebroBj^intlen Nerven.
sonders von eioer rationellen Behandlung zu sagen, was bei unserer
Unkenntniss der feineren Vorgänge bei den Krampfkrankbeiten nicht
Wunder nehmen kann. Die Therapie ist vielfach nur auf Empirie
begründet, und auch diese Iftsst nur allzu oft im Stich. Vielfach er-
probte Mittel können total ihre Wirkung versagen, und oft hilft eine in
der Verzweiflung und ohne Hoffnung auf Erfolg gemachte Verordnung.
Trotzdem muss man in jedem Falle nach rationellen Omnd-
sätzen zu verfahren streben; und hier ist vor allem auf Erfolg zu
rechnen bei einer causalen Therapie. Sie hat freilich den sehr
grossen Mangel, dass wir oft keine Causa finden, und den andern,
dass auch nach Entfernung der Ursache der K^rampf fortbesteht, weil
er habituell geworden ist. Am meisten leistet die causale Behand-
lung jedenfalls bei den Reflezkrämpfen , und hier handelt es sich
denn vor allen Dingen um eine möglichst genaue Durchforschung
des ganzen sensiblen Nervenapparats und aller jener Organe, von
welchen möglicherweise die Reflexerregung ausgehen könnte. Etwaige
Organkrankheiten mttssen geheilt, abnorme Reizungszustände besei-
tigt, Fremdkörper, Parasiten u. dgl. entfernt werden; lassen sich
Druckpunkte auffinden, so muss von ihnen aus eine Behandlung ver-
sucht werden, und mechanische Einwirkungen auf dieselben, elek-
trische Behandlung derselben, geeignete Nervendurchschneidungen
schaffen hier oft auffallende Erfolge.
Bei Krämpfen durch organische Krankheiten des centralen oder
peripheren Nervensystems mttssen diese Krankheiten sorgfältig nach
den Grundsätzen der speciellen Pathologie behandelt werden.
Ein besonderes Augenmerk erfordert die Bekämpfung der
allgemeinen Disposition, der Convulsibilität und hier werden
oft alle Httlfemittel der sogenannten nervenstärkenden Methode aus-
giebig in Anspruch zu nehmen sein. Dieselbe ist in manchen Fällen
allein zur Heilung ausreichend und ist gerade bei Krämpfen oft mehr
als bei anderen Neurosen am Platz ; jedenfalls kann sie die Eininr-
kung der ttbrigen Heilmittel in wesentlicher Weise unterstützen. Das
Wichtigste Aber die nervenstärkende Methode haben ^t)# i^on in
dem Abschnitt ttber allgemeine Therapie der Neuralgien angeftihrt
(s. 0. S. 69 ff.)
Einen wesentlichen Theil derselben bildet jedenfalls das diäte-
tiscbe Verhalten, auf welches ttbrigens bei fast allen Krampf-
formen gebührende Rttcksicht zu nehmen ist. Ausser den durch die
nervenstärkende Methode selbst geforderten Maassregeln in Bezug
auf Nahrungsmittel und Getränke , Gebrauch von Waschungen und
Bädern, richtige Abwechslung von Beschäftigung und Ruhe, Sorge
Motilitätsnearoseo. Krampf. Therapie. 273
ftr reichlichen Schlaf u. dgl. ist im Allgemeinen eine geregelte and
massige Lebensweise anzurathen. Massigkeit im Essen and Trinken,
im Gebrauch der Gennssmittel, Vermeidong aller aufregenden und
schwächenden Vergnttgungen , von spät in die Nacht aasgedehnter
Geselligkeit, von Spiel, von sexuellen Aufregungen und Excessen
sind nothwendig. Verhtltung von Gemttthsbewegungen , von leiden-
schaftlicher Aufregung, von tibermässiger, einseitiger Erregung der
Sinnesorgane, z. B. durch Musik, muss erstrebt werden. Dabei suche
man auf eine Stärkung des Willenseinflusses durch Erziehung, Er-
mahnungen und Beispiel hinzuwirken, eine Absicht, die durch ver-
nünftigen Gebrauch der verschiedenen Arten von Gymnastik wesent-
lich gefördert werden kann. Je nach der Individualität der Kranken
und der Besonderheit des Einzelfalles wird man dem Einen Zimmer-
gjmnastik, dem Anderen schwedische Heilgymnastik oder deutsches
Turnen oder Bergsteigen u. dgl. empfehlen. Natürlich sollen diese
aDgemeinen Andeutungen nur die ungefähre Richtung der Behand-
lung im einzelnen Falle bestimmen helfen.
In den meisten Fällen wird man mit der causalen Behandlung
und mit diätetischen Maassregeln nicht auskommen, man wird also
auch noch eine energische directe Behandlunginstituiren mtlssen.
Die Praxis kennt ein wahres Chaos von krampfstillenden Mitteln,
fQr welche es aber meist durchaus an bestimmten und klaren Indi-
cationen fehlt. Die neuere Zeit hat auch hier allmälig eine Be-
schränkung auf gewisse Gruppen von Heilagentien eintreten lassen,
welche hier kurz besprochen werden sollen.
Einen hervorragenden Rang unter denselben nimmt heutzutage
die Elektricität ein, wenn auch allerdings ihre Erfolge gerade
auf diesem Gebiete der Neurosen viel weniger befriedigende sind als
auf anderen Gebieten. Es ist möglich, dass dies vorwiegend den
anpassenden Applicationsmethoden und unrichtigen Applicationsorten
zuzuschreiben ist, da wir ja ttber die Localisation der Krampfkrank-
heiten zumeist noch sehr unklare Vorstellungen haben. Wir mttssen
uns hier mit einigen Andeutungen über die Elektrotherapie der
Krämpfe begnügen.
Zunächst kann der elektrische Strom der Causa lindication ge-
nügen, indem er gegen die zu Grunde liegenden Erkrankungen des
Gehirns und Rückenmarks oder der peripheren Nerven sich wirksam
erweist, indem er abnorme Erregungen sensibler Bahnen beseitigt
n. s. w. Darauf beruhen wohl die glänzendsten Erfolge der elek-
trischen Behandlung, und es ist besonders der galvanische Strom,
der in dieser Richtung grosse Wirksamkeit entfaltet. Es können hier
Handl»ach d. spec. Pathologie iu Therapie. XII. Bd. 1. 2. Aufl. IS
274 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
alle möglichen Methoden und Applicationsweisen des Stromes ge-
legentlich wirksam sein, je nach Art und Ort der zn Grande liegen-
den Krankheit; das Nähere darüber siehe in den verschiedenen Ab-
schnitten dieses Werkes und in den Lehrbflchem der Elektrotherapie.
Ausserdem entfaltet der elektrische Strom aber auch vielfach
direct eine antispastische Wirkung ^ und zwar kann dieselbe in ver-
schiedener Weise zu Stände kommen ; einmal dadurch, dass die Er-
regbarkeit der betreffenden motorischen Apparate herabgesetzt wird ;
femer dadurch, dass dnrch starke periphere Reize eine Reflexhem-
mung im Gentralorgan gesetzt und dadurch der Krampf unterdrückt
wird ; endlich dadurch, dass Reize entfernt, Circulations- und Ernäh-
rungsstörungen der motorischen Apparate beseitigt werden, welche
den Krampf unterhielten ( — Folge der sog. katalytischen Wirkimgen
besonders des galvanischen Stromes). Zur Erreichung dieser ver-
schiedenen Zwecke besitzt bekanntlich die Elektrotherapie sehr ver-
schiedene Mittel, die nach Auswahl angewendet werden können. Die
Erfahrung lehrt, dass man oft; mehrere Methoden hintereinander an-
wenden muss, ehe man die wirksame findet. — Den faradischen
Strom kann man einfach mit feuchten Elektroden durch die erkrank-
ten Nerven und Muskeln führen, um die Erregbarkeit derselben herab-
zusetzen und alterirende Wirkungen zu erzielen; oder man wendet
ihn in der Form der „schwellenden*^ faradischen Ströme (Fromm-
h 0 1 d) an, welche noch energischer, wie es scheint, die Erregbarkdt
herabsetzen ; oder endlich man bewirkt starke Reizung sensibler Ner-
ven (mit feuchten oder trockenen Elektroden, mit dem faradischen
Pinsel), um centripetale, krampfstillende Wirkungen zu erzielen. —
Auch den galvanischen Strom kann man in verschiedener Weise an-
wenden: Die stabile Einwirkung der Anode oder eines absteigenden
Stromes auf Nerv und Muskel soll deren Erregbarkeit herabsetzen;
einfachen, häufig wiederholten Unterbrechungen eines durch Nerv
und Muskel geführten galvanischen Stromes hat Remak erhebliche
antispastische Effecte zugeschrieben und dieselben durch centripetale
Einwirkung zu erklären gesucht; Benedict enlpfiehlt in neuerer Zeit
besonders häufig wiederholte Voltaische Alternativen in den erkrank-
ten Nervenstämmen; zur Erzielung katalytischer, alterirender Wir-
kungen wird man sich am besten stabiler Ströme bedienen, welche
durch den wahrscheinlichen Krankheitsherd geleitet werden. Rapke
hat gefunden, dass starke galvanische Ströme, durch das Rücken-
mark geleitet, von diesem ausgehende Krämpfe durch Reflexhemmung
stillen; die Richtung des Stromes ist dabei gleichgültig, nur muss
derselbe stark genug sein. Diese beim Frosch constatirte Thatsacbe
Motilitätsneuroseo. Krampf. Therapie. 275
sebeint in gewissen Fällen auch beim Menschen therapeutisch yer-
werthbar zu sein.
Endlich ist auch die elektrische Behandlung von den Druck-
punkten aus sehr beachtenswerth ; Remak besonders hat damit sehr
bemerkenswerthe Besultate erzielt, und von Mor. Meyer*) liegen
neuere ermuthigende Erfahrungen darüber vor. Je nachdem man
es mit krampfstillenden oder krampferregenden Druckpunkten zu
thun hat, mag die Application eine verschiedene sein ; man wird sich
dabei vorwiegend des galvanischen Stromes bedienen.
Man sieht, dass die Elektrotherapie der Krämpfe äusserst
schwierig ist; bestimmte Indicationen sind noch gar nicht zu formu-
liren; der anwendbaren Methoden gibt es viele, und nur allzu oft
ist man auf ein empirisches Herumsuchen nach der heilenden Ein-
wirkung angewiesen. Die Erfolge sind dementsprechend ganz un-
sicher: manchmal glänzend und dauernd, andere Male bei allen
Methoden ganz ausbleibend. Geschick und Einsicht des Elektro-
therapeuten können sich hier oft in ganz besonderer Weise bewähren.
Die Gruppe der Narcotica und Anaesthetica liefert eine
Reihe von Mitteln, welche hier meist viel geringere Wirksamkeit
entfalten, als bei den Neuralgien; nur in einzelnen Fällen wirken
sie als schätzenswerthe Palliativmittel, in noch wenigeren als wirk-
liche Heilmittel. Ein Theil derselben ist wohl besonders bei Beflex-
krämpfen wirksam, durch Herabminderung der sensiblen Erregbar-
keit (z. B. Opium und seine Alkaloide, Atropin, Chloroform, Aether
u. s. w.) oder durch Erregung der reflexhemmenden Centren im
Gehirn, wie dies Weil fttr die Digitalis nachgewiesen hat; andere
setzen direct die Erregbarkeit der motorischen Apparate herab
(Curare, u. s. w.)*), wieder andere wirken energisch auf die vaso-
motorischen Nerven und damit indirect auf die Krämpfe (Amylnitrit,
Digitalis, Bromkalium u. s. w.). Es unterliegt keinem Zweifel, dass
alle diese Wirkungen bei verschiedenen Krampfkrankheiten ver-
werthet werden können; doch muss der Einzelfall die specielle In-
dication darbieten und die Details können nur bei den einzelnen
Krampfformen besprochen werden.
Noch weniger bestimmte Indicationen bietet die grosse Gruppe
der Alterantia und Nervina, in welcher sich mächtige Heil-
mittel ftlr Krämpfe finden. Auch diese sind zumeist empirisch ge-
funden und auch meist nur empirisch anzuwenden. Nur flir einzelne
1) Berl. klin. Wochenschr. 1875 No. 51.
2) Weir Mitchell empfiehlt bei tonischen Krämpfen and Contracturen die
ligection von Atropin in die Muskelsubstanz selbst als besonders wirksam.
18*
276 Ebb» £j:ankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
werden sich in concreten Fällen Indicationen ergeben; in der Begd
aber wird man sie ohne bestimmte und sichere Anhaltspunkte Ter-
suchen mttssen. Energie und Gonsequenz in der Anwendung sind
dabei Hauptbedingungen fllr den Erfolg. Wir erwähnen von diesen
Mitteln (die z. Th. auch durch die Indicatio causalis gefordert wer-
den) etwa folgende: Kai. jodat. und bromat., Arsenik (welchen
A. Eulen bürg jüngst als gutes Mitter gegen manche Tremorarten in
subcutaner Anwendung kennen gelehrt hat), die Zinkpräparate, be-
sonders das Zinc. valerianic, welches uns in mehreren Fällen gute
Dienste geleistet hat und welches besonders in späteren Stadien
nützlich zu sein scheint, das Arg. nitric. und Bismuth. hydrico-nitr^
den Sublimat, femer Valeriana, Artemisia, Asa foetida u. s. w. Die
Materia medica kennt fast kein Mittel, welches nicht gegen Krämpfe
empfohlen wäre (vgl. z. B. die Literatur über Epilepsie), das untrüg-
lichste Zeichen daflir, dass wir in der Therapie der Ki^Unpfe nicht
sehr glücklich sind.
Natürlich hat man auch Ableitungsmittel versucht; sie
haben auch ihre ganz bestimmten Erfolge und wenn wir selbst ab-
sehen von den Fällen, in welchen sie der Indicatio causalis genügen
und zur Heilung der den Krämpfen zu Grunde liegenden Erkrankung
fähren, so lässt sich den vorliegenden Erfahrungen gegenüber eine
positive Wirksamkeit solcher Mittel bei manchen KrampfFormen gar
nicht leugnen. Ein Verständniss dafür eröffnet sich vielleicht im
Hinblick auf die reflexhemmenden Wirkungen , welche den meisten
starken centripetalen Erregungen zuzukommen scheint, vielleicht
auch darin, dass mächtige Hautreize oder in der Haut etablirte
Entzündungsvor^nge direct als Alterantien auf das centrale Ner-
vensystem tnrken oder in den benachbarten Theilen desselben ver-
änderte Girculations- und Emährungsverhältnisse herbeiführen. So
mag man immerhin in geeignet scheinenden Fällen Sinapismen,
Vesicantien, selbst Mozen und besonders das Ferrum candens ver-
suchen. Busch hat in jüngster Zeit (Berl. klin. Wochenschr. 1873
No. 37—39) so auffallend günstige Resultate von diesem letzteren
Mittel bei ganz hartnäckigen und veralteten Krämpfen in verschie-
denen Nacken-, Hals- und Armmuskeln erzählt, dass eine weitere
Prüfung desselben gerechtfertigt ist. Er brennt 3 — 5 Zoll lange
Streifen beiderseits neben der Wirbelsäule, unterhält darnach die
Eiterung einige Zeit und lässt dabei die Kranken ruhige Lage be-
obachten.
Von Badecuren, welche direct heilend auf den Ej*ampf ein-
wirken sollen, ist im Allgemeinen wenig zu erwarten; am meisten
Motilitätsneurosen. Krampf. Therapie. 277
wird man in einzelnen Fällen noch von den indijQTerenten Thennen
mit verhältniiBsmässig niederer Temperatur zn erwarten haben. Da-
gegen spielen Badeeoren bei der Indicatio caosalis and als Bestand-
theile der nervenstärkenden Methode oft eine tlberaus wichtige and
hervorragende Rolle; dasselbe gilt von der Hydrotherapie.
Aach die Heilgymnastik hat bei den Krämpfen wenig Er-
folge za verzeichnen; doch kann immerhin durch dieselbe in ein-
zehien Fällen der Willenseinflass gestärkt, es können Gontractaren
beseitigt, falsche Stellungen gerade gerichtet werden u. s. w. ; allein
einen direct heilenden Einfluss wird man nur in seltenen Fällen zu
erwarten haben. Das Nöthige s. bei den einzelnen Formen.
Was endlich die speciell chirurgische Behandlung der
Krämpfe betrifft, so beschränkt sich dieselbe auf ganz wenige
Gruppen von Fällen. Speciell sind gewisse Formen der Contracr
toren fast nur einer chirurgischen Behandlung zugängig und diese
leistet hier durch eine geschickte Verbindung von Tenotomie und
Orthopädie oft sehr Erspriessliches.
Dagegen hat man die Tenotomie bei zahlreichen tonischen und
klonischen Krämpfen einzelner Muskeln und Muskelgruppen meist
vei^bens gemacht und ist davon wieder ganz zurückgekommen.
Gewöhnlich tritt nur ganz vorttbergehende Besserung ein und mit
erfolgter Zusammenheilung ist auch der Krampf wieder da. - Eine
Durc^schneidung motorischer, vom Ejrampf befallener Nerven wird
man schwer riskiren wegen der unvermeidlichen, schwer heilbaren
Lähmung.
Wohl aber hat man in vielen Fällen glänzende Erfolge von der
Durchschneidung solcher sensibler Nerven gesehen, in
welchen sich durch Druck ein reflectorisches Abhängigkeitsverhält-
niss für den Krampf nachweisen Hess (z. B. Durchschneidung des
N. supraorbitalis beim Blepharospasmus). Nach v. Gräfe' s Er-
fahrungen ist besonders die Durchschneidung der den Haupt- oder
primären Druckpunkten entsprechenden Nerven wirksam, während
die Durchschneidung an den sogenannten inducirten Druckpunkten
nur unvollständig zum Ziele ftlhrt. Die Operation wird womöglich
subcutan ausgefllhrt und ist meist gefahrlos; man hat sie bereits
an den verschiedensten sensiblen Nerven mit Erfolg gemacht. Eine
Erklärung ihrer Wirkungsweise ergibt sich vielleicht aus den oben
bei der Besprechung der Druckpunkte selbst angezogenen physiolo-
gischen Thatsachen. Jedenfalls wird man nicht unbedingt der An-
sicht beipflichten dürfen, dass es sich bei den Folgen der Operation
immer nur um eine Beseitigung peripherer Beflexreize handle,
278 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
sondern man wird fUr manche Fälle auch zu der Annahme genO-
thigt sein^ dass der operative EingrilOT an sieb derartige centripetale
Wirkungen (Reflexhemmungen? alterirende Einflüsse?) auf das Ceo-
tralnervensystem ausübt ^ dass dadurch schon eine Heilung des
Krampfes erfolgt; ähnlich wie man das auch ftlr die Neurotomie
bei manchen Formen von Neuralgien anzunehmen gezwungen ist.
2. Einzelne Krampfiformen.
Wir haben hier die als mehr oder weniger selbständige Krank-
heiten auftretenden Krämpfe einzelner Muskeln oder im Gebiete ein-
zelner motorischer Nerven und Nervengruppen abzuhandeln. Es
sind besonders die motorischen Hirnnerven und die aus dem Hals-
theil des Rückenmarks ihren Ursprung nehmenden Nerven, welche
mit Vorliebe von solchen Krämpfen befallen werden. Wir haben
femer hier zu besprechen gewisse Krampfformen , die mehr oder
weniger verbreitet in verschiedenen peripherischen Nervengebieten
beobachtet werden , und deren centraler Ursprung und anatomische
. Qrundlage noch nicht hinreichend festgestellt ist. Von der Betrach-
tung hier auszuschliessen sind als einer Specialdisciplin angehörend,
die Krämpfe der äusseren und inneren Augenmuskeln (Lagophthalmus
und Strabismus spasticus, Nystagmus, Myosis und Accommodatjons-
krampf, Hippus u. s. w.). Sie gehören entweder speciell dem Ge-
biet der Augenheilkunde an, oder kommen doch nur als Theiler-
scheinung verschiedener Gehirn- und Rflckenmarkskrankheiten oder
allgemeiner Krampfformen (Epilepsie, Chorea u. s. w.) vor und wer-
den bei diesen abgehandelt. Von einer isolirten und selbständigen
Krampfkrankheit in diesen Muskeln ist bis jetzt wenig bekannt
a. Krampf im Gebiet des N. trigeminus. — Masticatori-
scher Gesichtskrampf. — Trismus.
Romberg, I.e. — A. Eulenburff, I.e. — M. Rosenthal, Nerrenkrank-
heiteo, I.e. — C. Bell, Physiol. u. patnol Unters, d. Nenrensystems (Dtsch. yon
Romberg) S. 85. S. 288 u. A. — Speyer, Trismus periodicos. Deatsch. Klhi.
1853 No. 29. — Germain, De la contracture du masseter. Gaz. h^bdom. 1863
No. 7. — Remak, Ueber dentale Neurosen des Herzens. Berl klin. Woch. 1865
No. 25. — Leube, Krampf d. Museal, pteryg. d. recht Seite u. s. w. Arch. t
klin. Med. VI. S. 273. 1869.
Man versteht darunter Krampf im Gebiete der motorischen
Portion des Trigeminus — also im (Gebiete der Kaumuskebi (der
Motilitätsueurosen. Trigeminoskrampf. 279
Masseteren, der Temporales und der Pterygoidei). Meist tritt dieser
Krampf doppelseitig , sehr selten nur einseitig auf.
Symptome. Der Krampf kann ein tonischer und ein klo-
nischer sein.
Der tonische Kaumuskelkrampf hält den Unterkiefer fest nach
oben gezogen, meist so, dass die beiden Zahnreihen energisch gegen-
einander gepresst werden. Er ist das, was man als Trismus, als
Xieferklemme bezeichnet. Der Mund kann weder willkürlich
noch mit Qewalt geöffnet, die Zahnreihen können gar nicht oder
nur sehr wenig von einander entfernt werden, so dass die Ernährung
oft äusserst schwierig und nur durch Zahnltlcken oder auf anderem
Wege (durch Klysmata) möglich ist. Das Kauen ist natürlich ganz
unmöglich; die Kaumuskeln fühlen sich gespannt, oft brettähnlich
hart an und ihre Contoren treten auffallend deutlich hervor. Zu-
weilen tritt gleichzeitig lebhafter Schmerz in den Muskeln auf, doch
kann derselbe auch völlig fehlen. Sind beide Seiten gleichmässig
befallen, so stehen die Zahnreihen einander in verticaler Richtung
gerade gegenüber; dabei können sie aber in horizontaler Ebene
etwas nach vom oder hinten gegen einander verschoben sein, je
nach der vorwiegenden Betheiligung einzelner Muskelbündel. Bei
einseitigem Krampf der Pterygoidei jedoch (Fall v. Leube) wird
der Unterkiefer nach der entgegengesetzten Seite hin geschoben,
und es ragt dann die untere Zahnreihe dieser Seite nach aussen
über die obere hervor.
Beim klonischen Kaumuskelkrampf wird der Unterkiefer in
mehr oder weniger regelmässiger und intensiver Weise entweder in
verticaler oder in horizontaler Richtung hin und her bewegt; im
ersteren Fall entsteht das Zähneklappem, wie wir es im Fieberfrost
besonders lebhaft beobachten können, im anderen Fall das Zähne-
knirschen, jenes ominöse Zeichen bei vielen Gehimkrankheiten. Auch
können förmliche Kaubewegungen in krampfhafter Weise ausgeftlhrt
werden, so manchmal bei epileptischen, hysterischen und anderen
Krampfanfällen.
Von Begleiterscheinungen, die in irgend einer näheren Bezie-
hung zu dem Krämpfe ständen, ist nicht viel bekannt. Dagegen sind
häufig Erscheinungen zu beobachten, welche von dem Qrundleiden
herrühren (neuralgische Schmerzen im Trigeminus, Zahnschmerz,
Erscheinungen von Periostitis u. dergl. am Unterkiefer, cerebrale
Symptome etc.). In Folge dieses Krampfes können mancherlei Stö-
rungen entstehen: Zerbeissen der Zunge und der Lippen (Speyer)
Ulcerationen und Entzündungen am Zahnfleisch und der Mund-
280 Erb, Krankheiten der peripheren-ccrebrospinalen Nerven.
höhle; endlich durch die nngenttgende Nahrungszafuhr Inanitioiis-
zustäDde.
Aetiologie. Selten sind es directe Beizungszostände am
Nerven selbst (Entzündung, Erweichung, Geschwulstbildung etc.),
welche man als Ursachen des, dann meist einseitigen, Kaumuskel-
krampfes auffindet. Häufiger sind Erkältungen die Ursache von
Trismus, der auch ganz selbständig auftreten kann, ohne Theil-
erscheinung eines allgemeinen Tetanus zu sein. — Der klonische
Krampf wird am häufigsten im Froststadium des Fiebers beobachtet
und ist dann wohl centralen Ursprungs. Dasselbe gilt von den
Formen, welche die verschiedensten Centralleiden begleiten: Menin-
gitis, Apoplexie, Qehimtumoren, Erweichungsherde u. s. w., und
sieht man hier nicht selten den Kaumuskelkrampf als ganz isolirte
Erscheinung auftreten. — Nicht selten ist derselbe Theilerscheinong
allgemeiner Krampfformen: so der Epilepsie und Eclampsie, der
Hysterie und Chorea und besonders des Tetanus, bei welchem der
Trismus eine fast nie fehlende und meist initiale Erscheinung bildet
(s. Tetanus).
Am häufigsten aber entstehen die isolirten Formen des Kau-
muskelkrampfes auf reflectorischem Wege, und zwar von sehr ver-
schiedenen Nervengebieten aus; am liebsten nattlrlich vom 3. Ast
des Trigeminus her, und hier sind es besonders die verschiedenen
Formen des Zahnreizes (abnorme und erschwerte Dentition, Dnrch-
bruch der Weisheitszähne, Caries und Entzündung der Zähne, Lision
des Unterkiefers beim Ausziehen der Zähne, Zahnschmerz u. s. w.),
welche eine fruchtbare Quelle von Kaumuskelkrämpfen abgebe;
femer hat man Periostitis des Unterkiefers, Erkrankungen des Unter-
kiefergelenkes, selten auch Neuralgie des Trigeminus als Ursache
dieser Reflexkrämpfe nachgewiesen. Aber auch von entfernteren
Theilen her hat man solchen Krampf entstehen sehen z. B. bei
einem Abscess in der Leistengegend, bei Verletzung des Daumens,
bei Anwesenheit von Helminthen im Darm u. s. w. Es unterliegt
wohl keinem Zweifel, dass es sich dabei schon um bestimmte Er-
nährungsstörungen in den Gentralorganen handeln muss.
Die Diagnose dieser Krampfform ist eine sehr einfache; die
klonische Form kann wohl mit nichts Anderem verwechselt werden,
und bei der tonischen Form hat man sich nur vor einer Verwechs-
lung mit Ankylose des Kiefergelenkes zu hüten. Diese wird bei
einiger Aufmerksamkeit leicht zu umgehen sein, da die Beschaffen-
heit des Gelenkes und der der Untersuchung leicht zugänglichen
Kaumuskeln die Entscheidung nach der einen oder anderen Rieh-
Trigeminuskrampf. 281
tuDg leicht ermöglichen wird. Im Nothfalle könnte man sich der
Chloroformnarkose zur Unterscheidung bedienen.
Die Prognose hängt zumeist von der Ursache ab; bei den
rheumatischen ; idiopathischen und reflectorischen Formen ist sie im
Allgemeinen ganz günstig; zweifelhaft und häufig positiv ungünstig
bei Centralleiden , bei schweren allgemeinen Krampfformen, beson-
ders beim Tetanus.
Therapie. In der Mehrzahl der Fälle ist die causale Behand-
long die Hauptsache, so bei Gentralleiden und allgemeinen Krampf-
formen; bei rheumatischen Fällen hat man von energischer Dia-
phorese, Ableitungen auf die Haut, Jodkalium u. dgl. Nutzen zu
erwarten; bei den reflectorischen Formen hat man nach dem Aus-
gangspunkt des Leidens zu forschen und auf diesen die Behandlung
zu richten; besonders ist hier eine genaue Durchforschung der
Zähne und des Unterkiefers und die entsprechende Localbehandlung
Dothwendig (Zahnziehen, Blutegel, Incisionen, galvanische Behand-
lung etc.).
Bei der directen Behandlung hat man zunächst auf die Elektri-
diSA zu recurriren und kann die verschiedenen oben genannten Gal-
vanisationsmethoden, ebenso wie den faradischen Strom — beson-
ders auch den feradischen Pinsel — mit Erfolg anwenden. — Dem-
nächst hat man Hantreize (Sinapismen und Vesicantien oder selbst
Hexen in den Nacken) zu versuchen und kann damit zweckmässig
den inneren Gebrauch narkotischer Mittel (Opium und Morphium,
Cannabis indica, Atropin werden gerühmt) verbinden; besonders die
subcutanen Morphiuminjectionen erweisen sich oft zweckmässig. In
hartnäckigen Fällen muss man zu den specifischen Mitteln übergehen
(Arsen, Jodkalium, Zinc. valerianic. u. s. w.). — In chronischen Fällen
hat man auch durch mechanische Mittel (tägliches EiDSchieben von
immer dickeren Holzstückchen zwischen die Zähne) ein allmäliges
Oeffinen der Kiefer zu erzielen gesucht.
Besondere Rücksicht ist in schweren Fällen auf die Ernährung
der Kranken zu nehmen; oft ist man genOthigt, denselben die
Nahrung in flüssiger, wenn auch möglichst concentrirter Form
(Milch mit Ei, Fleischsolution, kräftige Suppen u. dgl.) mittelst eines
durch eine Zahnlücke eingeftlhrten Röhrchens oder durch die Nase
hindurch beizubringen oder zur Application ernährender Klystiere
(Fleiscbpankreasklystiere , Milch, Suppen, Wein etc.) zu schreiten.
282 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
b. Krampf im Gebiet des Nerv, facialis. — Spasmus
facialis. — Mimischer Gesichtskrampf. — Tic convulsif.
Lehrbücher von Romberg, Hasse, A. Eulenburg und M. RosenthaL
— Benedict, Nervenpath. und Elektrotherapie. 1874. — C. Bell, 1. c S. 243
u. ff. — Franko! s, Essai sur les convuls. ioiopath. de la face. Brox. 1843. —
Cullerier, Contractur des muscles de la face. Gaz. des h6p. 1853. No. 31. —
A. Leineweber, De spasmo facialL Diss. Berolin. 1858. — Oppolzer, Allg.
Wien. med. Zeit. 1861. No. 10. — A. y. Gräfe, Arch. f. Ophthalm. L 1. 8.440;
IV. 2. S. 184; IX. 2. S. 73. Deutsch. Klin. 1864. No. 20 u. 24; 1865. No. 27. —
Remak, Ueber Gesichtsmuskelkrampf. Berl. klin. Woch. 1864. No. 21— 23; 1865.
No. 27. — Debrou« Sur le Tic non douloureux de la face. Arch. g^n^. Juiii
1864. — W. Erb, Krampf des Facialis. Arch. f. klin. Med. V. S. 518. 1S69. —
DeleYi^Ieuse, Tic facial; section des nerfs. Gu^rison partielle. Gaz. mdd. de
Strasb. 1869. No. 6. — Seeligmalier, Ueber intermitt. Blepharospasmus. Zehen-
der*s klin. Monatsbl. IX. 1871. — Fr. Schnitze, Linksseitiger Facialiskrampf
in Folge eines Aneurysma der Art. vertebr. sin. Virch. Arch. Sd. 65. 1875.
Man versteht unter Spasmns facialis alle Krämpfe , welche in
den vom N. facialis belebten Muskeln auftreten. Dieselben gehören
zu den am häufigsten Forkommenden Krampfformen; die vielfache
Betheiligung des Facialisgebietes an den verschiedensten Bewegungs-
formen (beim Sprechen, bei der Mimik, beim Kauen, bei der Respi-
ration), die zahlreichen directen und reflectorischen Erregungen,
welche beständig auf dies Gebiet übertragen werden, lassen diese
Häufigkeit der Facialiskrämpfe einigermassen erklärlich erscheinen.
Auch kommen die mannichfachsten Uebergänge von den physiologi-
schen zu den krampfhaften Innervationen vor: unter dem Einflüsse
der Leidenschaften und des Affects sieht man nicht selten bei erreg-
baren Individuen die mimischen Gesichtsbewegungen einen solchen
Grad erreichen , dass sie von wirklichem Krampf nicht leicht unter-
schieden werden können, und dass ein Fixirtwerden, Habituellwerden
dieser Bewegungen schon den wirklichen Krampf darstellt Und
alle solche Bewegungen, deren Grad und Dauer über das Maass des
physiologischen Reizes hinausgehen, müssen schon den Krämpfen zu-
gezählt werden; ebenso alle auf rein pathologische Erregungen zn-
rttckzuflihrenden Muskelcontractionen. Wir betrachten hier ausschliess-
lich die mehr oder weniger selbständig im Facialisgebiet auftreten-
den Krämpfe, indem wir die als Theilerscheinung allgemeiner Krampf-
formen auftretenden Gesichtskrämpfe den betreffenden Capiteln dieses
Werkes überlassen.
Facialiskrämpfe können ein- und doppelseitig vorkommen; sie
können einzelne Muskelgebiete oder das ganze Verbreitungsgebiet
des Facialis befallen, und gerade diesen Umstand hat man zu einer
Diffuser Facialiskrampf. Symptome. 283
Eintheilang dieser Ei^mpfe in partielle und diffuse benutzt. Es
ist zweckmässig, dieselben getfennt zu betrachten.
1) Diffuser Gesichtsmuskelkrampf ^ eigentlicher Tic convulsij.
Er stellt die eigentlich charakteristische Form des mimischen
Gesichtskrampfes dar, und zwar besonders wenn er in klonischer
Form auftritt, die weitaus die häufigste und wichtigste ist.
In solchen Fällen hat man ein höchst auffallendes und merk-
wttrdiges Erankheitsbild vor sich ~ eine beständig wechselnde Con-
traction fast aller vom Facialis versorgten Gesichtsmuskeln, die sich
nicht genauer beschreiben lässt. Es ist mit einem Wort ein unauf-
hörliches, tolles Gesichter- und Grimassenschneiden, welches um so
frappanter ist, als bei der meist einseitigen Erkrankung die andere
Gesichtshälfte in seltsam contrastirender Ruhe verharrt. Augenblin-
zeln, Stimrunzeln, Naserümpfen, Erhebung des Mundwinkels, Lach-
bewegnngen wechseln in rascher Folge mit einander ab, oder er-
scheinen rasch hintereinander ein paar Mal als klonische Zuckungen ;
dazwischen erscheinen oft einzelne tonische, länger anhaltende Con-
tractionen bestimmter Muskeln; und endlich wird das ganze Mienen-
spiel schwächer ; einzelne „ Blitzer " folgen nach, und dann kann eine
mehr oder weniger lange Pause eintreten.
Nicht alle Muskeln sind bei diesen Anfällen gleichmässig be-
fidlen, vielmehr sind es einzelne, die daran immer in vorwiegendem
Grade betheiligt sind, so der Orbicularis palpebrarum, der Levator
labii super, alaeque nasi, die Zygomatici, der Corrugator u. s. w.,
seltener der Frontalis oder das Platysma, am seltensten die Ohrmus-
keln; von Bewegungen des Gaumensegels während des Krampfes
finde ich nirgends etwas erwähnt, habe solche auch in den mir zur
Beobachtung gekommenen Fällen nicht constatiren können.
Am häufigsten geschieht das Auftreten des Gesichtskrampfes in
Paroxysmen von verschieden langer Dauer; oft nur wenige Se-
cunden, selten länger als 1 — 2 Minuten dauernd; sie beginnen mit
einzelnen Zuckungen, die sich allmälig an Intensität und Raschheit
steigern, schliesslich zu einigen tonischen Gontractionen ftihren und
dann meist ebenso allmälig wieder nachlassen. In den Intervallen
bleibt Alles ruhig, oder es erfolgen nur einzelne leichte Zuckungen,
die sich an einzehie Reflex- oder willkürliche Bewegungen anschliessen.
Die Häufigkeit der Paroxysmen ist eine sehr verschiedene ; manchmal
treten nur einzelne, 3 — 10 in 24 Stunden auf, andere Male folgen
sie sehr häufig auf einander, so dass 20 — 40 Anfälle auf die Stunde
kommen. Selbst in der Nacht hören die Anfälle nicht immer auf.
284 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
sondern daHern bei manchen Kranken, wenn auch in geringerer Hin-
figkeit fort (Oppolzer). Sie komnten häufig ohne jede nachweis-
bare Veranlassung; nicht selten aber werden sie durch bestimmte
Momente heryorgerufen : so durch Sprechen, willkttrliche Bewegungen,
Schliessen der Augen, heftige Lichteindrücke, laute Geräusche, sen-
sible Reizungen des Gesichts, Zorn, Aerger, Schreck u. dgl.
Nicht immer jedoch erscheint der Krampf in wohlcharakterisir-
ten Anfällen, sondern es gibt auch Fälle, in welchen fast beständig
hie und da aufblitzende Zuckungen bemerkt werden, die nur in
ihrer Intensität und räumlichen Verbreitung gewisse Schwankungen
zeigen. Endlich gibt es auch leichte Fälle, in welchen die Zuckun-
gen sich fast nur an bestimmte äussere oder innere Veranlassungen
(Hautreize, Willenserregungen) anzuschliessen scheinen und niemals
einen hohen Grad erreichen; so bei den Klampfen, welche sich so
häufig im Gefolge schwerer Facialislähmungen einstellen.
Trotz des oft anscheinend sehr schweren Leidens ist aber meist
der Willenseinfluss auf die erkrankten Muskeln gar nicht eilieblich
gestört ; natürlich ist während der Paroxysmen selbst eine freie Action
der Gesichtsmuskeln nicht möglich; wohl aber sind die Kranken
während der Intervalle im Stande, alle verlangten Bewegungen regel-
recht auBzuftihren, und auch die mimischen Bewegungen erscheinen
dann nicht gestört.
Manchmal beobachtet man auch eine Verbreitung des Krampfes
auf benachbarte Muskelgebiete ; am häufigsten sind die Kaumuskeln,
wohl auch die Zunge mitergriffen; wie es mit den Augenmuskeln
sich verhält, deren Mitbetheiligung in gewissen Fällen nach neueren
physiologischen Thatsachen (Hitzig) zu erwarten wäre, weiss man
nicht, da die Beobachtung derselben durch den gewöhnlich vorhan-
denen krampfhaften Lidschluss erschwert ist ; auf der Höhe der An-
fälle betheiligen sich manchmal auch die Nacken- und Schultermns-
keln, selbst die Armmuskeln, und sehr gewöhnlich beobachtet man
auch ein Uebei^eifen des Krampfes auf die primär nicht erkrankte
Gesichtshälfte.
Alle sensiblen Erscheinungen und besonders Schmerz pflegen bei
dieser Krampfform so regelmässig zu fehlen, dass man dieselbe ge-
radezu als „indolenten'' Tic dem Tic douloureux gegenübergestellt
hat; und wenn einzelne Autoren von der furchtbaren Schmerzhaftig-
keit des mimischen Gesichtskrampfes erzählen, so beruht dies offen-
bar auf einer Verwechselung mit dem Tic douloureux. Allerdings
liegt diese Verwechselung nahe in solchen Fällen dieser Neuralgie,
welche von ausgesprochenen reflectorischen Facialiskiilmpfen bereitet
Diffdser Facialiskrampf . Symptome. 285
sindy welche dem Beschauer das charakteristische Bild des Tic con-
valsif darbieten. Allein man wird bei genauerer Beobachtung in
solchen Fällen leicht ermitteln, dass es sich um eine primäre Neur-
algie des Trigeminus und nicht um eine hochgradige Schmerzhaftig-
keit beim Facialiskrampf handelt. — Man wird leicht ersehen, dass
diese und andere sensible Störungen (Anästhesie, Formication u. dgl.),
welche den mimischen Gesichtskrampf zuweilen begleiten, mehr oder
weniger zufällige Erscheinungen darstellen.
Auch von vasomotorischen und trophischen Begleiter-
scheinungen wird bei diesem Krampf nurgends etwas berichtet; die-
selben treten jedenfalls nicht in den Vordergrund. Da die Annahme,
dass die Bahn des N. facialis keine vasomotorischen oder trophischen
Fasern enthalte, als widerlegt betrachtet werden kann, ist wohl der
Schluss gestattet, dass für gewöhnlich die zum Gesichtskrampf füh-
renden pathologischen Erregungen an einer Stelle des Faserverlaufs
enigreifen, wo sich keine vasomotorischen Bahnen befinden. — Auch
von secretorischen Störungen schweigen die Krankheitsberichte,
obwohl doch der Gedanke an Vei^nderungen der Speichelsecretion
sehr nahe liegt. — Von einem auifallenden salzigen Geschmack im
Munde berichtet Bouvin. Eine meiner Kranken gab an, während
des Anfalls ein Rauschen im Ohre wahrzunehmen; in einem andern
Falle wird von einem die Zuckungen begleitenden Klingen im Ohr
berichtet (Stapediuskrampf?).
Die elektrische Erreg barkeit der Facialiszweigeundder Ge-
sichtsmuskeln erfährt keine erheblichen Veränderungen. Ich habe sie in
einigen Fällen quantitativ und qualitativ vollkommen normal gefunden.
Druckpunkte sind gerade bei diesem diffusen, klonischen
Facialiskrampf nur in der Minderzahl der Fälle nachzuweisen. Sie
finden sich häufiger bei dem auf die Augenschliessmuskeln beschränk-
ten oder von diesen ausgehenden partiellen Krämpfe (Blepharospas-
mus); da dieser jedoch in den diffusen Gesichtsmnskelkrampf über-
gehen kann, können auch die Druckpunkte vorhanden sein. Sie
finden sich an den verschiedenen Aesten des Trigeminus, an der
Gesichtshaut und in der Mundhöhle, und es kommen hier gelegent-
Ueh auch die früher erwähnten Kategorien der primären und indu-
eirten Druckpunkte zur Geltung. Ausserdem hat Remak auf ge-
wisse Punkte an der Halswirbelsäule (den Querfortsätzen in der Höhe
der verschiedenen sympathischen Halsganglien entsprechend) aufmerk-
sam gemacht, von welchen bei Druck und besonders durch eine dar-
auf gerichtete galvanische Behandlung Beruhigung und Heilung des
Krampfes zu erzielen sei. Er bringt dieselben in Verbindung mit
286 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
sympathischen, zu den Arterien an der Basis des Gehirns gehenden
Nervenfäden und bezieht die Heilerfolge auf indirecte katalytische
Wirkungen des galvanisches Stromes. - Auch an entfernteren Thei-
len des Körpers , am Plexus brachialis, der Wirbelsäule, am Hand-
gelenk beobachtet man manchmal solche beruhigende Druckpunkte,
und man darf sich die Mühe nicht verdriessen lassen, dieselben auf-
zusuchen.
Ein wesentlich anderes, als das bisher beschriebene Bild ge-
währt der tonische Gesichtsmuskelkrampf. Die ganze be-
treffende Gesichtshälfte zeigt eine eigen thümliche Starre; sie bleibt
bei mimischen Bewegungen ruhig ; tiefere Furchen sind auf derselben
vorhanden; das Gesicht ist leicht nach der kranken Seite gezogen,
der Mundwinkel verzerrt, die Lidspalte kleiner, die Augenbraue nach
oben gezogen. Das Kauen ist auf der betreffenden Seite erschwert
durch die mangelnde Beweglichkeit der Wange, eine lästige Spannung
wird von dem Kranken in der ganzen Gesichtshälfte angegeben,
deren starre Ruhe nur hier und da durch einzelne oder mehrfach
wiederholte kurze blitzähnliche Zuckungen einzelner oder mehrerer
Muskeln unterbrochen wird. — Manchmal begleitet Trismus derselben
Seite diesen tonischen Facialiskrampf. Ist der Krampf doppelseitig,
so entsteht jene eigentfaümliche und charakteristische Physiognomie,
welche König als beim Tetanus regelmässig vorhanden in treffender
Weise beschrieben hat, die ttbrigens schon von Köhler in seiner
Monographie der Meningitis spinalis S. 243 richtig geschildert ist.
Die Mittheilungen ttber diese Form des mimischen Gesichts-
krampfes sind ziemlich spärlich. Es ist mir jedoch kein Zweifel,
dass die meisten derartigen Fälle nichts Anderes sind als jene Mas-
kelcontracturen , welche sich in späteren Stadien schwerer Facialis-
lähmungen so häufig einstellen, und zu welchen sich ebenso häufig
auch klonische Zuckungen der Facialismuskeln später hinzugeseUen
(s. u. den Abschnitt ttber Lähmung des Facialis). Einzelne Fälle
sind jedoch auch anderen, wenn auch nicht bekannten Ursprungs.
Die Aetiologie des G^ichtsmuskelkrampfes ist nur in einem
Theil der Fälle klar.
Die Prädisposition dazu ist jedenfalls nicht sehr verbreitet,
da derselbe eine im Ganzen seltene Neurose ist Männer sollen etwas
häufiger daran erkranken als Frauen. Individuen mit neuropathischer
Belastung sind besonders dazu geneigt ; dagegen ist directe hereditäre
Uebertragung selten. Anämie und Chlorose, ebenso Hysterie dtspo-
niren ebenfalls.
Eine der häufigsten directen Ursachen ist jedenfalls Erkäl-
Diffuser Facialiskrainpf. Ursachen. 287
tODg; zahlreiche Beispiele existiren Air diesen ZusammenhaDg, und
die Erkrankung sonst gesunder^ robuster Personen wird meist darauf
zurückgeitlhrt ; ihre Wirkungsweise ist noch ganz unbekannt. — Wich-
tiger noch scheinen fUr die Entstehung dieses Krampfes Reflex -
reize und zwar vorwiegend solche, die vom Trigeminusgebiet aus-
gehen. Einerseits sind es besonders die Augen mit ihren verschie-
denen Erkrankungen (verschiedene Formen der Augenentzündung,
besonders der Keratitis, Ulcerationen, Verletzungen, Fremdkörper,
Ciliameuralgie^ etc.), andererseits die Kiefer und die Zähne (Zahn-
caries, Ulcerationen im Munde, Periostitis, Pärulis u. s. w.), welche
am häufigsten den Ausgangspunkt solcher Krämpfe bilden ; dieselben
beginnen dann meist als partielle Krämpfe, können sich aber bei
disponirten Individuen oder bei fortdauerndem Reize zu difTusem
Krampf steigern. Auch traumatische Einwirkungen aufs Oesicht und
die Schläfe hat man als Ursachen beobachtet; ebenso Trigeminus-
neuralgien, und es sind besonders die schweren, sogenannten „con-
vulsiven" Formen der Trigeminusneuralgie , welche Trousseau
gpeciell als Tic douloureux bezeichnet , die oft ein exquisites Bild
des mimischen Gesichtskrampfes darbieten. Auch von entfernteren
Nervengebieten her hat man manchmal reflectorischen Tic convulsif
entstehen sehen, so bei Uterinkrankheiten, bei Wurmreiz u. s. w.;
auch Neuritis cervico-brachialis soll nach Remak manchmal der
Ausgangspunkt für diesen Krampf werden.
Directe Reizung des Facialis längs seines peripherischen
Verlaufs an der Schädelbasis oder im Felsenbein wird nur selten als
Ursache gefanden; doch hat man bei Geschwülsten an der Schädel-
basis und bei Caries des Felsenbeins hier und da Facialiskrampf
gefunden ; es wäre in solchen Fällen genauer darauf zu achten , ob
der Krampf ein tonischer oder klonischer ist. In einem jüngst von
Fr. Schnitze mitgetheilten Fall, in welchem die Section ein
Aneurysma der Vertebralarterie nachwies, welches direct dem Stamme
des linken Facialis auflag, bestand exquisit klonischer, paroxysmen-
weise auftretender Krampf.
Auch Reizung der centralen Bahn des Facialis und des Facialis-
centrums im Vorderhimlappen ist bei Gehimleiden nicht selten die
Ursache von Krämpfen der Gesichtsmuskeln; das lehrt die Gasuistik
der Himabscesse, Hirntumoren und Apoplexien. Besonders wichtig
sind in dieser Beziehung die interessanten Beobachtungen von Wem her
und Hitzig (auch Fall 5 bei D e b r o u gehört hierher), welche lehren,
dflss bei pathologischen Reizungszuständen in der Gegend des „ Facialis-
centrums" klonische Krämpfe im Facialisgebiet auftreten können. Da-
288 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
durch wird die Frage nahe gelegt, ob nicht auch manche Fälle von
sogenanntem idiopathischen Gesichtsmuskelkrampf durch palpable
oder impalpable Erkrankungen dieses Facialiscentrums entstehen ; eine
Frage, deren Entscheidung für die LocaUsation therapeutischer Ein-
wirkungen von der grössten Bedeutung wäre.
Auch die durch psychische Einwirkungen (Zorn, Schreck
und andere Gemttthsbewegungen) hervorgerufenen Facialiskiilmpfe
sind vielleicht damit in Beziehung zu bringen. Dagegen sind die
im Gefolge von schweren Facialislähmungen auftretenden Ge-
Sichtskrämpfe wohl auf eine abnorme Erregbarkeit im Reflexoi^an
des Facialis, in der MeduUa oblongata zurückzuführen, wie Hitzig
nachzuweisen versucht hat; während die nach solchen Lähmungen
ebenfalls sehr gewöhnlichen Contracturen der Gesichtsmuskeln nur
musculären Ursprungs sind.
Manchmal entwickelt sich mimischer Gesichtskrampf ohne alle
nachweisbare Ursache, steigert sich bis zu einem gewissen Grade
und wird allmälig habituell.
Dass endlich Gesicbtskrampf auch als Theilerscheinung allge-
meiner Krampfformen nicht selten auftritt (Epilepsie, Eclampsie,
Chorea, Tetanus u. s. w.), braucht hier nur erwähnt zu werden.
Der Verlauf ist ein äusseret unregelmässiger und unbestimmter,
bald gleichmässig bis zur Heilung oder Unheilbarkeit fortschreitend,
bald in vielfachen Remissionen und Exacerbationen auf und ab
schwankend. Sehr häufig sind Recidive der Krankheit — Die
Dauer des Leidens ist eine sehr variirende; selten ist eine Dauer
von wenig Tagen oder Wochen ; fast immer handelt es sich um einen
exquisit chronischen Verlauf, bei welchem man nach Monaten und
Jahren rechnen muss; oft besteht der Krampf das ganze Leben hin-
durch. — Unter den Ausgängen ist Heilung der seltenere, partielle
Heilung mit grosser Neigung zu Recidiven der häufigere; nicht selten
auch Habituellwerden und dauernder Bestand des Leidens. Natürlich
kann das eventuelle Grundleiden auch noch schlimmeren Ausgang
bedingen.
Die Diagnose des Krampfes an sich hat im Allgemeinen sehr
geringe Schwierigkeiten, da die durch denselben gesetzten Störungen
sehr auifallender Natur sind; nur beim tonischen Gesichtskrampf hat
man sich vor Verwechselung mit Facialislähmung zu hüten, die übrigens
bei einiger Autinerksamkeit leicht vermieden werden kann. — Wich-
tiger ist es und schwieriger zugleich, in vielen Fällen den Sitz und
die eigentliche Ursache des Leidens zu ermitteln ; trotz der genauesten
Untersuchung und grössten Scharfsinns wird es nicht immer gelingen,
Diffuser Facialiskrampf. Therapie. 289
za ermittelD, ob es sich um periphere Reizung oder um centrale Er-
krankung handelt; ob eine reflectorische Erregung zu Grunde liegt^
und Ton wo dieselbe ausgeht u. s. w. — Genauere Anleitung dazu
braucht hier nicht gegeben zu werden.
Die Prognose ergibt sich aus dem, was über die Ursachen
und den Verlauf des Leidens gesagt ist. Sie ist nur in den Fällen,
wo sich ein bestimmter, leicht zu entfernender Beflexreiz nachweisen
VSiBsij entschieden gtlnstig; in den meisten ttbrijgen Fällen zweifelhaft
und bei einigermassen veralteten, habituell gewordenen Formen ent-
schieden ungünstig. Doch hat man auch in solchen hie und da noch
auffallende Heilresultate erzielt (Remak). Natürlich influenzirt auch
die Art des Grundleidens wesentlich die Prognose.
Die Therapie des mimischen Gesichtskrampfes gehört häufig
zu den undankbarsten Aufgaben der ärztlichen Praxis; so unschein-
bar und ungefährlich das Leiden auch oft erscheint, so sehr kann
es allen möglichen therapeutischen Maassregeln Trotz bieten.
Das Erste ist nattlrlich die causale Cur, in frischen rheuma-
tischen Fällen kann man energische Diaphorese, Dampfbäder, Ab-
leitungen versuchen; bei reflectorischem Krampf ist nattlrlich zunächst
die Beseitigung des sensiblen Reizes zu erstreben durch Behandlung
der Augenkrankheiten, Extraotion von Zähnen, Heilung von Ge-
schwüren etc., besonders auch durch Neurotomie der betreffenden
sensiblen Nervenbahnen (bes. des Supraorbitalis), von welcher man
oft sehr glänzende Erfolge isieht. Handelt es sich um eine sympto-
matische Affection, dann tritt die Behandlung des betreffenden Cere-
bialleidens in ihre Rechte.
Für die directe Behandlung ist jedenfalls zur Zeit die
Elektricität das am meisten empfehlenswerthe Mittel ; wenn jedoch
Benedict behauptet, dass dieselbe in frischen Fällen eine günstige,
in veralteten dagegen eine unbefriedigende Wirkung habe, so kann
ich mich diesem Satz nach meinen Erfahrungen nicht anschliessen ;
ich habe mehrfach in ganz frischen Fällen ohne wesentlichen Erfolg
alle erdenkbaren elektrotherapeutischen Methoden versucht, und es
schien mir oft, als wenn gerade eine gewisse Dauer des Leidens eine
günstige Vorbedingung für die Einwirkung der Elektricität wäre.
Jedenfalls ist das bis jetzt vorliegende Material nicht ausreichend,
um solche Sätze jetzt schon genügend zu begründen; andrerseits aber
machen es die zahlreich vorliegenden günstigen Erfahrungen zur
Pflicht, die Elektricität — wenn nöthig in verschiedenen Methoden
— zur Anwendung zu bringen. Man mag hier folgende verschiedene
Applicationsweisen versuchen: Anode stabil mit an- und abschwellen-
H»ndbacli d. spsc Patholoffi« n. Therapie« XIL Bd. 1. 2. Aufl. 19
290 Ebb, Krankheiten der peripheren-eerebrospinalen Nerven.
der Stromstärke auf den Plexus anserinos oder hinter das Ohr; ab-
steigend stabilen galvanischen Strom yom Nerven zu den Moskeln;
Voltaische Alternativen in den einzelnen Nervenzweigen (Benedict) ;
Galvanisation quer durch die Proc. mastoidei, vielleicht auch directe
Behandlung der (hegend des Facialiscentrums in der Scheitelregion;
bei centralen Formen auch Ghdvanisation des Sjmpathicus am Halse
mit besonderer Berücksichtigung der bei Druck etwa den Krampf
modificirenden Ganglien; überhaupt kann in geeigneten Fällen auch
die galvanische Behandlung (Anode) mit Erfolg auf die Druckpunkte
gerichtet werden (R e m a k). — Endlich kann man auch noch schwellende
faradische Ströme (nach Frommhold) auf den Nerven einwirken
lassen^ die manchmal von entschiedenem Nutzen sind. — Alle diese
Methoden müssen mit Gonsequenz und Energie angewandt werden —
und lassen trotzdem oft im Stich.
Unter den narkotischen Mitteln verdienen besonders die
subcutanen Injectionen von Morphium Beachtung; man soll sie bei
vorhandenen Druckpunkten in deren Nähe appliciren^ sonst ist die
Schläfe der geeignetste Applicationsort. Von Injectionen von Curare
und Atropin und ebenso von Strychnin sind einzelne Erfolge ver-
zeichnet; ebenso von Chloroform mittelst eines Wattebausches auf
den Plexus anser. applicirt oder inhalirt.
Häufig wird man zu den Nervinis zu greifen genöthigt sein
(Arsenik; Zinc. oxyd., Zinc. valerian. , Arg. nitr. ^ Asa foetida, Vale-
riana u. s. w.). Es gilt ftlr dieselben alles^ was bei der allgemeinen
Therapie der Krämpfe gesagt wurde; bestimmte Indicationen ftr die-
selben können wir nicht au&tellen.
Starke Willensanstrengung scheint in seltenen Fällen zur Heilung
zu genügen, wie ein Fall von Gräfe beweist, welcher einMädch^i
durch Drohungen zwang, wiederholt auf einen Stuhl zu steigen, wozu
es die krampfhaft geschlossenen Augen öffiien musste; dadurch wurde
der Krampf beseitigt.
Die Neurotomie sensibler Nerven (besonders des Supra-
orbitalis) scheint manchmal auch in solchen Fällen von Erfolg zu
sein, wo von diesen Nerven keine Reflexerregung ausgeht (Rom-
berg, V. Gräfe) und sie kann deshalb, als relativ unschädliches
^ Mittel, in verzweifelten Fällen Anwendung finden, wenn sie anch in
der Mehrzahl der Fälle ein negatives Resultat gibt. Sollte der etwaige
Erfolg auf centripetale Wirkungen zurückzuftlhren und mit dem Effecte
starker Hautreize auf gleiche Linie zu stellen sein?
Die Durchschneidung des N. facialis selbst hat man nur
in seltenen Fällen gewagt, wegen der unvermeidlichen Lähmung.
Partieller Facialiskrampf : BlepharoBpasmus etc. 291
Deleyi^leuse hat dieselbe beiderseitig ausgeführt, jedoeh nur mit
partiellem Erfolg. Die Motilität soll bald nach der Operation wieder-
gekehrt sein. (?) — Energischen Druck auf den Stamm des Facialis
wird man nur mit Vorsicht anwenden dtlrfen.
Dieffenbach hat in einem sehr hartnäckigen Falle die meisten
von dem Krampf befallenen Muskeln subcutan durchschnitten und
damit sehr gtlnstigen Erfolg erzielt.
2, Partieller Gesichtsmuskelkramp/i
Es kommt gar nicht selten vor, dass einzelne Gesichtsmuskeln
anf einer oder auf beiden Seiten von Sjrampf befallen werden ; selbst
wenn wir absehen von dem Umstände, dass auch beim diffusen Ge-
sichtskrampf meist nur einzelne Muskeln in einem gegebenen Momente
vorwiegend in krampfhafter Action begriffen sind. Ftir den partiellen
Krampf ist es eben charakteristisch , dass derselbe immer auf die
nämlichen einzelnen Muskeln beschränkt bleibt. So kommt ein par-
tieller Krampf in den Zygomaticis und ihren Nachbarn yor, der Ton
Zeit zu Zeit das Gesicht des Kranken zu krampfhaftem Lächeln yer-
zenrt (Risus sardonicus); oder man sieht den Corrugator supercilii sich
yon Zeit zu Zeit in zuckender Weise contrahiren, oder den Nasen-
ffOgel und die Oberlippe einer Seite conyulsiyisch zittern; oder die
Ohren 1?erden durch convulsivische Zuckungen in lebhfuCte, unge-
wohnte Bewegungen versetzt , entweder mit oder ohne gleichzeitige
Zuckungen der Galea (Romberg, Hoppe). Weitaus am häufigsten
jedoch sind solche partielle Krämpfe auf die Muskehi in der Um-
gebung des Auges beschi*änkt, und wir mtlssen diesen „ Lidkrämpfen ^
eine kurze Besprechung widmen, da sie wegen ihrer Häufigkeit und
der erheblichen Störungen, welche sie machen, eine ziemlich grosse
praktische Wichtigkeit besitzen.
Vom tonischen Lidkrampf, Blepharospasmus, existiren
eine Anzahl höchst merkwürdiger Fälle in der Literatur, und wir
verdanken v. Gräfe ganz besonders grosse Förderung der Pathologie
und Therapie dieser Krampfform.
Man versteht darunter eine tonische, in einzelnen Paroxysmen
von verschieden langer Dauer auftretende Contraction des Orbicularis
palpebrarum. Der dadurch hervorgerufene Lidschluss kann demnach
intermittirend, oder er kann dauernd sein; die einzelnen Anfälle
können wenige Minuten oder ganze Stunden dauern, aber sie er-
strecken sich auch manchmal ttber Wochen und Monate, so dass die
Kranken wie völlig Blinde angesehen werden müssen. Keine Be-
19*
292 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
Schreibung kann die bizarren Contractionsformen erschöpfen, in wel-
chen dieser Krampf oft auftritt ; mit dem oft ganz plötzlichen Zufallen
der Augen sind mancherlei Grimassen verbunden; bedingt durch
Gontractionen der antagonistischen Muskeln, welche yergebens durdi
Oefihen der Lider die erzwungene Blindheit zu beseitigen streben.
Die Anfälle können durch vielerlei Momente henrorgerufen werden;
am häufigsten durch Einwirkung des Lichts, durch Anstrengungen
der Augen, festes Schliessen der Lider oder den Versuch, dieselben
gewaltsam zu öfihen, durch lebhaftes Geräusch, Gemttthsbewegungen
u. s. w. Sie kommen oft ganz plötzlich; wie mit einem Schlage
fallen die Lider zu und verharren so verschieden lange Zeit; nicht
selten gelingt es dann durch Druck auf bestimmte Punkte sie zu
eben so raschem Oeffhen zu bringen; wie durch geheimen Feder-
druck springen dann die Lider auf.
Gerade nämlich bei dieser Form des Krampfes hat man am
häufigsten die kramp&tillenden Druckpunkte geftinden und studirt
Oft bieten sie sich der Untersuchung leicht und ohne Weiteres dar;
die Kranken selbst haben sie manchmal schon entdeckt und zur
momentanen Beseitigung des Krampfes bentltzt; oft werden sie nur
nach langer und mühsamer Untersuchung an ganz unerwarteten
Punkten des Körpers geftinden. Ein kräftiger Druck auf diese Punkte
beseitigt nach kurzer Zeit den Krampf, und nicht selten beobachtet
man einen ganz plötzlichen Nachlass desselben, so dass die Lider
wie durch Federkraft aufspringen. Meist überdauert die krampf-
stillende Wirkung des Druckes diesen ftir einige Zeit ; seltner dauert
die Wirkung nur so lange als der Druck selbst, und mit dem Nach-
lass derselben tritt der Krampf sofort wieder ein. Solche Dmck-
puokte finden sich natürlich am häufigsten im Gebiete des Trige-
minus, und es sind hier zunächst die von den Neuralgien her be-
kannten Valle ix 'sehen Schmerzpunkte zu berücksichtigen; besonders
am Foram. supraorbitale wird man häufig einen solchen Druckpunkt
entdecken; aber auch an den übrigen Aesten des Trigeminns, sol
der Gesichtshaut, am Zahnfleisch, an den Gaumenbögen, am Joch-
bein, am Process. mastoid. u. s. w. hat man solche schon geftinden.
Ist das nicht der Fall, so suche man an den Dom- und Querfort-
sätzen der Halswirbelsäule, am Sympathicus, am Plexus brachialis,
an den Handgelenken u. s. w. In manchen Fällen finden sich mehrere
und zahlreiche solche Druckpunkte, in andern dagegen fehlen sie völlig.
Es ist dann manchmal durch Einwirkung des ^vanischen Stroms
auf bestimmte Punkte Beruhigung zu erzielen (Remak). — Auch
auf die Unterscheidung der primären von den inducirten oder secun-
1 Partieller Facialiskrampf: Blepharospasmus etc. Therapie. 293
dären Drnckpankten, welche v. Gräfe aufgestellt hat, wird man za
achten haben.
Dass diese Form des Krampfes eine fbr den Ejranken äusserst
lästige ist; ergibt sich von selbst. Die nächste Folge ist eine durch
den Lidschluss bedingte periodische oder dauernde Aufhebung des
Sehyermögens. Häufig ist damit hochgradige Photophobie; ScWerz
im Auge und der Stirn und das Sjmptomenbild der zu Grunde lie-
genden Augenaffection rerbunden. Auch können damit Schmerzen
in den verschiedensten EörperregioneU; wie überhaupt alle möglichen
nervösen Störungen verbunden sein.
Der Blepharospasmus ist wohl in der grossen Hehrzahl der
Fälle refleetorischen Ursprungs , und zwar sind es unter den Trige-
minusbahnen besonders die zum Auge gehörenden; welche die Leiter
0r die hier in Frage kommenden Beflexerregungen werden. Alle
möglichen entzfindlichen Erkrankungen des Auges, besonders die
scrophulösen ; herpetischen und ulcerativen Entzündungen der Gon-
junctiva und der Cornea; Traumata, welche das Auge getroffen;
Fremdkörper in demselben, Photophobie; femer Supraorbitalneuralgie
sind die häufigsten causalen Momente; man hat aber auch von
Ulcerationen in der Mund- und Rachenhöhle , von cariösen Zähnen,
von Neuralgien der verschiedensten Trigeminusäste Blepharospasmus
ausgehen sehen; und der Nachweis der Druckpunkte an entfernten
Eörperstellen scheint zu beweisen; dass auch von noch anderen
Nervenbahnen her reflectorische Auslösung des Blepharospasmus be-
wirkt werden kann. — Dass in solchen Fällen der Krampf fast stets
ein doppelseitiger ist, oder es doch im Verlaufe der Krankheit
meistens wird; erklärt sich, abgesehen von dem Gesetz der Be-
flexionssymmetrie, wohl auch aus der physiologisch eingeübten (und
wohl auch anatomisch präformirten?) gemeinsamen Action beider
Orbicnlares.
Bei der Therapie dieser Krampfiform spielt natürlich die cau-
sale Indication eine Hauptrolle, und weitaus die meisten Fälle heilen
einfach nach Beseitigung der causalen Augenentzündungen oder Trige-
minusneuralgien und nach Entfernung von Fremdkörpern u. s. w. —
Von besonderer Bedeutung jedoch ist gerade für den Blepharospas-
mus das Studium der Druckpunkte geworden, und man hat von
diesen aus theils durch Neurotomie der betreffenden Nervenstänune
(v. Gräfe); theils durch Einwirkung des galvanischen Stroms (Anode
stabil, Bemak) sehr bemerkenswerthe Heilresultate erzielt. Ueber-
haopt hat die Neurotomie des N. supraorbitalis bei dieser Krampf-
form eine Beihe glänzender Erfolge aufzuweisen; ^tretende Er-
294 Ebb/ Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
leichterung bei Dmek auf das For. supraorbitale wird die Indication
zu dieser Operation wesentlich stützen ; doch wird man sidi za ihrer
Anwendung meist erst dann entschliessen , wenn die ttbrigen Mittel
yergebens versucht sind.
Unter den ttbrigen Mitteln sind besonders die subcutanen MorpUam-
injectionen zu erwähnen, welche möglichst in die Nähe der Druck-
punkte^ sonst an der Schläfe gemacht werden mttssen. Auch von
Atropin und Belladonna hat man gute palliative Erfolge gesehen;
jedoch gewöhnlich erst dann^ wenn die Erscheinungen allgemeiner
Belladonnanarkose sich manifestirten.
Die galvanische Behandlung hat sich besonders auf die Druck-
punkte zu richten, kann aber auch in geeigneten Fällen au£i Auge
selbst, auf den N. supraorbitalis u. s. w. dirigirt werden ; stets wird
man sich die merkwürdigen Erfahrungen Remak's (Galvanisation
am Halssympathious) zu Nutze zu machen suchen; im Uebrigen ver-
suche man die oben beim Tic convulsif angegebenen Methoden.
Methodisches Untertauchen des Oesichts in kaltes Wasser empfiehlt
V. Gräfe besonders gegen den bei Kindern nach Keratitis so häufig
zurückbleibenden Blepharospasmus. — Kalte oder warme Umschläge,
narkotische Fomentationen und E^ataplasmen auf das Auge können
nach Umständen wirksam sein. Von einer methodischen Compression
des Facialis am ForauL stylomiastoid. wird man nicht viel erwarten
dttrfen. Von der Durchschneidung des N. facialis selbst hat schon
Gh. Bell entschieden abgerathen, und man wird zu ihr nur im
äussersten Nothfall seine Zuflucht nehmen.
Der klonische Lidkrampf, Spasmus niptitans, Nicti-
tatio unterscheidet sich wohl nur der Form, weniger dem Wesen
nach von dem tonischen Lidkrampf.
Man versteht darunter krampfhaftes Blinzeln, abwechselndes
Schliessen und Oeffnen der Augenlider, bedingt durch klonischen
Krampf im Orbicnlaris palpebrarum etc., an welchem sich meist
auch noch andere benachbarte Muskeln (Gorrugator, Frontalis, Zjgo-
matici etc.) in mehr oder weniger ausgebreiteter Weise betheiligen.
— Viele Menschen zeigen das schon in geringem Maasse, wenn irgend
ein ungewohnter B^iz (helles Licht, Sonnenreflex u. s. w.) die Augen
trifft, wenn sie in Verlegenheit oder andre G^mttthsbewegungen ge-
rathen. In den höheren Graden wird die Sache zu einem höchst
lästigen und widerwärtigen Krampfleiden, welches rein fftr sich auf-
treten kann, häufiger aber mit dem tonischen Lidkrampf zusammen
vorkommt, so dass die klonischen Zuckungen die Anfälle des toni-
schen Krampfes einleiten und beschliessen.
Klonischer Lidkrampf. Hypoglossuskrampf. 295
Aach dieser Krampf ist offenbar in den meisten Fällen reflec-
torischen Ursprungs und verhält sich in dieser Beziehung ganz wie
der BlephorospasQius. Es würde zu einfacher Wiederholung des bei
dem tonischen Lidkrampf Gesagten führen^ wenn wir uns ttber die
BeflexreizC; über die Druckpunkte, die Paroxysmen u. s. w. bei der
Kictitatio ausführlicher verbreiten woUten. Worauf es beruht, dass
imter anscheinend den gleichen Verhältnissen bei verschiedenen In-
dividuen bald ein tonischer, bald ein klonischer Lidkrampf entsteht,
wissen wir nicht; alles, was darüber gesagt werden könnte^ ist vage
Yermuthung.
Für die Behandlung des Spasmus nictitans gelten ganz die-
selben Grundsätze wie fllr die des Blepharospasmus.
c. Krampf im Gebiet des N. hypoglossus. — Zungen-
krampf.
Romberg, 1. c. S. 387.
Ein selbständiger, isolirt auftretender Krampf der vom Hypo-
glossus innervirten Zungenmuskeln gehört zu den allergrössten Selten-
heiten ; dagegen ist derselbe eine sehr häufige Theilerscheinung ver-
schiedener sensibler und motorischer Neurosen.
Der Zungenkrampf stellt sich dar als unruhige wälzende Be-
wegung der Zunge, als rasches Vor- und Zurückziehen derselben,
als krampfhaftes Herausstrecken — kurz als eine rasche und unregel-
mässige Folge aller der Zunge möglichen Bewegungen; oder aber
als eine mehr tonische Contraction in dem einen oder andern Muskel-
bündel, so dass dadurch abnorme und bizarre Stellungen der Zunge
ktbrzere oder längere Zeit eingehalten werden ; oder in Form einzelner,
kurzer Zuckungen der ganzen Zunge, oder endlich in Form der so-
genannten fibrillären Zuckungen der Zungenmusculatur.
Es existiren zahlreiche Fälle in der Literatur, welche beweisen,
dass Zungenkrampf hie und da vorkommt bei Meningitis und son-
stigen Gehimaffectionen (Reizung des Hypoglossuscentrums im Yor-
derhimlappen oder des Hjpoglossuskemes im verlängerten Mark?);
femer als sehr häufige Theilerscheinung bei allen möglichen allge-
meinen KrampfTormen: bei hysterischen Convulsionen , bei Chorea,
bei Epilepsie und Eclampsie u. s. w.; ferner nicht selten in Beglei-
tung von Trismus und von Gesichtsmuskelkrampf; femer als Theil-
erscheinung der Stotterkrämpfe ; als Reflexerscheinung bei Trigeminus-
neuralgien, besonders des 3. Astes (Romberg) und bei Zahncaries
296 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebroBplnälen Nerven.
und Ulceration am Zahnfleisch (Mitchell); endlich bei progressiver
Muskelatrophie und bei Bulbärparalyse in Form der fibrillären Zuckun-
gen. Ueber alle' diese Formen des Zungenkrampfes «?ird das Nöthige
in den verschiedenen Abschnitten dieses Werkes bei der Besprechung'
der erwähnten Erankheitsformen gesagt werden. — Ftlr eine Dar-
stellung jedoch des selbständigen Zungenkrampfes und seiner Behand-
lung fehlt z. Z. noch alles Mat^rial^ und es wäre zu wünschen, dass
einschlägige casuistische Mittheilungen gemacht würden. Ich sah
ihn jüngst bei einem jungen Mädchen, das ausserdem an eigenthttm-
liehen Hallucinationen litt, ganz selbständig und isolirt in Form eines
beim jedesmaligen Herausstrecken der Zunge eintretenden, ungemein
raschen Vor- und Zurttckziehens der ganzen Zunge.
d. Krampf im Gebiet des Nerv, accessorius. (Torticollis.
— Tic rotatoire. — Nickkrampf etc.)
Lehrbücher yon Romherg, Hasse, A. Eulenburg, M. Rosenthal;
Benedict. Nervenpathol. etc. 1874. — Duchenne, Electns. localis^, ü. edit.
1861. p. 888 ff. — Beard and Rockwell, Medic. electricity p. 461. — Stro-
meyer, Beitr. z. operat. Orthopäd. 1838. S. 128. — Ebert, Das krampfhafte
Kopfnicken der Kinder. Annal. d. Charit^. 1850. Bd. 1. — G. Hirsch, Kün.
Fragmente. I. 1857. — Leconest, Torticollis intermlttent. Union m^d. 1861.
No. 67. — Busch, Anwendung des Glüheisens bei Krämpfen etc. Berlin, kün.
Woch. 1873. No. 37—39 (Sitz. d. Niederrhein. Ges. in Bonn). — Casuistik s. n. A.
bei 0. Bell, 1. c. S. 342—359. — Schützen berger, Gaz. mM. de Strasb.
1867. No. 9. — Morgan, Lancet 1867. Aug. 3. — Delstanche, Fresse m^.
1867. No. 16. — Fournier, Th^se de Strasb. 1870 etc. — Stich, D. Arch. f.
klin. Med. Bd. XI. S. 524. — A. Kropff , Beob. über Krampf im Bereiche des
AccesBor. u. der ob. Cerricalnerven. Diss. Götting. 1875.
Die hierhergehörigen, nicht gerade seltenen Krämpfe haben ihren
Sitz im MuBC. stemocleidomastoideus und cncnllaris. Jeder dieser
Muskeln kann isolirt, oder beide können zugleich befallen sein; der
Elrampf kann ein- oder doppelseitig auftreten; er kann in verschie-
dener Form auftreten: als klonischer Krampf, als tonischer Krampf
und als Contractur der genannten Muskeln.
1. Klonischer Accessoriuskramp/i
Bei einseitiger Erkrankung des Stemocleidomastoideus treten
ruckweise, zuckende Bewegungen des Kopfes nach einer Seite hin
in ganz charakteristischer Weise auf. (Das Kinn wird nach der ent-
gegengesetzten Seite gedreht und gehoben, das Hinterhaupt herab-
gezogen, Ohr und Proc. mastoid. dem Schlüsselbein der gleichen Seite
genähert; man kann sich diese, wie die meisten der im Folgenden
beschriebenen Krampfformen, am besten durch locale Faradisation
Klonischer Accessorioskrampf. Symptome. 297
der betreffenden Muskeln versinnlichen ; genaues Studium der dadurch
erzeugten Bewegungen und Stellungen erleichtert die Diagnose dieser
localen Erampfformen in hohem Grade.) Es ist das eine Form des
Tic rotatoire der Franzosen, welcher aber auch noch durch eine
Reihe anderer Muskeln, welche sich an der Rotation des Kopfes be-
theiligen, erzeugt werden kann.
Ist bloss der Cucullaris von dem Krämpfe befallen, dann wird
der Kopf nach hinten und nach der kranken Seite gezogen ohne
Drehung des Kinnes, zugleich wird die Schulter gehoben, die Scapula
der Wirbelsäule genähert und, je nachdem einzelne Btindel des Mus-
kels Torwiegend befallen sind, mehr oder weniger um ihre Axe ge-
dreht. Der Kopf kann dabei mit grosser Gewalt nach rückwärts
gezogen werden, so dass Hinterhaupt und Schulter sich fast berühren,
während das Kinn erhoben ist.
Sind beide Muskeln einer Seite gleichzeitig ergriffen, dann ver-
mischen sich beide Bewegungsrichtungen mit einander oder wechseln
mit einander ab, und je nach dem Ueberwiegen des einen oder andern
Muskels kann das Bild etwas verschieden ausfallen.
Bei doppelseitigem Accessoriuskrampf wird der Kopf meist ab-
wechselnd nach der einen und der andern Seite gezogen, das Kinn
mehr oder weniger rasch von einer Seite zur andern bewegt (Kopf-
wackeln. Kopfschütteln); seltener wird eine genau synchro-
msehe Bewegung der beiderseitigen Muskeln beobachtet, die in sol-
chen Fällen meist auf die Mastoidei beschiünkt ist, wodurch in mehr
oder weniger raschem Tempo ein abwechselndes Heben und Senken
des Kinnes zu Stande kommt (Kopfnicken). Hierhergehören die
vorwiegend bei Kindern beobachteten Nickkrämpfe, Salaam-
krämpfe, bei welchen der Kopf in mehr oder weniger rascher
Folge eine grosse Anzahl regelmässiger Nickbewegungen macht; doch
ist es mir zweifelhaft, ob dieselben nicht vorwiegend durch andere
Muskeln hervorgerufen werden ; Krämpfe der Nackenmuskeln können
wohl ein ganz ähnliches Bild bedingen und das eigentliche Kopf-
nicken kommt jedenfetlls hauptsächlich durch die Muse, recti capit.
antic. zu Stande.
Alle diese Krämpfe treten zumeist in Paroxysmen auf von
verschieden langer Dauer; manchmal tagelang und nicht selten mit
80 furchtbarer Heftigkeit, dass der Kopf mit grosser Gewalt hin- und
hergerissen, und das Leben den Kranken zur Qual wird. Manchmal
wird ein nahezu continuirliches Auftreten des Krampfes beobachtet;
dann pflegt jedoch meist der Schlaf Ruhe zu bringen ; doch ist häufig
das Einschlafen durch den Krampf sehr erschwert und verzögert. —
298 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
Hervorgerufen werden die Paroxysmen durch mancherlei Dinge: Gehen,
Sprechen, Gemüthsbewegungen u. dgl., und ihre Intensität wird regel-
mässig gesteigert, wenn sich die Kranken beobachtet wissen, in Ver-
legenheit gerathen u. s. w.
Häufig und besonders auf der Höhe der Paroxysmen siebt man
eine Mitbetheiligung mehr oder weniger zahlreicher benachbarter
oder entfernter Muskeln: so der Gesichts- und Kaumuskeln, der
Augen-, Schulter- und Oberarmmuskeln ; vielfach sind auch die Acees-
soriuskrämpfe nur Theilerscheinung von auf viele Huskelgmppen
verbreiteten Krämpfen.
Von sensiblen Erscheinungen wird am häufigsten du
schmerzhaftes Müdigkeitsgeftlhl in den vom Krampf be&llenen Mus-
keln erwähnt; ausserdem nicht selten Schmerz im Nacken und Hinter-
haupt, in Schulter und Arm, manchmal auch Formication in den.
Armen. — Druckpunkte sind nur selten vorhanden; man wird
dieselben vorwiegend am Stamm des Acoessorius selbst, am Plexus
brachialis und an der Wirbelsäule, wohl auch an den erkrankten
Muskeln zu suchen haben. — In den höheren Graden des Leidens
treten oft recht erhebliche Folgeerscheinungen ein, unter welchen
Störungen des Kauens und Essens, des Sprechens und des Schlafes
besonders zu erwähnen sin4; auch die deprimirende Rückwirkung
des quälenden Leidens auf die psychische Stimmung ist nicht zu
unterschätzen.
Die Entwickelung der Krankheit geschieht meist ganz allmälig,
und besonders die heftigeren Grade entstehen nur selten rasch und
fast plötzlich. Ein massiger Grad kann lange Zeit unvei^dert fort-
bestehen und selbst der Heilung zuschreiten, manchmal aber ent-
wickelt sich das Leiden auch immer weiter zu geradezu unerträg-
licher Heftigkeit.
Die Ausgänge des Krampfes können mannichfaltige sein: ent-
weder in Heilung, und das Ist ein verhältnissmässig seltener Fall;
oder in Habituellwerden des Krampfes; oder derselbe bildet den
Uebergang zu schwereren allgemeinisn KrampfTormen (Epilepsie);
oder endlich in Lähmung. Das Alles hängt wesentlich von der Natur
der Ursache ab.
Die Aetiologie des klonischen Accessoriuskrampfes ist noch
in vielen Beziehungen eine dunkle. Selten wissen wir genau, an
welcher Stelle der Accessoriusbahn im Rtickenmark, verlängerten
Mark oder Gehirn der krankhafte Reiz angreift; jedenfalls lehrt aber
die vorliegende Casuistik so viel, dass an sehr verschiedenen Stellen
dieser Bahn die krampferzeugende Erregung stattfinden kann. So
Klon. Accessorioskrampf . Aetiologie. Diagnose. Prognose. Therapie. 299
hat man Accessorinskrampf bei yerscUedenen Centralerkrankiuigen
(Gehirn- and Rttckenmarkstamoren , Erweichnngsherden , Meningitis
IL 8. w.) gefunden ; bei traomatisehen Einwirkungen auf den Schädel
imd Nacken; femer bei Krankheiten der Halswirbelsänle (CarieS;
Periostitis, Geschwülste derselben), wobei an eine pathologische Bei-
zoDg des Halsmarkes oder der Accessorioswarzeln gedacht werden
mnss.
Eine häufige Ursache ist jedenfalls Erkältnng: Zugluft, Dnrch-
nSssung bei schwitzendem Körper und analoge Schädlichkeiten werden
oft als Ursachen angegeben.
Auch eine reflectorische Entstehung kann zuweilen nicht von
der Hand gewiesen werden: die Fälle yon Krampf während er-
schwerter Dentition, bei Wnrmreiz, DigestionsstOrungen, Uterinleiden
gehören hierher.
Zur Yeryollständigung muss erwähnt werden, dass auch 6e-
mttthsbewegungen manchmal den Krampf henrorrufen, und dass der-
selbe während des Puerperiums und im Gefolge von Typhus sich
hie und da einstellt Ein Yerständniss fUr seine Pathogenese in
solchen Fällen geht uns noch vollständig ab.
Die Diagnose des klonischen Accessoriuskrampfes ist in aus-
gesprochenen und schweren Fällen, in welchen die Muskeln bei jeder
Contraction deutliche und stark vorspringende Wülste bilden, nicht
schwierig; dagegen kann die Erkennung desselben in jenen Fällen,
wo nur leichte, kaum merkbare, zitternde und wackelnde Bewegungen
des Kopfes gemacht werden, oft ganz besonders genaue und aufinerk-
same Untersuchung erfordern. Man wird sich in solchen Fällen aller
möglichen, früher erwähnten Hülfsmittel zur Feststellung der vom
Krampf befallenen Muskeln bedienen müssen. -^ Schwieriger ist meist
die Erkennung des eigentlichen Sitzes und der Ursache der Krank-
heit, und selbst bei bekannter äusserer Veranlassung des Krampfes
wird man meist über, die genauere Localisation und die Art der
Krankheit im Unklaren bleiben.
Die Prognose hängt wesentlich von dem Grundleiden ab; bei
Centralerkrankungen und Halswirbelleiden ist sie natürlich sehr miss-
lich ; ungünstig auch bei den idiopathischen Formen, welche besonders
gerne neuropathisch belastete Individuen befallen, bei den habituell
gewordenen Formen; verhältnissmässig günstig dagegen bei den so-
genannten rheumatischen Formen.
Die Therapie muss vor allen Dingen eine causale sein, und
es ist überflüssig, hier alle die einzelnen diesem Zwecke dienenden
Maassnahmen anzuführen.
300 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
Bei der directen Behandlung, welche häufig neben der cansalen
instituirt werden muss, häufiger von yomeherein durch den Mang^el
einer greifbaren causa morbi geboten erscheint, wende man sich
zunächst zur Elektricität. Die bekannten und schon mehrfacli
erwähnten antispastischen Methoden mögen hier nach der Reihe An-
wendung finden; Anode stabil auf den N. accessorins, wiederholte
durch Stromschliessungen erzeugte Muskelzuckungen, Behandlung
längs und quer durch den Kopf und an der Halswirbelsäule, wobei
die Gegend der Medulla oblongata und die Gegend der motorischen
Centren im Vorderhim vielleicht besondere Berücksichtigung yer-
dienen, — die Galyanisation des Sympathicus am Halse und etwaiger
Druckpunkte, endlich die Anwendung schwellender faradischer Ströme
auf Nery und Muskeln und eyentuell sogar des faradischen Pinsels
auf die Haut: alles das kann in einzelnen Fällen yon heilendem
Einflüsse sein; häufig aber auch sind alle elektrotherapeutischen
Versuche erfolglos.
Dann hat man in den subcutanen Injectionen der Narcotica^,
besonders des Morphium, Atropin und Curare Mittel, welche des
Versuchs werth sind und in manchen Fällen Heilung herbeif&hren.
Auch narkotische Salben, Auflegen yon Watte mit Chloroform oder
Aether mag man yersuchen.
Die eigentlichen Neryi na (besonders Zinc. yalerianic, Arsenik,
Kai. bromat. etc.) werden vielfach in Gebrauch zu ziehen sein und
auch nutzen, ohne dass man sich von ihrem Gebrauch allzuviel ver-
sprechen darf.
Die Anwendung der Derivantien, welche man vielfach in
Form von Sinapismen, fliegenden und perpetuirlichen Vesicantien,
Moxen, Pustelsalbe u. dgl. applidrt, hat in jüngster Zeit einen neuen
Impuls erhalten durch die günstigen Resultate, welche Busch in
einigen veralteten Fällen durch die energische Anwendung des Glüh-
eisens erzielte. In mehreren schweren und hartnäckigen Fällen von
Accessoriuskrampf hat Busch längs der Halswirbelsäule zu beidai
Seiten einen 5 — 6 Zoll langen Brandstreifei) > mit einem prismatischen
Glüheisen gezogen, die Kranken darnach einige Zeit ruhig liegen,
und nach der Abstossung des Brandschorfs die Eiterung einige Wochen
unterhalten lassen. In 3 Fällen trat dauernde Heilung ein, in einem
vierten kein Erfolg. Jedenfalls ermuthigen diese Resultate zu weiteren
Versuchen.
Von Kataplasmen, warmen Bädern, Gymnastik u. s. w. wird
man nur in ganz leichten Fällen Erfolg erwarten können.
In verzweifelten Fällen hat man sich zu operativen Eingriffen
Tonischer Accessoriuskrampf und Contractor. Symptome. 301
entschlossen und die subcutane Myotomie des Stemocleidomastoi-
deus gemacht^ in manchen Fällen mit Erfolg. — Die Neurotomie
des Accessorius ist theils wegen der dadurch gesetzten Lähmung,
theils wegen ihres Misserfolgs zu yerwerfen. Michel hat dieselbe
ohne dauernden Erfolg gemacht, und Busch sah nach Besection
eines Stückchens aus dem Accessorius die Ei^Unpfe schon nach wenig
Tagen in der gewohnten Stärke wieder eintreten; offenbar wurden
die Yom Centrum kommen Erregungen durch die mit den Ceryical-
nerven yerlaufenden Bahnen zu den Muskeln geleitet Es könnte
also eine solche Operation nur bei nachweisbar im Stamm des Acces-
sorius selbst gelegener Ursache einigermassen gerechtfertigt sein.
2. Tonischer Accessoriuskrampf (und Contractur).
Beschränkt sich zumeist auf den Stemocleidomastoideus , viel
seltener auf den Cucullaris; doch kommt es auch vor, dass beide
Muskeln sich in Contractur befinden.
Ist der erstere allein betroffen, dann ist die charakteristische
Kop&tellung (Kinn nach der entgegengesetzten Seite gedreht und
gehoben, Ohrgegend dem Schlüsselbein genähert) mehr oder weniger
dauernd vorhanden und ist schwer oder gar nicht durch active oder
passive Bewegungen zu beseitigen. Der Muskel springt als starker,
harter Wulst hervor. Das ist das sogenannte Caput obstipum
spasticum.
Mit dem Krampf sind anfänglich meist lebhafte Schmerzen ver-
banden, die sich aber allmälig verlieren, so dass die anhaltende
Con^uctnr des Muskels in der Begel schmerzlos ist ~ Der Muskel
selbst geiilth in seltenen Fällen in Hypertrophie; häufiger dagegen
beobachtet man Atrophie der in Unthätigkeit versetzten Antagonisten.
— Bei jugendlichen Individuen kann durch die dauernde Schief-
stellung des Kopfes und Halses sich allmälig eine bleibende Ver-
krümmung der Halswirbelsäule ausbilden : dieselbe wird convex nach
der gesunden Seite. Von Druckpunkten ist bei dieser Form des
Krampfes nichts bekannt
Beim tonischen Krampf beider Stemocleidomastoidei (Duchenne
beobachtete einen solchen) wird der Kopf stark nach vom gezogen
und gegen die Brust gebeugt
Beim tonischen Eoampf des Cucullaris ist der Kopf dauernd
nach hinten und nach der kranken Seite geneigt, das Hinterhaupt
der Schulter genähert, die Schulter selbst etwas gehoben, das Schulter-
blatt nach innen gezogen. Dabei bildet der vordere Band des Cucul-
laris einen harten wulstigen Vorsprung. — Sind vorwiegend seine
302 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
mittleren und nnteren Bflndel be&llen (ein seltenes Vorkomaen),
so markirt sich das an der entsprechenden Stellang und Drehung
der Scapula. Immer ist dieselbe dabei fixirt, kann dnrch passive
Bewegungen nicht aus ihrer Lage gebracht werden — ein charak-
teristischer Unterschied Yon den durch Lähmung der Antagonisteo
hervorgebrachten Stellungsänderungen der Scapula.
Die Aetiologie dieser Erampfform ist womöglich noch dunkler
als die des klonischen Krampfes. Manchmal ist derselbe angeboren
oder in frühester Jugend (wahrscheinlich durch GehimleideU; „Oichter*
etc.) entstanden ; bleibt auch wohl hie und da als Rest schwerer eon-
Yulsiyer Zustände zurück. — Hie und da beobachtet man, dass
schwere Formen des klonischen Krampfes allmälig in den tonische
tibergehen und so zu dauernder Contractur führen. — Femer sind
Leiden der Halswirbelsäule nicht selten Ton tonischem Accessorins-
krampf begleitet; der baldige Uebergang in Lähmung klärt m der
Regel auf über die Bedeutung der anfänglichen Beizerscheinungen.
— Am häufigsten sind es atmosphärische Schädlichkeiten, die ver-
schiedenen Möglichkeiten der» Erkältung ''^ welche als Ursachen dieses
Krampfes beschuldigt werden (Torticollis rheumatica). Es kann dabei
fraglich sein, ob die rheumatische Erkrankung im Nerven oder im
Muskel ihren Sitz hat, und es ist wahrscheinlich, dass Beides vor-
kommt.
Die Diagnose dieser Zustände hat sich nur vor der Verwechs-
lung mit Lähmung der Antagonisten zu hüten ; bei einiger Anfinerk-
samkeit wird man dieselbe leicht vermeiden. Pathognostisch ist die
bei Lähmungen yorhandene passive Beweglichkeit.
Die Therapie hat auch hier vor Allem nach den Ursachendes
Leidens zu forschen und diese zu beseitigen. Speciell bei den rheu-
matischen Formen ist eine energische Behandlung (reichl. Diaphorese,
Ableitung, Dampfbäder, Kataplasmen) im Beginn meist sehr wirk-
sam. — Für die directe Behandlung ist auch hier wieder zoerst
dieElektricität angezeigt ; ausser den oben angeführten Methoden
wird auch noch die Faradisation der Antagonisten mit Erfolg an-
gewendet
Von Narcoticis und Nervinis ist bei dieser Krampfform
und besonders bei der Contractur nicht viel zu erwarten. Man ver-
liere also damit nicht viel Zeit, sondern gehe bald zu der in solchen
Fällen vor allem angezeigten chirurgisch-orthopädischen Be-
handlung über, welche hier ganz hübsche Resultate aufzuweisen
hat In den leichtesten Fällen kann man durch active und passive
Gymnastik, durch Fixiren des Kropfes in geeigneten steifen, mit
Krampf der Gervical- u. Dorsalnerven. Krämpfe einzelner Muskeln. 303
Watte gepolsterten Gravatten sein Ziel erreichen. In schwereren
Fällen ist es nöthig, der orthopädischen Behandlang eine gewaltsame
Dehnung des yerkürzten Muskels in der ChloFoformnarkose oder die
snbcntane Tenotomie Toranfgehen zu lassen; die Nachbehandlung
mnss sich dann in zweckmässig combinirter Weise geeigneter Reten-
tionsapparate , der Faradisation der Antagonisten, der activen and
passiyen Gymnastik bedienen, am Heilang herbeizafUhren. Dieselbe
wird nnr dann als vollständig betrachtet werden können, wenn die
frtther eontractarirten Muskeln nicht nur ihre normale Länge and
Dehnbarkeit, sondern aach ihre normale willkürliche Beweglichkeit
wieder erlangt haben. Freilich wird dies Ziel nar in den wenigsten
FlUlen zn erreichen sein. — Campbell sah in einem Falle Ton
der Dorchschneidang des N. accessorias günstigen Erfolg.
e. Krampf im Gebiet der Cervical- und Dorsalnerven
(Plexus cervicalis und brachialis etc.).
In diesem weiten Nervengebiet kommen vielfache and vielgestal-
tige Krampffonpen vor; am häufigsten sind mehrere, oft weit von
einander entfernte Maskeln, nicht selten grosse, einem gemeinschaft-
lichen Innervationscentrum gehorchende Muskelgruppen von dem
Krampf ergriffen. Eine streng systematische, an die einzelnen anato-
misch getrennten Nervenbahnen sich anschliessende Darstellaug würde
nnr zn zahlreichen, überflüssigen und in der Natar der Sache nicht
gerechtfertigten Unterabt heilungen führen; wir ziehen deshalb vor,
die hier vorkommenden Krampfformen gemeinschaftlich abzuhandeln.
Dabei müssen wir folgende natürliche Gruppen unterscheiden:
1, Krämpfe einzelner Muskeln und Muskelgruppen am Hals und
Nacken, an der Schulter und am Arm,
Bomberg, 1. c. — A. Eulenburg, 1. o. — C. Bell, 1. c. S. 345. -- M.
Meyer, Elektridtät. 3. Aufl. S. 302, 312 ff. — Duchenne, Electris. locaL IIL
^t 1672. — Zuradelli, Su varie specie di contratture etc. Gaz. med. ita).
Lomb. 1861. No. 4—8. — Remak, Ueber Krämpfe. AUgem. med. Centralz. 1864.
No. 23, 28 u. 29. — Hitzig, Üeber reflexerregende Druckpunkte. Berl. klin.
Woch. 1867. No. 7. — Erb, Krampf im Splenius. Arch. f. klin. Med. Y. S. 520.
1869. — Dahl, Fall von begrenztem klon. Krampf. HoBpit. Tid. 1872 (Virch.-
Hirsch, Jahresber.). — A. Kropff, Diss. Göttin^. 1875. — M. Meyer, Jahre
lang bestehend, klonisch. Krampf der hüit. linksseitig. Halsmuskeln, geheilt durch
Elektricität. Deutsch, med. Woch. 1876. No. 18.
Isolirte Mnskelkrämpfe, tonische sowohl wie klonische, kommen
in dem genannten Bereiche yerhältnissmässig selten vor; sie fignrfaren
304 Ebb, Krankheiten der peripheren-oerebrospinalen Nenren.
in der Literatur meist als easaistische Curiositäten ; sie sind meist
dunkel in Bezug auf ihre Aetiologie und Pathologie; sie unterliegen
in der Therapie den gleichen Prineipien.
Die häufigsten und auffälligsten unter diesen Krampfformoi,
diejenigen im M. stemocleidomast. und eucnllaris haben bereits ihre
gesonderte Besprechung gefunden; von den übrigen mögen als die
wichtigsten etwa folgende Erwähnung finden und symptomatologisch
kurz charakterisirt werden.
Krampf im Splenius capitis: Kopf nach hinten und der
kranken Seite geneigt; das Kinn etwas gesenkt und nach der gleich-
seitigen Schulter gerichtet ; an der Stelle, wo der Splenius unter dem
vorderen Rand des Cucullaris hervortritt, ftihlt man einen deutlichen,
harten Wulst (Diagnostische Unterscheidung vom Krampf des
Cucullaris: bei diesem der Kopf nach der entgegengesetzten Seite
gedreht; Krampf des Stemocleidomafit. : Kinn gehoben und nach der
anderen Seite gedreht, Proc. mast.. nach vorn und unten gezogen.)
Dieser Krampf ist meist tonisch (mit Remissionen und zuckenden
Schwankungen der Contraction, Erb) oder erscheint in Form einer
anhaltenden Contractur (Duchenne).
Krampf im Obliquus capitis inferior: da der Muskel die
horizontale seitliche Drehung des Kopfes bewirkt, so wird bei Krampf
in demselben der Kopf entweder stossweise (Tic rotatoire) oder bei
tonischem Krämpfe dauernd um seine verticale Axe gedreht, ohne
dass dabei das Kann gehoben oder der Proc. mastoid. herabgezogen
würde. Besonders der klonische E[rampf dieses Muskels ist ein sehr
lästiges Uebel, da die Kranken jedesmal erst den Kopf mit der
Hand fixiren oder in die normale Stellung zurttckftthren mflssen,
wenn sie etwas ruhig sehen, oder wenn sie sprechen wollen; aucb
beim Gehen sieht man sie gewöhnlich die schiefe Haltung des Kopfes
mit der Hand corrigiren.
Krampf in den tiefen Nackenmuskeln: starkes Rttckwärts-
ziehen des Kopfes gegen den Nacken bei doppelseitiger Affection,
gleichzeitige Beugung nach der betreffenden Seite bei einseitiger
Affection. Kommt sehr häufig vor, doch ist eine genauere Bestim-
mung der einzelnen an dem Krampf betheiligten Muskeln wegen der
tiefen Lage derselben meist unmöglich. Tonischer und kloniscber
Krampf kommt hier vor, und die so häufig zu beobachtenden Er-
scheinungen der „ Nackenstarre '^, des „Bohrens mit dem Kopf '^
Kissen '^y ein grosser Theil der „Nickkrämpfe" sind offenbar auf
Krampf in den Nackenmuskeln zu beziehen.
Krampf in den Rhomböideis: markirt sich besonders im
«
I
Krampf der Cervieal- u. DorsakierveD. Krämpfe einz^ner Muskeln. 90b
Stauftd des Schulterblattes; dessen unterer Winkel wird gehoben, so
dass sem innerer Sand eine schräg tob innen und unten nach aussen
und oben laufende Richtung annimmt und zugleich der Wirbelsäiile
genähert wird; zwischen dieser und dem Schulterblatt sieht und
fühlt man den Muskel als prallen Wulst. Der Band der Scapula
ist mcht von dem Brustkorb abgehoben (Unterscheidung yon Läh-
m«ng des Serratus anticus), die Schulter selbst steht nicht liefer
als normal. Erheben des Armes zur Yerticalen erfährt deutlicfaen
Widerstand, wegen des Antagonismus mit dem Serratus antieus
major. — Ist bisher nur Bis tonischer Krampf oder Contractur be-
obachtet.
Krampf im Leyator angnli scapulae: die Schulter stark
gehoben, besonders mit ihrem oberen inneren Winkel, Kopf leicht
zur gleichen Seite geneigt; Schulter dabei etwas nach Tom gezogen,
Obersehlttsselbeingmbe stark vertieft, Muskelbauch in derselben deut-
lich Torspringend unter dem yorderen Band des Oucullaris, welcher
durch Faradisation leicht davon zu isoliren ist. — Kommt als to-
nische Contractur manchmal in Verbindung mit Krampf der Bhom-
boidei oder des CucuUaris vor.
Krampf im Deltoideus: Arm vom Bumpfe entfernt, bei par-
tiellem Krampf bald mehr nach vom bald mehr nach hinten gerich-
tet; dabei ist die Scapula nach hinten gegen die Wirbelsäule ge-
schoben und gedreht, ähnlich wie bei Serratuslähmung, von dieser
jedoch leicht zu unterscheiden. So verhält sich die Sache beim
tonischen Krampf und bei der Contractur des Deltoideus; beim
kloniitehen Krampf wird der Arm in die Höhe geschleudert und
nach verschiedenen Bichtungen hin in zuckenden Stössen bewegt;
meist ist dabei die Mitwirkung noch anderer Muskeln zu erkennen.
Krampf im Serratus anticus major, im Latissimus
dorsi, den Teretes, dem Supra- und Infraspinatus, dem
Subscapularis, dem Pectoralis major etc. lässt sich in der
R^el leicht an der charakteristischen Stellung und Bewegung des
Schulterblattes und des Armes (Erhebung, Senkung, Botation, Adduc-
tion und Abduction) in Verbindung mit nachweisbarer Härte und
Wulstung der befallenen Muskelregionen erkennen. Oenaue und auf-
merksame Untersuchung ist aber dazu meist unerlässlich. Solche
Krämpfe kommen in seltenen Fällen vor, tonisch und klonisch, meist
einseitig, manchmal aber auch doppelseitig (vergl. z. B. den merk-
wQrdigen Fall von doppelseitigem, klonischem Pectoraliskrampf bei
Bemak).
Krampf in den Armmuskeln kommt in der aller verschieden-
Handbaeh d. ipec. Pathologrie u. Therapie. Bd. XII. 1. 2. Anfl. 20
306 £bB| Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven»
sten Weise und Combination yor ; meist sind die einem Nervenstamme
angehörigen Mnskelgruppen von dem Krampf befallen : so z. B. bei
den Contractaren , welche sich in Folge Ton NervenTerletznngen an
den oberen Extremitäten nicht selten einstellen, und welche meist
von Lfthmungserscheinnngeny häufig von Neuralgien begleitet sind;
sie yerdanken ihren Ursprung theils der im Nerven selbst durch das
Trauma gesetzten Entzflndung, theils secundären Veränderungen der
Muskelsubstanz selbst. — In anderen Fällen sind die Krämpfe in
unregelmässiger Weise auf verschiedene Muskeln vertheilt, so die
von Duchenne beschriebenen temporäre Contracturen, welche sieh
manchmal bei Hysterischen in Folge von energischen Bewegungen
einstellen, oder die von Zuradelli besprochene Gontractur im Biceps
und Supinator longus, welche in Folge von Rheumatismus und Ge-
lenkentzündung sich einstellt. — In noch anderen Fällen endlich
beobachtet man eine mehr oder weniger diffuse Verbreitung der
krampfhaften Erregung aber die meisten Muskeln der oberen Extre-
mität: so in den von Duchenne beschriebenen Fällen von «auf-
steigender Gontractur^, welche sich in Folge von Gelenkirritationen
manchmal über den grössten Theil der oberen Extreniität verbreitet;
so in den Fällen von auf den Arm beschränktem Tremor, wie
M. Meyer deren zwei beschrieben hat; so in einem von Bnsch
erwähnten Falle von klonischen kämpfen eines Armes in Folge
von Neuralgie; so in dem von Dahl beschriebenen Falle von hef-
tigen aut den Vorderarm beschränkten klonischen Krämpfen, wahr-
scheinlich centralen Ursprungs; auch ich habe einen solchen Fall
von unaufhörlichen klonischen Krämpfen in einer oberen ExtremitU
beobachtet, zu welchen sich erst nach langem Bestehen Krampf io
der Zunge und im Gesicht hinzugesellte, und welche wohl ebenfEÜls
centralen Ursprungs waren. Weir Mitchell beschreibt inAmpnta-
tionsstümpfen der oberen Extremität krampfhafte Bewegungen, die
zu einer unaufhörlichen Unruhe des Stumpfes führen, und die er
ftir reflectorischen Ursprungs hält. Hierher gehören denn auch die
Fälle, wo verschiedene allgemeine Krampfformen sich zunächst nur
in einer oder beiden oberen Extremitäten localisiren, so z. B. beim
Tremor alcoholicus, bei der Paralysis agitans, oder wo epileptische
Anfälle durch eine convulsive Aura in einer oberen Extremität du-
geleitet werden; endlich die Krämpfe, welche sich nicht selten m
den oberen Extremitäten als Theilerscheinungen centraler Lähmoogen
und Herderkrankungen entwickeln, auf welche hier nur der Voll-
ständigkeit halber hingewiesen wird.
Zahllos sind demnach die Erscheinungsmöglichkeiten des Krampfes
Krampf der Gerrical- u. DorsalnerveD. Krämpfe einzelner Muskeln. 307
in den uns hier beschäftigenden Moskelgebieten. Und ebenso man-
nichfach sind auch die Combinationen der Tom Krampf befallenen
Mnskelgebiete in den einzelnen Fällen, so dass nnr selten zwei gleiche
Fälle gefunden werden dürften. Zwei kurze Beispiele mögen das
Gesagte erläutern.
Eine 42 jährige Frau datirt ihre Krankheit von einer Reise kurz
nach einem überstandenen Abortus, auf welcher sie sich eine Erkältung
zuzog. Leidet jetzt seit ca. ^/4 Jahren an Zuckungen und Krämpfen
im Nacken und am Halse, welche allmälig an Intensität zugenommen
und zu dem gegenwärtigen qualvollen Zustand geführt haben. Der
Kopf wird durch den Krampf beständig in einer stark nach rück-
wärts gekrümmten Stellung erhalten und dabei hin und her gezerrt,
so dass das Sehen und Fixiren sehr erschwert ist. Dabei sind vor-
wiegend die Nacken- und kleinen Hinterhauptsmuskeln be-
theiligt; während der Kopf mit grosser Gewalt nach hinten gebeugt
und drehend hin und her bewegt wird, ftihlt man deutlich die pralle
Contraction der Muskeln dicht unter dem Hinterhauptbein. Der Kopf
wird dabei meist mehr nach links gedreht; versucht man, ihn durch
Gegendruck in seine natürliche Lage zurückzubringen, so zeigt sich
ein höchst bedeutender Widerstand, der sich ruckweise steigert und
zu einer Verstärkung des Krampfes führt. Dasselbe ist der Fall, wenn
die Kranke willkürlich den Kopf gerade richten will. — Ausser den
Nackenmuskeln gerathen hier und da auch dieOucullares in zuckende
Bewegungen, ebenso der rechte Sternocleidomastoideus und
die Gesichtsmuskeln. Die Arme sind frei. — Lebhafte Schmerzen
im Nacken und gegen die Schultern hin. Gefühl von Zusammen-
schnüren in der Kehle. Grosse Neigung zum Gähnen; gelingt es, die-
selbe zu befriedigen (was meist nicht der Fall ist), so ist der Krampf
auf einige Zeit besser. Im Schlaf hört der Krampf auf; fUnschlafen
jedoch schwierig. Ermüdung, Gemüthsbewegungen , kalte Witterung
wirken verschlimmernd. — Keine Druckpunkte aufzufinden. — Behand-
lung mit Galvanismus und Zinc. valerian. mit Ferrum brachte wesent-
liche Erleichterung.
Katharina Weiss, 22 Jahre alt, hatte als 4 jähriges Kind Con-
vulsionen. — Vom 13. Jahre an schiefe Haltung des Kopfes, besonders
beiuQ Arbeiten. Im 15. Jahr acute Centralaffection („Hirnentzündung'),
welche die Kranke ein Vierteljahr ans Bett fesselte und seit welcher
das jetzige Leiden immer mehr zunahm. Linksseitige Extremitäten
etwas schwächer als die rechtsseitigen. Stimkopfschmerz. Kegelmüssige,
häufig schmerzhafte Menstruation. Die Kranke bietet zunächst sehr
auffallende Haltung dar: Kopf ganz schief, nach vom geneigt, Eann
stark nach links gewendet und gesenkt, genau so wie wenn es die
Schulter berühren sollte. Schulter meist gehoben und etwas nach vom
gezogen, Arm nach innen rotirt und stark adducirt. Von hinten er-
scheint der obere Theil des Rückens leicht um die verticale Axe nach
rechts gedreht, der Kopf so stark nach links rotirt, dass das linke Ohr
nach hinten gerichtet und die ganze linke GesichtshSlfte von hinten her
20*
308 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
sichtbar ist. — Die Kranke kann den Kopf ziemlich gerade richten^
sehr bald aber geht er unter deutlich zuckenden Bewegungen wieder
in die falsche Lage zurück^ ebenso der Arm, der meist im Ellbogen-
gelenk gebeugt ist. Handarbeit verschlimmert den Krampf entschie-
den. Die genauere Untersuchung ergibt, dass jedenfalls folgende Mus-
keln sicher an dem Krampf betheiligt sind: der Splenius sin., der
Levator anguli scap.; der vordere Theil des linken Cucullaris, femer
die Scaleni, der Obliquus capit. infer., der Pectoral major, der Teres
major und der Biceps brachii, sämmtlich auf der linken Seite. Wahr-
scheinlich sind aber noch andere der Palpation und genaueren Unter-
suchung nicht zugängliche Muskeln (besonders die tiefen, auf der vor-
deren Fläche der Wirbelsäule liegenden Halsmuskeln) an dem Krampf
betheiligt. — Sensibilität ganz normal. Keine Druckpunkte auficufin-
den. Auch die Motilität der linken oberen Extremität nicht in nach-
weisbarem Grade beeinträchtigt. Untere Extremitäten normal. Gehim-
nerven im Uebrigen alle normal. — Die Kranke wurde elektrothera-
peutisch mit allen möglichen Methoden bebandelt, ohne dass ein dauern-
der Erfolg eintrat.
In Bezug auf die weiteren Erscheinungen kann auf das heim
Accessoriuskrampf Gesagte verwiesen werden, an welchen sich die
uns hier interessirenden Krampiformen in jeder Beziehung anschliessen.
Das Mttdigkeitsgefllhl, die Störung des Einschlafens, das Cessiren des
Krampfes während des Schlafes, sein stärkeres Auilreten beim Stehen,
Gehen und anderen Beschäftigungen — alles das ist hier wie dort
vorhanden. Auch Druckpunkte hat man aufgefunden in einzelnen
Fällen, erregende sowohl wie beruhigende, und von ihnen aus ge-
lang manchmal eine günstige therapeutische Einwirkung. So £Mid
ich in einem höchst intensiven Falle, in welchem gleichzeitig Krampf
des rechten Splenius und des linken Stemocleidomastoidens (also
physiologisch synergischer Muskeln) bestand, dass Druck auf die
Gegend des Gangl. cervical. suprem. links den Krampf sistirte.
Auch in Bezug auf die Aetiologie können wir uns auf das
beim Accessoriuskrampf Angeführte beziehen. Auch hier centrale
oder peripherische Ursachen, rheumatische und nicht selten reflecto-
rische Entstehung. Auch hier in vielen Fällen keine bestimmte Ur-
sache nachweisbar, so dass wir noch gar oft die nervöse Diathese,
die Hysterie und ähnliche wenig greifbare Momente als Hauptursachen
des auf einzelne Muskeln beschi^üikten Krampfes beschuldigen müssen.
Die Diagnose kann nach mehreren Richtungen Schwierigkeiten
bieten ; zunächst kann es schwer sein, die einzelnen befallenen Mus-
keln genau zu bestimmen ; es kann darüber hier nicht in Details ein-
gegangen, sondern nur eme möglichst genaue und sorgfältige Unter-
suchung mit Zuhülfenahme activer und passiver Bewegungen, der
Krampf der Gervical- m. Dorsalnerven. Respiratorische Krämpfe. 309
localen Faradisation etc. empfohlen werden ; die Hauptanhaltspunkte
fttr die Erkennung der wichtigeren einzelnen Krampfformen finden
sich in der obigen Beschreibung. — Die Unterscheidung von Läh-
mung der Antagonisten wird in der Begel nicht grosse Schwierig-
keiten bieten, da hier die passiven Bewegungen und die locale Fara-
disation meist entscheidende Kriterien liefern. — Erheblich schwerer
und oft unmöglich ist die Entscheidung über Sitz und Ausgangspankt
des Leidens in vielen Fällen; man wird dabei mit Zugrundelegung
sämmtlicher Untersuchungsergebnisse nach allgemeinen diagnostischen
Regeln zu verfahren haben. Freilich wird man damit bei unserer
hochgradigen Unkenntniss über das eigentliche Wesen der Krämpfe
nicht immer sehr weit kommen. In der Mehrzahl der Fälle wird
man an einen centralen Ursprung zu denken haben.
Auch die Prognose muss ganz nach allgemeinen Grundsätzen
gestellt werden. Sitz und Ursache des Leidens, Dauer der Krank-
heit, Individualität des Kranken etc. müssen derselben zu Grunde
gelegt werden; es bedarf darüber keiner weiteren Ausführungen.
Es würde nur zu überflüssigen Wiederholungen führen, wenn
wir die Therapie dieser Krampfformen hier weitläufig besprechen
wollten; es genügt, auf das bei dem Accessoriuskrampf Gesagte zu
verweisen. Die Heilerfolge mit den dort erwähnten Methoden sind
hier ebenso zweifelhaft wie dort. Es mag hier nur erwähnt werden,
dass Duchenne bei den Contracturen einzelner Muskeln besonders
günstige Erfolge von der Faradisation ihrer Antagonisten gesehen
haben will, und dass er gegen die frischen . rheumatischen Contrac-
turen besonders die cutane Faradisation empfiehlt. -- Busch sah
in einem Falle von heftigen klonischen Krämpfen einer oberen Extre-
mität durch Anwendung des Glüheisens am Rücken Beseitigung des
Krampfes eintreten, ohne dass die zu Grande liegende Neuralgie ge-
heflt worden wäre.
2. Krämpfe der Respirationsmuskeln. In- und exspiratorische
Krämpfe, Singultus etc.
Bomberg, A. Eulenburg, M. Rosenthal, 1. c. — Benedict, ]. c. ~
C. Bell, L c. — Duchenne, Electris. local. n. u. HI. 6dit — M. Meyer,
Elektricit&t 3. Aufl. — B. Brodie, Oertl. Nervenleiden. Deutsch von Kürschner,
1838. — R. Bright, Spasmodic diseases, accompan. affections of the pericard.
Med. chir. Transactions XXII. 1839. — G. Hirsch, Spinahieorosen. 1843. S.230.
250. — Oppolzer, Tonischer Krampf des Zwerchfells. Spitalszeit. 1862. No. 24.
— Biermer, üeber Bronchialasthma. Volkmann*s Sammlung klln. Yortr. No. 12.
1870. — Klein, Singultus yicariirend f. Husten. Deutsch. Eiin. 1857. No. 37. —
Lanquaille de Lach^se, Hoquet intermittent. Oaz. h^bdom. 1865. No. 4. —
310 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Kenren.
Dumontpallier. Gas rare de hoquet nerveox. Union m6d. 1867. No. 150. —
Carcassonne, Hoquet tr^-grave. Paria 1868. — Ferber, Der Niesekrampf etc.
Arch. d. Heilk. X. Ib70. — Mosler, Fall von Niesekrampf. Virch. Arch. XIV.
S. 557. 1859.
Die Bespirationsmoskeln werden gar nicht selten der Sitz von
Krämpfen. Schon die Tbatsache; dass meist zahlreiche dieser weit-
auseinander liegenden und Ton den Terschiedensten peripherischen
Nerven belebten Muskeln gleichzeitig von dem Krampf befallen sind,
lässt auf einen vorwiegend centralen Ursprang dieser Krämpfe
scbliessen. Doch kann besonders das Zwerchfell, der Hanptinspira-
tionsmoskel, auch isolirt von Krampf befallen werden , and das ist
gerade die häufigste Form des respiratorischen Krampfes. Aus prak-
tischen Grtlnden erscheint es zweckmässig, die einzelnen speciellen
Formen getrennt zu betrachten.
Tonischer Krampf des Zwerchfells. Ist eine im Ganzen
seltene, aber mit höchst bedrohlichen Symptomen auftretende Krampf-
form. Duchenne hatte zuerst auf Grund seiner physiologischen
Versuche Angaben über die zu erwartende Symptomatologie dieser
KrsCmpfTorm gemacht, und die von ihm, Valette, Vigla^Oppolzer
u. A. später beobachteten Krankheitsfälle haben seine Angaben im
Wesentlichen bestätigt. Kranke, die von diesem Krampf befallen
sind, bieten das Bild der hochgradigsten Athemnoth und drohender
Asphyxie dar. Die untere Brusthälfte ist stark ausgedehnt, unbe*
weglich, das Epigastrium stark vorgewölbst, während mit dem oberen
Theil des Rippenkorbes hastige und oberflächliche Respirationen ge-
macht werden. Hochgradigste Athenmoth zwingt die Kranken zum
Au&itzen im Bett, auffallende Gyanose stellt sich ein, die Stimme
wird schwach und klanglos, ein lebhafter Schmerz im Epigastrium
und längs der Zwerchfellansätze erhöht die Qual der Kranken.
Dauert der Anfall lauge, so kann er zum Tode ftlhren; in einiger- .
massen heftigen Fällen beginnt schon nach wenigen Hinuten die
Asphyxie *).
Der Anfall hat einige Aehnlichkeit mit dem Bronchialasthma,
und einzelne Beobachter haben sich von dem nachweisbaren Tief-
stand des Zwerchfelles bei dieser letzteren Affection .verleiten lassen,
einen tonischen Zwerchfellskrampf als Ursache des Bronchialasthma
anzunehmen (Wintrich, Bamberger). Doch bestehen charakte-
ristische Unterschiede zwischen beiden Zuständen, und die frequente
]) Alyschewsky (Berl. klin. Wochenschr. i S74 No. 35) behauptet nach
seinen Versuchen an Hunden, dass Contractur des Zwerchfells — durch Fara-
disation der Phrenici — nicht tödtlich sei.
Krampf der Cervical- vu Dorsalnerven. Respiratorische Er&mpfe. 311
BespiratioD (bei kurzer Exspiration) und rasch emtretende Aisphyxie
beim tonischen Zwerchfellskrampf, sowie die nach Biermer im
Bronchialasthma immer noch nachweisbaren , wenn anch geringen
Zwerchfellsexcnrsionen werden die Unterscheidung gewöhnlich er-
möglichen.
Man hat diesen Krampf bisher theils in Folge von Erkältung
eintreten sehen, theils als Complication von Muskel- und Gelenk-
rheumatismen und ihn deshalb meist als einen Bheumatismus des
Zwerchfellsmuskels selbst au^efasst; in wie weit dies richtig ist,
lässt sich bei der Elleinheit des Beobachtungsmaterials nicht ent-
scheiden. Auch als Complication der Tetanie hat man dieses Leiden
beobachtet, und beim Tetanus ist es der tonische Zwerchfellkrampf,
welcher nicht selten den asphyktischen Tod bedingt.
Die Therapie muss eine äusserst energische sein, da hier we-
nige Minuten ttber Leben und Tod entscheiden können. Am meisten
empfehlen sich : Chloroforminhalationen , subcutane Morphiuminjectio-
nen und starke Hautreize (in heisses Wasser getauchte Compressen,
starke faradische Pinselung der Haut in der Zwerchfellsgegend), fara-
dische und galyanische Behandlung der Phrenici.
Klonischer Zwerchfellskrampf. Singultus. Schluch-
zen. Franz. Hoquet. Engl. Hiccup.
Jedermann kennt aus eigener Erfahrung die oft sehr lästige, unter
dem Namen „ Schluchzen ^ oder „ Schluckser " bekannte Contraction des
Zwerchfelles, die sich eine Zeit lang in kflrzeren oder längeren Pau-
sen wiederholt und bei massiger Intensität und Dauer noch durch-
aus zu den physiologischen Yorkomnmissen gerechnet werden kann.
Dasselbe kann aber in gesteigertem Maasse unter pathologischen
Verhältnissen vorkommen und durch Intensität und Dauer zu einer
wahren Qual der Kranken werden. Man beobachtet dann sehr ener-
gische; kurze, stossweise Contractionen des Zwerchfells, welche von
einem inspiratorischen Laut begleitet sind, der durch den Schluss
der Stimmritze meist ganz plötzlich abgebrochen wird. Die einzel-
nen Contractionen können mehr oder weniger rasch aufeinanderfol-
gen, oft sehr rasch, sodass bis über 1 00 Contractionen in der Minute
erfolgen. Die einzelnen Anfälle können stunden-, tage- und wochen-
lang dauern und können sich lange Zeit hindurch — jahrelang —
mehr oder weniger häufig wiederholen. Sind sie heftig, so treten
lebhafte Schmerzen im Epigastrium und längs der Zwerchfellsur-
sprttnge ein, das Epigastrium wird bei jeder Contraction eingezogen.
Die Bespiration kann erheblich gestört werden, bei sehr frequentem
Singultus tritt Athemnoth ein. Das Sprechen ist gestört und gewöhn-
312 £sB, ErankheiteiL der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Hob fehlen allgemeine nervöse Zustände nicht. Die Doni|orts&tee
der Halswirbel sind häufig bei Druck empfindlich. Das Einsehlaien
ist erheblich gestört , und auch im Schlafe cessirt der Krampf nickt
immer. — Die Nahrungsauinahme ist gestört , die Verdanung meist
unregelmässig, und auch auf die Circulation ist das Leiden oft nicht
ohne Einfluss. Dan et sah den Singultus synchron mit dem sehr
Ycrlangsamten Pulse eintreten.
Die Aetiologie des Singultus ist eine äusserst mannich&Uige.
Am seltensten scheint directe Reiaung des N. phrenicus denselben
zu verursachen; aller Wahrscheinlichkeit nach wird es in solchen
Fällen mehr zum tonischen Krampf kommen. Dagegen ist eine di-
recte Erregung des Respirationscentrums oder der im BttckeBmarfc
liegenden Bahnen der Phrenici wohl häufiger als Ursache zu beschul-
digen; man hat Singultus bei Erkrankungen des Centrahierven-
Systems, bei traumatischen Einwirkungen auf den Schädel und die
Halswirbelsäule eintreten sehen; auch die Einwirkung von ADMam
und Chlorose, von Kachexie, von Hysterie (nach Benedict beson-
ders häufig bei Jtldinnen), von Malariaintoxication , von Qemtlthsbe-
wegungen, Schreck, Aerger u. dgl. ist wohl in dieser Weise zu er-
klären. — Weitaus am häufigsten jedoch wird der Singultus reflec-
torisch erregt und zwar mit besonderer Vorliebe von den unterhalb
des Zwerchfells gelegenen Eingeweiden her. Einfeu^he Magenfiber-
ftUlung, Druck auf den Magen genügen oft schon, ihn hervorznrn£an ;
Magen- und Darmleiden aller Art, Peritonitis, Leberkrankheiten,
Uterusleiden und Menstruationsstörungen, Prostatakrankheiten sieht
man nicht selten Singultus hervorrufen; das unzeitige Sistiren tum
Diarrhoe, die Verabreichung eines Brechmittels kann ihn erzeugen
Seltener begleitet er andere Krankheiten, z. B. Pericarditis ; Klein
sab ihn nach langdauemdem Husten eintreten. — Manchmal tritt er
als ominöses Zdchen bei schweren kachektischen Zuständen, 1>eson-
ders bei Krebs der Unterleibsorgane auf.
In allen diesen Fällen wissen wir über den feineren Mechanis-
mus diesM eigenthümlichen , periodisch wiederkehrenden KrmmpAs
— einer förmlichen Zwerchfellszu(^ung — so gut wie nichts zu
sagen.
Die Prognose dieses Krampfes ist in der Mehrzahl der Fälle
eine günstige, ohne dass dadurch natürlich die Prognose des Grand-
leidens irgendwie beeinflusst wird. In den meisten Fällen gelingt
es, das lästige Symptom zu besei%en; manchmal jedoch widersteht
dasselbe auch hartnäckig jeder Behandlung, so besonders bei hoch-
grad%er Hysterie und ähnlichen schweren Nervenleiden; auch der
Krampf der Cervical- n. Dorsalnerren. Respiratorisclie Krämpfe. 313
finale Singoltus bei kachektischen Zuständen ist meist schwer za
beedtigen.
Die Therapie des Singoltus kann ihre erheblichen Schwierig-
keiten haben und manchmal den Gebrauch anscheinend sonderbarer
Mittel fordern. — Im Allgememen wird man zunächst die causale
Indication zu erfllllen suchen. Wo dies nicht möglich oder zur Be-
seitigung des lästigen Symptoms nicht ausreichend ist^ muss man zur
directen Behandlung übergehen, ftlr welche sich eine endlose Reihe
Yon Mitteln darbietet.
In leichteren Fällen genügen manchmal schon psychische
Einwirkungen, um den Krampf zu beseitigen; plötzliches Er-
schrecken, Ablenkung der Aufmerksamkeit, Aufregung kann hier
helfen. Wahrscheinlich gehört auch das von Cruveilhier mit Er-
folg geübte Eingiessen yon Wasser in den Rachen so lange, bis die
Kranken zu ersticken glauben, hierher. Doch kommt dabei wohl
auch die unvermeidliche Reizung des Laryngeus superior in Betracht,
welche reflectorisch eine Erschlaffung des Zwerchfelles bewirkt. Des-
halb wirken wohl auch alle Proceduren günstig, welche energische
Exspirationsbewegungen hervorrufen: z. B. Niesen, langes Anhalten
des Athmens und Drängen bei geschlossener Stimmritze.
In schwereren Fällen greife man zu energischen peripheren
Reizen, und man wird hier mancherlei Mittel wirksam finden: z. B.
starke Riechmittel, Verbrennen von Löschpapier oder Federbart vor
d^ Nase, Sinapismen, brühheisse Umschläge, Yesicantien auf die
ZwerchfeUgegend ; am wirksamsten ist unstreitig der faradische Pin-
sel, energisch auf das Epigastrium und die Hypochondrien ange-
wandt: ich habe davon bei einem alten kachektischen Manne glän-
zenden Erfolg gesehen. — Eine starke Erregung des Verbreitungs-
bezirkes des Laryngeus superior dürfte sich besonders empfehlen. —
Ein mächtiges Mittel ist ferner die Elektricität, direct auf die
Phr^ci und die Gegend der Respirationscentren angewendet. Eulen-
bnrg hatte in einem schweren Falle glänzenden Erfolg von der Gkl-
vanisation, Dumontpallier von der Faradisation der Phrenid.
Auch die Galvanisation des Nackens und quer durch die Proc.
mastoid. kann von Nutzen sein. •— Von grossem Erfolge pfiegen
meist die Narcotica zu sein: Opium, Cannabis indica, besonders
ab^ subcutane Morphiuminjectionen sind da anzuwenden. Bene-
dict empfiehlt sehr das Atropin. — Inhalation von Aether und
Chloroform, sowie der innere Gebrauch der Anaesthetica wird eben-
isSÜR gerühmt.
314 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
In yerzweifelten Fällen müssen endlich die versebiedensten N e r -
vina and Antispasmodica durchprobirt werden und baben miuich-
mal glänzenden Erfolg: so Zink, Valeriana, Asa foetida, Arsenik,
Strycbnin; Argent nitr. etc. Klein sab von Hosebus in Verbindung
mit Laugenbädem Erfolg. — Sebliesslicb sei nocb erwäbnt, dass
Garcassonne in einem sebr bartnäckigen Falle von einmaligem
Oesopbagussondiren Erfolg sab, und dass man circuläre Compression
der Tboraxbasis mit foreirter Beugung des Kopfes gegen die Brust
(5-— 10 Minuten lang) ebenfalls als Heilmittel gegen den Singultus
angepriesen bat.
Inspiratoriscber Krampf. Spasmus inspiratorius.
Wir yersteben darunter, im Gegensatz zu dem im Vorbergebenden
betraebteten isolirten Krampf des Zwercbfelles, eine krampfhafte,
rbytbmiscbe Action aller oder docb der meisten Inspirationsmuskeln
— eine krampfhaft gesteigerte und krampfhaft häufige wirkliche
Inspiration. Natürlich ist dabei das Diaphragma ebenfalls betheiligt,
und in der That finden sich auch alle Ueber^nge vom einfachen
Singultus zum vollständigen Inspirationskrampf; allein es gibt auch
Fälle, in welchen das Gbarakteristiscbe des Singultus sehr in den
Hintergrund tritt oder gänzlich fehlt, und ausserdem unterscheiden
sich diese wirklich inspiratorischen Krämpfe docb in sebr deutlicher
Weise von dem einfachen Singultus. Das Wesentliche dabei ist, dass
zahlreiche oder alle Inspirationsmuskeln sich an dem Krämpfe be-
theiligen, und dass eine wirkliche Inspiration*, nicht eine durch plötz-
lichen Stimmritzenschluss unterbrochene, zu Stande kommt; es tritt
eben dabei offenbar auch die zu einer wirklichen Inspiration gehörige
Erweiterung der Stimmritze ein.
Der Krampf besteht in einer mehr oder weniger raschen und
langen Folge tiefer und ausgiebiger Inspirationen, während die Ex-
spirationen dazwischen in normaler, leichter und geräuschloser Weise
Ton Statten geben. Durch eine energische Contraction der Inspira-
tiensmuskeln wird der Brustkorb mächtig gehoben, das Epigastrinm
vorgewölbt, oder (bei sehr intensivem Krampf) auch durch den äus-
seren Luftdruck nach innen gediilngt. Die auxiliären Bespiratioos-
muskeln treten in Wirksamkeit: bei jeder Inspiration sieht man die
Fectorales, die Stemocleidomastoidei sich stärker wölben, die Schaltern
werden gehoben, der Kopf nach hinten gezogen ; die respiratorischen
Muskeln im Gesiebt, an den Nasenflügeln und Augenlidern zucken.
Ein starkes keuchendes Geräusch, nur selten dem beim Singoltns
ähnlich, begleitet die Inspiration; manchmal wird dasselbe gefolgt
von dem eigenthümlichen gurgelnden Geräusch, welches das Auf-
Krampf der Cervical- n. Dorsalnenren. Respiratorische Kiümpfe. 315
steigen von Luft im Oesophagus (Eruetation) zu begleiten pflegt^)
Je nach der Heftigkeit des Krampfes kann dabei die Respirations-
diätigkeit mehr oder weniger gestört sein, das Schlingen ist erschwert;
in der (regend des Epigastriums besteht ein dumpfer Schmerz , der
Unterleib ist gewöhiüich meteoristisch aufgetrieben , und meist be-
steben noch anderweitige Symptome Ton Keryenleiden , besonders
Ton Hysterie. — Der Krampf kommt meist in einzelnen Anfällen
Yon verschieden langer Dauer, kann aber auch wochen- und monate-
lang in ununterbrochener Weise anhalten. Jedoch tritt Nachts im
Schlafe immer Ruhe ein.
Bei einem 45 jährigen kräftigen Kaufmann bat sich ein solcher
Krampf seit 2 Jahren ohne nachweisbare Veranlassung eingestellt und
tritt seitdem in einzelnen Anfällen, bald seltener bald häufiger, be-
sonders nach Gemtithsbewegungen, angestrengteren Arbeiten u. dgl.
auf. Er besteht in einer stossweisen, mehr oder weniger (1 — 2 See.)
dauernden heftigen Contraction einer grossen Gruppe von Inspirations-
muskeln, begleitet von keuchendem Geräusch. Die Schultern werden
stark gehoben, der Kopf nach hinten gezogen, der Rippenkorb hebt
sich, das Epigastrinm wird bei den stärkeren Stdssen eingezogen. Sehr
evident ist die Betheiligung der Cncullares, Sternocleidomast., der
Scaleni und beider Platysmen. Ein eigenthttmlich unangenehmes Ge-
ftlhl in der Herzgrube pflegt den Anfall einzuleiten; derselbe tritt be-
sonders leicht bei leerem Magen ein.
Ein 19 jähriges blühendes Mädchen, mit Migräne behaftet, aber
ohne hysterische Erscheinungen, wurde vor 3 Wochen plötzlich von
Erbrechen befallen, an welches sich der noch jetzt bestehende In-
spirationskrampf anschloss. Man constatirt (Friedreich'sche
Klinik) eine während des grössten Theils des Tages anhaltende, wäh-
rend der Nacht cessirende eigenthttmlich schnelle Inspiration krampf-
haften Charakters, an welcher sich die accessorischen Inspirations-
muskeln betheiligen. Das Epigastrinm wird jedes Mal stark vorge-
wölbt, ein keuchendes Geräusch ähnlich wie beim Singultns begleitet
jede Inspiration und wird regelmässig gefolgt von dem eigenthttmlich
gurgelnden Geräusch, welches das Regurgitiren von Luft in den Schlnnd-
kopf charakterisirt. — Druckpunkte bestehen nirgends. Der Krampf
verschwand bei vorwiegend indifferenter Behandlung in kurzer Zeit.
Eine 17 jährige Hysterica, welche schon wiederholt langdauemde
Aphonie und zahlreiche andere hysterische Erscheinungen gehabt hat.
t) Die Entstehung dieses Geräusches erklärt sich einfach daraus, dass durch
die taiftvolie Inspirationsbewegnng die Baucheingeweide energisch comprimirt
werden; dadurch wird aus dem luftgefollten Magen mechanisch ein Theil der Luft
durch die Cardia in den Oesophagus gedrängt, und diese entweicht dann mit
guigehidem Geräusch nach oben. Bei Leuten, die viel von Ructus geplagt sind,
kann man nicht selten beobachten, wie jedem grösseren Ructus eine kurze,
krampfhafte Inspiration vorausgeht
316 Erb, Eranklieiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
bietet das Bild eines äusserst hochgradigen Inspirations-
krampfes dar, an welchem sie schon 15 Wochen in ununterbrochener
Folge (nur des Nachts schweigt der Krampf) leidet. Rasche, IntensiTe,
von lautem, tief schnurrendem Geräusch begleitete Inspirationen folgen
sich in ununterbrochener Weise; die Scalen! , Stemodeidomast. und
Cucullares, auch die Pectorales dabei stark gespannt, die Muskeln an
den Nasenflügeln und den Augenlidern zucken jedesmal mit Der
obere Theil des Brustkorbes wird ausgedehnt, der untere Theil d^-
selben und das Epigastrium werden eingezogen. Nach mehreren In-
spirationen hört man Luft mit gurgelndem Geräusch aus dem Schlund-
köpf treten. Wenn der inspiratorische Krampf gerade mit der Herz-
systole zusammenfällt, bleibt der Puls an der Radialis aus. Leib hoek-
gradig aufgetrieben, starke Schlingbeschwerden, vollständige Aphonie,
Anämie u. s. w. (Die weiteren Details gehören nicht hierher.) (Von
der Friedreich'schen Klinik.)
Biermer beschreibt (1. c. S. 50) einen Fall, in welchem eigen-
thttmliche asthmatische Anfälle hervorgerufen wurden durch eine mehr
oder weniger lange (^a — 1 Stunde) Folge von krampfhaften tetanlschen
Inspirationen, welche 2—4 und mehr Sekunden anhielten und dann
in eine rasche und laute Exspiration übergingen. Lebhafte Schmerzen
in der Zwerchfellsgegend. Secundäres Emphysem und Bronchiektasie.
Eine eigenthttmliche Form des Respirationskrampfes kann
man mehrfach bei Frauen mit hysterischer Anlage oder ausgespro-
chener Hysterie beobachten : eine ungemein rasche, krampfhafte Folge
von kurzen, heftigen, keuchenden und seufzenden Respirationen (an
das Kenchen erhitzter und gehetzter Hunde erinnernd), bei weldien
das Epigastrium und das ganze Abdomen in eine stark wogende
Bewegung geräth. Es ist dabei die Exspiration ebenso wie die In.
spiration in krampfhafter Weise gesteigert. Der ganze Krampfanfall
dauert ein paar Minuten und wiederholt sich mehr oder weniger
häufig; ist nicht selten mit Lach- oder Weinkrämpfen und sonstigen
hysterischen Krämpfen verbunden. Kommt besonders bei Reizung
der Genitalien, durch Uteruserkrankung oder unbeMedigte geschleckt-
licbe Aufregung, während der Menses u. s. w. zu Stande. In mehr
dauernder Weise habe ich diese Krampfform bei einem 11jährigen,
hysterischen und psychisch etwas gestörten Mädchen beobachtet
Gomplicirtere respiratorische Krampfformen sind die folgenden:
Der Niesekrampf, Sternutatio convulsiva, Ptarmns.
Anfallsweise und krampfhaft auftretendes Niesen; oft viele Hundert
Mal hinter einander (Mosler berechnet in seinem Fall ca. 48,000 (!)
Niesanfälle während 80 Stunden!). Der Vorgang des Niesens ist
bekannt genug. (Tiefe Inspiration, begleitet von einer eigenthttm-
liehen Sensation in der Nase, gefolgt von einer heftigen explosiven
Exspiration, wobei die Luft vorwiegend durch, den Mund entweichtj
Krampf der Ceryical- u. Dorsaliienren. Bespiratorische Krämpfe. 317
eine ReflexerscheinuDg , die gewöhnlich Ton der Nasenschleimhaut
aas erzeugt wird.) Der Niesekrampf kann bei längerer Dauer zur
grossen Qual werden, Respiration, Nahrungsaufnahme und Verdauung
stören, heftige Schmerzen in den hauptsächlich betheiligten Muskeln
and eine gefährliche Erschöpfung hervorrufen. Die Anfälle sind ge-
wöhnlich begleitet von profuser, wässriger Secretion aus der Nasen-
höhle.
Der Gähnkrampf, Oscedo, Ghasmus, setzt sich aus einer
grösseren oder kleineren Reihe aufeinanderfolgender Gähnbewegungen
(tiefe, langsame, mit Geräusch verbundene Inspiration bei weit ge-
öffnetem Mund und eigenthttmlichen Contractionen der Muskeln der
Mundhöhle und des Rachens, welche von einer ähnlich lauten, tönen-
den und langgezogenen Exspiration gefolgt ist), zusammen, die in
pafliologischen Fällen höchst quälend und ermüdend werden können.
Bekannt ist die intensiv contagiöse Wirkung, welche der Gedanke
an Gähnen oder der Anblick desselben hat.
Unter Hustenkrampf versteht man paroxysmenweise auf-
tretende, mit lautem, bellendem Ton verbundene Hustenanfälle (der
Hasten ist eine stossweise, krampfhafte Exspiration bei erschlafftem
Zwerchfell und verengter Glottis; wird vorwiegend durch Reizung
der im Laryng. super, verlaufenden sensiblen Bahnen ausgelöst).
Solche Anfälle können verschieden lange dauern und sich oft Monate
and Jahre hindurch häufig wiederholen. Die Exspirationsmuskeln
leisten dabei oft ganz Unglaubliches, ohne dass sichtliche Erschöpfung
eintritt
Der Lachkrampf und der Weinkrampf sind beides vor-
wiegend exspiratorische Erampfformen. Bei dem ersteren eine stoss-
weise, laute, von schallenden Tönen begleitete Exspiration, mit oder
ohne den mimischen Ausdruck der Heiterkeit im Gesicht; bei dem
letzteren langgezogene, manchmal von Schluchzen unterbrochene, von
heulenden oder klagenden Tönen begleitete Exspirationen, gewöhn-
lich mit gleichzeitiger profuser Secretion der Thränendrflsen. Während
unter physiologischen Verhältnissen diese eigenthümlichen Respira-
tionßformen nur der Ausdruck ganz bestimmter psychischer Stim-
mongen sind, können sie in pathologischen Fällen ganz unabhängig
von solchen Stimmungen und oft im schärfsten Gontrast zu denselben
entstehen und werden eben dann als krampfhafte bezeichnet. Diese
Krämpfe erscheinen meist in kürzeren und längeren Anfällen, die
sich in verschiedener Häufigkeit wiederholen.
Unsere Kenntnisse von der Pathogenese und Aetiologie
aller der genannten Krampftbrmen lassen noch sehr viel zu wünschen
318 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
übrig. Die Physiologie hat uns über den feineren Mechanismus be-
sonders der complicirteren Bespirationsbewegungen noch nicht hin-
reichend weit aufgeklärt, dass wir einen Einblick in die pathologischen
Vorgänge gewinnen könnten, und selbst für die Erklärung der einfachen
respiratorischen Krämpfe kOnnen wir die wohlerworbenen physiolo-
gischen Thatsachen wahrscheinlich nicht yerwerthen. Wenigstens
sind die physiologischen Seize fOr die Inspirationscentren (Sauerstoff-
mangel und CO ^-Anhäufung) wahrscheinlich unter pathologischen Ver-
hältnissen nicht die Erreger krampfhafter Bespirationsbewegung^.
Doch handelt es sich jedenfalls bei allen diesen Erampfformen um
directe oder reflectorische Erregungen der yerschiedenen Bespirations-
centren. Genaueres wissen wir jedoch darüber keineswegs.
Jedenfalls kommen alle diese Krampftbrmen beinahe niemals
isolirt für sich Yor; in der Mehrzahl der Fälle sind sie complidrt
mit anderweitigen nervösen Störungen, oder sie sind Theilersdid-
nungen schwerer allgemeiner Neurosen, besonders der Hysterie, od&
sie sind Symptome Ton Centralerkrankungen. Bei Gehirnleidenden,
Apoplektischen u. s. w. ist Lach- und Weinkrampf, krampfhaftes
Gähnen nicht selten. Am häufigsten bietet die Hysterie Beispiele
von allen den genannten Krampfformen, welche hier oft in buntem
Wechsel aufeinanderfolgen. — Häufig sind Beflexerregungen als Ur-
sachen nachweisbar: Uterinerkrankungen, Schwangerschaft, Wnrm-
reiz, Hautkrankheiten, geschlechtliche Aufregungen, Circolations-
störungen im kleinen Becken : Hämorrhoiden, Dysmenorrhoe etc. Be-
sonders flir den Niesekrampf werden am häufigsten solche periphere
Ursachen angeftlhrt: Beizungen der Nasenschleimhaut (Coiyza, Hea-
asthma etc.) und der Conjunctiva, Erkrankung des Ohres (Mosler),
wollüstige Aufiregung, Hämorrhoiden. Auch ist eine bestimmte Be-
ziehung dieses Krampfes zur Migräne, zum Keuchhusten und zum
Bronchialasthma nicht zu verkennen (F erber).
Bei der Therapie dieser Krampfformen steht die ErftUlung der
Causalindication im Vordergrund, und ist es besonders die Behandlong
der Hysterie (s. diese), welche dem Arzte hier am häufigsten ent-
gegenlritt*
Bei der directen Behandlung der inspiratorischen Krämpfe wird
man ebenso wie beim Singultus zu verfahren haben. — G^;en die
complicirteren Formen wird man eine nach individuellen Verhllt-
nissen modificirte Auswahl unter den Hautreizen, elektrotherap^-
tischen Maassnahmen, Narcoticis und Antispasmodicis zu treffen haben.
— Speciell gegen den Niesekrampf, der, wie es scheint, am häufigsten
energisches Einschreiten fordert, hat man empfohlen: Compression
Krampf der Cervical- u. Donalnerven. Schrdbekrampf. 319
der Nas^warzel (?), Untertauchen des Kopfes in kaltes Wasser,
starke Hautreize , Brechmittel, Inhalation von Chloroform und von
Joddämpfen durch die Nase, Au&chnupfen von ChininlOsung (beim
Heuasthma) und von narkotischen Losungen oder Schnupfpulvem etc.
M Osler heilte seinen Fall durch energische Diaphorese (heisse
Bttder), Hautreize und Opiate.
3, Schreibekrampf. Graphospasmus. Mogigraphie, (Klavierspieler'
krampf Schneider-^ Melkerkrampf ete,)
Lehrbücher von Romberg, Hasse, A. Eulenburg, M. Rosenthal,
Benedict; Lehrbücher d. Elektrotherapie. — Brück, Hiueland^s Joum. 1835.
St. 4. — 8tromeyer, Bayr. med. Correspondenzbl. 1840. No. 8. — G. Hirsch,
Spinalnenrosen. 1843. — Fri'tz, Ueber Reflexionsfingerkrampf. Oestarr. Jahrb.
1844. Bd. 46 u. 47. — Cazenave, De quelques infiimit. de la main droite etc.
Casp. Wehs. 1848. No. 16. — Thielmann, Fall von N&hekrampf. Med. Zeit.
Roaslands. 1859. No. 41. — Haupt, Ueber d. Schreibekr. Wiesb. 1860. —
Tuppert, Zur Behandl. des Schreibekr. Bayr. ärztl. Intelligenzblatt 1860.
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1857. No. 36 — 42. — AnnaL univers. 1864. — Remak, Klin. Mittheil. — Oesterr.
Zdtscbrtft für prakt. Heilk. 1860. No. 45. — Duchenne, Spasme fonction. et
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Solly, Lectures on Scri?ener*s palsy. Lancet 1865. Jan. u. 1867. May. — M.
Meyer, Zur Ther. des Schreibekr. — Verb. d. Berl. ärztl. Ges. I. 1867. —
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G. Bnrckbardt, Physiol. Diagnostik d. Nenrenkrankh. Leipzig 1875. S. 147 ff.
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1875. — G. Vi?ian Poore, Electricity in snasm. affect. and writers cramp.
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Berl. klin. Woch. 1875. No. 51. — Onimus, Cr&mpes des employ^s au t614graphe.
Gaz. m^ d. Par. 1875. No. 15. —
Man hat unter dem Namen 9,Schreibekrampf'' eine ganze An-
zahl ihrem Wesen nach verschiedener Krankheitszustände zusammen-
gefassty welche nur das Gemeinsame haben, dass beim Schreiben
und anderen complicirten und feinen Hantirungen (Nähen, Klavier-
spielen, Zeichnen u. s. w.) eine Störung der dazu nothwendigen Be-
wegungen eintritt, während grObere Mnskelleistungen in der Regel
in ganz normaler Weise voUftlhrt werden.
Speciell beim Schreiben wird eine grössere Anzahl von Muskeln
in eine beständige, angestrengte und unaufhörlich modificirte Thätig-
kdt gesetzt. Besonders sind es die kleinen Handmuskeln (Interossei
und Lumbricales und die Muskeln des Thenar) und die langen Finger-
beuger und Fingerstrecker, welche dabei in Thätigkeit gesetzt werden.
Es ist nicht nöthig, in eine Verfolgung der einzelnen kleinen Muskel-
aetionen bei der Erzeugung der einzelnen die Schrift zusammen-
setzenden Striche hier einzugehen (Zuradelli hat darüber in seiner
320 Ebb, Krankheit^ der periphereB-oerebrospinalen Nerven.
ersten Arbeit ausführliche Untersachimgen angestellt; und bei Haapt
und Wilde finden sich specielle Angaben darüber), um so wemgettj
als sich die Sache bei den einzelnen Individuen sehr verschieden
verhält, indem die Einen mehr aus den Fingergelenken, die AnderB
mehr aus dem Handgelenk oder mit dem Vorderarm schreiben.
Wesentlich ist nur die durch Uebung erlernte Association einer
grossen Anzahl sehr fein nttancirter Gontractionen der kleinen Hand-
muskein zu einer überaus rasch und fast unwillkürlich erfolgenden
Reihe von Bewegungen, welche die Schriftzüge bilden (ebenso beim
Elavierspielen , yiolinq)ielen , Nähen u. s. w.). Gleichzeitig damit
wird eine genau bestimmte Bewegung der ganzen Hand nach rechts
ausgeführt, theils durch Bewegung des Oberarms (Rotation nach aussen
und Rttckwärtsziehen desselben) theUs durch allmälige Streckung des
Vorderarms: die Resultante beider Bewegungen ist die Zeile, auf
welcher wir schreiben.
Jedermann weiss, mit welch unendlicher Mühe man sohreiben
lernt und wie vielfältiger Uebung es besonders bedarf um zu einer
raschen und flüchtigen Schrift zu gelangen ; daftr ist dann aber auch
die dabei thätige Association und Coordinaticm der Einzelbewegungen
eine so feste und sichere, dass man dieselbe fast ganz unwillkttrlieh
erfolgen sieht.
Es ist wahrscheinlich, dass im Centralorgan an ganz bestimmten
Stellen (C!oordinationsapparate) die allmälige Zusammenordnuug dieser
Willensimpulse stattfindet -oder dass doch die assocürten Willeiis-
erregungen an gewissen Stellen der grauen Substanz Bahnen passiren,
welche durch lange und häufig wiederholte Uebung geringeren Wider-
stand darbieten, so dass schliesslich die betreffenden Willenserr^ungen
ohne Weiteres zunächst diesen (coordinirenden) Leitungsbahnen folgen.
Nur ein normales Verhalten (Leitungsfähigkeit und Erregbarkeit)
dieser Bahnen ermöglicht das normale Schreiben^oder ähnliche com-
plicirte, eingeübte Bewegungen) und es scheinen diese Bahnen bis
zu einem gewisssen Grade unabhängig zu sein von den fttr cUe Lei-
tung der einfachen, uncomplicirten Willenserregungen dienenden moto-
rischen Bahnen. Es wäre sonst nicht wohl denkbar, wie die ein-
fachen Muskelactionen vollkommen ungestört sein können, w&hrend
dieselben Muskeln bei complicirten , assocürten Bewegungen ihren
Dienst versagen.
Es ist klar, dass ein harmonisches Zusammenwirken aller Einzel-
bewegnngen unbedingt erforderlich ist, wenn der Akt des Schreibens
(oder verwandter Beschäftigungen) mit der gewohnten Leichtigkeit
erfolgen soll; aber ebenso klar, dass Störungen in diesem harmo-
Krampf der Cerrical- a. Dorsalnenren. Schreibekrampf. 321
nischen Zusammenwirken, wie es durch lange Uebung errangen
worden ist, von sehr verschiedenen Punkten der betreffenden Apparate
aus eintreten könn^.
Am wichtigsten ist yielleicht das Verhalten der coordinatorisehen
Apparate : jede Veränderung in ihrer Leistungsfähigkeit und Erreg-
barkeit wird die Coordination der Bewegungen stören, jede patho-
logische Ab- oder Zunahme der Widerstände in einzelnen Leitungs-
bahnen wird einen an der Peripherie in den Muskelcontractionen
seinen Ausdruck findenden Effect haben. Ist die Erregbarkeit und
Leitongsfähigkeit einzelner Bahnen gesteigert, so wird bei gleich
stark bleibendem Willensimpuls in den betreffenden Muskeln Krampf
eintreten; haben sich die Widerstände in einzelnen Bahnen vermehrt,
so wird Schwäche der betreffenden Muskelaction die Folge sein und
eine ausgleichende Verstärkung des Willensimpulses wurd dann zu
Krampf in den assodirten Muskeln fähren; ist der Coordinations-
i4>parat sehr ersdiOpfbar, .so wird nach kurz dauernder Thätigkeit
dn Aufboren der assodirten Bewegungen stattfinden, während die
einfachen, uncomplidrten Bewegungen erhalten bleiben können« Da
diese Dinge bei vielen Formen von Schreibekrampf (und verwandten
Erankhdtsformen) jedenÜEÜls eine grosse BoUe spielen, hatBenedict
fflr diese Neurosen den Namen der „ coordinatorisehen Beschtftigungs-
neurosen'' vorgeschlagen. In der That ist die Coordination der Be-
wegungen woU bei den meisten hierher gehörigen Eiankheitsformen
gestört; jedoch durchaus nicht immer durch eine Eriurankung der
Coordinationsapparate (resp. bestimmter Stellen der centralen grauen
Substanz) selbst und es wäre wohl eine ungerechtfertigte Ausdehnung
des Begriffs der Goordinationsstörungen, wenn man mit diesem Namen
auch alle durch Krampf oder Lähmung einzelner Muskeln bedingten
Störungen geordneter Bewegungen bezeichnen wollte.
Es können nämlich auch periphere Störungen einen ähnlichen
Einfluss auf das Schreiben und ähnliche Beschäftigungen haben ; sind
dnzelne periphere Nerven und Muskeln stärker erregbar, so wird
Krampf in denselben eintreten; sind sie schwächer erregbar oder
gdähmt, so wird der Ausfall ihrer Contraction ebenfalls zu einer
Störung der geordneten Bewegung führen — immer vorausgesetzt,
dass — wie dies ja nicht anders m(%Iich ist — die Stärke der moto-
rischen Erregung für die gesanunten Muskelgruppen in bestimmten
Verhältnissen die gleiche bleibt.
Dazu kommt noch, dass auch die Sensibilität der Hand, dass
das sogenannte Muskelgeftthl und der Muskelsinn beim Schreiben
wahrscheinlich ebenfalls eine nicht ganz unwichtige Rolle spielen,
Hudbaoh d. fpec. Pathologie a. Therapie. Bd. XII. 1. 2. Aafl. 21
322 Erb, Erankheiten der peripheren-cerebrospmalen Nerven.
besonders bei der Ftthmng und Haltung der Feder. Stönmgen in
diesen Verriehtnngen, in den centripetalen Bahnen (HyperiUthesie und
Anästhesie) können so ebenfalls auf directem oder reflectorischem
Wege Störungen dieses eomplieirten Bewegungsmechanismus herbei-
ftlhren.
Es ergibt sich somit, dass unter dem Namen „Schreibekrampf'
sehr verschiedenartige krankhafte Zustände zusammengefasst werden,
welche nur die gemeinsame Wirkung haben, dass sie die eomplieir-
ten und feinen Bewegungen des Schreibens und ähnlicher Beschäf-
tigungen stören oder unmöglich machen. — Zur Zeit aber ist es
noch nicht thunlich, die einzelnen Formen in Bezug auf ihre Genese
scharf voneinander zu trennen — und das gemeinsame Symptom der
Beschäftignngsstörung hält sie in der Praxis immer noch hinreichend
fest zusammen. Immerhin aber ist es zweckmässig, zur vorläufigen
Orientirung und Sichtung die verschiedenen klinischen Formen sym-
ptomatologisch von einander zu unterscheiden; ganz zweckmässig .ist
in dieser Beziehung die von Benedict gewählte Unterscheidung in
3 Formen; die spastische, tremorartige und paralytische Fonn.
Symptome: Charakteristisch sind Bewegungsstörungen, welche
nur beim Schreiben (oder verwandten Beschäftigungen) eintreten nnd
dasselbe erschweren oder unmöglich machen. Anfangs pflegen diese
Störungen meist sehr gering zu sein und nur bei längerem Schreiben
oder ungewöhnlichen Schreibanstrengungen aufzutreten und werden
dann gewöhnlich als hochgradige Ermüdung aufgefasst.
AUmälig werden die Erscheinungen heiliger und prägnanter,
treten sehr bald nach dem Beginn des Schreibens, schliesslich bei
jedem Versuch zu schreiben ein, manchmal sogar schon, wenn die
Kranken nur die Feder in die Hand nehmen oder die Hand in die
zum Schreiben erforderliche Stellung bringen. Die auf die Störung
gerichtete Aufmerksamkeit verschlimmert das Uebel.
Die genauere Betrachtung zeigt, dass es sich in den einzelnen
Fällen um wesentlich verschiedene Einzelerscheinungen handelt. Ty-
pisch und vielleicht auch am häufigsten sind die wirklich krampf-
haften Störungen (spastische Form). Es handelt sich dabei
um tonische oder klonische Krämpfe einzelner oder mehrerer Haskeln.
Im Anfang bemerkt man nur leicht zuckende Bewegungen einzelner
Finger, hie und da einen unregelmässigen Strich in der Schrift.
Später kommt es zu stärkeren, meist tonischen Krämpfen, am häo-
figsten im Daumen und Zeigefinger: entweder krampfhafte plötzliche
Streckung derselben, so dass den gespreizten Fingern die Feder en^
Krampf der Cervical- n. Dorsalnerven. Schreibekrampf. 323
fällt; oder krampfhafte Opposition des Daamens and Abdaction mit
gleichzeitiger Beugung des Zeigefingers, so dass die Feder vom Papier
w^geschnellt wird ; oder krampfhafte Beugung der drei ersten Fin-
ger, so dass dieselben gegen die Feder gepresst werden, und diese
nicht weiter geftlhrt worden kann ; oder es treten wohl auch Prona-
tions- und Supinationsbewegungen im Vorderarm ein, so dass die
Feder yom Papier gehoben oder in unregelmässigster Weise darauf
hin und her gezerrt wird, oder endlich können auch Krämpfe der
Sebultermuskeln die abnormen Bewegungen der Feder erzeugen.
In sdtneren Fällen tritt beim Versuch zu schreiben ein hoch-
gradiges Zittern der Hand und des Vorderarms, später selbst des
ganzen Arms ein, so dass die Feder nur wellenförmige oder zackige
Striche macht, welche die Schrift vollkommen unleserlich madien
können (tremorartige Form).
In allen diesen Fällen ist das Schreiben gleichzeitig erheblich
yerlangsamt und erschwert; immer langsamer wird die StrichfÜhrung,
wie wenn die Hand mit Gewalt festgehalten würde, und gegenüber
dem zunehmenden Krämpfe versagt endlich die Feder ganz, es muss
eine Pause im Schreiben gemacht werden, nach welcher die ganze
Scene sich von Neuem abspielt. Wunderbar sind oft die Stellungen,
welche die Kranken annehmen, um das Schreiben zu erleichtem, die
Httlfemittel, welche sie gebrauchen, um den Krampf zu bannen. Der
Eine setzt bloss das Handgelenk auf und streckt den Ellbogen in die
Höbe, der andere stützt den Arm bloss auf den Ellbogen und schreibt
mit frei erhobenem Handgelenk; dn anderer fixirt die schreibende
Hand mit der Linken, ein anderer nimmt die Feder zwischen Zeige-
und Hittelfinger, oder steckt sie in einen dicken Kork, welchen er
mit voller Faust ergreift u. s. w.
Sehr belehrend und charakteristisch ist stets die Betrachtung
der krankhaft vei^derten Schrift, die mit der aus gesunden Tagen
vei^lichen werden muss. Häufig trifft man eine ganz veränderte
Schrift, weil die Kranken sich eine neue Schreibweise angewöhnt
haben. Wo Schreiben überhaupt möglich ist, sieht man grobe, un-
gehobelte, zerrissene und unegale Schriflzüge, zahlreiche Ecken und
Haken, falsche Striche, Klexe u. s. w. In den höchsten Graden geht
nach wenigen kaum leserlichen Worten das Ganze in ein Gewirr
unregelmässiger Striche und Haken über. Manchmal sind die Buch-
staben aus lauter zitternden, welligen oder zickzackförmigen Strichen
zusammengesetzt.
Den geraden Gegensatz zu der bisher beschriebenen Gruppe bil-
den diejenigen Fälle, in welchen Ermüdung und Schwäche der Hand
21*
324 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospin&len Nenren.
und des Vorderanns in den Vordergrand treten, wo deutliche Kriunpfe
völlig fehlen, und es sich mehr oder weniger ausgesprochen um
Lähmung — allerdings nur um eine beim Schreiben bemeiidbare
Lähmung — handelt (paralytische Form). Ein allmälig za*
nehmendes , hochgradiges Ermttdungsgefllhl des Vorderarms und der
Hand stellt sich ein , welche schliesidich wie erstarrt ist und mdit
weiter bewegt werden kann ; ein schmerzhaftes Geftthl erstreckt «cb
über den ganzen Arm und bei forlgesetzten Schreibyersuchen bis
über die Schulter und den Rttcken, so dass das Schreiben änssent
peinlich wird. Kit dem Weglegen der Feder yerschwindet das
Schwäche- und Ermüdungsgefühl, um bei jedem erneuten Yarsueb
wiederzukehren. Es ist nicht selten auf die Beuge- oder Streckfleite,
oder auf den Ulnarrand des Vorderarms beschränkt und gewinnt
von hier aus erst weitere Verbreitung.
Die Motilität der in Frage kommenden Muskeln ist dabei für
gröbere Arbeiten meist ganz intact Die Einzelbewegungen geschehen
nut normaler Sicherheit und Kraft und lassen oft selbst bei grOssereo
Anstrengungen keine Anomalie erkennen; nur selten lässt sich in
einzelnen Muskeln — besonders den Finger- und Danmenstrecken
— eine deutliche paralytische Schwäche nachweisen; in sdtoien
Fällen erstreckt sie sich auf den ganzen Arm und macht denselbai
zu allen möglichen Bewegungen weniger tauglich. Hasse sah einen
auf die rechte Hand beschränkten Tremor alle möglichen BuA-
rangen stören.
Häufig dagegen ist die Ausflihrung anderer feinerer Arbeüen
ebenfalls gestört : Leute die an Schreibekrampf leiden, werden mdi
bdm Nähen, Elavierspielen, Sticken, beim Zuknöpfen und ähnlieben
Beschäftigungen durch ähnliche Erscheinungen gestört; jedodi ist
diess nicht immer der Fall, oder es tritt erst dann zu Tage, wenn
auch bei diesen Beschäftigungen grössere Anforderungen an die er-
krankten Neiren-Muskelapparate gemacht werden.
Haben die Erauken in Folge ihres Leidens das Schreiben mit
der linken Hand erlernt, so stellt sich nicht selten auch in dieser
nach nnd nach der Krampf ein , und so wird die Freude Aber die
glticklich erlangte Fähigkeit nicht selten rasch getrübt.
Von sensiblen Störungen ist am gewöhnlichsten und ftst
constant das schmerzhafte Geftlhl der Müdigkeit in der leidenden
Extremität, welches sich zu hohen Graden steigern und emen wirk-
lich neuralgiformen Charakter annehmen kann. Dann schmerzen aseh
häufig die Schulter und der Rücken, und einzelne Dorafortsätze nnd
besonders auch Querfortsätze der Hals- und Brustwirbelsäule and
Krampf der Cervical- q. Dorsalnenren. Schrdbekrampf. 325
nicht selten bei Druck empfindlich; Moritz Meyer hat diese Dmck-
pnnkte, als flir die Therapie besonders wichtig, erkannt. Aach bis
hiBaiif zum Hinterhaupt kann sich der Schmerz erstreckeui und einer
meiner Kranken , ein Arzt, gab an, dass er häufig an einem tief-
sitzenden, linksseitigen Stimkopftchmerz leide (Anhaltspunkt für die
LocaliBation des Leidens?).
Kleine Stösse in den Fingern, den elektrischen ähnlich , hat
Job. Hüller an sich selbst beobachtet. Viele Kranke klagen über
Formication und Taubsein in dem Gebiete des einen oder andern
Vorderarmneryen. Selten dagegen ist wirkliche Anästhesie objectir
nachweiiJbar. Ebenso ist es mit der Hyperästhesie, und nur in dn-
zdnen wenigen Fällen, wo es sich um Neuritis oder anderweitige
entzflndliche Störungen handelte, hat man eine Art von Druckpunkten
coBStatiren können (so in einem Fall bei Runge). In einzelnen
FäHen wird Hitzegeflihl in der Hand und im Arm, manchmal mit
objectiTer Temperatursteigerung , erwähnt; in anderen wieder ein
CMiiU von Kälte, mit Blässe und „ Absterben " der Finger verbunden
(Wilde).
Gewöhnlich sind mannichfache sonstige nervöse Störungen mit
dem Sdireibekrampf verbunden. Nicht se)ten handelt es sich um
sogenannte „nervöse^ Individuen, Mitglieder von neuropathischen
Familien, die auch auf anderen Gebieten des Nervensystems zahl^
reiche krankhafte Erscheinungen aufweisen. Allerlei Krampfformen :
Schielen, Stottern, Gesiehtskrampf, Schlundkrampf etc. beobachtet
man nicht selten ; Schwäche der Extremitäten, paraplegische Erschei-
nung^ mit Tremor u. dgL kommen vor; sehr gewöhnlich ist grosse
psychische Reizbarkeit, Neigung zu Gemttthsverstimmungen , und es
ist eine bei fast allen Kranken der Art zu beobachtende Thatsaehe,
dass psychische Einwirkung», Gemttthsbewegungen aller Art, ebenso
wie geistige und körperliche Ueberanstrengung entschieden verschlim-
mernd auf das Leiden wirken.
Das elektrische Verhalten der befallenen Muskefai und
ibrer Nerven ist viel&eh Gegenstand der Untersuchung gewesen;
die Eigebnisse dieser Untersuchungen sind fast immer negativ (d. h.
normal) und jedenfoUs ohne erhebliche Bedeutung fllr die Beurtheilung
und Erkennung der Krankheit. Leichte quantitative Erregbarkeits-
änderungen — Steigerung sowohl wie Verminderung — lässt manch-
mal die faradische Untersuchung schon erkennen. Burckhardt
fand eine nachdauemde Gontraction der kleinen Handmuskeln bei
faradischer Reizung. Die galvanische Untersuchung hat ausserdem
efaizelnen Beobachtern (A. Eulenburg, Burckhardt, M. Rosen-
326 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerveir.
thai u. A.) auch qualitative Anomalien ergeben, die jedoch bis jetzt
nicht weiter zu yerwerthen sind.
In ihrem Wesen und ihren Erscheinungen dem Schreibekrampf
durchaus analog sind nun ähnliche Beschäftigungsnenrosen, die hier
nur einer kurzen Erwähnung bedtlrfen.
Der Klayierspielkrampf ist eine, besonders bei Professions-
spielem, resp. -Spielerinnen, nicht sehr seltene Erscheinung und kommt
m denselben Formen vor, wie der Schreibekrampf: krampfhaftes Aof-
zucken einzelner Finger schmerzhafte Ermüdung und Starre der einen
oder andern Hand, Schmerz in der Schulter und im Rttcken, am ge*
wohnlichsten zwischen Scapula und Wirbelsäule. '
Der Violinspielkrampf tritt bald in der linken spielendoi,
bald in der rechten bogenftihrenden Hand auf, entweder als schmen-
hafte Ermüdung und Steifheit, oder als zuckenäer Krampf einzelner
Muskeln der Hand, des Arms oder der Schulter. Das Spielen wird
dadurch unmöglich.
Beim Schneider- und Schusterkrampf (Nähekrampf)
beobachtet man ganz ähnliche Erscheinungen, sobald die Kranken
zu arbeiten beginnen. Tonische und klonische Krämpfe oder fhn^
tionelle Schwäche der Hand- und Armmuskeln. Doch sind dayon
die unter dem Namen „Schusterkrampf*' mehr&ch beschriebenen
Fälle von Tetanie zu trennen (s. das Capitel über Tetanie).
Der Schmiedekrampf ist in einzelnen Fällen beschrieben,
als ein beim Anfassen des Hammers auftretender tonischer Krampf
der Vorderarmmuskeln oder als ein schmerzhafter Grampus der Ober-
arm- und Schultermuskeln, die beim Zuschlagen besonders bethei-
ligt sind.
Als Melkerkrampf hat Basedow zuerst eine ähnliche Affee-
tion der Viehmägde beschrieben, welche sich als tonische Contrac-
tion der Beuger und Strecker am Vorderarm bei jedem Versach zu
melken darstellt, während alle übrigen Beschäftigungen frei und leicht
von Statten gehen.
Die Zahl dieser Krampfibrmen liesse sich leicht vermehren, d«
bei allen möglichen Beschäftigungen solche Zustände vorkommen
können; wie man sie denn auch hie und da bei Malern, Blameo-
macherinnen , Harfenspielerinnen , Uhrmachern , Cigarrenarbeitern
(Wilde), Telegraphisten (Onimus), Drehern u. dgl. schon beob-
achtet hat.
Der Verlauf aller dieser Krankheitsformen ist meist nahem
derselbe. Oewöhnlich ist ein sehr allmäliger Beginn mit zoneh-
Schreibekrampf and ähnliche Erampfformen. 327
mender V erscblimmeniDg ; seltener wird durch irgend eine energischere
Einwirkung (Ueberanstrengung, heftige psychische Einwirkung) ein
fast plötzliches Entstehen wahrgenommen.
Meist sind erhebliche Schwankungen in der Intensität der Er-
scheinungen zu constatiren, die theils von äusseren, theils von inneren
Einwirkungen herrtthren. Körperliche und geistige Anstrengungen,
ebenso Gemüthsbewegungen pflegen die Sache zu verschlimmern,
während Ausruhen, Aussetzen der Beschäftigung, allgemeine Erkräf-
ügang die Störungen zu vermindern im Stande sind. — Die Dauer
des Leidens ist meist eine sehr lange , oft besteht es für das ganze
Leben. Heilung oder auch nur erhebliche Besserung sind sehr selten.
Stillstand des Leidens kommt häufiger vor und ist verhältnissmässig
günstig.
Aetiologie. Der Schreibekrampf kommt vorwiegend bei Män-
nern, viel seltener bei Frauen vor, doch ist das offenbar nur die
Folge der verschiedenen Intensität, mit welcher die beiden Geschlechter
dem Schreiben obliegen. Der Elavierspielkrampf kommt dafür häu-
figer bei Frauen vor. — Neuropathische Individuen, die aus „ nervösen "
Familien stammen, leicht erregbare Naturen, werden besonders leicht
befallen.
Hauptursache des Leidens ist vieles und angestrengtes Schreiben
(resp. Elavierspielen, Nähen etc.); deshalb ist das Leiden am häu-
figsten bei Schreibern, Secretären, Bureauarbeitem, Kaufleuten, Ge-
lehrten; doch kommt es immerhin auch bei Leuten vor, die wenig
schreiben, und die schon etwas geleistet zu haben glauben, wenn sie
unter 20 Geschäftsbriefe ihren Namen setzten.
Seltener sieht man die Krankheit entstehen nach Erkältungen,
nach traumatischen Einwirkungen auf Nerven und Muskeln, durch
Fremdkörper in den Fingern (Hubert-Valleroux), durch Reflex
von Periostitis am Condyl. ext. humeri (Runge). — In einigen
wenigen Fällen liess sich eine Neuritis des einen oder andern Vorder-
armnervenstammes als Ursache der Erscheinungen constatiren (Re-
mak, M. Meyer). Das sind aber eigentlich wohl Fälle, die streng-
genommen schon nicht mehr hierher gehören; ebensowenig wie die
durch centrale (Hirn- und Rückenmarks-) Erkrankungen, durch pro-
gressive Muskelatrophie, durch Gelenkkrankheiten u. dgl. bedingten
Störungen des Schreibens.
Dass unbequeme Tische, schlechte Haltung beim Schreiben, enge
Aermel, schlechte Federn, besonders harte und spitze Stahlfedern
auf die Entstehung des Leidens begünstigend einwirken müssen,
liegt auf der Hand, da durch alle diese Momente die Anforderungen
328 Erb, Eranklieiten der perlpheren-cerebrospinalen Nerven.
an die Leistangen des das Schreiben besorgenden Muskel- nnd Nerren-
apparates nur gesteigert werden. Dass übrigens die Stahlfedern allein
nicht Schuld an dem Schreibekrampf sein können, geht daraus mit
Sicherheit herror, dass das Leiden vor ihrer Erfindung schon be-
kannt war und bei Leuten vorkommt, die sick nur der Kielfedern
bedienen.
lieber das eigentliche Wesen des Schreibekrampfs sind wir
noch um so mehr im Unklaren, als auch die pathologische Anatomie
bisher nichts zu einer besseren Begründung unserer Kenntnisse über
diese merkwürdige Ej-ankheitsform beizutragen vermochte. T^ sind
also ausschliesslich auf Hypothesen angewiesen, und es ergibt sich
aus den einleitenden Bemerkungen, in welcher Richtung sich die-
selben vorwiegend bewegen werden. JedenMls kann von ein^
einheitUehen Auffassung der zahlreichen Einzelfälle keine Bede sdn;
vielmehr ist es sicher, dass wir es wohl mit mehreren verschiedenen
QrundstOrungen zu thun haben.
Sehr bestechend ist für die typischen Fälle (besonders die spasti-
schen Formen) die Anschauung, dass es sich um gesteigerte Erreg-
barkeit und gleichzeitig grosse Erschöpf barkeit der Goordinationsappa-
rate (oder gewisser Theile derselben) handle, welche die Erschei-
nuDgen des Krampfs mit nachfolgender Ermüdung und Schwäche
hinreichend erklären. Jedenfalls handelt es sich dabei um feinere,
impalpable Ernährungsstörungen, und über den anatomischen Sitz
derselben sind wir noch gänzlich im Unklaren.
Sehr verbreitet ist auch die Meinung, dass es sich primär um
Schwäche oder Lähmung gewisser Muskeln und secundären Krampf
ihrer Antagonisten handle (Zuradelli, Haupt), eine Anschauung,
die uns für die meisten Fälle nicht zutreffend erscheint. — Ebeirao-
wenig erscheint uns die Hypothese, dass es sich beim Schreibe-
krampf um einen von den sensiblen Haut- oder gar von den sen-
siblen Muskelnerven (Fritz) ausgehenden Reflexkrampf handle, be-
gründet, wenn auch nicht geleugnet werden soll, dass einzelne Fälle
auf reflectorischem Wege entstehen; selbst in diesen aber ist es
wahrscheinlich, dass eine Erkrankung der centralen Reflexappiurate
mit im Spiele ist
Nicht am seltensten sind nach neueren Untersuchungen viellddit
Störungen in den (peripheren oder centralen) motorischen Leitungs-
bahnen oder in den Muskefai^Ibst die Ursache des wirklichen Schreibe-
krampfes; man wird an solchen Zusammenhang nur da zu denken
haben, wo die Untersuchung eine deutliche Herabsetzung der Moti-
Scbrnbekrampf und Ähnliche Ejrampfformeii. 329
lüftt oder erhebliche VermmdeniDg der elektrischen Erregbarkeit
naehweist
Interessant nnd für die Theorie des Schreibekrampfes vielver-
sprechend sind die Angaben von G. Bnrckhardt. Er constatirte
bei seinen Untersnchongen Leitnngsstönmgen in den beim Schreiben
besonders in Ansprach genommenen Nerv-Maskel-Apparaten der rechten
Hand; nnd zwar bald eine Beschleonignngy bald eine Verlangsamnng
der Leitung; und diese an sehr verschiedenen Stellen der Bahn^ theils
am Mnskel selbst ^ theils im peripherischen Nerven , theils in der
Rückenmarks- nnd Himleitnng. Er halt diese Störungen für wesent-
Uehe Factoren des Schreibekrampfes. — Seiner Meinung nach passt
für viele Fälle am besten die Ansicht ^ dass es sich um primäre Er-
müdung der Muskeln und der peripheren Nervenbahnen handle (chro-
nische Ermttdung von Vivian Poore) und dass dieser Störung gegen-
über eine allmälige Ausgleichung gesucht werde durch eine secundäre
Beschleunigung» der Nervenleitung. — Doch scheint uns weder die
ELlarheit der erzielten Untersuchungsergebnisse , noch die Zahl der
untersuchten Fälle gross genug zu sein, um jetzt schon eine Theorie
der Krankheit in diesem Sinne zu begründen.
Bei dem jetzigen Stand unserer Kenntnisse mnd wir wohl am
ehesten bereditigt, den Sitz der typischen Formen des Schreibe-
krampfes in das Gentralnervensystems zu verlegen, wenn wir auch
daftir eine genauere LocaUsation zu machen noch nicht im Stande
nnd. Ob in der grauen Substanz des Halstheils des Rückenmarks
oder in den Stammgebilden oder endlich in der grauen Rinde des 6e-
bims die Ernährungsstörung beim Schreibekrampf zu suchen ist,
darüber kann erst die Zukunft entscheiden.
Die Diagnose dieser Krankheitsform ist im Allgemeinen eine
leichte. Man muss sich nur vor Verwechslung mit andern Krank-
heiten hüten, welehe ebenfalls das Schreiben stören können, ohne
jedoch in diese Kategorie zu gehören. Es genüge, hier an die ver-
schiedenen Formen des Tremor, an Chorea, progressive Muskel-
atrophie, arthritische Processe u. dgl. zu erinnern, um die möglichen
diagnostischen Irrthümer aufzuzeigen nnd ihre Vermeidung herbei-
zuftihren. Besonders zu beachten sind die oft unschembaren Anfänge
Sj^naler und cerebraler Lähmungen, die sich nicht selten zuerst als
Störungen der feineren Bewegungen und speciell des Schreibens dar-
stellen, aber bei einiger Aufmerksamkeit in der Regel wohl in ihrer
wahren Bedeutung eriumnt werden können.
Viel Mühe macht oft die genauere Feststellung der speciell be-
fallenen Muskelgebiete und der Art ihres BefallenseiDS: man muss
sehr genau und eingehend untersuchen, die Kranken während des
Sehreibens selbst genau beobachten, alle einzelnen Muskeln prüfen.
330 ErB) Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
die Schriftzttge stadiren u. s. w. Besondere Anfimerksainkeit ist auch
auf die Ermittelung des ursprünglich störenden Moments zu riditei^
und man mag sieh glücklich schätzea, wenn es gelingt, ein solches
in Form einer Neuritis oder schmerzhafter Narben oder anderer
Reflexreize; oder in schlechtem Schreibmaterial oder dgl. zn ent-
decken.
Die Prognose des Schreibekrampfes (und aller ähnlichen
Krankheitsformen) ist im Durchschnitt eine wenig günstige. Sie ist
zum mindesten in allen Fällen eine zweifelhafte; in der Mehrzahl
der Fälle geradezu ungünstig. Völlige Heilung des Uebels ist jeden-
falls sehr selten; erhebliche Besserung und Stillstand auf einem ge-
wissen Punkt viel häufiger; in einer erheblichen Anzahl von Fällen
endlich ist jede Therapie wirkungslos , das Uebel schreitet unauf-
haltsam fort und macht schliesslich das Schreiben «ganz unmöglieh.
Natürlich dürfen die Fälle ; in welchen mit dem Unterlassen des
Schreibens auch der Krampf wegbleibt; nicht zu den gebesserten
gezählt werden. Es ist klar; dass das Leiden bei solchen Personen,
welche durch ihren Beruf auf yieles Schreiben angewiesen srnd, yon
einschneidendster Wichtigkeit fUr Lebensunterhalt und gesellschaft-
liche Stellung werden kann. Solche Kranke sind oft genöthigt, einen
anderen Beruf zu wählen. — Auf das Allgemeinbefinden und die
Lebensdauer ist der Schreibekrampf in der Regel ohne jeden Einfloss.
Therapie. Vor allen Dingen ist eine ängstliche ErffiUong: der
Causalindication noth wendig und alles ; was auch nur entfernt Hoff-
nung auf Erfolg verspricht; darf nicht unversucht gelassen werden.
Von grösster Wichtigkeit ist natürlich völliges Aufgeben oder doch
möglichste Beschränkung des Schreibens (resp. Klavierspielens,
Nähens etc.). In frischen und leichten Fällen genügt das allein oft
schon; um in 1—2 Monaten Heilung herbeizuführen. Allein es mnss
auch in allen andern Fällen mit möglichster Strenge durchgeführt
werden ; leider ist diess der Verhältnisse wegen nicht immer möglich.
Kranke; welche bei einigermassen hartnäckigem Leiden sich nicht
mehrere Monate, ein halbes oder selbst ein ganzes Jahr vom Schreibai
lossagen können , haben schon von vornherein wenig Hofifhnng aof
Genesung. — Ausserdem darf man nicht versäumen; durch den Ge-
brauch von guten; weichen FederU; von passenden Federhaltern (dicke
Halter von Kork habe ich recht nützlich gefunden)^ durch Verbesse-
rung der Schreibmethode Erleichterung des Schreibens herbeiiu-
führen.
Von den eigentlichen therapeutischen Agentien ist jeden&lls die
Elektricität das wichtigste und wurksamste. Sie hat eine Bdhe
Schreibekrampf und ähnliche Krampf formen. 331
gtinstiger Erfolge aufzuweisen; besonders in leichtem und frischen
FUlen. Bei eingewurzelteren Fällen lässt sie aber auch häufig genug
Yöllig im Stich. Doch mag diess in einem Theil der Fälle vielleicht
Schuld einer unrichtigen Methode sein.
Der faradische Strom scheint wenig wirksam zu sein und
sich nur bei localen Lähmungen einzelner Muskeln, bei vorhandener
Anästhesie oder Hyperttothesie ntttzlich zu erweisen. Einzelne haben
damit Erfolge erzielt (M. Meyer, Zuradelli). Je nach den vor-
liegenden Umständen bentltze man die locale Faradisation der Nerven
und Muskeln oder die cutane Faradisation mittels des elektrischen
Pinsels. Bei den rein spastischen Formen sieht man manchmal Ver-
schlimmerung nach der Faradisation eintreten.
Dagegen hat der galvanische Strom viel häufiger entschie-
denen Erfolg aufzuweisen. Man kann das häufig direct an der
während des Oalvanisirens oder nach demselben eintretenden und
verschieden lange anhaltenden, auffallenden Verbesserung der Hand-
schrift constatiren. Ich habe mich davon in verschiedenen Fällen
auis bestimmteste überzeugt, kann jedoch nach meinen bisherigen
Beobachtungen nicht angeben, dass eine Qalvanisationsmethode wirk-
samer gewesen wäre, als die andere; wo die Wirkung überhaupt
eintrat, war sie bei den verschiedenen Applicationen (am Arm und
Nacken) nahezu die gleiche. Burckhardt will die elektrische Be-
handlung nach den Ergebnissen der physiologischen Untersuchung
der Leitungsbahnen bestimmt wissen, gibt jedoch keine Details und
keine genaueren Indicationen.
Es lässt sich annehmen, dass nicht in allen Fällen die gleiche
Behandlungsmethode zum Ziele führen wird ; man wird in der Regel
verschiedene Methoden — und mit Ausdauer — probiren müssen.
Es herrscht unter den Angaben der Elektrotherapeuten bezüglich der
zweckmässigsten Methode bisher noch keine Uebereinstimmung. Beim
jetzigen Stand unserer Kenntnisse dürfte es am zweckmässigsten
sein, die Halswirbelsäule mit aufsteigenden stabilen und labilen
Strömen zu galvanisiren und damit die periphere Galvanisation der
vorwiegend befallenen Nerven- und Muskelgebiete des Arms zu ver-
binden. (Von günstigem Erfolge schien mir auch in mehreren Fällen
die Cralvanisation quer und längs durch den Kopf zu sein.) In den
einzelnen Fällen wird diese Methode mannichfache Modificationen
zu erleiden haben, die sich aus allgemeinen elektrotherapeutischen
Grundsätzen ergeben. MoritzMeyer fand die stabile Einwirkung
der Anode auf die schmerzhaften Druckpunkte der Wirbelsäule in
einer Reihe von Fällen ganz besonders wirksam. Meist schwinden
332 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
bei der Galvanisation die Schmerzen und das Müdigkeitsgeftlhl rasch,
während die Besserung im Schreiben selbst viel länger anf sidi
warten lässt und oft ^Uizlich ausbleibt. Immer muss die galvanische
Behandlung lange Zeit — mindestens mehrere Monate — fortgesetzt
werden; Sitzungen 3 — 6 mal wöchentlich; Ströme nicht zu stariL!
Bei Neuritis oder ähnlichen ursächlichen Momenten ist der gal-
vanische Strom ebenfidls Hauptheilmittel. Manche meiner Kranken
haben von dem längeren (täglich mehrere Stunden) oder anhaltenden
Tragen eines einfachen galvanischen Elements am Arme wesentliche
Erleichterung er&hren. (Nach G i n i s e 1 1 i : eine Zink- und eine Knpfer-
plattC; durch übersponnenen Draht miteinander verbunden imd an
bestimmten Stellen des Körpers aufgelegt; etwas feuchte Leinwand
darunter.)
Wo die elektrische Behandlung im Stiche lässt, ist von anderen
Mitteln noch weniger zu erwarten. Doch kann man als Unter-
sttttzungsmittel ftir die elektrische Cur mancherlei anwenden: Gym-
nastik, Massiren, Gebrauch von tonischen und nervenstärkenden IGt-
teln, unter welchen Gebirgsreisen und der Gebranch einer leichten
Kaltwassercur obenan stehen. — Von dem Gebrauche der Nervina
und Antispasmodica, von den Narcoticis wird man wenig zu erwarten
haben, sie aber doch in der Verzweiflung oft genug anwenden. Das
Strychnin hat viele Lobredner gefunden; Rossander heilte einen
Fall durch <]!ombination von Massage nnd Strychnimnjection^.
Vance Reuben empfiehlt Injectionen von Atropin, etwa drei mal
wöchentlich. 0. Berger hat beide Mittel ohne Erfolg angewendet
— Bäder, Gegenreize, spirituöse und narkotische Einreibungen xl dgl.
sind fast immer erfolglos.
In verzweifelten Fällen bedienen sich viele Kranke, wenn anch
selten mit Erfolg, mechanischer Htllfsmittel. Am einüeu^hsten
ist es noch, wenn man die Feder durch einen Kork oder ein Sttt^
Holz steckt; oder wenn man sie mittelst eines Ringes am Zeige-
oder Mittelfinger befestigt Aber man hat auch mit complicirtereo
Maschinen den einzelnen krampfhaften Bewegungen entgegenzuwirken
gesucht; meist ohne Erfolg. Spedell gegen die paralytische Form
werden solche Vorrichtungen natttrlich gar nichts ntltzen. — Feste
Umwickelung des Handgelenkes mit einer schmalen Binde oder mit
Heftpflasterstreifen erleichtert manche Kranken (Tuppert).
Als letztes Mittel hat man endlich die Tenotomie der vom
Krampf befallenen Muskeln empfohlen. Nachdem Stromeyer in
einem Fall mit Durchschneidung der Sehne des Flexor pollicis longos
Heilung erzielt hatte, haben Dieffenbach, Langenbeck u. A
Krampf der Lumbal- oad Sacralneryen. 333
die TeDotomie mehrfach ohne jeden Erfolg angewendet; Tnppert
hat es sich nicht Yerdriessen lassen, bis zn 50 (!) Tenotomien an
einem Arm zn machen, ohne dadurch Besseres als „Besserung'' zn
erzielen. — Es ergibt sich schon aus unseren heutigen Anschauungen,
dass die Tenotomie in der Mehrzahl der Fälle absolut nichts helfen
kann, und dass sie höchstens da erlaubt ist, wo wirklich ganz localer
Krampf in dem einen oder anderen Muskel besteht.
Die Behandlung der übrigen Beschäftigungsneurosen, die wir
oben aufgezählt haben, hat ganz nach denselben Grundsätzen zu ge-
schehen.
f. Krampf im Gebiet der Lumbal- und Sacralnerven.
(Plexus lumbalis und sacralis.)
Romberg, L c. — A. 0. Jobert, De la contract. rhythm. mascul. inTO-
lont Clin. Europ. 1859. No. 17. — Remak, Ueber Spasm. altemans tranivers.
BorL kfin. Wochenscbr. 18H4. Ko. 10. — Erb. GaWanoth. Mittheil. Arch. f. klin.
Med. HL 8. 350. — Beitter, Contractur d. Adductoren beider Oberschenkel.
Ztschr. f. Chir. a. Gebortk. 1S68. — Kussmanl, Ueber rheumat ton. Er&mpfe
mit Albnminarie etc. Berl. klin. Woch. 1871. Ko. 42—44. — Dosteis, Contrac-
tare des extr^mit^ inf^r. etc. Joom. de m^d. d. Brux. 1872. Dec. — Dachenne,
Lnpotence fontionn. et spasm. fonct da long panier lateral Arch. g^n^r. 1872.
— Electris. local. n. ^d. p. 1008. — Weir Mitchell, On certain painful affec-
tions of the feet. Philad. med. Times. 1872. Noy. —
Isolirte und für sich bestehende KiAmpfe ibi Muskelbereich der
unteren Extremitäten gehören zu den grossen Seltenheiten; weder
w^st die Literatur darüber eine erhebliche Casuistik auf, noch auch
kommen diese Krämpfe in ii^end erheblicher Zahl dem beschäftig-
ten Pn^tiker vor die Augen. Was man davon zu sehen bekommt,
ist meist Theilerscheinung der verschiedenartigsten ausgebreiteten
Krampfformen (Tetanie , Tetanus , Hysterie, Chorea, Epilepsie etc.)
und wird bei diesen abgehandelt, oder am häufigsten Symptom ge-
wisser centraler (besonders spinaler) Erkrankungen, auf welche wir
dieserhalb verweisen müssen.
Nur Einiges mag hier Erwähnung finden; es kann dies ganz
kurz geschehen, weil wir in Bezug auf Aetiologie und Therapie der
aufzuzählenden Krampfformen ganz auf das verweisen können, was
bei den Krämpfen im Allgemeinen und bei jenen der oberen Extre-
mitäten gesagt ist.
Stromeyer hat zuerst die sogenannte „spastische Con-
tractur der Hüfte"" beschrieben und sie diagnostisch besser um-
grenzen gelehrt. Man versteht darunter eine krampfhafte, tonische
Contraction des Iliopsoas, des Quadratus lumbomm und hier und da
334 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
einzelner Muskeln an der Vorderseite des Obersehenkels. Der Ober-
schenkel ist im Hüftgelenk stark gebeugt , die Sehne und der Hos-
kelbauch des Iliopsoas springen stark hervor, das Becken erscheint
auf der kranken Seite gehoben, der Fuss verkürzt, und beim Gehen
sind die Kranken nach der leidenden Seite gebeugt Passive Ex-
tension ist unmöglich und ruft lebhaften Schmerz in den gespannt»
Muskeln und häufig auch im Knie hervor. — Leiden der Lenden-
wirbel, Psoitis und Psoasabscesse rufen am häufigsten direct, Hfift-
gelenksleiden (Coxitis und Qelenkneurose) dagegen auf reflectorisdiem
Wege diesen Krampf hervor.
Krampf im Quadriceps femoris ist im Ganzen selten; der
tönische Krampf desselben ist die Ursache der starren Streckung des
Kniegelenkes, welche bei Tetanie, bei Kniegelenksneuralgie u. s. w.
beobachtet wird ; em klonisches Zucken des Muskels sah ich in einem
Falle von Gelenkhyperästhesie bei jeder Berührung der Kniescheibe
eintreten. — A. Eulenburg beschreibt in seinen Nervenkrankheiten
(S. 700) einen klonischen Krampf des rechten Quadriceps, der bei
jedem Versuch zu gehen oder stehen eintrat und durch ElektridtiU
geheilt wurde.
Contractur der Adductoren beider Oberschenkel sah Beitter,
wahrscheinlich entstanden in Folge einer doppelseitigen rheumatischen
Hüftgelenksentzündung. Auch als Theilerscheinung der Tetanie hat
man sie gesehen (Stich).
Von Krampf in den Glutaeis hat Remak einen merkwürdigen
Fall beschrieben : es bestand ein rhythmischer, synchronisch^ Krampf
im rechten Arm und linken Bein, abwechselnd mit demselben Krämpfe
im linken Arm und rechten Bein. In den Beinen bestand der Krampf
in einer stossweisen Contraction der Glutaei, wodurch während dee
Gehens das Bein nach hinten gezogen und fixirt ward.
Krampf in den Beugern des Unterschenkels (Bicqifl
femoris , Semitendinosus und Semimembranosus) ist nicht selten als
starre Contractur bei Hysterischen oder bei Bückenmarksleiden oder
bei Kniegelenksleiden zu beobachten. Starre Beugung im Kniegelenk
ist die Folge davon; dieselbe kann so weit gehen, dass die Ferse
das Gesäss berührt, active Streckung unmöglich, passive äusserst
schwer und schmerzhaft ist.
Krampf in der vorderen Unterschenkelmusculatur (im
Gebiet des N. peroneus) kommt ebenfalls ziemlich selten vor; ich
sah eine solche, das ganze Peroneusgebiet betreflfende Contractur
in Folge einer Paralyse im Tibialisgebiet (Hackenfussstellnng). "^
W. Mitchell beschreibt eine eigenthtlmliche schmerzhafte Con-
Krampf der Lumbal- und Sacralnerven. 335
tractar im Tibialis anticas, Peronejas longus und Gastrocnemins, die
sich bei jungen Leuten naqh längerem Stehen einstellen und zu Fnss-
difformitäten führen soll. — Duchenne bespricht in eingehender
Weise den Einfluss, welchen Krampf des Peroneus longus auf die
Entstehung gewisser KlumpfUsse hat, und er unterscheidet hier eiien
Spasme fonctionnel, der nur beim Gebrauch des Bemes eintritt, von
der dauernden Contractur des Muskels; beide sind leicht von einan-
d^ zu unterscheiden; das Nähere gehört jedoch dem Gebiete der
Chirurgie an. — Jobert de Lamballe berichtet von einer merk-
wBrdigen rhythmischen krampfhaften Contraction des Peroneus bre-
yiSy welche mit einem hörbaren Geräusch verbunden war, wenn die
Sehne des contrahirten Muskels bei der Erschlaffung wieder in ihre
Lage zurückschnellte. Dieser Krampf war durch Erkältung entstan-
den und zeigte sich zuerst im rechten, später auch im linken Fuss,
und wurde durch die Tenotomie geheilt 0. (Erinnert an die seiner
Zeit viel Au&ehen erregenden „ Klopfgeister " in der Pfalz, welche
Schiff durch Nachweis eines ähnlichen willkürlichen Mechanismus
entlarvte.)
Krampf der Wadenmusculatur (Gebiet des N. tibialis) ge-
hört zu den häufigeren Formen. Sehr gewöhnlich ist der unter dem
Namen ,, Wadenkrampf '^ bekannte Crampus im Biceps surae (s. d.
folg. Abschnitt); auch bei der Tetanie ist Krampf der Wade eine
sehr häufige Erscheinung (s. Tetanie). — Contracturen der Wade
sind sehr gewöhnlich in Folge von Peroneuslähmung, von Gelenk-
leiden, Rttckenmarkserkrankungen u. s. w. und rufen den Pes equi-
nns hervor: Ferse stark in die Höhe gezogen, Fussspitze gesenkt,
Zehen flectirt Bei Ischias sieht man nicht selten Wadenkrampf —
sei es durch directe Beizung des Nerven , sei es auf reflectorischem
Wege. — Bei Kniegelenkshyperästhesie sah ich ebenfalls reflecto-
rische Zuckungen in der Wade eintreten.
Mehr oder weniger diffusen Krampf einer ganzen un-
teren Extremität oder beider zugleich sieht man hier und
da bei Hysterie auftreten; ich sah starke klonische Zuckungen des
ganzen linken Beines bei einem Epileptiker ; der Krampf stellte hier
häufig, jedoch nicht immer, eine Art motorischer Aura dar. Bei
den verschiedensten Rttckenmarksleiden sind tonische und klonische
Krämpfe der unteren Extremitäten sehr gewöhnlich und sind hier
meist als gesteigerte Reflexe aufzufassen ; sie erscheinen als tonische
1) Einen ganz ähnlichen FaU hat neuerdings Concato beschrieben. Siehe
Yirchow-Hirsch, Jahresher. f. 1873. IL S. 43.
336 £bb^ Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Beugungen oder Streckungen der Extremitäten, häufig auch als hef-
tiges klonisches Zittern bei gewissen Stellungen; bei passiver Dorsal-
flexion des Fusses u. s. w.
Als eine eigenthttmliche Form rheumatischen tonischen Krampfes
beschreibt Kussmaul ein Leidra beider unteren Extremitäten, wel-
ches sich nach lange Zeit vorausgegangenem Reissen im reckten
Bein entwickelt hatte und in einer starken schmerzbaften Streckiug
des ganzen Beines und Fusses bei stark flectirten Zehen bestand und
sieben Tage dauerte. Zeitweilig warra auch die Nacken- und Btteken-
muskeln etwas starr, vorübergehend audi die rechte Schulter, da-
neben bestand Albuminurie und reichliche Schweissbildung. Kuas-
maul eiiLlärt dieses Leiden für eine von der Tetanie verschiedene
rheumatische, intermittirende Huskelstarre. In dieselbe Kategorie
gehört wahrscheinlich ein Fall von Dosteis: Bei einem 9 jährigen
Mädchen entwickelte sich nach einer Uebermttdung h^liger Waden-
krampf, der sich zu einer continuirlichen Contractur beider Bdne ans-
bildete, die eine paroxysmenweise Steigerung erfuhr: nach 3tagiger
Dauer trat Heilung ein. Es deutet wohl alles darauf hin, dass diew
rheumatischen Krampfformen ihren eigentlichen Sitz inneiiialb des
Spinalkanals haben, und es wäre wünschenswerth, dass auf eme Ver-
mehrung der Casuistik dieser eigenthtlmlichen KrankheitsfäUe ge-
achtet würde*).
lieber die Therapie der hier aufgezählten Erampfersoliei-
nungen brauchen wir uns nicht weiter auszulassen ; man wiid dabd
nach den früher wiederholt angegebenen Grundsätzen verfahren:
Erf&llung der Causalindication ; faradische und galvanische Behand-
lung nach den bekannten Methoden; die Anwendung der Nerrina
und Antispasmodica, endlich die Tenotomie und Orthopädie weiden
je nach den einzelne vorliegenden Formen in Anwendung gezogen
werden können.
Der EussmauTsche Fall genas unter Applicatioii von SchrOpf-
köpfen auf die Wirbelsäule, Darreichung von Sennalatweiige nnd
Vichywasser; der Fall von Dosteis unter Anwendung von Warm-
wasserdämpfen und Chinin. S. auch die Behandlung der Tetanie.
1) Die vorwiegend auf die unteren Extremitäten beschränkten merkwOrdigfD
Krampfformen, die unter dem Namen des •saltatorischen Krampfes* von Bam-
berger und Guttmann beschrieben sind, ebenso wie die an den Fassen auf-
tretenden und eine Theilerscheinung der von Hammond neuerdings aofgestditen
„Athetosis'' bildenden Krämpfe sind entschieden centralen Ursprungs und gMrea
nicht in unser Gebiet.
Crampi. Symptomatologie. 337
g) Crampi.
Hasse, Nenrenkrankh. 2. Aufl. S. 161. — Griesinger, Infectionskrankh.
2. Aafl. S. 421.
Man yersteht darunter vorttbergehende , tonische Krämpfe; die
in den Terschiedenfiten Eörpermoskeln vorkommen können, sich- meist
ganz aof einzelne Muskeln beschränken, sehr schmerzhaft sind, immer
nur wenige Minuten anhalten, sich aber manchmal mehrfach wieder-
holen und nur selten (z. B. bei der Cholera) zu sehr belästigenden
und unangenehmen Erscheinungen werden.
Ein wahrer Typus dieser Krampfform ist der Jedermann be-
kannte 0 Wadenkrampf ^: ein plötzlich bei einer unvorsichtigen Be-
wegung oder auch spontan, mitten im Schlafe auftretendes äusserst
schmerzhaftes Ziehen in der Wadenmusculatur. Der Gastrocnemius
ist dabei geschwellt, bretthart, seine Conturen treten hart und scharf
hervor ; aber auffallend gering ist die Verkürzung der Achillessehne,
die Hebung der Ferse dabei. Der Schmerz ist äusserst lebhaft, der
contrahirte Muskel bei Druck, Reiben oder passiver Dehnung recht
empfindlich. Nach wenigen Secunden oder Minuten lässt der Elrampf
und mit ihm der Schmerz nach,, häufig bleibt aber schmerzhaftes
Mttdigkeitsgeftihl und Empfindlichkeit bei Druck ftir emige Zeit
zurtlck. Nur in seltenen Fällen tritt Zerreissung kleiner Gefässe
durch den Krampf ein, Bildung von Ekchymosen und schmerzhaften
Anschwellungen, die sich erst nach einiger Zeit verlieren. — Nicht
selten kehrt der Krampf mehrmals wieder, kann sich sogar häufig
und in quälender Weise stundenlang öfter wiederholen, dadurch den
Kranken den Schlaf rauben und zu einem recht unangenehmen Uebel
werden.
In ganz ähnlicher Weise kommt der Krampf auch in zahlreichen
anderen Muskeln vor: in den kleinen Muskeln der Sohle, im Extensor
hallucis und digitor. longus, in den Adductoren, dem Latissimus
dorsi und Sacrolumbalis , in den Extensores carpi, dem Platysma,
Stemo-cl.-mastoideus und CucuUaris, in den Rotatores capitis u. s. w.
Weitaus am wichtigsten aber ist das Vorkommen der Crampi
bei der Cholera asiatica (und auch in schweren Fällen von Cholera
nostras) ; sie treten hier während des eigentlichen Choleraanfalles ein,
zuerst und am häufigsten in den Waden, dann in den Schenkeln und
Zehen, in den Armen und Fingern, seltener in den Qesichts- und
Bauchmuskeln ; sie sind äusserst schmerzhaft, dauern einige Minuten,
lassen dann nach und kehren wieder und können zur grossen Qual
Handbacli d. spec. Pathologie a. Therapie. XIL Bd. 1. 2. Aufl. 22
338 Ebb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
ftir die Kranken werden. Schultz will die elektrische Contractilität
der befallenen Muskeln erhöht, das Elektrisiren derselben sehr schmerz-
haft gefunden haben.
Aetiologie. Am häufigsten ist Ermttdung und Uebermttdung
die Ursache der Crampi, und es ist nichts gewöhnlicher , als dass
Wadenkrampf nach einer ttlchtigen Bergpartie , nach einer durch-
tanzten Nacht, nach starkem Schwimmen u. s. w. entsteht ; er kommt
dann entweder ganz spontan, z. B. in der Naeht, oder wenn be-
stimmte Bewegungen mit einiger Anstrengung ausgeführt werden. —
Femer sind es sehr kräftige, plötzliche, in unbequemer Stellung aus-
geführte Bewegungen, welche leicht C]:ampi hervorbringen. Bei
manchen Menschen ist das bei yerhältnissmässig geringen Willens-
anstrengungen der Fall; sie haben eine förmliche Disposition zu
Crampis; so z. B. viele ältere Personen. Auch einzelne Muskeln
können eine bestinmite Disposition dazu haben, und besonders sind
es diejenigen, in welchen der Crampus gerade aufgetreten ist, welche
dann fllr einige Zeit sehr dazu geneigt sind.
Ob Druck auf Nervenstämme und Muskeln im Stande ist, Cram-
pus hervorzurufen, ist zweifelhaft; ebenso scheint uns die Angabe,
dass Störungen der Circulation, venöse Stauung, Phlebektasie u. dgl.
den Crampus leicht hervorrufen, nicht hinreichend begrtlndet Auch
mit der reflectorischen Erregung, die man gewöhnlich vom Darm
(Darmkrankheiten, Diarrhöen, Helminthen) ausgehen lässt, scheint
es nicht so ganz sicher zu sein. — Speciell bei der Cholera wird
der „Reflexreiz vom Darme aus'' wohl das Auftreten der Grampi
nicht in genügender Weise erklären, es ist vielmehr viel wahrschein-
licher, dass die hochgradige Veränderung des Blutes und dadurch
secundär die Ernährungsstörung in den Muskeln die eigentliche Ur-
Mche der Crampi ist ; sei es nun die durch die starke Transsudation
bedingte Entwässerung auch der Muskeln, oder sei es die Stockung
der arteriellen Blutcirculation , oder die Anhäufung von excremen-
tiellen Stoffen in den Muskeln, welche die eigenthttmliche krampf-
hafte Erregbarkeit derselben bedingt. — Einen hartnäckigen und
heftigen, allnächtlich wiederkehrenden Wadenkrampf sah ich in einem
rapide verlaufenden Fall von Diabetes bei einem älteren Herrn.
(Reichliche Wasserausseheidung ? Anhäufung von Zucker im Blut?)
— Auch durch starke Faradisation der motorischen Nerven und
Muskeln kann man bei vielen Personen leicht Crampi hervorrufen,
besonders in den Muskeln der unteren Extremitäten.
Das eigentliche Wesen der Crampi, die feinere Art und Weise
ihres Zustandekommens sind noch unbekannt. Dieselben von einem
Crampi. Aetiologie. Prognose. Therapie. 339
Beflexreiz abzuleiten, der von den sensiblen Muskelnerven aasgebe,
wie Hasse thnt, scheint uns nicht hinreichend gerechtfertigt. Jeden-
falls aber liegt die Annahme nahe, dass es sich in den meisten
Fällen um eine in der Muskelsubstanz selbst gelegene Veränderung
und zwar um eine gesteigerte Erregbarkeit handelt, und wir werden
die Annahme machen dürfen, dass ^JU'ch starke Ermtldung, durch
reichliche Wasserentziehung, durch Störung der arteriellen Blut-
circnlation u. dgl. eine vorübergehende Ernährungsstörung in den
Muskeln erzeugt wird, welche sich als gesteigerte Erregbarkeit mani-
festirt und bei dem geringsten motorischen (Willens- oder Reflex-)
Beiz zur Entstehung des Crampus ftlhrt. Freilich ist dabei nicht
ausgeschlossen, dass auch die motorischen Nerven eine ähnliche Er-
nährungsstörung und Erregbarkeitssteigerung erfahren können. —
In den bei gesunden Muskeln durch heftige Anstrengung entstehen-
den Crampis wird nur die einseitige Zunahme der Beizstärke als
Ursache zu beschuldigen sein.
Die Prognose der gewöhnlichen Crampi ist meist eine günstige;
doch sind dieselben manchmal bei alten Leuten recht hartnäckig
und kehren häufig wieder. Die Crampi bei der Cholera beeinflussen
die Prognose dieser Krankheit nicht in nennenswerther Weise.
Eine Therapie dieser Erampfform wird meist als überflüssig
erachtet. Die meisten Menschen wissen die verschiedenen Haus-
mittelchen, mit welchen sie sich Erleichterung verschaffen können.
Dahin gehören: absolute Buhe des Muskels, Reiben und Kneten
desselben, passive Ausdehnung desselben. In hartnäckigeren Fällen
mag man warme Bäder, spirituöse, anästhesirende und narkotische
Einreibungen versuchen lassen. Auch von dem galvanischen Strom
wird man mit Nutzen Gebrauch machen können.
Gegen die Krämpfe bei der Cholera haben sich die subcutanen
Morphiumii\jectionen am nützlichsten erwiesen ; femer Massiren, Ein-
reibung von Chloroformliniment, Abreibung mit gestossenem Eis u. s. w.
h) Tetanie.
Steinheim, Zwei seltene Formen yon hitzigem Rheumatismus. Hecker's
Annal. XYIL 1830. — Dance, Sur une ^sp^ce de T^tanos intermittent. Arch.
g^^. 1831. Bd. 26. — Constant, Sur les contract. essentielles. Gaz. m6d.
1832. — TessieretHermel, Dela contracture idiopath. etc. Joum. de möd.
1843. __ Weisse, Ton. Krampf d. Finger u. Zehen. Joum. f. Einderkr. 1844.—
Marotte, Observ. d. Contract essent. Joum. de m4d. 1845. — Delpech,
M^m. sur les spasm. musc. idiopath. Paris 1846. — Trousseau, Gaz. des höp.
1845. No. 87: 1851. No. 128: 1856. No. 72; 1860. No. 44. ~ Medic. Klin. d.
Hotel Dieu, Peutsch Yon Culmann, IL S. 155. 1868. — Clemens, Zur Lehre
22*
340 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
von den Nervensympath. (Schusterkrampf). Zdtochr. f. rat. Med. X. 1851. —
Lncien Corvisart, De la t^tanie cnez l'adulte. Paris 1852. — Raband,
Recherch. sur Thist. etc. des contract des ^xtr^m. Paris 1857. — Ercole
Ferrario, Gaz. med. ital. Lomb. 1857. No. 36. — Fil. Lussanna, Sulla con-
trattura reumatica. ibid. 1857. No. 34. — Hasse, Nervenkrankh. 2. Aufl. 1869.
— Kussmaul, Ueber rheum. Tetanus etc. mit Albuminurie. BerL klin. Woch.
1871. No. 41—44. — Ueber Tetanie, ib. 1872. No. 37. — Bauer, Trousseau^t
Tetanie? — Ergotismus? — ib. 1872. No. 44. — Stich, 2 FiOle von Schnsterkr.
Arch. f. klin. Med. XI. S. 528. 187«. — Erb, Zur Lehre von der Tetanie. ArcL
f. Psych, u. Nerv. IV. 1873. — Riegel, Zur Lehre v. d. Tetanie. Arch. f. kün.
Med. Xn. 1873 (siehe daselbst auch vollständiges Literaturverzeichniss). — F.
Schnitze, Ueber einige Fälle von Tetanie. Berl. klin. Woch. 1S74. No. 8. —
Simm, Beitr. z. Lehre von der Tetanie. Diss. Breslau 1874. — Bouchut, Ns-
ture de la Tetanie. Qbz. des h^p. 1875. No. 58. — Th. Langhans, ZurCasuist
der RückenmarksiJfectionen (Tetanie u. Lepra). Yirch. Arch. Bd. 64. S. 169. 1S75. —
Der Name Tetanie wurde von L. Corvisart einer eigenthfUn-
lichen und nicht gerade seltenen Krankheit gegeben, welche in pa-
roxysmenweise auftretenden tonischen Krämpfen bestimmter Moskel-
gruppen besteht. Vorwiegend sind es die obem Extremitäten and
zwar Vorderarm und Hand, seltner die unteren, häufig beide zugleich,
welche von dem schmerzhaften, mehr oder weniger lange anhalten-
den aber immer intermittirenden , verschieden häufig wiederkehren-
den und einzelne Muskel- und Nervengebiete mit Vorliebe heim-
suchenden Krämpfe befallen werden. Leichte sensible Störungen
pflegen dabei selten zu fehlen. Häufig schliesst sich der Ej*ampf an
bestimmte Beschäftigungen und Bewegungen an, darf jedoch durch-
aus nicht mit den coordiuatorischen Beschäftigungsneurosen ver-
wechselt werden. Er tritt fast häufiger noch unabhängig von jeder
Muskelanstrengung auf, nicht selten mit Vorliebe an Feiertagen und
des Nachts — wie einige Beobachter bemerkt haben.
Die Tetanie hat schon eine ziemlich reiche Literatur aufzuweisen
(welche Riegel in vollständiger Weise zusammengestellt hat) und
ist besonders von französischen Aerzten vielfach beobachtet und be-
schrieben worden. Die erste deutliche Beschreibung der Krankheit
jedoch datirt von Steinheim aus dem Jahre 1830. In Frankreich
hat Dance im Jahre 1831 die Reihe der Publicationen eröffisiet
Leider hat es fast jeder Autor fttr nöthig gefunden, der Krankheit
einen eigenen Namen zu verleihen, so dass eine verwirrende FQlle
von Bezeichnungen derselben existirt. Die wichtigsten derselben
mögen hier kurz angefbhrt werden, um beim Studium der einschla-
genden Literatur sich einigermassen zu orientiren. Dance bezeich-
nete das Leiden als „ T^tanos intermittent ^. Darnach tauchten zahl-
reiche andere Namen auf: „Contracture essentielle^ (Constant),
„Retractions muscul. spasmodiques*" (Murdoch); „Spasmes mnscul.
idiopathiques"; „Tetanie ^'(Lucien Corvisart); „Tetanille"(Trous-
Tetanie. Begriffsbestimmong. Aetiologie. 341
8 e a a) ; 9 Brachiotonufi rbeumaticus "(Eisenmann);» Schusterkrampf''
(Clemens); „rheomatiscbe Contractar '^ ; tonischer Beschäftigongs-
krampf* (Benedict); auch ein Theil der sogenannten » carpopedalen
Krämpfe" gehört hierher. Am zweckmässigsten ist wohl der von
Corvisart eingeführte und fast allgemein adoptirte Name Tetanie.
Aetiologie. Eine ganz entschiedene Prädisposition zu der
Krankheit liegt in verschiedenen Altersstufen und Entwickelungszu-
ständen. Eine nicht geringe Disposition zeigt das frtlhe Kindesalter,
etwa bis zum 4. — 6. Lebensjahre. Dann die Zeit der Pubertät und
das Jünglingsalter : weitaus die Mehrzahl der Fälle bei Erwachsenen
konmit zwischen dem 16. und 30. Lebensjahre vor. Ausserdem sind
es besonders die Schwangerschaft, das Wochenbett und die Zeit der
Lactation (Gontracture des nourrices, Trousseau), welche die
Neigung zum Erkranken an Tetanie beträchtlich erhöben. Die Be-
schäftigungsweise ist jedenfalls nicht von erheblichem Einfluss : man
hat zwar die Krankheit als „Schusterkrampf" beschrieben und mit
bestinmiten Beschäftigungen in Zusammenhang gebracht; sie kommt
jedoch bei allen möglichen Handwerkern vor, und schon das häufige
Auftreten bei kleinen Kindern und bei Frauen spricht gegen eine
nähere derartige Beziehung.
Unter den Qelegenheitsursachen ist wohl die wichtigste
und häufigste die Erkältung; schon die von vielen Aerzten ge-
theilte Auffassung der Krankheit als einer exquisit „rheumatischen"
bekräftigt diesen Satz. Besonders wird das Arbeiten in nassen und
kalten Bäumen, viel Häntiren im kalten Wasser, Schlafen auf
feuchter Erde u. s. w. als Ursache sehr oft beschuldigt, und in
manchen Fällen lassen auch gleichzeitige Gelenkschwellungen einen
näheren Zusammenhang mit wirklichem Rheumatismus erkennen.
Die Art und Weise des Zusammenhangs der Tetanie mit Ty-
phus, Blattern, Cholera, Morbus Brightü, Intermittens, erschöpfenden
Diarrhöen u. s. w., in deren Gefolge sie nicht selten auftritt, ist noch
nicht hinreichend aufgeklärt Diese Krankheiten mögen in vielen
Fällen prädisponirend , in andern als directe Ursachen wirken. —
Auf directem Wege scheint Intoxication mit Seeale comutum (Ergo-
tismus) die Tetanie hervorrufen zu können, woftlr die Beobachtungen
von Bauer sprechen; auch Moxon hat neuerdings auf die Aehn-
lichkeit der Tetanie mit dem Ergotismus aufmerksam gemacht
Eine grosse Wichtigkeit scheint gewissen Einflüssen zuzukommen,
die man bis auf Weiteres wohl als reflectorische bezeichnen kann,
obgleich wir uns eine befiriedigende Vorstellung von ihrer Wirkungs-
weise im Einzelnen noch nicht machen können. Hierher gehören
342 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
die pathologischen Erregangen, welche yon gewissen Entwickelongs-
Vorgängen, von bestimmten physiologischen Processen ausgehen: so
bei der Dentition, der Pubertät, der Schwangerschaft, der Lactation.
Ganz besonders das Säugegeschäft scheint in auffallender Weise die
Entstehung der Tetanie zu begünstigen, so dass Trousseau eine
Zeit lang glaubte, die Affection käme nur bei stillenden Frauen vor.
In zweiter Linie sind es besonders Darmreize (Darmkrankheiten
aller Art, Helminthen etc.), die man für besonders wirkungsvolle
Ursachen der Tetanie hält; zahlreiche Beobachtungen sprechen mit
aller Entschiedenheit dafttr, dass besonders langwierige und schi-
ebende Diarrhöen bei Kindern sowohl wie bei Erwachsenen auf-
fallend häufig von Tetanie gefolgt sind. Auch ftlr einen cansalen
Znsammenhang mit Helminthiasis sprechen mehrfache überzeugende
Erfahrungen.
Endlich sei nicht unerwähnt, dass n^an auch nach psychischen
Einflüssen, heftigen Gemüthsbewegungen u. dgl. Tetanie hat auftreten
sehen.
Symptome. Meist gehen dem Ausbruch des Elrampfes Vor-
läufer und zwar vorwiegend sensibler Natur voraus: ein eigenthüm-
liches Eriebeln, Formication, Ziehen, Gefühl von Hitze und Kälte,
manchmal deutlicher Schmerz in den Vorderarmen und Händen.
Weiterhin zeigen sich leichte Zuckungen oder Steifigkeit in einzelnen
Fingern, besonders beim Anfassen von Gegenständen ; dann tritt mehr
oder weniger rasch der Krampf in voller Stärke auf, häufig im An-
schluss an gewisse Bewegungen oder stärkere Anstrengungen. Er
besteht aus einzelnen Anfällen.
Der Anfall selbst beginnt gewöhnlich mit einem raschen Steif-
werden ^ der Hände und Finger, vorwiegend in Beugestellung und
am häufigsten so, dass eine eigenthümlich konische Stellung der
Hand entsteht, genau so, wie bei kräftiger faradischer Reizung des
N. ulnaris: Daumen stark adducirt, die beiden Ränder der Hand
einander genähert, die 3 letzten Fmger stark, der Zeigefinger nur
wenig gebeugt, alle fest an den Daumen angelegt; dabei starke
Flexion des Handgelenks nach der Ulnarseite hin. Andere Male sind
die Finger zu einem „Pfötchen^ fest geschlossen und steif; oder es
ist Torwiegend das Medianusgebiet befallen, der Daumen eingeschla-
gen und von den krampfhaft gebeugten Fingern fest umschlossen;
selten tritt starke Dorsalflexion der Hand ein. Dabei ist der Vor-
derarm gewöhnlich halb gebeugt, die Oberarme sind stark adducirt,
und die Vorderarme dadurch über dem Epigastrium gekreuzt. —
Es besteht lebhafter Schmerz in den starren Muskeln, dieselben sind
Tetanie. Symptomatologie. 343
prall gespannt und ftthlen sich hart an; ihre Spannung erfährt wäh-
rend des Anfalls häufigen Wechsel, ohne jedoch ganz nachzulassen.
Sie setzen passiven Ausdehnungsversuchen grossen Widerstand ent-
gegen, und wenn der Zug nachlässt, kehren sie meist wieder in ihre
krampfhafte Stellung zurück. In vielen Fällen ergreift der Krampf
dann auch die untern Extremitäten und versetzt dieselben gewöhnlich
in starre Streckung: das Knie wird gestreckt, die Ferse stark in die
Höhe gezogen, die Zehen stark flectirt. Das Gehen ist unmöglich;
Schmerz und Empfindlichkeit der Muskeln sind gross; es ist den
Kranken unmöglich, irgend welche Arbeit zu verrichten. Doch kom-
men an den untern Extremitäten auch Beugekrämpfe der verschie-
densten Art vor.
Nur in den hochgradigsten Anfällen werden auch die Rttcken-
nnd Nackenmuskeln, noch seltener die Bauchmuskeln und das Zwerch-
fell von dem Krampf ergriffen; am seltensten endlich tritt Starre der
Gesichtsmuskeln, der Zunge und der Kaumuskeln ein. Dann kann
der Anfall einen höchst bedrohlichen Charakter annehmen, und be-
sonders der tonische Zwerchfellskrampf unmittelbare Lebensgefahr
bedingen. Hier und da hat man auch Krampf in den Augenmuskeln
beobachtet.
Nachdem der Krampf so einige Minuten oder Viertelstunden,
eine oder selbst mehrere Stunden, selten länger als einen halben
Tag gedauert hat, löst er sich allmälig', hinterlässt aber ftlr einige
Zeit eine gewisse Steifheit und Unbeweglichkeit der Muskeln, eine
schmerzhafte Abgeschlagenheit derselben. Nach verschieden langer
Pause tritt dann wieder ein neuer Anfall ein. Es können Tage und
Wochen freier Zeit zwischen 2 Anfällen liegen, häufiger aber folgen
sie im Laufe von Stunden aufeinander, wiederholen sich täglich
mehrere Male ; nur in den schwersten Fällen folgen sie so rasch auf
einander, dass die gequälten Kranken immer nur wenige krampffreie
Minuten zwischen den Anfällen haben.
Aus einer grösseren oder geringeren Beihe solcher Anfälle, die
sich über mehrere Tage oder Wochen, am häufigsten über 2—3 Mo-
nate erstreckt, setzt sich die ganze Krankheit zusammen.
In den Intervallen fahlen sich die Kranken meist ganz wohl,
können herumgehen und ihre Beschäftigungen verrichten; fast immer
jedoch besteht eine gewisse Muskelschwäche und verminderte Leistungs-
fähigkeit der Glieder; selten Störungen des Allgemeinbefindens, Fieber,
belegte Zunge u. dgl. — Die Anfälle selbst kommen häufig ohne jede
nachweisbare Veranlassung; manchmal vorwiegend des Morgens beim
Beginn der Arbeit, andere Male des Abends, wenn Ermtidung ein-
344 Ebb, Kranklieiteii der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
tritt ; reichlicher Oennss von Spirituosen befördert ihr Auftreten. Sehr
selten gelingt es, sie durch Reflexreize von der Haut aus hervorzn-
rufen. Dagegen hat Trousseau zuerst auf ein sehr merkwürdiges
und^ wie es scheint, auch sehr charakteristisches Symptom aufmerksam
gemacht, welches auch in den Intervallen das Fortbestehen der Krank-
heit erkennen lässt. Gomprimirt man nämlich die grossen Nerven-
oder die Arterienstämme der obem ExtremitUten, so tritt nach 1 — 2
Minuten in der betr. Extremität ein regulärer Tetanieanfall ein, der
so lange anhält, wie der ihn bedingende Druck. Kussmaul £Euid
in seinem Falle, dass nur Druck auf die Arterie, nicht auch Druck
auf die Nerven den Anfall auslöste. An den untern Extremitäten
gelingt die Demonstrirung des ^ Trousseau'schen Symptoms *" durch
Druck auf die Art femoralis oder den Nerv, ischiadicus weit schwieriger.
So lange die Krankheit noch nicht vollständig erloschen ist, lässt sich
in vielen Fällen dieses Symptom constatiren und es bildet dasselbe
ein wichtiges diagnostisches Kriterium, doch kann es auch fehlen und
hat wohl nicht die absolute pathognostische Bedeutung, die ihm von
Simm beigelegt wird.
Gegenüber den Erscheinungen von Seiten des motorischen Appara-
tes treten die Begleiterscheinungen mehr oder weniger in den
Hintergrund ; ja es gibt leichte Fälle, besonders bei robusten kräftigen
jungen Leuten, Handwerkern u. dgl., wo dieselben vollständig fehl^.
— Gewöhnlich aber treten besonders in der sensiblen Sphäre deut-
liche Erscheinungen hervor; so zunächst ausser dem Muskelschmerz
auch noch reissende Schmerzen, die dem Verlauf der Nervenstämme
folgen und sidi bis zur Schulter und Hüfte erstrecken können. Krie-
beln, Formication u. dgl., abnorme Sensationen leiten die Anfälle ein
und begleiten sie. — Nur in wenigen Fällen aber hat man wirkliche
Anästhesie der Haut constatiren können. Auch von Muskelanästhesie
wird berichtet. — 0. Berger (mitgetheilt bei Simm) constatirte in
mehreren Fällen hochgradige Schmerzhaftigkeit der Wirbeh^tole,
spontan sowohl wie bei Druck auf die Domfortsätze, besonders der
oberen Brustwirbel; mechanische sowohl wie faradische oder galva-
nische Reizung dieser schmerzhaften Partien war ebenfalls im Stande,
die Anfälle hervorzurufen. Röthung und ödematöse Anschwellung
der Haut um die Gelenke ist hie und da gesehen worden. Con-
gestionen zum Kopf, Kopfschmerz, Schwindel, Ohrensausen kommen
selten vor. Allgemeinstörungen sind ebenfalls selten ; Fieber massigen
Grades begleitet schwerere Fälle ; Temperatursteigerung hat man nur
in einzelnen Beobachtungen (Stich) bisher constatirt, häufiger eine
gesteigerte Pulsfrequenz, Appetitlosigkeit, belegte Zunge. Reichliche
Tetanie. Symptomatologie. Elektrisches YerhalteD. 345
Schweisssecretion ist auf der Höhe der Anfälle nicbt selten. — Be-
hindeniDg der Respiration kann durch Krampf des Zwerchfells und
der anderen Respirationsmnskeln eintreten. Die eigentlichen Gehim-
fonctionen sind fast immer vollkommen frei. — Natttrlich kann das
Krankheitsbild anch durch alle möglichen Symptome zu Grunde lie-
gender Krankheiten complicirt werden.
Elektrisches Verhalten. Von gewisser Bedeutung scheint
das Verhalten der motorischen Nerven gegen elektrische Ströme bei
der Tetanie zu sein. Von verschiedenen Beobachtern (Benedict,
Kussmaul) wurde eine gesteigerte Erregbarkeit derselben constatirt
Ich selbst habe in 2 Fällen die elektrische Erregbarkeit nach einer
möglichst exacten Methode wiederholt untersucht und dabei Folgen-
des festgestellt: Steigerung der faradischen Erregbarkeit in sämmt-
lichen der Untersuchung leicht zu^Uiglichen motorischen Nerven des
Rumpfes ; nicht dagegen in den Verzweigungen des Facialis. —
Ebenso eine hochgradige Steigerung der galvanischen Erregbarkeit
in sämmtlichen motorischen Nerven des Körpers mit Ausnahme des
Facialis. ^ Diese Steigerung der galvanischen Erregbarkeit liess sich
— ausser an dem Missverhältniss zwischen der Stärke der motorischen
und sensiblen Reaction — erkennen an dem frtlhzeitigen Auftreten
von Kathodenschliessungszuckungen, an dem Erscheinen von KaS-
Tetanus bei unverhältnissmässig geringen Stromstärken und endlich
aus dem (bisher beim Menschen noch nicht beobachteten) Auftreten
von Anodenöflhungstetanus bei ganz massiger Stromstärke. Die höchste
Steigerung der Erregbarkeit fiel zusammen mit der Zeit der ausge-
sprochensten und häufigsten Tetanieanf alle ; das Seltnerwerden der-
selben fiel zusammen mit einer Abnahme der elektrischen Erregbar-
keitssteigerung; und als die Krankheit geheilt war, konnte ein der
Norm sich näherndes Verhalten der elektrischen Erregbarkeit con-
statirt werden. Es konnte somit ein deutlicher Parallelismus zwischen
dem Auftreten des Krampfes und der Steigerung der elektrischen
Erregbarkeit nachgewiesen werden, und es liegt nahe, auf einen
causalen Zusammenhang beider Erscheinungsreihen zu schliessen und
zu prüfen, ob sich daraus nicht bestimmte Folgerungen ftir die der
Tetanie eigentlich zu Grunde liegende Nervenstörnng ergeben.')
1) Auch in mehreren in neuerer Zeit auf der Heidelberger med. Klinik beob-
achteten F&llen wurde regelmässig eine erhebliche Steigerung der dektr. Erreg-
barkeit, besonders in den Nerven der oberen Extremität constatirt.
2) WahrscheinUch wird die exacte elektrische Untersuchung ebenso wie das
Trousse aussehe Symptom ein Mittel darbieten, um den Zustand der «Latenz''
346 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Das Wesen der Tetanie kann nämlich offenbar nicht in
gröberen pathologisch-anatomischen Veränderungen gesucht werden;
hiergegen spricht mit aller Entschiedenheit das völlige Freisein der
motorischen Apparate in den Intervallen zwischen den Anfällen. Es
mttssen hier offenbar feinere Ernährungsstörungen vorhanden sein,
welche die eigenthümlichen ErampfanfäUe bedingen. Für die peri-
pheren motorischen Nerven scheint uns nun der Beweis für die wirk-
liche Existenz solcher feineren Ernährungsstörungen durch die Er-
gebnisse der elektrischen Untersuchung geliefert zu sein; eine so
hochgradige Erregbarkeitssteigernng können wir uns nicht anders,
ajs in molecularen Veränderungen der Nervensubstanz begründet
denken. Es erscheint dann in der That nicht allzu gewagt, wenn
wir das Wesen der Tetanie in dieser auf feineren Ernährungsstörun-
gen beruhenden hochgradigen Steigerung der Erregbarkeit der moto-
rischen Apparate finden ; und wir wtirden das Auftreten der Erampf-
anfäUe immer dann zu erwarten haben, wenn irgend welche stärkere
Reize die motorischen Bahnen treffen: als solche Reize können wir
den Willenseinfluss bei den verschiedensten Muskelanstrengungen
(„ Beschäftigungskrampf ^), psychische Erregungen, Reflexe (z. B. beim
Säugen, bei Darmkrankheiten, bei Helminthen etc.) u. dgl. betrachten.
Das periodische Auftreten des Erampfes, sein Auftreten zu verschie-
denen Zeiten und unter verschiedenen Umständen lässt sich vielleicht
zurückführen auf wechselnde Emährungs- und Erregbarkeitszustände
im Nerven, auf die Vorgänge der Ermüdung und Erschöpftmg u. s. w.,
doch haben wir über den feineren Mechanismus, dieser Vorgänge be-
kanntlich nur sehr dürftige Eenntnisse.
Es fragt sich nun aber, wie weit diese Erregbarkeitssteigerung
sich in den motorischen Nerven erstreckt. Es ist nicht wahrschein-
lich, dass sie auf die peripheren Bahnen beschränkt ist, vielmehr
spricht alles dafür, dass die Veränderung sich auch auf die centralen
Leitungsbahnen erstreckt, und dass wir es bei der Tetanie mit einer
centralen Erkrankung zu thun haben. Die gleichzeitige Verbrei-
tung über so viele Muskelgrnppen, das symmetrische Befallenwerden
derselben, die vorhandenen Sensibilitätsstörungen, die grosse Aehn-
lichkeit mit dem Tetanus — alles diess spricht ftlr einen centralen
Ursprung des Leidens. Und wieder spricht der auffallende Contrast,
der Krankheit zu erkennen: jenen Zustand, wo momentan keine Tetanie- Anf&Ue
vorhanden sind, w&hrend die Krankheit doch noch nicht erloschen ist Die fort-
bestehende Steigerung der faradischen und besonders der galvanischen Err^bar-
keit wird diesen Zustand charakterisiren.
Tetanie. Wesen der Krankheit 347
welcher sich in einem meiner Fälle zwischen den Rumpfiierven und
dem N. focialis in Bezng auf die Erregbarkeitssteigefang heransstellte,
ftir einen spinalen Ursprang der Krankheit. Es erscheint somit
nicht nnwahrscheüilich y dass die der Tetanie zu Grande liegende
EmährnngsstOrong sich aach aaf das Rttckenmark erstreckt, and dass
sie ebenfalls in der Mehrzahl der Fälle nar eine feinere und im-
palpable ist. Genauer za entscheiden, ob die Erkrankung des Rücken-
marks das Primäre und die Ernährungsstörung (resp. Erregbarkeits-
steigerung) der peripherischen Nerven nur die Folge derselben ist,
oder ob es sich um eine gleichmässig von vornherein über die
peripheren und spinalen motorischen Bahnen sich erstreckende Er-
krankung handelt, ist zur Zeit noch nicht möglich.
Für den centralen Sitz der Krankheit hat sich auch Kussmaul
ausgesprochen, gesttttzt auf das in seinem Fall beobachtete Auftreten
einer leichten Retinitis, starrer Contractur der Wadenmuskeln und
lähmungsartiger Schwäche in den untern Extremitäten nach Ablauf
der Tetanie. Auch erwähnt er des Befundes einer Myelitis bei einem
jungen Menschen, der einige Wochen nach (geheilter) schwerer' Tetanie
an den Beinen gelähmt wurde. — Auch die spärlichen Sections-
befunde in den wenigen bisher tödtlich verlaufenen Fällen dienen
zur Bestätigung dieser Anschauung. Trousseau constatirte Hyper-
ämie der Meningen und Erweichung im obem Theil des Rücken-
marks; Ferrario will in mehreren Fällen Spuren von Entzündung
des Rückenmarks und seiner Häute gefunden haben. Bouchut
constatirte in einem neueren Falle, ebenso wie in zwei früheren Fällen
hochgradige Hyperämie der Pia, beschränkt auf die Basis des Ge-
hirns, die Brücke und den obem Theil des Rückenmarks und er-
klärt sie für die wesentliche Ursache der Krankheit. Endlich ist es
neuerdings Langhans gelungen, in einem tödtlich verlaufenen Falle
von Tetanie bei der mikroskopischen Untersuchung eigenthümliche
Veränderungen an den Gefässen in der weissen Commissur und den
Vorderhömem zu entdecken, welche höchst wahrscheinlich mit der
Tetanie im Zusammenhang stehen. Er constatirte eine Art von
Periarteriitis und Periphlebitis, eine mehr o(fer weniger ungleich-
massige Verdickung der Adventitia mit eingelagerten Kernen, Zellen,
Blutkörperchen und Pigmentkömehen. Diese Veränderungen waren
im höchsten Grade ausgesprochen in der Halsanschwellung, in ge-
ringerem Grade in der Lendenanschwellung. In der übrigen Rücken-
markssubstanz war keine Veränderung nachzuweisen.
Jedenfalls ist mit dieser Beobachtung eine werthvolle Stütze
fttr die oben ausgesprochene Vermuthung eines spinalen Ursprungs
348 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
der Krankheit gewonnen. Aber es ist klar, dass solehe YeiSnde-
rmigen an den Gefässeh oder dem interstitiellen Gewebe nicht [die
einzigen sein können, sondern dass aach an den motorischen Appa-
raten, den Ganglienzellen oder Nervenfasern selbst, gröbere oder
feinere Emähningsstömngen vorhanden sein müssen. Ob die ver-
feinerte mikroskopische Untersuchong des Rückenmarks in künftigen
Fällen diese aufzuzeigen im Stande sein wird, bleibt abzuwart^.
Der Verlauf der Tetanie ist in den einzelnen Fällen ein äos-
serst verschiedener und meist ein unregelmässiger; sich häufende
Anfälle wechseln mit selteneren ab; manchmal wird die EranUeh
auf längere Zeit latent, um dann auf irgend eine Veranlassoiig hin
wieder hervorzubrechen. Von den leichtesten bis zu den schwersten
Fällen, wo die heftigsten Anfälle sich Schlag auf Schlag folgen, gibt
es alle möglichen Uebergänge. Immerhin kann man mit Tronssean
drei Grade der Krankheit unterscheiden, wenn .man auf eine scharfe
Abgrenzung derselben verzichtet: im ersten Grad ist der Krampf
auf die Extremitäten beschränkt, die Anfälle sind nicht sehr häufig,
Allgemeinerscheinungen fehlen ; im zweiten Grad sind auch die Rnmpf-
muskeln zum Theil ergriffen, die Anfälle erreichen grössere Heftig-
keit und Frequenz, es sind Zeichen gestörten Allgemeinbefindens: all-
gemeine Abgeschlagenheit, Fieber, Appetitlosigkeit, profuse Schweisse
u. dgl. vorhanden; im 3. Grade endlich betheiligen sich aach die
Gesichts- und Kaumuskeln, die Respirationsmuskeln und das Zwerch-
fell an dem Krampf, die Anfälle nehmen einen äusserst bedrohlichen
Charakter an, folgen stürmisch aufeinander, und die Kranken werden
in hohem Grade erschöpft; das Bild der Krankheit erinnert an Tetanos.
Die Dauer der Krankheit ist selten eine kurze; mit wenig
Tagen ist sie nur selten beendigt; meist vergehen Wochen und Monate,
ehe die Krankheit völlig erlischt; besonders die Periode der Latent
kann recht lange dauern und anscheinende Becidive sind gewiss oft
nur ein Zeichen davon, dass die Krankheit noch nicht völlig abge
laufen war. Das Trousseau'sche Symptom wird in dieser Rich-
tung manchmal wertbvoUen Aufechluss bringen, ebenso die genaue
elektrische Untersuchung.
Der Ausgang der Krankheit ist gewöhnlich ein günstiger; in
weitaus der Mehrzahl der Fälle tritt völlige Heilung ein. In seltenen
Fällen bleibt Parese oder Paralyse der Extremitäten fttr einige Zdt
zurück. Der Tod wird durch Tetanie nur äusserst selten herbeige-
fllhrt; es kann dies aber gelegentlich der Fall sein durch Zwerch-
fellskrampf, allgemeine Erschöpfung oder nachfolgende spmale Er-
Tetanie. Verlauf. Ausgänge. Prognose. Diagnose. Therapie. 349
kranknngen; besonders bei heruntergekommenen, an Diarrhöen leiden-
den Kindern ist ein solcher Ausgang zu flirchten.
Daraus ergibt sieh auch einfach die Prognose der Krankheit.
Sie ist im Allgemeinen sehr gtinstig; sie wird in ungünstigem Sinne
beeinfluBSt durch grosse Intensität der Anfälle, lange Dauer des
Leidens, nachweisbare Zeichen ernsterer centraler Erkrankung,
schlechte Constitution und sehr jugendliches Alter der Kranken,
schwere Grundkrankheiten.
Die Diagnose ist auf Grund der in hohem Maasse charakte-
ristischen Gruppirung der. Symptome leicht: der Sitz und die Ver-
breitungsweise des tdtiischen Krämpfe', das Befallensein bestimmter
Nervengebiete , die charakteristische Stellung der Extremitäten, das
intermittirende Auftreten der Anfälle, das Trousseau'sche Symptom,
das Fehlen aller Himstörungen — alles diess zusammengenommen
wird aber die Diagnose der Tetanie kaum einen Zweifel lassen. —
Nur die schwersten Fälle; in welchen Trismus und hochgradiger
Krampf der Rumpfmuskeln vorhanden ist, könnten an Tetanus er-
innern: jedoch wird hier der ganze Verlauf und die völlige Inter-
mission der Anfälle, der Beginn des Krämpfe an den Extremitäten
und seine centripetale Verbreitung, wobei die Kaumuskeln zuletzt
be&Uen werden, es wird das Fehlen der gesteigerten Reflexerreg-
barkeit, die Anwesenheit des Trousseau'schen Symptoms u. s. w.
die Tetanie in der Regel leicht erkennen lassen.
Die Therapie kann bei der grossen individuellen Verschieden-
heit der Einzelfälle eine äusserst mannichfache sein. Zunächst kann
die Causalindication die verschiedenartigsten Maassnahmen erfordern :
bei frischen Erkältungen kann man die Diaphoretica und Antirheu-
matiea versuchen; man wird in andern Fällen Darmkrankheiten
zu bekämpfen, Helminthen zu beseitigen, marastische und Inanitions-
zustände zu bekämpfen haben; das tonisirende und nervenstärkende
Verfahren wird vielfach in Anwendung kommen müssen — nach den
Grundsätzen und mit den Mitteln, die schon mehrfach erwähnt sind. —
Gegen die zum Ausbruch gelangten Krampfanfälle hat man die
allerverschiedenartigsten Mittel — und viele mit offenbarem Erfolg
— angewendet. In erster Linie sind die Narcotica und Anae-
sthetica zu nennen. Besonders das Chloroform hat sich viele Ver-
ehrer erworben, theils inhalirt (bis zur Narkose nach Gri solle),
tbeils innerlich, theils in Form von Linimenten oder Umschlägen
äusserlich applicirt ; es scheint bei energischer Anwendung entschieden
zur Milderung der Krämpfe ]5eizutragen — jedoch keineswegs in
allen Fällen. Auch den Aether hat man in ähnlicher Weise ange-
350 Ebb» Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven«
wendet. — Unter den narkotischen Mitteln dürften die Morphium-
injectionen wohl den Vorrang behaupten. Troassean empfiehlt
besonders Opium nut Chinin. Das Chloralhydrat wird von englischoi
Beobachtern gerühmt; ebenso von Berger.
Die Elektricität ist bisher nur in wenigen Fällen versacht,
scheint jedoch weiterer Anwendung sehr werth zu sein. Obgleich
von Heilung der Tetanie durch cutane Faradisation und Faradisation
der Antagonisten der contracturirten Muskeln berichtet wird, wird
man doch a priori dem galvanischen Strom eine grössere Wirksam-
keit bei dieser Krankheit zuerkennen, umsomehr wenn sich die An-
schauung von der Natur des Leidens als ein^s centralen weiterhin
bestätigen sollte. Doch ist eine genauere Ausbildung der Behand-
lungsmethode durch weitere Versuche sehr wünschenswerth. Stich
sah von au&teigenden stabilen Strömen in den befallenen Nerren
günstige Wirkung. Ich habe in einem Falle von der stabilen An-
wendung der Anode auf die Wirbelsäule und auf die hauptsächlich
befallenen Nerrenstämme (ebenfalls bei aufsteigender Stromesrichtnng)
Heilung eintreten sehen, muss es jedoch unentschieden lassen, ob
diess eine Folge der Behandlung war. Uebrigens sieht man manch-
mal nach einer einzigen oder wenigen galvanischen Sitzungen die
Ei^Unpfe dauernd schwinden.
Von Bädern und hydropathischen Proceduren kann
man meist guten Erfolg erwarten. Laue Vollbäder, warme Armbäder
mildem oft rasch den Anfall ; dasselbe wird von den Ealtv^asserein-
wicklungen der Extremitäten behauptet (Wilks, Bitchie). Ab-
reibung des Kückens mit Eis erwies sich in einem schweren Falle
nützlich. Trousseau erwähnt dasselbe vom Eintauchen der Hände
in kaltes Wasser oder vom Herumspazieren mit blossen Füssen auf
kaltem Boden.
Von den Nervinis scheint besonders das Bromkalium grosses
Vertrauen zu verdienen ; man gebe grosse Dosen kurz hintereinander
(2,0 stündlich, Haddon). — Auch Arsenik, Zinc. valerian., Casto-
reum, Asa foetida etc. können Anwendung finden. Doch wird man
selten zur Entfedtung eines grossen arzneiUchen Apparates genötfaigt
sein, da die Krankheit ja meist einen günstigen Verlauf nimmt
Oertliche oder gar allgemeine Blutentziehungen wird man heut-
zutage wohl nur unter ganz besonderen Umständen anwenden; viel-
leicht können örtliche Blutentziehungen und Ableitungen an der
Wirbelsäule nützlich sein.
Das diätetische Verhalten' wird je nach den vorliegenden
Umständen des Einzelfalls ein sehr verschiedenes sein müssen. B^^
Contractoren. 351
allen Kranken jedoch wird man Buhe der erkrankten Extremitäten,
Vermeidung jeder Arbeit und Ueberanstrengong , jeder Erkältung
und GemttÜisbewegung nach Kräften herbeizuführen haben.
i. Contracturen.
Hasse, 1. c. S. 316. — A. Eulenburg, 1. c. S. 611 u. 637. — Volk-
mann, Pitha-Bülroth Handb. d. Chir. U. 2. Abth. S. 727. 1872. — Klin. Vor-
träge. No. 1. 1870. — Hueter, Zur Aetiol. d. Fusswurzelcontracturen. Laugen-
beck*s Arch. Band IV. — Benedict, 1. c. — Remak, GaWanother. 1858. —
Hitzig, Auffassung einiger Anomal, d. Mnskelinnervation. Arcb. f. Psycb. und
Nery. UL 1872. — Isid. Straus, Des contractures. Tb^se de Tagr^at. Paris
1875. — S. auch die HandbQcber d. Gbirurgie u. Ortbopädie.
Wir können eine Erwähnung der Contracturen nicht ganz um-
gehen, obgleich sie zum grossen Theil nicht als wirkliche Krampf-
erscheinungen au&ufasseu; sondern auf ganz andere Entstehungs-
weisen zurfickzuitthren sind. Die Häufigkeit des Vorkommens der-
selben und ihre mannichfachen Beziehungen zu nervösen Krampf-
und Lähmungszuständen rechtfertigen jedenfalls eine zur allgemeinen
Orientirung dienende Besprechung, obgleich sie in vielen Fällen meist
secnndärer und symptomatischer Natur sind, und auch ihre prak-
tische Bedeutung wesentlich auf anderen Gebieten (Chirurgie und
Orthopädie) liegt Die Conformität der Erscheinungsweise der auf
die verschiedenste Art entstandenen Contracturen lässt es zweck-
mässig erscheinen, sie gemeinsam abzuhandeln, obwohl ein Theil
derselben entschieden nicht nervösen Ursprungs ist.
Unter „ Contractur "^ ganz im Allgemeinen versteht man jede
andauernde Verkfirzung der Muskeln, wobei ihre Insertions-
ponkte durch im Muskel selbst liegende Kräfte permanent einander
mehr genähert sind, als der Mittellage, der Subelage des Muskels
entspricht
Die Contracturen lassen sich in 3 grosse Gruppen bringen:
1) solche, welche erst secundär, in Folge anderer Erkrankungs-
formen (Lähmungen, Anchylosen etc.) entstehen. Die grosse Mehr-
zahl dieser Gruppe bilden die sogenannten paralytischen Con-
tracturen. 2) solche, welche durch anatomische Veränderungen
des Muskelgewebes selbst zustande kommen (myopathische
Contracturen) und 3) solche, welche durch abnorme Innervation,
abnorme Reizung der motorischen Nerven hervorgerufen
werden (neuropathische Contracturen).
Die erste Gruppe umfasst beinahe ausschliesslich Fälle, welche
in Folge von Lähmungen aller Art zu Stande gekommen sind. Es
352 Ebb, Erankheüen der peripheren-cerebrospinalen Nenren.
werden dann die Antagonisten der gelähmten Moskeln von der Con-
tractur befallen ; sie gerathen in eine allmälig zunehmende, danemde
Verktlrzung, welche anfongs noch leicht durch Gegenzug überwunden
werden kann, endlich aber ganz fest und unausdehnbar wird. —
Es können aber auch in völlig gelähmten Muskeln, begünstigt yon
rein mechanischen Bedingungen, ganz ähnliche Contracturen eintreten,
wie man ^ besonders bei der spinalen Einderlähmung häufig beob-
achtet In beiden Fällen treten in den Muskeln Nutritionsstörung^i
der contractilen Substanz ein, welche sich morphologisch nicht ge-
nauer nachweisen lassen, und durch welche die Muskeln die Fähig-
keit yerlieren, sich bis zu ihPer normalen Länge ausdehnen zu lassen
(einfach nutritive Verkürzung, Volk mann). Die davon befiedl^en
Muskeln bleiben bei jugendlichen Individuen im Wachsthum zurück.
Erst im späteren Verlauf tritt Schwund der Muskelfasern, Fettd^e-
neration derselben, Bindegewebswucherung und Retraction ein.
Die Entstehungsweise dieser Art von Contracturen ist dne
ziemlich einfache : das Wesentliche dabei bt eine häufig wiederholte
oder andauernde mechanische Annäherung der Insertionspunkte der
Muskeln; dieselbe kommt entweder zu Stande durch active, will-
kürliche Contraction der Antagonisten gelähmter Muskeln, welche
bei jeder Willensanstrengung sich verkürzen, ohne nachher durch
die gelähmten Muskeln wieder ausgedehnt werden zu kOnnen; so
wird allmälig ihre Verkürzung eine dauernde; oder sie entsteht da-
durch, dass die gelähmten Glieder nach dem Gesetz der Schwere
und der Lage ihres Schwerpunktes bestimmte Stellungen einnehmen,
in welchen die Insertionsstellen bestimmter Muskelgruppen einander
am meisten genähert werden; diese gerathen dann allmälig in Con-
tractur; in dieser Weise entsteht besonders der so häufige Pes equino-
varus bei der spinalen Kinderlähmung. Es kommen jedoch hier
wahrscheinlich auch noch directe Veränderungen in der Muscnlatur
— eine Art bindegewebiger Sklerose der Muskeln — hinzu, weldie
die Fixation der Contractur erleichtem. — In dieser Weise kommen
die antagonistischen Contracturen bei den verschiedensten Formen
der Lähmung, besonders bei traumatischen Lähmungen, und beson-
ders die so überaus häufigen Contracturen bei der spinalen Einder-
lähmung zu Stande.
In ähnlicher Weise und auf Grund derselben Bedingungen
(dauernde Annäherung der Insertionspunkte) können solche Contrac-
turen auch zu Stande kommen bei Gelenkkrankheiten, Veränderungen
der knöchernen G^lenkenden, ihrer Bänder u. s. w. Wenn durch
diese Erkrankungen die Gelenke dauernd in eine bestimmte, von
Contracturen. Entstehongswelse. Myopath. a. nearopath. Contractur. 353
der Mittellage erheblich abweichende Stellang gebracht werden (über-,
massige Beugung oder Streckung); so wird dadurch ein Theil der
Muskeln abnorm verktirzt, ihre Insertionsstellen werden einander ge-
näherty und es kann sich nach und nach eine Contractur ausbilden;
und zwai* sieht man das nicht selten schon nach wenigen Wochen
oder Monaten, welche das Gelenk in der falschen Stellung zuge-
bracht hat. Auch einseitiger Gebrauch oder Nichtgebrauch be-
stimmter Theile, anhaltende schiefe Haltung der Wirbelsäule u. dgl.
kann durch Vermittlung der übermässigen Annäherung der Insertions-
punkte Muskelcontractnr herbeiführen.
Die zweite Gruppe umfasst die myopathischen Contrac-
turen; auch sie können in mehrfach verschiedener Weise entstehen.
Immer aber ist es eine anatomische Veränderung der Muskelsubstanz
selbst 9 welche die Contractur bedingt. Gewöhnlich handelt es sich
dabei um landegewebige Induration (Cirrhose der Muskeln) mit gleich-
zeitiger Atrophie und theilweiser Fettdegeneration der Muskelfasern.
Es sind wohl gewöhnlich entzündliche oder den entzündlichen nahe-
stehende Vor^UigC; welche diesen Ausgang nehmen: so die Contrac-
turen, welche in Folge traumatischer Myositis entstehen ; die in Folge
acut-rheumatischer Muskelentzttndung entstehenden (rheumatischen)
ContraetureU; deren anatomische Grundlage die bindegewebige Hyper-
plasie im Muskel, die „rheumatische Schwiele.^ zu sein scheint; ferner
die syphilitischen Contracturen und wahrscheinlich auch die satur-
ninen Contracturen ; endlich auch die in neuerer Zeit (besonders von
Mantegazza und mir) eingehender in ihrer Genese verfolgten
Muskelcontracturen , welche sich so gewöhnlich im Gefolge trauma-
tischer Lähmungen in den gelähmten Muskeln selbst einstellen (über
die histologischen Details s. den betr. Abschnitt bei den „ Lähmun-
gen*'). Je nach der ausbleibenden oder eintretenden Wiederherstel-
lung des Nerveneinflusses können diese Contracturen bleibende oder
vorübergehende sein; sie sind besonders deutlich bei traumatischen
Lähmungen der Extremitäten und bei schweren Facialislähmungen
zu beobachten. Diese Lähmungen haben das gemeinsame und charak-
teristische Merkmal, dass bei ihnen die Nerven und Muskeln bei
der elektrischen Untersuchung die von mir genannte „Entartungs-
reaction^ zeigen (s. d. Capitel über Lähmungen). — Es ist wahr-
scheinlich, dass auch bei der spinalen Kinderlähmung diese Ent-
stehungsart der Contracturen eine gewisse (wenn auch nicht sehr
bedeutende) Bolle spielt, da bei dieser Krankheit gewöhnlich ein
Theil der gelähmten Muskeln ebenfalls die Entartungsreaction zeigt.
Bei den neuropathischen Contracturen ist es ein die
Handbnoh d. ipec. Pathologie n. Therapie. Bd. XII. 1. 2. Aafl. 23
354 EsB^ Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
motorisclien Bahnen treffender Beiz, welcher die dauernde und oft
äusserst hochgradige Starre und Verkürzung der Muskeln veranlasst.
Dieser Beiz kann an verschiedenen Stellen auf die motorischen Bah-
nen einwirken, von verschiedenen Seiten her denselben zugeleitet
werden. 1) Können periphere Beiz^e die motorischen Bahnen
direct treffen und die Gontractur hervorrufen : das sieht man bei
Neuritis, bei Neuromen, Fremdkörpern, bei Schussverletzungen und
ähnlichen traumatischen Läsionen der Nerven. In solchen FUlen
ist die Oontractur streng beschränkt auf das Gebiet der gereizten
Nervenfasern ; fast immer sind anderweitige periphere Erscheinungen
noch zugegen : heftige Neuralgien, Formication, Anästhesie und nicht
selten auch Lähmung.
2) Können periphere sensible Beize auf reflectorischem
Wege die motorischen Bahnen erregen und Gontractur hervomifen
(Beflexcontractur). Hierher gehören die so häufigen Gontracturen,
welche in Folge von schmerzhaften Gelenkentzündungen, von Ge-
lenkneuralgien, von schweren Fracturen u. dgl. entstehen.
3) Endlich sind es centrale Beize und ganz besonders cere-
brale Krankheitsvor^ge, welche wohl die häufigsten Veranlassungen
neuropathischer Gontracturen sind. Hier sind vor allem zu eriväh-
nen die so häufigen Gontracturen bei Hemiplegischen, ttber
deren 'Entstehungsweise noch Meinungsverschiedenheiten existu^n.
Sie treten besonders gerne auf bei den durch Apoplexie in die Cen-
tralganglien und die Grosshimhemisphären entstandenen Hemiplegien,
kommen aber auch bei allen möglichen anderen, irgendwie bedingten
hemiplegischen Lähmungen vor. Sie befallen nur die gelähmte Kör-
perhälfte, und zwar sowohl die völlig gelähmten, wie die z. Th.
wieder bewegungsfähigen Muskeln. Es sind besonders gewisse Mos-
kelgruppen, welche mit Vorliebe von den hemiplegischen Gontrac-
turen befallen werden: an der oberen Extremität sind es besonders
die Beuger und zwar mit steigender Intensität gegen die Hand zu;
daher die charakteristische Armstellnng so vieler Hemiplegischen:
Arm an den Leib gezogen, Vorderarm rechtwinklig gebeugt, Finger
fest geschlossen und nur mit der grössten Anstrengung oft zu öflfnen.
Man kann sich jedoch leicht überzeugen, dass die Gontractur auch
in den Streckern nicht vollständig fehlt; denn hat man den Arm
mit Gewalt gestreckt und sucht ihn dann zu beugen, so setzt jetzt
der Triceps denselben Widerstand entgegen, wie vorher der Bieeps.
An den unteren Extremitäten sind es theils Beuger, theils Strecker,
welche contracturirt erscheinen: das Knie ist steif in der „Streck-
stellung", Fuss und Zehen dagegen in der Plantarflexion und starker
Gontaracturen. Entstehoiigsweise. Neuropath. Contractor. 355
Beugung. — Diese hemiplegische Contractur tritt gewöhnlich erst
einige Zeit, bald früher, bald später nach der Apoplexie ein ; sie ist
in einem Falle stärker ausgeprägt, als in dem anderen und kann in
einzelnen FäUen ganz fehlen ; das hängt offenbar von dem Sitze der
Läsion ab, doch wissen wir noch nicht hinlänglich genau, welche
Himtheile erkrankt sein müssen, um die Contracturen entstehen
zu lass^. — Die Muskelstarre verschwindet gewöhnlich während
des Schlafes und kehrt nach dem Erwachen nur allmälig wieder;
sie wird durch willkürliche Bewegungen fast immer gesteigert; sie
kann fortbestehen, wenn auch die Lähmung schon wieder bedeutend
gebessert ist, und wenn die Antagonisten der contracturirten Muskeln
schon wieder ziemlich leistungsfähig sind.
Jedenfalls ist die Entstehungsweise dieser hemiplegischen Con-
tracturen wesentlich verschieden von der bei paralytischen Contrac-
turen, und nur selten werden die diesen letzteren zu Grunde liegen-
den Bedingungen bei der hemiplegischen Contractur vorhanden sein
und unterstützend wirken. Auch von einer myopathischen Verände-
rung kann nicht die Bede sein: histologisches Verhalten, Volumen
und elektrische Erregbarkeit der Muskeln bleiben bei Hemiplegien
in der Begel für sehr lange Zeit intact. Es handelt sich offenbar
um abnorme Erregungen, welche die motorischen Bahnen im Cen-
tralorgan treffen. Man dachte sich gewöhnlich die Sache einfach
so, dass die in der Umgebung von apoplektischen Herden auftreten-
den secundären entzündlichen Erscheinungen, Hyperämien, Sklerosen
u. dgL diese Beizung der motorischen Leitungsbahnen vermittelten
und so direct die Contracturen hervorriefen. Hitzig hat neuerdings
durch eine Beihe sehr interessanter Betrachtungen zu zeigen gesucht,
dass es sich bei den hemiplegischen Contracturen um einen etwas
verschiedenen Entstehungsmodus handle. Er fasst die Contracturen
als Mitbewegungen auf, welche nur eine abnorme Steigerung der
unausweichlich alle, auch die einfachsten Körperbewegungen beglei-
tenden Mitbewegungen darstellen. Diese Mitbewegungen werden an
bestimmten, von den Centren der Willenserregung getrennten Hirn-
abschnitten erzeugt und associirt; besteht in diesen Partien ein
Beizungszustand, so werden die hier eintretenden WiUenserregungen
zu abnorm gesteigerten und abnorm vertheilten Mitbewegungen, zu
Contracturen führen. Die den Willensreiz weit übertreffende Dauer
dieser „ Mitbewegungen " will Hitzig durch eine den morphologi-
sehen Elementen im Verlauf des Krankheitsprocesses allmälig zuge-
kommene Fähigkeit erklären, die ihnen gewordenen Erregungen über
die gewöhnliche Dauer hinaus festzuhalten.
23*
356 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Mag die eine oder die andere Anschaunng die riebtige sein,
jedenfalls werden wir für die hemiplegischen Contractaren zanäcbst
abnorme centrale Beizungen verantwortlicb macben rnttssen. Man
siebt desbalb aucb Contractaren auftreten bei allen möglieben cere-
bralen Erkrankungen, besonders Herderkrankungen, wenn sie ahn-
liebe centrale Reizungen benrorrufen; so bei Encephalitis, Himabs-
cessen, Hirntumoren, Hirnsklerose, bei acuter Meningitis und acutem
Hyodrocepbalus u. s. w. Es wird von dem ^tz und der Ausbreitung
dieser Störungen abhängen, ob die Contractur auf einzelne Muskeln
und Muskelgruppen beschränkt, oder ob sie mehr verbreitet ist, ob
sie in bemiplegiscber Form auftritt oder nicht u. s. w. Hieber ge-
hören wobl auch die Gontracturen, die nach manchen Fällen von
Chorea und anderen Neurosen, die bei Hysterie sich finden; nicht
minder ein Theil der angeborenen Contracturen , welche mit ange-
borenen Erkrankungen und Missbildungen des Gehirns zusammen
vorkommen.
In neuerer Zeit gewinnt, besonders auf Grund der Arbeiten t<»i
C bar cot und seinen Scbttlem, mehr und mehr die Ansiebt Boden,
dass alle oder doch die mebten bierhergebörigen Contracturen in
erster Linie abzuleiten seien von Veränderungen des Bttckenmarks
und zwar von jenen yielstudirten „secundären Degenerationen*' des-
selben, welche sich im Gefolge so vieler Herderkrankungen des Ge-
hirns einstellen. Besonders ist es die secundäre absteigende De-
generation der Seitenstränge, welche man als die Hauptursache dieser
Contracturen betrachtet. Siehe das Nähere dartlber in Band XI bei
den Krankheiten des Gehirns und Btickenmarks; vgl auch die Arbeit
von J. Straus.
Aucb bei Erkrankungen des Bückenmarks kommen
nämlich Contracturen vor, die sich vorwiegend auf die unteren Ex-
tremitäten und auf die Bumpfmuskeln erstrecken und gewöhnlieh
symmetriscb auf beiden Seiten erscheinen. Ihre Entstehung ist tbmls
auf directe Beizung der motorischen Zellen und Fasern im Bttoken-
mark, tbeils auf reflectorische Beize zurückzufahren. Doch auch
hier beobachtet man die Contracturen nicht selten als Hitbewegungen,
aucb in Muskeln, die dem Willenseinfluss ganz oder fast ganz ent-
zogen sind. Die leichtesten Grade der spinalen Contracturen werden
als I, Muskelspannungen'' bezeichnet und flihren zu einem gewissen
Widerstand bei passiven Bewegungsversuchen, wobei sie sich durch
Beflexreiz erheblich zu steigern pflegen. In den höheren Graden
kommen aber auch sehr starke, schwer zu überwindende Contrac-
turen vor. C bar cot bat zuerst wahrscheinlich gemacht, dass die
Gontractoren. Symptome. Therapie. EJektricität. 357
meisten Ton diesen Gontractnren zurttckzoftthren seien auf degenera-
tiye nnd entzündliche Processe an den Seitensträngen, mögen diese
nmi primärer oder secundärer Weise zu Stande gekommen sein nnd
es gelten in neuerer Zeit gerade diese Moskelspannungen und Con-
tracturen (neben gesteigerten Sehnenreflexen) als die Hauptsymptome
einer die Seitenstränge betreffenden Erkrankung. Sie kommen yor
bei Meningitis spinalis, bei den verschiedensten Formen der Myelitis
bei Compression des Rückenmarks, bei der von mir zuerst beschrie-
benen spastischen Paraplegie, die vermuthUch auf Seitenstrangsklerose
zurttckzuftlhren ist u. s.~w.; bei Hyst^schen kommen ebenfalls Gon-
tractnren spinalen Ursprungs vor.
Auf eine genauere Symptomatologie der Gontractnren haben
wir hier nicht einzugehen. Wir yerweisen in dieser Beziehung auf
die Lehrbücher der Chirurgie und Orthopädie und auf die yerschie-
denen einschlägigen Abschnitte dieses Werkes.
£s sei hier nur erwähnt, dass das Hauptsymptom die durch die
dauernde Annäherung der Insertionspunkte der contracturirten Mus-
keln bedingte Difformität ist; dass das straffe Vorspringen und die
Härte des contracturirten Muskels, die Beschränkung der Bewegungen
durch seine Antagonisten, die Aufhebung der passiven Beweglichkeit
in bestimmter Biphtung u. s. w. die genauere Bestimmung des Sitzes
und der Ausdehnung der Gontractur in der Regel ermöglichen.
Das elektrische Verhalten der contracturirten Muskeln er-
gibt für diese keine charakteristischen Merkmale, sondern richtet
sich durchaus nach den zu Grunde liegenden Erkrankungen und
mag bei diesen nachgelesen werden (s. d. Abschnitte über traumat
Lähmungen, spinale Einderlähmung, Hemiplegie, Myelitis, Seiten-
strangsklerose u. s. w.).
Die Ausdehnbarkeit der Muskeln hängt zum grössten Theil von
den im Muskelgewebe selbst yorhandenen Oewebsalterationen ab;
sie wird ceteris paribus um so geringer sein, je älter die Gontractur
isty und je fortgeschrittener Bindegewebsentwickelung und -Retrac-
tion und Atrophie der Fasern selbst in dem Muskel sind. Es ist
bekannt, dass die Ghlorofommarkose ein Vorzügliches Hülfsmittel
zur Ermittelung dieser Verhältnisse, sowie überhaupt zur Diagnose
der Muskelcontracturen ist.
Die Therapie der Gontractnren hat uns ebeufalls hier nicht
eingehend zu beschäftigen. Sie bildet einen Hauptgegenstand der
orthopädischen Ghirurgie, welche mit permanenter Extension (durch
die verschiedenartigsten Verbände, Lagerungsarten, Apparate und
Maschinen), mit Tenotomie und forcirter Extension in der Ghloro-
358 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
formnarkose, mit Heilgymnastik u. s. w. gegen diese Erkrankungen
zu Felde zieht. Es seien hier nur ein paar Worte gestattet über
die elektrische Behandlung der Contracturen, welche in
nicht wenigen Fällen von wesentlichem Nutzen ist.
Gegen die paralytischen Contracturen ist vor allen Dingen
die elektrische Behandlung der zu Grunde liegenden Lähmung zu
instituiren; so weit diese erfolgreich ist, wird auch die Contractar
beseitigt; das Nähere s. bei den betreff. Erankheitsformen.
Die myopathischen Contracturen erfahren — ausser in ganz
frischen Fällen — nur selten eine rasche Besserung. Doch kann man
auch in hartnäckigen Fällen (z. B. bei rheumat TorticolUs n. dgL)
noch durch eine energische und läqgere stabile Einwirkung der Anode
auf den Muskel, ebenso wie durch Stromschliessnngen und labile
Einwirkung der Kathode manchmal erhebliche Erfolge erzielen. Gegen
die frischen rheumatischen Formen erweist sich der galvanische Strom
ebenfalls sehr wirksam; ebenso aber auch der faradische, in Form
energischer, cutaner Faradisation. — Die im Gefolge traumatischer
und ähnlicher Lähmungen eintretenden myopathischen Contracturen
weichen am besten der Beseitigung der Lähmnngsursache selbst;
später kann man durch faradische oder noch besser labile galvanische
Reizung die Ernährung der Muskeln bessern und die Contractnr so
allmälig beseitigen.
Am wirksamsten ist die Elektricität aber gegen die neuropa-
thischen Contracturen. Am wenigsten gilt dies von den Con-
tracturen durch directe peripherische Reize, hier hängt alles von der
Möglichkeit ab, den Reiz zu entfernen; vermag dies der elektrisdie
Strom, so wird auch die Contractu* beseitigt. — Dagegen hat Re-
mak bei den so häufigen Reflexcontracturen, wie sie in Begleitung
und im Gefolge von Gelenkentzündungen vorkommen (und bei wel-
chen es sich zum Theil wohl auch um auf den Muskel fortgeleitete
Entzündung handelt), glänzende Erfolge mit dem galvanischen Strom
erzielt. Die beste Methode ist Durchleitung eines starken stabilen
Stroms, dann einige Unterbrechungen desselben, um Muskelzuckungen
zu erzielen, wodurch die Muskeln am besten zur Erschlaffung ge-
bracht werden sollen. (Dabei natürlich gleichzeitige Behandlung des
erkrankten Gelenkes.) Auch mit dem faradischen Strom kann man
ähnliche Wirkungen erzielen, theils durch starke locale Faradisation
der Muskeln, theils durch Faradisation ihrer Antagonisten (Du-
chenne).
Schwieriger zu behandeln sind die centralen Contracturen;
man kann die periphere und die centrale Behandlung gegen dieselben
Lähmang. ^ 359
anwenden: weitaus die wichtigere ist die centrale Behandlung^ und
ich habe dauernde Erfolge überhaupt nur bei der centralen Behand-
lung (Qehim und Bttckenmark) gesehen, wenn es gelang, das centrale
Leiden zu bessern. Natürlich kann es sich hier nur um centrale
galvanische Behandlung handeln, nach den Methoden, welche bei den
betreffenden Eraukheiten angegeben sind. Man hat mehrfach bei
Hemiplegischen durch ausschliessliche Galvanisation des Kopfes die
Contracturen sich lösen und allmälig verschwinden sehen; ebenso
beobachtet man bei Tabikem und Myelitikem nicht selten durch
Galvanisation des Bttckenmarks Abnahme der Muskelspannungen und
Contracturen.
Viel vergebliche Mtthe hat man auf die peripherische Behand-
lung der centralen Contracturen verwendet; der Erfolg ist meist ein
unbefriedigender; die Behandlung erfordert viel Geduld und Ausdauer ;
die zweckmässigsten Methoden sind folgende:
a) Faradisation oder labile Galvanisation der Antagonisten (Unter- -
Stützung dieses Verfahrens durch passive Dehnung der contracturirten
Muskeln und geeignete Extensionsapparate).
b) Starke Faradisation der contracturirten Muskeln, um dieselben
durch Ueberreizung zu erschlaffen (kann zweckmässig mit a) ver-
l)unden werden).
c) Starke Galvanisation der Muskeln mit absteigend stabilem
Strome, mit nachfolgenden zahlreichen Stromunterbrechungen (und
dadurch Muskelzuckungen); dadurch sollen die contracturirten Mus-
keln am besten zur Erschlaffung gebracht werden (Bemak).
Nach meinen Erfahrungen ist diese periphere Behandlung nur «
dann einigermassen nützlich, wenn es gleichzeitig gelingt, das cen-
trale Leiden der Besserung entgegenzufahren.
Es braucht wohl nicht hinzugefügt zu werden, dass die elektrische
Behandlung in zahlreichen Fällen nur ein Unterstützungsmittel der
anderweitigen Behandlung sein kann.
3. Lähmung im Allgemeinen.
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Legros etc. Ferner die Literatur zu d. E^rankheiten d. Gehirns u. Rückenmarks.
Wir yersteben unter Lähmung (Akinesis) die Verminde-
rnng oder Aufhebung der Fähigkeit, die actlren Bewe-
gungsorgane, d. h. den ganzen motorischen Nerven-
apparat und die Muskeln — zu ihrer normalen Function
anzuregen.
Durch diese Definition wird zunächst die durch Erkrankung der
passiven Bewegungsorgane (Knochen, Gelenke, Bänder u. s. w.)
bedingte Immobilität von dem Begriff der Lähmung aasgeschlossen.
Andrerseits aber werden die durch Erkrankung, Erregbarkeitsyerlust
oder Atrophie der Muskeln entstandenen Bewegungsstörungen^ die
sogenannten myopathischen Lähmungen, in die Definition mit einge-
schlossen. Es ist nicht recht erfindlich, warum man diese Yon dem
Lähmung. Definition. 361
Begriff der LähmuDg ansschliessen sollte, da doch offenbar die Muskeln
integrirende Theile der actiyen motorischen Apparate bilden, gleich-
sam die Endapparate der motorischen Leitangsbahnen darstellen ; da
ferner eine motorische Lähmung nur an den Muskeln in die Er-
seheinnng treten kann und endlich Lähmungen durch Erkrankung
der Mnskelsubstanz yon den durch Erkrankung der motorischen End-
apparate entstandenen Lähmungen praktisch durchaus nicht getrennt
werden können. Es erscheint deshalb gerechtfertigt, Störungen der
Motilität, welche von diesem Theil des activen Bewegungsapparates
ausgehen, ebenfalls unter dem Begriff der Lähmung zusammenzu-
&ssen. „Lähmung'' ist offenbar ein symptomatischer Begriff, ähnlich
wie Neuralgie, Anästhesie, Krampf u. s. w. und das Charakteristische
davon ist mangelhafte oder aufgehobene Muskelcontrac-
tion bei vorhandener Willensintention. Die Bestimmung
der Genese der Lähmung gehört nicht nothwendig in die Definition
derselben und es ist fttr den symptomatischen Begriff nicht wesentlich,
ob die Aufhebung der gewollten Muskelcontraction durch Störungen
des motorischen Nervenapparates (neuropathische Lähmung)
oder durch Erkrankung der Muskdn selbst (myopathische L.)
bedingt ist. Jedenfalls scheint uns der Begriff der motorischen Läh-
mung durcK diese Auffassung mehr abgerundet zu werden. Wir haben
uns natürlich hier fast ausschliesslich mit den neuropathischen Läh-
mungen zu beschäftigen.
Es wird aber durch unsere Definition auch diejenige Immobilität,
welche durch Mangel der centralen Willenserregungen, durch Abulie,
bedingt ist, von dem Begriff der Lähmung ausgeschlossen. Bewegungs-
vorstellungen und der Wille, sie auszufahren, sie auf die motorischen
Apparate zu übertragen, müssen vorhanden sein, wenn der B^riff
der I|lhmung vollständig sein soll. Sobald jedoch die Uebertragung
der (wir wissen bekanntlich noch nicht, wo) entstehenden Willens-
erregungen selbst auf die allercentralsten motorischen Apparate (mo-
torische Gentren in der Grossbimrinde von F ritsch und Hitzig?)
oder auf die motorischen Leitungsbahnen und die Mui^keln gehemmt
ist, haben wir den Begriff der Lähmung. Auf der andern Seite kann
die Fähigkeit, auf dem Gebiete des Vorstellens Willenserregungen
zu erzeugen, erloschen sein (Abulie), ohne dass Lähmung vorbanden
ist: ein von Melancholia attonita Befallener, ein Schlafender, ein im
Chloroformrausch Befindlicher ist nicht gelähmt. Wir vermeiden
damit wohl am besten den ungerechttertigten Uebergriff auf das
psychologische und psychiatrische Gebiet.
Die Lähmung wird sinnfällig und kann überhaupt nur in die
362 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
Erscheinung treten als Verminderung oder Aufhebung der —
irgendwie physiologisch (durch Willensreiz , Reflexreiz oder automa-
tische Erregung) hervorzurufenden — Contraction der verschie-
denen Muskeln des Körpers. Gewöhnlich ist die nächste Folge
dieser mangelhaften Muskelcontraction die mangelnde Bewegung,
die Immobilität gewisser beweglicher Eörpertheile. Es mag hi^r
nochmals hervorgehoben werden, dass nicht jede Immobilität auf
Lähmung zurückzuführen ist, sondern dass dieselbe auch entstehen
kann durch Arthropathien, Anchy losen, Contracturen , Fehlen des
Willenseinflusses u. dgl.
Um die blosse Verminderung von der völligen Aufhebung der
Muskelcontraction zu unterscheiden, hat man für dieselben bestimmte
Bezeichnungen gewählt, welche die Charakterisirung des Grades der
Bewegungsstörung im einzelnen Falle erleichtem. Wenn die Motilität
(willkürliche Beweglichkeit) vollständig erloschen ist, so dass auf
den Willensreiz gar keine Reaction mehr erfolgt, dann spricht man
von Paralysis; ist dagegen nur eine mehr oder weniger ausge-
sprochene Verminderung der Motilität vorhanden, erfolgen auf den
Willensreiz nur schwache, kraftlose und wenig ausgiebige Bewegungen,
tritt sehr rasch und leicht Ermüdung ein, so nennt man das Paresis.
In diesem Falle bestehen gewisse Hindemisse ftir die motorische Er-
regung und Leitung, die aber ftir den Willensreiz nicht völlig unüber-
windlich sind. Die Parese kann allmälig in Paralyse übergehen.
Pathogenese und Aetiologie.
Die zunächst uns hier entgegentretende Frage, an welchen Theilen'
der motorischen Apparate die zur Lähmung führenden Veränderungen
ihren Sitz haben können, erledigt sich einfach dahin, dass von allen
Theilen des activen Bewegungsapparates, mit Einschluss der M^eln,
Lähmung hervoi^erufen werden kann. Alles, was die Erregbarkeit und
Leitungsfähigkeit der motorischen Nervenapparate, alles, was die Er-
regbarkeit und Contractionsfähigkeit der Muskeln herabzusetzen oder
auizuheben im Stande ist, kann Lähmung herbeiftihren. Nicht in allen
Fällen sind uns die Veränderungen genau bekannt, welche diese
Wirkung haben. Freilich hat uns die pathologische Anatomie in
einer grossen Mehrzahl der Fälle deutliche und zum Theil recht be-
deutende und grobe anatomische Läsionen an Ganglienzellen, Nerven-
fasern und Muskeln nachgewiesen, welche die Aufhebung der Erreg-
barkeit und Leitungsfähigkeit hinreichend eiUären. Immerhin bleibt
aber noeh eine Reihe von Fällen übrig, in welchen anatomische
Veränderungen am Nervensystem und den Muskeln auch bei der ge-
L&hmoDg. Pathogenese and Aetiologie. 363
nauesten ÜntersnchuDg nicht gefunden werden and die Erfahrungen
mit gewissen Giften, welche in minimalen Dosen angemein schnell
ausgesprochene Lähmungserscheinungen hervorrufen/ machen es im
höchsten Grade wahrscheinlich, dass nicht ausschliesslich den Mängeln
unserer optischen Hulfsmittel diese negativen Resultate zur Last zu
legen sind. Wir sind deshalb zu der Annahme berechtigt, dass
Lähmungen gelegentlich auch durch feinere moleculare Veränderungen
an Nerven und Muskeln hervorgerufen werden können, welche sich
der Erkennung mit unsem gegenwärtigen Hülismitteln vollständig
entziehen. Wir können uns eben eine erhebliche Störung der Function
— und um eine solche handelt es sich offenbar bei jeder Lähmung
— nicht ohne eine entsprechende Veränderung der molecularen Zu-
stände in der Ernährung der Gewebselemente vorstellen. Voraus-
sichtlich jedoch wird das Gebiet der sogenannten „ Ainctionellen *"
Lähmungen mit dem Fortschreiten unserer Erkenntniss mehr und
mehr eingeengt und auf eine verhältnissmässig kleine Anzahl von
Fällen beschränkt werden.
Im Einzelnen können nun solche gröbere oder feinere Störungen
an sehr verschiedenen Punkten des ganzen motorischen Apparates
angreifen und so zu einer verschiedenen Entstehungsweise der Läh-
mung führen. (Wir haben hier vorwiegend von den Lähmungen der
willkürlichen quergestreiften Muskeln zu sprechen; doch gelten die
allgemeinen Sätze auch für die automatischen und reflectorisc]ien Be-
wegungen, für welche wir das Nöthige jeweils in Parenthese bei-
fügen werden.) Die Beobachtung und Betrachtung lehren, dass wir
in dieser Beziehung drei grosse Gruppen von Lähmungen unter-
scheiden können.
1) Kann Lähmung dadurch entstehen, dass die motorischen
Gentralap parate (resp. die Centren der automatischen Bewegun-
gen; oder die reflexvermittelnden Ganglienapparate) zerstört oder
leistungsunfähig geworden sind. Wir verstehen unter moto-
rischen Centralapparaten diejenigen Theile des Grosshims, in welchen
wahrscheinlich die Willenserregungen in motorische Erregungen um-
gesetzt werden. Es ist wahrscheinlich, dass diese Gentralapparate
nicht mit den Willenscentren selbst zusammenfallen. Ausgeschlossen
sind daher die Erkrankungen der Willenscentren selbst, die zur
Abulie führen, und ebenso alle diejenigen Erkrankungen, welche
Störungen des Bewusstseins und Vorstellens und damit auch des
Willens herbeiführen, lieber den Sitz dieser eigentlichen motorischen
Centralherde war man bis vor nicht langer Zeit ziemlich im Un-
klaren, und auch die epochemachenden Arbeiten von Fritsch und
364 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Hitzig, von Nothnagel, Ferriei:, Braun, Goltz u. A. haben
das Dunkel nur zum Theil gelichtet und noch eine Reihe von Fragen
offen gelassen, deren Lösung man erst in Zukunft näher treten wird.
Für die Pathogenese der Lähmungen ist die Annahme dieser CentnU-
herde daher in mancher Beziehung noch mehr ein theoretisches
Postulat als eine wohlerworbene Thatsache. Es ist wahrscheinlich,
dass ausser den bis jetzt bekannten motorischen Theilen der Oross-
himrinde auch Theile der Gentralganglien sowie des Kleinhirns als
solche Gentralherde angesehen werden dürfen. Für praktische Zwecke
jedoch genügt es, sämmtliche durch Erkrankung dieser theilweise
schon bekannten, theilweise aber noch genauer zu localisirenden
motorischen Centralapparate entstandenen Lähmungen als Central-
lähmungenim engem Sinne zu bezeichnen (zum Unterschiede Ton
den „centralen*" Leitungslähmungen, die sogleich zu charakterisiren
sind). Dabei können die motorischen Leitungsbahnen längs ihres
ganzen Verlaufs ebenso wie die Muskeln vollkommen intact sein.
Es können dann 2) Lähmungen entstehen durch Verminde-
rung oder Aufhebung der Leitungsfähigkeit der moto-
rischen Nervenbahnen. Da diese Bahnen sehr ausgedehnt und
weitverbreitet sind und in der mannichfachsten Weise gestört werden
können, so sind diese Arten von Lähmung weitaus die häufigsten.
Sie bilden die grosse und wichtige Gruppe der sogenannten Lei-
tungslähmungen. Sie können zu Stande kommen in den moto-
rischen Faserungen, welche im grossen Gehirn von den motorischen
Centralherden ausgehen und schliesslich durch die Pedunculi und
den Pons hindurch in die Vorderseitenstränge des Rückenmarks über-
treten ; sie können femer entstehen in den motorischen Leitungsbahnen
innerhalb des Bückenmarks, in den genannten weissen Strängen und
wohl auch innerhalb der grauen (kinesodischen) Substanz desselben;
endlich in den motorischen Fasern, welche als vordere Wurzeln das *
Bückenmark verlassen und durch Plexus und peripheriBche Nerven
zu den Muskeln hin verlaufen. Man unterscheidet dem entsprechend
3 Arten von Leitungslähmungen, je nach den befallenen Abschnittcai
der motorischen Leitungsbahn; nämlich peripherische, spinale
und cerebrale Leitungslähmungen. (Da vielfach die beiden letxten
Arten unter den „ centralen ^ Lähmungen aufgeführt werden, ist wieder-
holt von einer Verwechselung mit der „ Centrallähmung '^ im engere
Sinn zu warnen. Diese ist immer eine cerebrale Lähmung; aber
nicht jede cerebrale Lähmung ist eine Centrallähmung , da es auch
cerebrale Leitungslähmungen gibt.)
Endlich können 3) Lähmungen zu Stande kommen durch Ver-
Lähmung. Pathogenese und Aetiologie. 365
nichtung der Keizbarkeit nnd Gontractilität der Mus-
keln ^ welche durch Gifte, Entartung, Zertrtlmmerung derselben
u. df^l. zu Stande kommen kann. . Der von den motorischen Bahnen
ausgehende Beiz ist dann nicht mehr im Stande, die Muskelfaser
zur Contraction zu veranlassen. Das ist die sogenannte myopa-
thische Lähmung, die vielfach nur ein untergeordnetes Krank-
hdtssymptom darstellt, häufig aber auch von wesentlicher und her-
vorragender Bedeutung für den Verlauf und Ausgang gewisser
Muskelkrankheiten ist Sie wird bei den Krankheiten des Muskel-
systems des Genaueren besprochen werden.
Auf diese 3 Entstehungsarten mttssen sich alle Formen der Läh-
mungen zurttckftihren lassen und man kann vom pathogenetischen
Standpunkte aus zweckmässig 3 Gruppen von Lähmungen unter-
scheiden: Centrallähmungen , Leitungslähmungen und Muskelläh-
mungen. Wenn trotzdem gewöhnlich eine andre Eintheilung der
Lähmungen gebraucht wird, so geschieht dies aus wohlberechtigten
praktischen Gründen.
Unter den eigentlichen Lähmungsursachen, welche nach
dem Vorausgehenden an verschiedenen Abschnitten des activen Be-
wegungsapparates einwirken hönnen, sind zunächst Traumata der
verschiedensten Art sehr häufig und auch unserem Verständniss am
leichtesten zugänglich. Dass völlige Zertrümmerung oder Zerreissung
und Durchtrennung der motorischen Bahnen Lähmung erzeugen
müssen, ist selbstverständlich ; ebenso dass auch stärkere Quetschun-
gen, mechanische Compression u. dgl., durch welche die histologische
Beschaffenheit der Nerven und Muskeln nachweisbar alterirt werden,
denselben Effect haben; weniger verständlich ist die oft sehr inten-
sive Wirkui^ leichteren mechanischen Drucks, welcher keine sicht-
baren Spuren an den Nerven ,. keine Veränderung ihrer elektrischen
Erregbarkeit, keine secundlü*en Ernährungsstörungen hervorruft. Und
doch sieht man nicht selten darnach recht hartnäckige Lähmungen
entstehen (z« B. bei Druck auf den N. radialis am Oberarm) und
ist zu der Annahme genöthigt, dass selbst eine leichte mechanische
Einwirkung den Molecularzustand der motorischen Nerven üi einer
Weise verändern kann, dass völlige Aufhebung ihrer Leitungsfähig-
keit entsteht. Interessante Experimente Weir MitchelTs (1. c.
p. 111) haben über diesen Punkt einige Aufschlüsse geliefert; er
fand, dass ein Druck von 18 — 20 Zoll Quecksilber nach 15 Secunden
Dauer genügte, um die motorische Leitung (ftir Willens- und elek-
trische Erregung) völlig zu unterbrechen; nach Entfernung des Drucks
kehrte bald die Leitungsfähigkeit wieder, aber trotzdem fand man
366 £ab, Krankheiten der peripheren-cerebrospinaleB Nerven.
das Nervenmark an der gedrückten Stelle völlig zerfallen. Er ist
klar; dasB ein stärkerer und länger anhaltender Druck auch den —
in diesen Experimenten noch intact gebliebenen — Axencylinder
schwerer beeinträchtigen und damit die Lähmung zu einer mehr
dauernden machen würde. In dieser Weise kommen ohne Zweifel
die Compressionslähmungen beim Menschen zu Stande. Die Erfahrung
lehrt, dass motorische Nerven solchen Einwirkungen weniger Wider-
stand leisten, als sensible; denn wenn gemischte Nervenstämpie von
einer solchen mechanischen Läsion getroffen sind, pflegt die Störung
der Motilität grösser und hartnäckiger zu sein, als die der Sensibi-
lität. Es ist nicht nöthig, alle die möglichen traumatischen Ein-
wirkungen, welche gelegentlich zu Lähmungen fUhren (Zerrung,
Quetschung, Compression, Zerreissung, Schuss-, Hieb- und Stich-
wunden, Fracturen und Luxationen etc.), namhaft zu machen. Wir
werden bei der Betrachtung der einzelnen Lähmungsformen sehen,
wie gerade gewisse Nervenstämme zu bestimmten Formen der trau-
matischen Lähmung prädisponirt sind und verhältnissmässig häufig
und in oft ganz typischer Weise von traumatischen Lähmungen be-
fallen werden. Diese traumatischen Lähmungen kommen wohl
der Natur der Sache nach — Gehirn und Kückenmark sind ja durch
ihre knöchernen Hüllen mehr vor traumatischen Einwirkungen ge-
schützt — am häufigsten an den peripherischen Nerven vor und sie
bilden hier einen sehr wohl charakterisirten Typus dieser Lähmungs-
formen, dessen experimentelles Studium unsere Kenntnisse über
Lähmtmgen überhaupt sehr erheblich gefördert hat.
Den traumatischen Lähmungen am nächsten stehen die durch
Erkrankung der dem Nervensystem benachbarten T heile
verursachten Lähmungen, insofern dieselben ebenfalls durch mecha-
nischen Druck, Compression, Zerrung u. dgl. erzeugt sind. Exostose,
abnorme Gallusbildung, Caries der Wirbelsäule, Aneurysmen, Echiuo-
coccen, Drüsenanschwellungen, Hernien, Tumoren aller Art und zahl-
lose andere Dinge können in dieser Weise zu Lähmungen Aihren.
Erkrankungen des Nervensystems selbst gehören zu
den häufigsten Lähmungsursachen. Sie können in verschiedener
Weise einwirken: entweder dadurch, dass sie die Nervenelemente
(Ganglienzellen, Nervenfasern) direct zerstören, zur Degeneration und
Atrophie bringen, oder dadurch, dass sie dieselben comprimiren und
dadurch leistungsunfähig machen; oder endlich dadurch, dass de
ihre Ernährung, ihre moleculare Zusammensetzung in einer Weise
verändern, mit welcher eine normale Functionirung nicht mehr ver-
einbar ist. Es ist sonach leicht ersichtlich, in welcher Weise Ent-
Lähmung. Pathogenese und Aetiologie. 367
ztindangen (Neuritis, Myelitis, EncephalitiB) ; Blutextravasate (Him-
ond Rttckenmarksapoplexien) ; Erweichnngsherde ; Sklerosen, Tumoren
aller Art, grane Degeneration, Fettdegeneration, Atrophie, Krank-
heiten der Hirn- and Rückenmarkshänte u. dgl. Lähmnng herbei-
führen können, und in der That gehören lülunangen des verschie-
densten Sitzes und Grades zu den gewöhnlichsten Symptomen aller
der genannten pathologisch-anatomischen Veränderungen.
Von entschiedener Bedeutung für das Entstehen von Lähmungen
sind Störungen der Circulation in den verschiedensten TheUen
des Nervensystems. Am energischsten wirkt eine plötzliche und voll-
ständige arterielle Ischämie wegen der durch den völligen Blut-
mangel bedingten Ernährungsstörung, welche die Erregbarkeit der
Nervenapparate alsbald vernichtet. Daher die Hemiplegien bei Em-
bolie und Thrombose der Himgefässe; daher die Lähmung der untern
Extremitäten bei dem bekannten Stenon' sehen Versuch (Aorten-
compression) , der von Schiffer auf seine wahren Bedingungen —
Ischämie des Lendenmarks — zurückgeführt ist; daher die Lähmung
in Folge von Unterbindung grösserer Arterienstämme, welche keinen
ausgiebigen CoUateralkreislauf besitzen. An den peripheren Nerven
und den Muskeln kommen übrigens solche ischämische Lähmungen
langsamer und schwieriger zu Stande, als vom centralen Nerven-
system aus. Häufig sind dieselben unvollkommen, wenn die Ab-
schneidung der Blutzufnhr keine ganz vollständige ist, und sie treten
oft erst dann hervor, wenn stärkere Anforderungen an die Bewegungs-
apparate gestellt werden. Alle möglichen, aus der allgemeinen Patho-
logie bekannten Ursachen der Ischämie können derartige ischämische
Lähmungen im Gefolge haben. — In ähnlicher, wenn auch weniger
intensiver Weise, wirkt die venöseStauung, besonders wenn
dieselbe eine vollständige ist ; die durch die fehlende Blutemeuerung
bedingte Ernährungsstörung (und vielleicht auch directe Intoxication*
mit CO 2 und ähnlichen Stoffwechselproducten) hebt endlich die Er-
regbarkeit der motorischen Apparate auf und bedingt so die Läh-
mung. — Nicht vollkommen sicher gestellt scheint es, ob auch
arterielle Hyperämie zur Lähmung führen könne; die unter
den Symptomen der Gehimcongestion gewöhnlich aufgeführten flüch-
tigen Lähmungserscheinungen sind vielleicht durch secundäre Oedeme
oder abnorme Blutvertheilung in den verschiedenen Gehimabschnitten
bedingt.
In wie weit Störungen der Blutmischung (Anämie, Hy-
drilmie, Chlorose U; dgl.) Lähmungen herbeifbhren können, ist
noch nicht hinreichend festgestellt, wenn es auch allerdings a priori
368 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebroBpinalen Nerven.
nicht gerade unwahrscheinlich ist, dass ein hochgradig verändertes
nnd verarmtes Blut die Ernährung der motorisch^ Nervenapparate in
hinreichender Weise alteriren kann, dass Lähmung herbeigeftlhrt wird.
— Ebenfalls durch Vermittlung des Blutes wirken wohl gewisse
Gifte, welche erfahrungsgemäss häufig zu Lähmungen fUhren; wahr-
scheinlich werden dieselben durch das Blut dem Nervensystem und
den Muskeln zugeführt und bewirken hier entweder mehr acute Er-
nährungsstörungen oder mehr chronische Erkrankungen verschie-
dener Abschnitte des activen Bewegungsapparates, welche die Fono-
tion desselben unmöglich machen. Abgesehen von den narkotischen
und anästhetischen Mitteln (Opium, Morphium, Chloroform, Alkohol,
Kohlenoxyd u. dgl.), welche wohl vorwiegend auf die Organe des
Bewusstseins und Willens einwirken, sind es besonders gewisse
pflanzliche Alkaloide und ähnliche Gifte (Curare, Ergotin,
Nicotin, Saponin, Blausäure, Kampher u. s. w.)) welche in mehr
acuter Weise hochgradige und weitverbreitete Lähmungserscheinungen
hervorrufen können, während andrerseits besonders gewisse Met all-
Präparate erst im Laufe chronischer und oft vieljähriger Intozica-
tionen zu Lähmungen führen. Am bekanntesten ist von dieser Gmppe
die Bleilähmung, welche ein äusserst wohlcharakterisirtes Krank-
heitsbild darstellt und nicht selten im Gefolge der satuminen Intoxi-
cationen hervortritt; seltener und in viel weniger typischer Weise
werden solche Lähmungen bei chronischen Vergiftungen mit Arsenik,
Quecksilber und Phosphor beobachtet
Auch die Lähmungen nach acuten Krankheiten hat man
zunächst auf die dabei vorhandenen — und zum Theil noch hypo-
thetischen Veränderungen des Blutes zurückführen wollen; doch ist
dieser Versuch wohl nur für den kleinsten Theil der hierhergehörigen
Lähmungsformen berechtigt. Jedenfalls ist es Thatsache, dass naeh
einer Reihe von acuten Krankheiten und zwar besonders nach solohen,
die man zu den Infectionskralikheiten im weiteren Sinne rechnet
(acute Exantheme, Erysipel, Typhus, Intermittens , Cholera, Dys»-
terie, acuter Gelenkrheumatismus, besonders häufig Diphtberitis)^
nicht selten sich Lähmungen entwickeln, die theils während des
Verlaufs dieser Krankheiten entstehen, theils und häufiger verschieden
lange Zeit nach Ablauf derselben zum Vorschein kommen, und die
den verschiedensten Sitz und Ausbreitung haben können. Bald er-
scheinen solche Lähmungen in Form von Hemiplegien, oder von
Paraplegien, oder beschränkt auf einzelne cerebrale oder spinale
Nerven, auf ganz vereinzelte Muskelgebiete; sie haben bald den
Charakter von peripheren bald den von spinalen oder cerebrale
Lähmung. Pathogenese and Aetiologie. 369
LähmnngeD (s. u.) and nur die diphtheritische Lähmung eigentlich
zeigt meist eine gewisse Regelmässigkeit im Befallenwerden der
Terschiedenen Maskelgebiete und im Verlauf der ganzen Affection.
Jedenfalls geht aus den bisher vorliegenden Erfahrungen so viel
hervor, dass diese „Lähmungen nach acuten Krankheiten^ keines-
wegs überall die gleiche Pathogenese haben , sondern dass sie viel*
mehr sehr verschiedenartigen pathologischen Vorgängen ihre Ent-
stehung verdaiiken. Wahrscheinlich ist die bei diesen Krankheiten
vorhandene Veränderung des Blutes und die dadurch bedingte Er-
nährungsstörung der nervösen Apparate — wenn überhaupt — nur
in den seltensten Fällen die Ursache der Lähmung. Vielmehr schöpfen
wir aus dem ganzen Verhalten der gelähmten Theile, aus den elek-
trischen Veränderungen derselben, aus dem ganzen Verlauf des Vor-
gangs Gründe genug, um in den meisten Fällen erhebliche anato-
mische Veränderungen als Ursachen der Lähmung anzunehmen.
Freilich ist es bisher nur in wenigen Fällen gelungen, solche anato-
mische Veränderungen wirklich nachzuweisen ; doch liegen immerhin
schon einzelne beweisende Beobachtungen vor: so fand Buhl in
einem tödtlich verlaufenden Fall von Diphtheritis reichliche zellige
Infiltration und Wucherung der Nervenscheiden fast an sämmtlichen
spinalen Nervenwurzeln und betrachtet dieselbe als die Ursache der
cÜphtheritischen Lähmung; Ebstein hat in einem Falle von nach
Typhus zurückgebliebener Gliederschwäche Sklerose des Central-
nervensystems aufgefunden, und Westphal constatirte als Ursache
der nach Variolois nicht gerade selten auftretenden Paraplegien
wiederholt eine disseminirte Myelitis der grauen und weissen Sub-
stanz; ich selbst habe nach Scarlatina und schwerer Puerperal-
erkrankung hartnäckige Lähmungen entschieden spinalen Ursprungs
beobachtet. In neuester Zeit hat Bernhardt*) eine circumscripte
Neuritis als Ursache einer während des Typhus entstandenen Radialis-
lähmung nachgewiesen. Ohne Zweifel werden weitere Untersuchungen
auch anderweitige Läsionen (Blutextravasate, Entzündungen, Neuritis,
Tumorenbildung u. s. w.) kennen lehren, welche, in Folge der acuten
Krankheiten entstanden, nun Lähmungen bedingen.
In gleicher Weise gilt dies für die Lähmungen bei chroni-
schen Infectionskrankheiten und bei gewissen Kache-
1) üeber Radialisl&hmong. Arch. f. Psychiatr. u. Nervenkr. IV. 3. 1874. —
In demselben Archiv, Bd. VI. 2. 8. 543 hat Eisenlohr einen Fall von Typhos-
l&hmiing im link. Ischiadicusgebiet pnblicirt, in welchem durch Entstehungsweisey
Yerlaaf und elektr. Verhalten ebenfalls die Annahme einer Neuritis im höchsten
Grade wahrscheinlich gemacht wurde.
Handbuch d. 8i>«c. Pathologie iu Therapie. XII. Bd. t. 2. Anfl. 24
370 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
xien, welche ebenfalls gewiss weniger auf die fehlerhafte Blntbe-
schaffenheit selbst, als vielmehr auf gewisse dnrch dieselbe bedingt
anatomische Läsionen des Nervensystems zurückznflihren sind. In
besonderem Maasse gilt dies fUr die Syphilis, welche am häu-
figsten anter diesen Krankheitsformen zu Lähmung ftLhrt. Syphili-
tische Periostitis und Exostosen, Gummata und chronische specifische
Entzündungen, Gefässerkrankungen u. dgl. erklären das Auftreten
der so häufigen syphilitischen Lähmungen und ihren mannichfEtltigen
Sitz hinlänglich. Neben diesen, grösstentheiln der sogenannten ter-
tiären Periode der Syphilis angehörigen Lähmungen gibt es aber
nach Fournier (Le?. sur l Syph. Paris 1873. p. 805) auch solche,
welche der secnndären Syphilis angehören und mit Vorliebe das 3.,
6. und 7. Himnervenpaar betreffen, oder als Hemiplegie erscheinen.
— Die Scrophulose wird am häufigsten durch Knochen- und
Periosterkrankungen , seltener durch Drtlsenschwellungen u. dgL zu
Lähmung fahren. — Bei der Tuberkulose sind es gewöhnlich
die tuberculösen Entzündungen der Meningen oder die Entwickelung
von Tuberkeln in der Substanz des Gehirns und Kttckenmarks, welche
flir die Lähmung verantwortlich gemacht werden müssen. — Weniger
bekannt ist es, wie die Gicht zu Lähmungen Veranlassung wird:
Apoplexien, gichtische Entzündungen an Gehirn- und Rückenmarb»-
häuten, arthritische Neuritis werden hier beschuldigt — ob mit Recht
oder Unrecht, müssen wir dahingestellt sein lassen.
Eine trotz ihrer notorischen Häufigkeit noch nicht genügend
aufgeklärte Lähmungsursache ist die Erkältung; sie spielt in der
Aetiologie aller möglichen Lähmungen eine grosse Bolle, und ihre
Häufigkeit hat zur Aufstellung einer besonderen Gruppe von Läh-
mungen, der „rheumatischen'' oder besser „ refrigeratorischen "^ Läh-
mungen geftlhrt — eine Gruppe, die einerseits durch das ätiologisde
Moment der „Erkältung", andererseits durch unsere Unkenntniss über
die zu Grunde liegenden anatomischen Veränderungen mangelhaft ge-
nug charakterisirt ist. Erkältungslähmungen können in allen mög-
lichen Nervenabschnitten und Nervengebieten vorkommen, befallen
jedoch wohl am häufigsten die peripheren Nerven, und zwar einzelne
derselben, z. B. den N. facialis mit ganz besonderer Vorliebe, und
es ist im höchsten Grade wahrscheinlich, dass leichte Exsudations-
und Schwellnngsvorgänge am Neurilemm oder leichte Entzündungen
desselben, wodurch die Nervenbahnen comprimirt werden, die nächste
Veranlassung der Lähmung in solchen Fällen sind. Je nach dem anato-
mischen Sitze dieser Veränderungen und der zufälligen Lagerung der
Nerven in mehr oder weniger unnachgiebigen Gebilden können dar-
Lähmung. Pathogenese ond Aetiologie. 371
aas verschieden schwere und hartnäckige Lähmungen entstehen. Es
können jedoch dnrch Erkältung auch centrale Erkrankungen her-
vorgerufen werden, welche zu Lähmung führen, so Myelitis und
Meningitis spinalis, Tabes u. s. w. Man pflegt dieselben aber ge-
wöhnlich nicht mehr zu den „rheumatischen '^ Lähmungen zu rechnen.
In keiner Beziehung aufgeklärt sind ferner diejenigen Lähmun-
gen, welche durch Erschöpfung des Nervensystems in Folge
übermässiger Anstrengung desselben entstehen: so können über-
mässige motorische Anstrengungen, z. B. starke forcirte Märsche
besonders unter lebhaften Gemüthseindrttcken (bei Schlachten), femer
übermässige oder unnatürliche Befriedigung des Geschlechtstriebes,
anhaltende Nachtwachen verbunden mit übermässiger geistiger An-
strengung und ähnliche Einwirkungen zur Lähmung führen. Dies ge-
schieht aber dann jedenfalls auf dem indirecten Wege einer mehr
oder weniger tiefgehenden Ernährungsstörung des Nervensystems
(Degeneration, Atrophie, chronische Entzündung u. dgl.), welche die
motorischen Bahnen ergreift und ihre Erregbarkeit und Leitungs-
fUhigkeit allmälig zerstört. — Nahe verwandt damit sind die Läh-
mnngen, welche durch heftige psychische Einwirkungen,
Schrecken, Furcht, Angst, Einbildung entstehen können und welche
wohl meist centralen Ursprungs sind, aber verschiedenen Entsteh-
ungsmechanismus darbieten können. Hierher gehören die interessan-
ten Fälle von Kussel Reynolds ^ und einige Beobachtungen von
Kohts') nach dem Bombardement von Strassburg; bei diesen letz-
teren handelte es sich um spinale Aflfectionen. — Welche Verände-
rung den so häufig vorkommenden Lähmungen bei der Hysterie
zu Grunde liegt, wissen wir nicht; wir können nur sagen, dass es
wohl in der Mehrzahl der Fälle Veränderungen am Centralnerven-
System sein werden, welche die hysterischen Lähmungen bedingen^,
während es noch nicht sicher gestellt ist, ob bei dieser Krankheit
auch peripher bedingte Lähmungen vorkommen. — Auch die bei
schweren Krampf krankheiten , Epilepsie, Eclampsie, Chorea
u. s. w. manchmal auftretenden Lähmungen beruhen wohl meist auf
VeiUnderungen der Centralorgane, die wir freilich noch nicht ge-
nauer kennen.
Wir haben endlich noch eine höchst unklare ätiologische Gruppe
von Lähmungen zu erwähnen, nämlich die sogenannten Beflex-
1) Remarks on paralysis and other disorders of motion and Sensation, depen-
dent on idea. Brit. med. Joum. 1869. Nov. 6.
2) Berl. klin. Woch. 1873. No. 24—26.
24*
372 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebroBpinalen Nerven.
lähmungen, d. h. Lähmongen, welche auf reflectorischem Wege
im Gefolge einer primären Erkranknng, Verwondang oder Nenren-
reizung an der Peripherie zu Stande kommen sollen. Solche Läh-
mungen — fast immer nur in Form von Paraplegien, seltener auf
eine Extremität oder einen Nerrenstamm beschränkt — hat man
nicht gerade selten beobachtet nach Dysenterien und anderen Darm-
erkrankungen, nach Blasen-, Nieren- und Uteriuleiden , im Gefolge
von Schussverletzungen der Gelenke, von Nervenverletzungen u. a w.
— Diese Lähmungen entwickeln sich meist sehr allmälig, oft erst
in späteren Stadien und nach langem Bestände des Grundleidens ;
selten verschivinden sie rasch nach der Entfernung der Ursache;
meist haben sie eine hinreichende Selbständigkeit erlangt, um noch
verschieden lange Zeit weiter zu existiren. Man hat verschiedene
Versuche gemacht, -das Entstehen dieser Lähmungen zu erklären und
auf bekannte physiologische oder pathologische Thatsachen zurttok-
zuftihren : eine allgemein acceptirte Erklärung ist aber bis jetzt nicht
geftmden worden und wird wohl auch nicht gefunden werden, da
wahrscheinlich mehrfache Entstehungsmodi der Reflexlähmungou
vorkommen. Brown-S6quard hat das Wesen der Reflexlähmnng
in einer durch den peripherischen Beiz erzeugten, reflectorischen
Contraction der Gefässe und dadurch bedingten Ischämie des Bficken-
marks zu finden geglaubt, aber mit dieser Anschauung wenig An-
klang geftmden. Jaccoud hat daftlr angenommen, dass es sich
um eine reflectorisch — durch den peripheren sensiblen Reiz —
gesetzte Erschöpfung der motorischen Apparate des Bflckenmarks
handle, welche die Lähmung herbeiftihre. Die Experimente von
Le wissen, welcher bei starker Quetschung der Niere, Harnblase,
oder des Uterus und einzelner Darmpartien bei Kaninchen Parapl^e
erzeugen konnte, die bald nach dem Aufhören des Beizes wieder
verschwand, sprechen jedenfalls daftlr, dass solche vorflbergehende
ftinctionelle Lähmungen in' Folge starker peripherischer Beizö vor-
kommen können, wenn wir auch tiber den feineren Mechanismus
ihres Zustandekommens noch im Unklaren sind. Höchstwahrschein-
lich bilden aber die hierher gehörenden Fäll& nur eine geringe Min-
derzahl in der pathologischen Casuistik. — Durchsichtiger sind die
Fälle, in welchen sich eine von der Peripherie längs der Nerven
fortkriechende Entztlndung — eine Neuritis ascendens — klinisch
oder anatomisch nachweisen lässt, die endlich auf das Bückenmaik
übergreift und hier eine Myelitis und damit Paraplegie bedingt Es
ist besonders Leyden, welcher die Ansicht vertritt, dass dieser
Vorgang bei den meisten vom Darm, den Harn- und Gesdilechts-
Lähmung. Pathogenese and Aetiologie. Reflexl&hmung. 373
Organen, von peripheren Nervenyerletznngen n. dergl. ausgehenden
Paraplegien die Hauptrolle spiele und ihre Entstehung vermittle. —
Es sprechen jedoch zahlreiche und wichtige Thatsachen dafUr^ dass
auch ganz unabhängig von einer ascendirenden Entztlndung von
einem peripheren Beizungs- oder Entzündungsherde am Nerven aus
auf wirklich reflectorischem Wege Circulations- und entzündliche
Ernährungsstörungen an centralen Abschnitten des Nervensystems
zu Stande kommen können. So sah Tiesler nach Quetschung
des N. ischiadicus beim Kaninchen an den Wurzeln desselben eine
circumscripte Myelitis entstehen , während das zwischengelegene
Stück des Nerven von jeder Veränderung frei blieb. Ebens» hat
Feinberg in einer Reihe von Experimenten bei Kaninchen nach
heftiger peripherer Nervenreizung (Aetzung des Ischiadicus, Aether-
irrigation) nach verschieden langer Zeit entzündliche Erweichung
des Bückenmarks entstehen sehen, welche unter den Erscheinungen
von Paraplegie, Hamincontinenz u. s. w. den Tod der Thiere her-
beiführte. In allen Fällen war das centrale Stück des Ischiadicus
von jeder entzündlichen Veränderung frei geblieben. Auch die Ex-
perimente von Klemm*) ergaben vorwiegend eine sprungweise
Weiterverbreitung der experimentell erzeugten Entzündung. Wenn
diese Experimente auch noch nicht zahlreich genug und nicht ge-
nügend variirt sind, so sprechen sie doch mit einiger Entschieden-
heit daftlr, dass entztlndliche Störungen des Centralnervensystems
auf reflectorischem Wege zu Stande kommen können, eine Ansicht,
für welche auch Benedict mit aller Entschiedenheit eintritt.
Nach den vorliegenden Thatsachen und Ansichten dürfen wir
wohl den Stand der Lehre von den Beflexläbmungen dahin zusam-
menfassen, dass nur ein kleiner Theil derselben als reflectirte Func-
tionsstörung der motorischen Apparate im Sinne der Lewisson-
sehen Experimente zu betrachten ist, dass der grössere Theil aber
auf erheblicheren Veränderungen (Circulationsstörungen und besonders
Entzündungen) der centralen Nervenapparate beruht. Diese Verän-
derungen können durch Neuritis ascendens in einem directen und
continuirlichen Zusammenhang mit der peripheren Läsion stehen,
oder sie kommen auf reflectorischem Wege, durch Beflexübertragung
zu Stande. Es wird Aufgabe künftiger exacter Beobachtungen sein,
die Gebietsgrenzen dieser verschiedenen Formen von Beflexlähmung
genauer abzugrenzen. — Dass gelegentlich sogenannte Beflexläb-
mungen von den Beckenorganen ans durch auf den Wirbelkanal
1) Ueber Neuritis migrans. Diss. Strassbnrg 1874.
374 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
fortgeleitete Thrombosen zu Stande kommen können, brancht hier
nur erwähnt zu werden.
Diese kurze Uebersicht der häufigsten Lähmungsursachen mag
genügen, um die Mannichfaltigkeit und Häufigkeit dieser Krankheita-
formen einigermassen zu erklären.
Pathologie der Lähmungen.
Symptome. Die nächste und auffallendste Erscheinung von
Seiten gelähmter Theile ist natürlich die mehr oder weniger voll-
ständige Aufhebung der Motilität, der willkürlichen Beweg-
lichkeit; die Kranken sehen sich ausser Stande, gewisse Muskeln
willkürlich in Contraction zu versetzen, gewisse Bewegungen aus-
zuführen, bestimmte Stellungen anzunehmen oder beizubehalten. Die
gelähmten Glieder hängen bewegungslos herab, sie erscheinen den
Kranken viel schwerer wie sonst und sind zu ihren gewöhnlichen
Verrichtungen entweder gar nicht mehr (Paralyse) oder nur in sehr
unvollkommener und ungenügender Weise zu gebrauchen (Pareae).
— Das Krankheitsbild wird nun zunächst beeinflusst durch die in
den einzelnen Fällen ungemein verschiedene Verbreitung der
Lähmung: es können einzelne Muskeln oder einzelne Muskelgruppen
gelähmt sein; oder es sind sämmtliche dem Gebiet eines Nerven-
stammes oder eines Nervenplexus angehörige Muskeln bewegungs-
los; oder es können sämmtliche Muskeln einer ganzen Extremität
gelähmt sein. Femer kann die Lähmung auf eine ganze Körper-
hälfte ausgedehnt sein. Arm und Bein und das Gesicht der glichen
Seite zumal betreffen: das ist es, was besonders bei localen Him-
erkrankungen und zwar auf der dem Sitze der Hirnläsion entgegen-
gesetzten Seite vorkommt, und was man gewöhnlich als Hemi-
plegie bezeichnet (doch kommen auch spinale Hemiplegien
vor); endlich kann die Lähmung symmetrisch auf beide Körp^-
hälften sich erstrecken, zumeist von unten beginnend an den un-
teren Extremitäten und allmälig über den Kumpf auf die oberen
Extremitäten fortschreitend: das ist die gewöhnlichste Form der
spinalen Lähmung und wird als Paraplegie bezeichnet — In
seltenen Fällen trifft man auch eine hochgradige allgemeine Parese
oder Paralyse fast sämmtlicher Körpermuskeln.
Die durch diese verschiedenen Localisations- und Verbreitungs-
möglichkeiten gesetzte Mannichfaltigkeit des Krankheitsbildes der
Lähmung wird noch erhöht durch die begleitenden und secno-
dären Erscheinungen, welche bei den verschiedenen Lähmungs-
formen auftreten können.
Lähmung. Symptome. VerbreituDg. Begleiterscheinangen. 375
Sind noch Sparen von Motilität vorhanden , besteht also nur
Parese, so geschehen die noch möglichen Bewegungen nicht selten
mit anf&Uendem Zittern, mit zappelnder Unsicherheit, und gewisse
Formen der ataktischen Bewegangsstömng lassen sich auf die
Schwäche oder den gänzlichen Ausfall gewisser Bewegungen leicht
zarückfilhren.
Ist völlige Paralyse eingetreten, so ist das Verhalten der
gelähmten Muskeln selbst in den einzelnen Fällen ein ver-
scbiedenes. Theilweise nämlich sind dieselben ganz schlaff, relaxirt,
ohne jede Spur von Tonus oder Contraction, und setzen passiven
Bewegnngsversuchen auch nicht den geringsten Widerstand entgegen ;
in einem anderen Theil der Fälle findet man sie in einem Zustande
mehr oder weniger hochgradiger Spannung und Contractur (so z. B.
die hemiplegischen Gontracturen, die myelitischen Muskelspannungen
u. dgl.). Nicht selten sieht man in dem einzelnen Falle den einen
Zostand auf den anderen folgen , in den anfangs relaxirten Muskeln
sich allmälig Spannung und Contractur entwickeln. Wie wir früher
bei der Besprechung der Ciontracturen (s. S. 351) auseinandergesetzt
haben, können diese Erscheinungen auf verschiedene Weise erzeugt
werden: theils durch Reizungszustände in der Umgebung der Läh-
mung erzeugenden Herde, die sich bald schneller, bald langsamer
entwickeln; theils durch einfach nutritive Verktlrzung der Muskeln,
deren Insertionspunkte einander abnorm genähert sind; theils end-
lich durch ausgesprochene anatomische Veränderungen der Muskeln,
Yorwiegend Atrophie der Fasern und interstitielle Bindegewebs-
wucherung.
Von besonderem Interesse ist das Verhalten der Reflex-
bewegungen. Dasselbe ist in den einzelnen Fällen sehr verschie-
den, wie sich bei einigem Nachdenken über den verschiedenen Sitz
der Lähmungsursachen schon von selbst ergibt ; ein Gleiches gilt für
die Mitbewegungen und die automatischen Bewegungen.
Ein völliges Fehlen aller Reflex-, automatischen und Mitbewegungen
kommt nur vor bei Unterbrechung der Leitung in den peripheren
motorischen Bahnen (und bei Zerstörung der Muskeln). Ganz anders
verhUt sich die Sache dagegen bei den meisten spinalen und bei
cerebralen Lähmungen: hier bleiben die Reflexe so lange erhalten^
als die Leitung der sensiblen Fasern und ihre centrale Verbindung
mit leitungsfähigen motorischen Bahnen erhalten ist, d. h. wenn die
Lähmungsursache central von den verschiedenen Reflexbögen gelegen
ist und diese selbst intact sind. Bei Leitungslähmungen im Dorsal-
mark können also die von den unteren RückenmarksabschniUen aus-
376 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
znlösenden Reflexe erhalten bleiben, bei cerebralen liLhmnngen sind
die spinalen nnd die vom verlängerten Marke aasgehenden R^exe
ungestört: aber nnr so lange, als nicht gleichzeitig anch die reflex-
vermittelnden Apparate (durch Degeneration u. dgl.) zerstört oder
leitungsnnfähig geworden sind.
Kicht gerade selten sieht man selbst in solchen Fällen eine er-
hebliche Steigerung der Reflexe, bedingt theils durch Aufhebniig
der refiexhemmenden Einflüsse des Gehirns, theils durch Reizuiiigs-
zustände in der nächsten Umgebung der lähmenden Läsion. Alle
diese Verschiedenheiten können von grosser diagnostischer Bedeu-
tung sein.
Auch die Mitbewegungen können bei manchen central be-
dingten Lähmungen in den gelähmten Theilen erhalten sein, näm-
lich dann, wenn die Lähmungsursache central yon dem Centnim
gewisser Bewegungsmechanismen liegt, welche auch im physiologi-
schen Zustand häufig yon Mitbewegungen begleitet sind: so sieht
man nicht selten bei cerebralen Lähmungen den gelähmten Arm sieh
heben, wenn der Kranke gähnt oder hustet oder niest und zwar ge-
schieht dies meist in viel ausgiebigerem Maasse als bei Gesunden.
Wenn die Auffassung von Hitzig*) richtig ist, so können solche
Mitbewegungen in gelähmten Theilen auch eintreten, wenn die
Willenserregung unterhalb der I^ähmungsursache gelegene Bahnen
betritt, in welchen die physiologische Association und Coordination
yieler Muskelbewegungen stattfindet und wenn diese Bahnen sich in
einem abnormen Erregbarkeitszustande befinden. — Von dem Mo-
mente an jedoch, wo die Lähmungsursache an Stellen der motorischen
Faserung angreift, wo diese keine Verbindung mehr mit anderen
motorischen Bahnen eingeht, hört die Möglichkeit des Fortbestehe»
der Mitbewegungen auf.
Derselben Beurtheilung unterliegen die automatischen Be-
wegungen, unter welchen in praktischer Beziehung besonders die
Athembewegungen von Bedeutung sind. Bei peripheren Lähmungen
sind dieselben nur selten mitafScirt, weil die Athemmuskeln bekannt-
lich yon sehr yerschiedenen weit auseinanderliegenden Neryen belebt
werden ; hier kann höchstens die Lähmung der Phrenid yon grösserer
Bedeutung werden; selbstyerständlich werden aber die Bewegungen
aller jener Athemmuskeln, welche in das Bereich einer peripheren
Lähmung fallen, sistirt; das hat jedoch auf die Athembewegungen
im Ganzen nur selten erheblichen Einfluss. — Leichter tritt bei qn-
1) Auffassung einiger Anomal, der Muskelinnervation. I. Arch. f. Psych, m.
Lähmung. Symptome. Begleiterscheinungen. Reflexe etc. 377
nalen LähmuDgsursachen eine Störung der Respirationsbewegungen
ein: nämlich dann sofort, wenn die lähmende Ursache die Seiten-
stränge des Dorsal- und Halsmarkes betrifft, in welchen bekanntUcb
das Gros der respiratorischen Nerrenbahnen yerläuft; erreicht die
Lähmungsursache die Athmungscentren im yerlängerten Mark, so
tritt alsbald Asphyxie ein. Bei rein cerebralen Lähmungen endlich
geht das Athmungsgeschäft in ganz ungestörter Weise vor sich, so-
gar mit den Muskeln, welche dem Willenseinfluss gänzlich entzogen
sind ; das hängt zunächst und allein von der normalen Function der
MeduUa oblongata ab.
Von den übrigen automatischen Bewegungen ist zunächst die
Irisbewegung zu erwähnen, die bei manchen Lähmungen gestört
sein kann; so kann bei spinalen Lähmungen, welche die oberen
Halsmarkabschnitte betreffen, Lähmung der vom Centrnm ciliospinale
herkommenden Irisfasem eintreten und dadurch Myosis entstehen;
yerbreiten sich cerebrale Lähmungen auf das Gebiet des Oculomo-
torius so ist Mydriasis eine der constantesten Erscheinungen. — lieber
das Verhalten der Herzbewegungen, der Motilität des Pharynx und
Oesophagus u. s. w. haben wir nichts von praktischer Wichtigkeit
beizubringen.
Dagegen verdient hier eine kurze Erwähnung das Verhalten der
Harn- und Eothentleerung. Diese complicirten Bewegungsvor-
gänge, bei welchen reflectorische und willkürliche Bewegungen zu-
sammenzuwirken bestimmt sind, und deren feineren Mechanismus
wir an dieser Stelle nicht zu erörtern haben, können bei verschie-
denen Lähmungen in erheblicher Weise mitbetheiligt und beein-
trächtigt werden. Hamretention oder Incontinenz, anhaltende Stuhl-
verstopftmg oder unwillkürliche Entleerung können vorkommen und
nicht selten gestattet das Vorkommen dieser Symptome bestimmte
Schlüsse auf den Sitz der lähmenden Erkrankung. Für das Nähere
müssen wir den Leser auf die Bückenmarkskrankheiten verweisen,
bei welchen diese Vorgänge wegen der Häufigkeit ihres Vorkommens
am passendsten abgehandelt werden.
Von nicht geringem Einfluss aqf das Erankheitsbild der Läh-
mung ist auch das Verhalten der Antagonisten der gelähm-
ten Muskeln. Dadurch, dass sie manchmal in Contractur verfallen,
dass sie durch ihre elastische Spannung und die willkürliche Inner-
vation ihre Insertionspunkte einander nähern, bringen sie Vei^de-
rungen in der Haltung und Stellung der Eörpertheile, in den Ge-
sichtszügen u. dgl. hervor, welche oft äusserst charakteristisch sind.
378 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Doch werden diese Erscheinungen besser Bei den einzelnen ULh-
mnngsformen besprochen.
Störungen der senrsibien Nerven kommen in der yer-
schiedensten Weise vor ; es hängt das von der zufälligen ZusammeD-
lagerung sensibler und motorischer Fasern und von dem Sitz und
der Ausbreitung der Lähmungsursache ab. Betrifft die Erkrankung
einen peripheren gemischten Nervenstamm, so wird in der Regel
eine der motorischen Lähmung entsprechende Ausdehnung der sen-
siblen Lähmung, der Anästhesie, yorhanden sein ; diese Regel erleidet
nur dadurch eine praktisch wohl zu beachtende Einschi^nkung, dass
von der gleichen Lähmungsursache die motorischen Nerven meist
schwerer betroffen werden als die sensiblen und dass die Wieder-
herstellung der Sensibilität häufig erheblich viel früher erfolgt, als
die der Motilität; ja bei traumatischen peripheren Lähmungen beob-
achtet man nicht selten, dass trotz der Wiederherstellung der Sen-
sibilität die motorische Lähmung eine irreparable bleibt. — Bei
peripheren Lähmungen rein motorischer Nerven fehlen natürlich alle
sensiblen Störungen.
Bei spinalen Lähmungen ist das^ Vorhandensein von Anästhesie
sehr gewöhnlich zu constatiren und hängt von der mehr oder weniger
ausgedehnten Mitbetheiligung der sensiblen Partien des Rückenmarks
an der Erkrankung ab; doch gibt es ganze Gruppen von spinalen
Lähmungen, z. B. die Kinderlähmung und verwandte Zustände, h^
welchen Sensibilitätsstörungen durchaus fehlen. Aus der Intensit&t
und räumlichen Verbreitung, dem Charakter und der Qualität der
sensiblen Störung lässt sich häufig schon der spinale Ursprung der-
selben erkennen ; fllr das Nähere verweisen wir auf die Schilderung
der Rückenmarkskrankheiten. — Für die cerebralen Lähmungen
gibt es gar keine feste Regel in Bezug auf das Auftreten von
Anästhesie, weil im Gehirn die sensiblen und motorischen Bahnen
weiter auseinander liegen als im Rückenmark; so hängt es ganz
von dem zufälligen Sitze und der Ausbreitung der Lähmnngsursache
ab, ob sensible Bahnen mitbetroffen sind oder nicht; Beides kommt
vor, doch beobachtet man auch hier sehr gewöhnlich ein viel rascheres
Verschwinden der sensiblen als der motorischen Störung.
Es ist klar, dass je nach dem Sitze und der Natur der Lfth-
mungsursache auch gelegentlich sensible Reizerscheinungen
vorkommen können: wir erinnern an die heftigen neuralgischen
Schmerzen die bei Schussverletzungen peripherer Nerven vorkommen,
an die excentrischen Schmerzen, die viele spinale und cerebrale
Lähmungen begleiten, bald mit, bald ohne gleichzeitige Anästhesie.
Lähmung. Symptome. Begleiterscheinangeii. 379
Aach hyperästhetische Zustände können Yorkommen. Alle diese
Dinge erklären sieb leicht ans den Reizungsvor^Uigen^ welche so ge-
wöhnlich sich in der Umgebung von lebenden Erankheitsprocessen
(Tumoren, Blutextrayasaten, Traumen u. s. w.) einstellen und welche
tlieils in gelähmten sensiblen Nervenbahnen nach dem Gesetz der
excentrischen Projection Schmerzen und Parästhesien erzeugen, theils
sich anf benachbarte intacte sensible Bahnen verbreiten und diese in
Mitleidenschaft ziehen. Anf ganz dieselbe Weise kommen auch die
bei Lähmungen so gewöhnlichen Parästhesien (Formication, Taub-
heitsgeflihl, Eriebeln, Brennen und verwandte Sensationen) zu Stande.
lieber das Verhalten des Muskelgefühls und des Muskel-
sinns bei den verschiedenen Lähmungen liegen wenig brauchbare,
allgemeine Angaben vor. Dass Störungen auch in diesen Empfin-
dungsqualitäten vorkommen, unterliegt keinem Zweifel und werden
wir das Wissenswertheste davon gelegentlich bei den einzelnen Läh-
mnngsformen berichten. Bei wirklichen Paralysen ist in der Regel
eine Prüfung des sogenannten Mnskelsinns gar nicht möglich, weil
die Kranken eben keine Gewichte heben und keine gewollten Be-
wegungen ausführen können.
Die psychischen Functionen erleiden bei peripheren Läh-
mungen niemals, bei spinalen Lähmungen nur äusserst selten erheb-
liehe Störungen; in der Regel sind sie dabei ganz normal (wenn
nicht gleichzeitig auch noch eine cerebrale Krankheit vorhanden ist)
oder werden erst spät in ganz secundärer Weise betheiligt; diess
Letztere bei Spinalleiden wahrscheinlich durch Vermittelung vasomo-
torischer Nerven, die aus dem Halstheil des Rückenmarks oder aus
dem verlängerten Mark entspringend, zu verschiedenen Hirngefäss-
provinzen sich begeben. — Sehr ausgesprochen dagegen sind psy-
chische Störungen häufig bei denjenigen Lähmungen, deren Sitz im
Gehirn zu suchen ist; natürlich auch hier wieder je nach dem Sitze
der Lähmungsursache in sehr verschiedenem Grade und sehr ver-
schiedener Ausdehnung: Abnahme des Gedächtnisses und der In-
telligenz, Verlust oder Erschwerung der Sprache, grössere Beweg-
lichkeit des Gemüths, grosse Neigung zum Lachen oder Weinen ohne
genügende Motivirung, grosse Reizbarkeit und Empfindlichkeit, in
anderen Fällen Apathie bis zum völligen Blödsinn können hier vor-
kommen. Im Beginn acut auftretender cerebraler Lähmungen beob-
achtet man nicht selten schwere Störungen des Bewusstseins, Sopor,
Goma, Delirien etc., die aber gewöhnlich bald wieder verschwinden.
— Das Cansalitätsverhältniss und der Zusammenhang, in welchem
diese psychischen Störungen zu den eigentlichen Lähmungsursachen
380 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
stehen, ist noch nicht Air alle Fälle hinreichend klar: theilweiBe
handelt es sich hier nm directe Aasbreitang der Stömng, auf die
den psychischen Verrichtangen dienenden Himabschnitte ; oder um
eine Betheiligang derselben an den secondären Stömngen (Entzfin-
dungy Erweichong, Sklerosimng etc.); welche von dem arsprttnglichen
Krankheitsherde aasgehen; theils am directe mechanische Einwir-
kangen darch Verengerang des Schädelraams a. dgl.; theils nm
Störangen der Circalation an bestimmten Himabschnitten, sei es durch
directen Yerschlass von arteriellen oder venösen Gefässen, sei es darch
Reizang oder Lähmang vasomotorischer Nervenbahnen, lieber alles
dies ist genaaere Aaskanft in der Pathologie des Gehirns za suchen.
Von grösster Bedeatang sind die bei Lähmangen sehr hftafig
aaftretenden vasomotorischen and trophischen Störangen.
Aach diese können sich sehr verschieden verhalten: bald vöUig
fehlen, bald .in hochgradigster Weise vorhanden sein. Indem wir
für vieles Hierhergehörige aaf die oben gegebene Schilderang der
trophischen Störangen bei Nearalgien (s. S. 50 ff.) imd Anästhesien
(s. S. 201) verweisen, wollen wir hier nar eine karze Aofzählong
der häufigsten Störangen dieser Art geben and sie aaf bekannte
physiologische Thatsachen zarttckzafilhren Sachen.
Die Physiologie lehrt, dass bei peripheren Lähmangen,
d. h. bei Durchschneidang oder Qaetschang peripherer motorischer
and besonders gemischter Nerven vasomotorische and trophische Stö-
rangen niemals fehlen. Dieselben äassem sich zanächst als Hyper-
ämie, Erweitemng der Blatgefässe and örtliche Temperatarsteigenmg
in dem gelähmten Tbeil: alles Folgen der gleichzeitigen Lähmang
der vasomotorischen Nerven. — Die Temperatarerhöhang wird ge-
wöhnlich bald — nach verschieden langer Zeit — in eine Tempe-
ratarverminderung ttbergefUhrt darch die bleibende Atonie der Ge-
fässe, welche allmälig za einer mehr passiven Hyperämie mit bläa-
lich-rother Färbang der Haat ftthrt. Daza kommt, dass in viel^
Fällen darch die Lähmang. selbst sowohl der Blatzaflass vermindert^
wie besonders der Blatabflass verhindert wird, indem eben der die
Blatbewegang fördernde Einflass der Maskelcontraction wegfällt:
daher die meist einige Zeit nach dem Eintritt der Lähmang wahr-
zanehmende Temperatarabnahme, abnorme Ktthle der gelähmten
Theile mit gleichzeitiger passiver Hyperämie, Gyanose. Daza gesellt
sich besonders in den ersten Tagen nicht selten ein verbreitetes, jedoch
gering^adiges Oedem; manchmal aach die gesteigerte Secretion
eines übelriechenden Schweisses. Alle diese Erscheinnngen hat man
wiederholt auch bei traamatischen Lähmangen am Menschen beobachtet
Lähmung. Symptome. Begleiterscheinungen. 381
Während dieselben ohne Weiteres sieh als vasomotorische Stö-
rungen erklären; treten aber weiterhin noch andere sehr auffallende
Veränderungen ein, welche sich nicht mehr durch Lähmung der
yasomotorischen Bahnen allein erklären lassen, sondern bereits dem
Oebiete der Ernährungsstörungen angehören, z. Th. wohl als ent-
ztindliche Störungen gedeutet werden dttrfen. Am auffallendsten
treten derartige Erscheinungen an der äussern Haut hervor: die-
selbe gei^th in einen Zustand geminderter und schlechter Ernährung,
sie wird schlaff, atrophisch, verliert ihren Turgor ; sie wird oft papier-
dfinn, glatt und glänzend besonders an Fingern und Zehen (Glossj
fingers); nicht selten kommt es zur Bildung von Blasen, die mit
einer serösen missfarbigen Flüssigkeit erfüllt sind und scjilecht aus-
sehende, langsam vernarbende Geschwüre hinterlassen. Die Haut
wird in viel geringerem Grade resistent gegen äussere Schädlich-
keiten : geringe Frosteinwirkungen, Sinapismen, Verwundungen u. dgl.
rufen langwierige Ulcerationen , Knotenbildungen u. dgl. hervor.
Decubitus erfolgt leicht und nimmt rasch erhebliche Dimensionen
an. Sehr charakteristisch ist oft das Verhalten der Epidermoidal-
gebilde der Haut: die Epidermis wuchert, schuppt sich in stärkerem
Grade ab, oder sie wird dünn, glatt und glänzend; die Nägel er-
leiden erhebliche Veränderungen ( W. M i t c h e 1 1 , S c h i e f f e r d e c k e r),
sie werden stärker gekrümmt, verdickt, mit tiefen Längs-, seltener
mit Querfurchen versehen, dunkelfarbig, manchmal von ihrer Matrix
theilweise abgelöst etc. Die Haare sollen auf der Haut der gelähm-
ten Extremitäten verschwinden (Mitchell); wogegen Schieffer-
deck er regelmässig einen sehr vermehrten Haarwuchs constatirte.
Von den tieferen Geweben beanspruchen die Muskeln besondere
Aufinerksamkeit: in allen solchen Fällen tritt hochgradige Atrophie
derselben ein (über deren feinere histolog. Verhältnisse s. weiter
unten), die fast bis zum völligen Verschwinden derselben gehen
kann, aber auch wieder einer nahezu völligen Ausgleichung fähig
ist In manchen Fällen wird der Verlust der Muskelsubstanz durch
nachträgliche Fettgewebsbildung scheinbar wieder ausgeglichen. —
Auch die Knochen bleiben von der allgemeinen Ernährungsstörung
nicht verschont; sie atrophiren und verlieren an Gewicht (Reid,
Mantegazza, Fischer), und ein Zurückbleiben im Knochenwachs-
thum ist Regel, wenn sich eine solche Lähmung in früher Jugend
eingestellt hat. — Damit steht in einem gewissen Contraste die
Wucherung und grössere Derbheit der bindegewebigen Theile,
welche sich besonders als Cirrhose der Muskeln und reichliche Zu-
nahme des interstitiellen Gewebes bei genauerer Untersuchung zu
382 Erb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
erkennen gibt. Die Lymphdrttsen schwellen an und hypertro-
phiren (Mantegazza). An den Gelenken stellen sich Steifheit,
Anschwellung und Schmerzhaft igkeit ein (Mitchell, Charcot).
Dass auch am Menschen bei traumatischen und diesen gleich-
werthigen Lähmungen die gleichen Ernährungsstörungen der Gewebe
regelmässig vorkommen, daflir haben die in den verschiedenen grossen
Kriegen des letzten Decenniums so häufigen Schussverletzungen der
Nerven zahlreiche Belege geliefert.
Bei Lähmungen, die vom Rückenmark ausgehen, beobachtet
man derartige Erscheinungen viel weniger regelmässig. Am meisten
treten hier in vielen Fällen vasomotorische Störungen in den Vorder-
grund, was sich genügend aus dem Verlauf der vasomotorischen
Bahnen innerhalb des Rückenmarks erklärt. Bei völliger Trennung
derselben — durch Quetschung, Zerreissung, Apoplexie des Rü^en-
marks u. dgl. — treten dann auch die Erscheinungen der Gefäss-
lähmung in den paraplegischen Theilen nicht selten hervor; man
findet Temperaturerhöhung in den gelähmten Gliedern (Hutchinson,
Levier, Billroth u. A.), die jedoch meist nach kürzerem oder
längerem Bestehen in Temperaturerniedrigung übergeht, ähnlich wie
bei peripheren Lähmungen. Dann besteht Kälte und Gyanose der
Theile. Es kann jedoch auch durch Erregung der vasomotorischen
Bahnen eine ischämische Temperatnremiedrigung in den gelähmten
Theilen zu Stande kommen. — Viel seltener beobachtet man bri
spinalen Lähmungen ausgesprochene Ernährungsstörungen der Haut,
der Knochen, der Muskeln; doch kommt auch diess gelegentlich vor:
so gibt es eine Gruppe von spinalen Lähmungen (zu welchen die
spinale Kinderlähmung und verwandte Krankheitsformen Erwach-
sener gehören), bei welcher eine rapide und hochgradige Atrophie
der Muskeln, Störung des Knochenwachsthums, Verbildungen der
Gelenke ganz regelmässig vorkommen; femer gehört da« Auftreten
von schwerem Decubitus mit seinen pemiciösen Folgen bei jenen
Rückenmarkslähmungen, welche durch Erkrankung des grössten
Theils des Querschnittes des Markes zu Stande kommen, welche mit
hochgradiger Anästhesie, vasomotorischen Störungen u. s. w. einher-
gehen, zu den gewöhnlichen Vorkommnissen; auch directe Erkran-
kungen der Knochen und der Gelenke hat man in neuerer Zeit als
abhängig von spinalen Erkrankungen betrachtet (Charcot). In ein-
zelnen Fällen wurde gesteigertes Haarwachsthum constatirt (Jelly).
Mit der Heilung des Grundleidens können die meisten der genannten
Störungen wieder verschwinden.
Weit seltener als bei spinalen Lähmungen ist das Auftreten
L&hmnDg. HistologiBche Yeränderungen an Nerven und Muskeln. 383
Tasomotorischer und trophischer StöruBgen bei cerebralen Läh-
mungen. Fast immer fehlt die Atrophie der gelähmten Muskeln
durchaus; dieselben können in ihrem Volumen und in ihrer anato-
mischen Beschaffenheit ganz unverändert sein» selbst bei vieljährigem
Bestehen der Lähmung; und nur bei einzelnen wenigen Formen der
cerebralen Lähmung (z. B. der Bulbärparalyse und ähnlich locali-
sirten Störungen) wird deutliche Atrophie der Muskeln beobachtet.
— Das Knochenwachsthum wird in der Regel durchaus nicht be-
einträchtigt, und bei cerebralen Lähmungen, die in frühester Kind-
heit erworben wurden, geht das Wachsthum der hemiplegischen
Glieder genau in der gleichen Weise von Statten, wie das der ge-
sunden. — Dagegen beobachtet man nicht selten auifallende vaso-
motorische Störungen und erhebliche Temperaturunterschiede in den
gelähmten (gewöhnlich hemiplegischen) Theilen : anfangs Vermeh-
rung des Blntzuflusses und Erhöhung der Temperatur, leicht erklärt
durch den Umstand, dass die meisten vasomotorischen Bahnen in
dem Pedunculas cerebri verlaufen, welcher bei vielen Lähmungs-
ursachen (Apoplexien etc.) in Mitleidenschaft gezogen wird; daher
die vasomotorische Lähmung. Im späteren Verlauf tritt aber zu-
nehmende Atonie der Gefässe ein, die Circulation wird verlangsamt
und durch den Wegfall der activen Muskelcontractionen , durch das
gewöhnliche Vorhandensein von Contracturen noch mehr erschwert,
dadurch kommt es zur passiven Hyperämie, Cyanose und entsprechen-
der Temperaturverminderung. — Gewöhnlich in Verbindung mit diesen
vasomotorischen Störungen trifft man bei Hemiplegien hier und da
Anomalien der Schweisssecretion, Abnahme des Hautturgor, teigige
und gedunsene Beschaffenheit der Haut, stärkere Epidermisab-
schuppung n. dgl. MitchelP) berichtet, dass bei frischen Hemi-
plegien das Nagelwachsthum anfangs ganz sistire, dann aber immer
langsamer als auf der gesunden Seite erfolge und erst mit Wieder-
beginn der Motilität sich wieder steigere. — Auch das Auftreten von
acutem schwerem Decubitus hat man bei Hemiplegien hier und da
beobachtet (Charcot).
Diese Aufzählung der hauptsächlichsten Ernährungsstörungen in
den gelähmten Theilen ist nun zunächst zu ergänzen durch eine ein-
gehende, wenn auch kurze Schilderung der histologischen Ver-
änderungen der gelähmten Nerven und Muskeln und des
Ablaufs dieser Veränderungen bis zur vollendeten Heilung oder bis
zar völligen Unheilbarkeit. Man hat dieses Verhalten bei gewissen
1) Americ Joum. of med. Science. 187 1 .
384 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen N^ren.
Formen der Lähmung , wie wir gleich sehen werden, zum Gegen-
stand eingehenden und vielfachen Studiums gemacht und daraus nicht
geringen Gewinn für die klinische Beurtheilung dieser Lähmungen
gezogen.
Das histologische Verhalten der gelähmten Nerven und Muskeb
ist nun aber in den verschiedenen Arten der Lähmungen ein äusserst
verschiedenes: in einer Reihe von Fällen, speciell bei den meisten
cerebralen Lähmungen (mit Ausnahme der Bulbärparalyse u. dgL)
ebenso bei manchen spinalen Lähmungen, wahrscheinlich auch bei
allen hysterischen und bei einzelnen peripheren Lähmungen, findet
sich lange Zeit gar keine histologische Veränderung; die geUUimten
Nerven und Muskeln unterscheiden sich in keiner Weise von den
gesunden; erst nach langem, vieljährigem Bestehen findet man hier
und da geringen Schwund derselben als Folge der langen Unthätig-
keit; oder es findet sich, besonders bei gleichzeitiger Contractur,
massige Hypertrophie des Neurilemm neben Atrophie, braunrother
Verfärbung und grösserer Mürbheit der Muskeln (Cornil),
In einer zweiten Reihe von Fällen weist die Untersuchung ein-
fache Atrophie, Schwund, Abmagerung der Nervenfasern und beson-
ders der Muskeln nach; diese letzteren werden schmächtiger, ihre
Primitivbündel schmäler, das interstitielle Bindegewebe nimmt etwas
zu und wird nicht selten der Sitz einer Fettablagerung, durch welche
die Atrophie z. Th. maskirt werden kann. Diess Verhalten scheint
besonders bei manchen spinalen Lähmungen vorzukommen.
In einer dritten Reihe von Lähmungsfällen endlich treten sehr
erhebliche histologische Veränderungen in Nerven und Muskeb ein,
welche eine in den meisten Fällen genau übereinstimmende Entwick-
lung durchmachen. Typisch sind diese Veränderungen speciell bei
den traumatischen Lähmungen , und hier hat man sie auf das ge-
naueste experimentell studirt. Ihr Vorkommen erstreckt sich auch
beim Menschen auf alle traumatischen und diesen gleichwerthige
Lähmungen peripherer Nerven, femer auf gewisse rheumatische oder
refrigeratorische Lähmungen derselben (besonders des Facialis), end-
lich mit grosser Wahrscheinlichkeit auch auf gewisse spinale Läh-
mungen, nämlich die schon mehrfach genannte spinale Kinderläh-
mung und verwandte Krankheitsformen.
Wir müssen die Veränderungen an den Nerven und Mnskehi
gesondert betrachten.
An den Nerven sind dieselben schon längere Zeit bekannt und
seit Wal 1er' s bahnbrechenden Arbeiten von Physiologen und Ana-
tomen vielfach und in sorgfältigster Weise untersucht worden. Aus
Lähmung. Histologische VeräoderuDgen an Nerven und Muskeln. 385
den zahlreichen Arbeiten von Waller, Schiff, Bruch, Lent,
Hjelt, Philippeaux und Vulpian, Neumann, Erb, Hertz,
Benecke, Ranvier, Cossy und D6jerine und vielen Anderen,
welche sich mit den auf traumatische Läsionen folgenden Vorzügen
der Degeneration und Regeneration der Nerven beschäftigten, ent-
nehmen wir die folgende Schilderung der dabei ablaufenden Processe.
Schon in den ersten Tagen nach irgend einer erheblicheren
traumatischen Einwirkung auf den Nerven (Durchschneidung, Quet-
schung, Zerreissung, Ligatur u. s. w.) tritt eine Gerinnung der Mark-
scheide und ein allmäliger Zerfall derselben in längere und kttrzere
cylindrische Schollen ein; die Schollen zerklttflien sich immer weiter,
ihre einzelnen Theilstttcke runden sich ab und verwandeln sich in
unregelmässig rundliche, grössere und kleinere Tropfen, zwischen
welchen sich vom Ende der ersten Woche an eine immer zunehmende
Ansammlung feiner Fettkömchen bemerklich macht. Um diese Zeit
hat das Volumen der degenerirenden Fasern erheblich zugenommen,
sie erscheinen breiter als normal. AUmälig sammeln sich nun die
Markkugeln und Fetttröpfchen zu grösseren und kleineren unregel-
mässigen Haufen an, die kleineren Fetttröpfchen ttberwiegen weiter-
hin mehr und mehr, und allmälig entsteht so der Anschein, als ob
zahlreiche Fettkömchenkugeln durch den Nerven zerstreut lägen. Zu-
gleich tritt eine erhebliche Vermehrung der Kerne in der Schwann-
schen Scheide ein. Von der 3. und 4. Woche an macht sich eine
sehr entschiedene Abnahme der Mark- und Fettmassen bemerklich;
dieselben verschwinden wohl grösstentheils durch Resorption, z. Th.
wohl auch dadurch, dass sie sich in eine homogene, gleichmässige
Masse umwandeln, welche die restirende Schwann'sche Scheide er-
flillt, und in welche auch der übriggebliebene Axencylinder aufgeht
(N e u m a n n). So werden die degenerirenden Fasern allmälig schmäler,
und es bleibt davon zuletzt nichts übrig als ein schmales, blasses,
mit unregelmässig welligen Gonturen versehenes Band, das an ein-
zelnen Stellen noch Mark- und Fetttröpfchen einschliesst und gewöhn-
lich eine erhebliche Kemvermehrung erkennen lässt. Dieses Band
besteht nach meinen Beobachtungen aus der Schwann'schen Scheide
und dem persistirenden Axencylinder, nach Neu mann aus der Pri-
mitivscheide, erfüllt mit einer aus der Umwandlung des Axencylinders
und des zerfallenden Marks entstandenen gleichmässigen Masse,
üeber die Persistenz des Axencylinders sind die Meinungen noch
getheilt: von Einigen wird sie behauptet, von Andern geleugnet.
Wahrscheinlich verhält sich die Sache so : bei leichteren traumatischen
Einwirkungen (einfache Compression, Quetschung u. dgl.), bei welchen
HudbDch d. spec Pathologie u. Therapie. Bd. XII. 1. 2. Aafl. 25
386 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
keine völlige Trennang des Nerven stattfindet, bleibt der Axencylinder
erhalten bis zur Wiederherstellung der leitenden Verbindung mit
dem centralen Nervenstück und wird durch diese vor weiterem Zer-
fall bewahrt; ich wenigstens glaube mich ^lit aller Bestimmtheit
überzeugt zu habeo; dass bei einfacher Quetschung der Nerven beim
Kaninchen (und ebenso bei einer Compressionslähmung des N. facialis
beim Menschen) die Axencylinder im peripheren Nervenstttck jeden-
falls wochenlang erhalten bleiben ; es lässt sich wohl auch die gerade
bei diesen Experimenten so auffallend prompte und frühe Wieder-
herstellung der Motilität nicht wohl anders als durch Persistenz des
Axencylinders erklären. Bei schwereren Verletzungen dagegen, bei
völliger Trennung des Zusammenhangs der Nerven, besonders bei
Excision grösserer Stücke aus denselben, geht wohl der Axencylinder
im Verlaufe der Degeneration zu Grunde; und zwar scheint dies
nach den genauen Beobachtungen der französischen Histologen (Ran-
vier, Cossy und Döjerine) in relativ kurzer Zeit, in 5—12 Tag^
zu geschehen; schon am 2. und 3. Tag zeigt der Axencylinder eine
abnorme Fragilität, zerfällt dann weiterhin in zahlreiche Fragmente^
die im LÄufe der zweiten Woche spurlos verschwinden. Selten nur
und in einzelnen Fasern kann er auffallend lange nachgewiesen werden.
Nach Neumann's Anschauung würde er wenigstens in einer modifi-
cirten und für die Regeneration der Nervenfasern bedeutungsvollen
Form erhalten bleiben.
Gleichzeitig mit diesen Degenerationsvor^ngen an den Nerven-
fasern selbst, welche ziemlich rasch von dem Centrum nach der
Peripherie fortschreiten, treten aber auch erhebliche Verände-
rungen in dem Neurilemm auf. Abgesehen von der an der
Verletzungsstelle selbst sich regelmässig in höherem oder geringerem
Grade ausbildenden traumatischen Entzündung (Anschwellung, reich-
liche Emigration, Wucherung und endlich narbige Schrumpfiing des
Bindegewebes) erkennt man — in regelmässigem Zusammenhang mit
der fortschreitenden Degeneration der Nervenfasern — alsbald bis
in die feinsten Nervenverzweigungen hinein, neben erheblicher Zu-
nahme und Vermehrung der Kerne der Schwann'schen Scheide (Hertz)
im Neurilemm selbst, zwischen den Nervenfasern eine bedeutende
Anhäufung von zelligen Elementen, die wir wohl ohne Bedenken
zum grössten Theil als emigrirte farblose Blutkörperchen betrachten
dürfen. Dieselben nehmen im weiteren Verlauf (3. — 4. Woche) zum
grössten Theil den Charakter von Spindelzellen an, und es zeigt
sich damit gleichzeitig eine mehr und mehr zunehmende Verdieknng
des Neurilemm. Die äussere Nervenscheide erscheint erheblich ver-
Lähmong. Histologische YerändenrngeD an Nenren und Muskeln. 387
dickt, mächtige Bindegewebszttge trenDcn die einzelnen Nervenbün-
deichen von einander , und selbst zwischen die einzelnen Fasern
hinein lässt sich vermehrtes Bindegewebe verfolgen. Mit zuneh-
mender Dauer des Processes wird das so gewucherte Bindegewebe
immer derber und fester, faserig; es tritt eine förmliche Cirrhose
des Nerven ein, welche besonders auf Querschnitten desselben mit
grösster Deutlichkeit hervortritt. Dieser Vorgang der Hyperplasie
des Neurilemm besteht gewöhnlich bis weit tlber die Zeit hinaus,
wo die Regenerationsvorgänge an den Nervenfasern beginnen, und es
ist wahrscheinlich, dass dieselben durch diese Bindegewebswucherung
und Retraction erheblich gehindert und verlangsamt werden können,
üeber diese Regeneration der Nerven, welche bald früher
bald später nach traumatischen und analogen Einwirkungen erfolgt,
ist trotz der zahlreichen darauf gerichteten Untersuchungen noch
keine hinreichende Klarheit und gar keine Uebereinstinmiung unter
den Beobachtern erzielt. Thatsache ist jedenfalls, dass die Regene-
ration in vielen Fällen ungemein rasch und leicht, in andern lang-
samer und später erfolgt; allein über die feineren histologischen Vor-
gänge dabei ist man noch nicht hinlänglich einig. Der einfachste
Fall ii^t wohl der, dass durch eine einfache Quetschung oder Com-
pression des Nerven Lähmung eintrat, jedoch keine Trennung des
Zusammenhangs des Nerven eingetreten ist. Hier sieht man, sobald
die fortschreitende Resorption der Mark- und Fettmassen einen hin-
reichend genauen Einblick gestattet, dass von den centralen wohler-
haltenen Enden der Nervenfasern aus sich blasse Bänder in den alten
Schwann'schen Scheiden in den peripheren degenerirten Theil des
Nerven fortsetzen; dass diese blassen Bänder sich vom centralen
Ende aus allmälig mit einer ganz schmalen, nach der Peripherie
hin wachsenden, nach und nach breiter werdenden Markscheide um-
geben. So kann man in einem bestimmten Stadium der Regene-
ration an und etwas unterhalb der Quetschungsstelle zahllose regene-
rirte Fasern antreffen, die sich durch ihre Schmalheit und die Fein-
heit ihres doppelten Contur höchst aufTallend unterscheiden, nach
unten aber direct in die schon mehrfach erwähnten innerhalb der
Schwann'schen Scheiden liegenden schmalen, blassen Bänder ttber-
gehen. (Um diese Zeit kann die Motilität schon wieder theilweise
hergestellt sein.) — Unklar ist jedoch hierbei noch, wie die Restitu-
tion .der Markscheide und wohl auch des Axencylinders an der
Quetschungsstelle selbst zu Stande kommt Hertz nimmt an, dass
die wuchernden und sich aneinander lagernden Nervenscheidenkeme
die Lücke ausftlllen und die Verbindung wiederherstellen.
25*
388 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nenren.
Ganz anders aber bei völliger Dnrehtrennong des Nenren (and
ebenso bei den Sehnssyerletznngen ^ Zerreissangen o. s. w. in der
menschlichen Pathologie), wobei die beiden Nervenenden durch ein
mehr oder weniger langes Zwischensttick getrennt sind, welches
natürlich zunächst durch Granulationsgewebe ausgefällt wird. Dies^
Gewebe haben die nengebildeten Nerven£EU3em zu überbrücken, die
Regeneration hat vor Allem durch dieses Zwischengewebe hindurch
eine Verbindung der centralen und der peripheren Enden der Nerven-
fasern herzustellen. Wie dies jedoch geschieht, darüber gehen die
Ansichten der Forscher weit auseinander. Darüber herrscht zun&chst
Einigkeit, dass die Regeneration anfangs im centralen Stumpfe be-
ginnt, und dass die neugebildeten Nervenfasern in das Zwischenge-
webe hineinwachsen ; ferner darüber, dass auch im peripheren Ende,
unabhängig von der centralen Regeneration eine Neubildung von
jungen Nervenfasern stattfindet, welche dazu bestimmt scheinen, mit
den central gebildeten in directe Verbindung zu treten. Aber während
die eine Meinung (Hertz, Bruch, Hjelt, Oehl u. A.) die neuen
Nervenfasern aus in Längsreihen aneinander gelagerten kernhaltigen
Gebilden (gewucherten. Zellen der Schwann'schen Scheiden oder aus-
gewanderten farblosen Blutkörperchen) sowohl innerhalb der Primi-
tivscheiden als ausserhalb und zwischen denselben entstehen lässt,
führt die andere Ansicht (Neumann, Eichhorst, Remak) die-
selbe auf Abspaltung und Regeneration der in der Schwann'schen
Scheide zurückgebliebenen, aus umgewandeltem Mark- und Axen-
cjlinder bestehenden, homogenen Masse zurück und will jede Be-
theiligung von Zellen an der Neubildung der Nervenfasern ausge-
schlossen wissen. Und ebenso besteht ein Gegensatz der Meinungen
über die Herstellung der Verbindung der centralen und peripheren
Fasern innerhalb des Mittelstücks zwischen den beiden Enden:
während Neu mann annimmt, dass die central gebildeten Fasern
(deren sich nach ihm in jeder alten Faser ein ganzes Bündel „ab-
spaltet") direct durch die intermediäre Substanz hindurchwachsen
und auf irgend eine Weise sich dann in Verbindung mit den peripher
gebildeten Fasern setzen, behauptet Hertz, sich davon überzeugt
zu haben, dass in dem aus Granulationsgewebe gebildeten Mittelstttck
sich Zellen reihenweise aneinanderlegen, miteinander zu Längsreihen
verschmelzen und sich in Nervenfasern umwandeln, welche als Mittel-
glied sich mit den centralen Fasern einerseits, mit den peripheren
Fasern andererseits verbinden. Ran vi er dagegen lässt ebenfalls
aus den einzelnen centralen Nervenfasern ganze Bündel neugebildeter
Nervenfasern hervorgehen, welche die zwischen den getrennten Enden
Läbmnng. Histologische Veränderungen an Nerven und Muskeln. 389
liegende Lttcke Überbrücken und in den peripheren Abschnitt ein-
dringen, um entweder in die alten degenerirten Fasern (resp. deren
restirende Schwann'sche Scheiden) oder in das dieselben trennende
Bindegewebe hineinzuwachsen.
Sei dem, wie ihm wolle, jedenfalls ist so viel sicher und für
die Pathologie von grösster Wichtigkeit, dass wirklich eine Regene-
ration der Nervenfasern stattfindet, dass eine Wiedervereinigung ge-
trennter Nervenfasern durch nervöses Gewebe zu Stande kommen
kann, und dass damit die Grundlagen fUr die Heilung hierherge-
höriger Lähmungen gegeben sind. Wo die Bedingungen fUr diese
Regeneration günstig sind (keine vollständige Trennung des Nerven),
erfolgt dieselbe rasch und vollständig ; sind dieselben weniger günstig,
dann erfolgt sie langsamer; je weiter die getrennten Nervenenden
von einander entfernt sind, je mehr sie aus ihrer normalen Rich-
tung verschoben sind, je breiteres und dichteres Zwischengewebe
vorhanden ist, desto geringer werden die Chancen einer Wiederver-
einigung und physiologisch wirksamen Regeneration der Fasern sein.
Es ergibt sich daraus leicht, dajss es zahlreiche Fälle geben wird,
in welchen durch derartig ungünstige äussere Bedingungen eine Wieder-
vereinigung und Regeneration einfach unmöglich gemacht wird, in
welchen demnach die Lähmung eine unheilbare bleiben muss.
Die interessante Frage, wie es kommt, dass auch nach völligen
Trennungen der Nerven ihre physiologische Function sich wieder in
ganz normaler Weise herstellt, ob die getrennten Enden je einer
Nervenfaser wieder zusammenheilen, oder ob die Vereinigung rein
dem Zufall überlassen bleibt, ist noch kaum der anatomischen Unter-
suchung unterworfen worden. Ebenso wissen wir über das Verhalten
der motorischen Endplatten bei solchen Degenerationen und Regene-
rationen so gut wie nichts.
Im engsten Zusammenhang mit den beschriebenen Veränderungen
an den Nerven läuft auch eine Reihe von Veränderungen der
Muskeln ab, die jedoch bisher seltener Gegenstand genauerer
Untersuchung gewesen sind. Schon Reid (1841) hat dieselben ge-
nauer beobachtet und den erheblichen Schwund der Muskeln con-
statirt. Valentin constatirte dabei die Abmagerung der Fasern
und das Undeutlichwerden ihrer Querstreifung. Mantegazza be-
rücksichtigte zuerst neben diesen Veränderungen die Wucherung der
Muskelkeme und des interstitiellen Bindegewebes. Ich selbst habe
dann die Muskelveränderungen bei traumatischen Lähmungen genauer
untersucht und beschrieben, und meine Angaben sind grösstentheils
390 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospiaalen Ner?en.
von Vulpian und in neuester Zeit von Bizzozero und Golgi
bestätigt worden.
Die hauptsächlichste und auffallendste Veränderung ist unstreitig
die Atrophie der Muskelfasern; sie begmnt in der 2. Woche
deutlich zu werden, schreitet progressiv in den folgenden Wochen
fort und ist auf Längsschnitten sowohl wie besonders auf Querschnitten
leicht zu constatiren. Sie ist natürlich nicht an allen Fasern ganz
gleichmässig ausgesprochen, sondern Fasern von sehr verschiedener
Breite finden sich in den gelähmten ebenso wie in gesunden Mus-
keln; im Laufe von 5 — 6 Wochen ist jedoch die durchschnittliche
Faserbreite um mehr als die Hälfte gesunken, und entsprechend
sinken auch ihre Grenzwerthe. Sobald Regeneration der Nerven
und Wiederkehr der Motilität eingetreten ist, wird das Fortschreiten
dieser Atrophie sistirt, und die Muskelfasern kehren nach und nach,
wenn auch nur langsam , zu ihrer normalen Breite zurück. Ist je-
doch keine Restitution der Nerven möglich, ist die Lähmung eine
unheilbare, so schreitet auch die Atrophie weiter fort, die einzelnen
Fasern verschwinden nach und nach, und es bleibt schliesslich nur
das — gewucherte — interstitielle Gewebe zurück. Dieser Aus-
gang, dieses völlige Verschwinden des Muskelgewebes als solchen,
tritt aber erst nach vielen Monaten, oft erst nach Jahren ein.
Neben dieser Atrophie beobachtet man aber auch noch weitere
Veränderungen an den Muskelfasern: ihre Querstreifen werden
etwas undeutlicher und weniger scharf, sie rücken näher zu-
sammen und werden feiner, ohne jedoch ganz zu verschwinden;
häufig erscheinen die Fasern wie leicht getrübt, doch tritt in früheren
Stadien niemals eine deutliche körnige oder fettige Degeneration
ein. Z» gleicher Zeit zeigt sich eine erhebliche Vermehrung der
Muskelkerne, die im Laufe der 2. Woche beginnt und in den
folgenden Wochen eine solche Höhe erreicht, dass an Stelle eines
einzelnen Muskelkernes Häufchen von 6—8 Kernen beisammen liegen,
die dann in den atrophisch gewordenen Fasern noch besonders dicht
beisammen liegen und auch in diesen ohne weitere Reagentien schon
viel leichter sichtbar sind, als in gesunden Fasern. — Endlich lässt
sich auch noch eine chemische Veränderung der contrac-
tilen Substanz nachweisen, die sich dahin äussert, dass die Fasern
eine mit der Dauer der Lähmung zunehmend grössere Neigung zeigen,
nach Verletzungen oder nach dem Eintritt des Todes jene dgen-
thümliche Veränderung zu erleiden, die man als „ wachsartige Degene-
ration " bezeichnet, — eine Veränderung, die in den früheren Stadien
der Lähmung jedenfalls nur Leichenerscheinung ist, späterhin sich
Lähmung. Histologische Yeränderungen an Nerven und Muskeln. 391
vielleicht auch schon während des Lebens einstellt und den Zerfall
und die Besorption der Fasern beschleunigt/)
Die auch an den Muskeln nicht fehlende Veränderung des
interstitiellen Bindegewebes beginnt ungefähr mit dem Ein-
tritt der 2. Woche mit einer massenhaften Anhäufung von zel-
ligen Elementen (emigrirten farblosen Blutkörperchen?) in dem-
selben, so dass es an vielen Stellen aussieht , als sei Granulations-
gewebe zwischen die Muskeln eingelagert; besonders in der Um-
gebung der Blutgefässe und der degenerirten Nervenstämmchen sieht
man diese Anhäufungen sehr schön , und sie lassen sich mehrere
Wochen lang leicht allenthalben nachweisen. Von der 6. Woche
an jedoch verschwinden sie allmälig, nachdem sie vorher meist
spindelförmig geworden und in dem reichlich wuchernden derben
welligen Bindegewebe aufgegangen sind. Diese Wucherung des
interstitiellen Bindegewebes ist ebenfalls schon früh, in der
2. Woche etwa, zu constatiren, nimmt von Woche zu Woche zu,
und erscheint allmälig in Form von derbfaserigen, welligen Binde-
gewebszügen, welche in erheblicher Breite den Muskel durchziehen
und als deutliche Septa die einzelnen Muskelfasern von einander
trennen. Der Muskel wird dadurch viel derber, fester, und besonders
auf Querschnitten desselben erkennt man deutlich die massenhafte
Zunahme des interstitiellen Gewebes. Dieses verfällt später der
narbigen Retraction, und es kann keinem Zweifel unterliegen, dass
die nach solchen Lähmungen so häufig auftretenden Contracturen
zum grössten Theil auf dieses Verhältniss zurttckzuftlhren und also
als myopathische aufzufassen sind.
Auch alle diese genannten Veiilnderungen können sich mit vollen-
deter Regeneration des Nerven allmälig wieder zurtlckbilden ; doch
geschieht dies nur sehr langsam und allmälig, und zwar um so lang-
samer, je weiter die Veränderungen bereits vorgeschritten waren,
je länger demnach die Lähmung bereits bestanden hatte; und es
ist leicht verständlich, dass besonders die mächtige Zunahme des
Bindegewebes, diese förmliche Cirrhose der Muskeln ein erhebliches
Hindemiss ftir die baldige Restitution der Muskelfasern zu ihrem
normalen Volumen und ihrer normalen Leistungsfähigkeit sein wird.
Daraus erklärt sich hinlänglich die auch beim Menschen jederzeit
zu beobachtende langsame Heilung solcher Lähmungen.
1) Ygl. Erb, Bemerk, über die sogen, wachsartige Degener. quergestreifter
Muskelfasern. Virch. Arch. Bd. 43. 1869. — W. Weihl, Experimentelle Unters,
ttb. d. „wachsart. Degener." etc. ibid. Bd. 61. 1ST4.
392 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
In nnbeilbaren Fällen dagegen gewinnt das wuchernde Binde-
gewebe mit der fortschreitenden Atrophie and dem schliesslichen
Schwand' der Muskelfasern immer mehr an Derbheit^ und es können
so im Verlaufe von Monaten und Jahren die Muskeln ganz in platte
bindegewebige Stränge umgewandelt werden. Manchmal wird dies8
Gewebe dann noch in späterer Zeit der Sitz Ton Fettablagerung,
es bilden sich mehr oder weniger reichliche Fettzellen in demselben,
und es kann schliesslich an Stelle des geschwundenen Muskels förm-
liches Fettgewebe sich finden.
Es versteht sich von selbst, dass auch in dem makroskopischen
Aussehen der in dieser Weise gelähmten Muskeln sich die geschil-
derten Veränderungen kund geben. In den ersten Tagen erscheinen
die Muskeln durch grösseren Blutreichthum geröthet und geschwellt,
wohl auch derber als normal; mit fortschreitender Atrophie der
Muskelfasern and Hyperplasie des Bindegewebes jedoch werden die
Muskeln blasser und blasser, gewinnen immer mehr an Consistenz
und Derbheit, ihre Färbung geht vom grauröthlichen allmälig über
in die Färbung des derbfaserigen Bindegewebes, welche sich bd
reichlicher Fetteinlagerung wieder in das fahlgelbe Colorit des Fett-
gewebes umwandeln kann , und damit ist auch wieder in der Regel
eine Abnahme in der Consistenz des Gewebes verbunden.
Wie schon oben gesagt, kommt die Gesammtheit der soeben
geschilderten Veränderungen an Nerven und Muskeln in schönster
und förmlich typischer Weise bei traumatischen Lähmungen vor, and
zwar ebensowohl bei den experimentell erzeugten, wie bei jenen,
welche am Menschen durch irgend welchen Zufall (Schussverletznng,
Schnitt- und Hiebwunden, Contusion u. s. w.) entstehen. Es nnter-
liegt nicht dem mindesten Zweifel, dass dieselben Veränderungen —
deren Existenz wir, wie sogleich gezeigt werden wird, auch klinisdi
vermittelst der elektrischen Untersuchung nachweisen können — auch
bei allen jenen peripheren Lähmungsformen, welche in ihrer Bedeu-
tung für die Existenz der anatomischen Integrität und der Leitnngs-
fähigkeit der Nerven den traumatischen Lähmungen analog sind,
in genau gleicher Weise gefunden werden. Hierher gehören die
Lähmungen, welche durch energische Compression peripherer Nerren
durch Geschwülste, Blutextravasate » Callusbildung, Bindegewebe-
Wucherung, rheumatische Exsudation u. dgl. hervorgerufen werden;
und das Vorkommen der uns hier beschäftigenden Veränderungen
deutet in solchen Fällen immer auf eine schwere periphere Läsion.
Neuere Untersuchungen haben es jedoch in hohem Grade wahr-
scheinlich gemacht, dass auch bei bestimmten Formen der centralen
Lähmung. Histologische Yer&nderuDgen an Nerven und Muskeln. 393
Lähmnogen sich identische oder doch wenigstens ähnliche Ernäh-
nmgsstömngen in den Nerven nnd Maskeln einstellen. So will man
bei der sogenannten spinalen Kinderlähmung and verwandten Krank-
heitsformen, bei welchen diese Veränderungen in Nerven und Mus-
keln sich ziemlich regelmässig einstellen, den Sitz der Erkrankung
in die vordere Hälfte des Rückenmarks verlegen und glaubt, dass
gewisse Ganglienzellen in den Vorderhömem in solchen Beziehungen
zu den trophischen Vorgängen in Nerven und Muskeln stehen, dass
ihre Lähmung oder Erkrankung die genannten Veränderungen her-
vorzurufen im Stande ist. Für die genauere Besprechung dieser
diagnostisch sehr wichtigen Thatsache muss jedoch auf die Erkran-
kungen des Bttckenmarks und der trophischen Nerven verwiesen
werden.
Endlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch bei der Blei-
lähmung ganz ähnliche histologische Veränderungen gefunden worden
sind (Gombault*), ohne dass es gelungen wäre, über den eigent-
lichen Sitz dieser Lähmung bisher ins Klare zu kommen ; und weitei;,
dass die Veränderungen in den Muskeln, wie sie hier geschildert
worden sind, mit den bei der progressiven Muskelatrophie beob-
achteten Muskelveränderungen eine überaus grosse Aehnlichkeit be-
sitzen, so dass sie sogar vom histologischen Standpunkt aus als
nahezu identisch aufgefasst werden konnten (Fried reich*)),' wäh-
rend allerdings ein erheblicher klinischer Unterschied darin besteht,
dass bei der letzteren Krankheit die motorischen Nervenfasern bis
zu einem sehr späten Stadium der Muskelerkrankung erhalten bleiben.
Diese Thatsacien, auf deren Details einzugehen hier nicht der Ort
ist, mnssten gleichwohl erwähnt werden, weil sie den diflFerential-
diagnostischen Werth des klinischen Nachweises der uns hier be-
schäftigenden anatomischen Veränderungen erheblich zu modificiren
geeignet sind.
Wenn hier die Frage nach dem näheren Zusammenhange
der im Vorstehenden besprochenen vasomotorischen und
trophischen Störungen mit der Lähmung oder vielmehr der
Lähmungsursache kurz berührt werden soll, so geschieht dies beson-
ders, um die vielen Schwierigkeiten und Unklarheiten zu betonen,
welche diese wichtige Frage noch immer umgeben» Nur Weniges
darüber ist bis jetzt mit Sicherheit bekannt; nur Weniges ist unbe-
stritten und gerade über die wichtigsten Punkte herrschen noch ein-
ander direct widersprechende Ansichten. Keine von diesen ist in
zwingender Weise bewiesen, da die Thatsachen meist einer mehrfachen
1) Arch. de Physiol. norm, et pathol. 1873. Sept.
2) üeber progressive Muskelatrophie. Berlin. 1873. S. 173.
394 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebro8pinalen Nerren.
Dentung fähig sind und experimentelle Untersuchungen vielfach mit
jetzt noch anscheinend unübersteiglichen Schwierigkeiten zu kämpfen
haben. Jedenfalls aber sind zahlreiche experimentelle Arbeiten unbe-
dingt nöthigy besonders um über den trophischen Einfluss des Nerven-
systems mehr ins Klare zu kommen.
Am leichtesten sind die bei Lähmungen vorkommenden vasomo-
torischen Stc^rungen und was sich an sie anknttpft; zu erklären;
es handelt sich bei diesen einfach um Lähmung oder Reizung vaso-
motorischer Bahnen, die je nach dem Sitz, der Art und der Ausbrei-
^ng der Lähmungsursache eintreten oder fehlen können. Reizung
der vasomotonschen Bahnen und dadurch bedingte Ischämie ist bei
Lähmungen der Natur der Sache nach seltener; weit häufiger die
Lähmung derselben, die anfangs zu fluxionärer Hyperämie mit Tem-
peratursteigerung und leichtem Oedem, später zu allgemeiner Atonie
der Gefässe, Cyanose, mangelhafter Ernährung der Gewebe fahrt.
Für die Erklärung des späteren Verechwindens der Hyperämie und
der Temperatursteigerung in manchen Fällen sind wohl auch die an
den Gefässen wahrscheinlich vorhandenen (Goltz, Gergens und
Werber) peripheren gangliösen Apparate herbeizuziehen, welche den
Tonus der Gefässe auch bei fortbestehender Lähmung der vasomoto-
rischen Bahnen wieder herstellen und bis zu einem gewissen, aller-
dings unvollkommenen Grade erhalten können. Wir dürfen diese Er-
scheinungen überall da erwarten, wo die vasomotorischen Bahnen von
der Lähmnngsursache mitbetroffen sind; am sichersten bei Lähmung
der peripheren Nerven, wo die vasomotorischen Bahnen mit den mo-
torischen meist in denselben Nervenstämmen vereinigt liegen; weniger
sicher bei Lähmungen vom Rückenmark aus, weil in diesem die bei-
den Faserleitungen wohl schon räumlich mehr getrennt sind; am sel-
tensten endlich bei cerebralen Lähmungen, bei welchen häufig die
vasomotorischen Bahnen ganz unbetheiligt bleiben, da sie im Gehirn
mehr oder weniger entfernt von den motorischen verlaufen. Dem
entspricht durchaus die klinische Erfahrung.
Anders aber ist es mit den eigentlichen trophischen Störun-
gen: Nervendegeneration und Zerfall, Kemwucherung , Atrophie und
Degeneration in den Muskelfasern, plastische Infiltration und Bindege-
webswucherung, entzündliche Störungen der Haut und der Gelenke,
verändertes Haar- und Nagelwachsthum, Rnochenatrophie, Decubitus etc.
Schon die allgemein pathologische Deutung aller dieser Vorgänge
ist schwierig; viele sind wohl als eine Art der entzündlichen Störung
aufzufassen, ähnlich wie die in anderen Organen zur sogen. Girrhose
führende chronische Entzündung; andere müssen wir wohl als einfache
Atrophien, ab degenerative Atrophien, als abnorme Wachsthumsvor-
gänge u. dgl. bezeichnen.
Noch weit schwieriger aber ist die Deutung des Zusammenhanges
dieser Störungen mit der ursprünglichen Läsion. Schon für den ao-
scheinend einfachsten Fall — die periphere traumatische Lähmung —
liegen die Verhältnisse so verwickelt, dass die verschiedensten Erklä-
rungsversuche auftauchen und sich behaupten konnten.
Die nä^' otliegende Annahme war die, dass es sich um eine von
L&hmung. Theorie der vasomotorischen und trophischen Störungen. 395
der Läsionsstelle fortgeleitete tranmatische Entzündung handle^ welche
sieh durch die peripheren Nervenbahnen anf die Muskeln und ge-
legentlich auch auf die übrigen Gewebe verbreite; sie ist in neuester
Zeit von Friedreich*) mit vielem Geschick vertheidigt worden. Wir
müssen uns jedoch aus mehrfachen Gründen gegen eine allgemeine
Berechtigung dieser Auffassung erklären : einmal wegen der ausschliess-
lich centrifugalen Fortleitung des Processes; femer wegen des fast
gleichzeitigen Auftretens der Veiünderungen in den von der Otoions-
stelle entferntesten und in den ihr zunächst gelegenen Muskeln; end-
lich wegen der bekannten und vielfach zu physiologischen Untersuch-
ungen verwertheten Thatsache^ dass bei Durchschneidung einzelner
Wurzeln sich die Nerv^endegeneration durch die Plexus hindurch auf
die nämlichen Fasern beschränkt bis zur Peripherie fortsetzt, was beim
Fortkriechen eines entzündlichen Processes im Bindegewebe der Ner-
venscheiden doch nicht wohl denkbar wäre.
Wir müssen vielmehr nach den bis jetzt vorliegenden Thatsachen
und Beobachtungen die Ansicht für die wahrscheinlichste halten, dass
die Trennung der peripheren Theile vom Centralnerven-
system das ursächliche Moment für alle diese Störungen
ist. Wie dies der Fall ist, ist freilich in vieler Beziehung noch un-
klar. Vasomotorische Einflüsse spielen jedenfalls eine grosse Rolle;
sie erklären wohl die Hyperämie, die Schwellung, am Ende auch die
Emigration farbloser Blutkörperchen u. dgl.; aber sie erklären nicht
alles; nicht die Degeneration des Nervenmarks, nicht die Atrophie
und Kemwucherung der Muskelfasern u. a. m. Es müssen also wahr-
scheinlich noch vom Nervensystem ausgehende, direct trophische Ein-
wirkungen angenommen werden. Ob dieselben durch die motorischen
Fasern selbst vermittelt werden, oder ob sie an eigene Nei'venfasem
(trophische Nerven) geknüpft seien, müssen wir noch dahingestellt
sem lassen. Auch über den feineren Modus der normalen oder patho-
logischen Einwirkungen dieser Bahnen sind wir noch im Unklaren
und müssen überhaupt die genauere Discussion dieser Fragen dem
Abschnitt über Trophoneurosen überlassen.
Wenn diese Annahme richtig ist, so würde daraus hervorgehen,
dass gewisse im Centralnervensystem (wahrscheinlich im Rückenmark,
z. Th. wohl auch im Gehirn) gelegene „trophische" Apparate vor-
handen sind, deren Lostrennung von den peripherischen Theilen in
diesen trophische Störungen (im weitesten Sinne) hervorruft. Es ist
aber selbstverständlich, dass ähnliche trophische Störungen auch dann
entstehen müssen, wenn diese ,,trophischen^ Apparate selbst erkranken
oder irgendwie zu Grunde gehen. Und daraus erklären sich wohl die
analogen trophischen Störungen bei der spinalen Einderlähmung und
verwandten Krankheitsformen. Dieselben pflegen meist auf die moto-
rischen Apparate (Nerven und Muskeln) beschränkt zu sein.
Charcot ist dagegen geneigt, dem irritativen Moment eine grosse
Rolle bei dem Entstehen dieser trophischen Störungen zuzuschreiben,
und er hat versucht, die meisten trophischen Störungen bei peripheren
1) Progressive Muskelatrophie etc. Berlin IS 73. S. 147 a. ff.
396 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
sowohl, wie bei centralen Nervenläsionen auf abnorme Erregungszu-
stände bestimmter Nervenbahnen zurflckznflihren; die von ihm jedoch
speciell in Bezug auf die uns hier beschäftigenden peripheren trau-
matischen Lähmungen gegebene Begründung dieser Anschauung er-
scheint uns entschieden missglückt.
So ist auf diesem Gebiete noch das Meiste unsicher; keine Er-
klärung hat sich allgemeiner Anerkennung zu erfreuen, keine ist wohl
auch fttr alle Fälle zutreffend. Vielleicht wirken mehrfache Momente
zusammen: Directe Fortleitung irritativer Processe, Aufhebung cen-
traler trophischer Einflüsse, vasomotorische Binflüsse, Nervenirritation;
vielleicht ist auch reflectorischen Vorgängen dabei eine gewisse RoUe
zuzuweisen, ganz abgesehen von den Möglichkeiten, welche auf in-
directem Wege bei vorhandener Lähmung und Anästhesie die ver-
schiedensten trophischen Störungen herbeiftihren können. Nur eine fort-
gesetzte kritische Beobachtung und vor allen Dingen das Experiment
können diese Fragen der Entscheidung allmälig näher bringen. Von
nicht zu unterschätzender Bedeutung dafür scheint eine jüngst erfolgte,
leider nur sehr kurze, vorläufige Mittheilung von Nothnagel*) zu
sein, welcher nach geringer Verletzung einer bestimmten Stelle der
Oberfläche des Raninchenhirns regelmässig Meningitis entstehen sah,
meist doppelseitig, sehr selten nur auf der Stichseite, zuweilen nur
auf der anderseitigen Hälfte.
Von eminenter Wichtigkeit für die Pathologie der Lähmungen
und z. Th. auch fUr die diflferentielle und locale Diagnose derselben
ist in neuerer Zeit die elektrische Untersuchung der gelähm-
ten Nerven und Muskeln geworden. Dieselbe ergibt bei ver-
schiedenen Lähmungsformen sehr charakteristische Vei^nderungen
der elektrischen Erregbarkeit, sie ermöglicht sogar bei einzelnen
Formen eine genaue Erkennung und Verfolgung der eintretende
histologischen Veränderungen, so dass sie fUr die exacte Benrthei-
lung der Lähmungen geradezu unentbehrlich geworden ist Freilich
darf besonders der diagnostische Werth der elektrischen Untersuchung
in keiner Weise überschätzt werden; wer da glaubt, es sei zur exae-
ten Diagnose einer Lähmung nur eine, wenn anch noch so genaue
elektrische Untersuchung erforderlich, wird sich häufig sehr enttäuscht
fühlen ; die elektrische Untersuchung ergibt in vielen Fällen gar keine
verwerthbaren Aufschlüsse; nur bei bestimmten Lähmungsformen sind
ihre Besultate unzweideutig und berechtigen zu ganz bestimmten
Schlussfolgerungen; und in allen Fällen wird erst im Zusammen-
halt der elektrischen Erregbarkeitsverhältnisse mit den übrigen kli-
nischen Erscheinungen eine definitive und sichere Ehitscheidung za
finden sein. Trotzdem ist der Werth der elektrischen Untersuchung
1) Centralbl. f. d. med. Wissenschaft. 1874. No. 14.
Lähmung. Symptome. Veränderangen der elektrischen Erregbarkeit. 397
nach den bis jetzt vorliegenden Tkatsachen bereits so gross ^ dass
wir eine eingehende Besprechung derselben nicht umgehen können.
Indem wir für die Untersuchungsmetfaoden und die physiologischen
Verhältnisse auf das in der Einleitung (S. 251) Gesagte verweisen,
haben wir hier nur kurz die jeweils vorkommenden Befunde und
ihre Beziehungen zu den einzelnen Formen und Arten der Lähmung
und zu gewissen histologischen Veränderungen zu notiren.
Man kann diese Befunde in mehrere Gruppen bringen.
Zunächst kommt bei vielen Lähmungen gar keine Verände-
rung der elektrischen Erregbarkeit vor; Nerven und Mus-
keln reagiren auf den faradischen sowohl wie auf den galvanischen
Strom in völlig normaler Weise. Das kommt vor und ist die Eegel
bei vielen cerebralen Paralysen (z. B. Hemiplegien nach Apoplexie
oder Himembolie, bei Hirntumoren etc.), femer bei manchen spinalen
Paralysen (z. B. chronischer Myelitis) und endlich auch bei manchen
peripheren Lähmungen, sowohl bei gewissen rheumatischen (z. B.
leichten Facialparalysen), wie bei leichten traumatischen Lähmungen
(z. B. Drucklähmung des N. radialis).
Die zweite Gruppe umfasst die einfach quantitativen Ver-
änderungen der elektrischen Erregbarkeit; dabei ist der
Modus der Reaction, Zuckungsgesetz u. s. w. normal, nur die In-
tensität, die Stärke derselben ist verändert, hat ab- oder zugenommen.
a) Die einfache Steigerung der elektrischen Erregbar-
keit äussert sich bei der faradischen Prüfung durch eine grössere
Anspruchsfähigkeit der Nerven und Muskeln gegen den Strom, durch
Vermehrung des Rollenabstandes, bei welchem die Gontractions-
minima eintreten, durch Zunahme der Contractionsgrösse bei der-
selben Stromstärke; bei der galvanischen Untersuchung durch Auf-
treten von EaSZ bei sehr geringen Stromstärken; durch üebergang
der Zuckung in einen EaS Tetanus bei wenig höheren Stromstärken ;
durch irtthzeitiges Emtreten der AnOZ und durch leichte Herstell-
barkeit der EaOZ; endlich in seltenen Fällen durch das Auftreten
^on Anodenöfifhungstetanus (AnOTe). Dazu kommt als weiteres
Merkmal noch die Zunahme der von Brenner so genannten secun-
dären Erregbarkeit und endlich das oft sehr auffallende Missver-
hältniss zwischen motorischer und sensibler Reaction, das sich bei
solchen Untersuchungen nicht selten herausstellt.
Mit Leichtigkeit und Sicherheit festzustellen sind diese Verän-
derungen — wenn sie nicht sehr hochgradig sind — gewöhnlich nur
da, wo man zum Vergleich die symmetrischen Nerven und Muskeln
der anderen gesunden Eörperseite hat, also bei Hemiplegien. Bei
398 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
doppelseitigen LähmnngeD; Paraplegien u. dgl. hat dies um so mehr
Schwierigkeiten, als der Vergleich mit gesunden anderen Individaen
nur unter Berücksichtigung ganz bestimmter Cautelen gestattet mi,
welche ich an einem anderen Orte (Arch. f. Psych, u. Nerveokr.
Bd. IV) genauer bezeichnet habe.
Die einfache Steigerung der elektrischen Erregbarkeit kommt
bei Lähmungen nur selten vor; sie kommt in massigem Grade vor
bei gewissen cerebralen Lähmungen, besonders in den ersten Stadien
derselben (Hemiplegien aus verschiedenen Ursachen); femer kommt
sie bei manchen Formen der spinalen Lähmung, besonders gewissen
Fällen von Tabes vor, jedoch jedenfalls seltener, als man bisher
anzunehmen geneigt war; endlich auch noch in seltenen Fällen bei
gewissen peripheren Lähmungen und zwar in vorübergehender Weise ;
so in den ersten Tagen der rheumatischen Faciallähmung.
b) Die einfache Verminderung der elektrischen Erreg-
barkeit äussert sich bei der faradischen Untersuchung als eine
Verminderung des zur Erzielung von Minimalcontractionen erforder-
lichen Rollenabstandes und kann in den höchsten Oraden bis zum
völligen Erlöschen der faradischen Erregbarkeit gehen; bei der gal-
vanischen Untersuchung verschwindet zuerst EaSTe und ist mit
keiner anwendbaren Stromstärke mehr zu erzielen, dann fallen AnSZ
und AnOZ weg, und endlich ist mit den höchsten Stromstärken nur
KaSZ zu erzielen ; auch hier kann schliesslich völliges Erlöschen der
galvanischen Erregbarkeit eintreten.
Diese Veränderung kommt bei Lähmungen häufiger vor, als die
vorhergehende; bei cerebralen Lähmungen allerdings nur selten,
nämlich bei jenen, welche von Erkrankungen des Himstammes aus-
gehen, z. B. bei der Bulbärparalyse. Sie tritt aber dann — und
das ist wichtig zur Unterscheidung von peripheren Lähmungen —
nicht frühzeitig, sondern immer erst im späteren Verlauf der Krank-
heit ein und geht ganz ohne qualitative Veränderungen der £rr^-
barkeit einher. — Femer wird diese Veränderung beobachtet bei
gewissen spinalen Lähmungen, besonders solchen, welche mit ein-
facher Atrophie der Muskeln einhergehen, und sie ist wohl der
physiologische Ausdruck für diese Atrophie; so z. B. bei gewissen
Formen der Myelitis, bei manchen spinalen Lähmungen nach acuten
Krankheiten etc. — Als Theilerscheinung einer grösseren Bdhe
z. Th. auch qualitativer Veränderungen der elektrischen Erregbarkeit
und endlich als terminale Erscheinung eines ganzen Cyclus von Ver-
änderungen in unheilbaren Fällen kommt die Verminderung und
völlige Aufhebung der elektrischen Erregbarkeit in den Nerven und
L&bmung. Yeränderangen d. elektr. Erregbarkeit Entartungsreaction. 399
Muskeln auch bei gewissen peripheren Lähmungen vor^ wie sogleich
gezeigt werden wird. — Endlich begleitet sie auch bei der pro-
gressiven Muskelatrophie den zunehmenden Schwund der Fasern und
steht in einer directen Beziehung zu dem Querschnitt der in den
atrophischen Muskeln noch erhaltenen contractilen Substanz ; mit dem
Tölligen Schwunde derselben erlischt auch die elektrische Erregbar-
keit gänzlich.
Die dritte Gruppe endlich umfasst die qualitativ-quantita-
tiven Veränderungen der elektrischen Erregbarkeit,
welche in neuerer Zeit vielfach der Gegenstand klinischer und ex-
perimenteller Beobachtung geworden sind, und ftlr welche ich die
Bezeichnung „Entartungsreaction*" vorgeschlagen habe.*) Ihr unge-
mein charakteristischer Ablauf und ihr regelmässiges Vorkommen bei
gaDz bestimmten Lähmungsformen verleiht ihnen eine erhebliche
diagnostische und prognostische Wichtigkeit.
Nachdem schon Hall 6 in Paris zu Ende des vorigen Jahrhun-
derts eine hierhergehörige Beobachtung gemacht hatte*), die aber
wieder vergessen war, und nachdem Remak schon in seiner Gal-
vanotherapie (1858) andeutungsweise über ähnliche Fälle berichtet,
publicirte zuerst Baierlacher im J. 1859') die Geschichte einer
Faeialparalyse , bei welcher die Muskeln gegen faradische Ströme
völlig unerregbar erschienen, während sip auf den galvanischen Strom
mit ungewöhnlicher Leichtigkeit reagirten. Diese Beobachtung er-
regte grosses Aufsehen, und bald wurden von den verschiedensten
Seiten zahlreiche ähnliche Fälle publicirt: so von Schulz in Wien,
M. Meyer, Grünewaldt, Brenner, Neumann, Ziemssen,
Eulenburg, Erdmann, Bärwinkel, Runge, von mir und
zahlreichen Anderen ; es stellte sich heraus, dass diese Erregbarkeits-
veränderungen nicht auf Facialparalysen beschränkt waren, sondern
bei Lähmungen aller möglichen Rörpemerven vorkamen. Ich selbst
habe zuerst eine experimentelle Bearbeitung des Gegenstandes unter-
nommen, welche zu mannichfachen Auftchltissen führte; gleichzeitig
mit meiner Arbeit erschien die denselben Gegenstand behandelnde
Arbeit von Ziemssen und Weiss, welche meine Befunde in allen
wesentlichen Punkten bestätigte. Seither sind zahlreiche klinische
Beobachtungen, unter welchen die von Brenner^) mitgetheilten
eben hervorragenden Platz einnehmen, und auch noch vereinzelte
1) Volkmann^s Samml. klin. Vortr. No. 46.
2) Onimus et Legros, Traite (l*£lectricit^ möd. p. 571.
3) Bayr. ärztl. Intelligenzbl. 1859.
4) Unters, u. Beob. auf d. Gebiete d. Elektrotber. Bd. n. 1869.
400 EuB, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
experimentelle Untersuchungen gemacht worden, welche jetzt eine
ziemlich vollständige Darstellung und Klarlegung der in hohem Maas8e
interessanten Frage gestatten.
Als erstes Hauptresultat ergab sich bei diesen Untersuchangen,
dassNerv und Muskel scharf von einander getrennt wer-
den müssen, weil der Ablauf der Erregbarkeitsveränderungen in
beiden ein total verschiedener ist. Die Nichtbeachtung dieser That-
«
Sache hat zu allerlei Irrthtlmem und Missdeutungen Veranlassang
gegeben, die man jetzt bei einiger Vorsicht und Exactheit der Unter-
suchung leicht vermeiden kann.
Der Verlauf der fraglichen Erregbarkeitsänderungen ist nun fol-
gender :
Im Nerven tritt schon kurze Zeit nach dem Entstehen der
Lähmung (vom 2. oder 3. Tage an, nachdem in seltenen Fällen eine
geringe Steigerung der elektrischen Erregbarkeit vorausgegangen ist)
ein continuirliches und gleichmässiges Sinken derfara-
dischen sowohl wie der galvanischen Erregbarkeit ein,
und zwar ohne irgend welche qualitative Veränderung derselben.
Dieses Sinken manifestirt sich einerseits durch ein späteres Eintreten
des Contractionsminimums, andererseits durch eine erhebliche Ab-
nahme des mit den stärksten Strömen zu erzielenden Contractions-
maximums. Zu Ende der e/sten oder im Laufe der zweiten Woche
(7.— 12. Tag) erlischt die Erregbarkeit völlig, so das« die
gewöhnlich anwendbaren Stromstärken vom Nerven aus sowohl bei
faradischer wie galvanischer Reizung keine Spur von Zuckung mehr ,
auslösen. Das Sinken beginnt an dem der Läsion zunächst gelegenen
Stück des Nerven und schreitet 'sehr rasch gegen die Peripherie hin
fort. (Für die elektrische Reizung oberhalb der lähmenden Läsion
besteht natttrlich vom Eintritt der Lähmung an völlige Unerregbar-
keit.) Das Erloschensein der elektrischen Erregbarkeit kann ver-
schieden lange Zeit — in unheilbaren Fällen dauernd — bestehen
Die Wiederkehr derselben beginnt, sobald die Regeneration des
Nerven bis zu einem gewissen Grade fortgeschritten ist, und zwar
treten die ersten Spuren der wiederkehrenden faradischen und gal-
vanischen Erregbarkeit ziemlich genau am gleichen Zeitpunkte auf;
dieselbe zeigt sich zuerst an den am meisten central gelegenen Ab-
schnitten des Nerven und schreitet langsam gegen die Peripherie hm
fort; sie. nimmt in gleichmässiger Weise — abermals ohne qualitative
Aendernngen — gegen beide Stromesarten ganz allmälig zu w*d
bleibt gewöhnlich noch sehr lange Zeit unterhalb der normalen
Grösse ; zu einer Zeit, wo die Heilung in Bezug auf die willktlrliche
Lähmung. Veränderungen der elektr. Erregbarkeit, fintartungsreaction. 401
Bewegung schon eine ganz vollständige zu sein scheint , ist deshalb
häufig noch eine deutliche Verminderung der faradischen und galva-
nischen Erregbarkeit in dem Nerven wahrnehmbar.
In der ersten Zeit der beginnenden Begeneration kann sich die
interessante und anscheinend paradoxe Erscheinung herausstellen,
dass schon wieder willkürliche Bewegungen durch den gelähmten
Nerven vermittelt werden zu einer Zeit, wo derselbe noch gänzlich
anerregbar gegen den elektrischen Reiz ist; also Wiederkehr der
Motilität bei fortdauerndem Verlust der elektrischen
Erregbarkeit. Mit andern Worten: der Nerv ist zu einer be-
stimmten Zeit leitungs fähig fUr die vom Centrum herkommenden
Willensreize, aber er ist noch unerregbar gegenüber dem elek-
trischen Reiz. Dieses Stadium kann verschieden lange dauern, oft
nur wenige Tage, manchmal Wochen lang: das hängt ab von der
Schnelligkeit der Regeneration und der Entfernung der elektrisch
geprüften Stelle des Nerven von der Stelle der Läsion. — Man hat
diese Thatsache viel&ch falsch gedeutet, weil man die Leitungs-
fähigkeit des Nerven nicht hinreichend von seiner Erregbarkeit zu
trennen bedacht war. Ich habe auf experimentellem Wege die Er-
klärung ftir diese aufi'allende Erscheinung darin gefunden, dass zu
einer Zeit, wo die Wiedervereinigung des centralen Nervenstttcks
mit dem peripheren stattgefunden hat, wo also junge Nervenfasern
durch die Läsionsstelle bereits hindurchgewachsen sind, wo aber
eine deutliche Regeneration ihrer Markscheide noch nicht vorhanden
ist, — dass zu dieser Zeit wohl die Leitung centraler Erregungen
durch die regenerirten Fasern möglich ist, während diese selbst aber
ftlr den elektrischen Reiz noch unerregbar sind. Die oben beschrie-
benen jungen, schmalen, regenerirten Nervenfasern sind also in einem
gewissen Stadium ihrer Regeneration (das sich histologisch durch
das völlige Fehlen oder die noch sehr geringe Entwickelung der
Markscheide charakterisirt) wohl leitungsfähig, aber nicht elektrisch
erregbar. Dass diese Leitungsfähigkeit sich nicht bloss auf den vom
Willen ausgelösten Erregungsvorgang beschränkt, sondern auf jede
beliebige Erregung erstreckt, beweist der Versuch: Bringt man den
elektrischen Reiz (oder mechanische, thermische Reize u. dgl.) ober-
halb der Verletzungsstelle an, so tritt Reaction ein, weil die dadurch
gesetzte Erregung wohl durch das periphere regenerirte Stück hin-
durchgeleitet wird, während dieses selbst bei Reizung unterhalb
der Verletzungsstelle noch unerregbar ist. Daraus erklärt sich ein-
fach, warum der VVillensreiz, der ja oberhalb der Verletzungsstelle
einwirkt, schon Muskelcontractionen auslösen kann zu einer Zeit, wo
Hftndboch d. 8p«c. P&thologie n. Therapie. XU. Bd. 1. 2. Aufl. 26
402 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
das periphere Nervenstttck elektrisch noch anerregbar ist. Damit
erklärt sich die Differenz in der Wirksamkeit des Willenreizes and
des elektrischen Reizes einfach aas der Verschiedenheit des Ortes
and Angriffspunktes der Erregang. Alle die oberhalb der Verletzongs-
stelle angreifenden Reize können za einer Zeit schon wirksam sein,
wo das anterhalb der Verletzangsstelle gelegene Nervenstttck gegen
den elektrischen Strom noch unerregbar ist. Ich habe das seither
auch vielfach bei geeigneten traumatischen Lähmungen am Menseben
bestätigen können.
Es kann wohl nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, dass
der in den vorliegenden Thatsachen gegebene Nachweis der Rei-
zungsleitung und Reizungs aufnähme als getrennter und gelegeot-
lich isolirt vorhandener Qualitäten in den peripheren Nerven den
Schlttssel für die Erklärung der uns hier beschäfkigenden Erscheinnog
gibt. Es ist dieser Nachweis auch von nicht geringem physiologischem
Interesse, da er zur Entscheidung einer Frage beizutragen geeignet
ist, welche Schiff) schon mehrfach besprochen und experimentell
in Angriff genommcA hat, ohne sie endgültig zu lösen, und welche
in neuerer Zeit durch ein interessantes Experiment von Grttn-
hagen*) eine, wie es scheint, definitive Lösung auch von physio-
logischer Seite erfahren hat: nämlich die Frage nach der Verschie-
denheit der Anfnahmsfähigkeit und Leitungsfähigkeit der peripheren
Nerven.
In den Muskeln treten uns noch weit verwickeitere Erschei-
nungen entgegen, indem sich dieselben nicht wie die Nerven gegen
den faradischen und galvanischen Strom gleich verhalten, sondern
einen ganz verschiedenen Ablauf der faradischen und galvanischen
Erregbarkeit zeigen.
Gegen den faradischen Strom verhält sich der gelähmte
Muskel fast genau ebenso wie der degenerirende Nerv : gegen Ende
der ersten Woche tritt ein zunehmendes Sinken der Erregbar-
keit ein, welches sich gewöhnlich schon im Laufe der zweiten Woche
zu einem völligen Erlöschen derselben steigert, so dass die
stärksten anwendbaren faradischen Ströme in den Muskeln bei directer
Reizung keine Spur von Contraction auslösen. (Dies gilt streng ge-
nommen jedoch nur für die percutane Faradisation ; am blossgelegten
1) Ueber die Verschiedenheit der Auftiahmsfähigkeit und LeitangsfUiigkeit
im peripheren Nervensystem. Zeitschr. f. rat. Med. 3. Reihe. Bd. 29. S.221-
2) YersQche über intermitt. Nervenerregung. Pfl0ger*8 Archiv der Physiol.
Bd. VI. S. 180.
Lähmiuig. VeränderuDgen der elektr. Erregbarkeit. EntartuDgsreaction. 403
Muskel und wohl auch bei der Elektropunktur erhält man noch sehr
lange Zeit ganz schwache^ auf die zanächst getroffenen Bilndel be-
schränkte Contraction.)
Ebenso wie im Nerven kann der Verlust der faradischen Erreg-
barkeit im Muskel verschieden lange Zeit, und in unheilbaren Fällen
dauernd , bestehen. Erst nach dem Beginn der Begeneration und
nach Wiederkehr der Motilität — und zwar gewöhnlich etwas später
als im Nerven — tritt auch die faradische Erregbarkeit des Muskels
wieder ein; sie steigert sich mit fortschreitender Heilung nur äusserst
langsam und bleibt gewöhnlich noch sehr lange Zeit auf einer ver-
minderten Stufe stehen; und diess um so mehr, je längere Zeit die
Lähmung bestanden hatte.
Wesentlich andere Verhältnisse zeigt diegalvanischeErreg-
b a r k e i t des Muskels ; allerdings sinkt auch sie in der ersten Woche
parallel mit der faradischen. Im Laufe der zweiten Woche jedoch
beginnt eine sehr erhebliche Steigerung der galvanischen Er-
regbarkeit, welche in den nächsten Wochen noch znnimmt und
sich mit qualitativen Aenderungen sowohl der Zuckungsformel als
des Zuckungsmodns verbindet. Sehr bald reagiren die Muskeln auf
Stromstärken, welche auf gesunde Muskeln absolut wirkungslos sind :
mit 2 Elementen lassen sich bei Unterbrechungen des Stroms oft
deutliche Reactionen erzielen. Diese Contractionen sind dabei wesent-
lich verschieden von den normalen : während diese kurz, blitzähnlich
auftreten,haben wir hier eine träge, langgezogen e Co ntr actio n,
welche schon bei sehr geringen Stromstärken in einen während der
ganzen Stromesdauer anhaltenden Muskeltonus übergeht. Diese
Differenz zwischen der Zuckungsform der gesunden und der ge-
lähmten Muskeln lässt sich besonders schön demonstriren an Stellen,
wo solche Muskeln dicht beisammen liegen und mit einer Elektrode
gleichzeitig gereizt werden können, z. B. bei einseitiger Facialisläh-
mung am Kinn.
Gleichzeitig mit der Steigerung der Erregbarkeit stellt sich auch
eine zunehmende qualitative Aenderung des Zuckungsge-
setzes im Muskel ein. Dieselbe wird bedingt durch allmäliges und
stärkeres Anwachsen der AnSZ, so dass bald AnSZ = RaSZ wird ;
ja nicht selten geht die Sache so weit, dass die AnSZ grösser als
die KaSZ wird. Dasselbe gilt umgekehrt ftlr die KaOZ ; diese wächst
verhältnissmässig mehr als die AnOZ, so dass sie dieser bald gleich
wird und sie endlich selbst ttberholt: damit ist eine völlige Umkehr
der normalen Zuckungsformel in Bezug auf die Stärke der Zuckun-
26*
404 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospiDaleQ Nenren.
gen eingetreten. — Hat die Veränderung eine gewisse Höhe er-
reicht, 80 verschwinden die Oeffnnngszuckangen , und zwar nadi
Brenner in demselben Verhältnisse als die Trägheit der Zuckungen
zunimmt und die Fähigkeit derselben , auf kurzdauernde Ströme za
reagiren (s. u.), abnimmt — oflfenbar deshalb, weil der OeflEhungs-
reiz nur ein kurzdauernder ist. — Auf dieser Stufe bleibt die Ver-
änderung etwa von der 3.— 6.— 8. Woche, manchmal selbst länger;
das ist in den einzelnen Fällen verschieden.
Dann aber tritt zunächst wieder eine allmälige Abnahme der
gesteigerten galvanischen Erregbarkeit ein, während dabei die quali-
tativen Veränderungen der Erregbarkeit, besonders das Ueberwiegen
der AnSZ und die träge Form der Contraction noch fortbestehen.
Immer höhere Stromstärken werden nach und nach zur Erzielong der
Contractionen erforderlieh, und in unheilbaren Fällen, wo es zum hoch-
gradigsten Schwund und endlich zum gänzlichen Untergang der quer-
gestreiften Substanz kommt, ist gewöhnlich eine äusserst schwache
AnSZ das letzte Lebenszeichen, welches von dem untei^henden
Muskel erhalten werden kann. — Findet dagegen Regeneration und
Heilung statt, so stellt sich während des Sinkens der galvanischen
Erregbarkeit ganz allmälig die normale Reactionsweise wieder her;
immer aber sinkt die Erregbarkeit weit unter ihre normale Höhe,
so dass zu einer gewissen Periode der Lähmung neben der aufge-
hobenen faradischen Erregbarkeit gleichzeitig eine sehr vernunderte
galvanische Erregbarkeit in den Muskeln bestehen kann. Auch lange
Zeit nach eingetretener Heilung lässt sich — besonders in schweren
und langwierigen Fällen — die Verminderung der galvanischen Er-
regbarkeit noch nachweisen.
Diese Rückbildung der Erregbarkeitsverändernngen im Muskel
geschieht im Ganzen ziemlich unabhängig von der Regeneration des
Nerven und der Wiederkehr der Motilität: d. h. sie schliesst sich
nicht unmittelbar an dieselbe an, sondern bedarf zu ihrem Ablauf
einer gewissen Zeit, so dass zu einer Zeit, wo die Regeneration des
Nerven schon im vollen Gange ist, die Erregbarkeitsvei^derungen
im Muskel noch in ungeschwächter Weise fortbestehen können. Daraus
resultirt es, dass in den einzelnen Fällen je nach dem früheren oder
späteren Eintritt der Motilität und Regeneration und der damit wieder-
kehrenden Erregbarkeit der Nerven sich ein vielfetch verschiedenes
und anscheinend verwirrendes Gesammtbild der elektrischen Erreg-
barkeit im Nerven und Muskel ergibt. Tritt die Regeneration früh-
zeitig ein, wenn die galvanischen ErregbarkeitsveiiUiderungen in dem
Muskel noch in voller Blüthe sind, so kann es geschehen, dass neben
L&hmiiDg. Veränderungen d. elektr. Erregbarkeit Entartongsreaction. 405
der bereits wiedergekehrten faradischen und galvanischen Erregbar-
keit des Nerven noch die anomale galvanische Reaction der Muskeln
vorhanden ist; es kann geschehen, dass nach Herstellung der Mo-
tilität die Muskeln vom Nerven aus nach dem normalen Zuckungs-
gesetz in Erregung versetzt werden, während sie bei directer galva-
nischer Reizung eine qualitative Veränderung der Zuckungsformel
und des Ablaufs der Zuckung erkennen lassen. Tritt die Regenera-
tion erst spät ein, so kann es vorkommen, dass eine (wiederherge-
stellte, aber noch) verminderte elektrische Erregbarkeit des Nerven
mit einer gleichfalls verminderten, aber auch noch qualitativ ver-
änderten galvanischen Erregbarkeit des Muskels zusammentrifft. Hält
man sich den regelmässigen Ablauf der Erscheinungen im Nerven
und Muskel vor Augen , und berücksichtigt man dabei immer das
bald spätere, bald irttfaere Eintreten der Regeneration mit ihren
CSonsequenzen ftlr die Erregbarkeit, so wird man jederzeit die Er-
scheinungen zu entwirren und richtig zu deuten im Stande sein. Ich
werde unten ein paar Gurventafeln geben, welche die möglichen
C!ombinationen dieser Ver*hältnisse in Bezug auf willktlrliche , fara-
dische und galvanische Erregbarkeit und ihre zeitlichen Beziehungen
zu den histologischen Verhältnissen graphisch darstellen, und welche,
wie ich denke, das Verständniss der zahllos modificirten Einzelfälle,
welche die Praxis bringt, erleichtem sollen.
Die grosses Aufsehen erregende Thatsache, dass bei der Ent-
artungsreaction der Muskel lange Zeit hindurch auf den faradischen
Strom gar nicht, auf den galvanischen Strom dagegen mit sehr er-
höhter Leichtigkeit reagirt, ist durch Neumann in völlig befrie-
digender Weise dahin erklärt worden, dass solche pathologisch ver-
Snderte Muskeln einfach die Fähigkeit verloren haben, auf kurz-
dauernde momentane Ströme zu reagiren, während sie auf länger
dauernde Ströme in gesteigerter und qualitativ veränderter Weise
reagiren. Da nun die faradischen Ströme ohne Ausnahme Ströme
von nahezu momentaner Dauer sind, reagirt der Muskel auf dieselben
nicht. Lässt man auf dieselben Muskeln, welche auf die schwächsten
galvanischen Ströme von einiger Dauer mit ausgiebigen Gontractionen
reagiren, selbst sehr starke galvanische Ströme einwirken, welchen
m%n aber durch irgend eine Vorrichtung eine nur momentane Dauer
verliehen hat, so bleibt auch hier jede Reaction aus. Das ist die
physikalische Erklärung der Differenz in der faradischen und gal-
vanischen Erregbarkeit solcher gelähmten Muskeln; durch welche
Veränderungen jedoch die Muskelsubstanz die ihr normal zukom-
mende Fähigkeit verliert, auf kurzdauernde Ströme zu reagiren,
406 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
das ist ein Problem, dessen Lösung wir den Physiologen ttberlassen
müssen.
Eine knrze Erwähnung verdient noch die gesteigerte mecha-
nische Erregbarkeit der Muskeln, welche sich bei diesen
Lähmungen ebenfalls einstellt, und welche von mir') und Hitzig')
nahezu gleichzeitig gefunden und beschrieben und seither vielfach
beobachtet wurde. Sie besteht darin, dass die gelähmten Muskeln
auf sehr geringe mechanische Beize (Aufklopfen mit der Fingerspitze
oder einem leichten Percussionshammer oder selbst schon die Ent-
fernung eines drückenden Körpers von den gelähmten Muskeln) mit
einer deutlichen, trägen und langgezogenen Contraction antworten.
Diese gesteigerte mechanische Erregbarkeit pflegt etwas später auf-
zutreten, als die gesteigerte galvanische Erregbarkeit der Muskeln ;
sie steigert sich dann meist rasch und ist besonders in den Muskeln
mit fester knöcherner Unterlage sehr deutlich nachweisbar ; sie nimmt
dann allmälig wieder ab und verschwindet im Laufe des 3. bis 4.
Monats wieder. Sie scheint sich mehr oder weniger an die ge-
steigerte galvanische Erregbarkeit der Muskeln anzuschliessen und
dieselbe Bedeutung zu haben wie diese, wenn sie auch nicht ganz
genau mit ihr parallel geht.
Nach endlichem Ablauf des ganzen hier geschilderten Cyclus
von Veränderungen bleibt dann zuletzt gewöhnlich noch eine erheb-
liche Verminderung der faradischen und galvanischen Erregbarkeit
ohne erhebliche qualitative Veränderungen im Nerven sowohl wie
im Muskel ; oft noch lange Zeit nach anscheinend völliger Herstellung
der Motilität, noch viel mehr natürlich in Fällen wo diese Herstellung
eine unvollkommene ist. Erhält man solche Fälle in späteren Stadien
zur Untersuchung, so ist aus der noch vorhandenen elektrischen Er-
regbarkeitsänderung in keiner Weise zu erkennen , welch reiches
und wechselvolles Bild der Ablauf derselben in den früheren Stadien
dargeboten haben mag.
Von hoher praktischer Wichtigkeit ist es nun, dass alle diese
Erscheinungen offenbar im engsten Zusammenhang mit den
histologiscen Veränderungen im Nerven und Muskel
stehen, welche oben ausführlich geschildert worden sind; und zwar
so, dass das Vorhandensein der Entartungsreaction die Existenz
1) Yerhandl. d. Heidelb.naturhi8t.-med. Vereins. Bd. IV. S. 116 (Hddelberg.
Jahrbach. Juni 1867).
2) Ueber die mechan. Erregbarkeit gelähmter Muskeln. Yirch. Arch. Bd. 41.
S. 301. November 1867.
Lähmung. Veränderongen der elektr. Erregbarkeit. Entartungsreaction. 407
dieser histologischen VeränderuDgen ankündigt, und dass man aus
dem Stadium der Erregbarkeitsänderung einen Schluss auf das Sta-
dium der histologischen Veränderung im Nerven und Muskel ziehen
kann. Dieser Zusammenhang lässt sich folgendermassen formuliren:
Die im Nerven eintretende Degeneration entspricht zeitlich
genau der Abnahme und dem Erlöschen der elektrischen Erregbar-
keit des Nerven ; hat die Degeneration einen gewissen Grad erreicht,
so ist der Nerv gegen faradische und galvanische Ströme gleich-
massig unerregbar. Sobald die Kegeneration begonnen und eine Ver-
bindung zwischen den centralen und peripheren Nervenbahnen wieder
hergestellt hat, beginnt die Motilität wiederzukehren. Erstreckt
sich die Kegeneration auch auf die Fasern im peripheren Nerven-
stttck, dann beginnt die Erregbarkeit auch dieses Stücks wiederzu-
kehren, und sie steigt mit zunehmender Breite und Entwickelung
der regenerirten Fasern. Sie bleibt aber noch ftlr kürzere oder
längere Zeit geringer als normal, theils wegen der massenhaften
Bindegewebswucherung im Nerven selbst, theils und mehr noch
wegen der Atrophie und Girrhose der Muskeln, welche natürlich auf
die gleiche Beizstärke sich nicht mit derselben Energie contrahiren
können wie gesunde Muskeln.
Die anfängliche Abnahme der elektrischen Erregbarkeit im
Muskel entspricht nachweisbaren Veränderungen in der Muskel-
substanz selbst nicht; sie ist deshalb wohl zu beziehen auf die zu-
nehmende Degeneration der intramusculären Nervenzweige und ihrer
letzten Endigungen, geht deshalb auch der Erregbarkeitsabnahme
in den Nerven parallel. Ein völliges Erlöschen der Erregbarkeit
tritt hier, auch wenn die Nerven völlig degenerirt sind, noch nicht
ein, weil eben die Muskelsübstanz mit ihrer specifischen Irritabilität
zurückbleibt. — Die im Laufe der 2. Woche deutlich werdenden
histologischen (und chemischen) Veränderungen der Muskelsubstanz
entsprechen der hochgradigen Steigerung und qualitativen Verände-
rung der galvanischen Erregbarkeit. — Das Weiterschreiten der
anatomischen Veränderungen und besonders de.* Atrophie der Muskel-
fasern entspricht der späteren Wiederabnahme der galvanischen Er-
regbarkeit; die bei der Heilung eintretende Ausgleichung der Er-
nährungsstörung in den Muskelfasern der Bückkehr des normalen
Zucknngsmodus und Zuckungsgesetzes. Endlich vrird es die hoch-
gradige Bindegewebswucherung in den Muskeln und die vorgeschrit-
tene Atrophie ihrer Fasern erklären, warum noch lange Zeit ein
Zustand erheblich geminderter elektrischer Erregbarkeit in denselben
fortbesteht auch nach völliger Herstellung der Motilität.
N)8 Erb, Knokfaeiten der peripheren- cerebroapiaftlen Kerren.
Zur YeranBchaaliohiiDg aller im Vorstehenden dargeatellten Ver-
h&Itniase habe ich die graphische Form der DarBtellung gewählt nnd
theile hier 3 Curventäfelchen mit, auf welchen der Ablauf der elek-
trischen Erregbsrkeitsverändemngen in Nerven and Mnskeln, ebenso
daa Verhalten der Motilität und der histologischen Vorgttnge tür drei
Eategorlen von Fällen (ein Fall von rascher Heilnng, einer von lang-
samer Eeilnng und ein unheilbarer Fall) Übersichtlich dargesteltt ist.
Hit einem Blick kann mau so die fUr die verschiedenen Stadien der
Lähmung vorhandenen Uodlitäts-, Erregbarkeita- und hiatologiacheD
Verhältnisse Oherseben, was fttr die Beurtheilung praktischer Fälle
sehr bequem ist. Natürlich machen diese Cnrven — schon der Enge
des Kaamea wegen — auf absoltite Genauigkeit keinen Anspruch, sie
sollen nnr ein Übersichtliches Bild der Verhältnisse geben. Ihre Er-
klämng ergibt sich von selbst.
Die erste, dick gezeichnete Ordinate bedentet für alle 3 Cnrren-
tafeln den Eintritt der Lähmung, das pltltzliche AnfhSren der HotititU
{ " " " - ); der Zeitpunkt der Wiederkehr der Motilität ist mit einem
Stern (*} bezeichnet. Die folgenden Ordinaten bedeuten die in Zahlen
beigeftlgte Zeit der Lähmungsdauer, nach Wochen gerechnet. Die
wellenförmige Führung des die galvanische Erregbarkeit des Uoakels
bedeutenden Striches soll die qualitative Aenderung derselben anzeigen.
Man sieht nnn z. B. in Tabelle I in der I. Woche das Sinken der
Erregbarkeit des Nerven und des Muskels; in der 2. Woche das Er-
loschen der Erregbarkeit des Nerven und der faradischen Erregbar-
keit des Muskels, das Steigen und die qualitative Veränderung der
galvanischen Erregbarkeit des Muskels; in der 6. Woche die Wieder-
kehr der Motilität; in der 8. Woch^ sieht man bestehen: Motilität
etwas gehoben, Wiederkehr der faradischen und galvanischen Erreg-
barkeit des Nerven, Steigerung nnd qualitative Aenderung der galva-
nischen Erregbarkeit des Muskels u. s. f. Zugleich erkennt man an
den darüber gestellten Bemerkungen, in welchem Stadium der histo-
logischen Veränderung sich Nerv und Muskel ungeflthr befinden.
1. Heilung rasch,
D«nnu. d. Atröiili]« n. KtnTnekuBBC
Narran. i. MukelfoHni.
St ^-
Lähmung. TeräDdeningeD der elektr. Erregbarkeit. EntartungereacÜoD.
2, Heilnng langsam.
Dwenar. cl. Atiophis etc.
Kvran. d. UiukalD. Circtawe Bcginaiit.
Z 5, «. TÖ! Ü! St. il. 30. 3i. 10. 46. W. »5.W(Kih«.
' lOllT. O.
){ ftnd.
3. Keine Heilnng.
Atiopbia, KaiDHucherung. (
SO. ufl, 70. SO.
3, «•'-
An die vorstehende, ans vielen Fällen als Regel nnd als Typus
abstrahirte Darstellung der „ Entartangsreaction " mägen noch einige
knne Bemerkungen Über mehr untergeordnete Verhältnisse angeknüpft
werden.
Es kommen nämlich nicht selten Abweichungen von dem typischen
Verhalten der Entartnngsreaction vor, deren Deutung noch nnsicher,'
deren genauere Verfolgung aber vielleicht fUr die Lösung des Problems
der trophischen Einflflsae von Bedeutnng ist. — So findet man hier
und da die gewöhnliche Unerregbarkeit der Nerven, jedoch ohne die
hochgradige Steigerung der galvanischen Erregbarkeit der Muskeln;
dieaelbe ist entweder gar nicht eingetreten oder sehr rasch wieder
TorObergegaugen ; dabei sind aber die qualitativen Veränderungen der
Zuckung gewähnlich vorhanden. Konunt besonders an den unteren
Extremitäten vor, wie es scheint, auch bei der spinalen Kinderlähmung,
bei welcher jedoch die Untersnchung äusserst schwierig und meist erat
in den späteren Stadien mOglich ist.
Ferner konunt es vor, dass in den Nefven nur eine gane nnbe^
deutende Vermindernng der faradischan und galvanischen Erregbar-
keit eintritt, während die Muskeln die hochgradigste Steigerung der
galvanischen nnd mechanischen Erregbarkeit nebst qualitativen \'er-
ändemngen zeigen, — ein Verhalten, das auch nach der Heilung
410 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
noch eine Zeit lang fortbestehen kann. Die ersten Fälle der Art, die
mir vorkamen (fast ausschliesslich Fadalparalysen) suchte ich mir
durch frühzeitige Wiederkehr der Leitung und elektrischen Erregbar-
keit der Nerven zu deuten. Ich habe jedoch in Fällen , welche ich
von Anfang bis zu Ende untersuchen konnte, deutlich beobachtet,
dass nur ein geringes Sinken der elektrischen Erregbarkeit stattfand^
während die galvanische Erregbarkeit der Muskeln sich in der ge-
wöhnlichen, charakteristischen Weise veränderte. Es deutet dies auf
ein Vonstattengehen der anatomischen Veränderungen in den Muskeln
auch ohne völlige Degeneration der Nerven und auf einen geringeren,
der Ausgleichung rasch zustrebenden Grad der Ernährungsstörung im
Nerven. In allen diesen Fällen war der Verlauf dieser Lähmungen
bis zur Heilung ein verhältnissmässig rascher 0*
Unbedeutende Abweichungen in dem zeitlichen Auftreten und der
Aufeinanderfolge der einzelnen charakteristischen Veränderungen kom-
men natürlich vor, sind aber meist auf Zufälligkeiten (Intensität und
Ausbreitung der Lähmungsursache ; Masse und Faserverlauf der Mus-
keln u. s. w.) zurückzuführen. Wir haben es eben in pathologischen
Fällen nicht immer mit so einfachen Verhältnissen wie bei experimen-
tellen Eingriffen zu thun.
Die Thatsache von dem entschieden differenten Verhalten des
Nerven und des Muskels wird auch in neuerer Zeit noch immer nicht
genügend gewürdigt. Immer tauchen wieder in der Literatur Fälle
auf, in welchen mit aller Ruhe erzählt wird, dass der Nerv faradisch
unerregbar gewesen sei, aber auf den galvanischen Strom in qualitativ
veränderter Weise reagirt habe, sich also ebenso verhalten habe, wie
sonst nur die Muskeln zu thun pflegen. Wahrscheinlich beruhen alle
diese Fälle auf Beobachtungsfehlem, auf nicht genügendem Schutz
gegen zu den Muskeln gelangende Stromschleifen und nur da, wo
alle Garantien gegen diese Fehlerquelle vorhanden sind, könnte diese
Thatsache als richtig angenommen werden.
Es scheint sicher, dass ein solches Verhalten unter exceptionellen
Verhältnissen vorkommen kann; ich habe es einmal beim Frosch-
nerven gesehen, C y o n ein einziges Mal beim Kaninchennerven. Beim
Menschen habe ich es, ebenso wie Brenner, niemals gefunden. Es
muss also jedenfalls sehr selten sein und wäre eine durch exacte Be-
obachtungen herbeigeftihrte sichere Entscheidung über dieses interessante
Factum erwünscht.
Von Bernhardt ist in allerneuester Zeit') ein Fall von trauma-
tischer Lähmung publicirt worden, in welchem eine deutliche Herab-
setzung der faradischen Erregbarkeit im Nerv, ulnaris gleichzeitig
mit einer nicht unerheblichen Steigerung der galvanischen Er-
regbarkeit mit Sicherheit constatirt wurde. Der Fall zeigte überhaupt
1) Vgl. darüber: Erb/üeber rheumatische Facialislähmung. Deutsch. Arch.
f. klhi. Med. XV. S. 6. — Bernhardt, Eigentfatiml. Verlauf einer (schwersn)
peripheren Lähmung des N. fadal. — ibid. XIV. S. 433.
2) Ueber einen bisher noch nicht beobachteten Verlauf einer periph. Ulnaris-
lähmung. Arch. f. klin. Med. XVI. S. 307.
Lähmung. Yeränderungen der elektr. Erregbarkeit. Entartungsreaction. 411
solche Abweichungen von dem gewöhnlichen Verhalten bei trauma-
tischen Lähmungen ; dass er unter die bisher bekannten Kategorien
nicht eingereiht werden kann. Leider ist er erst 3 Monate nach Ent-
stehung der Lähmung zur Beobachtung gekommen.
In Bezug auf die galvanischen Erregbarkeit der Muskeln ist Vul-
pian nenerdings den von mir, Ziemssen und Weiss aufgestellten
Sätzen entgegengetreten; er hat weder constant eine Steigerung der
galvanischen Erregbarkeit überhaupt, noch ein Ueberwiegen der AnSZ
über die EaSZ gefunden. Der Grund hierfür ist wohl darin zu suchen,
dass die Untersuchungen Vul planus nicht methodisch genug angestellt
wurden, sondern nur in solchen Stadien der Lähmung, wo die Verände-
rung entweder noch nicht entwickelt (l. — 2. Woche) oder wo dieselbe
schon wieder z. Th. abgelaufen war (2 — 2V2 Monat); es fehlen
also gerade die maassgebenden Zeitabschnitte. Ich kenne in der That
kaum eine Verändening, welche mit grösserer Sicherheit und Deut-
lichkeit constatirt werden könnte, als die quantitative Steigerung und
qualitative Veränderung der galvanischen Erregbarkeit der Muskeln
bei traumatischen Lähmungen; ich habe dieselbe in so viel Dutzenden
von Fällen constatirt und demonstrirt, dass ich die oben gegebene
Darstellung mit aller Entschiedenheit gegen Vulpian aufrecht erhalten
mnss. Zahlreiche Bestätigungen von Seiten der sorgfältigsten Beob-
achter liegen ausserdem vor*)*
Auch das Gewicht der von Vulpian vorgebrachten Gründe gegen
meine Vermuthung über den anatomischen Grund der Differenz in
Leitungsfähigkeit und Erregbarkeit der sich regenerirenden Nerven
kann ich nicht anerkennen. Ich habe auf Grund der vorliegenden
klinischen nnd histologischen Thatsachen die Vermuthung ausgesprochen,
dass der Axencylinder der Leitung, die Markscheide der Auf-
nahme des Erregungsvorganges diene und muss die definitive Bestä-
tigung oder Verwerfung dieser Anschauung der Experimentalphysiologie
überlassen. Für das praktische Bedürfniss war es genügend, den ana-
tomischen und physiologischen Grund für das in pathologischen Fällen
beobachtete merkwürdige Verhalten experimentell nachgewiesen zu
haben. Ich finde übrigens bei Weir Mitchell (Injuries of Nerves
p* 113) eine Beobachtung, welche sehr fttr meine Vermuthung zu
sprechen scheint: in Kaninchennerven, welche einem lähmenden Druck
ausgesetzt waren, sich aber nach Aufhören desselben so weit erholt
hatten, dass die Leitung des Erregungsvorganges durch die gedrückte
Stelle wieder möglich war, fand sich bei mikroskopischer Untersuchung
das Nervenmark in einem ähnlichen Zustande der Veränderung., wie
etwa 6 — 7 Tage nach einer Nervendurchschneidung.
Die „ Entartungsreaction ""y welcher ich ihren Namen wegen ihrer
offenbar sehr engen Verknüpfung mit der Degeneration der Nerven
^d Muskeln gegeben habe, kommt nun — ganz analog den experi-
1) Vgl auch einige experimentelle Angaben von Bernhardt in dessen Ar-
Wt über das „Bestehen eüier specif. Muskelirritabilit&t.'' Deutsch. Arch. f. klin.
Med. XVI. S. 88. 1875.
412 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
mentellen Paralysen — bei allen traumatischen Lähmungen yor,
welche zu einer völligen Trennung oder Quetschung der Nerven
ftahren. — Femer bei gewissen rheumatischen Lähmungen (be-
sonders häufig bei Facialisparalysen), wahrscheinlich ebenfalls dann,
wenn die Lähmungsursache dabei eine erhebliche Compression des
Nerven bedingt; unter denselben Bedingungen kommt sie aber auch
vor bei Lähmungen durch Neuritis, bei Gompresdon der Nerven
durch Tumoren, Blutextravate, Narbenretraction u. dgL
— kurz ttberall da, wo peripherische Nerven in energischer Weise
mechanisch lädirt werden, sei diess auf welche Art es wolle. Sie
kommt femer, und wie es scheint, fast constant bei der sogenannten
Bleilähmung in sehr ausgesprochener Weise vor*); man hat sie
nicht minder constant, wenigstens in den schwer befallenen, Muskel-
gruppen bei der Poliomyelitis anterior acuta bei Kindern
(spinale Einderlähmung) sowohl wie bei Erwachsenen und ebenso
auch bei der mehr chronischen Form dieser Bttckenmarkskrankheit^
gefunden; sie ist femer beobachtet worden bei Spinalapoplexie
und scheint bei Rtlckenmarkskrankheiten überall da vorzukommen,
wo bestimmte Tbeile der grauen Substanz erheblich alterirt sind;
ich habe sie femer neuerdings bei der progressiven Muskel-
atrophie wenigstens in bestimmten, hochgradig aificirten Muskel-
gmppen regelmässig nachweisen können ^) , und endlich konunt sie
auch gelegentlich bei „Lähmungen nach acuten Krankheiten' vor,
welche theils den Charakter von peripheren Gompressionslähmungen %
theils den von spinalen, zur Poliomyelitis anterior gehörigen, Uh-
mungen haben.
Es ergibt sich aus der ganzen Darstellung leicht, welche posi-
tiven Schlüsse jeweils aus dem Vorhandensein der Entartungsreaction
gezogen werden können ; nämlich zunächst und mit positiver Siche^
heitnur der Schluss, dass ttberall da, wo wir diese Reaction
finden, erhebliche anatomische Veränderungen in den
Nerven und Muskeln vorhanden sein müssen, deren ge-
nauere Gestaltung wir mit einiger Sicherheit aus dem Stadium der
elektrischen Veränderungen uns constmiren können.
1) 8. a. den Abschnitt über Lähmnng des N. radialis.
2) yergl. darüber: Erb, üeber acnte SpinaUäJimang bei Erwachsenen ete.
Arch. f. Psych.' u. Nervenkr. V. S. 768. 1875.
3) Erb, Ein FaU von Bleil&hmang. Arch. f. Psych, and Nerrenkr. Y.
S. 445. 1875.
4) M. Bernhardt, Zar Patholog. d. Radialisparalysen. ibid. lY. S.601; osd
Eisenlohr, Zar Patholog. d. Typhuslähmangen. ibid. VI. S. 543.
i
LähmoDg. Yeränderungen der elektr. Erregbarkeit. Entartungsreaction. 413
Bis vor Enrzem pflegte man aber auch häufig den Schloss zu
ziehen, dass wir es da, wo wir die Entartungsreaction
finden, mit einer peripheren Lähmung zu thun haben.
Es darf jetzt als erwiesen gelten, dass dieser Schluss nicht richtig
ist Allerdings kommt die Entartungsreaction vielleicht am häufigsten
bei peripheren Lähmungen zur Beobachtung, aber in keiner Weise
ausschliesslich bei solchen und jedenfalls sind aus ihrem Vorhanden-
sein allein keine sicheren Schltlsse auf die Localisation der Läh-
mungsursache zu entnehmen. Immerhin sind in manchen Fällen
höchst werthvolle Fingerzeige ftir den Sitz der Affection aus der
vorhandenen Entartungsreaction zu entnehmen : so z. B. bei manchen
basalen Lähmungen der Gehimnerven, bei rheumatischen Lähmungen
einzelner cerebraler Nerven u. s. w. Viel schwieriger wird schon
die Sache da, wo ein spinaler Sitz des Leidens gegenttber dem
peripheren in Frage kommt; hier wird in der Regel nur aus der
Concurrenz anderer Umstände mit der vorhandenen Entartungsreaction
eine einigermassen sichere Entscheidung ttber den genaueren Sitz
des Leidens — ob peripher, oder an der Gauda equina, oder an den
vorderen Wurzeln, oder im Rückenmark selbst — zu gewinnen sein.
Man wird sich also in der Regel mit den an sich schon sehr
werthvoUen Aufschlüssen über die Art und den Grad der anato-
mischen Veränderungen an den Nerven und Muskeln zuMeden geben
müssen; und diese sind für viele Fälle in Bezug auf Diagnose und
Prognose des Leidens wichtig genug, wie sich aus der Betrachtung
der einzelnen Lähmungsformen und auch bei verschiedenen Rücken-
markskrankheiten (s. Band XI. 2. dieses Handbuchs) ergeben wird.
Jedenfalls aber hüte man sich, aus dem Vorhandensein der Ent-
artungsreaction allzu rasche Schlüsse auf die genauere Localisation
der Lähmungen zu ziehen!
Ueber den Verlauf der Lähmungen lässt sich kaum etwas All-
gemeines sagen. Schon aus der grossen Zahl der Lähmungsursachen
und den versdiiedenen Möglichkeiten des Sitzes der Lähmung ergibt
sich, dass der Verlauf derselben ein äusserst verschiedener sein kann.
Es hängt derselbe eben zum grossen Theil von den genannten Mo-
menten ab. So kann der Beginn der Lähmung entweder ein ganz
plötzlicher oder ein mehr allmäliger sein; im letzteren Falle gleich-
massig oder mit Schwankungen fortschreitend; das hängt fast ganz
von den ursächlichen Momenten ab. Die Verbreitung der Lähmung
geschieht gewöhnlich von den entferntesten Theilen gegen das Gen-
trum zu, besonders bei den spinalen Lähmungen regelmässig von
unten nach oben fortschreitend. Bei cerebralen Lähmungen wird
414 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
häufig zuerst der Arm uud später erst das Bein und das Gesicht
gelähmt. Besteht die Lähmung einmal, so kann dieselbe entweder
gleichmässig und in unveränderter Weise fortbestehen, oder sie
sehreitet langsam und allmälig der Heilung zu, oder endlich es
treten erhebliche Schwankungen, Besserungen und Verschlimmerungen
ein. Die grosse Einförmigkeit des Verlaufs vieler Lähmungen wird
nicht selten unterbrochen durch das Eintreten motorischer Beizer-
scheinungen, durch das Kommen und Gehen sensibler Störungen,
durch das Auftreten trophischer Veränderungen u. dgl. Auch der
Nachweis successiver elektrischer Erregbarkeitsänderungen vermag
in vielen Fällen die Eintönigkeit des Krankheitsbildes zu beleben.
Alles diess sind Jedoch Dinge, die je nach Art, Ort, Intensität, Aus-
breitung, progressivem oder regressivem Verlauf der Lähmungs-
ursache der mannichfaltigsten Modificationen fähig und deshalb dner
eingehenden allgemeinen Darstellung hier nicht zu unterwerfen sind.
Auch die Dauer der Lähmungen ist eine je nach den Läh-
mungsursachen äusserst verschiedene: es gibt Lähmungen, welche nur
Minuten oder Stunden dauern (leichte Drucklähmungen, ischämische
Lähmungen), andere, deren Dauer sich nach wenigen Tagen oder
Wochen berechnet (leichte rheumatische Lähmungen, toxische Läh-
mungen u. s. w.), andere, welche niemals vor Ablauf vieler Wochen
oder Monate zur Heilung gelangen (schwere traumatische and rheu-
matische Lähmungen, die meisten cerebralen und spinalen Lähmon-
gen, die Bleilähmung u. s. w.), endlich solche, welche niemals zar
Heilung gelangen und bis zum Lebensende dauern, — das sind alle
jene Formen, bei welchen eine Ausgleichung der die Lähmung ver-
ursachenden Störung anatomisch unmöglich ist.
Auch die Ausgänge der Lähmungen hängen zum grössten
Theil von der Ursache, dem Sitze und dem mehr oder weniger
progressiven Charakter der Lähmung ab. Heilung tritt in sehr
vielen Fällen em, zunächst dadurch, dass eine Wiederherstellung der
LeitungsfUhigkeit und Erregbarkeit der motorischen App»*ate statt-
findet, theils durch Entfernung der hemmenden Ursache, theils durdi
Begeneration der motorischen Bahnen selbst. Dass diese Voi^üige
in vielen Fällen (bei traumatischen, rheumatischen, neuritischen,
meningitischen und myelitischen, bei apoplektischen und Compres-
sionslähmungen, bei toxischen und Beflexlähmungen u. s. w.) möglich
sind, lehren Beobachtung und Experiment, und wird durch die täg-
liche praktische Erfahrung vielfach bestätigt Dass diese Heilang
bald schnell, bald langsam erfolgt, und dass oft sehr lange die
Spuren der vorhanden gewesenen Störung erkennbar sind, bedarf
Lähmung. Verlauf. Dauer. Ausgänge. Diagnose. 415
keines weiteren Nachweises. — Es kann Heilung aber auch zu Stande
kommen dadurch, dass coUaterale motorische Bahnen allmälig die
Function der zerstörten übernehmen, gleichsam yicariirend ftlr die-
selben eintreten und durch Uebnng bis zur fast normalen Leistungs-
fähigkeit gebracht werden können: es ist in hohem Grade wahr-
scheinlich, dass bei gewissen cerebralen und spinalen Lähmungs-
formen die Heilung in dieser Weise zu Stande kommt, um so mehr
als aus anatomischen und physiologischen Thatsachen die Existenz
allseitiger Verbindungen der motorischen Bahnen unter einander mit
ziemlicher Sicherheit gefolgert wird. Es wird natürlich in solchen
Fällen häufig auch nur zu einer unvollständigen Heilung, zu
einem gewissen Grade von Besserung kommen. Diese ist überhaupt
ein sehr häufiger Ausgang der Lähmung: die Muskeln erlangen nur
einen Theil ihrer Kraft und Leistungsfähigkeit wieder, ihre Con-
tractionen bleiben ti^e, steif, unbeholfen, vielfach durch Gontrac-
turen u. dgl. gestört, einzelne Muskeln erlangen ihre Beweglichkeit
gar nicht mehr wieder — kurz, es kann in der verschiedensten Weise
ein Deficit der Motilität zurückbleiben, dessen Grösse ebenfalls we-
sentlich von der Lähmungsursache und ihrer Ausgleichungsfähigkeit
bestimmt wird.
Der Tod endlich kann bei Lähmungen in mehr directer Weise
dadurch eintreten, dass die Lähmung sich auf lebenswichtige Theile,
speeiell den Bespirationsapparat, die Schlingmuskeln u. dgl. erstreckt;
in indirecter Weise dadurch, dass hochgradiger Decubitus, dass
schwere Blasenleiden u. dgl. sich entwickeln, welche in der gewöhn-
lichen Weise den Tod herbeifllhren. — Der Lähmung selbst nicht
zuzurechnen ist der Tod, wenn er durch die Allgemein Wirkungen
eines gelegentlich auch Lähmung verursachenden Leidens: z. B.
Krebs, Tuberculose, Bleiintoxication u. dgl. herbeigeführt wird.
Diagnose. Dieselbe hat sich auf verschiedene Punkte zu er-
strecken und ist von grösster Wichtigkeit für die Feststellung der
therapeutischen Maassnahmen, weil dieselben hauptsächlich und zu-
nächst bestimmt werden von dem richtigen Einblick in den Sitz
und die Art der Lähmungsursache, in die consecutiven Verände-
rongen u. s. w.
Dass eine genaue und umfassende Diagnose der Lähmung nur
luöglich ist auf Grund einer exacten und allseitigen Untersuchung
versteht sich von selbst. Indem wir hier auf das in der Einleitung
(S. 247) über die Untersuchung der motorischen Apparate Gesagte
verweisen, fttgcn wir hinzu, dass demnächst eine Prüfung der Sensi-
bilität, des Grades und der Ausbreitung ihrer Störung zu machen
416 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
ist. Dann versäume man nicht, etwaige Störungen in den Eam- und
Stuhlentleerungen, den Darm- und Uterusbewegungen, in der Ere^ons-
fähigkeit, Potenz u. dgl. festzustellen. Endlieh prüfe man die psy-
chischen Functionen und die Thätigkeit der Sinnesorgane. Kur so
wird man ein vollständiges Krankheitsbild erhalten. Natürlich ist
eine so ausgedehnte Untersuchung nicht in allen Fällen nöthig; sie
kann sich vielmehr bei localen peripheren Lähmungen n. dgl. viel-
fach auf die Prüfling der localen Verhältnisse beschränken. In allen
schwierigeren und complicirten Fällen jedoch kann nur eine so voll-
ständige Untersuchung die wünschenswerthe Sicherheit in der Dia-
gnose verleihen.
Die Untersuchung hat sich nun zunächst darauf zu richten, ob
überhaupt Lähmung vorhanden ist. Diese Frage wird in
der Regel leicht zu entscheiden sein; und zwar dadurch, daas bei
ganz bestimmten Willensanstrengungen keine Muskelcontraction ein-
tritt. Doch kann man immerhin darüber im Unklaren sein: einmal
bei Lähmung von Muskeln, die niemals isolirt in Action treten, und
deren physiologische Wirkung nicht sicher bekannt ist — hier kann
die Entscheidung unmöglich werden; das hat jedoch keine Wichtig-
keit. Ferner bei Bewusstlosen, die keine Willensanstrengung machen
können, z. B. im apoplektischen Anfall; aber auch hier kann man
gewöhnlich bestimmen, welches die gelähmte Seite ist, da diese m
der Regel viel schlaffer erscheint, keine unwillkürlichen Bewegungen
zeigt, während der Delirien nicht mit in Action versetzt wird u. s. w.
— Es braucht endlich nur daran erinnert zu werden, dass lähmungs-
ähnliche Bewegungsstörungen auch durch Ataxie, durch Störungen
der Muskel- und Hautsensibilität hervorgerufen werden können, um
vor Verwechselung dieser Zustände mit wirklichen Lähmungen zn
schützen.
Von grösster Wichtigkeit ist aber die diagnostische Entscheidung
über den Sitz der Lähmung, über den Ort in den motorischen
Apparaten, wo wir die Lähmung veranlassende Läsion zu suchen
haben. Diese Entscheidung muss durch Anwendung der verschie-
densten Hülfsmittel und Untersuchungsmethoden herbeigeführt wer-
den. Zunächst ist die Vorfrage zu entscheiden, ob wir es mit einer
neuropathischen oder myopathischen Lähmung zu thun haben.
Das wird in der Regel nicht sehr schwer zu erkennen sein, indem
bei den myopathischen Lähmungen das Leiden in der Regel nur in
einzelnen Muskeln beginnt, sich allmälig auf andere Muskeln weiter
verbreitet, oft von einem Muskelbündel auf das andere. Die Mh-
zeitige Atrophie vor der völligen Lähmung, fibrilläre Zuckungen,
LähmuDg. Diagnose. Periphere und spinale Lähmung. 41 7
Schmerz in den Muskeln, Abnahme der elektrischen Erregbarkeit
genau parallel mit der Abnahme des Mnskelvolums , nachweisbare
örtliche Ursache n. s. w. — das sind weitere differential-diagnostische
Momente.
Bei den neuropathischen Lähmungen ist es praktisch zweck-
mässiger, nicht zwischen eigentlichen Centrallähmungen und Leitungs-
läbmungen zu unterscheiden, sondern je nach dem Sitze der läh-
menden Einwirkung eine Entscheidung darüber herbeizuführen, ob
wir es mit einer peripheren (Sitz an irgend einer Stelle der peri-
pheren Nerven nach ihrem Austritt aus Gehirn oder Btlekenmark),
oder mit einer spinalen (durch Erkrankung irgend eines Rücken-
marksabschnittes bedingten), oder mit einer cerebralen (von Er-
krankung des Gehirns herrührenden) Lähmung zu thun haben. Zur
Unterscheidung dieser 3 Gruppen von Lähmungen mögen die haupt-
^hlichsten Anhaltspunkte im Folgenden kurz zusammengestellt
werden.
Die peripheren Lähmungen sind jedenfalls immer Leitungs-
lähmungen, deren Ursache an irgend einer Stelle zwischen dem Aus-
tritt der motorischen Bahnen aus dem Gehirn oder Rückenmark und
ihrem Eintritt in die Muskeln angreifen kann. Sie sind durch fol-
gendes Verhalten charäkterisirt: sie sind beschränkt auf das Gebiet
eines einzelnen oder weniger Nervenstämme (was besonders an den
Extremitäten wichtig; Ausnahmen kommen vor bei Sitz der Läh-
mungsursache in der Augenhöhle, an der Schädelbasis oder im
untern Theil des Rttckgratkanals , wo die Cauda eqnina zahlreiche
Nervenstämme vereinigt enthält; deshalb gelegentlich auch grössere
Verbreitung, selbst in Form von Paraplegie). Die Nichtbetheiligung
einzelner "höher abgehender Aeste eines und desselben Nervenstam-
mes spricht für peripheren Ursprung. — Fast immer ist gleichzeitig
Anästhesie vorhanden, und zwar genau beschränkt auf das Gebiet
des von der Lähmung befallenen gemischtem Nerven; niemals jedoch
Verlangsamung der Empfindungsleitung (Weir Mitchell). — Es
fehlen ausser den willkürlichen Bewegungen auch die Reflex-, auto-
matischen und Mitbewegungen vollständig. — Central bedingte
Krämpfe verbreiten sich nicht auf die gelähmten Muskeln. — Hoch-
gradige vasomotorische und trophische Störungen, besonders eine
frühzeitige und hochgradige Atrophie der Muskeln sprechen für peri-
pheren Ursprung. — Ist bei der elektrischen Untersuchung die Ent-
artungsreaction vorhanden, so spricht das nur unter bestimmten Vor-
aussetzungen ftlr peripheren Sitz der Lähmung ; völliges Erhaltensein
der elektrischen Erregbarkeit spricht nicht gegen den peripheren Sitz.
Handbaeh d. spnc. P*thoIogie n. Therapi«. Bd. XIT. I. 2. Aofl. 27
418 Erb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
Auch in solchen Fällen kann die elektrische Untersuchung oft die
Läsionsstelle genauer präcisiren helfen, wenn es nämlich mOglicl ist,
den elektrischen Beiz oberhalb derselben einwirken zulassen: bleibt
bei Beizung des centraler gelegenen Nervenstttcks die Beaction aus,
während sie vom peripher gelegenen leicht zu erzielen ist, so muss
der Sitz der Lähmungsursache zwischen beiden Beizungsstellen liegen,
also peripherisch sein. — Endlich fehlen bei peripheren Lähmungen
meist alle und jede krankhafte Erscheinungen von Seiten des Bfleken-
marks oder Gehirns; hier kann jedoch eine zufällige Complication
mit centralen Leiden Ursache von Täuschungen werden, die man nur
bei grosser Vorsicht vermeiden kann. — Auch der Nachweis einet
peripheren Ursache (eines Trauma oder dgl.) ist nicht unter allen
Umständen entscheidend ftir den peripheren Sitz der Lähmung, weil
dasselbe Trauma auch manchmal gleichzeitig centrale Läsiouen setzt;
so wird man z. B. bei Schädelverletzungen nicht immer leicht ent-
scheiden können, ob das Trauma die Nervenstämme an der Schädel-
basis oder die motorischen Bahnen innerhalb des Gehirns getroffen
hat u. dgl. mehr.
Für die spinalen Lähmungen ist das Auftreten in Form emer
auf beiden Seiten nahezu gleichmässig aufsteigenden Lähmung —
Paraplegie — in hohem Maasse charakteristisch — wenn auch nidit
mit absoluter Sicherheit für spinalen Ursprung sprechend (periphere
Lähmung der Gauda equina, cerebrale Paraplegien !). Je nach der
Höhe, bis zu welcher die Krankheit im Bttckenmark fortgeschritten
ist (Lendenmark, Dorsalmark, Halsmark) sind dann von unten nach
oben fortschreitend die symmetrischen Muskelgruppen (untere Extre-
mitäten, Bumpf- und Bauchmuskeln, obere Extremitäten) gelähmt
Sehr gewöhnlich sind Störungen der Sensibilität, aber nicht immer
in gleicher Ausbreitung und Litensität wie die der Motilität; häufig
sind dieselben auf abnorme Sensationen (Pelzigsein, Formication u. dgl)
in den Fttssen beschränkt; manchmal ist Verlangsamung der Empfin-
dungsleitung nachzuweisen. Sehr gewöhnlich ist Bttckenschmerz und
das häufig vorkommende ^Gttrtelgeftihl ''. Bei der spinalen Kinder-
lähmung und verwandten Krankheitsformen fehlen sensible Störunge
vollständig. — Sehr charakteristisch ftlr spinale Lähmungen sind
Störungen in der Function der Blase (Incontinenz und Betention) und
der Geschlechtsorgane (Priapismus, Pollutionen, Spermatorrhoe und
Impotenz); doch kommt ein TheU derselben auch bei peripherer
Lähmung der Cauda equina vor. Bei Affection im Gerviealtheil be-
steht häufig paralytische Myosis. — Die Beflexbewegungen sind meist
erhalten, sehr oft gesteigert, gelegentlich bei gleichmässiger Degt-
Lähmung. Diagnose. Spinale und cerebrale Lähmung. 419
neration aller Marktheile erloschen. Die automatischen Bewegungen
können je nach der Höhe der Erkrankung frei bleiben oder an der
Lähmung mitbetheiligt sein. Krämpfe, die vom Gehirn ausgehen
(z. B. Epilepsie) verbreiten sich nicht auf die gelähmten Theile;
dagegen sind vom Rückenmark vermittelte Muskelspannungen und
Erilmpfe gerade in den gelähmten Theilen nicht selten. - ~ Vasomo-
torische und trophische Störungen sind nicht selten, aber auch nicht
constant, wie wir oben gezeigt haben. Psychische Alterationen,
Affectionen der Sinnesorgane und der Gehirnnerven fehlen meist;
doch lehrt die Erfahrung, dass bei gewissen Formen der spinalen
Erkrankung (besonders Tabes) Affectionen der Optici, der Augen-
muskelnerven zu den sehr häufigen Symptomen gehören; doch sind
diese Fälle meist leicht zu erkennen. — Die elektrische Unter-
suchung ergibt keine zwingenden Schlüsse : findet sich nach längerem
Bestand des Leidens eine massige Erhöhung der Erregbarkeit in den
gelähmten Theilen, so ist eine spinale Affection (besonders Tabes)
wahrscheinlich; besteht einfache Verminderung der elektrischen Er-
regbarkeit ohne qualitative Veränderung, neben massiger Atrophie
der Muskeln, so spricht das ebenfalls für ein spinales Leiden, da
dieses Verhalten nicht leicht bei peripheren Lähmungen und bei
cerebralen so gut wie gar nicht vorkommt. Viele Fälle endlich
werden ohne Aufschlüsse durch die elektrische Untersuchung bleiben.
Noch ist zu erwähnen, dass ausnahmsweise auch eine Hemiplegie
durch Erkrankung des Rückenmarks zu Stande kommen kann, näm-
lich bei der sogenannten Halbseitenläsion (Brown-Söquard) des-
selben. Dann besteht meist gekreuzte sensible und motorische Lähmung
— die motorische gleichseitig mit der spinalen Läsion. Gewöhnlich
ist dabei nur die untere Extremität aUein befallen, doch kann bei
hohem Sitze der Läsion auch die obere mitergriffen sein. Durch
das Freibleiben des Gesichts, das Fehlen aller Gehimsymptome, das
Vorhandensein von Blasenschwäche u. s. w. lässt sich die richtige
Diagnose in der Begel leicht stellen.
Bei cerebralen Lähmungen ist eine viel grössere Mannich-
fidtigkeit der Erscheinungen möglich, deshalb ist ihre Charakteristik
^d ihre Diagnose vielfach schwieriger. In den gewöhnlichen aus-
gesprochenen Fällen besteht Hemiplegie, und zwar auf der dem Sitze
der Läsion (Blutextravasat, Embolie, Tumor u. s. w.) entgegengesetzten
Körperseite. Gewöhnlich ist dabei der Arm am stärksten befallen,
Gesicht und Zunge am wenigsten. Es kommen jedoch ausserdem
noch alle möglichen isolirten Lähmungsformen in Folge von Gerebral-
erkrankung vor: auf einzelne Nerven, Plexus oder Stämme be-
27*
420 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
schränkt, häufig in der mannichfachsten Weise miteinander combinurt
und complicirt mit allen möglichen Störungen. Das rührt eben da-
her, dass an verschiedenen SteUen des Gehirns sehr verschiedene
motorische Bahnen nahe beisammen liegen, so dass bei wechselndem
Sitze der Läsion eine sehr mannichfache Gruppirung der L&hmiingen
stattfinden kann, während andrerseits auch wieder durch die räum-
liche Trennung verschiedener motorischer Bahnen im Gehirn bei um-
schriebenen Krankheitsherden ganz circumscripte Lähmungen zum
Vorschein kommen können. Nur eine tttchtige Eenntniss der Ana-
tomie und Physiologie des Gehirns, nebst einiger Erfahrung in den
einschlägigen Krankheitsfällen können die Diagnose einigennassen
sicher stellen. Bei G^himlähmungen sind die Reflexe fast immer er-
halten, häufig gesteigert ; Mitbewegungen und automatische Bewegun-
gen gewöhnlich ungestört, die ersteren manchmal in erhöhtem Maasse
vorhanden. Motorische Reizerscheinungen in den gelähmten Theilen
(Contracturen y Zittern, Convulsionen) sind nicht selten; epileptische
und Strychninkrämpfe erstrecken sich auch auf die gelähmten Theile,
sind in diesen sogar häufig stärker als in den gesunden. — Störun-
gen der Sensibilität sind seltener und weniger ausgesprochen als bei
peripheren und spinalen Lähmungen ; sie pflegen im Anfang vorhan-
den zu sein, meist aber nach kurzer Zeit wieder zu verschwinden.
Vasomotorische Störungen sind sehr gewöhnlich, trophische Störungen
dagegen sehr selten ; besonders pflegt Atrophie der Muskeln beinahe
niemals einzutreten (mit Ausnahme der Bulbärparalyse). — Sehr
charakteristisch und diagnostisch wichtig sind aber bei Himlähmun-
gen die Störungen der höheren Sinnesorgane, verschiedener Him-
nerven und besonders der psychischen Thätigkeiten, welch' letztere
beinahe niemals fehlen, wenn sie auch oft nur in unscheinbarem
Maasse vorhanden sind. Hieran reihen sich die nicht selten vorkom-
menden Sprachstörungen sowohl intellectuelle (Aphasie) wie peri-
pherische (Alalie). — Veränderungen der Pupillen, Kopfschmerz,
Schwindel, unmotivirtes Erbrechen sind ebenfalls Symptome von
hoher Bedeutung. Die elektrische Untersuchung ergibt manchmal
Anhaltspunkte; leichte gleichmässige Steigerung der Erregbarkeit
spricht für cerebrale Lähmung; ebenso ein normales Verhalten nach
sehr langem Bestehen des Leidens; deutliche und ausgesprochene
Verminderung kommt wohl nur bei Paralysen in Folge von Erkran-
kung des Himstammes vor, welche aber aus andern Momenten leicht
zu erkennen sind.
Sehr selten kommen cerebrale Paraplegien vor; dieselben treten
aber dann meist deutlich als zwei getrennte Hemiplegien auf; ge-
Lähmung. Diagnose. 421
wohnlich ist die eine Seite stärker ergriffen als die andere; und in
der Regel wird die Diagnose sehr erleichtert durch die Anwesenheit
psychischer Symptome , dnrch Betheiligang der Gehimnerven and
der Sinnesorgane y dnrch Sprachstörung u. s. w. lieber die eigent-
liche Localdiagnose der Gehimlähmungen haben wir uns hier nicht
zn verbreiten, sondern verweisen dafür auf die Darstellung der Oe-
hirnkrankheiten im XI. Band. Dieselbe hat ihre grossen Schwierig-
keiten wegen der Gomplicirtheit einerseits der physiologischen Bahnen,
andrerseits der pathologischen Vorgänge, welche bei derartigen Krank-
heiten gewöhnlich vorhanden sind, indem neben der Zerstörung, Com-
pression, Degeneration der Nervenelemente am Orte der Erkrankung
selbst auch noch secundäre Hyperämien und Stasen, Oedeme, weit-
reichender Gehimdruck u. dgl. in Frage kommen. Daher gehört
eme solche Diagnose in der Regel zu den allerschwierigsten Dingen
in der gesammten Pathologie.
Natürlich gibt es auch zahlreiche Lähmungsfälle, wo mehrfache
Localisationen vorhanden sind, wo periphere und spinale, spinale
and cerebrale, periphere und cerebrale Lähmungen zu gleicher Zeit
bestehen. In solchen Fällen wird nur eine sehr genaue Untersuchung
und eine umsichtige Beurtheilung aller Umstände die Diagnose richtig
zu leiten im Stande sein.
Die Diagnose der Localisation der Lähilfang genügt aber nicht
allein; man hat weiterhin zu entscheiden, welche Art der Läsion
vorhanden ist, also die Natur der Lähmungsursache festzustellen.
Man hat zu entscheiden, ob Traumen, Entzündungen, Neoplasmen,
Rheumatismen, ob Degeneration, ob Blutextra vasat, ob Intoxication,
ob reflectorische Erkrankung oder was sonst vorhanden ist. Das
hat seine ganz enormen Schwierigkeiten und ist in nicht wenigen
Fällen ganz unmöglich. Man muss die Anamnese, das ganze Krank-
heitsbild, den Verlauf, die Ergebnisse der elektrischen Untersuchung
n. s. w. aufis genaueste berücksichtigen, um hier zu der nothwendigen
Einsicht zu kommen. Doch lässt sich Allgemeines darüber nicht wohl
sagen, und wird das Nöthige über diese diagnostische Entscheidung
bei den einzelnen Lähmungsformen beizubringen sein.
Hier haben wir nur noch kurz einzelne Formen der Lähmung
zu charakterisiren, bei welchen man weder über den Ort, noch über
die Art der zu Grunde liegenden Läsion zur Zeit völlig im Klaren
ist, welche aber doch durch eine Reihe von Merkmalen sich in ziem-
lieh scharfer Weise von den übrigen Lähmungen abheben. Doch
muss auch über diese Formen das Genauere dem speciellen Theile
422 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
und den verschiedenen betreffenden Abschnitten dieses Werkes ttber-
lassen bleiben.
Die Diagnose der hysterischen Paralyse grttndet sich
hauptsächlich auf den Nachweis anderweitiger, ausgesprochen hyste-
rischer Symptome; doch ist dabei nicht zu vergessen, dass auch Hyste-
rische gelegentlich einmal .eine rheumatische, traumatische, neuritische
oder sonstige Lähmung acquiriren können. Die eigentlich hysterischen
Lähmungen können proteusartig bald hier bald dort auftreten, können
einzelne Nerven und Plexus befallen, selbst in Form von Paraplegie
oder Hemiplegie auftreten; sie können rasch verschwinden oder un-
gemein hartnäckig sein; sie werden in ihrem Entstehen und Ver-
gehen nicht selten von heftigen psychischen Einwirkungen, von
hysterischen Erampfanf allen u. dgl. betimmt; meist besteht hoch-
gradige Anästhesie; die elektrische Erregbarkeit der Muskeln ist
vollkommen erhalten, dagegen die elektromusculäre Sensibilität nach
Duchenne erheblich vermindert; häufig macht es den Elindruck,
als fehle den Kranken nur das nöthige Geschick, ihren Willensein-
fluss auf die gelähmten Theile zu dirigiren ; dabei fehlen alle Zeichen
schwerer organischer Läsionen des Oehirns und Rttckenmarks, es
kommt niemals zu Decubitus, Blasenlähmung ist meist nur in äusserst
wechselnder Weise vorhanden u. s. w.
Die diphtheriti§che Lähmung charakterisirt sich auch in
Fällen, wo die vorausgegangene Rachen- oder anderweitige Diphthe-
ritis nicht mit voller Sicherheit constatirt worden ist, dei^estalt durch
die Reihenfolge und eigenthümliche Combination der Lähmnngser-
scheinungen, dass sie in der Regel sehr leicht erkannt wird. Der
Beginn mit Lähmung des Gaumensegels, näselnder Sprache, SchUng-
beschwerden, das Auftreten von Mydriasis, Accommodationslähmuig
und Augenmuskelparese, die auffallende Verlangsamung des Pulses,
die fortschreitende Parese und Paralyse einzelner oder aller vier
Extremitäten — das alles gibt ein äusserst charakteristisches Krank-
heitsbild. Die Sensibilität ist gewöhnlich nur in massigem Grade
gestört; Blase und Mastdarm sind meist unbetheiligt; die elektrische
Untersuchung ergibt am Gaumensegel manchmal Entartungsreaction
(Ziemssen u. A.), manchmal einfache Herabsetzung der Erregbar-
keit, an den äussern Muskeln und Nerven keine charakteristischen
Veränderungen.
Die Bleilähmung ist gewöhnlich mit grösster Leichtigkeit zn
erkennen an dem successiven Befallenwerden ganz bestimmter Muskel-
gruppen : fast immer werden die Streckmuskeln der Vorderarme, das
Radialisgebiet mit höchst charakteristischem Freibleiben des Supi-
Lähmung. Diagnose. Bleiläbmung. Prognose. 423
nator longus, zuerst befallen ; dann kann der Process weiter schreiten
auf die kleinen Handmaskeln und auf die Flexoren; an den untern
Extremitäten ist besonders häufig das Peroneusgebiet befallen. Hoch-
gradige Atrophie der Muskeln, ausgesprochene Entartungsreaction mit
schliesslichem hochgradigem Sinken der elektrischen Erregbarkeit
bestätigen die Diagnose. Sensibilitätsstörungen fehlen gewöhnlich.
Sind ausserdem die übrigen bekannten Zeichen der Bleiintoxication
Yorhanden oder vorhanden gewesen (livider Rand am Zahnfleisch,
Kolikanfälle, satumine Arthropathien, Kachexie u. s. w.), so wird die
Diagnose sicher sein, wenn es auch nicht immer leicht gelingt, die
Quelle der Intoxication zu ermitteln.
lieber die Prognose der Lähmungen lässt sich nur wenig
Allgemeines sagen, da dieselbe in jedem Falle von den einzelnen
individuellen Verhältnissen bestimmt wird. Mehrere Lähmungen ge-
hören zu den ganz leicht und sicher heilenden Krankheiten (z. B.
leichte rheumatische Faciallähmung, hysterische Stimmbandlähmung,
viele Augenmuskellähmungen, die gewöhnliche Drucklähmung des
N. radialis u. s. w.); andere dagegen sind unter allen Verhältnissen
schwierige und langwierige Leiden, welche nicht selten allen Heil-
versuchen zum Trotz unaufhaltsam bis zum Tode fortschreiten oder
doch wenigstens ein ganzes Leben hindurch stationär bleiben. Im
Ganzen muss in der Mehrzahl der Fälle die Prognose sehr vorsichtig
gestellt werden; denn gar zu häufig bleibt selbst in anscheinend
günstigen Fällen Schwäche, Unbeholfenheit, Parese, kurz ein Deficit
in der Brauchbarkeit des betreffenden Theils zurück.
Einige Anhaltspunkte fUr die allgemeine Prognose der Lähmungen
mögen indess hier ihre Stelle finden. Zunächst und hauptsächlich
hängt dieselbe von der Natur der Lähmungsursache ab. Am
schlimmsten sind die Fälle wo ganze Strecken der motorischen
Nervenbahnen gänzlich zerstört und vernichtet sind durch Traumata,
Blutergtlsse , Degeneration, Erweichung u. dgl. Und hier sind die
Verhältnisse wieder um so ungünstiger, je grösser die zerstörte
Strecke ist, und je mehr die zufälligen Verhältnisse eine Wieder-
vereinigung oder Regeneration der getrennten Nervenendigungen er-
schweren. Für die speciell hierher gehörenden schweren traumati-
schen Lähmungen hat BärwinkeT) ein prognostisch verwerthbares
Symptom angegeben : ist in relativ frühem Stadium — in den ersten
Monaten — der Lähmung ein Druck auf den Nervenstamm unterhalb
der Verletzungsstelle von einer excentrischen Sensation gefolgt, so
I) Arch. d. Heilk. 1871. S. 336.
424 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
sind die Aussichten auf Wiederherstellung der Motilität günstig (weil
eben dann der Zusammenhang des Nenrenstamms nicht getrennt
war, oder bereits wieder Regeneration der sensiblen Bahnen statt-
gefunden hat). — Weniger ungünstig ist die Prognose da, wo es
sich um einfache Compression handelt, besonders wenn der drückende
Körper zu beseitigen ist ; doch lässt auch selbst dann oft die Heilung
lange auf sich warten.*) — Die rheumatischen und toxischen Läh-
mungen gestatten meist eine günstige Prognose, wenn auch die
Krankheitsdauer oft eine sehr grosse ist. — Lähmungen nach acuten
Krankheiten, besonders Diphtherie, sind meist heilbar. Entschieden
günstig ist die Prognose der hysterischen und der meisten syphili-
tischen Lähmungen. Die Localisation der Lähmung ist, abge-
sehen von der Ursache von yerhältnissmässig geringem Einflass auf
die Prognose. An allen Theilen des motorischen Nervenapparats
gibt es heilbare und unheilbare Lähmungen; doch lässt sich im All-
gemeinen sagen, dass ceteris paribus periphere Lähmungen weniger
schlimm zu beurtheilen sind als centrale, und dass unter diesen
wieder die cerebralen gewöhnlich eine günstigere Prognose gewähren
als die spinalen. Im Einzelnen jedoch steht und fällt die Prognose
der centralen Lähmungen mit der Prognose der betreffenden Him-
und Rückenmarkskrankheiten zusammen. Die Prognose der myo-
pathischen Lähmungen muss im Allgemeinen als eine ungünstige
bezeichnet werden.
Von einzelnen Symptomen sind zunächst die Ergebnisse
der elektrischen Untersuchung manchmal prognostisch zu verwerthen,
normale elektrische Erregbarkeit hat in einzelnen Fällen (rheumati-
schen Facialparalysen) eine entschieden günstige Bedeutung; unter
mehreren Fällen derselben Lähmungsform ist diejenige die ungfln-
stigere, bei welcher die Entartungsreaction vorhanden ist; überhaupt
lässt die ausgebildete Entartungsreaction immer auf eine mindestens
mehrmonatliche Dauer der Lähmung schliessen; wo ^ alle und jede
Spur der elektrischen Erregbarkeit, auch die letzte Spur von galva-
nischer Erregbarkeit der Muskeln erloschen ist, da ist die Prognose
absolut ungtLnstig, und keine Wiederherstellung mehr möglich. —
Hochgradige vasomotorische und trophische Störungen verschlimmern
die Prognose; am meisten hochgradiger brandiger Decubitus. — Je
hochgradiger die begleitende Anästhesie, desto weniger günstig die
Prognose. — Lähmung der Sphincteren der Blase und des Mast-
I) Ein sehr merkwürdiges Beispiel von rascher Wiederkehr der 16 Monate
geschwundenen Motilität im Radialis nach Entfernung eines denselben comprimi-
renden CaUus berichtet Busch in der ßerl. klin. Wochenschr. 1S72. No. 34.
LähmoDg. Therapie. Causalbehandlung. 425
daraus y Zersetzimg und Alkalescenz des Harnis sind schlimiDe Sym-
ptome. — Beginnende Lähmong des Bespirationsgescfaäftes and des
Schlingactes deutet in der Regel das nahe bevorstehende Ende an.
Allgemeine Therapie der Lfthnmngen.
Es braucht hier kaum wiederholt zu werden, was schon so oft
gesagt worden ist, dass bei der Behandlung der Lähmungen yor
allen Dingen die Causalindication erfüllt werden muss; wenn
es nicht gelingt, die Lähmungsursache zu entfernen, wird alle directe
Behandlung der Lähmung nichts nützen können. Es geht aus dem
Abschnitt über die Aetiologie der Lähmungen hervor, wie äusserst
mannichfaltig die Zustände sein können, gegen welche sich die cau-
sale Behandlung richten muss ; wir müssten einen grossen Theil der
spedellen Therapie der E^ankheiten des Gehirns, Rückenmarks und
der peripherischen Nerven und noch manches andere recapituliren,
wenn ^ir alles erwähnen wollten, was hier in Frage kommen kann.
Das wäre überflüssig; und es sei deshalb hier nur gestattet, einige
Andeutungen darüber zu machen, in welcher Weise sich bei den
verschiedenen Localisationen der Lähmungsformen die causale The-
rapie ungefähr zu gestalten hatj
Bei peripheren Lähmungen ist besonders die Entfernung von
comprimirenden Dingen — Geschwülsten, Abscessen, Exostosen^
Narben u. s. w. von grösster Wichtigkeit; ist diese Entfernung mit
Verlust eines Stückes des Nerven verbunden, so ist für möglichst
sichere Vereinigung der zurückbleibenden Enden zu sorgen. — Bei
traumatischen Lähmungen ist direct nicht viel zu machen: doch
kann man durch geeignete Lagerung der Theile, bei offenen Wunden
durch die Nervennaht, die Wiedervereinigung befördern ; im üebrigen
wird man sich auf die geeignete antiphlogistische Behandlung be-
schränken müssen. Auch in sehr veralteten, anscheinend unheilbaren
Fällen von tsaumatischen Lähmungen der Extremitäten kann man
auf operativem Wege die Nervenenden frei zu machen und zur Ver-
einigung zu bringen suchen: Operationen, welche durch das unblu-
tige Esmarch'sche Verfahren jetzt sehr erleichtert sein dürften
und welche oft in sehr später Zeit noch überraschenden Erfolg haben.
— Neuritische Lähmungen werden örtliche Antiphlogose, Ableitungs-
mittel, galvanische Behandlung verlangen; dasselbe gilt ftlr die
rheumatischen Lähmungen.
Bei den centralen Lähmungen handelt es sich um Beseitigung
der durch traumatische Einwirkungen, durch Blutung, Entzündung,
Hyperämie und Anämie, Degeneration, Bindegewebswucherung, Skle-
428 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
galvanischer Ströme sind wir eigentlich noch recht im Unklaren;
die meisten Indicationen wurden empirisch gefanden and keineswegs
aaf Grand gelänterter Kenntnisse über die physiologischen Wirkungen
elektrischer StrOme und ttber das Wesen der Vorgänge bei den Läh-
mungen. — Am häufigsten wird wohl die erregende Wirkung
elektrischer Ströme therapeutisch in Anspruch genommen. Die anäk
den Laien frappirende Thatsache, dass durch elektrische Beizong
Muskelcontractionen, Bewegungen in den gelähmten Theilen hervor-
gerufen werden können, legte wohl längst schon die Ansicht nahe,
dass eben diese künstlichen Muskelcontractionen das Wirksame bei
dem therapeutischen Erfolge seien. So wenig man aber sieh eine
plausible Vorstellung von der Art und Weise dieser Wirksamkeit
machen konnte, so wenig hat auch die Erfahrung es bestätigt, dass
die Erzielung von Muskelcontractionen unbedingt nöthig zur Heilung
der Lähmungen sei. Auf eine einfache Wiederherstellung der Leitung
durch die Läsionsstelle hindurch lässt sich der Erfolg auch nicht
zurückführen, da man ja notorisch die Elektridtät meist unterhalb
der Läsionsstelle anwendet. In den meisten Fällen wird man sich
zu denken haben, dass der elektrische Reiz und überhaupt jeder
stärkere Reiz, welcher die motorischen Bahnen trifft, im Stande ist,
Hemmungen zu überwinden, welche sieh in pathologischen Fällen
der Reizungsleitung entgegenstellen, und so den Uebei^ng des Er-
regungsvorganges auf die Muskeln gleichsam zu erzwingen. Ist so
mit Gewalt das Hindemiss überwunden, welches der Wille zu über-
winden nicht vermochte, dann wird auch die Bahn wieder frei für
die Fortleitung der Willenserregung zu den Muskeln, die Motilität
kehrt, wenn auch oft erst in schwachen Spuren, wieder. In solchen
Fällen sieht man oft ganz plötzlich nach einer stärkeren elektrischen
Erregung die Motilität wiederkehren, und es ist in hohem Grade
wahrscheinlich, dass eine öftere Wiederholung einer solchen stärkeren
motorischen Erregung allmälig die Bahn ftlr den Willensreiz auch
in dauernder Weise frei macht und dadurch Heilung herbeiführt
Diess gilt gewiss besonders für diejenigen Formen der liLhmnng,
welche mit Degeneration, Ernährungsstörung, Atrophie der Nerven
und Muskeln einhergehen, und bei welchen zu einer gewissen Zeit
der Regeneration die Erregbarkeit und Leitungsfähigkeit nur erst
ftlr stärkere Reize vorhanden ist. Eine häufigere Application dieser
stärkeren Reize macht dann die Nerven und Muskeln auch ffir die
schwächeren Reize wieder empfänglich. Man kann diesen Zweck
mit beiden Stromesarten erreichen, sofern dieselben überhaupt im
Stande sind, den Erregungsvorgang — und damit Muskelcontraction
L&hmung. Therapie. Elektricität. 429
— auszulösen. Und zwar geschieht dies am besten and sichersten
auf directem Wege, durch directe Application der elektrischen
Ströme auf die gelähmten Nerven und Muskeln. - Solche Erregungen
können jedoch auch auf indirectem, reflectorischem Wege
zu Stande kommen; liegt der benutzbare Reflexbogen central von
der Stelle der lähmenden Läsion, so können bei jeder peripheren
sensiblen Erregung reflectorische , gleichsam vom Centrum herkom-
mende Reizungen in die gelähmten motorischen Bahnen einbrechen
und in diesen allmälig durch häufigere Wiederholung eine Wieder-
herstellung und allmälige Steigerung der Leitungsfähigkeit erzwingen.
Man hat in dieser reflectorischen Erregung ein glückliches Mittel,
den erwtlnschten Reiz, welchen man aus anatomischen Gründen
häufig nicht direct central von der Läsionsstelle appUciren kann,
doch auf indirectem Wege central einwirken zu lassen. Am meisten
geeignet sind fOr diese Methode natürlich die Fälle, in welchen der
dn^EU^hste und gewöhnlichste Reflexbogen mit Sicherheit erhalten ist,
z. B. bei Lähmung des Facialis und intactem Trigeminus; oder bei
der spinalen Kinderlähmung, wo die Sensibilität der gelähmten Theile
immer erbalten ist. Ungünstiger sind natürlich die Verhältnisse,
wenn es sich um periphere Lähmung gemischter Nerven handelt,
wobei die reflexauslösenden sensiblen Bahnen mitgelähmt sind; doch
kann auch hier nach den Gesetzen der Reflexerregung von ent-
fernteren sensiblen Bahnen her den gelähmten motorischen Bahnen
Erregung zugeführt werden, wenn auch nur durch stärkere sensible
Beize. Eine einfache Betrachtung zeigt, dass Lähmungen, bei welchen
die Reflexe erhalten oder gesteigert sind, nach diesem Schema nicht
beeinflusst werden können; diejenigen dagegen wohl, bei welchen
die Reflexe erloschen sind, vorausgesetzt natürlich, dass nicht die
Reflexapparate selbst zerstört sind. Es ist mir wahrscheinlich, dass
manche Erfolge der peripheren elektrischen Behandlung bei centralen
Lähmungen auf diese Einwirkungen zurückzuführen sind (wenn auch
allerdings wichtigere Erfolge vielleicht erzielt werden durch eben-
falls reflectorische Einwirkungen auf die Circulationsverhältnisse an
der Läsionsstelle, Erfolge, die aber dann der Causalindication dienen).*)
1) Die von Yulpian (Arch. dePhysiol. n. et path. 1875. p. 877) beobachtete
Thatsache, dass bei halbseitiger cerebraler Anästhesie die kr&ftige cutane Fara-
disation nur am Vorderarm nicht blos die Sensibilität in der ganzen erkrankten
Körperhälfte wieder zum Vorschein brachte, sondern auch die gleichzeitig vor-
handene Aphasie für einige Tage erheblich besserte, ist ein deutlicher Beweis far
solche centripetale Wirkungen, wenn auch die Erklärung dieser Wirkungen noch
tosserst schwierig ist.
430 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Zur Erzielung der reflectorischen Wirkungen sind ebenfalls beide
Stromesarten anwendbar, nattiriich nur nach den Methoden, weldie
eine starke sensible Erregung setzen.
Man hat femer Grund, auch die erregbarkeitserhöhende
Wirkung elektrischer Ströme ftlr wirksam zu erachten bei der
Therapie der Lähmungen. Es ist Thatsache, dass das Dnrchleitoi
eines faradischen sowohl wie eines galvanischen Sti'oms durch einen
Nerven die Erregbarkeit desselben erhöht ; femer, dass man die be-
kannten elektrotonischen Wirkungen galvanischer Ströme und beson-
ders die positive Modification der Erregbarkeit nach Einwirkung der
Kathode sowohl wie der Anode auch in den Nerven des lebenden
Menschen herstellen kann. Es ist möglich und wahrscheinlich, dass
eine häufigere Wiederholung dieser Einwirkungen förderlich für die
Heilung mancher Lähmungen sein kann, und auch hieraus erklärt
sich wohl ein Theil der empirischen Erfolge.
Auch die von Heidenhain zuerst gefundene erfrischende
Wirkung, welche der galvanische Strom auf den durch all^lei
Reize erschöpften Muskel ausübt, dürfte ebenfalls als eine QneUe
des Erfolgs bei manchen Lähmungen zu betrachten sein, besonden
da, wo durch Ueberanstrengungen eine Ermüdung und ErschOpfong
motorischer Nerven- und Muskelapparate eingetreten ist. Zur Er-
zielung dieser Wirkung bedient man sich besser des aufsteigenden
Stroms als des absteigenden.
Endlich darf man auch die trophischen Einwirkungen
nicht unterschätzen, welche der elektrische Strom auf Nerven nnd
Muskeln theils durch Erzielung von Muskelcontractionen, theils dorch
Einwirkung auf die Gefässe, die osmotischen und chenüscben Vor-
gänge hat. Freilich hat man üi dieser Beziehung den therapea-
tischen Werth der Erzielung von Muskelcontractionen bedeutend über-
schätzt, indem man glaubte, dass man durch regelmässige Auslösung
elektrischer Muskelcontractionen der in vielen Fällen eintretenden
Atrophie der Muskeln Einhalt gebieten könne; dass dem durchans
nicht immer so ist, haben die Erfahrangen an traumatischen und
schweren rheumatischen Lähmungen hinreichend bewiesen: man kann
bei diesen durch noch so fleissiges und frühzeitiges Faradisiren nnd
Galvanisiren die degenerative Atrophie der Muskeln keineswegs
hintanhalten. — Dagegen kann aber wohl die Begeneration durch
diese Proceduren befördert werden, und es ist deshalb besonden
der Zeitpunkt der beginnenden Regeneration von Nerven und Mns-
keln geeignet zur Anwendung einer Methode, welche durch regel-
mässige Erregung der Nerven und Auslösung von Muskelcontiuctionen
Lähmung. Therapie. FaradisatioD. 431
die Ernährang der Nerven nnd Maskeln zu heben sneht. Man kann
dadurch jedenfalls die Fortschritte in der Motilität erheblich fördern
nnd wird sich natürlich znr Erzielang dieser Wirkungen nur der-
jenigen Stromesart bedienen, welche am sichersten Mnskelcontrac-
tionen auslöst, die CircnlationsyerhältniBse beeinflusst u. s. w., also
fllr die grosse Mehrzahl der Fälle des galvanischen Stromes.
Es ist immerhin denkbari dass die bisher genannten Wirkungen
elektrischer Ströme es nicht allein sind, welchen wir die grossen
Heilerfolge bei den Lähmungen zu danken haben, sondern dass auch
noch andere, uns bisher noch unbekannte oder nicht genügend fest-
gestellte Wirkungen in Betracht kommen. Vielleicht sind besonders
Einwirkungen des Stroms auf die noch immer hypothetischen atro-
phischen'' Nervenfasern im Stande, die Emährungs- und Erregbar-
keitsverhältnisse der Nerven und Muskeln zu modificiren und so zur
Beseitigung der Lähmungen beizutragen. Das ist freilich noch ganz
hypothetisch. Vorläufig müssen wir uns also damit begnügen, die
empirisch erzielten Resultate einstweilen mit den uns bekannten physio-
logischen Thatsachen zu erklären, und von der Zukunft eine exactere
und eingehendere Begründung der antiparalytischen Wirkungen elek-
trischer Ströme zu erwarten. — Die derzeit zweckmässigsten Methoden
der antiparalytischen elektrischen Behandlung sind nun folgende:
Faradisation. Ihre Methode ist ziemlich einfach; sie besteht
zunächst und in den meisten Fällen in directer oder indirecter Erzie-
lung von Muskelcontractionen. Die indirecte Erregung ist bei weitem
vorzuziehen, da viel geringere Stromstärken dazu erforderlich sind,
man also den Kranken weniger Schmerz macht. Es genügt, die ge-
wöhnlichen sohnellschlägigen Inductionsströme der secundären Spirale
anzuwenden; es hat keinen Vortheil, worauf Duchenne besonderen
Werth legt, den Extracurrent der primären Spirale und zwar bald
schnell- bald langsamschlägig anzuwenden. — Bei centralen Affec-
tionen, Erkrankungen der Wurzeln n. dgl. wird der faradische Strom
aus physikalischen Gründen den eigentlichen Krankheitsherd nur
selten in genügender Stärke erreichen: man ist hier ebenfalls auf
die periphere Faradisation beschränkt und muss ausserdem besonders
auf die reflectorische Wirkung rechnen ; in diesem letzteren Falle ist
wohl auch, wenn nichts anderes zu Gebot steht, die Anwendung
des elektrischen Pinsels erlaubt. Für gewöhnlich jedoch sind aus-
schliesslich feuchte Elektroden anzuwenden und muss die locale
Faradisation in sachgemässer Weise angewendet werden; die besten
technischen Regeln nnd Anleitungen dazu finden sich in dem be-
kannten Buche von Ziemssen. Es ist nicht nöthig, jeden einzelnen
432 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Mnskel isolirt za erregen ; es genügt dnrcb Reizung der betreffenden
Neryenstämme ganze Muskelgruppen in Gontraction zu versetzen.
Im Allgemeinen nehme man keine zu starken Ströme; es ist ge-
nügend, wenn gerade Muskelcontraction erzielt wird. In Fällen, wo
die faradische Erregbarkeit erloschen, muss man sich dabei nach
der Hautsensibilität oder nach der Prüfting gesunder Theile richten.
Die Sitzungen seien täglich oder 3 mal wöchentlich; ihre Daaer
schwanke von 5 — 10 Minuten, bei sehr ausgebreiteten Lähmungen
auch wohl länger.
Galvanisation. Wir haben hier natürlich die direct gegen
die Lähmungsursache (cerebrale, spinale oder periphere Erkrankung)
gerichtete galvanische Behandlung des Specielleren nicht zu erwähnen
und verweisen fUr diese auf die betreffenden Specialabschnitte dieses
Werkes. Doch sei hier erwähnt, dass auch bei der directen anti-
paralytischen Galvanisation immer auf den Sitz der Krankheit Bfick-
sicht zu nehmen ist; so wird man immer den betreffenden Theil,
wenn thunlich in den Stromkreis einschliessen , so z. B. bei Er-
krankungen des Lenden- oder Halstheils des Rückenmarks. Immer
muss man sich den Grundsatz gegenwärtig halten, dass die Behand-
lung in loco morbi an erster Stelle zu stehen hat und dass der Sitz
und die jeweilige Art der Erkrankung die Wahl der Methode be-
stimmen. Ohne auf Specielleres einzugehen, sei hier nur gesagt,
dass bei peripheren Lähmungen die Galvanisation am Orte der Läsion,
bei spinalen Lähmungen die Galvanisation der Wirbelsäule und bei
cerebralen Lähmungen die Galvanisation durch den Kopf und am
Sympathicus vor allen Dingen angezeigt ist — natürlich mit allen
in den Specialschriften angegebenen Cautelen und Contraindicationen.
Für die eigentlich antiparalytischen Wirkungen ist besonders
die Kathode, in stabiler und labiler Weise angewendet, das Mittel
um fa«t allen Indicationen zu genügen: sie erregt, erhöht die Erreg-
barkeit, hinterlässt positive Modification in den Nerven und es smd
mit ihr auch Muskelzuckungen am leichtesten hervorzurufen. Sie
muss in möglichst allseitige Berührung mit den gelähmten Theilen
— Nerven und Muskeln — gebracht werden, was am besten dnrch
Streichen mit der Kathode über die Haut längs der zu beeinflussen-
den Nerven und Muskeln geschieht (sog. labile Einwirkung). Die
Anode setzt man dabei am zweckmässigsten auf den Ort der LAh-
mung oder auch auf den Plexus oder auf irgend eine indifferente
Körperstelle; man kann sie aber auch, um die erfrischende Wirkung
des aufsteigenden Stromes zu erzielen, peripher von der Kathode
aufeetzen. Immer aber wird die labile Einwirkung der Kathode
L&hmoDg. Therapie. Elektricität. 433
die Hauptsache sein. — Ausserdem kann man anch noch Reizung
heryorrufen durch Stromunterbrechungen, am besten durch wieder-
holte Kathodenschliessungen oder in noch höherem Grade durch
Stromwendungen , sog. Yoltaische Alternativen. Diese Maassnahmen
wird man ergreifen, wenn man eine stärkere Erregung beabsichtigt
oder wenn es sich um Theile mit sehr herabgesetzter Erregbarkeit
(z. B. in den späteren Stadien der Entartungsreaction) handelt. —
Die Stromstärke wähle man so, dass gerade deutliche Zuckungen,
massiges Brennen und deutliche HautrOthe entstehen; man lasse die
Sitzungen 4 — 6—10 Minuten dauern und wiederhole sie jeden, oder
jeden 2., 3. Tag — je nach Art und Ort der Krankheit, der Indi-
vidualität, den äusseren Umständen.
Selten siebt man von der Faradisation oder Galvanisation momen-
tanen oder auflallend raschen Erfolg ; doch existiren Fälle, in welchen
man nach einer einzigen elektrischen Sitzung Bewegungen plötzlich
wiederkehren sieht, die Wochen, Monate und Jahre lang unmöglich
waren (z. B. Stimmbandlähmungen, in der Regeneration sehr vor-
geschrittene traumatische Lähmungen, leichte rheumatische Lähmungen
nach einiger Zeit ihres Bestehens, einzelne cerebrale Lähmungen, hyste-
rische Lähmungen u. s. w). In der Regel vergeht eine mehr oder
weniger geraume Zeit, bis die Motilität wieder eintritt und abermals
eine geraume Zeit, bis dieselbe wieder völlig zur Norm zurückge-
kehrt ist. Man lasse sich dadurch in der Fortsetzung der anscheinend
erfolglosen Behandlung nicht beirren; Geduld und Ausdauer sind
unbedingte Erfordernisse bei der Elektrotherapie der Lähmungen.
Besonders die Lähmungen mit Entartungsreaction stellen gewöhnlich
die Geduld auf eine harte Probe und es scheint, als ob auf den
Zeitpunkt des ersten Wiedererscheinens der Motilität die elektrische
Behivndlang ziemlich ohne allen Einfluss wäre, während sie aller-
dings unzweifelhaft die einmal im Gange befindliche Restitution
deutlich beschleunigt In allen diesen Beziehungen kommen jedoch
so viel specielle und individuelle und zufällige Verhältnisse in Be-
tracht, dass wir hierüber auf die einzelnen Lähmungsformen und
ausserdem auf die Specialschriften über Elektrotherapie verweisen
müssen.
Die vielfach smit Leidenschaft ventilirte Frage, ob der galva- ,
uische oder der faradische Strom gegen Lähmungen
wirksamer sei, haben wir nicht eingehend zu erörtern. Jeden-
falls ißt so viel sicher, dass keiner von beiden Stromesarten eine
ausschliesslich günstige Wirkung zukommt. Doch wird Niemand
heutzutage leugnen wollen, dass der galvanische Strom ein viel
Haadbaoh d. spec. Pftthologie a. Thenpie. Bd. XII. 1. 2. Aafl. 28
434 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
grösseres Wirknngsgebiet besitzt , als der faradische, weil er eben
bei vielen centralen Lähmungen sich hülfreich erweist , bei welchen
der faradische Strom wirkungslos ist. Auf der andern Seite lehrt
die Erfahrung y dass auch der faradische Strom eine grosse Reihe
von günstigen Erfolgen bei Lähmungen aufeuweisen hat und er kann
deshalb ebenfalls in yielen Fällen angewendet werden. Manchmal
scheint es sogar, als wenn eine abwechselnde Anwendung des gal-
yanischen und fiäradischen Stroms von besonders günstiger Wirkung
wäre. — Für die Fälle, welche man mit grosser Begeisterung ab
für die Superiorität des galvanischen Stromes entscheidend ansah
(nämlich schwere rheumatische Facialparalysai, traumatische Läh-
mungen mit Entartungsreaction), hat es sich bei vorurtheilsfreier und
kritischer Betrachtung als zweifellos herausgestellt, dass sie wenigstens
in der SchneUigkeit ihres Ablaufes weder durch den ftradisehen noeh
durch den galvanischen Strom erheblich beeinflnsst werden. Ausser-
dem haben wir oben schon erwähnt, dass in solchen Fällen die
Muskelatrophie durch keine Art der elektrischen Behandlung ange-
halten werden kann. Die von vielen Seiten ausgegangene Empfeh-
lung des galvanischen Stroms als ausschliesslich anzuwendenden
Heilmittels erscheint sonach nicht hinreichend begründet. Höchstens
könnte man von der (katalytischen) Einwirkung des galvanischen
Stromes auf die Stelle der Läsion, von einer stärkeren Einwirkung
auf die Oefässe und auf die Emährungsvorgänge in' den sich regene-
rirenden Nerven und Muskeln eine Beschleunigung des einmal efai-
geleiteten Heilungsvoi^anges erwarten und daraus die Begründung
einer vorwiegenden Anwendung des galvanischen Stromes ableiten.
Die Erfahrung spricht einigermassen fbr die Berechtigung dieser An-
schauung.
In Bezug auf etwaige Contraindicaticmen der elektrischen Be-
handlung der Lähmungen müssen wir auf die einzelnen betreffenden
Abschnitte dieses Werkes und auf die Handbücher der Elektrotherapie
verweisen.
Die verschiedensten Bäder haben sich von Alters her eines
grossen Rufes gegen Lähmungen zu erfreuen, obwohl sie eine so
vielseitige Anwendung wie die Elektricität nicht gestatten. Es ist
jedoch sehr schwer, hier die dlrect antiparalytischen Wirkungen der
Bäder von jenen zu sondern, welche der Causalindication genügen.
Mit der „belebenden" „stärkenden" Wirkung, welche man den ver-
schiedensten Heilquellen nachrühmt, ist nicht viel gesagt; sie gibt
uns keine Erklärung für die antiparalytische Wirkung der Bäder.
Es ist im höchsten Grade wahrscheinlich, dass die HauptwirkuBg
Lähmung. Therapie. B&der. Thennen. 435
der Bäder sich anf die Beseitigung der Lähmangsnrsache erstreckt,
dass Exsudate, EntzttndaDgen , Extravasate, Degenerationen a. d^.
durch dieselben beseitigt werden und damit auch Heilung der Läh-
mung eintritt; wie diese Wirkungen der Bäder zu Stande kommen,
ist bekanntlich noch nicht hinreichend aufgeklärt und yeirweisen wir
in dieser Beziehung auf die Schriften ttber Balneotherapie. Eine
direct antiparal jtische , auf Erregung der motorischen Apparate be-
ruhende Wirkung wird wohl nur wenigen Badeformen (den Sool-
bädem, den gasreichen Thermalsoolen , wie überhaupt den kohlen-
sftnrereichen Bädern, den Seebädern, Fichtennadelbädem, der Kalt-
wassercur u. s. w.) zugeschrieben werden dürfen und auch hier wird
es sich wohl niemals um eine directe Erregung der motorischen
Apparate handeln, sondern um eine von der Haut ausgehende indi-
recte, reflectorische Erregung. Doch ist der Mechanismus auch dieser
Wirkungen ein noch in hohem Grade dunkler. Trotzdem sind die
empirischen Erfolge und Erfohrungen zahlreich und glänzend genug,
um den Bädern einen hervorragenden Platz in der Therapie der
Lähmungen zu sichern.
In besonderem Rufe gegen Lähmungen stehen von jeher die
indifferenten Thermen (Schlangenbad, Wildbad, Pfäffers, Ra-
gatz, Gastein, Teplitz, Wiesbaden, Warmbrunn, Leuk, Plombiöres
u. s. w.), welche je nach Temperatur und Höhenlage die verschie-
denartigsten Indicationen erftlllen; femer in neuerer Zeit auch die
gasreichen Thermalsoolen Rehme und Nauheim. Ausserdem hat
man aber auch die kalten Soolbäder, die Seebäder, die
Kaltwassercuren, femer die Schwefelbäder, Fichten-
nadelbäder, Dampfbäder, heisse Sandbäder, Thierbä-
der u. s. w. gegen manche Lähmungen wirksam gefunden. Da, wie
gesagt, eine genauere Begründung ihrer Wirkungen und damit eine
exactere Feststellung ihrer Indicationen zur Zeit noch nicht möglich
ist, beschränken wir uns auf eine kurze Zusammenstellung der wich-
tigsten durch die Erfahrung festgestellten Sätze, für alle Details auf
die betreffenden Specialabschnitte verweisend*).
Lähmungen durch Exsudationsprocesse, durch spinale und oere-
brospiAale Meningitis, durch einfache chronische HyeUtis, durch rheu-
matische Schädlichkeiten, durch Blutextravasate u. s. w. bedingt, er-
fahren am ehesten Besserung in den indifferenten Thermen oder den
Thermalsoolen. — Die tabetischen Lähmungen eignen sich ftir Ther-
1» Vgl. Braun, Balneotherapie. 3. Aufl. S. 569u.ff. — Yalentiner, Handb.
d. aUgem. u. speciell. Balneotherapie. 2. Aufl. 1876. S. 687 u. ff.
28»
436 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
men weniger, weit mehr flir die Tbermalsooleii und massige Kalt-
wassercuren. — Bei veralteten rbenmatischen Formen wirken be-
sonders die sebr beissen Tbermen (Teplitz, Gastein , Wiesbaden)
gtlnstigy ebenso energische Kaltwassercaren. — Bei Hemiplegien
durch Apoplexie dtlrfen nur massig warme Bäder (Schlangen bad,
Ragatz , höchstens Wildbad) zur Anwendung kommen; bei ihnen
wirken häufig hoch gelegene Curorte mit Soolbädem oder leichten
Kaltwassercuren günstiger. — Bei Bleiläbmung sind die Schwefel-
bäder sehr beliebt«
Bei Lähmungen durch Erschöpfung, Blutverluste, schwere Krank-
heiten u. s. w. sind klimatische Curen, Gebirgsluft oder Seeluft, in
Verbindung mit indifferenten oder Soolthermen, Fichtennadelbädem
u. dgl. indicirt; Kaltwassercuren sind fttr diese Fälle meist zu an-
greifend. — Für manche Fälle von besonders schweren traumati-
Bchen (Schussverletzungen t) oder rheumatisch-exsudativen lühmungen
scheint eine Combination der Thermalbehandlung mit galvanischer
Behandlung von besonderem Nutzen zu sein — eine Combination,
die sich überhaupt fttr manche Formen der Lähmung empfehlen dürfte
(Karmin). — Genauere als die hier gegebenen Anhaltspunkte wird
erst die fortgeschrittene Diagnostik und eine kritischere Beurtheilung
des Badeerfolges ergeben.
Von ziemlich untergeordneter Bedeutung für die Therapie der
Lähmungen ist die Heilgymnastik, die man im Gegensatz zu
der hygieinischen Gymnastik, dem deutschen Turnen, wohl auch als
schwedische Gymnastik bezeichnet. Zweck derselben ist eine
methodische, durch gewisse Kunstgriffe und sachverständige Anlei-
tung unterstützte Uebung gelähmter Muskeln durch active, willkür-
liche Contractionen. Dadurch soll die Ernährung der Muskeln ge-
bessert, ihre Erregbarkeit und ihre Abhängigkeit vom Willenseinfluss
systematisch gesteigert werden. Es ist klar, dass bei völliger Panir
lyse die Möglichkeit der Heilgymnastik wegfällt, weil dann eben
willkürliche Bewegungen überhaupt gar nicht ausgeführt werden
können. Dagegeti kann bei Paresen, bei in der Heilung begriffenen
Lähmungen, die Gymnastik zweckmässig zur Beschleunigung des
Heilungsvorgangs dienen. Es ergibt sich jedoeh hieraus schon, wie
beschränkt das Wirkungsgebiet der Heilgymnastik bei Lähmungen
naturgemäss sein muss; in der That hat dieselbe auch ihre Haupt-
erfolge jeden&lls auf anderen Gebieten, nämlich auf dem (Gebiete
der Contracturen und in der Orthopädie.
Bei manchen Formen von Lähmung kann man in zweckmässiger
Weise die Motilität durch einfach active Bewegungen bessern;
Lähmung. Therapie. Heilgymnastik. 437
man lässt systematisch and häafig wiederholt Bewegungen mit den
gelähmten Theilen ausführen; entweder einzelne oder mehr com-
plicirte Bewegungen : z. B. die verschiedenen Methoden der Zimmer-
gymnastik, die Uebungen mit Hanteln, methodische Gehttbungen
und dergl.
Gesteigert kann die Wirkung dieser activen Bewegungen noch
dadurch werden, dass man denselben von Seiten eines geübten
Gymnasten einen je nach Umständen individuell zu modificirenden
Widerstand entgegensetzen lässt: die sogenannten duplicirten oder
Widerstandsbewegungen der schwedischen Schule. Sollen
z. B. die Streckmuskeln eines Gelenks geübt werden, so wird das
Glied in Beugestellung gebracht, und der Ej-anke aufgefordert, das-
selbe zu strecken, während der Gymnast dieser Streckung mit mehr
oder weniger Kraft entgegenwirkt. Diese Uebungen sind natürlich
nur bei schon ziemlich erstarkten Muskeln anwendbar.
In andern Fällen jedoch ist es nothwendig, die Contraction der
schwachen Muskeln durch äussere Hülfe zu unterstützen, den ent-
gegenstehenden Widerstand der Antagonisten zu überwinden, um nur
die gewünschte Bewegung überhaupt möglich zu machen. Es ist
eine leicht zu constatirende Thatsache, dass bei jeder willkürlichen
Innervation bestimmter Muskelgruppen deren Antagonisten und selbst
entfernte Muskeln gleichzeitig in höherem oder geringerem Grade
mit innervirt werden, um die Gelenkstellung zu fixiren, die Gleich-
mässigkeit der Bewegungen zu ermöglichen, und das Gleichgewicht
des Körpers zu erhalten. Ist nun eine Muskelgruppe gelähmt, so tritt
bei Versuchen, dieselbe willkürlich zu innerviren, ausschliesslich oder
vorwiegend die unwillkürliche, aber physiologisch eingeübte und nicht
zu unterdrückende Contraction ihrer Antagonisten und Hülfismuskeln
zu Tage und macht jede Bewegung im Siune der gelähmten Muskeln
unmöglich. Eliminirt man diese Wirkung der Antagonisten durch
passiven Widerstand, durch welchen man gleichzeitig die beabsich-
tigte Contraction der schwachen Muskeln unterstützt, so können selbst
schwache und geringe Contractionen derselben eintreten und durch
wiederholte Uebung allmäUg gesteigert werden; durch die passiv
bewirkte Annäherung der Insertionsenden der gelähmten Muskeln
kann man die Grösse ihrer Contraction steigern und dadurch ihre
Ernährung allmälig bessern. Durch systematische Einübung und Zu-
httlfenahme der Hände der Kranken, oder geübter Gymnasten, oder
geeigneter Band- und Zugapparate und Maschinen kann man so die
verschiedenartigsten paretischen Muskelgruppen in ihrer Thätigkeit
unterstützen und dadurch ihre Motilität allmälig steigern.
438 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Die hier angedeuteten passiven Bewegungen finden noch
eine besonders wichtige Anwendung in solchen Fällen, wo es gilt,
mechanische Hind^nisse zn ttberwinden, welche sich der Contraetkm
gelähmter Mnskeln hänfig entgegenstellen, und deren B^eitigong noth-
wendig ist, ehe an eine Heilang der Lähmnng gedacht werden kamt
Hierher gehören besonders Gontractaren nnd Steifigkdt and Anchj-
lose der Gelenke. Mit Aasdaaer uod Gedald ist hier Manebes zn
erreichen.
Die Wirkungsweise aller dieser gymnastischen Proceduren be-
steht ohne Zweifel vorwiegend darin, dass durch dieselben eine oft
wiederholte willkflrliche Anregung der Nerven und Muskeln gesetzt,
dass die Leitung des Erregungsvorgangs zu den Muskeln aJlmälig
erleichtert, und endlich die Ernährung der Nerven und der Muskeln
gehoben wird. — Die günstigsten Erfolge sieht man bei jenen PareseOf
welche als Reste abgelaufener Lähmungskrankheiten, peripheren oder
centralen Ursprungs, oft verschieden lange Zeit fortbestehen; in sol-
chen Fällen kann man den Fortschritt der Heilung oft wesentlieh
erleichtem durch eine systematische Heilgymnastik. — Aach bei
hysterischen Lähmungen kann man hier und da Erfolge sehen, wenn
es überhaupt gelingt, die Kranken zu einer energischen Willensan-
strengung zu ermuntern. Das Hauptgebiet für die Heilgymnastik
bleiben aber die im Gefolge mancher Lähmungskrankheiten zurück-
blMbenden Difformitölten, deren Behandlung dem Grebiete der ortho-
pädischen Chirurgie angehört.
In allen Fällen muss man eine auf genaue Diagnose und ver-
nünftige physiologische Grundsätze basirte Methode ftetstellen und
diese dann mit grosser Gonsequenz und Ausdauer lange Zeit hindurdi
anwenden lassen.
Bei der Besprechung der inneren Mittel, welche nicht aus-
schliesslich von der Indicatio causaUs gefordert sind, sondern auch
einen direct antiparalytischen Werth haben sollen, können mr obb
kurz fassen. Ihre Zahl ist sehr gering, ihr Erfolg zum mindesten
in vielen Fällen zweifelhaft. Am meisten sind auch heute noch die
Präparate derNux vomica, besonders das Strychnin und Brucin
angewendet; und zwar besonders bei cerebralen und spinalen Läh-
mungen. Man weiss bis jetzt nur, dass das Strychnin die Reflexer-
regbarkeit im Rückenmark erhöht und in höheren Dosen überhaupt
Reizungszustände im Rückenmark setzt, während es auf das Gehiin
und die motorischen Nerven direct nicht zu wirken scheint Wie
es somit bei den verschiedenen Lähmungsformen wirken soll, ist
nicht recht klar, während allerdings die Erfahrung zu lehren scheint,
Lähmung. Therapie. Innere Mittel. 439
*
da 88 es in manchen Fällen von Lähmung wirksam ist. Man soll
es anwenden bei fortdaaemden , stationär gewordenen Lähmongeni
bei welchen keinerlei Reizungserscheinungen mehr vorhanden sind;
sobald die geringsten Intoxicationserscheinnngen eintreten (psychische
Verstimmung; Unruhe, Steifigkeit und Spannung der Muskeln, Muskel-
zui^ungen, besonders in den gelähmten Theilen, Mttdigkeit u. s. w.),
soll man das Mittel aussetzen. Innerlich gibt man das Extr. nuc.
vomic. spir. 0,01—0,05 pro dosi; das Strychnin. nitr. zu 0,003 — 0,01
pro dosi. — Zweckmässiger wendet man das letztere Alkaloid mittelst
der Bubentanen Iigection an (mit 0,002 beginnend). — Die besten
Erfolge scheinen bei Blasen- und Mastdarmlähmungen (meist spinalen
Ursprungs) erzielt zu sein; doch hat man das Mittel empfohlen und
uigewendet bei allen möglichen centralen und auch bei peripheren
rheumatischen und ähnlichen Lähmungen. Die Erfolge sollen manch-
mal sehr auffallend sein (Hunter). Zahlreiche casuistische Mit-
theilungen liegen vor, erlauben jedoch noch kein sicheres Urtheil
über die speciellen Indicationen,
Von den tlbrigen, früher vielfach gebrauchten innem Mitteln, ist
noch weniger zu sagen; die Arnica entspricht ihrem Rufe als ner-
venbelebendes Mittel nicht; das Seeale cornutum scheint vorwie-
gend auf die glatte Musculatur zu wirken und hat sich einen gewissen
Buf bei Blasenschwäche erworben; der Gebrauch derCanthariden,
des OL terebinth. ist ganz zu verwerfen, der des Arsenik nur
nach ganz speciellen Indicationen erlaubt.
Von jeher haben sich in der Praxis gewisse äussere Mittel
gegen Lähmungen eingebürgert und erfreuen sich grosser Beliebtheit
bei Aerzten und Laien: als da sind Einreibungen aller Art, Haut-
reize, Frictionen, Breimen, Douchen u. s. w. Alle diese Dinge haben
wohl meist nur eine sehr untergeordnete und unbedeutende Wirkung.
Doch mögen immerhin manche derselben durch Anregung der Beflex-
thätigkeit, oder durch Belebung der Circulation und Secretion, oder
selbst durch die einfach mechanische Einwirkung des Frottirens und
Massirens einen günstigen Einfluss auf manche Lähmungen haben;
ausserdem sind viele dieser Mittel geeignet, als Derivantien die In-
dicatio causalis zu erfüllen. Daher erklärt es sich wohl hinreichend,
warum dieselben sich in der Praxis so festgesetzt haben. Es gehören
hierher die Einreibungen reizender Substanzen: Liniment
camphor., Ol. terebinth., Spir. formicar., Spir. Serpylli, Ung. Veratrin.,
Ung. cantharid. u. s. w.; femer dieLocalbäder mit warmem Wasser,
mit Soole, mit Malz, die Thierbäder; die örtlichen Douchen,
besonders solche mit abwechselnd kaltem und heissem Wasser;
440 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
endlich die stärkeren Ableitnngsmittel: fliegende Vesicantieny
Moxen, Glüheisen, Fontanellen u. s. w. — Diese Anfzählang sei nur
gemacht, um daran den Bath zu knüpfen, mit diesen Dingen nicht
viel Zeit zu verlieren, und sich nicht allzusehr auf dieselben zu ver-
lassen. Doch sei erwähnt, dass W. Mitchell die Combination von
Elektricität , Massage (woftlr er 1. c. p. 250 genaue Anleitung gibt)
und alternirender kalter und warmer Douche für äusserst wirksam
bei traumatischen Lähmungen erklärt.
Die von M e z g e r in Amsterdam mit vielem Erfolg bei manchen
Erankheitsformen getlbte Massage wird bei den meisten Lähmungen
wohl nur geringen Erfolg haben. Nur bei peripheren traumatischen
und neuritischen Lähmungen mit consecutiven trophischen und circu-
latorischen Störungen kann man sie vielleicht mit Nutzen anwenden;
und das die Ernährung der Muskeln fördernde Reiben, Kneten und
Klopfen derselben mag angewendet werden, um vorhandene Atrophie
zu beseitigen, wird aber nur dann Erfolg haben, wenn die motorische
Leitung wieder hergestellt ist und wenn keine unheilbare centrale
Ursache fttr die Atrophie besteht. 0
Aus der vorstehenden Aufzählung der gegen Lähmung gebräuch-
lichen Heilmittel wird sieh leicht ergeben, welchen allgemeinen
Behandlungsplan man in der Regel zu adoptiren haben wird.
Das Nächstliegende ist die Feststellung und Erfüllung der Indicatio
causalis. Ist daneben noch eine direct antiparalytische Behandlung
nöthig, oder soll sie von vornherein instituirt werden, so wird man
zunächst zur Elektricität greifen, wenn nicht besondere Contraindi-
cationen vorhanden sind. Die richtige Auswahl und Abwechselung
der ttbrigen Heilverfahren ist dann mehr oder weniger Sache des
ärztlichen Tactes und die Consequenz specieller Verhältnisse. Bei
der oft langen Dauer und langsamen Heilung solcher Krankheiten
ist weise Sparsamkeit und richtige Abwechselung mit den Mitteln
nicht selten angezeigt, um die begreifliche Ungeduld der Kranken
zu beschwichtigen.
Für das hygieinische und diätetische Verhalten der
Kranken bei den verschiedenen Lähmungsformen lassen sich keine
allgemeinen Vorschriften geben; dasselbe wird fast ausschliesslich
von der zu Grunde liegenden Krankheit bestimmt. — Dagegen sind
einige Worte beizufügen über die Pflege der gelähmten Theile.
Dieselben sind vor allen Schädlichkeiten sorgfältig zu schützen, be-
1) 8. A. G. Berglind, Ueber die M^sage. Petersb. med. Zeitschr. Neue
Folge. IV. S. 407. 1873—74.
L&hmimg. Therapie. Aeassere Mittel. Di&tetik. 441
sonders in solchen Fällen, wo hochgradige Anästhesie, vasomotori-
sche und trophische Störungen die Gefahr zufälliger Störungen ver-
grössem. Besonders hat man das Entstehen von Decubitus durch
geeignete Lagerung, Waschungen, Schutzverbände u. dgl. frühzeitig
zu verhüten. — Endlich sei hier nur kurz hingewiesen auf eine
sorgfältige Beachtung und frühzeitige Bekämpfung von Störungen
der Hamexcretion , weil von diesen aus nicht selten lebensgefähr-
liche Erkrankungen entstehen.
4. Einzelne Lähmungsformen.
•
a. Lähmungen im'Gebiet des N. oculomotorius, des
N. trochlearis und des N. abducens. — Augenmuskel-
lähmungen.
Ch. Bell, Physiol. u. pathol. Unters. Deutsch v. Romberg. 1832. — Bom-
ber g, Nerreokrankh. I. 3. S. 63, 77. 1851. — v. Gräfe. Symptomenlehre der
Augenmuskellähmongen. Berlin 1867. — A. Ealenburg, 1. c. S. 469. — Bene-
dict, Arch. f. Ophthalm. X. 1. 1864. Elektrother. 1868. ~ M. Rosenthal,
Elejrtrother. 2. Aufl. Lehrb. d. Nerrenkrankheiten. — Struthers, Paral. oif the
common motor. ocul. nerve. Monthl. Joum. of med. Sc. 1853. — Brenner, Pe-
tersburg, med. Zts. XII. Heft 5. 1867. ,— Gozzini, L*elettroter. nella parallsi
degli oculomotori. Gas. med. ital. Lomb. 1868. — W. Erb, Zur galv. Behandl.
Ton Augen- u. Ohrenleiden. Arch. f. Augen- u. Ohrenheilk. v. Knapp u. Moos.
n. 1. 1S71. — Driver, Behandl. einiger Augenleiden mit d. const. Strom, ibid.
IL 2. 1873. — Alfred Gräfe, Die Lähmungen der Augenmuskeln. In Handb.
d. gesammt. Augenheilk. v. A. Gräfe u. Th. Saemisch. Bd. VI. 1. S. 13. 1875. —
Yergl. ausserdem die Lehrbücher der Augenheilkunde von Arlt, Stell wag,
Schweigger u. s. w^
Die grosse Wichtigkeit der Augenmuskellähmungen fttr die Ner-
venpathologie und die Häufigkeit ihres Vorkommens in isolirter
Weise oder als Theilerscheinung verschiedener Gehirn- und RUcken-
markskrankheiten , legt uns die Verpflichtung auf, dieselben hier nur
kurz in Bezug auf ihre Pathogenese, Symptomatologie und Therapie
zu besprechen. Für alle detaillirteren , besonders speciell-diagnosti-
schen Ausführungen müssen wir jedoch auf die ophthalmologischen
Specialwerke verweisen. — Wir handeln diese Lähmungen hier ge-
meinschaftlich ab, weil sie in jeder Beziehung sehr viel Ueberein-
stimmendes haben und nur in der Symptomatologie präciser von
einander zu trennen sind.
Aetiologie. Augenmuskellähmungen kommen, sehr häufig vor
und können auf die mannichfaltigste Weise entstehen. Eine ihrer
häufigsten Ursachen ist Erkältung (rheumatische oder refrigerato-
rische Augenmuskellähmungen); sie betrifl^t mit Vorliebe den Abdu-
cens und den Oculomotorius , von welchem manchmal nur einzelne
442 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Zweige befallen sind; selten wird der Trochlearis be&llen. lieber
das eigentliche Wesen der rheumatiselieii Affeelion der Angeornnskel-
nerven wissen wir hier eben so wenig, wie bei anderen rheumati-
Bchen Lähmungen. Nicht einmal über den Sitz derselben, ob ib
der Augenhöhle oder an der Schädelbasis, können wir mit einiger
Sicherheit entscheiden, da die symptomatologischen Anhaltsptmkte
dafür noch zu unsicher sind. Alfred Gräfe gibt an, dass znweüeo
bei Druck auf den Bulbus ausgesprochene Schmerzempfindnog in
der Tiefe der Orbita nachzuweisen sei. Struthers fand bei einer
wahrscheinlich rheumatischen Paralyse des Oculomotorius von mehr-
monatlicher Dauer Atrophie und Sklerose des Nerven an der Schä-
delbasis.
In zweiter Linie stehen traumatische Einwirkungen,
welche die Orbitalgebilde oder den Schädel treffen: durch Stoss
und Schlag aufs Auge, durch eindringende Waffen, Messer, Nadek,
durch unglücklich localisirte Stösse von Hornvieh, durch Sohädel-
iracturen u. s. w. hat man vielfach Augenmuskellähmungen ent-
stehen sehen.
In gleicher Weise wirkt mechanische Compression der
Nerven durch die verschiedenartigsten Vorgänge, welche sich ent-
weder in der Augenhöhle etabliren (Geschwülste, Aneurysmen, Blut-
extravasate, Periostitis, Garies und Nekrose der Knochen, eitrige
Entzündung des Zellgewebes u. s. w.), oder an der Schädelbaas
ihren Sitz haben (Tumoren, Meningitis, Aneurysmen, syphilitische
Affectionen u. s. w., besonders wenn dieselben in der Nähe und im
Bereich des Sinus cavernosus auftreten). Leber sah Atrophie and
Abplattung beider Nn. abducentes da , wo sie über die Carotis int
weglaufen in einem Falle von gesteigertem intracraniellem DmA
durch Hirntumor. Hieher gehören auch die Fälle, welche dnrch
Neuritis entstehen; ich habe solche im Gefolge von Erysipel, das
sich in die Augenhöhle fortpflanzte, von acuter Meningitis n. s. w.
gesehen.
Ferner sind Erkrankungen des Gehirns sehr hän% von
Augenmuskellähmungen begleitet: so Apoplexien durch Hämorrhagie
oder Embolie, Encephalitis, Herdsklerose, Tumoren und andere Herd-
erkrankungen (besonders am Pons und Peduncul. cerebri, aber anch
in der Nähe der Centralganglien , in der Gegend des 4. Ventrikels
— so bei manchen Formen der Bulbärparalyse und der progressi?^
Himnervenlähmung). Ebenso sind Affectionen des Rücken-
marks, speciell die Tabes dorsalis und verwandte Krankbeits-
formen nicht selten von Augenmuskellähmungen begleitet Ocnlo-
AagenmoBkeQfthiirangen. Aedologie. 443
motorius- and Abdncensparesen kommen im Initialstadiom der Tabes
«nd in ihrem späteren Verlauf gar nicht selten vor and sind von
hoher semiotischer Bedeatang. Sie beruhen wohl meist auf anato-
mischen Veränderungen; welche sich vom Rückenmark auf die be-
treffenden Nervenkeme und die Nerven selbst fortpflanzen.
Eine Ursache, die von verschiedenen Punkten aus wirken kann,
and die ihrer Häufigkeit wegen eine specielle Erwähnung verdient,
ist die Syphilis. Augenmuskellähmungen gehören zu den häufig-
sten nervösen Erscheinungen, welche in d^i späteren Stadien der
Syphilis eintreten, und es können denselben verschiedenartige ana-
tomische Veränderungen zu Orunde liegen : Periostitis und Exostosen
in der Orbita oder an der Schädelbasis, Gummata in verschiedener
Höhe des Nervenverlaufs oder im Gehirn u. s. w.
Femer ist noch die Diphtheritis zu erwähnen, welche ver-
hältnismässig häufig zu einer Lähmung gewisser Bahnen des Oculo-
motorius (Accommodationslähmung, Mydriasis, aber auch Lähmung
einzelner Augenmuskeln) fahrt. — Endlich sieht man nach acuten
Krankheiten nicht selten Augenmuskellähmung entstehen: so in
Begleitung des acuten Gelenkrheumatismus, nach acuten Infections-
krankheiten, Typhus, Puerperalfieber u. s. w.; man hat heftigen
Lichtreiz, starkes Tabakrauchen, Alkoholmissbrauch und ähnliche
Dinge als Ursachen derselben beschuldigt. Leber ^ hat in neuerer
Zeit auf das Vorkommen von Accommodationslähmung und Mydriasis,
aber auch von Lähmung der äusseren Augenmuskeln bei Diabetes
mellitus aufmerksam gemacht. Sie scheinen theils in Folge des
Diabetes selbst, theils in Folge eines auch den Diabetes verur-
sachenden Gehirnleidens aufzutreten.
Die Aetiologie und Pathogenese gewisser doppelseitiger, progno-
stisch günstiger AugenmuskeUähmungen, aufweiche zuerst v. Gräfe*)
aufinerksam gemacht hat, scheint noch ziemlich dunkel, v. Gräfe
ist geneigt, solche durch Erkältung bei sonst gesunden Personen ohne
alle Hirnsymptome auftretenden doppelseitigen Augenmnskellähmungen,
bei welchen nur etwas Schmerz beim Beklopfen in der Richtung der
Schädelbasis auftritt, auf eine circnmscripte Basilarperiostitis zu be-
ziehen. MicheP) sah einen ähnlichen Fall während eines Gelenkrheu-
matismus unter fieberhaften Erscheinungen entstehen. Landsberg ^)
1) Ueber d Erkrank, d. Auges bei Diabetes mellitus. Arch. f. Opbthahnol.
XXL Abtb. 3. 1875.
2) Bemerk, über doppeiseit. Augemnuskellähm. basilaren Ursprungs. Arch.
1. Ophthabnol. XIII. 2. S. 265. 1866.
3) Zebend. ](lin. Monatsbl. 1872. S. 167.
4) üeb. doppeiseit. Augenmuskell&bm. Beri. klin. Wochenscbr. 1874. No. 51.
444 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
dagegen sucht den Ursprang zweier ähnlicher, günstiger Fälle in einer
gleichzeitigen Erkrankung innerhalb beider Orbitae, in einem dritten
Falle nahm er eine traumatische Hyperämie an der Schädelbasis an.
Es ist klar, dass doppelseitige Augenmoskellähmungen ans den
verschiedensten Ursachen entstehen können, und dass der günstige
Verlauf vieler derselben kein genügendes Moment ist, sie in eine ge-
meinschaftliche Gruppe zu vereinigen.
Symptomatologie. Die neuere Ophthalmologie hat, besonders
unter v. Gräfe 's genialer Führung, die Symptome der Augenmuskel-
lähmung mit ausserordentlicher Genauigkeit erforscht und vermag
die dabei auftretenden Störungen mit der grössten Exactheit durch
verhältnissmässig einfache Hül&mittel festzustellen. Es beruht diese
Möglichkeit auf der äusserst exacten associirten und accommodativen
Wirkung der Augenmuskeln, wie sie beim binoculären Sehact vor-
handen ist und denselben überhaupt ermöglicht. Jede geringste
Störung in der Function des einen oder anderen Augenmuskels ver-
räth sich sofort durch Störung dieses Sehactes — durch Diplopie
und durch Störung in der symmetrischen Stellung beider Bnlbi —
den sogenannten Strabismus paralyticus. Durch geschickte
Untersuchung und Verwerthung der Doppelbilder (wobei man sich
gefärbter Gläser und der Prismen bedient), durch exacte Prüfung
des monoculären und binoculären Fixirens, der Kopfhaltung u. s. w.
ist so eine höchst genaue Feststellung des erkrankten Muskels und
des Grades seiner Functionsstörung möglich. Für das Nähere ver-
weisen wir auf die v. Gräfe 'sehen Arbeiten, welchen wir in Kürze
Folgendes entnehmen:
Augenmuskellähmungen verrathen sich zunächst durch ein^
Defect der absoluten Beweglichkeit des Auges in der Zugs-
richtung des gelähmten Muskels. Dieser Defect tritt nur bei voll-
ständiger Lähmung sehr auffällig zu Tage, kann dagegen bei ein-
facher Parese sehr gering erscheinen, weil wegen der leichten Be-
weglichkeit des Bulbus die zu seiner Drehung erforderliche Kraft-
leistung nur sehr gering zu sein braucht. Der Defect tritt oft erst
deutlich hervor beim Vergleich beider Augen, durch welchen auch
nur Sicherheit darüber zu erlangen ist, ob nicht die mangelhafte
Excursionsfähigkeit in die Breite der Gesundheit f^lt. Mit diesem
Defect ist manchmal ein abnormer Modus der Bewegung ver-
bunden — nämlich eine zuckende, stossweisse Contraction des ge-
lähmten Muskels, Mitbewegungen anderer Augenmuskeln, abnorme
Baddrehungen u. s. w.
Wichtiger und sicherer ist die Erkennung der Augenmuskel-
lähmungen an dem Defect der relativen Beweglichkeit bei
AugeDmuskellähinungen. Symptomatologie. 445
den mit dem andern Auge associirten Bewegungen. Da unter nor-
malen Verhältnissen auf die gleichzeitig thätigen (associirten) beider-
seitigen Muskeln immer ein gleichstarker Willensimpuls einwirkt^ so
wird der Muskel mit verminderter Leistungsfähigkeit (der paretische
oder paralytische) in seiner Gontraction hinter dem gesunden zurück-
bleiben, es wird eine geringere Augendrehung erfolgen, die sich
objectiy als Schielen, als Strabismus darstellt, welches jedes-
mal entsteht, wenn die Gontraction des geschwächten Muskels für
den binoculären Sehact verwerthet werden soll. Die nächste func-
tionelle Folge dieser relativ geringeren Drehung des erkrankten
Auges ist Doppelsehen, Diplopie, welche das Haupterkennungs-
zeichen fbr alle Augenmuskellähmungen bildet.
Dieses Zurückbleiben in der Excursion des Bulbus und damit
die Entfernung der Doppelbilder von einander wird um so grösser
werden, je mehr man sich mit dem Fixirobject der Grenze des-
jenigen Theiles des Blickfeldes nähert, welcher von dem gelähmten
Muskel beherrscht wird; und gerade dieses progressive Steigen
der Deviation und des Doppelsehens nach der Seite des ge-
lähmten Muskels hin gibt den charakteristischen Unterschied von
dem concomitirenden Strabismus.
Für die Verwerthung der Diplopie zum Behuf der diagnostischen
Erkennung des erkrankten Muskels hat v. Oräfe ein sehr einfaches
Gesetz aufgestellt : Treten in irgend einer (der rechten, Imken, obem,
untern) Seite des gemeinschaftlichen Blickfeldes die Doppelbilder am
stärksten auf, so ist dasjenige Auge von der Lähmung betroffen,
dessen Bild am meisten nach eben derselben Seite vorgerückt er-
scheint, und es hat auf diesem Auge eine nach der gleichen Seite
hinttberwirkende Muskelkraft an Wirksamkeit verloren.
Z. B. „Treten die Doppelbilder nach links hin auseinander, so
wird, w^nn das Bild des linken Auges am meisten nach links liegt
(gleichnamige Diplopie), dieses Auge das betroffene, und die nach links
herüber wirkende Kraft, der Abducens, befallen sein. — Steht bei
gleicher Haltung des Objects das Bild des rechten Auges mehr nach
links hin (gekreuzte Diplopie) so wird das rechte Auge betroffen, und
eine nach links hinüber wirkende Kraft, der Rectus internus, gelähmt
sein" (v. Gräfe). Das Gleiche gilt mntat. mutand. auch hr den
rechten, oberen und unteren Abschnitt des Blickfeldes. „Dasjenige
Bild, welches nahezu in der Richtung der Objectbewegung der letz-
teren voraneilt, gehört dem afficirten Auge an" (Alfr. Gräfe).
Es können also gleichnamige und gekreuzte Doppel-
bilder vorkommen, für dieselben gilt als Regel, dass bei patho-
logischer Gonvergenz der Sehachsen gleichnamige, bei patho-
446 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
logischer Divergenz der Sehachsen gekreuzte Doppelbilder ent-
stehen.
In manchen Fällen beobachtet man anch wohl ein sogenanntes
verkapptes Doppelsehen, wo die Kranken nnr ttber andeat-
liches Sehen klagen, beim Sehen in gewissen Theilen des Blick-
feldes genirt sind. Charakteristisch daftir ist, dass das Sehen imt
jedem Ange allein ganz gut geht. Glewöhnlich sind die Doppelbilder
dann leicht sichtbar zu machen dnrch gefärbte Gläser und Rtehtmig
der Aufmerksamkeit anf dieselben.
Sehr charakteristisch and für die Diagnose geringer Paresen
werthvoU ist die Secnndärablenknng des gesunden Anges,
wenn das kranke Auge vorwiegend oder ausschliesslich zur Fixation
benutzt wird, wenn z. B. das gesunde Auge mit der Hand verdeckt
wird. Bewegt man das Fixirobject in der Zugsrichtung des ge-
lähmten Muskels, so wird dieser successive steigende Anstrengungen
machen müssen, um die Fixation zu erhalten; diese Anstrengungen
aber werden nach dem Gesetz der Association auch auf den asso-
ciirten gesunden Muskel ttbertragen, und derselbe versetzt das ge-
sunde Auge in einen Zustand von Deviation, welche viel hochgrar
diger ist als diejenige des kranken Auges, wenn das gesunde zur
Fixation benutzt wird; weil eben im ersteren Falle viel stä^ere
Inuervationsanstrengungen gemacht werden, welchen das gesunde
Auge zu folgen vermag. Es wird also z. B. bei Lähmung des Rectos
extemus, wenn man mit dem kranken Auge einen nach aussen ge-
haltenen Gegenstand fixiren lässt, durch Action des associirten Reetiis
internus des gesunden Auges eine starke Secundärablenkung des-
selben nach innen entstehen; und so bei Lähmungen jedes anderen
Muskels in entsprechender Weise. Fttr diese Secundärablenkung ist
es charakteristisch, dass sie grösser ist, als die primäre (immer ent-
gegengesetzt gerichtete) Ablenkung des gelähmten Auges^ und dass
sie zunimmt, je grosser die Widerstände fllr die Innervation des er-
krankten Muskels werden; sie bildet also gewissermassen einen
Maassstab fllr die Grösse dieser Innervationsstörung. — Der Um-
stand, dass sie grösser ist, als die primäre Ablenkung, lässt sich
auch fllr die Diagnose sehr feiner und kaum an dem kranken Auge
erkennbarer Störungen verwerthen, besonders bei solchen Muskete,
deren Lähmung nur eine sehr geringe Deviation ergibt, z. B. beim
Obliquus superior. Hier kann die grössere Secundärablenkung die
Diagnose erleichtem.
Ein fllr die Kranken sehr lästiges Symptom ist die falsche
Projection des Gesichtsfeldes. Bei der gesteigerten Muskel-
Aageninaskellälimangen. Symptomatologie. 447
anstrengimg mit dem kraoken Auge wird der Grad der erfolgten
Drehung Überschätzt, und damit die Lage der äusseren Objecte falsch
beartheüt: Das Gesichtsfeld wird im Sinne der Wirkung des ge-
lähmten Muskels dislocirt; z. B. bei Abducenslähmung nach aussen,
bei Lähmung des Rectus inferior nach unten. Lässt man bei Abdu-
censlähmung z. B. den Kranken rasch auf ein in geeigneter Rieh-
tong vorgehaltenes Fixirobject zufahren*), so wird er nach aussen
daran vorbeistossen. Diese falsche Projection des Gesichtsfeldes
steht in den innigsten Beziehungen zur Diplopie und wird gerade
durch diese am prägnantesten zum Ausdruck gebracht.
Diese Erscheinung ist besonders störend, wenn gleichzeitig
mehrere Muskeln gelähmt sind und der Kranke bei gewissen Be-
schäftigungen genöthigt ist, das Blickfeld häufig nach rasch wech-
selnden Richtungen zu dislociren, z. B. beim Gehen. Die dabei ein-
tretenden falschen Localisationen des Blickfeldes, die scheinbaren
Bewegungen der Objecte erzeugen ein Geftthl hochgradiger Unsicher-
heit, den bei Augenmuskellähmungen so häufigen und so charakteri-
stischen Schwindel. Derselbe tritt schon bei einseitigem Gebrauch
des gelähmten Auges auf und ist hier allein bedingt durch die falsche
Projectioii des Gesichtsfelds ; ebenso aber auch bei binocularem Sehen
und er wird hier gesteigert und unterhalten durch das Geftlhl der
Verwirmng, welches die beim binocularen Sehen auftretenden Doppel-
bilder bedingen. Dieses unangenehme Geftihl, welches die Wahr-
nehmung der Doppelbilder verursacht, kann sich manchmal zu einem
wirklichen Schmerz steigern, bedingt durch die abnormen Contrac-
tionsanstrengungen , welche zur Vermeidung des Doppelsehens ge-
macht werden. Dieser Schmerz tritt deshalb vorwiegend bei ge-
wissen Blickrichtungen ein.*)
Ein Theil dieser lästigen Symptome kann von den Kranken ver-
mieden werden; einmal dadurch, dass sie das kranke Auge
schliessen, es vom Sehact ausschliessen, um der Unannehmlich-
keit der Doppelbilder zu entgehen; dann dadurch, dass sie eine
1) Dabei soU der Untersuchte die Hand selbst nicht sehen; sie muss also
möglichst weit zorUckgezogen oder noch besser verdeckt werden und das Yor-
Btossen mit dem Finger muss sehr rasch geschehen.
2) Die Unterscheidung dieses sog. Gesichts- oder Augenschwindels von
dem eigentlichen cerebralen Schwindel ist nicht schwierig. Der erstere wird
sofort sistirt durch Aufheben des binocularen Sehactes oder beim einseitigen
Gebrauch des gesunden Auges. Beim Gebrauch des kranken Auges besteht er
anfangs fort, bis sich nach einiger Zeit die Kranken daran gewöhnen und ihn
dann weniger empfinden.
448 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
eigenthttmliche Kopfhaltung annehmen, am denjenigen Theil
des Blickfeldes, in welchem keine Doppelbilder auftreten, ftir die
gewöhnlichen Beschäftigungen zu benutzen. Diese Kopfhaltungen
sind sehr charakteristisch, da sie ftir jeden bestimmten gelähmten
Muskel verschieden sein müssen. Der Kopf wird dabei möglichst
steif gehalten.
Ein ähnlicher Vortheil kann fttr gewisse geringgradige Paresen
besonders der horizontal drehenden Muskeln durch die gegebene
Möglichkeit der Fusion der Doppelbilder erreicht werden.
Dieselbe ist nur bis zu einem gewissen, geringen Grade vorhanden
(der aber in den einzelnen Fällen ein verschiedener ist) und kann
selbst das Vorhandensein der Diplopie völlig verdecken. Man kann
dann aber meist durch die Untersuchung mit geeignet wirkenden
(auf- oder abwärts brechenden) prismatischen Gläsern die vorhandene
Diplopie nachweisen. Ebenso kann man durch eine geeignete pris-
matische Untersuchung die Fusionsbreite fttr jeden einzelnen Faü
feststellen, d. h. die Fähigkeit, mehr oder weniger weit auseinander-
liegende Doppelbilder durch Fusionsanstrengungen zu vereinigen.
Diess kann ftlr die Diagnose des Sitzes der Lähmung von Wichtig-
keit sein.
Von nicht geringer Wichtigkeit ist endlich die bei vielen Augen-
muskellähmungen so gewöhnliche secundäre Gontractur der
Antagonisten. Dieselbe kommt in verschiedenen Fällen in sehr
verschiedenem Grade zur Ausbildung, theils durch die einseitige
Function dieser Muskeln, theils durch den fehlenden Gegenzug von
Seiten des gelähmten Muskels und die dadurch allmälig eintretende
nutritive Verkürzung, theils wohl auch manchmal durch active Rm-
zustände. Es ist klar, dass dieser Zustand die Grösse der Deviation
steigert, die Entfernung der Doppelbilder vergrössert und die Grenzen
der Diplopie immer mehr über das Bereich des ursprünglich ge-
lähmten Muskels nach der entgegengesetzten Seite hinausrttckt. Diese
durch die Gontractur bedingte Diplopie bleibt aber auf der Seite des
contracturirten Muskels so ziemlich die gleiche, während sie nach
der Seite des gelähmten Muskels hin progressiv zunimmt
Nach diesen allgemeinen Bemerkungen wird die specielle Sym-
ptomatologie der einzelnen Augenmuskellähmungen ziemlich knrz zu
fassen sein.
1) Lähmung des N. oculomotorius. Derselbe innervirt den M. le-
vator palpebrae superioris, den Rectus superior, internus und inferior,
Augenmuskellähmangen. Symptome. Ocalomotorioslähmung. 449
den Obliqaos inferior, den M. sphincter iridis and den M. accommo-
datorins.
Die vollständige Lähmung des Oculomotorias and da-
mit aller der genannten Muskeln gibt ein sehr charakteristisehes Bild :
das obere Augenlid hängt unbeweglich herab bis zum untern Rand
der Cornea und kann nicht gehoben werden (Ptosis). Das Auge
steht fast ganz unbeweglich, jedoch in der Ruhe noch ziemlich ge-
rade, so lange noch keine secundären Gontracturen in den unver-
sehrten Muskelnr (Rect. extern, und Obliqu. super.) eingetreten sind.
Die Beweglichkeit nach innen, nach oben und gerade nach unten
ist vollständig aufgehoben ; dagegen die laterale Wendung nach aussen
vollständig erhalten; die Bewegungen nacli oben innen, nach oben
aussen und nach innen unten vollständig aufgehoben, dagegen jene
nach aussen unten noch möglich. Jeder Innervationsversuch dreht
das Auge durch Wirkung des Rect. extern, und Obliqu. super, nach
aussen und unten, und allmälig wird es durch Gontractur dieser
Muskeln dauernd in dieser Stellung fixirt. — Die Pupille ist er-
weitert und unbeweglich, die Accommodation hochgradig beschränkt.
Fixation ist nur nach aussen und unten möglich. Fast im ganzen
Gesichtsfeld erscheinen Doppelbilder. Die Secnndärablenkung des
gesunden Auges erfolgt nach allen Blickrichtungen, mit Ausnahme
der nach dem kranken Auge hm. Häufig ist das Auge leicht vor-
getrieben (Exophthalmus paralyticus), weil fast alle geraden Augen-
muskeln gelähmt sind. Dabei kann die Sehschärfe ganz gut sein.
Irrthttmliche Projection des Gesichtsfeldes nach den verschiedensten
Richtungen, nach welchen vergebliche Fixationsanstrengungen gemacht
werden. Deshalb das Schwindelgeftlhl sehr erheblich und sehr störend
— wenn nicht die Ptosis das Auge tlberhaupt vom Sehact ausschliesst
Das Auge wird von den Kranken meist absichtlich geschlossen. Sonst
wu-d eine sehr schiefe Kopfhaltung — nach hinten und der gesunden
Seite geneigt — angenommen, wenn dieselbe nicht wegen der Ptosis
ttberflttssig ist
Die partielle Oculomotoriuslähmung kann die verschie-
densten Muskeln entweder ganz isolirt oder zu mehreren gleichzeitig
trefifen.
Lähmung des Levator palpebrae superioris — Ptosis.
Kann ganz isolirt f&r sich vorkommen, z. B. nach Traumen oder wohl
auch ganz spontan; ist aber häufig mit Lähmung des Rect. super,
verbunden, der ebenfalls vom obem Ast des Oculomotorius versorgt
wird. Das obere Augenlid hängt unbeweglich herab; die Lidspalte
ist sehr verengt ; selbst bei aufwärts gerichtetem Blick hebt sich das
Handboeh d. spec. Pathologie a. Therapie. XII. Bd. 1. 2. Aafl. 29
450 EsB, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
lid nicht; nar wenig, wenn man das andere Auge verschHesst und
dann den Blick nach oben richten lässt ; sehr charakteristisdi ist die
aoxiliäre Anstrengung und Wirkung des Muse, frontalis (EiThebung
der Augenbraue und starke Qnerfalten auf der Stirn). Hit eintretender
Besserung hebt sich das Lid allmäUg weiter und weiter.
Lähmung des Bectus superior. Absolute Beweglichkeit
in der Richtung nach oben mangelhaft : die horisontale Richtung wird
von der Blicklinie nicht oder nur wenig ttberschritten. Die Deviation
findet nach unten hin statt , die Augenachse ist mehr nach abw&rts
gerichtet, als auf dem gesunden Auge : Strabismus deorsum veigens.
Dabei weicht die Cornea etwas nach aussen ab (Wirkung des ObUqu.
infer.). Die Doppelbilder stehen vertical ttbereinänder und Iddit-
gekreuzt, das dem gelähmten Auge angehörige steht höher. Die
Verticaldistanz wächst mit der Erhebung des Fixirobjects , sie ver-
schwindet in der Horizontalen (so lange noch keine (Tontractur des
R. infer. besteht). In der untern Hälfte des Blickfeldes wird ein£fiu^h
gesehen. Die Secundärablenkung des gesunden Auges findet nach
oben (und etwas nach aussen) statt Das Glesichtsfeld des kranken
Auges wird nach oben projicirt. Der Kopf wird gesenkt gehalten,
um die Doppelbilder zu vermeiden. Schwindelgeftihl tritt sdten ein,
nur z. B. beim Ersteigen einer steilen Treppe oder einer Leiter. —
Bei secundärer antagonistischer Gontractur verbreiten sich die Doppel-
bilder auch auf den untern Theil des Gesichtsfeldes, wenn auch in
geringerem Grade.
Auch diese Lähmung kann isolirt ftlr sich vorkommen; häufig
aber ist sie mit Ptosis verbunden.
Lähmung des Rectus internus. Absolute Beweglichkeit
nach innen zu mangelhaft, bei vollständiger Lähmung nur bis zur
sagittalen Richtung vorhanden. Deviation des Auges nach anss^
Augenachse nach aussen abgelenkt: Strabismus divergens. Doppd-
bUder lateral nebeneinander, gekreuzt, das Bild des kranken Auges
nach der gesunden Seite hin vorgerückt. Ihre laterale Distanz v^&chst
mit der Bewegung des Fixirobjects nach der gesunden Seite hin.
In der äusseren Hälfte des Blickfelds wird einfach gesehen (so lange
noch keine antagonistische Gontractur vorhanden). Secundärablenkung
des gesunden Auges nach aussen. Gesichtsfeld des kranken Auges
nach innen projicirt, Kopf nach der gesunden Seite gedreht — Bei
vorhandener antagonistischer Gontractur rttckt die Dipli^ie auch in
die äussere Hälfte des Blickfeldes vor; die Abstände der Dojqpel-
bilder werden grösser, bleiben aber nach aussen stationär, nach innen
nehmen sie progressiv zu.
AugenmuskellähmuDgen. Symptome. 451
Lähmang des Rectus inferior. Hier Bind die Verbältnisse
gerade umgekehrt , wie beim Rect. snp. — Absolute Beweglichkeit
nach unten mangelhaft. Bulbus höher stehend, Augenachse nach oben
deviirt : Strabismus sursum vergens ; Cornea dabei etwas nach aussen
abgewichen (durch den Obl. superior). Verticale, leicht gekreuzte
und schief gestellte Doppelbilder, das Bild des kranken Auges tiefer
stehend. Im obem Theil des Blickfeldes Emfachsehen. Sepund&r-
ablenkung des gesunden Auges nach unten (und etwas nach aussen),
Kopf nach vom gesenkt. Schwindelgefllhl sehr lebhaft. Diese Läh-
mung ist besonders lästig bei allen Umständen, wo die Blicklinie
gesenkt werden soll, also beim Gehen, bei Handarbeit, Treppen-
steigen u. 8. w. — Tritt secundäre Contractur des Rect. super, ein,
80 resultiren daraus die entsprechenden Erscheinungen.
Lähmung des Obliquus inferior. Absoluter Beweglich-
keitsdefect schwer wahrnehmbar; ist in der obem innem Ecke des
Blickfeldes am deutlichsten. Ist häufig besser an der Secundärab-
lenkung des gesunden Auges (nach oben und etwas nach aussen)
zu erkennen. Deviation des kranken Auges etwas nach unten und
innen. Doppelbilder vorwiegend in der obem Hälfte des Blickfeldes,
nicht genau vertical übereinanderstehend , gleichnamig und etwas
schief gestellt. Ihre verticale Distanz wächst bei der Bewegung des
Fixirobjects nach innen, ihre Schiefheit bei der Bewegung nach
aussen. Falsche Projection des Gesichtsfeldes nach oben oder etwas
nach aussen und oben gerichtet, bei Fixation in der Medianebene.
Kopf nach hinten und mit dem Kinn etwas nach der gesunden Seite
gedreht, so dass der untere äussere Abschnitt des Blickfeldes vor-
wiegend benutzt wird. — Bei secundärer Contractur des Obliqu.
sop^. dehnen sich die Doppelbilder auch ttber die untere Hälfte des
Blickfeldes aus.
Sind mehrere der genannten Muskeln, wie das nicht selten vor-
kommt, gleichzeitig gelähmt, so werden die Erscheinungen sich com-
biniren und können dadurch recht complicirt und schwer entwirrbar
werden. Die Details über die dabei zu berücksichtigenden diagno-
stischen Kriterien gehören jedoch nicht hierher.
Lähmung des Sphincter iridis. —- Mydriasis para-
lytica. Die Pupille zeigt mittlere Erweiterung und ist auf lißht-
reiz völlig oder nahezu unbeweglich, verengert sich auch bei starker
Convergenz der Augenachsen oder bei Accommodationsanstrengungen
nicht oder nur wenig. Sie kann durch Atropin noch mehr erweitert
werden. Das Sehen ist dabei undeutlich wegen vorhandener Zer-
streuungskreise; helles Licht verursacht starke Blendung. Die
29*
452 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Accommodation ist häufig yermindert, kann aber auch völlig er-
halten sein.
Lähmung des Muse, accommodatorius. Sie kann ganz
isolirt vorkommen; häufiger jedoch complicirt mit Mydriasis , nicht
selten aber auch ganz ohne diese. Bei dieser Lähmung besteht
Hinausrttcken des Nahepunktes, Unmöglichkeit fttr die Nähe zu
fixiren, «kleine Schrift zu lesen u. s. w. Damit verbindet sich häufig'
ein falsches Urtheil ttber die Grösse und Entfernung gesehener Ob-
jecte. Die Accommodationslähmung ist eine der constantesten Theil-
erscheinungen bei diphtheritischer Lähmung. Sie kann aber auch
alle möglichen anderen Lähmungen des Oculomotorius begleiten.
2. Lähmung des N. trochlearis. Sie setzt nur einen einzigen
Muskel, den Obliquus superior, ausser Function. Diese Lähmung
ist nicht leicht zu erkennen, weil der Obliqu. sup. fast immer mit
anderen Muskeln zusammenwirkt und von denselben theilweise er-
setzt werden kann.
Defect der absoluten Beweglichkeit meist sehr gering; tritt be-
sonders in der inneren unteren Ecke des Blickfeldes hervor. Devia-
tion des Auges nach innen und oben, bei Senkung des Fixirobjects ;
bei starker Wendung desselben nach der gesunden Seite Deviation
rein nach oben. — Doppelbilder in der unteren Hälfte des Blick-
feldes (nach innen sich etwais über die Horizontale erhebend, nach
aussen sich etwas unter dieselbe senkend), vertical ttbereiniuider-
stehend, gleichnamig, etwas schief gestellt; ihre Distanz wachsend
nach der gesunden Seite hin. — Secundärablenkung meist gerade
nach unten gerichtet und sehr ausgesprochen. Falsche Projection
des Gesichtsfekies nach unten und ein wenig nach aussen. Sehwindel-
geftlhl oft sehr ausgesprochen. Kopf nach vorn gesenkt und etwas
nach der gesunden Seite gedreht (krankes Auge kinnwärts bewegt),
so dass die Objecte in den oberen äusseren Quadranten des Blick-
feldes gebracht werden.
Bei antagonistischer Contractur des Obliqu. inf. pflanzen sich
Deviation und Diplopie mehr und mehr in die obere Hälfte des
Blickfeldes fort
Die Trochlearislähmung kommt manchmal ganz isolirt vor: bei
Syphilis, nach Traumen, selten nach Erkältungen.
3, Lähmung des N. abducens. Hat ebenfalls nur Lähmung eines
einzigen Muskels, des Rectus extemus, zur Folge. Ihre Sympto-
matologie ist sehr einfach.*
Defect der absoluten Beweglichkeit nach aussen hin, so daBS
der Bulbus nur mit Anstrengung (mit zuckenden, zitternden Be-
Aagemnnskell&hmuDgen. Trochlearisl&hmung. Abducenslähmung. Verlauf. 453
wegnngen) oder gar nicht ttber die Mittellinie nach aussen geführt
werden kann, dieselbe oft nicht einmal mehr erreicht (bei secnndärer
Gontractor). — Deviation des Auges nach innen: Strabismus con-
YCSl^ns. — Diplopie im ganzen äusseren Theil des Blickfeldes, von
der Mittellinie an; Doppelbilder lateral, gleichnamig, ihre Distanz
mit der Bewegung des Objects nach aussen zunehmend. — Secun-
därablenkung nach innen, sehr ausgesprochen. — Kopfdrehung nach
der kranken Seite hin. Falsche Projection des Gesichtsfeldes nach
aussen. Schwindelgeftthl massig, besonders dann, wenn nur das
kranke Auge zum Sehen bei rascher Bewegung u. dgl. benutzt wird.
— Bei secundärer Contractur verbreiten sich die Doppelbilder auch
nach innen und oft ttber das ganze Blickfeld.
Die Abducenslähmung kommt sehr häufig isolirt vor, besonders
nach rheumatischen Ursachen: sie ist die häufigste rheumatische
Augenmuskellähmung. — Manchmal tritt sie doppelseitig auf, so bei
Tabes dorsalis, oder nach acuter Cerebralmeningitis u. dgl.
Von weiteren Erscheinungen — ausser der gestörten willkürlichen
Innervation — ist bei Augenmuskellähmungen nichts bekannt, lieber
das Verhalten der reflectorischen oder automatischen Bewegungen sind
wie es scheint noch keine Versuche angestellt (z. B. über die Stellung
der Bulbi im Schlaf, über die Reflexbewegungen auf Lichtreiz oder
Hautreize u. dgl.); es ist zu vermuthen, dass man doch manchmal von
solchen Untersachungen Aufschluss über den genaueren Sitz des Lei-
dens gewinnen könnte, da diese Bewegungen bei eigentlich centralen
Lähmungen gelegentlich wohl auch erhalten sein können.
Auch über die elektrische Erregbarkeit der Augenmuskeln bei
Lähmungen ist nichts bekannt ; sie sind von dem Strom^ nicht mit sol-
cher Sicherheit und Exactheit zu erreichen, dass sie auf ihre Erreg-
barkeit geprüft werden könnten; wenigstens sind meine Bemühungen
in dieser Richtung vergeblich gewesen.
Der Verlauf der Augenmuskellähmungen ist je nach den zu
Grunde liegenden pathologischen Vorgängen ein äusserst verschiedener.
Der Eintritt der Lähmung geschieht oft ganz plötzlich, ttber
Nacht, z. B. bei den rheumatischen, apoplektischen Formen. Andere
Male ist die Entwickelung eine schleichende und allmälige, mit er-
heblichen Schwankungen einhergehende: so bei Syphilis, bei Neu-
ritis, bei chronischen Centralerkrankungen u. s. w. — Die Kranken
empfinden zunächst eine gewisse Unbequemlichkeit beim Sehen, be-
sonders in gewissen Blickrichtungen; allmälig oder plötzlich mani-
festirt sich dieselbe dann als deutliches Doppelsehen. Je nach den
befallenen Muskeln ist die Behinderung bei allen möglichen Beschäf-
tigungen eine mehr oder minder grosse. Fast immer aber empfin-
454 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
den die Kranken das Leiden als eine sehr erhebliche Störung ihres
Sehvermögens.
Auf dem erreichten Orade der Parese oder der yollständigen
Paralyse kann dann die Sache für längere oder kürzere Zeit sta-
tionär bleiben. Früher oder später stellen sich secundäre C!ontrac-
tnren ein, welche die Symptome noch steigern and die Rtlc^ehr
zur Norm erheblich erschweren und verzögern können. Häufig sieht
man erhebliche Schwankungen in der Intensität der Störung ein-
treten; das ist besonders der Fall bei central bedingten Paresen,
besonders bei Tabes; hier kann das Doppelsehen oft wochenlai^
ganz verschwinden und dann wiederkehren. — Tritt Heilung ein,
so bessert sich zunächst gewöhnlich die absolute Beweglichkeit wie-
der, während die Diplopie länger bestehen bleibt; allmälig jedoch
rücken auch die Doppelbilder näher zusammen, sind schliesslich nur
noch an den Grenzen des Blickfeldes vorhanden, und verschwinden
endlich ganz ; mit ihnen verlieren sich die Sehstörungen, das Schwhi-
delgetUhl, die abnorme Kopfhaltung; am längsten leisten oft die
Secundärcontracturen Widerstand; bleiben dieselben fttr die Dauer
bestehen, so kann sich daraus ein concomitirender Strabismus ent-
wickeln. — In unheilbaren Fällen bleibt die Deviation des Auges
eine dauernde, so wie sie durch die Contractur des Antagonisten
bestimmt wird, und es stellt sich damit ebenfalls ein bleibender
Strabismus ein.
Die Dauer der Augenmuskellähmungen ist ebenfalls eine äusserst
verschiedene; das hängt zum grössten Theil von ihrer Ursache ab.
Rheumatische Lähmungen pflegen meist nur kurze Zeit, wenige
Wochen, selten viel länger, zu dauern; ich habe mehrfach rheuma-
tische Abducenslähmungen bei galvanischer Behandlung in weniger
als drei Wochen heilen sehen. Syphilitische Lähmungen können
Monate und Jahre lang bestehen und endlich doch noch heilen.
^ Dasselbe gilt von vielen centralen Lähmungen, die an sich schon
auffallende Schwankungen zeigen. Unheilbare Fälle haben natürlich
eine unbegrenzte Dauer.
Diagnose. Hier handelt es sich zunächst um Feststellung des
befallenen Muskels und Nerven; die Anhaltspunkte dafür
sind in der oben gegebenen Symptomatologie enthalten. Doch
kommen complicirte' Fälle vor, in welchen mehrere Muskeln oder
beide Augen erkrankt sind, und welche deshalb oft diagnostiBofa
äusserst schwierig zu entwirren sind. Vgl. darüber die Specialwerke
und besonders die ausgezeichnete Arbeit von A. v. Gräfe.
IJl In zweiter Linie ist die Art der zu Orunde liegenden
Augenmuskell&hinungen. Diagnose. Prognose. 455
Veränderung zu ermitteln — eine wichtige und nicht immer leichte
Angabe. Sie wird nach allgemein pathologischen Grundsätzen zu
lösen sein, unter Berttoksichtigung der Ursachen, des Verlaufs, vor-
ausgegangener Krankheiten, begleitender Symptome u. s. w.
Schwieriger ist häufig die Diagnose des Ortes der Läsion.
Zunächst hat man zu entscheiden, ob es sich um eine centrale oder
eme periphere Lähmung handle. Das ist nur dann leicht, wenn die
einwirkenden Schädlichkeiten genau bekannt, oder wenn gleichzeitig
andere Symptome vorhanden sind, welche die Localisation des Lei-
dens ermöglichen (entweder Oehimerscheinungen, Schwindel, Sinnes-
störungen, Hemiplegie, Spinalerscheinungen u. s. w., oder Erschei-
nungen irgend welchen Orbitalleidens, oder von Erkrankungen an
der Schädelbasis u. s. w.). Wo diese Anhaltspunkte fehlen und be-
sonders bei isolirten Lähmungen muss man sich häufig mit einer
grösseren oder geringeren Wahrscheinlichkeit begnügen. Leider kann
die elektrische Untersuchung hier nicht diagnostisch verwerthet wer-
den, weil wir bisher mit keiner Methode eine sichere und ungefähr-
liche isolirte Reizung der Augenmuskeln und ihrer Nerven ausftlhren
können. — Einigen Anhalt in dieser Beziehung gewähren die fol-
genden Punkte: bei peripherem Sitze ist häufiger die Lähmung eine
vollständige, als bei centralem Ursprung: bei peripheren Lähmungen
ist die Fusionsbreite gewöhnlich eine grössere, als bei centralen
Lähmungen; das Vorkommen von gleichzeitiger galvanischer Hyper^
ästhesie des Acusticus scheint ebenfalls ftlr centralen Ursprung zu
sprechen.
Bei wahrscheinlich peripherem Sitze ist wieder zu entscheiden,
m welcher Höhe der Faserung, ob an der Schädelbasis oder in der
Orbita, die Läsion ihren Sitz hat. Begleitende Erscheinungen von
Seiten anderer Himnerven oder Augenhöhlennerven, die ätiologischen
Momente n. dgl. können hier oft Aufschluss geben. Beim Oculomo-
torius ist vielleicht das Befallensein einzelner Zweige, die Mitbe-
theiligung oder das Freibleiben der Pupille und der Accommodation
für die genauere Localisation zu verwerthen.
Auch bei centralem Sitze der Erkrankung sind wieder mehrfache
Localisationen möglich, die aus der Diagnostik der Herderkrankun-
gen des Gehirns zu entnehmen sind; hier gibt die gekreuzte oder
gleichseitige Faciallähmung oder Hemiplegie, vorhandene Aphasie,
nachweisbare Bulbärparalyse oder Spinalaffection die nöthigen An-
haltspunkte. Wir können auf dieselben hiermit nur kurz hinweisen.
Die Prognose hängt der Hauptsache nach von der Krankheits-
ursache ab. In rheumatischen Fällen ist sie fast absolut günstig.
456 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
obwohl auch hier einzelne Fälle nnr schwer oder selbst gar nicht
zur Heilang gelangen. Traumatische Angenmuskellähmongen Yer-
laufen ebenfalls meist gtlnstig. — Bei Compressionslähmungen richtet
sich die Prognose nach der Natur des comprimirenden Momentes.
— Syphilitische Lähmungen gewähren nur eine zweifelhafte Prognose,
da durchaus nic]|^t alle Fälle einer geeigneten antisjphilitisch^i Be-
handlung weichen. — Diphtheritische lühmung fast absolut gftnstig;
die centralen Lähmungen dagegen meist zweifelhaft ; hier richtet sich
die Prognose yielfach nach dem Grundleiden; allein selbst bei un-
heilbaren Centralafifectionen kann die Prognose der begleitenden
Augenmuskellähmungen eine relativ gttngstige sein : so bei Tabes, bei
Himapoplexien.
Im Uebrigen ist zu erwähnen, dass vollständige LAhmungen,
die eine Zeit lang als solche bestanden haben, eine ungünstigere
Prognose geben, als unvollständige Lähmungen von selbst viel län-
gerer Dauer. Weniger günstig ist die Prognose, wenn während der
Behandlung die absolute Excursionsbreite rascher wächst, als die
Annäherung der Doppelbilder; solche Fälle heilen langsam. Günstig
ist es, wenn durch die galvanische Behandlung sofort ein deutlicher
momentaner Erfolg erzielt wird.
Therapie. In Betreff der zunächst zu erftillenden Causal-
indication braucht hier nicht auf Einzelnes eingegangen zu werden.
Es genüge, hier an die Behandlung traumatischer Einwirkungen,
rheumatischer Affectionen (Wärme, Diaphorese, Vesicantien, Jod-
kalium u. s. w.), der Syphilis, centraler Affectionen, besonders der
Tabes u. dgl. zu erinnern, welche hierbei am meisten in Frage kommen.
Unter den directen Mitteln ist das wichtigste die Elektricität
Sie wird nach den bekannten (s. o.) allgemeinen Principien ange-
wendet. Die Applicationsweise derselben hat in vielen Fällen neben
der directen antiparalytischen Wirkung auch die mögliche ErftHlang
der Causalindication zu berücksichtigen. Die galvanische Behandlung
ist der faradischen vorzuziehen, weil wir bei der ersteren aus be-
kannten physikalischen Gründen mehr Sicherheit darüber haben, dass
die nöthige Menge von Stromschleifen die in betiüchtlicher Tiefe ge-
legenen Gebilde erreicht, um welche es sich hier handelt.
Methode der Galvanisation: Stabile Einwirkung des Stromes
(in abwechselnder Richtung) je nach Lage der Läsion — in der
Orbita, in der mittleren oder hinteren Schädelgrube — quer dorch
die Schläfen, oder die vordere Ohrgegend oder durch die Processus
mastoidei; eventuell auch längs vom Auge zum Nacken. — (Die
ausserdem eingeleitete Galvanisation des gleichseitigen Sympatbicns
Aogenmuskellähiiiiingen. Therapie. 457
am Halse Bcheint nicht ohne Vortheil zu sein. Benedict.) — Für
die directe Wirkang auf die gelähmten Muskeln empfiehlt sich : Anode
im Nacken, Kathode labil über den geschlossenen Angenlidern, speciell
an den Stellen, welche den gelähmten Muskeln entsprechen. Man
wähle schwache Ströme, so dass gerade mit Kathode labil deutliche
Zuckungen von den Fadaliszweigen her entstehen ; kurze Dauer der
Sitasungen (2 — S Min.), Vermeidung allzustarker Stromschwankungen
(Unterbrechungen, Wendungen). Sehr zweckmässig erscheint die von
Bnzzard (Lancet 1875. Oct. 2) empfohlene Anwendung des Fingers
als Augenelektrode. Die Erfolge der galvanischen Behandlung sind
in vielen Fällen ausserordentlich günstig; meist ist ein deutlicher
momentaner Erfolg zu consfatiren, der sich durch Besserung der
absoluten Beweglichkeit und grössere Annäherung der Doppelbilder
verräth. Die Grösse und Dauer dieses Erfolges bedingt die grössere
oder geringere Baschheit der Heilung. In vielen Fällen hat man sich
aber auch bei der galvanischen Behandlung mit grosser Geduld zu
wappnen, und manche wird man Monate lang umsonst galvanisiren.
Methode der Farad isation : Directe faradische Reizung in der
Gegend der betreffenden Muskelansätze entweder über den geschlos-
senen Lidern mittelst einer feinen Schwammelektrode, oder vom Con-
jnnctivalsack aus mittelst eines als Elektrode dienenden feinen Haar-
pinsels. Auch die Iris hat man bei Mydriasis von der Sclera aus
mit feinen Elektroden direct behandelt; das ist aber em schmerz-
haftes Verfahren. — Ströme nicht zu stark ; Sitzungen kurz. — Auch
von der Faradisation sieht man in vielen Fällen Erfolge.
Von sonstigen Mitteln ist wenig zu sagen: empirisch hat man
gefunden, dass Jodkalium in vielen Fällen unbekannter Genese von
evidentem Nutzen ist; subcutane Injectionen von Strychnin verdienen
Erwähnung; Calabar kann bei Mydriasis von Nutzen sein. Alle
diese Mittel können gleichzeitig mit der Elektricität angewendet
werden.
Sehr zweckmässig, besonders fUr die leichteren Paresen und ftir
die Endstadien der Lähmung ist eine geeignete Gymnastik der
Augenmuskeln, theils durch Prismen, welche die Fusion der Doppel-
bilder erleichtern, theils durch regelmässige Uebungen mit Fixirob-
jecten, die man von der Region des Einfachsehens langsam nach der
Seite der Doppelbilder bewegen lässt, wobei die Kranken das Ein-
fachsehen möglichst lange zu erhalten sich bestreben müssen. Für
die Mydriasis hat man, von der Beobachtung ausgehend, dass festes
Zusammenkneifen der Augenlider mit Verengerung der Pupille eiu-
hergeht, sogenannte „ Kneifttbungen ^ als zweckmässig empfohlen;
458 Ebb, KraBkheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
ähnlich wirken Accommodationsttbangen fUr kurze Distanzen , bei
starker Convergenz der Angenachsen.
Zur Ausgleichung der durch die Doppelbilder gesetzten Seh-
Störungen kann man prismatische Brillen nur selten benatzen, da
die Distanz der Doppelbilder veränderlich ist, und die zur Compen-
sirung nöthigen Prismen meist fttr Brillen nicht mehr brauchbar und;
nur für kleine paretische Abweichungen können solche Prismen ge-
nügen und sind dann für die Kranken eine grosse Erleichterung.
Zu operativen Eingriffen (Rttck- und Vorlagerung von Muskdn)
wird man sich nur dann entschliessen dürfen, wenn alle Aussichtea
auf Heilung oder selbst nur auf Besserung der Lähmung völlig ge-
schwunden sind; diese Operationen haben dann auf Grund der von
der Ophthalmologie dafür aufgestellten Indicationen zu geschehen.
Als Palliativmittel (gegen die von den Doppelbildern ausgehende
Unbequemlichkeit) kann man eine Brille mit mattem Glas vor dem
kranken Auge tragen lassen.
b) Lähmung im Gebiet der motorischen Portion des
Trigeminus. — KaumuskeUähmung. — Masticatorisclie
Gesichtslähmung.
C. Bell, 1. c. S. 217. — Romberg, 1. c. S. 59. 1851. — A. Eulenburg,
1. c. S. 492. — Benedict, Elektrotherapie. 1868. S. 307. — Bärwinkel, Zur
Pathol. d. Trigeminus. IL Diplegia trigem. motoria Arch. f. klin. Med. yn.
S. 608. 1874.
Die motorischen Fasern des Trigeminus verbreiten sich vor Allem
in den Kaumuskeln (M. masseter, temporalis, pterygoideus extern,
und intern.) gehen ausserdem zu einem Muskel des Gaumensegels
(M. sphenostaphylinus) und zum M. tensoc tympani (vom GangL otic
her) und endlich zum M. mylohyoideus und biventer mandibulae
(durch Vermittelung des Nerv, mylohyoideus). Für die Praxis kommt
eigentlich nur die Lähmung der Kaumuskeln, als besonders auffiül^nd
und wichtig in Frage.
Auch diese, die Kaumuskellähmung, ist eine im (Ganzen
seltene Erscheinung, da die betreffenden Nerven wegen ihrer tiefen
und geschtltzten Lage von äusseren Schädlichkeiten (Ei^ltung,
Traumen u. s. w.) nicht leicht erreicht werden. Häufiger noch sind
es intracranielle, besonders basale Erkrankungen, welche die moto-
rische Portion des Quintus in Mitleidenschaft ziehen: so Periostitis,
Exostosen, Caries der Knochen an der Bchädelbasis , Extinvasate,
Aneurysmen, Tumoren aller Art, welche den 3. Ast des Trigeminus
innerhalb oder ausserhalb des Schädels, betheiligen; endlich sind es
Motorische Trigeminuslähmiing. 459
besonders cerebrale Affectionen , speciell Affectionen des Pons und
der HeduUa oblongata, welcbe za Lähmung der Eaamnskeln auf
einer oder auf beiden Seiten fahren. So hat man wiederholt doppel-
seitige Kaamnskellähmnng als Theilerscheinnng bestimmter Formen
der sogenannten Bnlbärparalyse beobachtet. Bärwinkel hat jüngst
einen derartigen Fall beschrieben und ich selbst habe deren mehrere
gesehen.
Die Symptome der masticatorischen Lähmung sind sehr ein-
fach. Ist dieselbe einseitig, so besteht auf der betreffenden Seite
Erschwerung oder Unmöglichkeit des Eauens. Die Kranken kauen
ausschliesslich mit der gesunden Seite. Weder durch das Gefühl
noch durch das Gesicht ist eine Gontraction des Masseter oder Tem-
poralis wahrzunehmen, die sich auf der gesunden Seite deutlich als
eine periodisch wiederkehrende Härte und Anschwellung markirt.
Die Seitwärts bewegung nach der gesunden Seite hin ist wegen Läh-
mung der Pterygoidei unmöglich. — Bei doppelseitiger Lähmung
besteht zuerst, so lange nur Parese vorhanden ist, nur sehr rasches
Ermüden im Kauen : die Kranken können allmälig Fleisch, trockenes,
hartes Brod nicht mehr klein kriegen, sie müssen häufige Pausen
im Kauen machen, und schliesslich, wenn die Muskeln völlig ihren
Dienst versagen, hängt der UnterUefer schlaff und kraftlos herab.
Manchmal tritt hochgradige Atrophie der Muskeln ein, durch das
Gefühl leicht erkennbar an den Vertiefungen in der Gegend der Kau-
muskeln. Auch secundäre Gontracturen können sich in den gelähm-
ten Muskeln entwickeln und dadurch den Unterkiefer dauernd heben.
Das elektrische Verhalten der gelähmten Muskeln (die nur durch
directe Reizung und ziemlich schwierig in Gontraction zu versetzen
sind) ist noch nicht hinreichend untersucht. Ich fand in einem Falle
offenbar peripherer Lähmung faradische und galvanische Erregbarkeit
erloschen; bei Bnlbärparalyse soll massige Venninderung derselben
bestehen; Bärwinkel fand in seinem Falle die faradische Erreg-
barkeit erloschen, die galvanische erhalten, aber vermindert (3 Mo-
nate nach Beginn des Leidens).
Als Begleiterscheinung der Kaumuskellähmung trifft man nicht
selten Lähmungen benachbarter Gebimnerven, der Augenmuskel-
nerven, des Facialis u. s. w.; sehr gewöhnlich Anästhesie des Trige-
minus, manchmal auf den 3. Ast beschränkt; seltener Geschmacks-
störung auf der vordem Zungenhälfte; ausserdem in vielen Fällen
die mannichfachsten Symptome des Grundleidens, in dessen Krank-
heitsbild die masticatorische Lähmung nur eine Theilerscheinnng bildet.
Von einer Lähmung des Sphenostaphylinus ist bisher bei Kau-
460 Ebb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerren.
muskellähmung nichts bekannt geworden; auch auf die LähmaDg
des Tensor tympani bat man, wie es scbeint, bisher zu wenig ge-
achtet, doch sprechen die jüngst pnblicirten Resultate der Unter-
suchungen Lucae's (Berl. klin. Woch. 1874. No. 14. 16. 17) dafllr,
dass es möglich sei, die Lähmung dieses Muskels (an abnormer Hoch-
hörigkeit und subjectivem tiefen Oei^usch) zu diagnosticiren.
Die Diagnose der Kaumuskellähmung unterliegt bei einiger
Äufinerksamkeit nicht den geringsten Schwierigkeiten; die passire
Beweglichkeit bei activer Unbeweglichkeit des Unterkiefers, das
Fehlen der charakteristischen Anschwellung der Kaumuskeln, die
Art der Eaustörung u. s. w. sind nicht leicht fidsch zu deuten.
Die Prognose richtet sich ganz nach der zu Grunde liegenden
Ursache.
Diese ist denn auch bei der Therapie vor Allem zu berück-
sichtigen und ausser der causalen Behandlung wird man nur eine
örtliche elektrische Behandlung — intramusculäre Faradisation oder
Galvanisation — empfehlen können.
c) Lähmung im Gebiet des N. facialis. — Mimische Ge-
sichtslähmung. — Hemiplegia und Diplegia facialis. —
Prosopoplegie.
N. Friedreich, De paralysi musculorum faciei rheomat Progr. 1797.
(Deutsch in „N. Friedreich's verm. med. Abhandl.« Würzb. 1824). ~ Ch. Bell,
PhTsiol. u. pathol. Untersuch. 1832. — Gaedechens, Nervi facial. physiol. et
patnologia. Diss. Heidelb. 1832. — Landouzy, L'h^mipl^e faciale cnez les
nouveau-n^s. Paris 1839. — Bernard, De Talteration du ffont dans la paraL da
nerf facial. Arch. g^n^r. de M^d. Dec. 1843. — Marshall Hall, Laneet May
1843. — Landouzy, De T^xalt. de Touie dans la paral. du n. facial. Gas.
m6d. de Par. 1851. No. 6, 7. — Ph. H. Wolff, Oxyokoia durch Fadalparalyse.
Deutsch. Elin. 1851. No. 22. — C. Davaine, Sur les paral. g^n^r. on partielles
des deux nerfs fac. Gaz. mäd. de Par. 1852. No. 46—50. 1853. No. 2, 3 — B.
Schulz, Paralys. nervi fac. excentrica etc. Wien. med. Woch. 1857. No. 44. ■— -
Ziemssen, Lähmung von Gehlmnerv. an d. Basis cerebr. Virch. Arch. Xm.
1858. ~ Baierlacher, Bayr. ärztl. Intell. 1859. — Schulz, Differ. elektr. Ver-
halten d. Musk. bei Faciall&hm. Wien. Woch. 1860. No. 27. — 0. v. Grüne-
wald t, Ueber Faciall. Petersb. med. Zeitsch. lU. 1862. ~ Wachsmnth, Pro-
gress. Bulbärparalyse u. Diplegia fac Dorpat. 1864. -r- W. Sanders, Paralys.
of the naiate in fac. palsy. £dinb med. Joum. 1865. Aug. — Ziemssen, Elektr.
in d. Medic. 3. Aufl. 1866. — Bazire, Gase of facial paralvsis etc. Brit med.
Joum. 1867. Sept. 21. — Trousseau, Med. Elin. des Hotel Dieu. Deutsch v.
Cullmann. 11. Bd. 1868. — M. Rosenthal, Charakteristik der verschiedenen
Arten v. Gesichtslähm. Wien. med. Presse. 1868. — Pierreson, Dela diplägie
faciale. Arch. g^n^r. 1837. — Bärwinkel, Casuist. d. doppeläeit. FaciaU&hm.
Arch. d. Ueilk. tS67. — Erb, Zur Pathol. periph. Paralysen. Arch. f. klin. Med.
IV. V. 1868. — Casuistik: Zwei traumat. Faciafisl. ibid. VH. 1870. — Brenner.
Untersuch, u. Beob. z. Elektroth. II. 1869. — Lucae, Ueber Gehörstömng bei
Facialisl Verb. d. Berl. med. Ges. I. 1866. — Hitzig, Zur periph. Facialisl&hm.
Berl. klin. Woch. 1869. No. 2. — Tillmanns, Facialisl. bei Ohrkrankh. Diss.
Halle. 1869. — Hitzig, Auffass. einiger Anomal, d. Muskelinnervation. Arch. t
Psych, u. Nerv. IH. 1872. — Huguenin, Ueber die cerebr. Lähm, des Facialis.
Facialislähmun^. Aetiologie. 461
Gorrespondenzbl. für die Schweiz. Aerzte. 1872. No. 7—9. — W. R. Gowers,
Notes on facial paralysis. Lancet 1874. April 11. -— M. Bernhardt, Eigen-
thüml. Verlauf einer (schweren) peripher. Lähmung des N. facial. Arch. f. klin.
Med. XIV. S. 433. 1874. — üeber Lähmungen des Gesichts- u. Hörnerven. Arch.
f. Psych, u. Nerv. VI. S. 549. 1876. — Erb, üeber rheumat. Facialislähmung.
Arch. f. klin. Med. XV. S. 6. 1874. •
Vgl. femer die Lehrbücher der Nervenkrankheiten von Romberg, Hasse,
A. Eulenburg, M. Rosenthal u. A. und die verschiedenen Handbücher über
Elektrotherapie.
Die Facialislähmung ist eine der häufigsten Lähmungsfor-
men. Kaum ein anderer Nerv des menschlichen Körpers wird so
häufig von isolirter Lähmung befallen, wie der Facialis. Es erklärt
sich das theils aus der exponirten, allen Schädlichkeiten ausgesetzten
Lage des Nerven, theils aus seinem Verlauf in einem langen und
engen Enochenkanal und seiner nahen Verbindung mit allen mög-
lichen leicht erkrankenden Organen, theils endlich aus seiner langen
Bahn innerhalb des Centralorgans, so dass auch dessen Erkrankungen
sehr häufig den Facialis betheiligen.
Die Facialislähmung ist bald einseitig, bald, jedoch seltener,
doppelseitig; sie kann als Parese erscheinen, häufiger jedoch als
Paralyse; sie kann complet, über alle Verzweigungen des Nerven
verbreitet sein, oder sie kann einzelne derselben befallen. Die auf-
fallenden mimischen Störungen und Diffbrmitäten, die Beeinträch-
tigung verschiedener wichtiger und vielgebrauchter Bewegungen,
welche die Facialislähmung mit sich bringt, machen dieselbe zu einer
sehr lästigen und der subjectiven wie objectiven Beobachtung sich
leicht darbietenden Krankheit. Wenn schon hierdurch das grosse
Interesse sich rechtfertigt, welches die Gesichtslähmung von jeher
den Aerzten erregt hat, so wird dasselbe noch gesteigert dadurch,
dass die Facialislähmung von einschneidender Wichtigkeit ftlr die
Lösung der verschiedensten neurologischen Probleme geworden ist,
seitdem man in dem N. facialis eine Vereinigung von Nervenbahnen
verschiedenster physiologischer Dignität kennen gelernt hat. Die
folgende, aus Rücksicht auf den zugemessenen Raum äusserst ge-
diitoigte Darstellung kann kaum ein erschöpfendes Bild geben von
all den zahlreichen und wichtigen Ergebnissen, welche in der über-
aus umfangreichen Literatur über Facialparalyse niedergelegt und
durch zahlreiche eigene Erfahrungen bestätigt uAd vermehrt smd.
Aetiologie. Eine bestimmte PiiUlisposition Mr die Facialis-
lähmung gibt es nicht; wenigstens ist die Thatsache, dass manche
Individuen mehrmals von ,, rheumatischer " Gesichtslähmung befallen
werden, kaum in bestimmter Weise zu erklären. Wir kennen somit
nur directe Ursachen.
462 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Unter diesen ist jedenfalls die wichtigste und häufigste die Er-
kältnng. 'Ueber jeden Zweifel festgestellt und notorisch ist der
enge Znsammenhang zwischen Einwirkung einer Erkältungsarsache
auf eine Oesichtshälfte und nachfolgender Facialpanüyse , welch'
letztere der ersteren oft unmittelbar oder schon nach wenigen Standen,
seltener erst nach mehreren Tagen folgt. Zahllos sind die m der
Casuistik erzählten Möglichkeiten der Erkältungseinwirkung, durch
welche diese „rheumatischen*' oder besser „refrigeratorischen* Fa-
cialislähmungen entstehen (Ausblick aus dem Fenster bei Wind,
Eisenbahnfahrt bei o'ffenem Fenster , Schlafen in der Nähe einer
feuchten kalten Wand, Zugluft auf eine Oesichtshälfte u. s. w.). Ueber
den eigentlichen Sitz und die Art der diesen Lähmungen zu Onmde
liegenden anatomischen Vei^nderungen ist nichts Sicheres bekannt;
ziemlich verbreitet ist jetzt die Annahme, dass es sich dabei um
eine leichte exsudative Entzündung und Schwellung des Neorilemm
innerhidb des Canalis Fallopiae handle; in leichten Fällen soll das
Exsudat ein seröses, in schweren, langwierigen Fällen ein plastisches
sein (Schulz, Bärwinkel u. A.). Meiner Meinung nach kann es
sich in allen solchen „rheumatischen*' Fällen nur um eine und die-
selbe Art der anatomischen Veränderung (wahrscheinlich leichte ent-
zündliche Schwellung der Nervenscheide) handeln und nur die Ver-
schiedenheit des Sitzes derselben bedingt die verschiedene Schwere
des Falles. Aus einer Zusammenstellung von 35 brauchbaren Fällen
von rheumatischer Faoialislähmung , die ich gemacht habe (Arch. f.
klin. Med. XV. S. 49) geht unzweifelhaft hervor , dass in der Aber-
grossen Mehrzahl der Fälle die rheumatische Läsion im Stamm des
Facialis unterhalb des Abgangs der Chorda localisirt ist und dass
sie sich nur in wenigen Fällen höher hinauf erstreckt. Also un-
mittelbar am Ausgang des Ganalis Fallopiae, entweder innerhalb oder
ausserhalb desselben, haben wir in den meisten Fällen die rheuma-
tische Affection zu suchen. BetrifiFt dieselbe den Stamm des Nerven
ausserhalb des Gim. Fallop., so wird nur die Motilität beeinträchtigt,
aber die Gompression ist nicht enei^isch genug, um völlige Degene-
ration des Nerven herbeizuftlhren ; ist der Nerv innerhalb des Can.
Fallop. befallen, so ist wegen der Raumbeschränkung schon bei
massiger Schwellung eine energische Gompression des Nerven un-
vermeidlich , derselbe verfällt der Degeneration , und wir haben es
mit einer schweren Form der Lähmung zu thun. Es ist klar, dasB
die verschiedene Intensität und Dauer des entzündlichen oder
„ rheumatischen " Processes modificirend auf dieses nur im Allgemeinen
gültige Verhalten einwirken kann. Andererseits iilrird eine gr(i6sere
Facialisl&hmang. Aetiologie. 463
oder geringere Ausbreitmig der Stöning läng» des Nerven innerhalb
des Fallopisehen Kanals wieder ganz bestimmte Verschiedenheiten
in dem Symptomenbild hervorbringen müssen, die ftlr die Localdia-
,gii08e verwerthet werden können.
Gewöhnlich denkt man sich, wie hei allen rheomatischen Affec-
tionen, auch die rhenmatische Läsion des Facialis auf reflectorischem
Wege von der äareh den Kältereiz getroffenen #Haut aus entstanden.
Allein die notorisch häufigste Localisation dieser Läsion am untersten,
dicht anterhalb des äusseren Gehörganges liegenden Abschnitte des
Nervenstammes gibt zu erwägen, oh nicht dieser relativ oberflächliche
(bekanntlich der elektrischen Reizung direct hier zugängliche) Theil des
Facialis direct von dem Kältereiz getroffen sein könnte. Es ist eine
recht plausible Vorstellung, zu denken, dass der notorisch fast immer
durch directe Kälteeinwirkung auf die betreffende Gesichtshälfte ent-
stehende Krankbeitsvorgang regelmässig an der in der Fossa mastoidea
gelegenen Partie des Nerven einsetzt und sich von hier je nach In-
tensität und Daner der „ rheumatischen ^ Schädlichkeit bald mehr bald
weniger weit gegen den Canalis Fallop. und in diesen hinein fortsetzt
und so die verschiedenen Formen und Varietäten der rheumatischen
Gesichtslähmung hervorbringt. Wenn nur ein günstiger Zufall einmal
genaue anatomische Untersuchung solcher Fälle gestattete!
Traumatische Einwirkungen sind eine nicht seltene Ver-
anlajBSung von Gesichtslähmungen: nach einer tttchtigen Ohrfeige
(Hirsch) y durch den Stoss eines Ochsen, dessen Hom in der Ohr-
gegend eindrang (Bell), durch die verschiedenartigsten Verletzungen,
Schusswanden, Schädelbrtlche , Fracturen des Felsenbeins, in das
innere Ohr eindringende Waffen u. s. w. hat man Facialisparalyse
entstehen sehen ; sehr gewöhnlich ist dieselbe bei ohimi^chen Ope-
rationen im Gesicht und in der Obliegend, besonders bei Parotis-
exstirpationen u. dgl., endlich ist bei mit der Zange entwickelten
Neugeborenen manchmal Facialparalyse durch Zangendruck vor-
handen (Landouzy, Oslander).
Gompression des Nerven oder einzelner Zweige durch Affec-
tionen der Parotis und anderer benachbarter Theile kann Lähmung
des Facialis bewirken; so Abscesse, Phlegmonen, Tumoren bildung
in der Parotis; geschwollene Lymphdrüsen hinter dem Unterkiefer-
ftst; tie%reifende Ulcerationen und Narben, z. B. nach scropholösen
Drttoen Vereiterungen.
Sehr mannichÜEtch sind die causalen Beziehungen, welche zwi-
schen Ohrenkrankheiten und Fadalislähmung bestehen. Craig
will durch AnhäuAmg verhärteten Cemmens im Geh((rgang eine
solche Lähmung bedingt gesehen haben und sah sie nach Entfernung
desselben heilen. Am häufigsten ist jedenfalls die eitrige Otitis in-
464 Erb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nenr^.
tema mit begleitender Caries des Felsenbeins Ursache von Gesichts-
lähmung: das ist in zahllosen Fällen beobachtet worden und erklärt
sich theils durch eitrige Erweichung und Zerstörung des Facialis-
Stammes, theils durch eine secundäre comprimirende Neuritis, welche
durch den cariösen Process innerhalb des Ganal. Fall, ange&cht
wird. Die grosse Ausdehnung, in welcher der Facialis der Pauken-
höhle unmittelbar Anliegt, lässt die Häufigkeit dieses Zusammen-
hanges erklärlich erscheinen. — Ebenso leicht verständlich ist es,
dass Knochengeschwtllste und Neubildungen aller Art, die Tom
innem Ohr ausgehen, gelegentlich den Facialis comprimiren und
lähmen. — Weniger sichergestellt ist der, wie es scheint, unzweifel-
hafte Zusammenhang von einfachem und eitrigem Katarrh des Itittel-
ohres mit Gesichtslähmung. Tillmanns vertritt mit vielem Eifer
die auch von anderen Autoren (Wilde, Deleau, v. Tröltsch u. A.)
schon angedeutete Ansicht, dass sehr häufig katarrhalische Erkran-
kungen des Mittelohres sich auf den Faciidis fortpflanzen und so
Lähmung verursachen, und glaubt, dass viele Fälle, die gewöhnlich
als rheumatische bezeichnet werden, durch das Mittelglied eines
Mittelohrkatarrhs zu Stande kommen. Die Möglichkeit eines solchen
Zusammenhanges wird durch die Nähe des Nerven, der nur dnrch
eine ganz dtlnne Knochenlamelle oder stellenweise nur durch fibröses
Gewebe von der Paukenhöhlenschleimhaut getrennt ist, und der
ausserdem 2 Zweige in die Paukenhöhle sendet und mit ihr eine
gemeinschaftliche ernährend^ Arterie besitzt, sowie endlich dnrch
Vorftlhrung einer Reihe von Fällen zu erweisen gesucht. Der Ver-
lauf dieser Fälle, die vorausgehenden und begleitenden Gehörs-
störungen, sowie der objective Ohrbefund werden solche Fälle von
den einfach rheumatischen unterscheiden lassen.
Eine nicht seltene Ursache von Faciallähmungen ist die Sy-
philis, deren an der Schädelbasis, im Felsenbein, oder im Gehirn
selbst auftretende Producte (Gummata, Periostitis, Meningitis, Exo-
stosen u. s. w.) sehr häufig den Facialis in Mitleidenschaft ziehen.
Besonders die syphilitischen Basalerkrankungen betheiligen neben
anderen Nerven sehr häufig den Facialis.
Die verschiedensten intracraniellen Processe können von
Facialisparalyse begleitet sein, und zwar kann man hier mehrere
Gruppen unterscheiden. Einmal die Basallähmungen , entstanden
durch Erkrankung oder Compression des Nerven an der Schädel-
basis (Aneurysmen, Exsudate, Tumoren aller Art); sie haben den
Charakter peripherer Lähmungen ; femer Lähmungen im Gebiete der
Facialiskeme , der Medulla und des Pons, am häufigsten bedingt
Facialislähmang, Aetiologie.' 465
durch chronisch entzUndliche Processe (progressive Bulbärparalyse,
multiple Sklerose) daselbst, oder durch Tumoren und durch kleine
apoplektische und Erweichungsherde ; ferner Lähmungen der Facialis-
fasemng in ihrem Verlaufe durch die Himschenkel, längs der Gen-
tralganglien und im Stabkranz; hierher gehören die so häufigen
apoplektischen und ischämischen Lähmungen, meist verbunden mit
mehr oder weniger verbreiteter Hemiplegie, selten ganz isolirt und
auf den Facialis beschränkt (Duplay); endlich Lähmungen durch
Erkrankung der motorischen Gentren in der Hirnrinde bei den ver-
schiedenartigsten Rindenaffectionen: Abscessen, Tumoren, diffusen
Entzündungen u. s. w. Hierher gehört der mehrfach citirte Fall von
Hitzig (Arch. f. Psych. HL S. 231: Facialisparese bei Abscess im
anderseitigen Klappdeckel), auch wahrscheinlich ein Fall von L e a r e d
(Lancet 1 869. March 6 : Lähmung des rechten Facialis und Abducens
in Folge eines mehrere Wochen nach einem Schlag auf das linke
Scheitelbein entstandenen Himabscesses) ; hierher wohl auch die
Paresen im Facialisgebiet , welche nicht selten bei diffusen Rinden-
affectionen, bei Dementia paralytica u. dgl. zu beobachten sind und
sich besonders beim Zeigen der Zähne und ähnlichen Bewegungen
verrathen.
Bei spinalen Affectionen sind Facialislähmungen selten,
kommen jedoch vor, sobald sich der Process bis herauf in die Höhe
der Rautengrube, zum Facialiskem verbreitet ; das ist manchmal der
Fall bei der Paralysis ascend. acuta, und bei Tabes dorsalis besteht
manchmal Gesichtslähmung neben partieller Oculomotoriuslähmung,
Sehnervenatrophie u. dgl. Hie und da werden Facialislähmungen
nach acuten Krankheiten (Typhus, Scharlach, Blattern, Diphthe-
ritis u. s. w.) beobachtet. — Auch nach schweren Gemtithsbewegungen,
heftigem Schreck will man sie haben entstehen sehen.
Symptome. Häufig geschieht es, dass die Erscheinungen der
Gesichtslähmung ganz plötzlich sich entwickeln, dass die Kranken
am Morgen mit derselben erwachen, oder sie bei einem Blick in den
Spiegel zufällig entdecken oder erst von ihrer Umgebung darauf
aufmerksam gemacht werden. Seltener ist eine ganz allmälige Ent-
wicklung, ein Weiterschreiten von Ast zu Ast, ein allmäliger Ueber-
gang der leichtesten Parese zu völliger Paralyse. Manchmal werden
Stunden oder Tage lang Vorboten beobachtet: Schmerzen in der
Ohrgegend und der betreffenden Gesichtshälfte oder im Ohre selbst,
subjective Geiüusche im Ohr, Schwerhörigkeit, in manchen Fällen
auch perverse Geschmacksempfindungen (metallischer, saurer, sttss-
lieber, kühlender Geschmack) auf der betreffenden Zungenhälfte;
Handbaoh d. tpec. Pathologie n. Therapie. Bd. XII. 1. 2.Aafl. 30
466 Ebb, Krankheiten der peripheren-eerebrospinalen Nerven.
und auch dann geschieht es, dass mehr oder weniger plötzlich die
Eracheinongen der Fadalislähmung eintreten.
Dieselben sind im höchsten Grade auffallend und besonders bei
completer einseitiger Lähmung sofort in höchst charakteristischer
Weise in die Augen springend. Die gelähmte Gesichtshälfte erscheint
glatt, schlaff, ausdruckslos, ohne Falten, Runzeln oder GrUbcheo,
„wie glatt gebügeÜ.'^ Das Auge steht auffidlend weit offen und
Üiränt ; der Mundwinkel hängt etwas herab , ist leicht geöffnet nnd
lässt Speichel ausfliessen; der ganze Mund ist schief nach der ge-
sunden Seite gezogen, ebenso die Nasenspitze nach der gesondmi
Seite gezerrt. Jede Anregung zu mimischen Bewegungen lässt das
Bild noch weit aufiailender erscheinen : bloss die gesunde Seite wird
dabei in Action gesetzt; die Kranken lachen, weinen, sprechen,
zttmen nur mit der gesunden Seite, die kranke bleibt bei alledem
unbewegt; das Gesicht wird in der auffälligsten Weise yerzerrt,
weil die gelähmten Muskeln dem Zuge der gesunden folgen, nnd
je mehr die Kranken ihren Willen anstrengen, um die auf&Uenden
Grimassen zu vermeiden, um so stärker treten dieselben hervor.
Alle willkürlichen Bewegungen der vom Facialis belebten Muskeln
sind unmöglich: Stimrunzeln, Zusammenziehen der Augenbrauen ist
unausführbar; das Auge kann nicht willkürlich geschlossen werden,
die Lidspidte bleibt weit offen (Lagophthalmns), das untere Augenlid
hängt nicht selten schlaff vom Auge ab und kann schliesslich ektro-
pisch werden ; beim Versuch zum Lidschluss sinkt das obere Angeolid
vermöge seiner Schwere, und weil der Levator erschlafft wird, etwas
herab, der Bulbus wird nach innen und oben oder nach ansseu nnd
oben gerollt, und dadurch die Pupille hinter das obere Angenlid
gebracht; die lidspalte bleibt aber dabei weit offen (und zwar bei
peripheren Lähmungen auch im Schlafe; das ist ein wichtiger Unter-
schied von cerebralen FadaUslähmungen , bei welchen die Zweige
ftlr den Orbicularis palpebrarum nicht mitgelähmt sind). Diese Un*
fähigkeit zum Lidschlusse und besonders die gleichzeitige Lähmong
des Homer'schen Muskels hindert den Abfluss der Ttu^en in die
Thränenkanäle , dieselben fliessen beständig über die Waage herab
(Epiphora); der mangelnde Lidschlag macht die Entfernung von
Staubtheilchen u. dgl. aus dem Auge unmö^ch; diese und der
Beiz der Luft auf das beständig geöffnete Auge bedhigen HyperäBie
der Conjunctiva, die sich i»s zur katarrhaliBchen Entzündung der-
selben steigern kann und nicht selten von Entzündung [und Ufcm-
tion der Cornea und Trübung dea Sehvermögens be^ditet ist
Die Kranke haben die Fähigkeit verloren, die Nase anf der
Facialhl&hmang. Symptomatologie. 467
kranken Seite zn rümpfen, die Oberlippe zn heben, zu lachen, den
Mundwinkel nach der Seite zu ziehen; der Mond kann nicht ge-
spitzt werden, weil die gelähmte Seite zurückbleibt. Pfeifen ist an-
möglich, beim Versncb die Wangen aufzublasen, entweicht die Luft,
beim Versuch zn trinken die Flüssigkeit aui der gelähmten Seite.
Die Sprache ist undeutlich, weil die Lippenlaute schlecht gebildet
werden, und die zum Sprechen nOthigen Bewegungen der Wange
fehlen. — Die zum Kauen unerlässlichen Httlfsbewegnngen der Wange
sind unmöglich, und das Kauen wird erschwert, weil die Bissen
häufig zwischen den Zähnen heraus gegen die Wange hin fallen und
dann mit den Fingern wieder hereingeholt werden müssen. Auch
die äusseren Ohrmuskeln werden unbeweglich, doch wird man nur
bei wenigen Menschen den Ausfall ihrer Function mit Sicherheit
und Leichtigkeit constatiren können. Ebenso wird man nur selten
m der Lage sein, die gleichzeitige Lähmung des Platysma, des
hintern Bauchs des Biventer mandibulae und die des Stylohyoideus
zu constatiren.
Eine besondere Aufmerksamkeit verdienen jedoch verschiedene
weitere Symptome, die theils von dem Befallensein höher oben ab-
gehender Zweige des Facialis, theils von einer Mitbetheilignng ver-
schiedener dem Nerven benachbarter Gebilde herrühren ; Symptome,
welche nur in bestimmten Fällen vorhanden und für deren Diagnose
und Beurtheilung von hervorragender Wichtigkeit sind. Wir müssen
dieselben etwas genauer betrachten.
Verhalten des Gaumensegels und Zäpfchens. In einer
Beihe von Fällen wird eine Betheiligung des Ganmensegels an der
Lähmung beobachtet: dasselbe hängt auf der gelähmten Seite schlaff
herab, steht tiefer als ani der gesunden Seite, zeigt beim Phonirea
und auf Reflexreize eine entschieden verminderte Action, so dass
eine Verziehung des Gaumensegels nach der gesunden Seite eintritt f
manchmal sind selbst Schlingbeschwerden vorhanden, die Sprache
ist näselnd und beim Trinken entweicht Flüssigkeit durch das Nasen-
loch der gdähmten Seite; nicht selten wird dabei die Uvula schief
stehend gefunden und zwar mit ihrer Spitze bald nach der gesun-
den, bald nach der gelähmten Seite gerichtet Trotz aller Unter-
sschungen, und Debatten über diese Erscheinungen sind dieselben
Boeh nicht bis in alle Details erklärt. Bekanntlich gehen vom Knie
des Facialis motorische Fasern durch den Nerv, petros. superfi&
na^r zum Gangl. sphenopalatinum und von diesem zum Gaumen-
segel ; hier dienen sie der Innervation einzelner Gaumensegelmuskeln
(vorwiegend des Levator veli palatini, wahrscheinlich aber noch an-
30*
468 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinaleii Nerven.
derer). Liegt nun die Lähmungsarsache oberhalb des Gangl. genicoü,
so werden die Gaumensegelfasem von derselben mitbetroffen und
gelähmt. Aas der vorwiegenden Betheiligang des Leyator y. p. er-
klärt sich die besonders von Sanders betonte vorwiegend verticale
Verschiebang des Gaamensegels leicht Schwieriger ist die abnorme
Stellang der Uvala za erklären , weil dieselbe bald nach der ge-
lähmten, bald nach der gesanden Seite hin devürt Die Deviation
nach der gesanden Seite hin würde sich darch überwiegenden Zog
der gesanden Maskeln leicht erklären; die Deviation nach der ge-
lähmten Seite sacht Sanders aaf das Uebergewicht des (nicht ge-
lähmten) Pharyngopalatinas zarttckzuführen, welcher darch die LUi-
mang des Levator seinen Antagonisten verloren hat Uebrigens ist
bei der mannichfachen Verflechtang der Maskelfasem im Gaomensegd
und bei der Versorgung derselben von den verschiedensten Nerven-
bahnen aas mit Sicherheit za erwarten, dass hier grosse individuelle
Verschiedenheiten vorkommen, die ihren Ausdruck in den differiren-
den Stellungen der Uvula finden. Da überdiess SchiefetelluDg^
der Uvula nach der einen oder andern Seite auch bei gesanden
Personen überaus gewöhnlich sind, ist auf dies Symptom allein nnr
sehr wenig Werth zu legen und muss man sich gewöhnen, nur die
Parese des Gaumensegels selbst und seine Deviation beim Phoniren
u. 8. w. als Beweis für ein Befallensein des Petros. superfic. maj. zu
betrachten.
Verhalten des Geschmacks und der Speichelsecre-
tion. Dasselbe bietet nicht selten interessante und diagnostisch
wichtige Anomalien. Bekanntlich ist die vom Facialis im Canal.
Fallop. tief unten abgehende Chorda tympani die Hauptvermittlerin
des Geschmacks auf der vorderen Zungenhälfte und der Haupt-
secretionsnerv ftlr mehrere Speicheldrüsen. Wir haben oben bei den
Geschmacksneurosen (S. 221 ff.) ausführlich zu begründen gesucht,
dass die Geschmacksfasern der Chorda den N. facial. nur auf einem
Theil seines Weges begleiten und ihn in der Höhe des Gangl. geniculi
— wahrscheinlich mit dem N. petros. superf. major — wieder ver-
lassen. Betrifft also die Lähmungsursache den Facialis an irgend
einer Stelle vom Gangl. geniculi bis zur Abgangsstelle der Chorda
hin, so werden Geschmacksstörungen eintreten; dieselben werden
fehlen bei Läsionen des Nerven an der Schädelbasis oder unterhalb
des Abganges der Chorda. Die Erfahrung bestätigt diese Schlüsse
in hinreichender Weise. — Zunächst wird in manchen Fällen (Boux,
Bazire u. A.) ein subjectiver „ metallischer % oder „säuerlicher*,
oder ähnlicher Geschmack auf der gleichseitigen vordem Zangen-
Facialislähmung. Symptomatologie. 469
hälfte angegeben, der manchmal dem Entstehen der Lähmung schon
Yoransgeht; bei genauerer Prüfung erkennt man dann meist, dass
der Geschmack auf den vordem Zweidritteln der der gelähmten Seite
angehörigen Znngenhälfte völlig aufgehoben oder doch erheblich ver-
langsamt ist (besonders deutlich für saure, stlsse und salzige Sachen).
Da die andere Hälfte der Zungenspitze und beide Seiten des Zungen-
gmndes ihre Geschmacksempfindlichkeit vollkommen bewahren, ent-
geht den Kranken häufig diese Störung, und sie wird nur bei
genauerer Untersuchung gefunden. Ob die Chorda auch sensible
Fasern fbr die Zunge führt, und ihre Lähmung also auch eine
Sensibilitätsabnahme in der Zungenspitze bedingt, ist mindestens
noch zweifelhaft. Ich habe bisher in reinen Fällen neben der Ge-
schmacksläbmung immer vollkommen intacte Sensibilität der Zunge
gefunden. Dagegen sah Bernhardt in zwei Fällen Verlust der
Tastempfindung neben der Geschmackslähmung; dasselbe haben
schon frühere Autoren beobachtet; es scheint aber nicht die Regel
zusein').
Weniger sicher und weniger leicht zu constatiren ist die Ver-
minderung der Speichelsecretion auf der gelähmten Seite,
doch ist dieselbe wiederholt (zuerst zon Fr. Arnold (1838), später
auch von Romberg u. A.) constatirt worden, und man kann nicht
selten von den Kranken Klagen über abnorme Trockenheit der be-
treffenden Mundseite, „dass ihnen das Wasser auf dieser Seite des
Mundes nicht zusammenfliesse'', hören. Die Speichelsecretionsfasßrn
verlassen den Facialis theils mit der Chorda, theils auf dem Wege
des Petrosus superfic. minor; sie scheinen in dem Stamm des Facialis
vom Gehirn herzukommen, wenigstens hält Wachsmuth die
Trockenheit der Mundhöhle für ein bei Lähmungen oberhalb des
Gktngl. genicul. regelmässig vorkommendes Symptom.
Störungen des Gehörs kommen bei Faciallähmungen unge-
mein häufig vor, stehen aber in den einzelnen Fällen in einem sehr
verschiedenen Zusammenhang mit der Lähmung. Ganz abgesehen
von den rein zufälligen Complicationen der so häufigen Facialis-
lähmung mit den noch häufigeren Ohrleiden kann ein Gausalzu-
sammenhang zwischen Faciallähmung und Gehörstörungen etwa in
folgender Weise vorkommen. 1. Es handelt sich um Erkrankungen
des mittleren Ohres und der angrenzenden Theile des Felsenbeines,
I) In zwei während des Druckes zu meiner Beobachtung gelangten P'ällen
von Chordalähmung constatirte ich nun ebenfalls neben der Geschmacksstörung
eine leichte YerminderuDg der Tastempfindung an der Zunge.
470 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
welche entweder auf derselben Schädlichkeit beruhen, wie die
Facialislähmung, also Coeffeet derselben Ursache (Tranma, Erkäl-
tung u. s. w.) sind, oder von welchen ans sich der krankhafte Prooeai
auf den Nerven fortgeleitet hat. In diesen Fällen wird man neben
Schwerhörigkeit, subjectiven Geräuschen auch die objectiven 2^ich^
der betreffenden Erkrankungen: Exsudat in der Paukenhöhle, Per-
foration des Trommelfelles, eitrigen Ohrenfluss, manchmal galya-
nische Hyperästhesie des Acusticus u. dgl. nachweisen könneo.
2. Neben der Facialislähmung besteht eine ähnliche Affeetion des
N. acusticus, der an der Schädelbasis und im.Meat. audit. intern,
ja den Schädlichkeiten, welche den Facialis treffen, nicht leicht wird
völlig entgehen können. Hier wird, während die Untersuchung das
mittlere Ohr intact erweist, Schwerhörigkeit oder Taubheit, es wer-
den subjective Geräusche und gelegentlich abnorme galvanische Er-
regbarkeitsverhältnisse des Acusticus vorhanden sein können. 3. End-
lich kann aber auch die Lähmung des Facialis bei völligem Fehlen
der bisher genannten Veränderungen au und für sich schon Störungen
der Gehörfimction bedingen, die in neuester Zeit in befriedigender
Weise aufgeklärt sind. Roux hat zuerst an sich selbst eine lästige
Empfindung im Ohr bei heftigen Geräuschen wahrgenommen; dann
hat Wolff die bei Facialislähmungen auftretende „Oxyokoia" be-
schrieben und zu erklären gesucht; bekannter ist dieses Phänomen
durch Landouzy 's Arbeit geworden und ist seitdem von verschie-
denen Seiten constatirt und zuletzt von Lucae und Hitzig zum
Gegenstand besonderer Mittbeilungen gemacht worden. Es kann
nach den Untersuchungen des Ersteren (Berl. kl. Woch. 1874 No. 14.
16. 17.) nicht wohl mehr zweifelhaft sein, dass die bei FaciaUs-
lähmung vorhandene Hyperacusis (als abnorme Feinhörigkeit fttr
alle musikalischen Töne, speciell als abnorme Tiefhörigkeit sieb
äussernd, manchmal mit einem hohen subjectiven Geräusch verbun-
den) auf Lähmung des M. stapedius und daraus resultirendes Uebec-
gewicht des Tensor tympani zurückgefährt werden muss. Wenn
also dieses Symptom der Feüihörigkeit vorhanden ist, sind wir zur
Annahme berechtigt, dass die Läsion am Facialis oberhalb der Ab-
gangsstelle des Aestchens fttr den M. stapedius ihren Sitz hat
Störungen des Geruchsvermögens auf der gelähmten
Seite werden nicht gerade selten beobachtet, stehen jedoch mit der
Facialislähmung nur in einem ganz indirecten, und zwar zweifachen
Zusammenhang. Einerseits wird wegen des ungenügenden Thiiüien-
abflusses eine abnorme Trockenheit der betreffenden Nasenseite her-
vorgebracht, die das ^eruchsvermögen beeinträchtigt; andererseits
FacialislähmuDg. Symptomatologie. 471
wird durch die Lähmimg der den Nasenflügel bewegenden Muskeln
(Levator alae nasi und Compressor narium) der leichte Zutritt der
Luft zu dem Biechkanal der Nase unmöglich gemacht, in der Weise,
wie wir es oben bei Besprechung der Anosmie (s. o. S. 239 ff.) be-
reits auseinandergesetzt haben.
Das Verhalten der Zunge scheint in allen uncompliclrten
Fällen für die genauere Untersuchung vollkommen normal zu sein;
sie wird gerade herausgestreckt und liegt gerade am Boden der
Mundhöhle. Das Ausfallen der Motilität des Digastricus und Stylo-
hyoideus scheint einen nennenswerthen Einflnss auf Stellung und Be-
wegung der Zunge nicht zu haben. Die Angaben von Schieüstand
der Zunge bei isolirter Facialislähmung scheinen demnach zum grossen
Theil auf einem leicht erklärbaren Beobachtungsfehler zu beruhen:
der gelähmte Mundwinkel wird nämlich beim Oeffiien des Mundes
nach der gesunden Seite hin verschoben und steht dadurch dem
Bande der Zunge erheblich näher als der gesunde Mundwinkel; und
dadurch kann der Anschein des Schiefetandes der Zunge entstehen.
Die Sensibilität der gelähmten Gesichtshälfte bleibt in der
Begel ganz intact, wenn nicht Complicationen mit einem Leiden des
Trigeminus bestehen. Es ist das bei der innigen Verflechtung von
Trigeminusfasem nut den Verzweigungen des Plexus anserinus immer-
hin auffallend und deutet darauf hin, dass der Sitz der Lähmung
gewöhnlich im Stamm des Facialis sich findet. Sind die peripheren
Verzweigungen betroffen, dann werden auch die entsprechenden
Sensibilitätsstörungen in der Regel nicht fehlen. Ueber das Ver-
halten der Muskelsensibilität (elektromuscul. Sensibilität) habe
ich nirgends brauchbare Angaben gefonden; dieselbe verdiente wohl
eine genauere Beachtung.
Das Verhalten der Reflexbewegungen ist in den einzelnen
Fällen ein äusserst verschiedenes; bei allen peripheren Lähmungen
mttssen dieselben in den gelähmten Muskeln völlig aufgehoben sein;
die wenigen schüchternen Versuche, von einzelnen vorhandenen
Reflexen auch bei peripheren Lähmungen zu sprechen, müssen wohl
so lange unbeachtet bleiben, als nicht ganz unzweideutige Beweise
für dieses Vorhandensein vorliegen. Von der Conjunctiva, vom Seh-
apparat, von der Gesichtshaut aus sind in solchen Fällen keinerlei
Reflexe zu erzielen. — Anders dagegen bei cerebralen, besonders
von den Hemisphären ausgehenden Lähmungen: da sind die Reflexe
vollkommen erhalten, und die Augenlider, die in keiner Weise willkür-
lich geschlossen werden können, machen Blinzbewegungen, schliessen
sieb auf Gonjunctivalreize und im Schlafe. — Auf das Vorkommen
472 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
ungewöhnlicher and besonders gekreuzter Reflexe (von der gesunden
Seite aus und yice versa) hat Benedict für die Diagnose des
Erankbeitssitzes in der Qegend der Facialiskeme grossen Werth ge-
legt; sie sind aber nur dann zu verwerthen, wenn sie mit allen
Gautelen constatirt sind, und wenn besonders bei elektrischer Beizung
die Wirkung von Stromschleifen vermieden ist. Ist diess der Fall,
so hat man das Becht, auf eine Erkrankung der grauen Substanz
in der Gegend der Facialiskeme zu schliessen.
Aehnliches, wie für die Reflexe gilt fbr die Mitbewegungen;
bei peripheren Lähmungen werden sie vollkommen ausbleiben; bei
centralen Lähmungen können sie vorhanden sein, und es wird vom
Sitze des Krankheitsherdes im Oehim abhängen, ob die dem Willens-
einfluss entzogenen Muskeln sich bei den Respirationsbewegungen,
beim Qähnen, Lachen u. dgl. in der gewöhnlichen Weise con1a*ahiren.
Es werden sich daraus gewichtige diagnostische Anhaltspunkte ergeben.
Vasomotorische Störungen werden bei Facialislähmungen
in der Regel vermisst; wenigstens ist in der äussern Haut nichts
von solchen wahrzunehmen; es findet sich sogar mehrfach erwähnt,
dass bei Gesichtslähmungen das Erröthen in der gleichen Weise ein-
trat auf der kranken, wie auf der gesunden Seite. Die Hyperämie
der Gonjunctiva ist nur eine Folge der den ungeschützten Bulbus
beständig treffenden Reize. Alles diess schliesst jedoch nicht aus,
dass in den vom Facialis versorgten Muskeln erhebliche vasomoto-
rische Störungen eintreten. Es ist diess vielmehr in hohem Grade
wahrscheinlich, weil man in vielen Fällen, nämlich bei den soge-
nannten schweren rheumatischen, bei traumatischen und Compres-
sionsparalysen des Facialis sehr gewöhnlich ausgesprochene tro-
phische Störungen eintreten sieht. Es tritt hier eine hochgradige
Atrophie der Muskeln ein, die in langwierigen und unheilbaren Fällen
zum völligen Schwund derselben ftlhren kann. Dann sieht die para-
lysirte Gesichtshälfte stark eingefallen aus, die Haut liegt platt und
papierdünn auf den Knochen , deren Conturen , viel stärker hervor-
treten, die Lippen werden dünn und schlotterig u. s. w. Auf der
äussern Haut dagegen, in der Haar- und Epidermisbildung bemerkt
man keinerlei derartige Störungen.
Von grösster Wichtigkeit in den verschiedensten Beziehungen ist
endlich das elektrische Verhalten der gelähmten Nerven
und Muskeln. Dasselbe ist am eingehendstien studirt und ver-
werthbar bei den sogenannten rheumatischen Facialispara-
lysen und verdient hier eine ganz specielle Betrachtung.
Die genaue elektrische Exploration einer grösseren Anzahl von
Faci&lisl&hmung. Symptome. Elektrisches Verhalten. 473
Fällen zeigt, dass man dieselben je nach ihrem elektrischen Verhalten
in mehrere Gruppen sondern kann, welche sich in ihrem Verlaufe
sehr verschieden gestalten. Zunächst fällt eine Gruppe von Fällen
auf, in welchen sich durchaus keine Veränderung der elek-
trischen Erregbarkeit, sowohl der faradischen, wie der galvanischen,
im Nerven sowohl, wie in den Muskeln nachweisen lässt. Die ge-
lähmten, wie die nicht gelähmten Nerven und Muskeln reagiren
quantitativ und qualitativ in genau gleicher Weise auf beide Stroroes-
arten, und diess während der ganzen Krankheitsdauer. Nur manch-
mal ist im Beginn, am 1. oder 2. Tag der Lähmung eine leichte
Steigerung der elektrischen Erregbarkeit nachzuweisen. Alle diese
Fälle zeichnen sich durch eine sehr günstige Prognose
ans: sie heilen im Laufe von 2 — 3 Wochen spontan oder bei jeder
beliebigen Behandlung. Das ist die leichte Form der rheuma-
tischen Gesichtslähmung. (Nur einmal fand Brenner in einem in
wenig Tagen heilenden Falle schon nach 2 Tagen eine geringe
Herabsetzung der faradischen und galvanischen Erregbarkeit, die
sich aber sehr bald wieder verlor.)
In einer zweiten Gruppe vereinigen sich jene rheumatischen Fa-
cialislähmungen, welche in exquisiter Weise die Summe jener quanti-
tativ-qualitativen Erregbarkeitsveränderungen nachweisen lassen, die
wir als Entartungsreaction bezeichnen. Gerade bei der Facialis-
lähmung hat man diese Anomalie der elektrischen Reaction zuerst
beobachtet (Bai er lach er), an ihr hat man sie am häufigsten und
genauesten studirt; es ist durch zahlreiche Beobachtungen jetzt hin-
reichend nachgewiesen, dass der Ablauf dieser Erregbarkeitsverände-
mngen bei der Facialisparalyse genau derselbe ist, wie bei den trau-
matischen Lähmungen, dass sie überhaupt das typische Bild der
Entartungsreaction darstellen. Wir dürfen deshalb auf die oben ge-
gebene ausführliche Darstellung (s. o. S. 399 ff.) dieser Reactionsform
verweisen; das dort Gesagte gilt auch für die Gesichtslähmungen.
Abnahme und Verlust der faradischen und galvanischen Erregbar-
keit der Nerven; Verlust der faradischen Erregbarkeit der Muskeln;
quantitative Steigerung und qualitative Veränderung der galvanischen
Erregbarkeit der Muskeln, Steigerung ihrer mechanischen Erregbar-
keit — das sind die Hauptzüge des Bildes, das wir hier nicht mehr
in seinen Details zu schildern brauchen. Es soll nur nochmals hier
betont werden, dass je nach dem Stadium, in welchem sich die Läh-
mung befindet, je nach der mehr oder weniger weit vorgeschrittenen
Wiederherstellung u. dgl. das Bild, welches die elektrische Explo-
ration liefert, verschieden sein kann; man wird sich aber mit den
474 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinaien Nenren.
an obiger Stelle gegebenen Auseinandersetzungen leicht zarecht finden
können. Dass auch hier die oben (S. 384) geschilderten histologiBchen
Veränderungen an Nerven und Muskeln der Entartungsreaction zu
Grunde liegen, kann nicht im mindesten zweifelhaft sein ; doch wären
specielle Untersuchungen darüber erwünscht. — Diese zweite Gruppe
hat nun eine wesentlich ungünstigere Prognose; man muss
in fast allen Fällen auf eine ziemlich lange Dauer des Leidens —
von 2 — 4 — 6 Monaten und selbst mehr — rechnen, und es gehört
jedenfalls zu den Ausnahmen, dass Brenner einen Fall mit aus-
gesprochener Entartungsreaction schon in 6 Wochen hat nahezu zur
Heilung gelangen sehen. Häufig kann man noch nach Jahren die
Spuren der vorausgegangenen Lähmung in einer gewissen Steifi^eit
der Bewegungen, leichten Gontracturen und Muskelzuckungen er-
kennen. Das ist die schwere Form der rheumatischen Gesichts-
lähmung. Sie beruht wohl ausschliesslich auf der grösseren Intensität
der Läsion am Facialis und steht in keiner constanten Beziehung
zum Lebensalter oder gar zum früheren oder späteren Beginn der
elektrischen Behandlung.
Meine Beobachtungen lehren mich nun, dass eine völlig scharfe
Trennung dieser beiden Gruppen in der Natur nicht existirt, sondern
dass es Uebergänge zwischen beiden gibt, die ich als Mittel formen
bezeichnen will und über welche ich 1. c. ausführliche Mittheilungen
gemacht habe; auch Bernhardt hat einen hierher gehörigen Fall
veröfi^entlicht. Bei dieser Mittelform kommt die Ekitartungsreaction
nicht zur vollen Ausbildung, sondern sie gestaltet sich in der oben
auf S. 409 schon geschilderten Weise. Dem entsprechend gestaltet
sich auch die Prognose dieser Mittelformen (deren ich bisher
6 unter ca. 36 Fällen von Facialisläbmung beobachtet habe) relativ
günstig: sie heilen in 4—6 Wochen, und häufig ist bei ihnen die
Motilität schon wieder völlig hergestellt zu einer Zeit, wo die Erreg-
barkeitsveränderungen noch in voller Ausbildung vorhanden dnd.
Das Charakteristische für diese Form ist, dass die faradisohe und
galvanische Erregbarkeit des Nerven nicht völlig erlischt, sondern
nur in geringem Grade sinkt, während in den Muskeln — die vom
Nerven aus immer in der gesetzmässigen Weise erregbar bleiben —
sich die Steigerung und qualitative Aenderung der galvanischen Er-
regbarkeit nebst der Steigerung der mechanischen Erregbarkeit in
der exquisitesten Weise ausbildet. Schon am Ende der ersten Woche
kann man dieses einfache Sinken der Erregbarkeit des Nerven (aller-
dings meist nur bei exacter und sorgfältiger Untersuchung) be-
merken, theils daran, dass die Minimalzuckungen auf der gelähmten
Fadalisl&hmung. Symptome. Elektrisches Verhalten. 475
Seite erst bei etwas böheren Stromstäi^en auftreten, als auf der ge-
sonden, tbeils daran, dass bei der gleichen Stromstärke die Gon-
tractionen (bei faradischer und galvanischer Reizung) auf der ge-
lähmten Seite viel weniger ausgiebig sind. Ein weiteres Sinken tritt
aber nicht ein, sondern mit der gewöhnlich bald sich wieder ein-
stellenden Motilität kehrt auch die elektrische Erregbarkeit der Nerven
aUmälig zur Norm zurück. Unterdessen hat sich in den Muskeln
im Laufe der 2., seltener erst der 3. Woche die bereits erwähnte
Veränderung in deutlichster Weise ausgebildet und dieselben zeigen
dann bei directer und indirecter Reizung ein sehr verschiedenes Ver^
halten: bei directer Reizung ist ihre Zuckung träge, langgezogen,
AnSZ grösser als KaSZ ; bei indirecter Reizung ist die Zuckung kurz,
blitzähnlich und EaSZ grösser als AnSZ. Kommt dazu noch die früh-
zeitige Wiederkehr der Motilität, neben welcher diese partielle Ent-
artungsreaction der Muskeln wochenlang fortbestehen kann, so er-
langen die Erscheinungen noch erhöhtes Interesse. Für den Prak-
tiker ist die prognostische Beurtheilung derselben jedenfalls die
Hauptsache. In wissenschaftlicher Beziehung ist der Nachweis be-
merkenswerth, dass die charakteristische Veränderung in den Muskeln
eintreten kann, auch wenn die Nerven nicht völlig degenerirt sind.
Eine Erklärung des interessanten Phänomens zu geben, halten wir
noch nicht an der Zeit.*)
Bei den traumatischen Facialislähmungen, wie sie
durch chirurgische Operationen, Schussverletzungen, Felsenbeinfrac-
turen u. dgl. berbeigeftihrt werden, tritt die Entartungsreaction in
typischer Weise ein. Dasselbe ist der Fall bei allen hinreichend
schweren Compressionslähmungen, wie sie durch Basaltumo- ^
ren, Caries des Felsenbeins, Neuritis u. dgl. hervorgerufen werden.
Ist die Compression des Nerven nur eine massige, so kann die elek-
trische Erregbarkeit vollkommen normal bleiben. Brenner fand
bei einer lühmung in Folge eitriger Paukenhöhlenaffection und bei
einer andern in Folge einer eiternden Parotisgeschwulst eine leb-
hafte und gleichmässige Steigerung der faradischen und galvanischen
Erregbarkeit der Nerven und Muskeln.
Bei Lähmungen durch Affectionen in der Gegend derFa-
cialiskerne, z. B. bei der progressiven Bulbärparalyse, tritt nach
leerem Bestehen eine einfache und massige Verminderung der
elektrischen Erregbarkeit in Nerv und Muskeln ein.
1) Man yergl. darüber unsere Bemerknngen im Deutsch. Arch. f. klin. Med.
XV. S. 20 und in einem Aufsatz „üeber BleilKhmung** im Arch. f. Psych, u. Ner-
▼enkrankh. Bd. V. S. 454.
476 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Wenn behauptet wird (M. Rosenthal), dass bei Ponsaffec-
tionen die Entartangsreaction im Bereich des gelähmten Facialis
eintrete ; so gilt dies wohl nur für die Fälle, in welchen Tmnoren
dieser Gegend den Nerven an der Schädelbasis comprimiren, also
eigentlich eine periphere Lähmung desselben bedingen.
Bei Lähmungen oberhalb des Pons, also bei rein cerebralen,
meist apoplektischen Lähmungen fehlt gewöhnlich jede Veränderimg
der elektrischen Erregbarkeit. Manchmal lässt. sich in einem ge-
wissen Stadium der Krankheit eine geringe Erhöhung derselben oon-
statiren.
Nur einige Worte mögen hier Platz finden tlber die doppel-
seitige Gesichtslähmung, die sog. Diplegia facialis, die man
wiederholt zu einer eigenen Krankheitsform zu stempeln gesucht hat
Da ausser der Kreuzungsstelle, die im Pons liegt, unseres Wissens
kein Punkt beiden Facialisbahnen gemeinschaftlich ist, so handelt
es sich bei der Diplegia fac. in der Regel um ein mehr oder w^-
ger zuiUlliges gleichzeitiges Erkranken der beiden Bahnen an irgend
beliebigen Stellen ihres Verlaufes. Es ist klar, dass dieser Zofidl
um so leichter eintritt, je mehr sich die beiden Bahnen bei ihrer
Gonvergenz einander nähern, also an der Himbasis, in der Medalla
obl., dem Pons, um so seltener dagegen, je mehr dieselben einer-
seits nach der Peripherie, andrerseits nach der Hirnrinde zu diyer-
giren. Dem entspricht auch die aus den bisher vorliegenden Be-
obachtungen erhellende Aetiologie (s. W a c h s m u t h). Am häufigsten
findet man die Diplegia fac. bei den chronischen Bulbäraffectionen
und es bildet bekanntlich die doppelseitige partielle oder dififuse
Gesichtslähmung einen charakteristischen Zug in dem Krankheits-
bilde der progressiven Bulbärparalyse.
Demnächst flihren Affectionen des Pons (die aber im Ganzen
selten sind) leicht zur Diplegie des Gesichts theils durch Betheili-
gung der beiderseitigen Bahnen innerhalb des Pons selbst, theils da-
durch, dass der eine Facialis innerhalb der Brücke, der andere an
der Basis durch Compression (also peripher) gelähmt wird. Affi^
tionen an der Himbasis, besonders die syphilitischen, führen sehr
gewöhnlich zur Diplegie des Gesichts. Sehr selten dagegen eigent-
lich cerebrale Affectionen (ein Fall bei Romberg-Magnus) nnd
hier handelt es sich meist um zeitlich weit auseinander liegende
Aflfectionen der verschiedensten Art. — Auch p^pherisch können
beide Faciales gleichzeitig gelähmt sein, wenn auch häufig die Zeit
der Entstehung der Lähmung fttr beide weit auseinander liegt Man
Facialislähmung. Dipl^ria facialis. 477
hat doppelseitige Lähmung ans rhenmatiseben Ursacüen, durch Trau-
mata, welche beide Felsenbeine betrafen, durch doppelseitige Otitis
interna und Garies des Felsenbeins u. dgl. entstehen sehen. Es ist
endlich klar, dass auch die allerverschiedensten anderweitigen Gom-
plicationen noch möglich sind, dass zu einer apoplektiscben Proso-
poplegie sich auf der andern Seite eine rheumatische gesellen kann,
dass auf der einen Seite eine Otitis interna, auf der andern eine
Basalgeschwulst die Ursache der Lähmung sein kann u. s. w. Angesichts
dieser Thatsachen wird man sich niemals mit der blossen Gpnstati-
rong einer „ Diplegia facialis " begütigen dürfen, sondern hat in jedem
Falle die Pathogenese jeder einzelnen der beiden Facialislähmungen
festzustellen.
Die Erscheinungen der Diplegia facialis sind an und für
sich klar und entgehen einer aufmerksamen Untersudhung nicht leicht,
die Unbeweglichkeit, welche bei der Hemiplegia fac. nur auf einer
Seite vorhanden ist,*findet sich hier auf beiden Seiten, mehr oder
weniger yerbreitet, nach Lage des einzelnen Falles. Natürlich fehlt
hier die Schiefstellung des Kinns, des Mundes und der Nase; das
grimassenhafte Mienenspiel fällt weg, vielmehr imponirt das Gesicht
— besonders bei vollständiger Lähmung — durch die eigenthüm-
liche Starrheit und Ruhe, welche es unter allen Verhältnissen, bei
den tiefsten Gemüthsbewegungen bewahrt. „Die Kranken lachen
und weinen wie unter einer Maske." Auch wo das Bild so aus-
geprägt ist, wird man an dem Offenstehen und Thränen beider Augen^
an der Schwerbeweglichkeit der Lippen beim Sprechen und Lächeln,
der erschwerten Sprache, dem verhinderten Kauen, an der Unfähig-
keit zu blasen, am Ausfliessen von Speichel und Getränk, an der
näselnden Sprache und der Erschwerung des Schlüigens u. s. w. die
Krankheit leicht erkennen. Auch die übrigen Erscheinungen, Ge-
schmack- und GehOrstörungen u. dgl. wird man in geeigneten Fällen
nicht vermissen und aus den begleitenden Erscheinungen benach-
barter Nerven und Organe, aus den Resultaten der elektrischen Un-
tersuchung im Zusammenhang mit der Anamnese wird man in den
einzelnen Fällen leicht im Stande sein, die Localisation und Art der
Erkrankung in jedem der beiden Gesichtsnerven festzustellen.
Verlauf und Ausgänge. Der Verlauf der Facialislähmungen
ist je nach der Aetiologie derselben ein äusserst verschiedener.
Bei rheumatischen Lähmungen ist der Beginn meist ein
ganz plötzlicher; selten gehen Vorboten — Schmerzen im Kopf und
Gesicht, Gehörstörungen u. dgl. — voraus. Meist sind alle äusseren
478 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospfni^en Nerven.
Zweige, in einzelnen Fällen anch ein Theil der inneren befalleB.
Das anscheinend wandellose Bild einer solchen Lähmung, bei wel-
cher nur die elektrische Untersnchnng oft die unter der Decke ab-
laufenden interessanten KrankheitsYorgänge erkennen lässt, besteht
nun längere oder kürzere Zeit. In den leichten Fällen kaim sehmi
am 8. 10. oder 12. Tag die Motilität spurweise wiederkehren und
die Heilung in 2 — 3 Wochen so vollendet sein, dass nicht eine Spur
der vorausgegangenen Krankheit mehr zu erkennen ist. AehnKcb
ist es bei den Mittelformen, nur dass hier die Bttckkehr der Motili-
tät etwas später erfolgt und ihre gänzliche Wiederherstellung längere
Zeit in Anspruch nimmt. Wochenlang kann auch nachher noch eine
gewisse Steifheit der Gesichtshälfte wahi^enommen werden.
Ergibt jedoch die elektrische Untersuchung, dass die sohwere
Form vorliegt, dann erwarte man die Wiederkehr der Motilität nicht
vor dem 2. — 3. Monat; in der Regel zeigen sich die ersten Spuren
derselben erst um diese Zeit und langsam, äusserst langsam mnebt
die Beweglichkeit Fortschritte, so dass häufig noch weitere 2 bis
3 Monate vergehen, ehe die Heilung als eine leidlich vollständige
bezeichnet werden kann. Gerade in diesen Fällen stellt sich dann
im späteren Verlauf eine sehr charakteristische Reihe von Ersehei-
nungen ein, welche die Heilung verzögert und für lange Zeit, oft
für viele Jahre, dem Gesichte die Spuren des vorausgegangenen
Leidens aufdrückt. Ich meine die secnndären Gontracturen
und krampfhaften Zuckungen der Muskeln, welche neuerdings
von Hitzig in ausgezeichneter Weise beschrieben sind, obgleich sie
auch Mheren Beobachtern (Duchenne, Remak, M. Meyer,
Benedict, Erb n. A.) wohl bekannt waren. Gewöbnüch erst im
Laufe des dritten oder vierten Monats stellt sich eine leicht tosisehe
Zusammenziehung in den gelähmten Muskeln mi, meist zuerst am
Mundwmkel: die Nasolabialfalte wird wieder sichtbar und deatlich
vertieft, der gelähmte Mund?ankel etwas nach aussen und in die
Höhe gezogen und verharrt dauernd in dieser Stellung; die Wange
wird fester an die Zähne gepresst und setzt dem ausdebn^ideD
Zuge mehr Widerstand entgegen, wird steifer; weiterkm verengert
sich allmälig die Lidspalte etwas durch GonU'actur des OrbieuL
palpebr. — und es erhält dadurch die kranke Gesichtshälfte eine
höchst eigenthttmliche und charakteristische Physiognomia Es ist
fUr uns kein Zweifel, dass diese „ Muskelstarre " ihre haiqptsIbeUichsts
Ui^che in den histologischen Vorgängen in den Muskeln hat^
welche sich bei solchen Lähmungen mit Entartungsreaction finden^
und welche wir oben S. 389 ff. ausführlich geschildert bsbeo. Jeäan-
FacialislfthmuDg. Verlauf der rheumatischen Form. 479
falls ist so viel sicher, dass es sich dabei nicht am eine durch die
elektrische Behandlung herrorgebraohte „elektrische Muskelstarre"
(Bemak schiebt sie der faradischen, Duchenne der galvanischen
Behandlung zu) handelt, denn sie tritt in genau derselben Weise
auf in Fällen, die niemals elektrisch behandelt wurden.
Mit der Wiederkehr der Motilität stellen sich nun ausserdem
auch noch spontane Bewegungen in den vorher gelähmten Muskeln
ein, die anfangs als ein kaum bemerkbares Zucken um den Mund-
winkel ^ oder am Auge erscheinen, sich aber allmälig an Intensität
und Frequenz so steigern können, dass sie iUr einen Tic convulsif
massigen Grades imponiren. Diese Zuckungen sind theils ganz
spontane und treten bei absolut ruhiger Haltung der Kranken bald
hier bald dort, am häufigsten in den zum Mundwinkel gehenden
Muskeln, als ein kurzes Blitzen auf; theils sind sie als Mitbewegun-
gen aufzufassen, die bei jedem Innervationsversuch, der auf das Ge-
biet des gelähmten Nerven gerichtet ist , in sehr charakteristischer
Weise auftreten. Beim Versuch das Auge zu schliessen , wird der
gleichseitige Mundwinkel nach aussen und in die Höhe gezogen,
beim Stirnrunzeln contrahiren sich die Zygomatici, beim Versuch
den Mundwinkel nach der Seite zu ziehen, verkleinert sich die Lid-
gpalte u. s. w. Bei Innervation der Kaumuskeln oder der Armmuskeln
treten jedoch solche Mitbewegungen in der Regel nicht ein. Endlich
treten diese Zuckungen auch noch auf reflectorischem Wege ein, mit
verschiedener Leichtigkeit in den einzelnen Fällen: sowohl vom
Trigeminus aus durch Streichen, Stechen, Faradisiren der Haut, Be-
rühren der Wimpern; wie vom Opticus aus, wenn man rasch gegen
das Auge zufährt. In seltenen Fällen steigern sie sich zu sehr aus-
^ebigen klonischen und tonischen Krämpfen, die sich gelegentlich
auch auf den Facialis der andern Seite,, auf den Trigeminus und
selbst auf entferntere Nervengebiete verbreiten können. Hitzig
glaubt diese Erscheinungen auf einen abnormen Reizzustand in der
MeduUa oUongata zurtlckführen zu können , der sich auf noch un-
bekannte Weise in Folge der peripheren Facialislähmnng entwickle.
So dunkel auch diese Zustände in ihrer Pathogenese noch sein mögen^
so charakteristisch sind sie als Ausgänge schwerer rheumatischer
(und auch traumatischer und Compressions-) Paralysen des Facialis.
Sie bestehen oft sehr lange Zeit, man hat sie nach 8 und 1 3 Jahren
noch bestehen sehen, wiewohl sie auoh nach einiger Zeit wieder
vollständig verschwinden können.
Die traumatisehen Gesichtslähmungen haben in der Regel
ritten sehr langwierigen Veriauf , ähnlich wie die schweren rfaeuma-
480 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
tischen: in günstigen Fällen tritt nach 3 — 6 Monaten Heiinng ein;
häufig ist dieselbe sehr nnyollkommen ; nicht selten bleibt auch die
Lähmung für immer bestehen. — Leichte traumatische Lähmungen
können dagegen sehr rasch^ heilen ^ wie z. B. die Zungenlähmung^
der Neugebornen, welche in der Regel nach wenigen Wochen wieder
verschwinden.
Bei den Gompressionslähmungen und den anderen peri-
pheren Lähmungen (durch Otitis interna, durch Neuritis, Sjphilifl
u. s. w.) richtet sich der Verlauf einmal nach der Schwere der
Läsion im Nerven und dann nach der Art und Heilbarkeit des
Grundprocesses. Ueberall da, wo keine energische Compression des
Nerven stattfand, und wo elektrische Erregbarkeitsveränderungen
fehlen, ist ein nach dem Stande des Grundleidens mehr oder weniger
rascher Verlauf zur Heilung zu erwarten. Da, wo die Ent^utungs-
reaction degenerative Processe im Nervus nachweist, ist allemal auf
einen langwierigen Verlauf zu rechnen; auch hier kommen viele un-
heilbare Fälle vor.
Bei den central bedingten Lähmungen ist der Verlauf
ein sehr verschiedener und richtet sich ganz nach der Art und Ent-
wickelung des Grundleidens: bald plötzliches, bald allmäliges Ent-
stehen; häufig nur partielle Lähmung, indem sehr gewöhnlich die
fUr den Orbicul. palpebrar. und den Frontalis bestimmten Zweige
frei bleiben; manchmal rasche Heilung (z. B. bei leichten i^oplekti-
schen Anfällen), oder Stehenbleiben auf derselben Stufe (bei embo-
lischer Himerweichung, Tumoren u. s. w.), oder unaufhaltsames Fort-
schreiten bis zum letialen Ausgang (Bulbärparalyse, Schädelcarcinome
u. s. w.). Darüber lässt sich nicht viel Allgemeines sagen, und
würde ein Eingehen auf weitere Details tlber die uns gesteckten
Grenzen hinausgehen.
Diagnose. Die Existenz einer Facialislähmung überhaupt ist
sehr leicht festzustellen, und nur bei grosser Unaufmerksanikdt
mögen hier Irrthümer vorkommen. Einige Schwierigkeit bieten höch-
stens die ganz leichten partiellen Paresen, wie sie z. B. bei Rinden-
affectionen, im allerersten Beginn von Bulbärparalyse und dergl.
vorkommen. Hier wird man durch genaue Beobachtung der Ifimik
der Kranken, durch Prüfung feinerer und complicirter Bewegung^
z. B. des Zähnezeigens, raschen Aussprechens schwieriger Worte,
des Pfeifens von Melodien u. dgl. häufig schon sehr geringe Grade
der Functionsstörung erkennen können. Auch bei Neugebornen ist
die Gesichtslähmung nicht leicht zu erkennen, da ihr ausdru(^loses
Facialislähmung. Diagnose. Sitz der Läsion. 481
Gesiebt in der Rahe nicht erheblieh verändert erscheint: hier wird
jedoch die beim Schreien eintretende Verzerrung, es wird die Er-
schwerung des Sangens und der Lagophthalmus während des Schlafes
die Diagnose leicht richtig stellen.
Wichtiger und schwieriger dagegen ist die Diagnose der näch-
sten Ursache und des genaueren Sitzes der Lähmung; sie
erfordert genaue Untersuchung und eine möglichst umsichtige Ver-
werthung aller einzelnen Momente.
Vor allen Dingen muss man suchen, tlber den eigentlichen Sitz
der Läsion ins Klare zu kommen. Hier ist zunächst zu entschei-
den, ob man es mit einer Lähmung peripheren oder centralen Ur-
sprungs zu thun hat. Für den peripheren Sitz sprechen folgende
Umstände mit grösserer oder geringerer Bestimmtheit: Befallensein
sämmtlicher äusseren Zweige, Lagophthalmus auch im Schlafe, Feh-
len aller Reflexe, Vorhandensein der Entartungsreaction ; Atrophie der
Muskeln; Symptome von Erkrankung der dem Facialis auf seiner
peripheren Bahn benachbarten Organe (der Parotis, des innem Ohrs,
des Felsenbeins, der Nerven an der Schädelbasis u. s. w.); Nach-
weis einer evident peripheren Ursache, eines Trauma oder dergleichen ;
endlich das Fehlen aller und jeder Himsymptome und von Betheili-
gung anderer Hirnnerven. (Nattlrlich mttssen dabei besonders com-
plicirte Verhältnisse, wie z. B. Tumoren an der Schädelbasis, auch
speciell berttcksichtigt werden.) Für den centralen Sitz spricht:
bloss partielle Lähmung, indem besonders die obern Zweige im Ge-
sicht frei bleiben, das Auge im Schlafe und willktlrlich geschlossen
werden kann ; Erhaltensein der Reflexe ; erhaltene oder selbst erhöhte
elektrische Erregbarkeit ; Vorhandensein anderweitiger Himsymptome :
Schwindel, Sinnesstörungen, Hemiplegie, Zungenschwäche, Sprach-
störung, erhebliche Schlingbeschwerden u. dgl.
An dieser allgemeinen Locidisation darf man sich jedoch nicht
genügen lassen ; wir sind vielmehr jetzt durch unsere bisherigen Er-
£Eihrungen in den Stand gesetzt, sowohl in der peripheren Bahn des
Facialis, wie in seiner centralen mehrere Unterabtheilungen zu unter-
scheiden, die wir aus den vorhandenen Symptomen, mit einiger
Sicherheit voneinander trennen können. Die dazu dienlichen Anhalts-
punkte geben theils die von dem peripheren Facialis abgehenden
Aeste (der N. auricul. poster., die Chorda tympani, der Nerv, stape-
dius, der Petros. superficial, major), theils die im Centralorgan vor-
handene Juxtaposition verschiedener Nervenbahnen, die Stelle der
Kreuzung, die Art der Reflexe u. dgl. Wir wollen diese Unterab-
theilungen — natürlich mit der nöthigen Reserve — hier nur kurz
Handlmeh d. spec Pathologie «.Thenpie. Bd. XIL i. 2. Aafl. 31
482 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Skizziren und verweisen für die nähere Begründung derselben auf
unsere mehrfach citirte Arbeit im XV. Bande des Archiv f. klin.
Med., welcher wir auch die beigegebene schematische Figur der
peripheren Facialisbahn entnehmen.
1 . Ist völlige Lähmung aller Gesichtszweige vorhanden, aber der
Nerv, auricul. poster. frei geblieben, fehlen alle Reflexe, fehlen Stö-
rungen des Geschmacks, Gehörs, der Speichelsecretion und des Gau-
mensegels — dann ist der Stamm des Facialis ausserhalb
des Ganalis Fallopiae afficirt (1 — 2 der Figur 4).
Das Freibleiben des Auricul. poster. ist unter Umständen schwer
zu constatiren; auch könnte derselbe gelegentlich noch mitergriffen
sein, wenn die Läsion gerade bis zum Eingang des Canal. Fallop.
Yorschreitet. Diese Localisation ist wohl die gewöhnliche bei den
„leichten" Formen der rheumatischen Facialislähmung; die elektrische
Erregbarkeit bleibt dann intact.
2. Lähmung aller äussern Zweige einschliesslich des AuricuL
poster., keine Störung des Geschmacks, Gehörs, der Speichelsecretion
und des Gaumensegels — bedeutet Lähmung des Facialisstam-
mes innerhalb des Ganalis'~7allop. und unterhalb des
Abganges der Chorda tympani (2—3 der Fig. 4).
Diese Localisation ist wohl die gewöhnliche bei der „ schweren'
rheumatischen Facialislähmung und die Mitbetheiligung des AuricuL
post. dann an der vorhandenen Entartungsreaction auch in dessen Be-
reich leicht und sicher zu erkennnen. — BärwinkeP) glaubt ans
einer vereinzelten Beobachtung den Schluss ziehen zu dürfen, dass
der Auricul. post. auch beim Sitz der Läsion innerhalb des Felsen-
. beines nicht immer mitbetheiligt sein müsse und statuirt, dass einzelne
Fasern bei dieser Localisation gelegentlich weniger schwer getroffen
sein könnten. Ich gebe eine solche Ausnahme gern zu — Ausnahmen
bestätigen ja bekanntlich die Regel und mehr als Regeln wollen
die hier ausgesprochenen Sätze nicht sein. Aber ich muss bestreiten,
dass der Fall von Bärwinkel das beweist, was er beweisen soll.
Abgesehen von der ganz unvollständigen Untersuchung des Falles —
Nerv und Muskeln wurden nicht einmal galvanisch geprtlft! - be-
weist das in der 8. Erankheitswoche gefundene Resultat einer herab-
gesetzten faradischen Erregbarkeit im Auricul. poster. jedenfalls
nicht, dass der Nerv nicht mitbetheiligt war. Im Orbicul. palpebr.
war bereits Besserung eingetreten und jedenfalls konnte dieselbe in
dem der Läsionsstelle so viel näher liegenden Gebiete des Auric. post
ebenfalls vorhanden sein und erklärt dann das ganze Verhalten.
3. Lähmung aller äussern Zweige einschliesslich des Auricular.
poster., Störung des Geschmacks auf der entsprechenden vorderen
Zungenhälfte (Verminderung der Speichelsecretion), keine Störung des
1) Deutsch. Arch. f. klin. Med. XVI. S. 122. 1875.
Fadalisl&hmang. Diagnose. Sitz and Art der Läsion.
483
Gtehörs und des Gaumensegels bedeutet Läsion des Facialis-
stammes von der Abgangsstelle der Chorda bis zur Ab-
gangsstelle des Nerv, staped. (3—4 der Figur). Kommt eben-
liEÜls bei schwerer rheumatischer Lähmung — mit Entartungsreac-
tion — vor.
4. Lähmung aller äus-
sern Zweige, Geschmacks-
alteration (und vermin-
derte Speichelsecretion)
und abnorme Feinhö-
rigkeit, aberkeine Ano-
malie des Gaumensegels:
dann hat die Läsion ihren
Sitz vom Nerv, sta-
pedius an bis dicht
unterhalb des Gangl.
geniculi (4—5 der Fi-
gur). Jedenfalls ist die
obere Grenze der Läsion
oberhalb des Nerv, staped.
zu suchen.
Bernhardt berichtet
einen Fall, in welchem
Hyperacusis bestand
ohne gleichzeitige Ge-
schmacksalteration —
also wohl auch eine Aus-
nahme von der Regel.
Er parallelisirt dies Ver-
halten mit dem bei Läh-
mungen gemischter Ner-
ven so oft beobachteten
geringeren Befallensein
der sensiblen Fasern
gegenüber den motori-
schen. — Vielleicht dürfte man noch eher an Anomalien im Verlauf
der Geschmacksfasem denken.
5. Lähmung aller äussern Zweige, Geschmacksalteration, ver-
minderte Speichelsecretion, abnorme FeinhOrigkeit und Gaumensegel-
parese bedeuten Läsion in der Gegend des Gangl. geniculi
selbst (5—6 der Figur).
Gerade das gleichzeitige Vorkonmien von Gaumensegellähmung
und Gescbmacksstörung muss die Diagnose auf das Gangl. geniculi
31*
Flff. 4. Schematische Dantellniig des Facislisstammes Ton der
ScAftdelhttsifl bis Kum Pes »nserinns. Verschiedene Localisa-
tionen der Uhmenden L&sion - Nerr. facialis = N. £;
sticiui = N. a
Oangl. gen. = 0. g. ; Foram. stylomast. = F. st.;
N. aariool. post. = N. a. p.
484 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
richten, weil nur an dem einen Punkte die Oescbmacks- und Gramnen-
segelfasem sich innerhalb des Facialisstammes berübren.
6. Läbmnng aller äussern Zweige und Lähmung des Gau-
mensegels; abnorme FeinhOrigkeit und verminderte Speichelsecre-
tion; aber keine Geschmacksanomalie} Sitz der Läsion ober-
halb des Gangl. geniculi bis zum Eintritt des Facialis-
stammes ins Gehirn (6—7 der Figur).
Die Mitbetheiligung noch anderer Gehimnerven an der Schädel-
basis wird diese Localisation noch weiter stützen. Besonders häufig
wird ausser den Augenmuskelnerven der Acusticus mitbetroffen s^
und ist deshalb gelegentlich Schwerhörigkeit ^ Ohrensausen , abnorme
galvanische Reaction des Acusticus vorhanden. — Die elektrische Er-
regbarkeit kann sehr verschieden sein. Meist jedoch besteht Ent-
artungsreaction.
Schwieriger und unsicherer werden die Verhältnisse innerhalb
des Gehirnes.
7. Besteht vollständige Lähmung der Gesichtäste, Parese des
Gaumensegels, keine Geschmacksstörung, einfache Verminderung der
elektrischen Erregbarkeit, und sind besonders ungewöhnliche oder
gekreuzte Reflexe vorhanden, so soll man eine Läsion desFa-
cialiskerns annehmen dürfen. Sicherer wird man aber den bul-
bären Sitz der Affection an der Mitbetheiligung derjenigen Gefaim-
nerven erkennen, deren Ursprünge ebenfalls in jener Gegend zu
suchen sind (Hypoglossus , Accessorius, Vagus, Trigeminus, Abdu-
cens u. s. w.).
8. Völlige Lähmung der Gesichtszweige, Gaumensegelparese, er-
haltene Reflexe, keine Geschmack- oder Gehörstörung, normale
elektrische Erregbarkeit, gekreuzte Extremitätenlähmung (Paralyede
alteme, Gubler) lässt mit Sicherheit auf den Sitz der Läsion
im Pons schliessen. (Doch zeigen nicht alle Ponsaffectionen das
Bild der „ alternirenden ** Hemiplegie, sondern nur diejenigen, welche
unterhalb der Facialiskreuzung ihren Sitz haben. Ausserdem werden
die Erscheinungen hier häufig complicirt dadurch^ dass Ponsaffec-
tionen eine (periphere) Gompression des Nerven an der Schädelbasis
bewirken.)
9. Partielle Lähmung der Gesichtszweige, deren obere frei bleiben,
Gaumensegelparese , erhaltene Reflexe und elektrische Erregbarkeit^
gleichseitige Extremitätenlähmung lassen auf den Sitz der Läsion
oberhalb des Pons in den Hirnschenkeln und grossen
Hemisphären schliessen. Manchmal erlaubt eine mit der Fa-
Facialislähmang. Diagnose. Sitz und Art der Läsion. 485
ciaUslähmnng gekreuzte Ocalomatorioslähmaiig diesen Sitz genauer
in den Pedunculus zu verlegen.
Es bedarf wohl keines besonderen Hinweises darauf , dass man
in praxi nur selten ganz reine Beispiele fttr diese verschiedenen
Localisationen , die ttberdiess noch weiterer Bestätigung und Becti-
fidrnng durch gehäufte Erfahrungen dringend bedtlrfen, finden wird.
Jeder mit der Nervenpathologie einigermassen Vertrante weiss, wie
durch Propagation der krankhaften Vorgänge, durch mehrfache Lo-
caUsationen, durch zufälliges Nebeneinanderbestehen von Störungen,
durch eine Häuftmg von Schädlichkeiten u. dgl. so verwickelte Ver-
hältnisse entstehen können, dass sie selbst mit der grössten Umsicht
und Sachkenntniss nicht entwirrt werden können. Das muss man
immer im Auge behalten, um sich nach Möglichkeit vor Irrthtimem
in der Localdiagnose der Facialparalysen zu schützen.
Hat man sich eine bestimmte Vorstellung über den Sitz der
Läsion gebildet, dann wird die Lösung der Frage nach der Art
der vorhandenen Veränderung geringere Schwierigkeit bieten.
Dabei muss nach allgemein pathologischen Grundsätzen verfahren
werden : die vorhandenen ätiologischen und ananmestischen Momente,
die Gonaplicationen verschiedenster Art, die Ergebnisse der elektrischen
Untersuchung u. s. w. werden in der Begel einen sicheren Schluss
auf die an der Facialisbahn irgendwo vorhandene Störung erlauben
und nur selten dürfte man heutzutage wohl in der Lage sein, die
Casuistik der „essentiellen'' Paralysen um einen neuen Fall zu be-
reichem. Vielfach wird der Nachweis eines bestimmten Sitzes einen
Schluss auf die Art der Läsion gestatten , während umgekehrt nicht
selten die nachweisbare Ursache der Lähmung einen Schluss auf
den Ort der Läsion erlaubt.
Die Prognose der Gesichtslähmungen wird wesentlich durch
die zu Grunde liegende Läsion des Nerven, resp. deren Ursache
bestimmt und ergibt sich z. Th. schon aus der obigen Darstellung.
Sehr wenig kommt auf den Sitz der Läsion an; an allen möglichen
Stellen der Facialisbahn gibt es heilbare und unheilbare Lähmungen.
— Absolut ungünstig sind die Lähmungen durch Druck von unheil-
baren Geschwülsten, durch Felsenbeincaries, Schädelfracturen, Schuss-
verletzungen u. dgl. — Ebenso die durch Bulbärsklerose, Hirntumoren
u. dgL — Viel günstiger die durch Apoplexie, Himembolie u. dgl;
sie pflegen meist in wenigen Wochen wieder zu verschwinden. —
Zweifelhaft ist die Prognose der syphilitischen Lähmungen; sie sind
durchaus nicht immer heilbar, selbst mit energischen antisyphili-
tiBchen Curen. — Die Prognose bei Lähmungen durch Parotitis,
48t> Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Otitis interna u. dgl. hängt von der Heilbarkeit dieser Affectioneii
ab. — Einfache Durchschneidangen des Facialis und seiner Aeste
heilen in der Regel.
Von besonderer praktischer Wichtigkdt ist die Prognose der
rhenmatischen Facialislähmnng. Sie ist im Allgemeinen günstig,
insofern; als weitaus die meisten Fälle zur Heilang gelangen, and nor
wenige gar nicht oder doch nnr sehr anroUständig heilen. Hiofig
bleiben flir lange Zeit Contractaren und Steifheit der gelähmten Ge-
sichtshälfte, nebst krampfhaften Zuckungen derselben zurttck. Die
elektrische Untersuchung gestattet nun ziemlich frühzeitig schon eine
sehr präcise Vorhersage in Bezug auf die Dauer des Leidens. Ist
am Ende der 1. Krankheitswoche die elektrische Erregbarkeit yoU-
kommen normal (leichte Form) — dann tritt Heilung in 2 — 3
Wochen ein; ist um dieselbe Zeit die foradische und galvanische
Erregbarkeit des Nerven deutlich, aber nur wenig gesunken (Mittel-
form) - dann hat man Heilung in 4— 6 Wochen zu erwarten; ist am
Ende der ersten Woche die elektrische Erregbarkeit des Nerven
schon sehr erheblich gesunken oder ganz erloschen (schwere Form)
— dann mag man die Kranken auf eine mehrmonatliche Daaer des
Leidens vorbereiten und darf mit ziemlicher Sicherheit auf später
eintretende Contracturen rechnen. Die weiteren Erregbarkeitsände-
rungen, die sieh in den beiden letzten Fällen im Laufe der zweite
Woche einstellen, werden zur Beki^ftigung der gestellten Prognose
dienen.
Es scheint, dass die „schweren** rheumatischen Formen bei
jüngeren Individuen rascher heilen, als bei älteren; doch gibt es
auch davon Ausnahmen. Die „Mittelformen** habe ich bisher nur
bei Individuen jugendlichen oder mittleren Alters gesehen.
Es ist nach meiner Erfahrung vollkommen irrig, zu sagen, dass
„frische rheumatische Facialislähmungen immer eine günstige, ver-
altete eine ungünstige Prognose ** geben. Die Behandlung hat darauf
sehr wenig Einfluss. Leichte Fälle heilen in kurzer Zeit auch ohne
jede Behandlung; und in schwereren Fällen vermag auch eine am
ersten Tage schon instituirte sachgemässe Behandlung nicht, den
Gang der Degeneration aufzuhalten, und die Dauer der Krankheit
erheblich abzukürzen. Freilich ist es richtig, dass veraltete Fälle
eine weniger günstige Prognose geben; das rührt aber davon her,
dass die leichten Fälle niemals veralten, sondern rasch heilen, wäh-
rend die schweren Fälle immer „veralten**, wenn man sie auch
ganz frisch in Behandlung nimmt.
Therapie. Vor Allem ist die Erfüllung der Causalindication
Facialislähmang. Therapie. 487
zn erstreben: also bei cerebral bedingten Lähmungen die ent-
sprechende, hier nicht näher zu präcisirende Behandlung einzuleiten,
bei syphilitischen Lähmungen Quecksilber oder Jodkalium zu ver-
abreichen, bei Otitis interna, bei Felsenbeincaries, bei Fracturen des
Schädels die entsprechende otiatrische und chirurgische Behandlung
u. s. w. Weitaus am häufigsten wird man die verschiedenen For-
men der rheumatischen Gesichtslähmung zur Behandlung bekommen,
und hier findet sich eine grosse Divergenz der Meinungen über das
einzuschlagende causale Verfahren: auf der einen Seite gläubiges
Vertrauen auf eine Menge der gebräuchlichen Heilmittel, auf der
anderen Seite hochgradige Skepsis gegen alle behaupteten Erfolge.
Der Nachweis der leichten und schweren Formen erklärt die ver-
schiedenen Meinungen leicht. Die leichten Formen bedürfen eigent-
lich gar keiner Behandlung, sie heilen von selbst in kurzer Zeit und
können höchstens durch die Elektricität etwas rascher zum Ver-
sehwinden gebracht werden, als ohne jede Behandlung. Da man
aber in den allerersten Tagen die leichten von den schweren Formen
nicht sicher unterscheiden kann, und da eine möglichst fiUbzeitige
causale Behandlung den relativ grössten Erfolg verspricht, so wird
man dieselbe in allen ganz frisch zur Behandlung kommenden Fällen
instituiren. Ist in später (nach dem 7. Tage) zur Beobachtung
kommenden Fällen das Vorhandensein der leichten Form bereits
sicher, dann kann man die causale Behandlung sparen und sich auf
Anwendung der Elektricität beschränken.
Von der Annahme ausgehend, dass es sich bei den rheuma-
tischen Lähmungen um eine leichte exsudative Entzündung, eine Art
Neuritis facialis handelt, wird man die entsprechenden örtlichen und
allgemeinen Proceduren anwenden , die gegen rheumatische Entzün-
dungen im Gebrauch sind : man wird die Kranken ein oder mehrere
Dampf beider oder ein warmes Bad mit Nachschwitzen nehmen lassen,
man wird locale Blutentziehungen hinter dem Ohre, Vesicantien da-
selbst appliciren. Das alles kann wohl nur in den ersten Tagen
nützlich sein. Auch der galvanische Strom dürfte sich gegen die
vorausgesetzte Neuritis empfehlen, obwohl seine zweifelhaften Erfolge
bei den schweren Formen einigermassen gegen seine besondere
Wirksamkeit in dieser Richtung sprechen. Die stabile Application
der Anode auf den Proc. mastoid. der leidenden Seite (Kathode auf
der anderen Seite) wird in der ersten Zeit, später eine altemirende
Einwirkung auch der Kathode nützlich sein.
Von inneren Mitteln wird man nicht viel erwarten dürfen; Vin.
eolchic. wird nichts leisten; die anfängliche Darreichug von tüch-
488 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
tigen Gaben Jodkaliam, etwa 6—8 Tage lang, schien mir in einigen
schweren Fällen den Verlauf erheblich abzakttrzen. Doch erschwert
das Vorkommen von Mittelformen hier sehr die BeartheUnng.
Von den directen Mitteln ist die Elektricität eigenflich
das einzig empfehlenswerthe, obgleich anch sie dorchans nicht alles
leistet, was man vielfoch von ihr erwartet hat Besonders ist die
Begeistemng fttr den galvanischen Strom, welche durch die eiBten
Beobachtungen über die Entartungsreaction in vielen Gtomttthem an-
gefacht wurde, eine durchaus ttberstttrzte gewesen. Ich habe durch
eine kritische Zusammenstellung der vorliegenden Thatsachen (Arch.
f. klin. Med. V. S. 88) nachgewiesen , dass auch eine ganz frühzeitig
instituirte galvanische Behandlung nicht im Stande ist, die Dauer
der schweren rheumatischen Facialislähmungen in nennenswerther
Weise abzuktlrzen, und dass dieselben bei faradischer Behandlung
ungefähr ebenso rasch und sicher heilen, als bei der galvanischen.
Es ist also mit der vermeintlichen Superiorität des galvanisdien
Stromes über den faradischen gerade auf diesem Gebiete nicht
weit her.
Immerhin ergibt die Beobachtung, dass in den leichten Formen
der rheumatischen Lähmung sich gewöhnlich unmittelbar an jede
elektrische Behandlung eine Besserung der Motilität knüpft; dass bei
den Mittelformen ebenfalls von der elektrischen Sitzung tagtäglich
ein deutlicher, wenn auch geringerer Fortschritt in der Beweglichkeit
abzuleiten ist; dass endlich auch bei den schweren Formen zu der
Zeit, wo die Leitungsfähigkeit des Nerven wieder hergestellt ist
die Besserung in der Motilität durch das Elektrisiren deutlich be-
schleunigt wird. Man wird deshalb in allen diesen Fällen die Elek-
tridtät anwenden.
Für die Begründung der anzuwendenden Methoden verweise ich
auf das im allgemeinen Theil Gesagte. Für die leichten Formen
genügt eine täglich oder 2— 3 mal wöchentlich vorgenommene, 2—3
Minuten dauernde massige Beizung der einzelnen Fadaliszweige
mittelst des faradischen Stromes, oder der labilen Einwirkung der
Kathode (An dabei hinter dem Ohr) völlig zur Heilung. — Für die
Mittelformen ist dieselbe Behandlung angezeigt; doch kann hier die
oben erwähnte Galvanisation durch die Warzenfortsätze noch hinzu-
gefügt werden. — In den schweren Fällen wird man das Haupt-
gewicht auf dieses letztere Verfahren zu legen haben (ob auch eine
gleichzeitige Behandlung des Sympathicus am Halse die Besserung
fördern könne, wollen wir dahingestellt sein lassen), und wird über-
haupt die galvanische Behandlung zu bevorzugen sein. (Doch ist
Facialislähmung. Therapie. 489
dabei nicht zu vei^essen, dass Duchenne auch mit dem faradischen
Strom gute Eesultate erzielte.) In den ersten Wochen wird man die
periphere Behandlung der Nerrenzweige und Muskeln auf eine ein-
malige galvanische Reizung derselben per Woche beschränken kön-
nen; sobald aber die ersten Spuren der Motilität sich wieder zu
zeigen beginnen, lasse man diese periphere Reizung mehr in den
Vordergrund treten und führe sie regelmässig aus.. Besondere Be-
rücksichtigung verdient der Orbicularis palpebrarum wegen der secun-
dären Conjunctivalreizung; man vermag oft durch energisches Galva-
nisiren des Muskels den Tonus desselben etwas zu erhöhen und so
die Grösse und Häufigkeit der einwirkenden Schädlichkeiten etwas
zu mindern. — Die anzuwendenden Stromstärken richten sich nach
äer Empfindlichkeit der Kranken, der Erregbarkeit ihrer Muskeln;
gewöhnlich wird man mit 6 — 10 Stöhr. Elementen auskommen.
Wendet man den faradischen Strom an, so muss man sich von der
Empfindlichkeit der Gesichtshaut leiten lassen, da Nerven und Mus-
keln niclit auf denselben reagiren.
Ffir alle ttbrigen Formen der Facialislähmung wird die elek-
trische Behandlung nach den soeben erörterten Grundsätzen ange-
zeigt sein, sobald die Ursache derselben beseitigt ist ; in den meisten
Fällen mit unbekannter Ursache oder mit zweifelhafter Prognose
wird immerhin ein Versuch mit der Elektricität gerechtfertigt sein.
In Fällen, wo die Elektricität nichts hilft, wird man auch mit
subcutanen Strychnininjectionen , mit reizenden Einreibungen aller
Art, mit kalter und warmer Douche u. s. w. nichts ausrichten.
Gegen die secundären Ciontracturen ist nicht viel zu machen.
Heilt die Lähmung vollständig, so verschwinden sie allmälig von
selbst Fördern kann man ihr Verschwinden durch mechanische
Ausdehnung der starren Muskehi (Holzkugel unter die Wange, Ziehen
mit den Fingern u. s. w.), oder durch Faradisation der gesunden
Antagonisten und dadurch bewirkte Dehnung (Brenner), vielleicht
auch durch katalytische Einwirkung des galvanischen Stromes (Ea
stabil) auf die contracturirten Muskeln.
Die Chirurgie hat mancherlei Operationsverfahren ersonnen, um
die in unheilbaren Fällen bleibenden Entstellungen und Störungen
zu beseitigen (subcutane Durchschneidung der Antagonisten, des Le-
vator palp. super., Ectropiumoperation u. s. w.). Man wird davon
nicht viel zu erwarten haben.
490 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
d) Lähmung im Gebiete des N. accessorius WillisiL
A. Eulenburg, 1. c- S. 561. — Duchenne, Electris. local. 2. u. 3. Aufl.
— Erb, Paralyse u. Atrophie Bämmtl. vom N. access. siü. versorgt Muskeio.
Arch. f. klin. Med. lY. S. 246. 1868. ~ Seeligmüller, Lähmung des Accessor.
Willisii. Arch. f. Psych, u. Nerv. III. S. 433. l«»?!.
Dieser Nerv belebt haaptsächlich die Mm. stemocieidomasi und
eucullaris (welche ausserdem noch Zweige vom Plex. ceryical. er-
halten). Sein innerer Ast, der sich Mh mit dem Vagus vereinigt,
innervirt die Kehlkopfmusculatur, einen Theil des Graumensegels und
der Rachenmuskeln.
Actio logie. Die Ursachen dieser im Ganzen seltenen Läh-
mung können theils rheumatische sein und betreffen dann meist nur
den äusseren Ast oder einen seiner Zweige; oder es sind trauma-
tische Ursachen (Schnitt-, Hieb-, Schusswunden am ELalse u. dgL).
— Femer kann alle mögliche Art von Compression des Nerven —
durch Erkrankung der Schädelknochen, Fractur der Halswirbel,
Tumoren, Lymphdrttsensch wellung, Abscesse u. dgl., auch Neuritis
und Neurome, Lähmung der genannten Muskeln bedingen. Leube 0
sah in einem Falle von Garies der Halswirbelsäule beim staiken
Vomttberbeugen des Kopfes Erscheinungen eintreten, welche auf
Compression und Lähmung des Accessorius deuteten. Nicht selten
endlich führt progressive Atrophie dieser Muskeln, besonders der
Cucullares, schliesslich zu völliger Lähmung derselben.
Symptome. Wir haben hier nur die Erscheinungen der Läh-
mung der beiden vom Accessorius versorgten grossen Muskeln zu
schildern. Jeder derselben kann isolirt, sie können aber auch beide
gleichzeitig gelähmt sein; und wieder kann jeden oder beide eine
einseitige oder doppelseitige Lähmung befallen.
Bei einseitiger Lähmung des M. sternocleidomastoi-
deus hat der Kopf eine leicht schiefe Stellung, bedingt durch das
Uebergewicht des gesunden Muskels der anderen Seite: Das Kinn
ist nach der kranken Seite gedreht und etwas gehoben, der Kopf
kann nicht mit Leichtigkeit nach der entgegengesetzten Richtung
willkürlich gebracht werden, während passive Bewegung desselben
leicht möglich ist. Immerhin ist diese pathologische Haltung meist
nicht sehr ausgesprochen, und die Drehung des Kopfes kann noch
von anderen Muskeln besorgt werden. Charakteristischer ist des-
1) Klin. Berichte aus d. Landkrankenh. z. Jena. 1875. S. 82.
AcceBsoriuslähmung. 491
halb das AoBbleiben des aoifallenden Muskelyorspronges, wenn man
die durch den SterDOcleidomastoideus besorgteD Bewegungen bei
einigem Widerstand ausführen lässt (wenn man z. B. das Kinn mit
der Hand unterstützt und den Kranken auffordert, dasselbe stark
nach abwärts oder seitwärts zu drücken ; dann tritt der Muskelbauch
nur auf der gesunden Seite hervor; noch sicherer ist: Erheben des
Kopfes im Liegen; dabei treten die Stemocleidomastoidei sehr stark
hervor). Bei längerem Bestehen der einseitigen Lähmung kann sich
Ck>ntractur des gleichnamigen gesunden Muskels und damit dauernder
Schie&tand des Kopfes ausbilden.
Bei doppelseitiger Lähmung des Stemocleidomastoideus steht
der Kopf gerade ; es können aber die betreffenden Bewegungen; be-
sonders die Rotationen des Kopfes bei etwas erhobenem Kinn, nur
mit Mühe und mit Hülfe anderer Muskeln ausgeführt werden. Cha-
rakteristischer ist auch hier das Fehlen des prallen Hervortretens
der Muskelbäuche bei bestimmten Bewegungen. Sind die Muskeln
gleichzeitig atrophirt, so besteht zwischen Proc. mast. und Stemum
eine seichte, sonst fehlende Vertiefung, der Hals erscheint etwas
magerer.
Bei Lähmung des Gucullaris äussert sich die Difformität be-
sonders in der Stellung des Schulterblattes: dasselbe erscheint in
toto etwas nach abwärts und vorwärts gesunken, sein innerer Rand
ist von der Wirbelsäule mehr entfernt und steht schief, indem der
untere Winkel der Wirbelsäule relativ näher geblieben ist; dasAcro-
mion ist nach ab- und vorwärts gesunken, theils durch die Schwere
des Armes, theils durch die antagonistische Wirkung des Rhomboi-
deus und Levator anguli scapulae; in Folge davon tritt das Schlüssel-
bein weiter hervor, die Oberschlüsselbeingrube erscheint vertieft,
und an ihrem obem Rande lässt sich der hintere obere Winkel der
Scapula mit ungewöhnlicher Deutlichkeit durchfühlen.
Partielle Lähmungen des Muskels sind bei seiner mehrfiEu^hen
Innervation und besonders im Verlaufe der progressiven Muskel-
atrophie nicht ungewöhnlich, und es wird dann die Stellung der
Scapula, je nachdem das obere, mittlere, oder untere Drittel des
Muskels gelähmt ist, eine etwas verschiedene.
Die willkürliche Hebung der Schulter ist beschränkt und erfolgt
wenigstens in anderer Richtung und durch andere Muskeln, als
normal. Besonders tritt hier der Levator anguli scapul. vicariirend
ein, und derselbe pflegt bei Personen mit Cucullarislähmung der-
massen entwickelt zu sein, dass er leicht für den vordem Rand
eines kräftig sich contrahirenden Gucullaris gehalten werden kann;
492 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
die Unterscheidung ist aber bei einiger Aufmerksamkeit nicht schwer:
der Levator hebt vorwiegend den innem obem Winkel des Schal-
terblatts, sein Muskelbauch lässt sich nur bis dahin verfolgen, er
vertieft die Oberschlüsselbeingrube erheblich und lässt das Schlfissel-
bein stark vom Thorax abstehen; der Cucullaris hebt vorwiegend
das Acromialende der Scapula (und zieht dieselbe in toto gegen die
Wirbelsäule), und sein Muskelbauch lässt sich deutlich bis zum Acro-
mialende der Clavicula verfolgen. Das lässt sich auch besonders
durch die faradische Untersuchung in schönster Weise constatireD.
— Weiterhin ist die willkürliche Annäherung des Schulterblattes an
die Wirbelsäule (Zurückziehen der Schulter) erheblich beeinträchtigt;
so weit dieselbe noch möglich ist, geschieht sie durch deutlich sicht-
bare Contraction der Rhomboidei, welche aber die Scapula ^eieh-
zeitig nach oben ziehen und ihren Rand etwas schief stellen. —
Endlich ist auch die Hebung des Arms über die Horizontale - trotz
normaler Wirkung des Deltoideus und Serratus magnus — erheblich
gestört, weil der dabei vom obem Drittel, des Cucullaris am Acre-
mion auszuübende Zug nach oben und rückwärts fehlt. So bietet
die Cucullarislähmung in der krankhaften Stellung der Schulter und
den vorhandenen Bewegungsstörungen ein sehr charakteristisches
Bild.
Sind beide Gucullares gelähmt, so sind diese Anomalien auf
beiden Seiten vorhanden, der Rücken erscheint in horizontaler Rich-
tung stärker gewölbt, weil beide Schulterblätter nach aussen und
vom gesunken sind ; die Haltung des Kopfes ist dabei nicht wesent-
lich alterirt, wohl aber ist das längere Hochtragen und Geradehalten
des Kopfes etwas erschwert, so dass solche Leute den Kopf leicht
auf die Bmst sinken lassen.
Sind beide vom Accessor. versorgte Muskeln gelähmt , so com-
binirt sich das Bild aus der Lähmung beider. Nicht selten sind
dann, besonders wenn es sich um Lähmung des ganzen Acoessorius
handelt, Erscheinungen vorhanden, welche durch Lähmung des innera
Astes bedingt sind; Heiserkeit bedingt durch Lähmung der Kehl-
kopfinuskeln auf der betreffenden Seite ; näselnde Sprache u. s. w.
durch Gaumensegelparese , erschwertes Schlingen durch Parese der
Rachenmuskeln auf der gleichen Seite; bei doppelseitiger liUunung
hat man auch gesteigerte Pulsfrequenz beobachtet (Seeligmül-
1er), während sie bei einseitiger Lähmung nicht vorhanden zu sein
braucht (Erb).
Ueber das elektrische Verhalten ist nicht viel zu sagen:
ich habe in einem Falle von traumatischer Lähmung (Messerstich
AccesBoriasIähmung. Hypoglossuslähmong. 493
am Halse) die Entartungsreaction gefunden ; es hängt das eben ganz
von der Lähmongsursache und den etwa vorhandenen seeundären
Ernährungsstörungen in Nerv und Muskeln ab.
Die Diagnose ergibt sich aus der obigen Beschreibung von
selbst. Man beachte genau die Anomalien der Haltung und der
Motilität, lasse sich besonders nicht durch den Levator angul. scap.
tiluschen und untersuche möglichst umsichtig und vergleichend die
Bewegungen des Kopfes und Schulterblattes, die faradische Beizung
kann dabei wesentlich unterstützen. Vor Verwechselung mit Gon-
tracturen antagonistischer Muskeln wird das Erhaltensein der passiven
Beweglichkeit schlitzen.
Für die Bestimmung des Sitzes der Lähmungsursache kann
die Betheiligung der einzelnen Aeste, besonders auch der Zweige
des innem Astes werthvoU sein ; für die Diagnose centraler Lähmun-
gen (oberhalb der Brücke) ist das Fortbestehen der Contractionen
des Stemocleid. und CucuUaris während angestrengter Inspiration
beim Fehlen aller willkürlichen Bewegung charakteristisch.
Die Prognose richtet sich nach der Ursache des Leidens und
nach dem Grade der bereits vorhandenen Ernährungsstörungen.
Therapie. Neben der causalen ist vor allen Dingen die
elektrische Behandlung angezeigt, die ganz nach allgemeinen Grund-
sätzen zu leiten ist. — In veralteten Fällen mit seeundären Contrac-
toren kann eine entsprechende orthopädische Behandlung (active und
passive Gymnastik, Tenotomie, Stützapparate) erforderlich werden.
e) Lähmung im Gebiet des N. hypoglossus. — Glosso-
plegie. — Zungenlähmung.
Romberg, 1. c. 2. Aufl. I. 3 S. 78. 1851. — A. Eulenburg, 1. c S. 546.
— Weir Mitchell, lujuries of nervee. p. 335. -— Vgl. auch die Literatur über
progressive Bulbärparalyse, Bd. XI. 2 dieses Handbuchs.
Der N. hypoglossus innervirt bekanntlich sämmtliche Zungen-
und die meisten Zungenbeinmuskeln. Seine Lähmung wird sich also
vorwiegend in Störungen der viel£EU5h wichtigen und äusserst feinen
Motilität der Zunge äussern.
Aetiologie. Zungenlähmung ist eine nicht seltene Theiler-
Bcheinung der verschiedensten centralen Erkrankungen. Isolirt fOr
sich kommt sie nur äusserst selten vor. — Sehr- gewöhnlich ist die
Zange betheiligt bei Hemiplegien durch Hämorrhagie, Embolie u. dgl.
in die Gentralganglien und grossen Hemisphären; Zungenlähmung
ist ein häufiges Symptom bei Erkrankungen der Medulla oblongata:
494 ErB; Krankheiten der peripheren-oerebrospinalen Nerven.
80 bei progresBiver Bulbärparalyse, so bei Tabes dorsalis, wenn die-
selbe sich weit genug heranferstreckt , bei progressiver Moskelatro-
phie, wenn der Kern and die Ursprünge des Hypoglossns in Ifit-
leidenschafk gezogen werden. — Verletzungen des Rttc^enmarks
hoch oben , z. B. durch Bruch der obersten Halswirbel ; sind im
Stande, den Hypoglossns in ihr Bereich zu ziehen. — Peripherer
kann der Nerv durch basale Erkrankungen, durch Tumoren, Lymph-
drtlsenschwellungen, Verletzungen, Operationen am Halse u. dgL ge-
lähmt werden. — Da die der Articulation dienenden Bewegungen
der Zunge wahrscheinlich für beide Nerven gemeinschaftliche Inner-
vationscentren besitzen, erklärt es sich, dass bei centralen Lähmun-
gen nicht selten beide Nu. hypoglossi in Mitleidenschaft gezogen er-
scheinen.
Symptome. Bei einseitiger Lähmung der Zunge entsteht vor
allem Schiefstand derselben; beim Herausstrecken wird die
Spitze der Zunge nach der gelähmten Seite hin gewen-
det, durch einseitige Wirkung des gesunden Genioglossus, der beim
Herausftihren der Zunge die Spitze derselben nach der entgegenge-
setzten Seite schiebt; die einseitige Lähmung der Zungenbeinheber
trägt dazu gewiss nur wenig bei. Nicht selten sieht man dabei auf
der gesunden Seite isolirte Gontractionen der Zungenmuskelbttndel,
wodurch die Zungenspitze auch nach der gesunden Seite gekrümmt
werden kann; oder es tritt die gesunde Seite bei Innervationsver-
suchen stärker gewulstet hervor. Ueberhaupt wird die Parese oder
Paralyse einer Zungenhälfte nur bei den verschiedenen Bewegungen
derselben deutlich sichtbar werden. An der ruhig am Boden der
Mundhöhle liegenden Zunge pflegt man keine erhebliche Differenz
zu bemerken.
Bei doppelseitiger und vollständiger Lähmung der Zunge liegt
diese unbeweglich am Boden der Mundhöhle, sieht schlaff und atro-
phisch aus, nicht selten durch fibriUäre Muskelcontractionen in be-
ständig zitternde Bewegung versetzt und mit kleinen Runzeln be-
deckt. Besteht nur Parese, so kann die Zunge nur mit Mühe her-
ausgestreckt werden und sinkt unter zitternden Bewegungen ^eich
wieder zurück; die Ausftihrung der einzelnen von ihr verlanjgten
Bewegungen geschieht nur langsam und unvollkommen.
Die wichtigsten Störungen bei jeder Form der Glossoplegie sind
jedoch die Störungen des Kauens und der articulirten Sprache.
(Masticatorische und articulirende Glossoplegie - Romberg.) Das
Kauen wird dadurch beeinträchtigt, dass der Bissen nicht mehr
recht in der Mundhöhle herumgewälzt und zwischen die Zahnreihen
H3rpoglossa8l&hmang. 495
geschoben werden kann; das Schljngen wird erschwert, weil die
Zunge die Speisen nicht mehr gehörig nach hinten in den Pharynx
za schieben im Stande ist und keinen .genügenden Abschluss der
Mundhöhle von der Bachenhöhle bewirkt; deshalb bleiben die Spei-
sen auf dem Znngenrttcken , resp. anf der einen gelähmten Hälfte
desselben liegen; Speisen und Getränke regni^tiren im Momente
des Schlingaktes nach der Mandhöhle, die Vertheilnng und das Hin-
abschlingen des Speichels werden erschwert, und es werden die
Kranken darch die häufige Nöthigung zum Ausspucken erheblich
belästigt
Die Störung der Sprache kann in verschiedenem Grade vor-
handen sein. Bei einseitiger und partieller Paralyse werden zu-
nächst nur die Zungenlaute (s, seh, 1, e, i, später auch k, g, r
u. s. w.) erschwert und undeutlich und in immer unvollkommenerer
Weise ausgesprochen. Bei doppelseitiger Lähmung und Atrophie
der Zunge wird die Sprache vollkommen undeutlich; lallend und
nnarticulirt, so dass die Kranken nur in schwer verständlichen Lau-
ten sich äussern können. (Wohl zu unterscheiden vom „Stottern"
einerseits ; welches eine Form des Krampfes und der Coordinations-
stömng in der Zungenmusculatur darstellt, und andrerseits von der
„Stummheit" und „Aphonie", welche von der articulirenden Glosso-
plegie ganz wesentlich verschieden sind.) Schon bei geringen Graden
der Zungenlähmung wird auch das Singen, besonders das Singen
von Falsettönen erschwert
Die Diagnose der Zungenlähmung ist leicht, daselbst geringe
Störungen der überaus feinen und complicirten Motilität der Zunge
sich schon durch auffallende Functionsstörungen bemerklich zu
machen pflegen. Nur selten wird grössere Aufmerksamkeit zur Er-
mittelung feinerer Störungen nöthig sein. In complicirteren Fällen
(z. B. bei Bulbärparalyse) wird man die durch Lähmung der Lippen
oder des Gaumensegels entstehenden Störungen wohl von den durch
die Gloseoplpgie bedingten zu trennen wissen.
t)ie Prognose ist durchaus abhängig vom Grundleiden und
deshalb in der Begel eine ungünstige; selbst bei apoplektischen
Hemiplegien, bei welchen die Motilität der übrigen befallenen Him-
nerven meist rasch wiederzukehren pflegt, bestehen häufig die Arti-
culationsstörung und der Schiefstand der Zunge am längsten fort.
Periphere Hypoglossuslähmungen bieten je nach Umstlüiden eine
relativ bessere Prognose.
Die Therapie kann nur wenig von günstigen Besultaten be-
richten. Da es sich meist um schwere centrale Leiden handelt,
496 £hb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
wird nicht viel Erfolg zu erwarten sein; doch rnuss man vor allen
Dingen diese Erkrankungen direct behandeln, und alle etwa nadi-
weisbaren Caosalmomente zn entfernen suchen. — Für die directe
Behandlang empfiehlt sich ausschliesslich die Elektricität: Faradiai-
rung oder Galvanisirung der Zunge entweder direct von der Mund-
höhle aus oder durch Beizung des K hypoglossus am Halse dicht
oberhalb des grossen Zungenbeinhoms. Häufig kann auch das Grund-
leiden selbst einer galvanischen Behandlung unterworfen und da-
durch erheblich gebessert werden.
f) Lähmung im Bereich der Cervical- und Dorsal-
nerven.
Eine scharfe Abgrenzung der in dieses Kapitel gehörigen, un-
gemein zahlreichen Lähmungsformen etwa nach einzelnen Nerven-
gebieten oder Nervengeflechten, oder nach den einzelnen befallen^i
Begionen ist praktisch nicht gut möglich, weil eben in der Natur
hier keine scharfen Grenzen existiren, vielmehr alle nur denkbaren
Combinationen gelegentlich vorkommen. Wir ziehen es deshalb vor,
um häufige Wiederholungen besonders in Bezug auf Aetiologie und
Therapie dieser Lähmungen zu vermeiden, dieselben etwas sunmia-
risch abzuhandeln, indem wir allerdings dabei die specielle Sympto-
matologie wesentlich betonen und die häufigeren und wichtigeren
Formen, wie z. B. die Serratuslähmung, die Badialislähmung u. s. w.,
mit grösserer Ausführlichkeit abhandeln werden. Zahlreiche Mus-
keln und Muskelgruppen, die verhältnissmässig selten erkranken und
deren Lähmung kaum mit Sicherheit zu erkennen ist , wie z. B. die
tiefen Muskeln des Halses, Nackens und Bttckens, werden wir dabei
vollständig übergehen können.
Es ergibt sich dabei eine natürliche Gruppirung des überaus
reichen Stofi^es in der Weise, dass wir zuerst die Lähmung einzelner
Muskeln und Muskelgruppen am Hals und Nacken, an der Schulter,
am Bücken und Bauch besprechen, daran eine Schilderung der Läh-
mung der inspiratorischen Muskeln reihen und endlich mit einer
Darstellung der isolirten und combinirten Lähmungsformen im Be-
reiche der verschiedenen Nerven der obem Extremitäten schliessen.
Für eine detaillirtere Belehrung verweisen wir u. A. auf folgende
Arbeiten :
Gh. Bell, 1- ^' S* 324 £f. 1832. — Duchenne, Electris. locaL — A. £a-
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lysen. Di88. Berlin 1870. -^ Ferr6ol-Reaillet, Etudes sur les paral. da membre
Bup^r. li^es aux fract de rhumerus. Th^e Paris 1869. — Bernhardt, Armlih-
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mang nach Schnlterlaxation. Berl. klin. Woch. IS71. No. 5. — Seellgmüller,
Ueber Sympathicusaffectionen bei Verletzungen des Plez. brach. Berl. klin. Woch.
1870. No. 26. — Nadaud, Des paralvsies obstetric. des nouveaux-n^s. IST 2. —
Seeligmüller, Ueber L&hmang, welche Kinder intra partum aquiriren. Berl. klin.
Woch. 1874. No.40u.41. — W. Erb, Eigenthüml. Localisat. von Lähm. imPlex.
brachialis. Verhandl. d. Heidelb. naturh.-med. Vereins. N. Ser. I. 2. 1S75. —
Vgl. dazu die verschiedenen LehYbücher d. Nervenkrankheiten u. Elektrotherapie,
die Literatur der Hirnlähmungen u. s. w.
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1873. (Vollständige und erschöpfende Darstellung.)
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berg, 1. c. 2. Aufl. L 3. S. 104. — Oppolzer, Lähmung des Zwerchfells. Spit-
Zeit 1862. No. 24. — Duchenne, Electr. local. H. 6i. p. 718. — W. Aly-
Bchewsky, Ueber die künstliche Lähmung des Zwerchfells. Berl. klin. Woch.
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BadiaHslihmang. Zuradelli, Gaz. med. ital. Lomb. 185S. No. 44—47. ^
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21. — Lancereaux^ Gaz. m^d. de Par. 1862. p. 709; 1871. p. 38.S. — Laf6ron,
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Hitzig, Studien über Bleivergiftung Benin 1868. — ßärwinkel, Schmidts
Jahrb. Bd. 139. S. 118. — A. Eulenburg, Bleilähmung. Berl. klin. Woch. 1868.
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Best med. Joum. 1871. — v. K rafft- £ hing, Krückenlähmung. Arch. f. klin.
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des Medianus. Diss. Berlin 1876. — Bernhardt, Sensibilitätsstörung bei Lähm,
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Distribut des nerfs coUat^raux des doigts etc. Arch. de Physiol. 1875. p. 177.
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Lähmung. Arch. f. klin. Med. XVH. S. 307. 1876. — E. Remak, Zur vicariir.
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HMdbQch d. 8p«c Pathologie n. Tbenpie. Bd. XII. 1. 2. Aofl. 32
498 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
1. Lahmung einzelner Muskeln und Muskelgruppen am Hals und
Rumpf. (Nacken^ Rücken, Schuller ^ Brust und Bauch.)
Fast alle die im Folgenden zu erwähnenden Muskeln können
isolirt fllr sich gelähmt werden, häufiger jedoch sind gleichzeitig
mehrere derselben von Lähmung befallen ; dadurch kann das Erank-
heitsbild sehr verwickelt werden und es bedarf oft grosser Aufiuerk-
samkeit, um die Störung in jedem einzelnen Muskel zu erkennen.
Wir verdanken besonders den Arbeiten von Duchenne hier sehr
bedeutende Förderung unseres diagnostischen Könnens.
Lähmung der Mm. pectoralis major et minor, welche
von den Nn. thoracic, anter. (He nie) versorgt werden, kommt sehr
selten isolirt fttr sich vor, meist nur als Theilerscheinung complicir-
terer Lähniungsformen (traumatische Lähmung des Plexus brach.,
Hemiplegie, nicht selten progressive Muskelatrophie). Sie verräth
sich sofort durch die aufgehobene oder verminderte Fähigkeit der
Adduction des Armes an den Thorax; durch die Unfähigkeit, mit
der Hand die entgegengesetzte Schulter zu umgreifen oder passiver
Abduction des Armes Widerstand zu leisten. Ist gleichzeitig Atrophie
vorhanden, so ist die ünterschlüsselbeingrube erheblich vertieft, die
Kippen und Zwischenrippenräume treten deutlich hervor und sind
ungewöhnlich leicht zu palpiren, die vordere Wand der Achselhöhle
ist zu einer schlaffen Hautfalte geworden.
Lähmung der Mm. rhomboidei und des Levator an-
guli scapulae, welche vom N. dorsalis scapulae (Henle) ver-
sorgt werden, wird nur sehr schwer zu erkennen sein, da dieselbe
in der Ruhe die Stellung des Schulterblattes jedenfalls nicht erheb-
lich verändert. Kräftige Hebung der Schulter wird dabei unmöglich
sein. Nur bei gleichzeitiger Lähmung und Atrophie des Cucullaris
gelingt es leicht, die Lähmung der Rhomboidei an der totalen Un-
fähigkeit, die Scapula der Wirbelsäule zu nähern und die Lähmung
des Levator scapul. an dem Fehlen der charakteristischen Hebung
des Schulterblattes zu erkennen.
Lähmung des Latissimus dorsi gehört ebenfalls zu den
grossen Seltenheiten. (Wird von den Nn. subscapulares versorgt)
Am häufigsten sieht man sie noch als Theilerscheinung der progr^-
siven Muskelatrophie. Die hauptsächlichste daraus resultirende Stö-
rung ist die, dass der Arm nicht mit der gewöhnlichen Kraft an den
Rumpf adducirt werden kann, und dass die Fähigkeit, den erhobenen
Arm mit Gewalt nach abwärts zu drtlcken, vermindert oder au%e-
Lähmang einzelner Muskeln am Hals und Bumpf. 499
hoben ist. Arm und Schnlter können nicht mehr kräftig nach ab-
wärts gezogen, die Hand nicht mehr mit normaler Leichtigkeit in
die Gesässgegend gebracht werden. Die Rotation des Armes wird
dabei nnr wenig leiden ; da ftlr dieselbe noch andere Muskeln zu
Glebote stehen. Bei ruhiger Körperhaltung und herabhängendem
Arme ist keinerlei Difformität wahrzunehmen.
Lähmung der Ein- und Auswärtsroller des Ober-
armes kommt nicht selten in Verbindung mit Lähmung anderer
benachbarter Muskeln vor und verräth sich dann durch ziemlich
charakteristische Erscheinungen, die jedoch meist nur bei genauer
Untersuchung zu entdecken sind.
Sind die Ausi^ärtsroller (M. infraspinatus, welcher vom N.
suprascapularis versorgt wird und der vom N. axillaris belebte M.
teres minor) gelähmt, so entstehen bei manchen Beschäftigungen^
zu welchen Auswärtsrollen des Armes erforderlich ist, erhebliche
Störungen. Diess tritt, wie Duchenne gezeigt hat, zunächst beim
Schreiben und Zeichnen hervor, wobei die gerade Strichftlhrung von
links nach rechts z. Th. von der Contraction des Infraspinatus und
Teres abhängt und erschwert oder unmöglich wird, wenn diese
Muskeln gelähmt sind. Ebenso ist es bei allen Beschäftigungen mit
der Nadel, wo mit jedem „Ausfahren^ diese Muskeln in Thätigkeit
zu treten haben. Ist der Arm nach innen gerollt, so kann er nicht
activ nach aussen gerollt werden; man kann das besonders an dem
rechtwinklig gebeugten Vorderarm, der dabei als Zeiger fimgirt,
sehr schön nachweisen. Die in vielen Fällen vorhandene Vertiefimg
der Gegend der Fossa infraspinata dient zur Bestätigung der Diagnose.
Die Lähmung der Einwärtsroller (M. subscapularis, Teres
major, z. Th. wohl auch Latissimus dorsi, sämmtlich innervirt
von den I^n. subscapulares) bedingt noch erheblichere Störungen, da
alle Manipulationen mit der Hand auf der gegenüberliegenden Seite
des Rumpfes und Kopfes dadurch erschwert oder unmöglich gemacht
werden. Der nach aussen rotirte Arm kann nicht activ nach innen
gerollt werden. Bei dem vorhandenen üebei^ewicht der Auswärts-
roller steht der Arm beständig in abnormer Rotation nach aussen
und es wird dadurch auch die Function der Auswärtsroller erheblich
beeinträchtigt. Durch die Erhaltung der passiven Beweglichkeit sind
diese Lähmungen leicht von Contracturen zu unterscheiden. Ihre
Aetiologie, das elektrische Verhalten, die Therapie fallen ziemlich
zusammen mit den gleichen Verhältnissen bei der Serratuslähmung.
Die Lähmung des M. serratus anticus major (Serra-
tuslähmung) gehört zu den häufigeren und wichtigeren unter diesen
32*
500 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
isolirten MuskelläfamuDgen ; sie hat von lange her das Interesse der
Physiologen und Pathologen auf sich gezogen und es existirt bereite
eine sehr reiche Literatur über dieselbe. Im Ganzen jedoch sind
die Verhältnisse dieser Lähmung ziemlich einfach und jetzt hin-
reichend klar gestellt. (Vgl. besonders die erschöpfende Arbeit von
0. Berger.)
Der Muskel wird innervirt vom N. thoracicus post. (Henle) oder
longus und erhält sonst keinerlei motorische Zweige. Die vielen
Schädlichkeiten exponirte Lage dieser Nerven, sowie die Länge
seines Verlaufes erklären hinreichend dieAetiologie derSerrataa-
lähmung. In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich um eine peri>
phere neuropathische Lähmung, und zwar sind es zunächst trau-
matische Einwirkungen, welche nicht selten den Nerven lähmen:
so das Tragen von schweren Lasten auf der Schulter (Wiesner),
Druck und Quetschung, Stoss und Erschtltterung der Schulter, Schusa-
verletzungen u. dgl. Ob auch die mechanische Gompression und
Beleidigung, welche der den Scalenus medius durchbohrende N.
thorac. longus bei heftigen und häufig wiederholten Schulterbe-
wegungen erfährt, die Ursache von Lähmung werd^i kann, ist noch
zweifelhaft, wenn auch in hohem Grade wahrscheinlich. Jedenfalls
hat man nicht selten nach Ueberanstrengungen der Schulter -
muskeln (beim Mähen, Zuschlagen, bei Schustern und Seilern)
Serratuslähmung, sowohl ein- wie doppelseitig auftreten sehen. Aas
allen diesen Umständen erklärt sich, warum Serratuslähmung weit
häufiger bei Männern als bei Frauen und vorwiegend auf der rechten
Seite vorkommt. Femer ist Erkältung eine häufige Ursache decr
selben ; zahlreiche FäUe existiren in der Literatur, wo Zugluft, Schlafen
auf feuchter Erde oder in der Nähe einer feuchten Wand die Läh-
mung hervorrief. Endlich hat man in einzelnen Fällen die' Lähmung
nach Typhus auftreten sehen.
Sehr selten kommt die Serratuslähmung als Theilerscheinung
einer spinalen oder cerebralen Paralyse zur Beobachtung und tritt
hier meist neben den übrigen paralytischen Erscheinungen in den
Hintergrund. Weit häufiger dagegen ist sie eine Theilerscheinung
der progressiven Muskelatrophie, besonders jener charakte-
ristischen Form, die an den Rücken- und Schulterblattmuskeln be-
ginnt. Selten bildet der Serratus den Ausgangspunkt der Krankheit
und ist als solcher zuerst isolirt atrophisch und gelähmt Meist sind
gleichzeitig schon andere Muskeln afßcirti besonders d^ Cncollaris
(dessen untere Portion nach Duchenne fast immer gleichzeitig mit
dem Serratus gelähmt sein soll) der Latissimus dorsi, die Rhom-
Lähmung einzelner Bumpfmuskeln. Serratuslähmung. 501
boidei n. s. w. Auch hier ist nattirlich ein doppelseitiges Anftreten
der Lähmung und Atrophie nicht selten.
Die Symptome der Serratnslähmnng sind so charakteristisch^
dass es schwer sein dürfte, dieselbe zu verkennen. Nicht selten
gehen den Lähmang8erscheinnng;en kürzere oder längere Zeit prodro-
male nenralgische Schmerzen im Gebiet der Pars sapraclavicalaris
des PlexQB brachialis vorher. Daxa gesellt sich dann eine zunehmende
Erschwemng gewisser Bewegungen, welche den Kranken erst ver-
anlasst, ärztliche Hülfe zu suchen.
Alle die nun vorhandenen Erscheinungen erklären sich in ge-
nügender Weise aus der, bei 0. Berger ausftlhrlich besprochenen,
physiologischen Wirkung des Muskels, welche von Einfluss einerseits
auf die Stellung der Scapula in der Ruhe und bei gewissen Be-
wegungen, andererseits auf die Erhebung des Armes zur Verticalen
ist. Demgemäss findet man : In der Ruhe und bei herabhängendem
Arm ist die Scapula etwas gehoben und der Wirbelsäule mehr ge-
nähert und zugleich so um ihre Achse gedreht, dass ihr unterer Winkel
der Wirbelsäule mehr genähert, ihr vorderer Rand mehr nach ab-
wärts und demgemäss ihr innerer Rand etwas schief nach oben und
aussen gerichtet ist; dabei beobachtet man ein geringes flügelibrmiges
Abstehen des Innern Randes und besonders des untern Winkels des
Schulterblattes von der Brustwand. Alle diese Erscheinungen sind
bedingt durch das auch in der Ruhe hervortretende üebergewicht
der Antagonisten (Rhomboidei, Levator scap. und Cucullaris) über
den gelähmten Serratus. Sind diese Muskeln gleichzeitig gelähmt,
so erscheint die Difformität geringer. — Bei gewissen Bewegungen
treten sofort noch viel auftallendere Störungen hervor: Lässt man
die Kranken den gestreckten Arm erheben, so zeigt sich sofort, dass
sie ihn nicht höher als bis zur Horizontalen erheben
können, weil nämlich die durch den Serratus besorgte Vorwärts-
drehung der Scapula und Erhebung ihres vordem Winkels wegfällt,
ohne welche eine Erhebung des Armes bis zur Verticalen nicht mög-
lich ist.*) Ersetzt man diese Bewegung durch kräftige Fixirung und
Drehung der Scapula nach vom, so geht die Erhebung des Armes
sofort. — Lässt man den Arm in der Rumpfebene bis zur Horizon-
talen erheben, so rückt der innere Rand der Scapula, statt sich von
der Wirbelsäule zu entfernen, mehr und mehr nach innen bis zur
1> Eine meiner Kranken, ein junges Mädchen, vermochte gleichwohl den Ann
bis zur Verticalen zu bringen, aber nur dadurch, dass sie bei rückwärts gebeug-
tem Oberkörper den Arm mit einer schwingenden Bewegung nach oben warf und
dadurch gleichzeitig eine Luxation des Humeruskopfes nach unten bewirkte.
502 Erb, Krankheiten der peripheren- cere]}rospinalen Kerren.
Wirbelsäule hin nnd schiebt dabei einen tüchtigen Mnskelwnlst vor
sich her; besteht doppelseitige Lähmung, so können die inneren
Bänder beider Scapulae dabei zusammenstossen. — Lässt man jetzt
den erhobenen Arm nach yom führen, so entfernt sich der innere
Band der Scapula mehr und mehr von der Brnstwand, hebt sich
flttgelförmig von derselben ab und zwar in solchem Grade, dass eine
tiefe Grube entsteht, in welche man bequem die Hand hineinlegen
kann, so dass man die innere Fläche der Scapula palpirt; unter
normalen Verhältnissen bleibt bei dieser Bewegung der innere Band
der Scapula fest an die Thoraxwand gepresst. Bei doppelseitiger
Lähmung umschliessen die Scapulae so eine tiefe Binne, in welcher
die Muskelbäuche der Bhomboidei deutlich vorspringen. — An diesem
Symptom allein — dem flügelfbrmigen Abstehen des inneren Bandes
der Scapula bei nach vorwärts erhobenem Arm — kann man eine
Serratuslähmung sofort mit Sicherheit erkennen. Gelingt es, eine
Contraction des Muskels durch faradische Beizung seines Nerven
zu erzielen, so wird diese charakteristische Difformität sofort beseitigt
Ausser der verticalen Erhebung des Armes, deren Erschwerung
die Kranken am meisten belästigt, sind noch andere Bew^ungen
gestört: Das Kreuzen der Arme tlber der Brust ist erschwert, die
Bewegung der Schulterecke nach vom (z. B. Vorwärtsstossen beim
Fechten) ist beeinträchtigt, dem gewaltsamen Zurückziehen der Schul-
tern vermögen die Kranken auf der gelähmten Seite weniger Wider-
stand entgegenzusetzen u. s. w. Dagegen ist die Bespiration m
keiner Weise gestört, selbst bei doppelseitiger Lähmung ; der Serra-
tus ist nicht, wie Bell, Stromeyer u. A. geglaubt haben, ein In-
spirationsmuskel.
Sensibilitätsstörungen pflegen bei der Serratuslähmung
gar nicht oder nur in mehr zufälliger Weise vorhanden zu sein,
indem gelegentlich Anästhesien, Neuralgien, Hyperästhesien im Ge-
biet des Plexus brachialis aus derselben Ursache entstehen können,
wie die Lähmung des Thoracicus longus.
Sehr gewöhnlich beobachtet man erhebliche Atrophie des ge-
lähmten Muskels : regelmässig natürlich bei der progressiven Mnskel-
atrophie, ebenso bei schweren traumatischen, neuritischen und ähn-
lichen Lähmungen ; sie fehlt oder ist gering bei Lähmungen centralen
Ursprunges oder bei leichten rheumatischen und Compressionsläh-
mungen.
Aehnlich gestaltet sich das elektrische Verhalten bei dieser
Lähmung: bei traumatischen und schweren rheumatischen Lähmungen
findet sich die Entartungsreaction in der dem Stadium der Lähmung
;,LähmuDg einzelner Rumpfmoskeln. Serratusl&hmong. 503
entsprechenden Weise: bei der Lähmnng durch progressive Muskel-
atrophie eine der Atrophie entsprechende einfache Verminderung der
elektrischen Erregbarkeit; bei centralen oder leichten Compressions-
lähmungen keine Veränderung oder nur leichte Herabsetzung der
elektrischen Erregbarkeit. In den meisten bisher beobachteten Fällen
ist die Untersuchung unvollständig geblieben, und hat man nur Ver-
minderung oder Verlust der faradischen Erregbarkeit gefunden.
lieber den Verlauf der Serratuslähmung ist nur zu sagen, dass
nach plötzlichem oder allmäligem Entstehen dieselbe mehr oder
weniger lange Zeit, oft viele Monate, stationär bleibt und fast immer
nur allmälig zur Heilung geitthrt werden kann. Beinahe immer
heilen die rheumatischen und leichten Compressionslähmungen; die
traumatischen haben immer eine lange Dauer und bleiben nicht sel-
ten unheilbar; das gilt in noch höherem Grade von den Lähmungen
durch progressive Muskelatrophie. Auch in günstigen Fällen bleibt
oft lange Zeit Schwäche in dem Muskel und Neigung zu Recidiven
zurflck. -— In langedauemden Fällen gesellt sich allmälig Contractur
der Antagonisten hinzu, die nach und nach intensiver wird und die
krankhaften Störungen noch erheblich steigert.
Es wird nach der gegebenen Beschreibung nicht schwierig sein,
eine Serratuslähmung zu erkennen, da die Unmöglichkeit, den Arm
zur Verticalen zu erheben (während diess passiv ganz leicht gelingt),
im Zusammenhang mit der charakteristischen Deviation der Scapula
die Diagnose hinreichend sicher stellt. Vor der Verwechselung
mit der Contractur der Antagonisten schützt die vorhandene passive
Beweglichkeit des Schulterblattes und das flügeiförmige Abstehen
des innem Schulterblattrandes. Die Lähmung der übrigen am Schul-
terblatt befestigten Muskeln wird man bei einiger Aufmerksamkeit
nicht leicht mit der Serratuslähmung verwechseln.
Die prognostische Beurtheilung der Serratuslähmung ergibt
sich einfach aus den ätiologischen Momenten, dem Grade der Atrophie,
den elektrischen Erregbarkeitsänderungen, aus der Dauer der Läh-
mung u. s. w.
Lähmung der Rückenmuskeln. Wir verstehen darunter
besonders die zur Bewegung, Fixirung und Geradehaltung der Wirbel-
säule erforderlichen Muskeln. Es ist fast immer unmöglich, die Ver-
breitung solcher Lähmungen auf die einzelnen hier in Frage kom-
menden Muskeln genauer zu bestimmen. Genaueres wissen wir
überhaupt nur über paretische und paralytische Zustände der Rück-
gratsstrecker. In der Jugend kommen vielfach die verschiedensten
Grade von Schwächezuständen in diesen Muskeln vor, bald ein-, bald
504 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
doppelseitig und über grössere oder kleinere Partien des Bttckens
verbreitet. Sie führen zu bestimmten Formen der RückgratSFer-
krtimmongen, mit welchen wir nns hier nicht weiter zn beschäftigen
haben. Nicht selten führen rheumatische Schädlichkeiten Lähmung
einzelner oder mehrerer Rttekenmuskeln herbei; auch traumatiBche
Einwirkungen, welche die Wirbelsäule und den Rücken treffes,
können diesen Erfolg haben. Sehr selten sieht man Rttckenmuskel-
lähmung als Theilerscheinung cerebraler Lähmungen; häufiger da-
gegen bei spinalen Bewegungsstörungen: bei Paraplegien, die bis
zur Brust oder den oberen Extremitäten herauf steigen, -ist niehts
gewöhnlicher; als die Erscheinungen von Paralyse der Bückenstreck^ .
Femer erstreckt sich die progressive Muskelatrophie nicht selten auf
die Rückenmuskeln ; und in dem Krankheitsbilde der sogenannten
Pseudohypertrophie der Muskeln bildet die Schwäche der grossen
Rttckgratstrecker in der Lendengegend einen äusserst charakteri-
stischen Zug. Ich habe in einzelnen Fällen diese Schwächezustände
mit Atrophie bei jugendlichen Individuen sich ohne alle nachweis*
baren Ursachen entwickeln sehen.
Die hauptsächlich befallenen Muskeln sind der SaerolumbaliB
und der Longissimus dorsi mit ihren Fortsetzungen bis herauf zum
Nacken und Kopf, und femer die kleinen Muskeln zwischen den
einzelnen Wirbeln. Die einzelnen Theile dieser gelähmten Muscu-
latur klinisch von einander zu sondern, ist unmöglich. Man muas
sich darauf beschränken zu constatiren, dass die Lähmung ihren Sitz
im Lenden-, Brast- oder Halstheil der Wirbelsäule hat. — Sind die
Muskeln auf beiden Seiten gelähmt, so tritt an der betreffenden Stelle
eine allmälig zunehmende Ausbiegung der Wirbelsäule nach hint^
(paralytische Kyphose) hervor, die am hochgradigsten im Brusttbeil,
geringer am Lenden- oder Halstheil zu sein pflegt. Die Wirbelsäule
bildet bei Lähmungen ihrer Extensoren im Brusttbeil eine grosse,
gleichmässig gewölbte Curve; die Kranken erscheinen gebeugt, zu-
sammengefallen, mit Greisenhaltung, sie vermögen nicht, sich aotiv
aufzurichten und längere Zeit gerade zu halten — während die
passive Geraderichtung der Wirbelsäule ziemlich gelingt, zum Unter-
schied von den Kyphosen durch Muskelcontractur oder Wirbeler-
krankung. — Besteht nur einseitige Schwäche oder Lähmung, so
kommt es zu den verschiedenen Graden der paralytischen Skoliose.
Zahllose Abstufungen in diesen paretischen Zuständen kommen vor
und bedingen die mannichfachen Verschiedenheiten in der Grösse
und Ausbreitung der consecutiven Difformität und der Fähigkeit, die-
selbe willkürlich mit grösserem oder geringerem Erfolge auszugleichen.
Lähmong einzelner Hals- und Rumpfmaskeln. 505
Ein sehr charakteristisches Bild gewährt die Lähmung d^
Strecker in der Lendengegend. Die Kranken fallen sofort
a«f durch ihre sonderbare Haltung. Sie beugen nämlich ihren Ober-
körper weit nach hinten über durch Einbiegung der Lendenwirbel-
Säule, 80 dass der Schwerpunkt des Oberkörpers hinter die Schwer-
punktlinie des Körpers fällt. Die Balance wird dann ausschliesslich
durch die Bauchmuskeln erhalten. So wie der Oberkörper so weit
nach vom bewegt wird, daiss sein Schwerpunkt zu weit nach vorn
rückt, vermögen ihn die gelähmten Lendenmuskeln nicht mehr zurück-
zuhalten und er sinkt öder fällt nach vom; es ist den Kranken un-
möglich, sich ohne Hülfe der Hände wieder aufzurichten, und es ist
im höchsten Grade charakteristisch^ wie sie dabei gleichsam an ihren
eigenen Beinen mit den Händen in die Höhe klettern, durch allerlei
Bewegungen mit den Schultern und Armen ihren Oberkörper in die
Höhe und allmälig so weit nach hinten bringen, dass sie ihn wieder
mit den Bauchmuskeln balanciren können. An dem stark einge-
bogenen Kreuz, dem rückwärts geneigten Oberkörper und etwas vor-
wärts geneigten Kopfe beim Gehen und Stehen kann man eine solche
Lähmung der Lendenmusculatur auf den ersten Blick erkennen. Beim
Gehen bemerkt man ausserdem eine deutlich watschelnde Bewegung
des Rumpfes, indem die mit der Vorwärtsbewegung des Beines syn-
chronische Gontraction der gleichseitigen Lendenmusculatur wegfällt,
und ein regelmässiges Hin- und Herschwanken des Rumpfes beim
Schreiten entsteht. Im Sitzen dagegen sinkt der Oberkörper mehr
zusammen, und die Kranken bieten eine leichte Kyphose der Lenden-
wirbelsäule dar. — Fast immer besteht gleichzeitig Atrophie der
Lendenmuskeln, die kräftigen Muskelbäuche sind geschwunden, die
Dom- und Querfortsätze der Wirbel treten deutlicher hervor u. s. w.
Sind bloss die Nackenmuskeln gelähmt, so äussert sich das
vorwiegend an der Haltung des Kopfes; derselbe kann nicht mehr
so gerade getragen werden, er sinkt nach vorn, sobald die Muskeln
ermüden, und der Schwerpunkt des Kopfes zu weit nach vorn rückt.
Durch eine eigenthümliche schleudernde Bewegung vermögen die
Kranken ihn dann wieder aufzurichten und tragen ihn gewöhnlich
stark nach hinten gebeugt, nur unterstützt durch die vorderen Hals-
muskeln. Auch dieses Verhalten ist äusserst charakteristisch. Das
elektrische Verhalten bei diesen Lähmungen ist noch wenig unter-
sucht; es ist bei den davon betroffenen Muskeln immer nur eine
Prüfung der directen Erregbarkeit möglich, und diese hat man in
der Regel einfach herabgesetzt gefunden.
Lähmung der Bauchmuskeln ist als isolirte Erkrankung
506 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
äusserst selten (was sieb leieht ans der mehrfachen Innervation eines
jeden deiselben erklärt), dagegen eine sehr häufige Theilerscheinung
verbreiteter centraler, besonders spinaler Lähmungen, seltener der
progressiven Muskelatrophie.
Ihre Symptomatologie ist sehr einfach : Bei einseitiger Lähmung
(z. B. bei Hemiplegie) wird mit jeder stärkeren Exspirationsbewegung
der Nabel nach der gesunden Seite verzogen. Bei doppelseitiger
Lähmung ist die auffallendste Erscheinung die Schwäche der Ex-
spiration und aller exspiratorischen Reflexacte: des Hustens, Expeo-
torirens, Niesens, Schreiens u. s. w.; dahör die Gefahr, welcher
Paraplegische mit gelähmten Bauchmuskeln ausgesetzt sind , wenn
sie einen Bronchialkatarrh bekommen, weil sie nicht husten und
expectoriren können. In zweiter Linie ist Schwäche der Bauchpresse
zu beobachten: daher die Trägheit und Schwierigkeit der Stuhl- und
Harnentleerung. Der Leib ist gross, aufgetrieben, die Bauchdecken
schlaff, die bekannten Reflexe von der Bauchhaut können aufgehoben
oder gesteigert sein ; die Kranken sind nicht im Stande, beim Liegen
den Kopf und Oberkörper zu erheben oder sich ohne HtUfe der Hände
im Bett aufzurichten; beim Gehen und Stehen tragen sie den Ober-
körper leicht vorgebeugt und ausschliesslich durch die Lendenmns-
culatur balancirt, weil jede Verrückung des Schwerpunktes nach
hinten sie in die Gefahr bringt, nach hinten umzufallen, da ihre
schwachen Bauchmuskeln nicht im Stande sind, den Rumpf wieder
nach vom zu flihren. Diese Erscheinung wird natürlich nur bei
isolirter Lähmung deutlich sein, da bei vorhandener Paraplegie die
Kranken überhaupt nicht stehen und gehen.
In Bezug auf die Prognose aller der hier aufgezählten Läh-
mungsformen kann auf das im allgemeinen Theil Gesagte verwiesen
werden.
Auch die Behandlung dieser Lähmungen hat ganz nach all-
gemeinen Grundsätzen zu geschehen. Nach eingehender Berücksich-
tigung und womöglich auch Erftlllung der Causalindication wird
man wohl in allen Fällen, in welchen nicht eine bestimmte Contra-
indication oder absolut schlechte Prognose besteht, zur elektrischai
Behandlung greifen. Man kann dieselbe mit dem faradischen oder
mit dem galvanischen Strome ausführen, und auch hier kann ganz
auf die im Früheren ausgesprochenen allgemeinen Sätze verwiesen
werden. Besondere Achtsamkeit ist auf eine genaue und richtige
Localisation des Stromes (auf Nerven und Muskeln) und auf die
nöthige Dosirung desselben zu richten. Die Erfolge sind in vielen
Fällen vortrefflich, in anderen bleiben sie aus — das richtet sich
Lähmung der Inspirationsmuskeln. 507
znmekt nach der GrnDdnrsache , nach der Dauer des Leidens, nach
dem Grade der eingetretenen Emährungsstörangen a. s. w. Für alle
Details müssen wir auf die Lehrbücher der Elektrotherapie verweisen.
In vielen Fällen — jedoch nur da, wo bloss Parese besteht
oder bereits erhebliche Besserung eingetreten — kann eine rationelle
mit Consequenz und Ausdauer geübte Gymnastik erheblich unter-
stützend wirken. — Manchmal wird man sich — besonders in unheil-
baren Fällen — auch geeigneter Stützapparate, orthopädischer Ma-
schinen u. dgl. bedienen, um die fehlende Muskelwirkung zu ersetzen ;
doch ist damit gerade bei den Lähmungen der Bumpftnuskeln ver-
hältnissmässig wenig zu erreichen.
Natürlich wird man in den dazu geeigneten Fällen auch ein
allgemein tonisirendes Verfahren — den Gebrauch von Abreibungen,
Bädern, Douchen, Spirituosen Einreibungen, Bade- und Luftcuren
n. dgl. nicht versäumen dürfen.
2, Lähmung der Inspirationsmuskeln.
Die Inspirationsmuskeln liegen weit auseinander und werden
von sehr verschiedenen Nervenbahnen aus versorgt. Eine complete
Lähmung derselben kommt also fast ausschliesslich dann vor, wenn
Läsionen der im verlängerten Mark liegenden Bespirationscentren
oder Zerstörung der von ihnen ausgehenden (zum grössten Theil in
den Seitensträngen verlaufenden) motorischen Leitungsbahnen vor-
liegt ; ist diess auf beiden Seiten der Fall, dann ist ein rascher Tod
die unausbleibliche Folge, wie das z. B. bei Compression des Bücken-
marks durch Fractur der obersten Halswirbel der Fall ist. Durch
einseitige Lähmung der respiratorischen Bahnen im Bückenmark,
welche gelegentlich vorkommt, wird das Leben nicht unmittelbar ge-
fährdet. — Durch verschiedene degenerative Processe in der MeduUa,
sowie durch verschiedene Gifke kOnnen die Bespirationscentren ge-
lähmt werden. — Cerebrale Lähmungen beeinträchtigen die Bespi-
ration gewöhnlich nicht ; die fttr den Willen gelähmten Muskeln sieht
man z. B. bei Hemiplegischen der Anregung von Seiten der Bespi-
rationscentren bereitwillig folgen.
Periphere Lähmungen der inspiratorischen Muskeln betreffen fast
immer nur einzelne von denselben. Darunter sind die Lähmungen
der Intercostales, der Scaleni und anderer auxiliärer Inspiratoren von
ganz untergeordneter Bedeutung, da sie keine erheblichen Inspira-
tionsstörungen zu machen pflegen. Dagegen ist die Lähmung des
Diaphragma des wichtigsten Inspirationsmuskels von der grössten
508 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
BedeatuDg fUr das Respirationsgeschäft , welches dadurch immer m
hohem Maasse beeinträchtigt wird.
ZwerchfellsIähmuDg kommt im Ganzen selten zur Beobachtimg.
Sie kann entstehen in Folge von Entzündung der das Diaphragma
überziehenden serOsen Hänte, bei Pleuritis und Peritonitis; hier ist
wohl ein Uebergreifen der Entzündung, der Hyperämie und Trans-
sudation auf den Muskel oder wohl auch auf die Phrenici die Ursache
der Lähmung. Dieselbe kann femer Theilerscheinung der progressiven
Muskelatrophie sein; sie tritt als solche fast immer erst in Torgt^i-
schrittenen Stadien dieser Krankheit auf und beschleunigt den letalen
Ausgang; bei Hysterischen beobachtet man hier und da auch Zwerch-
fellslähmung; Duchenne hat sie in Folge von Bleiintoxication ent-
stehen sehen; nach Oppolzer soll sie zur Zeit der Pubertät manch-
mal ohne nachweisbare Ursache auftreten; endlich hat man auch
Erkältung in manchen Fällen als Ursache beschuldigt, sei es nun,
dass es sich um eine rheumatische Lähmung des N. phrenicus selbst
oder um einen Muskelrheumatismus des Zwerchfells handelt Dass
auch traumatische und Compressionslähmungen des N. phrenicus am
Halse vorkommen können, versteht sich von selbst. — Die Zwerch-
fellslähmung tritt meist doppelseitig auf, so dass das ganze Dia-
phragma gelähmt ist; sie kann aber auch einseitig oder partiell vor-
kommen.
Ihre Symptome sind in hohem Grade charakteristisch: bei der
Inspiration wird das Epigastrium mit den Hypochondrien einge-
zogen (statt wie es normal sein sollte: vorgewölbt), was besondei^
bei tiefen und langen Inspirationen sehr auffallend ist ; legt man die
Hand während der Inspiration auf das Epigastrium, so fUhlt man den
Druck durch das herabsteigende Zwerchfell nicht; bei der Exspira-
tion wird das Epigastrium vorgewölbt. Botkin beobachtete dem
entsprechend inspiratorische Hebung und exspiratorische Senkung des
untern Leberrandes. Bei einseitiger Lähmung finden sich diese Er-
scheinungen nur auf einer Seite und lassen sich besonders durch die
Palpation deutlich nachweisen.
Dabei besteht in der Ruhe nur massige Dyspnoe und wenig ge-
steigerte Athemfrequenz ; bei der geringsten Anstrengung oder Auf-
regung jedoch tritt sofort beträchtliche Athemnoth und Steigerung
der Frequenz auf 40—50 Athemzüge ein. Beim Gehen und beson-
ders beim Treppen- und Bergesteigen müssen solche Kranken öfter
stillhalten, um Athem [zu schöpfen, ihre Stimme wird schwächer,
lautes und anhaltendes Sprechen wird unmöglich. Von einer Er-
schwerung des Exspirationsactes und der damit zusammenhängenden
Lähmung der Inspirationsmaskeln. Zwerchfellsl&hmung. 509
Reflexacte (des Hustens, Expectorirens/ Niesens u. s. w.) zu sprechen,
ist streng genommen unrichtig, da bei allen diesen Vorgängen das
Zwerchfell erschlafft sein mnss; seine Lähmung wirkt deshalb nur
dadurch hinderlich auf die genannten Acte etn , dass die vorausge-
gangene Inspiration eine unvollkommene, und dadurch die Menge der
ftlr den Exspirationsact disponiblen Luft eine verminderte ist. Aus
demselben Grunde kann auch bei intercurrirenden Katarrhen, Pneu-
monien u. s. w. höchste Lebensgefahr eintreten, weil die Inspirations-
ffthigkeit vermindert ist. — Dagegen wird durch Zwerchfellslähmung
direct die Wirkung der Bauchpresse erheblich beeinträchtigt, was
besonders als Erschwerung der Defäcation sich äussert Sehr be-
günstigend wirkt die Zwerchfellslähmung auf* das Entstehen von
Atelektasen und Hypostasen in den untern Lungenlappen (Aly-
schewsky).
Die elektrische Erregbarkeit des Phrenicus hat man in
solchen Fällen meist erhalten gefunden. A. Eulen bürg fand die-
selbe in einem Falle rheumatischer Zwerchfellslähmung hochgradig
herabgesetzt. Genauere Untersuchungen fehlen.
Die Diagnose ist nach der oben gegebenen Beschreibung
nicht schwer; nur partielle Lähmungen können erhebliche Schwie-
rigkeiten machen. Ueber die Natur des Leidens wird die Ana-
nmese und objective Untersuchung Au&chluss geben.
Die Prognose richtet sich nach der Ursache; bei rheumatischer
und hysterischer Lähmung ist sie ganz günstig; bei Bleiintoxication
mindestens sehr zweifelhaft, bei progressiver Muskelatrophie sehr
ungünstig, obgleich es auch hier manchmal gelingt, durch eine früh-
zeitige geeignete Behandlung die Function des Diaphragma wieder
zu beben und flir längere Zeit zu conserviren (Duchenne). Directe
Lebensgefahr wird durch die Zwerchfellslähmung an sich nicht, wohl
aber durch zufällige Gomplicaiionen bedingt; unter allen Umständen
jedoch wird die Leistungsfähigkeit der davon betroffenen Indivi-
duen erheblich herabgesetzt.
Die Therapie hat sich zunächst mit der Causalindication zu
beschäftigen ( Antirheumatica , Antihysterica , Bekämpfung der pro-
gressiven Muskelatrophie, der Bleiintoxication u. s. w.). Bei der
directen Behandlung wird man sich nicht lange mit Gegenreizen,
irritirenden Einreibungen u. s. w. aufhalten , sondern sofort zur Fa-
radisation oder Galvanisation der Phrenici übergehen, welche am
Halse über den Scalenis sehr leicht ausgeführt werden kann. Man
erregt am besten mit dem einen Pol am Halse, während man den
andern in die Gegend der Zwerchfellsursprünge am Rippenkorbe,
510 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
oder je nach Umständen auch im Nacken ansetzt. Die Reizmig
muss eine ziemlich energische sein.
3. Lähmung der einzelnen Nerven und Muskeln der oberen Extremität.
Die Häufigkeit und Mannichfaltigkeit der Lähmungen an der
oberen Extremität ist eine ganz enorme. Die verschiedenartigsten
Gombinationen kommen hier vor, die kaum einer erschöpfenden Dar-
stellung fähig sind. Wir wollen deshalb zunächst systematisch die
Lähmungen im Gebiete der Hauptnervenstämme der oberen Extre-
mität schildern und daran einige kurze Bemerkungen über die wich-
tigsten und gewöhnlichsten Gombinationen derselben fügen.
a. Lähmung im Gebiete des Nervus axillaris.
Dieser Nerv versorgt die Hauptmasse des M. deltoideus (dessen
vordere Portion erhält einige Zweige von den Nn. thoracic, anter.)
und innervirt ausserdem den Teres minor und gibt sensible Zweige
an die Haut der äusseren Fläche des Oberarmes.
Seine Lähmung wird am häufigsten durch folgende Ursachen
bedingt: Traumatische Einwirkungen, welche die Schulter,
das Schultergelenk treffen und dabei den Nerv, axill. quetschen,
zerren oder zerreissen, oder wohl auch den M. deltoideus selbst
alteriren. Quetschung, Erschütterung, ein Schlag oder Fall auf die
Schulter, Schussverletzungen, besonders aber Luxationen des Ober-
armkopfes nach hinten sind häufige Veranlassungen der Deltoideus-
lähmung. — Rheumatismen und chronische Entzündungen
des Schultergelenks haben sehr häufig eine Lähmung des
Deltoideus im Gefolge, theils dadurch, dass sich neuritische Pro-
cesse auf den N. axillaris fortsetzen, theils dadurch, dass eine chro-
nische, atrophirende Entzündung im Muskel selbst entsteht. --Er-
kältung gehört zu den häufigeren Ursachen dieser Lähmung ; andi
Neuritis kann dieselbe bedingen. Endlich ist sie nicht selten Theil-
erscheinung von Lähmungen, welche den Plexus brachialis in grös-
serer oder geringerer Ausdehnung betreffen, von centralen Lähmungen
aller Art, von der Bleiläbmung und progressiven Muskelatrophie.
Die Symptome sind fast ausschliesslich die der Deltoidens-
lähmung, da die Lähmung des Teres minor nicht wohl zu erkennen
ist, wenn nicht gleichzeitig Functionsunfähigkeit des Infraspinatns
vorhanden ist. — Ist der Deltoideus gelähmt, so ist jede Erhebung
des Armes unmöglich; derselbe liegt flach und unbeweglich der
Thoraxwand an und kann von derselben nach aussen gar nicht ent-
Lähmung des Nervus axillaris. 511
fernt werden. Bei Versuchen, den Arm zu heben, bleibt der Deltoi-
deus ganz schlaff (zum Unterschied von Anchylose des Schulter-
gelenks). Auch die Hebung des Armes gerade nach vorn ist un-
möglich.
Das Schultergelenk wird schlaff, der Muskel häufig atrophisch,
in schweren Fällen entsteht ein Schlottergelenk, so dass man durch
den geschwundenen Deltoideus hindurch eine tiefe Rinne zwischen
Humeruskopf und Gelenkfläche am Schulterblatt fehlen kann. —
Sehr selten findet man sensible Störungen im Verbreitungsbezirke
des N. axillaris, während Schmerzen im Schultergelenk und in der
Masse des Muskels selbst sehr gewöhnlich sind.
Die elektrische Erregbarkeit kann anfangs normal sein
und erst später allmälig sinken — so besonders bei der progres-
siven Muskelatrophie und bei Lähmung in Folge von Schultergelenk-
rheumatismen ; oder sie macht die verschiedenen Phasen von der Ent-
artungsreaction durch, die manchmal auf einzelne Partien des Muskels .
beschränkt bleibt und häufig nur unvollkommen zur Entwickelung
kommt (vielleicht in Folge der verschiedenen motorischen Innerva-
tion); selten bleibt die elektrische Erregbarkeit ganz normal.
Im weiteren Verlaufe kann bei fortbestehender Lähmungsursache
die Atrophie weitere Fortschritte machen; es bildet sich Schlotter-
gelenk, in manchen Fällen auch Anchylose des Schultergelenkes
aus, und der Arm bleibt mehr oder weniger unbrauchbar. Tritt
Heilung ein, so stellt sich ganz allmälig die Bewegung des Armes
im Schultergelenk wieder her, die Kranken vermögen allmälig den
Arm etwas nach aussen zu heben, dann bis zur Horizontalen, und
endlich wieder bis zur Verticalen, vorausgesetzt, dass die übrigen
Schulterblattmuskeln, besonders der Serratus anticus, intact geblieben
sind. Damit schwindet denn allmälig auch die Atrophie und die
Veränderung der elektrischen Erregbarkeit.
Die Diagnose dieser Lähmung ist in Bezug auf die Motilitäts-
störung im Deltoideus ungemein leicht zu stellen; einzig die Ver-
wechselung mit Anchylose des Schultergelenks wäre möglich; vor
dieser schützt die bei der Deltoideuslähmung vorhandene passive
Beweglichkeit und das Fehlen der prallen Erhärtung des Muskels
bei Innervationsversuchen. Bei einiger Aufmerksamkeit wird man
auch leicht die Fälle erkennen, in welchen gleichzeitig Anchylose
und Deltoideuslähmung besteht.
Die Prognose richtet sich fast ausschliesslich nach dem Grund-
leiden und kann auf Grund der früher ausgeführten allgememen
Sätze leicht gestellt werden.
512 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
b. Lähmung im Gebiet des Nervus musculo-catanens.
Der M. coraco-brachialis^ der Biceps imd Brachialis intern,
(welch letzterer ausserdem einen Zweig vom N. radialis erhält) sind
von diesem Nerven innervirt. Lähmung dieses Nerven oder eines
der beiden zuletzt genannten Muskeln wird iJso immer eine Beein-
trächtigung oder völlige Unmöglichkeit der Beugung des Vorder-
armes gegen den Oberarm im Gefolge haben. Dies ist besonders
deutlich, wenn man den Arm in Supinationsstellnng beugen lässt,
weil dann die Beugewirkung des M. supinator longus nicht eintritt
Eine längs des Radialrandes des Vorderarmes verhandle Anästhesie
kann den Sitz der Lähmungsursache im Nerven manchmal bestä-
tigen. — Diese Lähmung kommt beinahe nie isolirt vor^ sondern
meist in Begleitung anderweitiger Lähmungen im Gebiete des Plexus
brachialis und hat dieselbe Pathogenese und Prognose wie diese.
Ich sah jüngst einen Fall von ganz isolirter Lähmung des Mas-
culocutaneus in Folge der chirurgischen Ezstirpation einer Geschwulst
in der Fossa supraclavicularis. Der Biceps und das innere Bündel
des Brachialis internus waren völlig gelähmt tmd zeigten ausgesprochene
Entartungsreaction ; auch die charakteristische leichte Anästhesie am
Radialrand des Vorderarms fehlte nicht. Die Beugung des Vorder-
arms war gleichwohl noch bis zu einem gewissen Grade möglich durch
den Supinater longus und das äussere Bündel des Brachial, internus.
Im Ellbogen leichte Beugecontractur.
c. Lähmung im Gebiet des N. radialis. — Radialis-
lähmung.
Von allen im Bereich des Plexus brachialis vorkommenden
Lähmungen ist die Radialislähmung die häufigste; durch verschie-
denartigste Momente können der N. radialis und sein Muskelgebiet
von Lähmung befallen werden; periphere sowohl wie centrale Läh-
mungsursachen scheinen dem N. radialis ganz besonders gefährlich
zu sein: bei cerebralen Hemiplegien ist gewöhnlich das Radialis-
gebiet am schwersten betroffen; unter den traumatischen und refri-
geratorischen Lähmungen der oberen Extremität ist die Radialis-
lähmung weitaus die häufigste ; die Bleilähmung befällt an der oberen
Extremität fast ausschliesslich das Radialisgebiet Es erklärt sieh
daraus das erhebliche Anwachsen der Literatur über Radialislähmung.
Aetiologie. Unter den Ursachen der Radialislähmung stehen
ohne Zweifel leichtere und schwerere Traumata^ welche den
sehr exponirten N. radialis an seiner Umschlagstelle am Oberarm
oder wohl auch höher oben treffen, obenan. Ja, die ttbergrosse
Lfthmong des Kerms mnsculo-cutaneos and radialis. 513
Mehrzahl der Fälle, welche gewöhnlich als y^rheamatische'^ bezeich-
net werden ; ist ohne jeden Zweifel auf leichte traumatische Ein-
wirkung, auf massige Compression des N. radialis am Oberarm zu-
rückzuflihren. Panas hat das in überzeugender Weise zu begründen
gesucht, und ich kann mich nach meinen eigenen zahlreichen Beob-
achtungen seinen Ausführungen vollkommen anschliessen. Beim
9 Schlafen auf feuchter Erde", oder „an einer feuchten Wand", oder
„dem Luftzug ausgesetzt ** lässt sich fast inmier gleichzeitig die Com-
pression des Nerven nachweisen, als eigentliche Ursache der Läh-
mung. Auch der Sitz dieser Lähmung unterhalb des Abganges
der Aeste für den M. triceps, der dabei immer unbetheiligt ist,
spricht für die mechanische Entstehungsweise.
Zahllos sind die Möglichkeiten solcher traumatischen Einwir-
kungen: Die häufigste ist ohne Zweifel Compression des Radialis
während eines tiefen und langen Schlafes ; daher die [Häufigkeit des
Vorkommens dieser Lähmung bei Solchen, die im Zustande schwerer
Trunkenheit oder hochgradiger Erschöpfung in gewisser Stellung,
auf dem Boden , auf Treppen , Bänken oder dgl. eingeschlafen sind.
In solchen Fällen wird entweder der Arm durch den darauf liegenden
Kampf gegen den Boden comprimirt, oder das Gewicht des Kopfes
comprimirt den Nerven an dem als Unterlage benutzten Arm, oder
endlich es ruht der den Kopf stützende Arm mit seiner äusseren
hinteren Fläche auf der Kante eines Stuhles, einer Treppe oder
dgl. und wird hier einem länger dauernden Druck ausgesetzt. Beim
Erwachen ist dann die Lähmung da oder stellt sich kurze Zeit
nachher ein. — In ganz ähnlicher Weise entstehen die ätiologisch
lehrreichen Radialislähmungen, welche nach Brenner bei russischen
Kutschern, die, das Leitseil um den Oberarm gewickelt, einge-
schlafen sind, oder bei Arrestanten, die nach russischer Manier an
den rückwärts einander genäherten Oberarmen gefesselt waren, oder
bei russischen Säuglingen, die mit fest an den Leib anliegenden
Armen stark gewickelt werden und dann auf einer Seite liegend
lange schlafen, so häufig zu beobachten sind. Hieher gehört auch
die Radialislähmung der Wasserträger von Rennes (Bachon), welche
dadurch entsteht, dass diese Leute schwere wassergefüllte Henkel-
krüge, die sie mit dem umfassenden Arme an die Brust drücken,
so tragen, dass der Henkel auf der äusseren Fläche des Oberarmes
fest aufliegt.
Zu den leichteren Traumen gehört der Druck von schlechten
Krücken (zu lange, schlecht gepolsterte und geformte, mit einer
Handstütze nicht versehene Krücken), welche den N. radialis —
Handbuch d. 8p«e. Pathologie a. Therapie. XII. Bd. 1. 2. Aufl. 33
514 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
ebenso wie auch andere Nerven des Plexns brachialis — in der
Acliselhöhle gegen den Humems comprimiren und so die ^^Krücken-
lähmung" erzeugen.
Zahlreich sind endlich die schwereren traumatischen Einwir-
kungen, welche Radialislähmung im Gefolge haben : Schlag auf den
Arm, Stoss von einer Kuh, Schnitt-; Hieb- und Schussverletzung,
Fractur des Humerus und abnorme Callusbildung (Busch, 011 ier,
Ferröol-Reuillet), Luxation der Schulter u. dgl. — mögen hier
Erwähnung finden.
An Häufigkeit den traumatischen jedenfalls untergeordnet sind
die angeblich durch Erkältung in ihren verschiedenen Modifica-
tionen entstandenen „rheumatischen'' Radialislähmungen. Ja, es
bedarf wohl in Zukunft einer genauen kritischen Revision der ätio-
logischen Momente, um zu entscheiden, ob überhaupt rheumatische
Radialislähmungen vorkommen; jedenfalls kommen sie bei Weitem
nicht so häufig vor, wie man bisher annahm.
Hieran reihen sich die durch Neuritis entstandenen Radialis-
lähmungen, von welchen Bernhardt jüngst einen Fall publicirt
hat, und die ich ebenfalls mehrfach gesehen habe.
Hysterische Radialislähmungen gehören im Ganzen zu den
Seltenheiten ; sehr gewöhnlich ist dagegen eine Betheiligung des Ra-
dialisgebietes an centralen Lähmungen, besonders an cerebralen.
Endlich müssen wir hier noch eine der häufigsten Ursachen
der Radialislähmung anfuhren, nämlich die chronische Bleiintoxi*-
cation. Gewöhnlich erst in den späteren Stadien der Vergiftung,
nach vorausgegangenen Koliken, Arthralgien, Icterus u. s. w.; selten
als erstes greifbares Symptom der Intoxication, tritt bekanntlich die
„Bleilähmung'' auf. Fast ausnahmslos ist es das Gebiet des N. ra-
dialis am Vorderarm und zwar meist der M. extensor digitor., in
welchem die Lähmung beginnt, um sich zunächst über einen grossen
Theil des Radialisgebietes, in nicht seltenen Fällen aber auch noch
weiter auf Hand, Oberarm und Schulter und wohl auch auf die
unteren Extremitäten zu verbreiten. Es wird an einer anderen Stelle
dieses Werkes eine ausftlhrliche Darstellung der Bleilähmung gegeben
werden; wir können jedoch eine kurze Besprechung der satuminen
Lähmungserscheinungen im Radialisgebiet hier nicht umgehen, theils
der diagnostischen Bedeutung wegen, theils wegen des hohen wissen-
schaftlichen Interesses, welches gerade diese Lähmungsform bietet
Es ist hier nicht der Ort, ausfUhrlicher auf die noch immer dunkle
Pathogenese der saturninen Lähmung einzugehen. Die Frage
dürfte wohl in der nächsten Zeit ihrer Lösung entgegengehen, nach-
Lähmung des Nervus radiaUs. BleilähmuDg. 515
dem neueste Forschungen eine Reihe wichtiger Ergebnisse über die vor-
handenen anatomischen Veränderungen gegeben haben (besonders die
Arbeiten von Lancereaux, Gombault, Bernhardt, Westphal),
wenn sie auch die Frage nach dem Sitze der Lähmung noch nicht
endgültig zu entscheiden vermochten. Es dürfte nicht unpassend sein^
die schwebenden Controversen hier kurz zu berühren und anzudeuten^
in welcher Richtung sich die weitere Forschung zu bewegen haben
wird. — Es kann wohl heutzutage nicht mehr bezweifelt werden, dass
der Sitz der Lähmung in den Muskeln selbst jedenfalls nicht gesucht
werden kann. Abgesehen von der häufig vorhandenen Entartungs-
reaction (s. unten) und von dem Vorhandensein der Lähmung, ehe in
den Muskeln eine fortgeschrittene Atrophie zu bemerken ist, sprechen
besonders die Analysen von H e u b e 1 und Bernhardt gegen eine solche
Annahme. ' Damit verlieren auch die Erklärungsversuche von Hitzig,
welcher die Ursache der Bleilähmung in einer venösen Stauung auf
der Streckseite des Vorderarmes zu finden glaubte, und von Bär-
winkel, welcher eine arterielle Ischämie an der gleichen Stelle als
Ursache ansieht, sehr an Bedeutung, mag man diese Circulationsstd-
rungen direct oder durch gesteigerte Ablagerung von Blei in die
Muskeln wirksam werden lassen. Auch würden diese Erklärungen für
das Fortschreiten der Lähmung auf andere Muskelgebiete (Deltoideus,
Literossei, untere Extremitäten u. s. w.) keineswegs ausreichen. —
Es kann sonach kaum zweifelhaft sein, dass ein primäres Leiden
des Nervensystems vorliegt und zwar entweder im Stamm des
N. radialis (also eine periphere Lähmung) oder im Centralorgan, höchst
wahrscheinlich im Rückenmark (also eine centrale Lähmung^. Diese
beiden Möglichkeiten unterliegen noch der Discussion.
Das Vorhandensein der Entartungsreaction in sehr ausgesprochener
Weise bei vielen Bleilähmnngen schien zunächst für ein peripheres
Leiden des Nervenstammes zu sprechen, weil man früher glaubte, dass
dieselbe nur bei peripheren Lähmungen vorkomme. Nach den Be-
funden bei spinaler Kinderlähmung kann diese Annahme als widerlegt
oder doch mindestens sehr unsicher gelten, sie kann also mit Sicher-
heit nicht für den peripheren Sitz der Lähmung verwerthet werden.
Immerhin sprechen aber auch die anatomischen Befunde an Mus-
keln und Nerven fttr die Annahme einer peripheren Lähmung. In
den atrophischen, granröthlich oder weisslich aussehenden, derben Mus-
keln fanden Lancereaux, Gombault und Bernhardt Atrophie
der Fasern, undeutliche Querstreifung, Kernvermehrung, Wucherung
des interstitiellen Bindegewebes — also genau dieselben Veränderun-
gen, wie ich sie seinerzeit bei peripheren traumatischen Lähmungen be-
kannt gemacht habe und wie sie sich auch bei der progressiven Mus-
kelatrophie finden. — An den Nerven hat Gombault hochgradige
Degeneration und Atrophie, Fettkömchenbildung, reichliche intersti-
tielle Bindegewebswucherung und Kemwucherung, dagegen erhaltene
Achsencylinder bei reichlicher Nervenkemwucherung gefunden. (Dabei
sollen die Nervenwurzeln so wie das Rückenmark intact gewesen sein.)
Auch Lancereaux berichtet von körnig-fettiger Entartung des
Maries und stellenweisem Schwund der Nervenfasern. Endlich hat
33*
516 EKB, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Westphal in neuester Zeit einen sehr interessanten Befand bei einer
seit ca. 2 Jahren bestehenden Bleilähmung gemacht. Er fand in dem
Radialis neben spärlichen, erhalten gebliebenen, normalen Fasern zahl-
reiche Bündel von feinen, offenbar regenerirten Nervenfasern, ganz
ähnlich, wie sie zuerst von Remak in den späteren Regenerations-
stadien nach Nervendurchschneidung beschrieben und auch neuerdings
von Neu mann und Eichhorst wieder geschildert worden sind. Wo
Regeneration vorhanden, da muss wohl früher Degeneration gewesen
sein ; man darf also wohl annehmen, dass in den früheren Stadien der
Lähmung degenerative Processe an den Nerven vor sich gehen, welche
erst später den regenerativen Vorgängen Platz machen. — Leider
fehlt in dem Westphal' sehen Falle der Nachweis irgend einer peri-
pheren Ursache für die Degeneration; kein comprimirendes Moment,
keine Neuritis oder dgl.; ja es fehlte selbst die bei peripheren trau-
matischen Lähmungen constante interstitielle Bindegewebswucherung
und — was wohl zu bemerken ist — in jedem der theil weise ver-
änderten Nervenbündel fanden sich auch noch zahlreiche wohlerhaltene
Fasern; damit lässt sich die Annahme einer den Nervenstamm be-
treffenden peripheren Lähmungsursache nur schwer vereinigen. Die
Nervenwurzeln sind dabei nicht in erschöpfender Weise untersucht
worden. Im Rückenmark ergab die mikroskopische Untersuchung keine
nennenswerthe Anomalie, obgleich makroskopisch das rechte Vorder-
horn blutreicher erschienen war.
Es bleibt also vorläufig höchstens eine gewisse Wahrschein-
lichkeit für den peripheren Ursprung der Bleilähmung.
Auf der andern Seite haben wir Entartungsreaction und Atrophie
in ganz der gleichen Weise bei einer entschieden spinalen Lähmung,
nämlich bei der sog. spinalen Kinderlähmung und es ist höchst wahr-
scheinlich, dass sich bei dieser Krankheit dieselben Veränderungen an
Nerven und Muskeln finden werden, wie bei der Bleilähmung, obgleich
das bisher merkwürdiger Weise noch nicht eingehend und systematisch
untersucht worden ist.
Jedenfalls lässt diess die Möglichkeit einer spinalen Entstehung
auch für die Bleilähmung offen und ich muss gestehen, dass mir die-
selbe aus verschiedenen Gründen zur Zeit auch wahrscheinlicher ist,
als die periphere Entstehung: wegen der offenbaren Analogie mit der
spinalen Kinderlähmung in Bezug auf Verbreitung, Atrophie der Mus-
keln, elektrisches Verhalten; wegen des regelmässigen symmetrischen
Befallenwerdens derselben Nervengebiete; wegen der bloss partiellen
Ausbreitung der Lähmung auf bestimmte Fasern desselben Nerven-
stammes (Freibleiben des Snpinator longus); wegen des Freibleibens
der Sensibilität u. s. w.
Dem Einwände, 4ass die bisherigen genauen Rückenmarksnnter-
suchungen (Gombault, Westphal) nur negative Resultate ergeben
haben, kann ich ein sehr grosses Gewicht nicht beilegen. Es ist
immerhin denkbar, dass die Bleiintoxication in gewissen (motorisch-
trophischen ?) Oentralapparaten Ernährungsstörungen setzt, die an sich
nicht mikroskopisch nachweisbar sind, die aber doch im Stande sind,
die Ernährung der peripheren Nerven und Muskeln in der mehrge-
Lähmung des Nervus radialis. Symptome. 517
dachten Weise zu verändern; dies nmsomehr als es sich ja um eine
in der Regel heilbare Affection handelt^ bei welcher die Annahme
völliger Degeneration und Atrophie der centralen Ganglienzellen un-
statthaft ist. Ausserdem handelt es sich dabei jedenfalls nur um Krank-
heitsherde von sehr geringer Ausdehnung, die der Beobachtung leicht
entgehen. Demnach glaube ich, dass man die Möglichkeit eines
spinalen Ursprungs der Bleilähmung wohl im Auge behalten muss.
Künftige Untersuchungen werden sich besonders auf die peripheren
Nerven richten müssen und es müssen dieselben einerseits bis in die
Muskeln, andrerseits durch ihre Wurzeln hindurch bis ins Rückenmark
verfolgt werden; dieses selbst ist dann besonders genau zu unter-
suchen, da es sich wahrscheinlich nur um ganz umschriebene Krank-
heitsherde handelt. Paralleluntersuchungen bei der spinalen Kinder-
lähmung und wohl auch der progressiven Muskelatrophie sind dabei
in hohem Grade wünschenswerth.
Die hier ausgesprochenen Gedanken haben in der sehr beachtens- •
werthen Arbeit von E. Remak eine werthvolle Begründung und Er-
weiterung erfahren. Remak hat sich bemüht auf Grund sorgfältigster
Bearbeitung eigener und fremder Beobachtungen über Bleilähmung
Anhaltspunkte für den eigentlichen Sitz der Läsion zu gewinnen und
macht es in hohem Grade wahrscheinlich, dass ganz circumscripte
spinale Veränderungen in den grauen Vordersäulen der
Bleilähmung zu Grunde liegen. Weiterhin haben sich ihm
Gründe daför ergeben, fllr die typischen Fälle der saturninen Radialis-
lähmung die anatomische Läsion etwas über dem oberen Ende der
Cervicalanschwellung zu suchen, was natürlich ftlr die Localisation
elektrotherapeutischer Maassnahmen von Wichtigkeit ist. Künftige Unter-
suchungen werden über die Richtigkeit dieser Schlussfolgerungen zu
entscheiden haben.
Die Symptome der Radialisläbmung sind äusserst prägnant
und ermöglichen dem Geübten die Diagnose auf den ersten Blick.
Der N. radialis versorgt bekanntlich den M. triceps, einen kleinen
l'heil des Brachialis intern, und sämmtliche auf der Streckseite des
Vorderarmes gelegenen Muskeln. Dem entsprechend findet man bei
völliger Radialislähmung die Hand in Beugestellung, sie hängt
schlaff herab , kann nicht erhoben ' und mcht dorsalflectirt werden.
Die Finger sind in Beugestellnng , der Daumen unter dieselben ge-
bogen und adducirt. Die Finger können nicht gestreckt werden:
bei Streckversuchen tritt nur die Wirkung der Interossei und Lum-
bricales ein, welche bekanntlich nur die zwei Endphalangen strecken,
die Basalphalanx dagegen beugen. Der Daumen kann nicht ab-
dudrt und nicht gestreckt werden, ebensowenig der Zeigefinger.
Der Vorderarm kann (bei gleichzeitig gestrecktem Arm, um die
Wirkung des Biceps auszuschliessen) nicht supinirt werden (Lähmung
des Supinator brevis); ebenso kann er nicht durch den Supinator
518 Erb, Krankheiten der peripheren- cerebrospinalen Nerven.
longus gebeugt und halb-supinirt werden; die Lähmung dieses Mus-
kels erkennt man leicht daran, dass, wenn man den Arm in halb
gebeugter und halb-pronirter Stellung festhält und dann den Kranken
kräftige Beugeversuche machen lässt, das harte Vorspringen des
Supinator longus dabei nicht erscheint, sein Muskelbauch yielmehr
schlaff und weich bleibt. Ist der Triceps mitgelähmt, so können
die Kranken den Arm nicht kräftig strecken, ihn nicht, wenn der
Oberarm gehoben ist, yertical ausstrecken. Lässt man die Hand
flach auf einen Tisch legen, so können keine Seitenbewegungen mit
derselben ausgeführt, sie kann nicht von der Tischfläche erhoben
werden, während in dieser Stellung die durch die Interossei vermit-
telten Seitenbewegungen der Finger ganz gut gehen. — Gleichzeitig
erscheint die Motilität der Beuger dadurch beeinträchtigt, dass das
Handgelenk während ihrer Action durch die Streckmuskeln nicht
mehr fixirt wird, wodurch ihre Insertionspunkte sich einander über-
mässig nähern, und ihre Contractionen kraftlos werden; fixirt man
das Handgelenk kräftig in Extensionsstellung, so lässt sich leicht
erkennen, dass die Flexoren in keiner Weise gelähmt sind.
Die Functionsstörungen der Hand, welche durch die Radialis-
lähmung herbeigeführt werden, sind beträchtlicher, als bei jeder
andern Lähmung am Arm; die Kranken sind des Gebrauches ihrer
Hand fast völlig beraubt; sie können mit derselben (besonders des
Daumens wegen und wegen der behinderten Function der Beuger)
nichts fassen nni ergreifen, können die Hand nicht supiniren und
sind so zu allen feineren Arbeiten total und selbst zu gröberen fast
völlig unfähig. Bei tausend kleinen Verrichtungen des täglichen
Lebens macht sich diese Lähmung in der störendsten Weise be-
merkbar.
Gewöhnlich besteht gleichzeitig eine mehr oder weniger hoch-
gradige Anästhesie im Radialisgebiet; sitzt die Lähmungsursache
hoch oben, so macht sich dieselbe im Gebiet der Nn. cutan. post
super, und infer., also auf der hintern Seite des Oberarmes und der
Streckseite des Vorderarmes bemerklich; bei tieferem Sitz ist nur
das Verbreitungsgebiet des N. radialis an der Hand (Dorsalfläche
der drei ersten Finger bis zur 2. Phalanx hin und die entsprechende
Partie des Handrückens und Daumenballens) von der Anästhesie be-
fallen. Sehr auflallend ist oft bei vollständiger motorischer Läh-
mung die Geringfügigkeit der sensiblen Störung; dieselbe kann selbst
ganz fehlen (Lannelongue, Savory, Bernhardt). Es bleibt
für solche Fälle nichts übrig, als auf die aus verschiedenen chüro-
gischen Beobachtungen erschlossenen und von Arloing und Tri-
LäbmuDg des Nenras radialis. Diagnose. 519
pier experimentell an Hunden erwiesenen Anastomosen zwischen
den grossen Nervenstämmen des Vorderarmes zu recnrriren, durch
welche die wenigstens theilweise Erhaltung der Sensibilität bei
Durchschneidung des einen oder andern Nerven im Gebiete dessel-
ben garantirt wird. Freilich scheinen diese Anastomosen nicht in
allen Fällen in der gleichen Vollständigkeit vorhanden zu sein. —
Häufig klagen die Kranken nur über ein subjectives Geftihl von
Taubsein und Pelzigsein an den genannten Hautstellen, ohne dass
fiich objectiy eine Verminderung der Sensibilität nachweisen Hesse.
Nicht selten beobachtet man — von dem Grade der Läsion im
Nerven abhängige — mehr oder weniger hochgradige Atrophie der
Streckmuskeln.
In auffallendem Gegensatz dazu steht eine manchmal über dem
Handgelenk sich einstellende Schwellung der Strecksehnen
— umschriebene, haselnussgrosse , längliche, bewegliche, meist
schmerzlose Anschwellungen, t^elche von Gubler zuerst bei Blei-
lähmung gefunden und seither vielfach bestätigt wurden; Gubler
sah dieselbe Schwellung dann auch bei hemiplegischer, Nicaise
und ich selbst fanden sie bei traumatischer Radialislähmung. Das
Ganze wird als Tenosynitis hyperplastica bezeichnet und verdankt
seine Entstehung ohne Zweifel zunächst der mechanischen Insultation,
welche die über das in starker Flexion befindliche Handgelenk hin-
weglaufenden Sehnen erfahren. Die Annahme, dass aber auch die
Nervenlähraung an sich prädisponirend auf das Zustandekommen
dieser Ernährungsstörung wirke, wird dadurch um so wahrschein-
licher, dass man nicht selten gleichzeitig Gelenkschwellungen am
Carpus und an den Fingergelenken beobachtet.
Die elektrische Erregbarkeit verhält sich je nach der
Lähmungsursache in bekannter Weise verschieden und kann hier ^
wie überall zur Beurtheilung der im Nerven und in den Muskeln
vorhandenen Ernährungsstörungen, so wie zur Diagnose des Sitzes
der Lähmung verwerthet werden. Bei den leichten Compressions-,
den Erückenlähmungen, bei den sogenannten rheumatischen Lähmun-
gen pflegt die elektrische Erregbarkeit vollkommen normal zu sein;
sie ist hier oft zur Localisation der Lähmungsursache im Nerven gut
zu benutzen: unterhalb der Läsionsstelle ist die Erregbarkeit des
Nerven normal, von oberhalb derselben ist keine Reaction zu er-
zielen — damit ist die Stelle der Leitungshemmung oft sehr genau
zu umgrenzen. In einem einzigen Falle von Drucklähmung habe
ich die früher erwähnte Mittelform der Entartungsreaction gefunden;
in dem von Fr. Fischer beschriebenen Falle war sie ebenfallö vor-
520 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nenren.
handen. Die ausgesprochene Entartnngsreaction (mit den charakte-
ristischen Yei^ndernngen der faradischen, galvaniBchen and mecha-
nischen Erregbarkeit) findet sich dem Stadium der Lähmung ent-
sprechend, bei allen schweren traumatischen Radialislähmungen und
bei der Bleilähmung, hier jedoch gewöhnlich nur in einem Theil der
Muskeln. Immer ist damit hochgradige Atrophie der Muskeln ver-
bunden. — Bei hemiplegischer Lähmung endlich ist die elektrische
Erregbarkeit normal oder unerheblich gesteigert
Die Diagnose der Radialisläbmung an sich ist ungemdn Idcht
und selbst paretische Zustände einzelner Muskeln im Radialisgebiet
sind in der Regel leicht zu erkennen. Schwieriger kann oft die
Unterscheidung in Bezug auf Art und Sitz der Lähmungsursache
werden ; doch kommt hier eigentlich nur die Compressions-, trauma-
tische und Bleilähmung in Frage, da die übrigen Formen, die cere-
bralen, neuritischen, hysterischen und anderen Lähmungen gewöhn-
lich leicht aus den Begleiterscheinuhgen und den Ergebnissen der
Ananmese zu erkennen sind.
Die gewöhnliche Compressionslähmung (und die soge-
nannte n rheumatische ^) charakterisiren sich folgendermassen : Ge-
lähmtsein sämmtlicher Muskeln an der Streckseite des YorAer-
armes, einschliesslich der Supinatoren ^) ; Freibleiben des Trioeps;
Sensibilitätsstörung nur an der Hand; elektrische Erregbarkeit
normal. — Erückenlähmung: Mitbetheiligung des Trioeps; elek-
trische Erregbarkeit normal; Nachweis der Ursache. — Schwere
traumatische Lähmung: Je nach dem Sitz des Trauma wech-
selnde Betheiligung der Muskehi ; manchmal einzelne in auffallender
Weise wenig betheiligt; so sah Bernhardt bei einer traumatischeii
Lähmung in Folge von Schulterluxation die Supinator^i frei bleiben,
ich selbst in einem ähnlichen Fall den Extens. digitor. yiel schwerer
betroffen, als den Radialis und Supinator longus ; Entartungsreaction;
Atrophie der Muskeln.
Bleilähmung: Bei ihrer Charakterisirung mttssen wir etwas
länger verweilen. Dieselbe beginnt gewöhnlich im Extensor digitor.
comm., einzelne Bündel desselben zuerst befallend und dann auf die
übrigen weiter schreitend ; dann kommen in wechselnder Reihenfolge
1) DasB auch dies nicht ausnahmslos richtig ist, zeigt ein neuerdings tob
Bernhardt (Arch. f. Psych, u. Nerv. Y. S. 561) mitgetheilter Fall, in welchem
der Supinator longus von derL&hmung frei blieb; es handelte sich aber um eine
schwere Lähmung mit Entartungsreaction, deren Entstehung durch Compression
nicht sicher ist Die Läsion muss hier unterhalb des Abgangs des Astes f&r den
Suplnat. long, ihren Sitz haben.
Lähmung des Nervus radialis. Verlauf und Prognose. 521
die Radiales, der Extensor olnaris, die Daumenstrecker nnd der Ab-
dnetor pollie. long, daran; der Snpinator brevis bleibt ge-
wöhnlich sehr lange, der Snpinator longns fast aus-
nahmslos frei von der Lähmung und wird in ganz seltenen
Fällen erst spät nnd in massigem Grade ^Yon derselben befallen.
Dieses Freibleiben der Snpinatoren ist ein, wenn auch nicht absolut
sicheres (s. oben), so doch äusserst werthYoUes diagnostisches Krite-
rium der Bleilähmung. Meist werden kurz nach einander beide
Arme befallen, und zwar in der Regel der vorwiegend gebrauchte
Arm zuerst und am intensivsten (H. Meyer, E. Rem ak). In einem
Theil der gelähmten Muskeln pflegt sich alsbald, mit fortschreiten-
der Atrophie einhergehend, die Entartungsreaction in exqui-
siter Weise und mit ihrem gewöhnlichen Verlaufe einzustellen. Ein-
zelne weniger schwer befallene Muskeln können aber auch ihre
elektrische Erregbarkeit conserviren. In diesen letzteren pflegt
dann die Motilität bei geeigneter Behandlung rasch wiederzukehren
(Duchenne), während die von der Entartungsreaction betroffenen
immer sehr lange Zeit zur Heilung brauchen. — Dass weiterhin
auch noch anderweitige Muskelgebiete (Interossei, Muskeln des Dau-
menballens, Deltoideus, Rttckenmuskeln, Muskeln der unteren Extre-
mitäten u. s. w.) von der Bleilähmung befallen werden können, kann
hier nur angedeutet werden. Die Venen des Vorderarmes, beson-
ders der Streckseite, sind in vielen Fällen auffallend geschwellt und
varicös (Hitzig). — Die Atrophie der Muskeln, das Fehlen der
Sensibilitätsstörung, das Auftreten der Sehnenschwellungen am Hand-
gelenk, die ttbrigen Erscheinungen von Bleiintoxication , besonders
d^ graue Rand am Zahnfleisch, vorausgegangene Koliken u. s^w.
werden zur weiteren Begründung der Diagnose dienen.
Das Auftreten der Entartungsreaction in den von der Bleilähmung
betroffenen Muskeln — wem'gstens in allen schwer betroffenen —
scheint ziemlich constant zu sein. Sie konmit in 2 — 3 Wochen zur
vollen Ausbildung, doch scheint sich die gesteigerte galvanische Er-
regbarkeit der Muskeln ziemlich bald wieder zu vermindern und unter
die Norm zu sinken, während die qualitativen Veränderungen derselben
fortbestehen. Daher wohl die häufigen Angaben über Verminderung
der faradischen und galvanischen Erregbarkeit bei Bleilähmung. —
In dem jüngst von mir publicirten Falle konnte die ausgesprochenste
Entartungsreaction auch in einzelnen Muskeln nachgewiesen werden
(Deltoideus), welche in keiner Weise gelähmt waren; ein Verhalten
von hohem theoretischem Interesse.
Verlauf und Prognose der Radialislähmungen richten sich
zumeist nach den veranlassenden Momenten. — Die gewöhnlich
522 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
plötzlich auftretenden leichten Compressionslähmnngen (ebenso wie
die „rheumatischen") bestehen gewöhnlich auffallend lange; selten
sieht man sie in 1 — 2 Wochen verschwinden; meist dauern sie 4 bis
6 Wochen und nicht selten Monate lang ; ja sie können sich , wie
Brenner anftthrt, über Jahre hinaus erstrecken. Die Motilität kehrt
ganz allmälig wieder, und man kann oft von Tag zu Tag die Fort-
schritte in der Hebung des Handgelenkes und der Stre<^ung der
Finger verfolgen. Ihre Prognose ist fast absolut günstig , wiewohl
auch hier einzelne unheilbare Fälle vorzukommen scheinen. — Noch
günstiger ist die Krückenlähmung, welche gewöhnlich in 1—2 Wo-
chen zur Heilung gelangt, wenn die Ursache entfernt, und die ge-
eignete Behandlung eingeleitet wird. Dass selbst sehr lange an-
dauernde Compression dem Nerven nicht die Fähigkeit nimmt, rasch
wieder seine Function zu übernehmen, beweist der oben schon er-
wähnte Fall von Busch. — Die schweren traumatischen Lähmun-
gen haben auch im Radialisgebiet den langsamen und ermüdenden
Verlauf, welchen sie überall zeigen ; immer vergehen mehrere Monate,
häufig '/2— 1 Jahr, bis die Heilung auch nur leidlich vollendet ist;
oft sieht man noch nach mehreren Jahren die Besserung Fortschritte
machen; aber in den meisten Fällen tritt dieselbe doch ein, wenn
nicht allzuschwere und irreparable Läsionen am Nerven selbst vor-
handen sind. Daraus ergibt sich die Prognose. — Die Bleilähmung
hat ebenfalls immer einen äusserst schleppenden Verlauf; meist ver-
gehen Monate, ehe die schwer betroffenen Muskeln wieder anfangen^
dem Willensreiz zu folgen. Die elektrische Untersuchung gibt hier
oft werthvolle prognostische Anhaltspunkte. Aber auch anscheinend
sehr schwere Fälle kommen hier noch (nach 1—2 Jahren) zur Hei-
lung, vorausgesetzt, dass die Ursache der Intoxication entfernt ist
Selten sieht man unheilbares Fortschreiten der Lähmung und Atro-
phie bis zum Tode. — Die hysterischen Radialislähmungen zeigen
den bei hysterischen Lähmungen im Allgemeinen zu beobachtenden
wechselvollen Verlauf und theilen ihre Prognose. — Die Radialis-
lähmung, welche eine sehr gewöhnliche Theilerscheinung der cere-
bralen Hemiplegie bildet, zeichnet sich vor den gleichzeitigen Läh-
mungen anderer Nervengebiete meist durch eine besondere Hart-
näckigkeit aus ; Streckung der Finger, des Handgelenkes und Daumens
sind die Bewegungen, welche solchen Kranken meist zuletzt wieder-
kehren. Im Uebrigen theilen diese Lähmungen die Prognose cere-
braler Lähmungen überhaupt.
Lähmung des Nervus medianus. 523
d. Lähmung im Gebiet des N. medianus.
Der N. medianDS wird im Ganzen selten von isolirter Lähmung
befallen : eine „ rheumatische *" Medianuslähmung wird jedenfalls sehr
selten beobachtet ; weit häufiger sind traumatische Lähmungen (durch
ungeschickten Aderlass, durch Schnittwunden; Drucke Quetschung,
schlechte Krücken , Humerusfracturen , Schussverletznngen n. s. w.),
welche den Nerven theils am Oberarm, theils seinen Endast ober-
halb des Handgelenkes betreffen können. Lähmungen darch Neuri-
tis, Neurome u. dgl. kommen vor; ebenso Lähmungen nach acuten
Krankheiten; endlich ist die Medianuslähmfing eine sehr gewöhn-
liche Theilerscheinung centraler Lähmungen und durch die progres-
sive Muskelatrophie werden sehr häufig einzelne dem Medianus an-
gehörige Muskelgebiete (besonders die Daumenballenmuskeln) der
Lähmung entgegengeftthrt.
An dieser Lähmung sind betheiligt: der M.flexor carpi radial.,
die Pronatoren, der Flexor digitor. sublimis und der laterale Theil
des Flexor dig. profund., der Flexor pollic. longus und endlich die
kleinen Muskeln am Daumenballen, mit Ausnahme des Adductor
poll. brevis. Man findet dann die Beugung der 2. Phalanx an allen
Fingern unmöglich, die der 3. Phalanx am Zeigefinger und Mittel-
finger unmöglich, Beugung und Opposition des Daumens völlig un-
ausführbar. Dagegen ist die Beugung der 1. Phalanx, bei Streck-
ung der beiden letzten durch die Interossei an den letzten vier Fin-
gern gut möglich; nicht selten bildet sich sogar durch das Ueber-
wiegen der Interosseuswirkung eine Art Hyperextension der beiden
letzten Phalangen besonders am Zeigefinger aus. Opposition, Flexion,
und jeder feinere Gebrauch des Daumens sind unmöglich, der
Daumen wird in dauernde Extension und Adduction gestellt und dem
Zeigefinger anliegend gehalten, ähnlich wie bei der Affenhand. Beu-
gung im Handgelenk ist nur mit gleichzeitiger starker Adduction
(durch den Flexor ulnaris) möglich, die Wirkung des Flexor radialis
fehlt. Pronation der Hand ist fast ganz unmöglich, da dieselbe nur
in sehr unvollkommener Weise durch den Supinator longus ausge-
führt werden kann. *Die drei letzten Finger können noch theilweise
gebeugt werden, weil der Flexor digit. profund, zum Theil vom
N. ulnaris versorgt wird. Alles dies verleiht der Hand und den .Fin-
gern, besonders der Haltung des Daumens eine so charakteristische
Stellung, dass man eine isolirte Medianuslähmung daran sofort er-
kennen kann. Auch die nicht selten vorhandene hochgradige Atro-
524 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nenren.
phie der gelähmten Muskeln am Vorderarm und Daumenballen dient
zur weiteren Charakterisirung dieser Lähmung.
Sind Sensibilitätsstörungen vorhanden , so zeigen sieb dieselben
am lateralen Theil der Hohlhand , am Daumen, Zeige- und Mittel-
finger und der radialen Hälile des Ringfingers auf deren Volarsdte
und an deren beiden letzten Phalangen aueh auf der Dorsalseite (r^.
darüber die Angaben von Bernhardt und von Riohelot). Es
kann jedoeh die Sensibilitätsstörung aueh yOllig fehlen, selbst wenn
der Medianus oberhalb des Handgelenks durchschnitten ist (Riebet)^),
und es erklärt sich dieses aus den früher erwähnten Anastomosen mit
den übrigen Vorderammeryen (Arloing und Tripier). Uebrigens
sah ich bei gleichzeitiger Lähmung des Medianus und Ulnaris ober-
halb des Handgelenkes die Sensibilität der betreffenden Hautbeziike
vollständig erloschen, obgleich das Radialisgebiet völlig intaot war;
und in einem Falle von Durchschneidung des Medianus oberhalb des
Handgelenkes bestand völlige Anästhesie an den betreffenden Fingeni,
obgleich Ubaris und Radialis völlig intact waren. An den drei
ersten Fingern zeigen sich auch die trophischen Störungen der
Haut und Nägel (Glanzfinger, Ulcerationen , Pemphigusblaaen , ab-
normer Haarwuchs u. s. w.), welche schwere Medianuslähmungen
nicht selten begleiten.
üeber elektrisches Verhalten, Diagnose, Prognose und Verlauf
der Medianuslähmungen gilt im Allgemeinen dasselbe, was für die
Radialislähmung gesagt ist.
e. Lähmung im Gebiet des N. ulnaris.
Obgleich dieser Nerv bei einer oberflächlichen Lage am Ober-
arm und oberhalb des Handgelenkes mancherlei Schädlichkeiten
often ausgesetzt scheint, wird er doch nicht besonders häufig von
Lähmung befallen, und es ist die Aetiologie der Ulnarislähmungen
so ziemlich dieselbe, wie die der Medianuslähmung. Am häufigsten
sind noch traumatische Momente nachzuweisen: Druck, Quetschung,
Schuss- und Hiebwunden, Humerusfracturen , Schulterluxationen,
Erückendruck , Schlafen auf dem untergelegten Arm. Ich sah 01-
narislähmung durch ein kleines Neurom oberhalb des Ellbogens be-
dingt, welches durch häufige mechanische Beleidigung des Nerven
an dieser Stelle entstanden war. Duchenne sah dieselbe häufig
bei Arbeitern, welche bei ihrer Beschäftigung die Ellbogen fest aof
1) Doch fand Duchenne in diesem Falle die elektro-moscul. Saidbüitit
erloschen. (Electris. loc. 111. 6dit. p. 350.)
Lähmong des Nerras ulnaris. 525
eine harte Unterlage stützen. Die progressive Hoskelatropbie er-
greift mit Vorliebe die kleinen Handmoskeln, welche dem Gebiet
des Ulnaris angehören.
Die Ulnarislähmnng betheiligt den M. flexor carpi nlnaris^ den
grOssten Theil des Flex. digit. profund., sämmtliche Muskeln des
Hjpothenar, sämmtliche Interossei, einen Theil der Lnmbricales und
den Adductor pollic. brevis. Dem entsprechend finden sich folgende
Bewegungsbeschränkungen : die Ulnarflexion und Adduction der Hand
ist beschränkt; die vollständige Beugung der drei letzten Finger er-
schwert oder unmöglich; die Bewegung des kleinen Fingers fast
ganz aufgehoben; Spreizen und Wiederzusammenpressen der Finger,
so wie Beugung der t . und Streckung der 2. und 3. Phalanx sämmt-
lieber Finger (Interossei) unmöglich. Sind die Interossei und Lum-
bricales allein gelähmt, so entsteht durch den Zug des Extens. digit.
oommun. und der Flexores digitor. (Streckung der ersten und Beugung
der beiden letzten Phalangen) jene exquisite Krallenstellung der
Hand, wie sie ftlr die Lähmung des Ulnaris oberhalb des Hand-
gelenkes und fllr gewisse Fälle der progressiven Muskelatrophie so
bekannt und charakteristisch ist; dieselbe ist jedoch bei der Ulnaris-
lähmung an den beiden letzten Fingern mehr ausgesprochen, als am
2. und 3. Finger, weil deren Lumbricales vom Medianus versorgt
werden; endlich besteht Unmöglichkeit, den Daumen zu adduciren,
und ihn fest an den Metacarpus des Zeigefingers anzulegen.
Durch alle diese Motilitätsstörungen wird die Function der Hand
erheblich gestört und besonders feinere Verrichtungen (Schreiben,
Zeichnen, Klavierspielen) mit derselben werden ungemein erschwert.
Doch ist bei erhaltener Motilität im Radialis- und Medianusgebiet
die Gebrauchsfähigkeit der Hand nicht gänzlich angehoben. Ist
jedoch, wie das so häufig der Fall ist, die Daumenballenmusculatur
oder ein Theil der Strecker mitafficirt, dann wird der Gebrauch der
Hand fast unmöglich.
Die Sensibilitätsstörung — wenn sie vorhanden — er-
streckt sich auf den bekannten Verbreitungsbezirk des Ulnaris: Theil
der Vola manus, Volarfläche des 4. und 5. Fingers, Theil des Hand-
rückens und Dorsalfläche der drei letzten Finger. Es gilt fQr ihr
Fehlen oder Vorhandensein dasselbe, wie ftlr die Radialis- und
Medianuslähmung.
Die trophischen Störungen (besonders die charakteristische Atro-
phie der Interossei, Einsinken der Intermetacarpalräume) , das elek-
trische Verhalten der gelähmten Nerven und Muskeln verhalten sich ge-
nau so, wie bei den Lähmungen der beiden andern Vorderarmnerven.
526 Erb, Krankheiten der periphcren-cerebrospinalen Nenren.
Die Diagnose der Ulnarislähmung bietet nicht die geringsten
Schwierigkeiten: besonders charakteristisch ist das Fehlen der Ad-
dnctionsbewegnng im Handgelenk^ und die Lähmung der Interossd.
lieber den Sitz und die Ursache der Lähmung wird nach allgememen
Regeln zu entscheiden sein. Etwaige Contracturen sind meist leicht
zu erkennen.
lieber Prognose und Verlauf ist auf das bei der Radialislähmung
Gesagte zu verweisen.
Therapie der Lähmungen der obern Extremität
Die Entfernung der ursächlichen Schädlichkeiten ist vor allem
zu erstreben und kann hier manches leisten. Besonders sind es
chirurgische Hülfeleistungen, welche nicht selten als Vorbedingung
für jede weitere Behandlung erforderiich sind: die Einrichtung von
Luxationen und Fracturen, die Entfernung abnormer Callusbildung
(Busch); die Ausschneidung comprimirender Narben, eventuell auch
die chirurgische Wiedervereinigung getrennter Nervenenden, die Be-
handlung von Wunden der verschiedensten Art, die Entfernung von
drückenden Geschwülsten, von Neuromen — das mögen die haupt-
sächlichsten Maassnahmen sein, die hier in Frage kommen. Gegen
die „rheumatischen" Lähmungen ist nicht viel zumachen; doch mag
man Gegenreize, diaphoretisches Verfahren, Jodkalium versuchen;
gegen nachweisbare Neuritis erweisen sich Antiphlogose und der
galvanische Strom nützlich. — Gegen hysterische und centrale Läh-
mungen tritt die Behandlung der zu Grunde liegenden Störung vor
allem in ihre Rechte. — Bei Bleilähmung muss vor allen Dingen
die Femhaltung weiterer Au&ahme von Blei erstrebt werden durch
Aufgabe des Berufs, Unterbrechung der betreffenden Thätigkeit oder
geeignete Präventivmaassregeln; und dann wird man durch die ge-
wöhnlichen Mittel (Bäder, Schwefelbäder, Jodkalium, Fordernis des
Stoffwechsels) die möglichst rasche Eliminirung des Giftes zu be-
wirken haben. — In veralteten Fällen von traumatischen Lähmungen,
von Paralysen in Folge von Gelenkrheumatismus oder chronischer
Neuritli9 wird man nicht selten durch locale oder allgemeine Bäder
(Malz- und Kleienbäder, Wildbad, Teplitz, Wiesbaden, Soolbäder
u. s. w.) noch BesseruDg erzielen können.
Von den direct gegen die Paralyse anzuwendenden Mitteln ver-
dient allein die Elektricität Vertrauen, da sie neben ihren be-
deutenden direct antiparalytischen Wirkungen häufig auch noch die
Indicatio causalis erfüllt. Für ihre Anwendung, die Wahl des fara-
dischen oder galvanischen Stromes, die Localisation und Stärke des-
Therapie der L&hmangen der oberen Extremität. 527
selben, die Daner und Häufigkeit der Applicationen gelten voll-
kommen die früher (S. 431) aufgestellten allgemeinen Regeln. Bei
den schweren traumatischen Lähmungen wird man sich immer auf
eine lang fortgesetzte oder in bestimmten Zeiträumen wiederholte
Behandlung gefasst machen müssen und wird dieselbe yorwiegend
mit dem galvanischen Strom vornehmen. Die leichten Gompressions-
lähmungen (des N. radialis , Erückenlähmung u. s. w.) pflegen der
Faradisation ziemlich rasch zu weichen, doch schien mir hier der
galvanische Strom manchmal eine grössere momentane Wirkung zu
haben. Gegen die Bleilähmung wird man sich vorwiegend des gal-
vanischen Stroms bedienen, obgleich auch die Faradisation bei der-
selben inDuchenne's Händen recht gute Erfolge aufzuweisen hat.
Neben der localen Galvanisation, die sich über die befallene Muscu-
latur und den N. radialis womöglich in seiner ganzen Ausdehnung
zu erstrecken hat, empfiehlt sich auch die Galvanisation des Hals-
theils des Rückenmarks, und es muss weiteren Versuchen vorbehalten
bleiben, zu entscheiden, ob nicht auch die Galvanisation des Sym-
pathicus bei dieser Lähmung nützlich ist. In allen Fällen ist eine
ausdauernde und regelmässige Behandlung nothwendig.
Mit Spirituosen und irritirenden Eiureibungen u. dgl. äusseren
Mitteln wird man nur sehr wenig erreichen. Dagegen kann in vielen
Fällen eine mit Consequenz durchgeführte active und passive Gym-
nastik das Fortschreiten der Heilung wesentlich fördern.
Nach dieser Besprechung der einzelnen Lähmungsformen im Ge-
biet der obem Extremität erübrigt noch, einige Worte über die
häufigeren C!ombinationen derselben zu sagen. Dieselben kommen
in mannichfacher Weise vor, und bei der vielfachen Verschlingung
der Faserzüge im Plexus brachialis ist es begreiflich, dass besonders
die Plexuslähmungen einen grossen Wechsel in der Gruppirung der
befallenen Nerven- und Muskelgebiete darbieten werden, je nach-
dem das eine oder andere Bündel des Brachialplexus vorwiegend
von der Lähmungsursache betroffen ist.*)
In dieser Beziehung bieten die Lähmungen nach Schtllter-
luxationen schon eine grosse Mannichfaltigkeit. Es ist klar, dass
1) Seeligmüller hat in zwei F&llen von L&hmaog des Plex. brachialis Er-
Bcheinaogen von L&hmaog des Halssympathicus (Yereogerung der Lidspalte und
der Pupille der betreffenden Seite) gefunden, welche zur Charakterisirung mancher
F&Ue ^beitragen dürfte. Dasselbe berichtet B&rwinkel (Arch. f. klin.Med. XIV.
S. 546) in zwei FHUen traumatischer Lähmung des Plexus brachialis. Eine ge-
nauere Deutung dieses Symptoms fehlt gleichwohl noch.
528 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
besonders die Luxatio subcoracoidea den hier oben dicht beisammen-
liegenden Nerrenstämmen des Plexus brachialis in besonderem Grade
gefährlich wird, und je nach zufälligen Verhältnissen können hier
bald sämmtliche Nerven gequetscht oder selbst zerrissen werden,
oder es kann der eine oder andere von ihnen frei bleiben, oder nnr
leicht betroffen sein. Daher das wechselvoUe Bild^ welche^ die
Gasuistik dieser Lähmungen bietet. In einem Theil der Fälle ist
dc^ ganze Arm ytfllig gelähmt: N. axillaris, musculocutaneus und
die drei Yorderarmnervenstämme sind gleichmässig an der T Ahmung
betheiligt; ändere Male sieht man nur den N. axillaris und radialis
gelähmt, in wieder anderen Fällen bleiben Biceps und Brachiafis
internus frei, oder in den Beugern am Vorderarme sind die Be-
wegungen erhalten, während alles ttbrige gelähmt ist u. s. w. —
Fast inmier handelt es sich um schwere traumatische Lähmungen;
die Entartungsreaction stellt sich in den betroffenen Nerven und
Muskeln ein und lässt einen sehr langsamen Verlauf der Heilung
vorhersehen; doch kann in den leichter betroffenen Nerven die Er-
regbarkeit erhalten bleiben, und in diesen kehrt dann auch die Moti-
lität meist bald zurück, wlÄrend allerdings nicht selten auch einzelne
schwerer betroffene Nervengebiete ftlr immer gelähmt bleiben.
Bei den Lähmungen durch Humerusfracturen handelt
es sich meist nur darum, ob einer oder mehrere der Vorderann-
nervenstämme von der Läsion mit betroffen wurden oder später in
das Bereich der Gallusbildung gezogen werden. Am häufigsten wird
der Radialis, demnächst der Ulnaris, am seltensten der Medianos
gelähmt. Meist handelt es sich hier ebenfalls um schwere trauma-
tische Paralysen mit sehr langer Heilungsdauer.
Fracturen und Luxationen am Ellbogen und Vor-
derarm sind eine häufige Quelle von Lähmungen der Vorderarm-
nerven, und es ist klar, dass dabei Ulnaris und Medianus in erster
Linie betiieiligt sein werden. Gerade bei diesen Verletzungen kommen
auch vielfach Lähmungen durch ungeschickt oder zu fest angelegte
Verbände vor, wie ich solche Fälle mehrfach sowohl an den Nerven-
stämmen oberhalb des Handgelenkes wie oberhalb des Ellbogens
beobachtet habe. Das sind immer sehr hartnäckige und langwierige^
nicht selten unheilbare Lähmungen.
Eine eigenthttmliche Gombination gelähmter Muskeln
habe ich in mehreren Fällen spontan entstandener (rheumatischer)
sowie auch traumatischer Lähmungen des Armes gefunden: nämlich
eine gleichzeitige Lähmung des Deltoideus, des Biceps und Brachialis
internus, sowie des Supioator longus. Hie und da fanden sich audi
Combinirte Lähmungen des Plexus brachialis. 529
noch einzelne andere Muskeln daran betheiligt; z. B. habe ich in
zwei Fällen den Sapinator brevis ebenfallfi betheiligt gefunden; in
einem andern das ganze Gebiet des Medianas am Vorderarm a. s. w.,
immer aber sind die genannten Maskeln, wenn nicht aasschliesslichi
so doch hauptsächlich befallen. Es deutet dieses auf einen Sitz des
Leidens an einer Stelle, wo die den N. axillaris; musculo-cutan. und
einen Theil des Radialis bildenden Fasern noch beisammen liegen.
In der That gelingt es bei vielen Individuen bei sehr vorsichtiger
faradischer Reizung der einzelnen Aeste des Plexus brachialis eine
Stelle zu finden (sie entspricht ungefähr der Austrittsstelle des 6. Cer-
vicalnerven zwischen den Scalenis); von welcher aus der Deltoideus,
BicepS; Brachial, intern, und die Supinatoren in gemeinschaftliche;
sehr energische Gontraction versetzt werden. (Es ist dabei oft
schwer; den dicht daneben liegenden Ursprung des N. radialis zu
vermeiden; trifft man diesen isolirt; so contrahirt sich das Radialis-
gebiet mit Ausnahme des Supinator longus.) Ich vermuthe deshalb;
dass die hier gemeinte Lähmungsform ihren Sitz in den dort liegenden
Wurzeln des Plexus brachialis und zwar den beiden obem Wurzeln
desselben oder der Yereinigungsstelle beider habe und empfehle die-
selbe weiterer Beachtung und eventueller anatomischer Untersuchung.')
Ich habe dieselbe zweimal in Folge einer offenbaren NeuritiS; ein-
mal in Folge eines Falles auf Arm und Schulter und einmal in
Folge von Carcinom der Halsdrttsen und der Wirbelsäule gesehen.
Die elektrische Erregbarkeit war im letzteren Falle normal; in den
anderen bestand mehr oder weniger ausgesprochene Entartungsreac-
tion und diese kamen alle zur Heilung. In zwei Fällen klagten die
Kranken Pelzigsein im Medianusgebiet an der Hand.
Sehr merkwürdig ist es, dass ziemlich dieselben Muskeln ge-
lähmt gefunden werden bei jener Form der Lähmung; welche
Duchenne in der dritten Ausgabe seiner Electris. local. p. 357 bei
Neugeborenen als „Paralysie obstitricale infantile du membre supö-
rieur*' beschrieben hat; und die wir wohl als Entbindungsläh-
mung bezeichnen dürfen. Ich habe selbst zwei Fälle davon be-
obachtet und kann die Schilderung Duchenne's in allen wesent-
lichen Punkten bestätigen. Es handelt sich immer um Kinder; welche
durch geburtshttlfliche Operationen; Wendung und nachfolgende Ex-
tractioU; oder durch Tractionen an den Schultern bei schwerer Ent-
wickelung des Rumpfes zur Welt gebracht wurden. Einmal scheint
1) Auf die etwaige Betheiligung des lufraspinatos dürfte dabei in Zukunft
genauer zu achten sein, da dessen Nerv. ebenfalls Yom obersten Bündel des'Plex.
brach., aus dem 5. und 6. Cervicalnerven entspringt.
Hftndbaoh d. spee. Pathologie u. Therapie. XII. Bd. 1. 2. Aufl. 34
530 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nenren.
es das Ziehen an einer Schulter mit dem hakenförmig in die Achsel-
höhle eingesetzten Zeigefinger zu sein, welches die Lähmung tw-
schuldet, andere Male die schwierige Entmckelung der Arme bei
der Extraction und endlich ganz besonders, wie mir scheint, die ener-
gische Ausführung des sogenannten Prager Handgriffs, wobei die
gabelförmig dem Nacken angesetzten und eneigisch ziehenden und
drückenden Finger gerade die Gegend des Plexus brachialis in Ge-
fahr bringen. — Solche Kinder werden mit der Lähmung geboren»
doch wird dieselbe nicht immer sofort entdeckt, da ein Theil der
obem Extremität beweglich bleibt In allen Fällen aber ist da»
Bild der Lähmung ein sehr charakteristisches: der befisdlene Arm
fällt unbeweglich zur Seite des Rumpfes herab; er ist nach innen
gerollt und beständig gestreckt; weder Beugung des Vorderarms^
noch Erhebung des Armes sind möglich ; dagegen sind die Bewegongea
der Hand und der Finger erhalten. Die genauere Untersuchm^,
die bei den kleinen Patienten ihre sehr erheblichen Schwierigkeiten
hat, lehrt, dass der Deltoideus, der Biceps und Brachialis intern,
und der Infraspinatus nebst Teres minor (und die Supinatoren ?) ge-
lähmt sind. Die Sensibilität der Haut scheint nicht erheblich be-
einträchtigt. Die elektrische Erregbarkeit ist meist erheblich herab-
gesetzt (Entartungsreaction?). Nicht selten entwickeln sich bald
Contracturen in den nicht gelähmten Muskeln z. B. in einem meiner
Fälle im Pectoralis major. Die Prognose dieser sehr charakte-
ristischen Lähmung, die man nicht leicht mit irgend einer anderen
Lähmungsform verwechseln wird, und die ohne jede Complication
Ton Luxation oder Fractur besteht, ist nicht gerade gttnstig. Ver-
nachlässigte Fälle heilen manchmal nicht, und Duchenne empfiehlt
deshalb eine frühzeitige faradische Behandlung, von welcher er gute
Erfolge gesehen hat. Voraussichtlich wird eine geeignete galyanische
Behandlung dasselbe leisten. — Es kann wohl keinem Zweifel unter-
liegen, dass diese Form der „Entbindungslähmung'' durch die wäh-
rend der Entbindung stattfindende mechanische Gompression eines
Theils des Plexus brachialis entsteht.
Damit sind aber die Möglichkeiten der Entstehung yon Läh-
mungen der oberen Extremität bei Entbindungen nicht erschöpft.
Duchenne erzählt (1. c.) zwei Fälle, wo eine Lähmung des Plexus
brachialis durch den Druck einer schlecht angelegten Geburtszange
entstanden war; einen Fall, wo Lähmung zweier Vorderarmnerren
durch eine während der Geburt entstandene Humerusfractur yerur-
sacht war ; und er macht endlich auf die während der Geburt manch-
mal entstehende subacromiale Schulterluxation aufmerksam als eine
L&hmttDg des Nervus cmralis. 531
Ursache mehr oder weniger ausgebreiteter Lähmimg des Plexus
brachialis. Eine genaue Berücksichtigung dieser Vorkommnisse und
eine möglichst sorgfältige Untersuchung derartiger Fälle werden
ohne Zweifel das etwas schleierhafte Gebiet der ^^congenitalen''
Lähmungen etwas einengen. (Vgl. Seeligmfiller, Berl. klin. Wochen-
schrifL 1874. No. 40 u. 41.)
g. Lähmung im Bereich der Lumbal- und Sacralneryen.
A. Eulenburg, 1. c. S. 595—602. — Brenner, Unters, a. Beobacht. etc.
IL S. 203. - Bianchi, Des paraljsies traumatiques des membres inf^r. chez
les noavelles accouch^es. Th^se Paris 1867. — Duchenne, Electr. loc. 3« M.
p. 983 ff. 1016 ff. — Nothnagel, Die nervOsen Nachkrankheiten des Abdom.-
TTphns. Arch. f. klin. Med. IX. 1872. — C. Eisenlohr, Zur Pathol. d. Typhus-
iSlimungen. Arch. f. Psych, u. Nervenkr. VI» S. 543. 1876. — Vgl. ausserdem die
Handbücher der Elektrotherapie und die Werke über Krankheiten des Rücken-
markes und der Wirbelsäule.
Lähmungen im Bereich der unteren Extremität , deren Muskehi
sämmtlich von den Zweigen des Plexus lumbalis und sacralis ver-
801^ werden y sind ungemein häufig und verdanken den alleryer-
schiedensten Ursachen ihre Entstehung. Freilich stehen hier die
centralen Lähmungen weitaus im yordeip*und des praktischen Inter-
esses; fast alle spinalen Lähmungen beginnen ja in der unteren
Extremität; periphere Lähmungen haben deshalb in der Literatur
auch eine ihrer geringeren Häufigkeit entsprechende nur geringe
Beachtung gefunden. Es ist hier unsere Hauptaufgabe, die Sym-
ptomatologie der einzelnen Lähmungsformen kurz zu skizziren, und
die gewöhnlichen ätiologischen Momente hervorzuheben, während
wir fär eingehendere Betrachtungen auf die Krankheiten des Rücken-
marks verweisen.
i. Lähmwig im Gebiet des N. cmralis,
Isolirte Lähmungen des Schenkelnerven sind nicht gerade häufig:
man findet sie nach traumatischen Einwirkungen auf die Wirbelsäule
und auf das Becken, bei Tumoren und Blutextravasaten an der Gauda
equina; nicht selten im Gefolge von Eniegelenksentztindungen, nach
welchen manchmal das ganze Gebiet der Unterschenkelstrecker
atrophisch und gelähmt erscheint; im Gefolge von Psoasentztlndung
und Fsoasabscessen , nachdem vorausgegangene Reizungserscheinun-
gen abgelaufen sind, manchmal im Gefolge von Schenkelbrüchen
und Hüftgelenksluxationen ; nicht selten bei Hieb-, Stich- und Schuss-
verletzungen der Unterbauch- und Oberschenkelgegend. Ferner ist
34*
532 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Neuritis eine nicht seltene Ursache der Gruralislähmnng; ebenso
Becken- und Oberschenkeltumoren. Endlich ist dieselbe eine häufige
Theilerscheinung aller möglichen spinalen Lähmungen, seltener von
cerebralen Lähmungen und von der progressiven Huskelatrophie.
Symptome. Die Lähmung des N. cruralis betrifft den IL
iliopsoasy den Quadriceps femoris, den Sartorius und Pectineus. Dar-
nach sind die Erscheinungen sehr einfach: es besteht Unfähigkeit^
den Oberschenkel im Hüftgelenk zu beugen , und den Rumpf aus
der liegenden Stellung zu erheben; es besteht Unmöglichkeit, den
Unterschenkel zu strecken, im Sitzen den senkrecht herabhängenden
Unterschenkel aus der senkrechten Richtung nach vom zu bewegen.
Aufrechtes Stehen und Sitzen werden sehr unsicher, das Gehen^
Laufen und Springen sehr erschwert oder ganz unmöglich, weil bei
allen diesen Verrichtungen die Beuger des Schenkels und die Strecker
des Unterschenkels sehr nothwendig gebraucht werden. — Bei bei-
derseitiger Gruralislähmung ist die Fortbewegung des Körpers durch
Gehen so gut wie ganz unmöglich.
Häufig beobachtet man Sensibilitätsstörungen, die sieh
beim Befallensein des N. cruralis selbst auf die unteren zwei Drittel
des Oberschenkels, die Eniegegend und längs der inneren Seite des
Unterschenkels bis herab zum inneren Fussrand (N. saphenus) be-
merklich machen. Ist auch die Leistengegend, die untere Bauch-
gegend, das Scrotum, die äussere Schenkelfläche anästhetisch, so
deutet dieses auf einen Sitz der Lähmungsursache oberhalb des Ab-
ganges der betreffenden Hautäste (Deohypogastricus, Deo-inguinalis,
Lumbo - inguinalis , Spermaticus ext. und Gutan. femor. later.) vom
Plexus lumbalis. Geftthl von Pelzigsein, Taubsein, häufig auch
objectiv nachweisbare Kälte des Oberschenkels sind damit häufig
verbunden.
Sehr gewöhnlich ist Atrophie der Oberschenkelmusculatur, die
sich manchmal nur bei genauer vergleichender Messung verrätb,
meist aber sehr auffallend und hochgradig wird, so dass die Con-
figuration des Oberschenkels dadurch erheblich verändert erscheint
Nicht selten ist auch die Atrophie — ebenso wie die Lähmung —
nur partiell, auf einzelne Muskeln und Theile von Muskeln be-
sckränkt, welche dann eingefallen, schlaff, atrophisch erscheinen,
während die übrigen, besonders bei Innervationsversuch^ oder
bei faradischer Erregung, prall, fest, mit scharfen Oonturen h^ror-
springen.
Die elektrische Untersuchung ergibt je nach Art und Grad der
Lähmung und der consecutiven Ernährungsstörungen die verschie-
Lähmung des Nervus obturatorius und glutaeus. 533
denen, schon vielfach besprochenen Veränderungen, auf welche wir
hier nicht näher einzugehen haben.
2. Lähmung im Gebiet des N. obturatorius.
Kommt noch viel seltener als die Cruralislähmung isolirt yor;
häu% in Begleitung dieser letzteren und dann auf dieselben Ursachen
zurttckzuführen wie diese. Ausser den dort genannten ätiologischen
Momenten wären hier noch zu erwähnen: Gompression des Nerven
durch eine eingeklemmte Hemia obturatoria und durch den Druck
des durchtretenden Kindskopfes oder geburtshülflicher Instrumente
bei schweren Entbindungen.
Diese Lähmung äussert sich in den Adductoren des Oberschen-
kels; im Pectineus, Gracilis und dem M. obturator. ext. Demgemäss
vermögen die Kranken nicht, den Oberschenkel zu adduciren, die
Schenkel fest aneinander zu schliessen, den einen Schenkel über
den anderen zu legen; auch die Beugung des Schenkels mit der
Richtung nach innen ist erschwert, ebenso wie die Rotation des
Schenkels nach aussen. Beim Gehen stellt sich leichter Ermüdung
in dem kranken Beine ein. — Etwaige Sensibilitätsstörungen machen
sich an der inneren Seite des Oberschenkels bis hinab gegen das
Knie bemerklich. Partielle Lähmungen einzelner Muskeln der Ad-
ductorengruppe sind schwer zu erkennen. Das elektrische Verhalten
bei diesen Lähmungen ist nicht hinreichend untersucht.
5. Lähmung im Gebiet der Nn, glutaei.
Auch diese Lähmung kommt selten isolirt vor, sondern fast nur
als Theilerscheinung verbreiteter Lähmungen, welche das ganze Ge-
biet des Plex. sacralis betreffen, z. B. bei Tumoren und Läsionen an
der Gauda equina, bei Kreuzbein- und Beckenfracturen, bei spinalen
Erkrankungen u. s. w. Nicht selten wird das Krankheitsbild der
progressiven Atrophie und der Pseudohypertrophie der Muskehi
durch Atrophie und Lähmung der Gesässmusculatur vervollständigt.
Die Lähmung betrifft die Mm. glutaei, den Tensor fasciae, den
Obturator internus und Pyriformis, kann sich also bei der mannich-
fachen und complicirten Function dieser Muskeln in verschiedenen
Bewegungsstörungen äussern, welche zum Theil durch andere Muskel-
actionen compensirt werden können, und deshalb schwer zu analy-
siren sind. Es leidet die Rotation des Schenkels nach innen sowohl,
wie nach aussen, die Beugung des Schenkels wird etwas beschränkt,
534 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrosplnalen Nerven.
und die Abdaction desselben ist erheblich erschwert oder ganz im-
möglich. Beim Gehen and Stehen tritt Unsicherheit ein, da hierbei
die Oesässmuskehi , besonders der Glataens magnns den Rumpf auf
den Oberschenkeln zn fixiren und zu balanciren haben; besonders
das Treppensteigen wird unsicher. Die Wiederanfnchtung des nach
vom gebogenen Rumpfes ist erschwert. — Sensibilitfttsstömngen
pflegen dabei nur vorhanden zu sein, wenn noch andere NerFOh
bahnen gleichzeitig betroffen sind. — Atrophie der Muskeln ist sehr
gewöhnlich und besonders bei einseitiger Lähmung sehr aufiFallend:
das Gesäss hat seine Prallheit und Rundung yerloren; die Muskeln
erscheinen schlaff nnd welk und lassen mit Leichtigkeit die danmter
liegenden Skelettheile durchfühlen. Die elektrische Erregbai^eit ist
nur durch intramusculäre Reizung zu prüfen und zeigt dabei die der
Lähmungsursache und den secundären Störungen entsprechenden
Veränderungen.
4. Lähmung im Gebiet des N, ischiadicus.
Die grosse Ausdehnung des Nerven, seine vielfach exponirte
und oberflächliche Lage, seine mannichfachen Beziehungen zu den
Beckenorganen machen einerseits die Häufigkeit, andererseits die
Wichtigkeit der ihn betreffenden Lähmungen begreiflich. Es kann
der Stamm desselben in toto, oder es können seine beiden Haupt,
zweige (der N. peroneus und tibialis), oder es können selbst ein-
zelne Muskeln befallen sein. Sehr häufig ist die Lähmung eine
doppelseitige.
Aetiologie. Mechanische Beeinträchtigungen des Nerven oder
seiner Zweige, mögen sie nun in langsam zunehmender Compression
oder plötzlicher Quetschung, in Zerreissung oder Durchschneidung^
oder in Zerrung bestehen, sind jedenfalls am häufigsten Ursache der
Jjähmung des Ischiadicus, und es dttrfte schwer sein, eine nur eini-
germassen erschöpfende Aufzählung aller der Möglichkeiten zu geben,
welche so in mechanischer Weise wirken. So hat man solche Uh-
mnngen gesehen durch Schussverletzungen, Schnitt-, Hieb- und Stidi-
wunden des Nerven und seiner Aeste an den verschiedensten Stellen ;
nach chirurgischen Operationen (Geschwulstexstirpation , Tenotomie
u. s. w.) ; nach Wirbelbrttchen , nach Fall oder Schlag auft Gedta,
Blutextravasaten in die Kreuzbeinhöhle, bei Tumoren an der Canda
equina; in Folge von mechanischen Quetschungen der Nerven an
den verschiedensten Stellen ; nach schweren Entbindungen , bei wel-
chen durch den Druck des Kindskopfes besonders die an der hinten
L&hmimg des NerruB ischiadicns. 535
Beckenwand liegenden Nervenstämme des Plexus sacralis leicht
lädirt werden; nach Httftgelenkloxationen ; bei Neugeborenen nach
Extraotion an den Füssen; durch Narbencompression , wie ich einen
solchen Fall in Folge einer tiefgreifenden Decubitusnarbe gesehen
habe; bei Tumoren in der Beckenhohle (Uten^scarcinomen und
Fibroiden u. s. w.) oder am Nerven selbst u^ s. w.
Viel seltener sind Ischiadicuslähmungen in Folge von „rheuma-
tischen^ Ursachen: Durchnässung und Erkältung der Füsse und des
Oesässes oder dgl. Häufiger die durch ausgesprochene Neuritis be-
dingten, zu welchen wahrscheinlich auch die nicht selten nach
schwerer Ischias zurttckbleibenden Paralysen und Atrophien gehören.
Welche anatomische VertUiderungen den nach acuten Krankheiten
manchmal übrig bleibenden und den ohne nachweisbare Ursache
und ohne auffallende Erscheinungen spontan sich entwickelnden
Paralysen im Oebiet des Sacralplexus zu Grunde liegen, ist nicht
hinreichend bekannt ; einzelne Fälle sind wohl ebenfalls auf Neuritis
zurückzuführen (Eisenloh r). Ueber die Pathogenese der so häu-
figen hysterischen Lähmungen im Bereich der untern Extremität
wissen wir nichts Genaueres; am häufigsten dürfte wohl an einen
spinalen Ursprung zu denken sein. Sehr gewöhnlich ist die Bethei-
ligung dieses Nenrengebietes an allen möglichen spinalen und an sehr
vielen cerebralen Lähmungen. Verhältnissmässig selten dagegen
wird das Ischiadicusgebiet bei der progressiven Muskelatrophie be-
fallen, während sdne Betheiligung an der Psendohypertrophie der
Muskeln eine fast constante ist
Symptome. Wir betrachten zunächst die Erscheinungen der
Lähmung der einzelnen Zweige des N. ischiadicus, aus deren Sum-
mirung sich das Bild der totalen Lähmung leicht ergibt.
Ist der N. peroneus allein befallen, so ist die gesammte an
der vordem Seite des Unterschenkels liegende Musculatur gelähmt;
der Fuss hängt schlaff herab, kann nicht dorsalflectirt , nicht abdn-
cirt und nur unvollkommen addudrt werden ; das Gehen wird durch
die herabhängende Fussspitze, welche an jeder Hervorragnng des
Bodens hängen bleibt, sehr belästigt; die Kranken sind genöthigt,
durch Beugung im Hüftgelenk dem Fuss bei der Vorwärtsbewegung
die nöthige Erhebung zu verleihen und setzen denselben dann tap-
pend und ungeschickt, mit der Spitze und dem äussern Fussrand
zuerst, auf, was dem Gang etwas ungemein Charakteristisches und
ftlr diese Lähmung Pathognostisches verleiht Im weiteren Verlauf
wird diese Störung meist durch secundäre Contractur der Waden-
musculatur noch auffallender.
536 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Die einzelneii Moskeln haben an diesen Erscheinnngen folgen-
den Antbeil: Die Lähmung des M. tibialis anticus beschränkt
die Dorsalflexion und Adduetion des Fasses erheblich; der innere
Fnssrand und die Fassspitze können nicht mehr vollkommen geho-
ben werden (doch können der Extens. digitor. comm. and der Ext
hallac. longns theilweise yicarürend eintreten). — Lähmong des
Extens. digitor. comm. long, vermindert ebenfalls die Dorsal-
flexion des Fasses and die Abdaction des Fasses in der Bengestel-
lang, während zagleich die Streckung der Grandphalangen sämmt-
licher Zehen anmöglich wird. — Lähmung des Extens. hallac
long, vermindert die Dorsalflexion und hebt die Streckung der
grossen Zehe auf. — Lähmung der Mm. peronei hat verschied^e
Wirkung: Ist der Peroneus longus gelähmt , so ist die Abdactbn
des Fasses in Streckstellung unmöglich, die Wölbung des Fusses,
welche hauptsächlich durch diesen Muskel erhalten wird, wird ab-
geflacht, aber der innere Fnssrand berührt den Boden nicht mehr,
weil der Kopf des ersten Metatarsalknochens nicht mehr nach ab-
wärts gezogen wird (Duchenne); es entsteht dadurch eine eigen-
thttmliche Art von Plattfuss, welche von Duchenne genauer be-
schrieben worden ist. Ist endlich der Peroneus brevis gelähmt, so
ist die reine Abduction des Fusses unmöglich; dieselbe kann dann
eventuell nur noch ausgeAlhrt werden entweder mit gleichzeitiger
Dorsalflexion (durch den Extens. digit. comm.) oder mit gleichzeiti-
ger Plantarflexion (durch den Peroneus long.). — Die Lähmung des
kleinen Ext. digit. comm. brev. beeinträchtigt etwas die Exten-
sion der Orundphalangen der vier letzten Zehen. — Alle diese ver-
schiedenen Lähmungen können isolirt vorkommen, sie können sieh
aber auch in der mannichfaltigsten Weise combiniren und z. Th. in
ihren Wirkungen compensiren ; es können dadurch im Einzelnen sehr
verwickelte Verhältnisse vorkommen, die man nur bei grosser Sorg-
falt und durch specielles Studium jedes einzelnen Falles oft ent-
wirren kann, umsomehr als die Untersuchung häufig durch secundäre
Contracturen und Stellungsanomalien des Fusses erheblich erschwert
wird.
Ist der N. tibialis gelähmt, so ist die ganze an der hintern
Fläche des Unterschenkels liegende Musculatur unthätig; diess
äussert sich sofort in der aufgehobenen Fähigkeit zur Plantarflexion
(Streckung) des Fusses und zur Beugung und Seitwärtsbewegnng
der Zehen. Die Lähmung des M. triceps sarae hebt die Fähig-
keit auf, den Fuss zu strecken, sich auf die Zehen zu stellen u. s. w.,
während durch secundäre Contractur in der vordem Unterschenkel-
Lähmang des Nervus ischiadicus. 537
mnsciüatar sich allmälig eine Hackenfussstellung aasbilden kann.
Lähmung des Tibialis postieus vermindert die Addnetion des
Fasses and die Erhebang des innem Fassrandes. Lähmang des
Flexor digitoram comm. bewirkt Unfähigkeit zar Beagang der
beiden letzten Zehenphalangen; Lähmang des Fl ex. hall uc. long.
Unfähigkeit, die grosse Zehe za beagen. — Lähmang des Addac-
tor and Abdactor hallacis hebt die isolirten Seitenbewegangen
der grossen Zehe aaf, während liähmang der Interossei gerade
wie an der Hand die Unfähigkeit zar Beagang der ersten and
Streckung der beiden letzten Phalangen der Zehen bewirkt and
ausserdem die Spreizung der Zehen unmöglich macht Es entsteht
dadurch ein Analogen der an der Hand zu beobachtenden Erallen-
Stellung: Die erste Phalanx wird hyperextendirt , die beiden letzten
stark gebeugt, die Zehen werden dicht aneinander gedrängt und be-
rflhren mit ihren Kuppen den Boden nicht mehr. Dabei ist die
Functionsstörung yerhältnissmässig gering; erst nach längerem Stehen
und Gehen wird Schmerz und Unbequemlichkeit bemerkbar, weil
eben die Köpfchen der Metatarsusknochen jetzt den Druck der Kör-
perlast allein zu tragen haben.
Abgesehen von den Störungen der Einzel- oder Gesammtbewe-
gungen des Fusses, die auch das Gehen und Stehen in mehr oder
weniger erheblichem Grade beeinträchtigen, rufen aber diese Läh-
mungen der Unterschenkelmuskelh noch sehr erhebliche Stellungs-
anomalien des Fusses-, secundäre Gelenkveränderungen und Verbil-
dungen hervor, die sich allmälig zu bleibenden und lästigen Ano-
malien ausbilden können. Besonders sind es Lähmungen einzelner
und gewisser Muskeln (z. B. des Peroneus longus, des Tibialis an-
ticus, des Triceps surae u. s. w.), welche so zu verschiedenen Formen
des paralytischen Plattftisses, Spitzfusses, Hackenftisses und Klump-
fnsses Veranlassung geben können. Es geht aus der obigen Be-
schreibung hervor, in welcher Weise die einzelnen Lähmungen (be-
sonders mit Hülfe gleichzeitiger Gontracturen der Antagonisten und
unter dem Einfluss der Körperlast) Neigung haben werden, die ver-
schiedenen Formen der Fussverkrümmungen hervorzurufen. Es ist
klar, dass dieselben besonders leicht bei jugendlichen, noch im
Wachsthum begriflfenen Individuen mit noch nicht consolidirten
Knochen und Gelenkbändern auftreten werden, deshalb die beson-
dere Häufigkeit solcher paralytischen Verkrümmungen im Gefolge
der spinalen Kinderlähmung. Duchenne hat alle diese Störungen
in besonders eingehender Weise studirt und ihre Pathogenese klar
gestellt; wir können jedoch aus Mangel an Raum hier nicht in die
538 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Details eingehen; auch hat der (Gegenstand mehr chirorgisches und
orthopädisches Interesse.
Ist der Stamm des Ischiadicns von der Lähmung betrof-
fen, so smd auch die zu den Beugern des Unterschenkels (Semiten-
dinosus, Semimembran. und Biceps femoris) gehenden Zweige ge-
lähmt, und die Kranken sind nicht im Stande, den Unterschenkel
gegen den Oberschenkel zu beugen, die Ferse dem Gesäss zu nähern,
oder dem Versuch zur Streckung des Beines Widerstand zu leisten.
Da oben aus dem Stamm des Nerven ein Zweig ftir den Quadratos
femoris und zuweilen auch für den Obturator internus abgeht, so
kann auch die Rotation des Schenkels beeinträchtigt sein. — Selbst
bei vollständiger Lähmung des Ischiadicns ist aber oit das Gehen
noch einigermassen möglich, indem das Bein einfach als Stelze be-
nutzt, mit Hülfe der Oberschenkelmuskeln vorwärts bewegt und im
Kniegelenk festgestellt wird. Dabei hängt der ganze B^ss schlaff
herab, das Bein wird bei der Vorwärtsbewegung stark gehoben, der
äussere Fussrand wird zuerst auf den Boden gesetzt und dann durch
Streckung im Knie die Stütze hergestellt; natürlich ist dies ein sehr
unvollkommenes Gehen, allein es kann selbst bei doppelseitiger
Lähmung des Ischiadicns von den Kranken nach einiger Uebung er-
lernt werden, wie ich das wiederholt gesehen habe.
Gewöhnlich sind Ischiadicuslähmungen von Sensibilitäts-
störungen begleitet, deren Ausbreitung sich zunächst nach dem
Sitze der Lähmungsursache richtet. Bei Lähmung im Peroneusge-
biet beschränkt sieb die Anästhesie auf die vordere äussere Seite
des Unterschenkels, den Fussrücken und den grössten Theil der
Zehen; ist der Tibialis befallen, so ist die hintere Unterschenkel-
fläche, die Fusssohle und die Plantarfläche der Zehen Sitz d^
Anästhesie. Mit dem Heraufrttcken der Lähmungsursache im Stamm
des Ischiadicns wird allmälig die Kniegegend, die hintere Fläche
des Oberschenkels, endlich das Gesäss und Perineum in die Anästhe-
sie mit einbezogen. Sitzt die Lähmungsursache innerhalb der Kreuz-
beinhöhle oder höher oben an der Cauda equina, dann befällt die
Anästhesie auch die ganze Kreuzgegend, das Scrotum und den Penis
(resp. die Schamlippen u. s. w.), die Harnröhre , Harnblase und das
Rectum. Diese Verhältnisse können für die Localdiagnose von grosser
Wichtigkeit sein.
Störungen der Circnlation in dem gelähmten Bein sind
sehr gewöhnlich und zwar zumeist als Stauung , Cjranose, bllulich-
rothe, marmorirte Färbung und Kälte der Haut wahrzunehmen; sei-
L&hmnng des Nervus ischiadicus. 539
ten und in vorttbergehender Weise hat man im Beginn traumatischer
Lähmungen Erhöhung der Temperatur gefunden.
Ebenso sind trophische Störungen besonders bei schweren
peripheren Ischiadicuslähmungen nicht selten; hochgradige Atrophie
der Muskeln stellt sich ein*), Ulcerationen der Haut, Eruption von
Herpes und Pemphigusblasen , schwerer Decubitus am Kreuzbein,
den Knöcheln und Fersen werden nicht selten beobachtet. Eine un-
liebsame Begleiterscheinung ii^t endlich die Mastdarm- und Bla-
senlähmung, welche überall da eintritt, wo die Lähmungsursache
ihren Sitz innerhalb oder oberhalb des Kreuzbeines an der Cauda
equina hat Dass diese Erscheinungen mit allen ihren fiblen Folgen
bei allen möglichen spinalen Lähmungen der untern Extremität sehr
gewöhnlich sind, ist hinreichend bekannt
Eine Schilderung des elektrischen Verhaltens bei diesen
Lähmungen würde nur zur Wiederholung des im allgemeinen Theil
Gesagten fUhren; es kommen auch hier die verschiedensten Anoma-
lien Yor, und sie gestatten dieselben Schlüsse, wie bei den Lähmun-
gen überhaupt.
Die Diagnose der Lähmungen im Gebiet des Ischiadicus und
seiner Aeste bietet als solche meist keine erheblichen 'Schwierig-
keiten. Nur die Erkennung der Lähmungen einzelner Muskeln am
Unterschenkel, ihre Unterscheidung von Contracturen , die Feststel-
lung des Grades ihrer Ernährungsstörung u. s. w. erfordert manch-
mal eine sehr sorgfältige und umsichtige Untersuchung: man muss
hier eine möglichst exacte Vergleichung des kranken mit dem ge-
sunden Beine anstellen, die Gonfiguration des Fusses beim Stehen,
Gehen und bei loser Haltung prüfen, die einzelnen Muskeln mittelst
der localen Faradisation untersuchen, alle Einzelbewegungen mit
Exactheit ausführen lassen, um über alle Verhältnisse ms Klare
zu kommen. — Ueber die Art der Lähmungsursache wird theils
die Anamnese, theils die objective Untersuchung nach allgemeinen
Regeln Aufschluss verschaffen. — Ueber den eigentlichen Sitz der
Lähmung in verschiedener Höhe der motorischen Bahnen geben
nachweisbare ursächliche Momente, die örtliche Verbreitung der sen-
siblen und motorischen Lähmungserscheinungen,'" etwaige Begleiter-
scheinungen, die Veränderungen der elektrischen Erregbarkdt, das
Verhalten der Reflexe u. s. w. meist hinreichende Aufklärung.
Von besonderer Wichtigkeit ist die Unterscheidung, ob man es
1) Ich habe in einem Falle ausgesprochener einseitiger Parese des Tibialis
und Peroneus eine deutliche Hypertrophie der Wadenmusculatur beobachtet.
540 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
mit peripherer oder mit spinaler Lähmung zu thnn habe; ich kenne
yerschiedene Fälle, wo eine solche Unterscheidung nicht mit Sicher-
heit möglich war; in den meisten Fällen jedoch wird man bei eini-
ger Sorgfalt zu der richtigen Entscheidung gelangen können. Da-
Alr sollen hier nur einige Anhaltspunkte gegeben werden. Unvoll-
kommene Lähmung einzelner Muskeln, allmäliges Fortschreiten
derselben, nicht entsprechende Ausbreitung der sensiblen Störunge
Mhzeitige Blasenschwäche , yorhandene Huskelspannungen , -Tremor
u. dgl., anderweitige spinale Erscheinungen (Gttrtelgeitihl , Schwan-
ken bei geschlossenen Augen, Empfindlichkeit der Wirbel), erhaltene
oder gesteigerte elektrische Erregbarkeit, doppelseitiges Auftreten
der paretischen Erscheinungen — sprechen für spinalen Urspnmg
der Lähmung'; sind die Reflexe in den gelähmten Muskeln erhalten,
so ist der centrale Sitz der Lähmung gewiss; während allerdings
Fehlen der Reflexe nicht gegen ein spinales Leiden spricht Das
Vorhandensein der Entartungsreaction kann nur dann fttr den peri-
pheren Sitz sprechen , wenn gleichzeitig entsprechende sensible Stö-
rungen vorhanden sind; Entartungsreaction ohne jede Sensibilitäts-
störung spricht ftlr spinalen Ursprung der Lähmung (spioale Kinder-
lähmung u. s. w.). Vergleiche ausserdem das oben S. 417 ff. über
die Differentialdiagnose centraler und peripherer Lähmungen Gesagte.
Die Prognose dieser Lähmungen ist im Allgemeinen eine
zweifelhafte ; sie hängt natürlich zunächst von der Ursache ab ; dem-
nächst von den consecutiven Ernährungsstörungen, dem elektrischen
Verhalten u. s. w.; es ist d^bei zu beachten, dass bei der grossen
Länge der hier oft in iVage kommenden Nervenbahnen die Reg^ie-
rationsvorgänge in den Nerven sehr lange Zeit erfordern können,
bis die Bahnen zu den Muskeln wieder hergestellt sind; man muss
sich also bei traumatischen und ähnlichen Lähmungen auf einen sehr
langen Verlauf und häufig auf Unheilbarkeit gefasst machen. Im
Uebrigen wird die Prognose ganz nach allgemeinen Grundsätzen zu
stellen sein.
Therapie der Lähmungen der unteren Extremität.
Wir können hier ganz auf das bei der oberen Extremität Ge-
sagte verweisen. Neben der causalen Behandlung — bei welcher
der Therapie der Rttckenmarkskrankheiten eine bedeutsame Rolle
zufällt — ist es natttrlich dieElektricität, zu welcher man in
den meisten Fällen seine Zuflucht nehmen wird, umsomehr als die-
selbe auch vielfache causale Indicationen zu erfüllen im Stande ist
Ueber die Wahl der Methoden und Applicationsweisen ist nichts Be-
Therapie der Lähmungen der unteren Extremität. 541
sonderes zn sagen; doch moss in den meisten Fällen, da es sich
gar oft um eine Beeinflussung der Nerren innerhalb der Bttckgrats-
höhle und des Beckens handelt, der galvanische Strom bevorzugt
werden, weil der faradische auf so tief liegende Gebilde keine
nennenswerthe Einwirkung hat.
Denmächst ist die Anwendung einer rationellen mid ausdauern-
den Gymnastik zu empfehlen. — Bäder und Badecnren (Thermen,
Moorbäder, Soolbäder u. s. w.) werden nur nach speciellen Indica-
tionen anzuwenden sein. Von Einreibungen aller Art wird man sich
nur wenig Erfolg versprechen dttrfen, doch wird man gelegentlich
auch so schwache Httl&mittel zum Tlroste der Kranken in langwie-
rigen Fällen nicht unversucht lassen.
Eine sehr grosse Rolle fällt bei diesen Lähmungen der ortho-
pädischen Chirurgie zu, theils um die Entmckelung von Difformi-
täten zu verhüten und etwa schon vorhandene zu heilen, theils um
den Kranken durch geeignete orthopädische Maschinen und Apparate
die Function der gelähmten Muskeln zu ersetzen und ihnen den,
wenn auch nur nothdttrftigen , Gebrauch ihrer unteren Extremitäten
zum Stehen und Gehen wieder zu verschaffen. Es kann in dieser
Beziehung ungemein viel geleistet werden, u. vgl. man darüber die
Handbücher der orthopädischen Chirurgie.
ANATOMISCHE ERKRANKUNGEN DER
PERIPHEREN NERVEN.
1. Hyperämie der Herven. Cong^estion.
Weir Mitchell, iDJuries of nerves. Philad. 1872. p. 56. — A. Waller,
On the sensory, motory etc. Symptoms resulting from the re&igeration of tbe
ulnar nerve. Proceed. Roy. Soc. ot Lond XI. p. 436. XU. p. 89. 1862.
lieber die actiye Hyperämie peripherischer Nerven ist sehr wenig
bekannt; die Lehrbücher der pathologischen Anatomie schweigen
darüber und von den klinischen Erscheinungen dieses ZostandeSi
der doch ohne Zweifel öfter vorkommt , weiss man wenig oder gar
nichts. Und doch scheint uns derselbe für die Zaknnft einige Be-
achtung zu verdienen, da vielleicht manche sog. functionelle Neu-
rosen darauf zurückzuführen sind.
Wir finden nur bei Weir Mitchell eine kurze Bearbeitung
dieses Gegenstandes: er benutzte die nach dem künstlichen Frieren
und Wiederaufthauen von Geweben unweigerlich erfolgende Hyper-
ämie als experimentelles Hülfsmittel, indem er durch Aetherirriga-
tion theils blossgelegte Nerven von Thieren, theils den Ulnamerven
des lebenden Menschen zum Gefrieren brachte; aus seinen Betrach-
tungen scheint hervorzugehen , dass die nach dem Wiederaufthauen
auftretenden und einige Zeit anhaltenden Symptome nicht sowohl
dem Frieren und Wiederaufthauen an sich, als vielmehr der nach-
folgenden Hyperämie zuzuschreiben sind.
Die anatomische Untersuchung bei den Thierexperimenten lehrte,
dass nach dem Aufthauen eine mehr oder weniger ausgedehnte, rosa-
oder dunkelrothe Injection des Nerven vorhanden war, die oft eine
lineare, strichförmige Zeichnung darbot, dass der Nerv in geringem
Haasse geschwellt schien; nur nach heftigeren Einwirkungen fanden
sich kleine punktförmige Blutextravasate zwischen den Nervenfasern.
Symptome. Nach Ablauf der Erscheinungen, welche dem
Gefrierenlassen als solchem angehören (Schmerz, Anästhesie, Läh-
mung, Erhöhung der Temperatur und gesteigerte Schweissbildung
Hyper&mie and EntzOndung der Nerven. 543
im VerbreituDgsbezirk des Nerven u. s. w.), und die von Waller
besonders genau studirt sind, tritt zanächst an der aufgethauten
Stelle des Nerven eine hochgradige schmerzhafte Empfind-
lichkeit des Nerven ein, die sich nach rückwärts bis auf den za-
gehörigen Plexus verbreiten und hie und da selbst reflectorischen
Schwindel und Ohnmachtsgeftihl erzeugen kann; dazu gesellt sich
Hyperästhesie im ganzen Verbreitungsbezirk des leidenden Ner-
ven, Taubheitsgeftthl, Kriebeln und Formication, eine
gewisse motorische Schwäche und ein Gefühl von Völle in
dem kranken Theil, verbunden mit leichter Anschwellung desselben ;
keine bemerkenswerthe Temperatursteigerung mehr.
Wo man diese Gruppe von Symptomen am Menschen im Ver-
breitungsbezirke ei&es bestimmten Nerven findet, und wenn sich zu-
gleich vielleicht eine bei Druck empfindliche Stelle am Nerven nach-
weisen lässt, wird die Annahme einer activen Hyperämie des Nerven
wohl gerechtfertigt sein.
Für die Therapie empfiehlt Mitchell energische Eisapplica-
tion in der ganzen Länge des Nerven; erhöhte Lage und absolute
Ruhe des Theiles ; ftlr schwerere Fälle eine grössere Zahl von Blut-
egeln (die jedoch wegen der vorhandenen Hyperästhesie oft nicht
geringe Schmerzen machen), und symptomatisch subcutane Injec-
tionen von Morphium und Atropin. Weiterhin wären vielleicht noch
Digitalis und Chinin zu versuchen.
2. Entzündung der Herven. Henritis.
Rokitansky, Pathol. Anat. 3. Aufl. II. S. 49S. 1856. — Förster, Handb.
d. path. Aoat. 2. Aufl. II. S. 646. 1863. — 0. Weber, Pitha-Billroth, Handb. d.
Gh&. U. 2. S. 214. 1865. — Hasse, 1. c. S. 739. — M. Bosenthal, Nerven-
krankheiten. 1870. S. 457. — Nasse, Diss. de neuritide. Hai. 1801. — Swan,
Diss. on the treatm. of morbid local idSect. of nerves. Lond. 1 820. Deutsch von
Francke. 1824. — Des cot, Affect local des nerfs. Par. 1822. Deutsch v. Radius.
IS26. — Martinet, Revue m^d. Juin 1824. — Abercrombie, Krankheit des
Gehirns und Rückenmarkes. Anhang S. 568. 1829. - J. B. Friedreich, üeber
die Localkrankeiten der Nerven. Schmidt's Jahrb. V. 8. 89. 1835 (vollständige
ältere Literatur). — Dubreuilh, Rech, exp^rim. sur Tinflamm. des nerfs. Clin,
de MontpeU. 1845. No. 5 u. 7. — B6rard, Note sur les accid. qui suiv. la piqu.
des nerfs. Joum. des connaiss. m^d.-chir. 1846 Mars. — Beau, Arch. g^n^r. 1847
u. Union m^d. Juill. 1849. — Piorry, De Themito-n^vrite et de son trait. Union
m^d. 1851. No. 79 u. 80. — Remak, Ueber Neuritis. Oesterr. Zeitschr. f. prakt.
Heilk. 1860. No. 45—48. — Dum^nil, Contrib. pourserv. ä Thistoire
de la n^vrite. Gaz. hebdomad. 1^66. No. 4—6. — W. Erb, Pathol. u. path. Anat.
periph Paral. (Neuritis facial.) Arch. f. klin. Med. IV. V. 1868. — E. Tiesler,
Ueber Neuritis. Diss. Königsb. 1869. — Yirchow, Neurit. interstit prolifera.
Virch. Arch. Bd. 53. 1871. — J. Althaus, Neuritis des Plex. brach. Arch. f.
kUn. Med. X. 1872. — Weir Mitchell, Injunes of nerves etc. Philad. 1872.
p. 66. — 0. Wyss, Zur Kenntniss des Herpes Zoster. Arch. d. Heilk. Xll. 1871.
544 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nenren.
— Bernhardt, Zur Pathol. d. Badialisparalys. Arch. f. Psych, a. Nenrenkr. IV.
1874. — Pierret, Plus, cas de n^vrite parenchym. etc. Arch. de Physiol. 1874.
p. 968. — R. Klemm, üeber Neuritis migrans. Diss. Strassbuig. 1874. — Fr.
B&rwinkel, Neuropathol. Beiträffe. Arch. f. klin. Med. XVI. S. 186. 1875. —
F. Fischer, Zwei Fälle von Neuritis. Berl. klin. Woch. 1875. No. 33. —
G. Eisenlohr, Zur Pathologie der Typhuslähmungen. Arch. f. Psych, o. Kerr.
Bd. VI. t876. — H. Nothnagel, üeb. Neuritis in cuagnost u. pathoL Beadehong.
Volkmann's Samml. klin. Vortr. No. 103. 1876.
lieber die Häufigkeit und die Bedeutung des Vorkommens der
Neuritis wird noch immer gestritten, wohl vorwiegend deshalb, weil
bislang die üblichen anatomischen Untersuohungsmethoden nicht
immer eineq sicheren Nachweis des Leidens ermöglichten, und mebr
noch , weil auch . durch die klinischen Erscheinungen noch imm^r
nicht mit wttnschenswerther Exactheit die Entzündung der Nerven
erkannt werden kann. Wenn Einzelne (z. B. Bemak, Benedict)
vielleicht auch darin zu weit gehen, dass sie eine acute oder chro-
nische Neuritis für die mannichfachsten nervösen Erscheinungen und
Symptomencomplexe und selbst iür zahlreiche Emährungsstörongen
an anderen Geweben verantwortlich machen, so kann doch auch die
Meinung Jener, welche die Neuritis für ein seltenes Vorkornnmiss
erklären, heutzutage nicht mehr als richtig gelten. Wahrscheinlieh
ist die Neuritis — und selbst die spontan auftretende — häufig^
als man im Allgemeinen anzunehmen pflegt, und wenn sich die
neuerdings von verschiedenen beachtenswerthen Seiten auftauchenden
Anschauungen über die Verbreitungsweise der Nervenentzündung
und ihre Neigung, auf die Centralorgane des Nervensystems überzu-
greifen, auch nur theilweise bestätigen sollten, so wäre der Nenritis
eine in ihren Consequenzen jetzt noch gar nicht zu übersehende
Wichtigkeit für die Nervenpathologie gesichert. Es verdient die
Krankheit deshalb eine eingehende Beachtung.
Aetiologie. Die häufigsten und am besten bekannten Ur-
sachen der Neuritis sind Traumata der verschiedensten Art: Wun-
den, Schuss-, Hieb- und Stichverletzungen (früher durch die Ader-
lasslancette am Medianus nicht selten), Quetschung, Zerrung, Zer-
reissung; in den Nerven eingedrungene Fremdkörper; aber auch
leichtere mechanische Einwirkungen können Neuritis hervorrufen : so
ein Stoss auf einen Nervenstamm, energische Compression desselben,
starke Erschütterung durch längeres Fahren auf einem schlechten
Wagen (Dum^nil), plötzliche heftige Muskelbewegungen, starke
Anstrengungen beim Bewegen von Lasten u. dgl. Durch alle diese
und noch viele andere Zufälligkeiten hat man traumatische Neuritis
entstehen sehen.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass in vielen Flülen Er-
Neuritis. Aetiologie. 545
kältung die Ursache von Neuritis wird: Zugluft , nasse Ftlsse,
plötzliche starke Äbktthlung, Beschäftigung in kaltem Wasser u. dgl.
hat man in unzweifelhafter Weise als Causalmomente gefunden.
Eine sehr ausgiebige Quelle der Neuritis sind Entztlndungen
benachbarter Organe, welche auf die anliegenden oder hin-
durchtretenden Nerven übergreifen. Beau hat dies zuerst ftir die
Intercostalnerren bei Pleuritis, Pleuropneumonie und Lungentuber-
culose nachgewiesen, und es ist dies seither für zahlreiche acute und
chronische Entzündungs- und Eiterungsprocesse wiederholt bestätigt
worden : so fuhren acute und chronische Gelenkrheumatismen — be-
sonders im Schultergelenk — nicht selten zu propagirter Neuritis;
Caries des Felsenbeines und Keilbeines, Caries der Wirbel und der
Beckenknochen versetzt die benachbarten Nerven in Entzündung;
von Sehnenscheidenentzündungen aus sah man eine fortkriechende
Neuritis sich entwickeln; bösartige Neubildungen (Carcinome, Sar-
kome) wuchern in die Nervenstämme hinein, welche darauf mit
Neuritis reagiren.
Nach acuten Krankheiten (Typhus, acute Exantheme,
Diphtheritis u. s. w.) sieht man nicht selten neuritische Processe
sich entwickeln, wie dies noch jüngst von Bernhardt am N. ra-
dialis beim Typhus exanthemat. auch anatomisch nachgewiesen und
in dem von Eisenlohr publicirten Falle wenigstens im höchsten
Grade wahrscheinlich ist.
Auch manche chronische Krankheiten können zu ent-
zündlichen Veränderungen an den peripheren Nerven ftlhren, so die
Syphilis; und auch bei der Lepra anaesthetica scheinen Verände-
rungen an den Nerven vorhanden zu sein, welche als entzündliche
aufgefasst werden können (Perineuritis chronica leprosa, s. Virchow,
Geschwülste. 11. S. 521).
Einer definitiven Lösung harrt noch die Frage, ob durch Los-
trennung der Nerven vom Centralnervensystem Neuritis
in denselben hervorgerufen werden könne. Bekanntlich haben die
nach Nervendurchschneidungen im peripheren Nervenstück auftre-
tenden Veränderungen histologisch eine grosse Äehnlichkeit mit ent-
zündlichen Veränderungen und sind auch vielfach geradezu als neu-
ritische angesprochen worden. Wir haben oben schon die Frage
berührt (s. S. 395), ob diese Veränderungen durch directe Fortleitung
von der Stelle der Läsion oder durch sogenannte tropUsche Einflüsse
zu erklären seien^ und müssen uns hier wiederholt dafür aussprechen,
dass wir die Lostrennung vom Centralnervensystem als das wesent-
liche Moment ftlr die Entstehung dieser Vei^nderungen betrachten;.
Huidbaeh d. tpec. Pathologie n. Therapie. Bd. XII. 1. 2. Aufl. 35
546 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
dabei müssen wir die Frage, ob dieselben wirklich als entzttndliehe
auffassen seien, noch als eine offene betrachten. Zukünftige Unter-
suchungen, die von einer richtigen Fragestellung ausgehen, werden
uns erst allmälig ins Klare bringen können ttber die Existenz und
die Art centraler Einfltlsse auf die Emährungs- und Circulaticois-
Störungen in peripheren Theilen.
Jedenfalls, so glauben wir, darf die fi*agliche Form der Verände-
rung in keiner Weise als eine einfach descendirende Neuritis aiifge£i»st
werden, wie dies manche Autoren ohne Weiteres thun. Selbst wenn
man die Veränderung wirklich als eine entzündliche auffassen will, so
handelt es sich doch wesentlich um eine „neurotische** Entzündung,
um eine nach und in Folge der Nervenläsion ziemlich gleichzeitig im
ganzen peripherischen Theil und in allen Verzweigungen des Nerven
auftretende Veränderung und nicht um eine Veränderung, welche sieh
von der Läsionsstelle aus allmälig auf die peripheren Bahnen ver-
breitet, in diesen von Stelle zu Stelle weiterkriecht. Es ist, mit
anderen Worten, die Lostrennung vom centralen Nervensystem, welche
den entferntesten peripherischen Nervenzweig in jene der entzündlichen
ähnliche Veränderung versetzt, und nicht der Gontact mit einer bereits
in Entzündung begriffenen Stelle des Nerven.
Dass endlich ftlr manche Fälle von Neuritis eine bestinunte
Ursache nicht aufeufinden ist, und dass wir dann von einer » spon-
tanen*" Entstehung derselben sprechen, wird Niemanden befr^nd^i.
Es scheint übrigens, als wenn manche Personen eine besondere Pi^
disposition ftlr Neuritis hätten, und besonders, als wenn die Ndgnng
und Fähigkeit zur auf- oder absteigenden Weiterverbreitung derselben
längs der Nerven bei verschiedenen Individuen in sehr verschiedenem
Grade vorhanden wären. Darauf dürfte in Zukunft ein ganz beson-
deres Augenmerk zu richten sein.
Pathologische Anatomie. Handelt es sich um eine acute
Neuritis, so ist hochgradige Böthung, Schwellung und gesteigerte
Succulenz, trübes Aussehen und Verlust des eigenthttmUchen Glanzes
an dem Nerven wahrzunehmen. Eine seröse oder wohl auch feser-
stofSge, gerinnende Exsudation umgibt die Nervenfaserbündel als
eine sulzige, gelbröthliche Masse, in welcher nicht selten kleine
punktförmige Extravasate zu sehen sind. Die mikroskopische Unter-
suchung enthüllt eine strotzende Füllung der Blutgefltese, massen-
hafte Emigration farbloser Blutkörperchen in das durch seröse Ex-
sudation geschwellte Neurilemm und beginnenden Zerfoll des Markes
und des Achsencylinders der Nerveniasem und Eemwucherung inner-
halb der Sehwann'schen Scheide. Weiterhin kommt es zu ausge-
sprochener Vereiterung und Erweichung, der Nerv wird weich,
zerreisslich, nach Umständen in einen chocoladefarbenen Brei umge-
NearitiB. Pathologische Anatomie. 547
wandelt, die Nervenfasern sind yöUig zerfallen, auch die Achsen-
oylinder vollständig za Grande gegangen. Gelegentlich kann auch
Yerjanchnng des Nerven eintreten. — In den ersten Stadien ist eine
Begrenznng und Wiederansgleichnng des Processes möglich: die
Hyperämie verschwindet, die emigrirten Elemente werden weggeführt
oder verfallen fettiger Degeneration und Resorption, die seröse Ex-
sndation schwindet, die degenerirten Nervenfasern werden wieder
regenerirt, and so kehrt der Nerv allmälig wieder zur Norm zarttck.
Häufiger aber ist, wenn nicht ein letaler Ausgang eintrat, der Ueber-
gang in die chronische Neuritis.
Bei dieser chronfschen Neuritis (welche häufig von vorn-
herein als solche auftritt) tritt die Neigung zur Eiterbildung mehr
zurück, die Tendenz zur Neubildung von Bindegewebe, zur Indu-
ration und Sklerose mehr in den Vordergrund. Der Nerv erscheint
verdickt, bald mehr gleichmässig über längere Strecken hin, bald
knotig oder spindelförmig, nicht selten mehrere solche Anschwellungen
in wechselnden Abständen hintereinander zeigend (Neuritis no-
dosa). Er ist von derberer Beschaffenheit, trübem Aussehen, eine
weissgraue, bleigraue, bis ins Graurothviolette spielende Farbe dar-
bietend; er ist mit den Nachbartheilen verwachsen, mehr oder
weniger innig; häufig betreffen Verdickung und Adhäsion nur die
äussere Nervenscheide, so dass der Nerv selbst in seiner Scheide,
wenn auch beengt und comprimirt, doch noch frei beweglich ist;
häufiger aber ist alles in eine gleichmässige bindegewebige Masse
verwandelt, in welcher Neurilemm und Perineurium aufgegangen, und
durch welche die Nervenfaserzüge mehr oder weniger weit vonein-
ander entfernt sind. Die Hypeiümie ist massig, selten hochgradig,
noch seltener bis zur Entstehung kleiner Blutextravasate gesteigert.
Die mikroskopische Untersuchung lässt reichliche GefässfÜUung und
interstitielle Zellenanhäufung, erhebliche Zunahme des interstitiellen
Bindegewebes, Kömchenzellen, fettige Degeneration des Nerven-
markes, schliesslich Atrophie und Zugrundegehen der NervenfEisem
sammt den Achsencylindem erkennen. Meist ist diese Veränderung
auf dem Querschnitt ungleich vertheilt, und man sieht einzelne wohl-
erhaltene Nervenfasern zwischen anderen in allen Stadien der regres-
siven Metamorphose. In manchen Fällen beherrscht die Bindegewebs-
wucherung das histologische Bild so, dass man von einer Neuritis
interstit. prolifera (Virchow) sprechen kann. — In dem cen-
tral von dem Entzündungsherd gelegenen Nervenstück treten keine
erheblichen Veränderungen ein; wenige Linien oberhalb findet man
in der Regel durchaus normale Verhältnisse; im peripheren Stück
35*
548 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven«
dagegen sieht man; sobald es in dem Entzündungsherd selbst za
hochgradiger Degeneration der Nervenfasern (and wahrscheinlich zu
energischer Compression derselben) gekommen ist, die bekannten
degenerativen Vorgänge an den Nerven/ und wenn es sich um ge-
mischte Nerven handelt, auch an den Muskeln auftreten, welche wir
früher (S. 384) ausführlich geschildert habeji , also interstitielle Zellen-
und Gewebsproliferation , Degeneration und Schwund der Nerven-
£a,sem, Atrophie und Kemwucherung der Muskelfasern u. s. w. Auch
können sich weiterhin die schon früher erwähnten EmähningBstö-
rungen an Haut, Knochen, Gelenken, Nägeln u. s. w. einstellen, ge-
rade wie bei traumatischen oder schweren Compressions- und rheu-
matischen Lähmungen.
An der eigentlichen Erkrankungsstelle kann es weiterhin zur
Ausgleichung der Veränderungen kommen; doch erfolgt diese unter
allen Umständen nur langsam; die Zurückbildung des gewucherten
Bindegewebes, die Begeneration der zu 'Grunde gegangenen Nerven-
fasern erfordern Zeit.
Meist jedoch ichreitet der Process weiter zur bindegewebigen
Induration, zur Sklerose und völligen Atrophie und Zerstörung der
Nervenfasern. Der Nerv erscheint dann in einen derben, grauen,
häufig pigmentirten Bindegewebsstrang umgewandelt, der mit seiner
Umgebung innig verwachsen ist. Von einer Trennung der Scheide
und des Nerven ist nichts mehr wahrzunehmen, alles erscheint in
eine gleichmässige Masse derben welligen Bindegewebes umgewimdelt,
in welcher keine Spur mehr von Nervenfasern, oder nur ganz ver-
einzelte, in Degeneration oder Regeneration begriffene Nervenfasern
nachzuweisen sind. Manchmal schliesst sich an diesen Ausgang
eine hyperplastische Vermehrung des Bindegewebes und selbst des
noch erhaltenen Nervengewebes an (Neuritis hyperplastica,
F e r r 6 0 1 - R e u i 1 1 e t), die gelegentlich auch zur falschen oder wahr^
Neurombildung fahren kann.
Noch ist zu erwähnen, dass von dem ursprünglichen Herde aus
nicht selten eine Weiterverbreitung des Processes im Nerven nach
unten sowohl, wie nach oben stattfindet (Neuritis descendens
und ascendens). Die wichtigere Verbreitung in centripetaler
Richtung geschieht entweder in continuo und ganz gleichmässig, oder
es ist eia sprungweises, absatzweises Fortschreiten zu bemerken : an
einzelnen durch normale Zwischenräume von einaiuder getrennten
Stellen sieht man circumscripte Hyperämie, Schwellung, Bindege-
webswucherungu. s.w. auftreten (Fror iep, Rokitansky, Tiesler
u. A.), und es kann in dieser eigenthümlichen Weise auch eine
Neuritis. Pathologische Anatomie. Symptome. 549
schliessliche MitbetheiliguDg des Rückenmarks eintreten (Tiesler,
Feinberg).
Die Arbeit von Klemm, welche sich hauptsächlich mit dieser
sog. Neuritis migrans beschäftigt, hat, wie uns scheint, ziemlich
unbefriedigende und unklare Resultate geliefert, sie iiat mehr Zweifel
angeregt als gehoben. Die wenig kritische Modification und Deutung
der Versuche, die unklaren allgemein-pathologischen Begriffe, die be-
ständige Verwechselung von Hyperämie mit Entzündung, das vollstän-
dige Ausserachtlassen der möglichen vasomotorischen Störungen, sowie
der toxischen Arsenikwirkungen u. s. w. machen die Arbeit ziemlich
werthlos und es muss entschieden gegen alle weiteren, auf dieselbe
gestützten Schlussfolgerungen protestirt werden. Uebrigens kommt
Klemm offenbar zu dem Resultat, dass seine Neuritis migrans sich
durchaus nicht gleichmässig längs der Nervenbahnen weiterverbreitet,
sondern dass sie vorwiegend in disseminirten Herden auftritt;
ja dass sie sogar wiederholt in ganz entfernten Nervenbahnen auftrat
unter Umständen „wo von einer in den bezüglichen Bahnen des Ner-
vensystems fortschreitenden Entzündung gar nicht die Rede sein kann*".
Dass das Wort „Neuritis sympathica" für diese sprungweise Ver-
breitung der Störung keine Erklärung sein kann, liegt auf der
Hand. Die ganze Sache bedarf erneuter umsDc^htiger und vielfach
modificirter Untersuchung.
Symptome. Auch hier müssen wir eine acute und eine chro-
nische Form der Neuritis unterscheiden.*)
Acute Neuritis: Kurze Zeit nach Einwirkung der jeweiligen
Ursache (Verwundung, Verjauchung, Einwucherung von Carcinom
u. dgl.) stellt sich lebhaftes Frösteln oder ausgesprochener Schüttel-
frost ein, welcher den Beginn eines lebhaften, mit Kopfschmerz
und Schlaflosigkeit einhergehenden Fiebers markirt. Ein an Heftig-
keit rasch zunehmender Schmerz, welcher von dem leidenden
Nerven ausgeht, dessen Verbreitungsbezirk und häufig auch das
ganze Glied befällt, weist auf die Ursache dieses Fiebers hin.
Dieser Schmerz ist meist von enormer Heftigkeit, continuirliöh, tief-
sitzend, reissend, bohrend und brennend, häufig Remissionen und
meist nächtliche Exacerbationen zeigend. Er wird durch jede Be-
wegung, durch Herabhängen des Gliedes, durch alles was die Circu-
lation beschleunigt, gesteigert. Er kann bei erregbaren Personen
hochgradige Agitation des ganzen Nervensystems, leichte Delirien,
eine Art hysterischen Zustandes herbeiflihren (W. Mitchell). Er
irradiirt auf andere Bahnen desselben Plexus, in den schwereren
1) Die folgende Schilderung bezieht sich auf die Neuritis gemischter Nerven-
Bt&mme; die Symptome der Neuritis rein sensibler oder rein motorischer Nerven
ergeben sich daraus von selbst.
550 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Fällen auch auf entferntere Nervenbahnen, z. B. von den Armnenren
auf das Trigeminusgebiet.
In einzelnen Fällen hat man eine bandartige $Othe der
Haut längs des befallenen Neryenstammes bemerkt Immer zeigt
der Nerv eine hochgradige Empfindlichkeit gegen Druck und
gegen Walzen zwischen den Fingern: häufig ist er als deutlich an-
geschwollen zu fühlen. Die Haut über dem Nerven und im
ganzen Verbreitungsbezirk desselben zeigt hochgradigste Hyper-
ästhesie, während zugleich subjectives Taubheitsgefühl und
Formication besteht; erst im weitem Verlauf lässt sich gewöhnlich
Anästhesie nachweisen, wenn das rasch auftretende Exsudat die
Nervenfasern zu comprimiren beginnt. Damit kommen dann auch
deutliche Zeichen motorischer Schwäche; während anfangs die
grosse Schmerzhaftigkeit jede Bewegung verbietet, treten jetzt deut-
liche paretische Erscheinungen ein, die sich zur förmlichen Paralyse
steigern können. Die Hauttemperatur ist in dem Verbreitungsbezirk
des befallenen Nerven erhöht gefunden worden; Auftreten von Oedem
und proftiser Schweissbildung in dem gleichen Bezirk wird er^i^hnt;
auch das Auftreten von Herpes zoster scheint zu diesem Krankheits-
bild zu gehören; wenigstens hat man bei Nekropsien von Zoster
gewöhnlich die mehr acuten Formen der Neuritis geftmden; doch
ist allerdings die genauere Beziehung der Neuritis zum Zoster noch
nicht hinlänglich geklärt.
Dieses Krankheitsbild bleibt nicht lange bestehen ; wird es nicht,
worauf wir hier nicht näher einzugehen haben, durch Tetanus com-
plicirt, so kann in ziemlich kurzer Zeit unter Nachlass aller Sym-
ptome der Uebergang in Genesung erfolgen, häufiger aber ist dn
allmäliger Uebergang in die subacute und chronische Form.
Chronische Neuritis. Man hat ihr so viele und verschie-
dene Symptome zugeschrieben, dass es schwierig ist, die wesent-
lichen und der Neuritis als solcher angehörigen Erscheinungen von
den unwesentlichen, secundären und mehr zufälligen zu trennen.
Nach vorausgegangenen acuten Erscheinungen oder auch ganz
spontan stellen sich die Symptome der chronischen Neuritis ein;
oft in ganz schleichender Weise, Wochen und Monate lang leise
auftretend und wieder verschwindend, ganz allmälig steigend od^
wohl auch plötzlich zu grösserer Intensität anschwellend.
Das constanteste und früheste Symptom pflegt der Schmerz
zu sein; derselbe wird als ein mehr oder weniger continuirlicher ge-
schildert und zeigt in den einzelnen Fällen grosse Verschiedenhdten
in Charakter und Intensität: manchmal nur dumpf und drückend
Neuritis. Symptome. Acute und chronische Form. 551
(wie ihn Bean in den obeni Intercostalräomen der Phthisiker be-
schreibt), ist er in andern Fällen von bedeatender Heftigkeit; von
lancinirenden , reissenden Exacerbationen anterbrochen , vorwiegend
nach der Peripherie, manchmal auch — wie dies Bär winkel nach-
gewiesen hat and ich (s. den 1. Fall bei Fischer) bestätigen kann
— centripetal bis zu verschiedener Höhe ausstrahlend. Nicht selten
erscheint er in aasgesprochen neuralgischen Anfällen; fast immer
fallen die Exacerbationen auf die Nacht and stören den Schlaf; er
wird dorch jede Anstrengung und Bewegung, darch jede Aufregung
der Herzthätigkeit gesteigert
Dabei ist besonders zu beachten, dass der Schmerz ein fast con-
tinuirlicher ist, dass keine ganz schmerzfreien Intervalle auftreten;
wenigstens bestehen, worauf Nothnagel aufmerksam gemacht hat,
an der entzündeten Stelle selbst continuirliche Schmerzen, während die
in den Paroxysmen auftretenden Schmerzen sich über das ganze Ner-
vengebiet ausbreiten können.
Fast gleichzeitig mit dem Schmerz und in besonders schleichen-
den Fällen selbst noch vor demselben treten verschiedene Parä-
sthesien auf; die Kranken klagen über Taubsein, Eriebeln, Formi-
cation. über eine unangenehme prickelnde Empfindung, wenn sie die
betreffenden Hautstellen berühren oder stossen.
Je nach der Intensität des Falles treten dann — doch ist dies
durchaus nicht regelmässig der Fall — mehr oder weniger heftige
motorische Beizerscheinungen auf: unangenehme Spannung
in den Muskeln, Tremor, einzelne Zuckungen, seltener heftige tonische
Krämpfe und länger anhaltende Contracturen; bald schliesst sich
daran deutliche Schwäche der Muskeln, und es treten auf allen Ge-
bieten Lähmungserscheinungen ein. Man darf wohl annehmen,
dass die bisher erwähnten Beizerscheinungen dem Stadium der Hyper-
ämie, der beginnenden Exsudation und Emigration angehören, wäh-
rend die nun folgenden Depressionserscheinungen durch die zuneh-
mende Proliferation des interstitiellen Qewebes, durch die Compression
und fortschreitende Degeneration der Nervenfasern bedingt sind.
In diesem Stadium tritt Anästhesie verschiedenen Grades
auf, von leichter Abstumpfung bis zum völligen Erlöschen der ver-
schiedenen Empfindungsqualitäten; doch kann an den Extremitäten-
nerven die Anästhesie fehlen oder nur sehr wenig ausgesprochen
sein, wegen der schon mehrfach erwähnten vicariirenden, wohl durch
Anastomosen bedingten, Function derselben; dazu kommt motorische
Parese, die nicht selten sich zu völliger Paralyse ausbildet.
Es ist auifallend, wie lange oft bei der Neuritis die motorischen
552 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
Bahnen frei bleiben, nachdem die sensiblen schon lange afficirt sind ;
während man allerdings hie und da auch das , Umgekehrte bemerkt
— frühzeitige und vorwiegende Lähmmig der motorischen Bahnen
(so z. B. in dem Falle von Bernhardt).
Sehr gewöhnlich sind, besonders in dem Reiznngsstadiom and
bei mehr subacntem Verlauf verschiedene Irradiations- und
Beflexerscheinungen. Die Schmerzen verbreiten sich nach
oben auf die verschiedenen Aeste des gleichen Plexus (auch dann
wenn die Neuritis selbst nicht nach oben weiter kriecht), nicht selten
sogar auf entfernte Nervengebiete. Reflexe treten zunächst auf ni
den Muskeln mit normalen Beflexbeziehungen , später auch noch in
andern entfernteren Muskelgebieten; manchmal ist der Beflexkrampf
sehr heftig, so dass z. B. die Fingernägel sich in die Haut eingraben
bei Krampf der Flexoren (Stromeyer); M. Meyer sah eine Art
von Schreibekrampf in Folge einer Neuritis des N. radialis; in
selteneren Fällen kommt es zu allgemeinen Convulsionen, zu hyste-
rischen Krampfanfällen, zu ausgesprochenem Tetanus.
Objectiv ist an dem befallenen Nerven — wenn derselbe der
Palpation zugänglich ist — häufig Schwellung zu constatiren,
entweder diffus über längere Strecken des Nerven verbreitet, oder
spindelförmig, oder rosenkranzförmig. Immer ist der Nerv auf
Druck sehr empfindlich und zwar beständig, nicht nur tempo-
rär, wie es die Val 1 ei x' sehen Schmerzpunkte bei Neuralgien so
häufig sind. Druck auf die Anschwellung ruft nicht selten auch
excentrische Empfindung (Schmerz, Formication) hervor; in seltenen
Fällen findet auch eine centripetale Irradiation dieses Druckschmerzes
statt und wird von Bärwinkel, als von den Nervi nervorum aus-
gehend, flir besonders charakteristisch fllr Neuritis erklärt — Im
Beginn lässt sich auch manchmal Hyperästhesie des betreffenden
Hautbezirks constatiren.
Das elektrische Verhalten der neuritisch afficirten Nerven
ist noch nicht hinreichend genau erforscht. Im Beizungsstadium und
in leichteren Fällen scheint häufig eine gesteigerte faradische sowohl
wie galvanische Erregbarkeit zu bestehen; ich habe das in einem
Falle von Neuritis mediani in ausgesprochener Weise beobachtet
(1. Fall bei Fischer). Ist einmal ausgesprochene Lähmung vor-
handen (und in solchen Fällen wird gewöhnlich nur die elektrische
Untersuchung gemacht), so kann die elektrische Erregbarkeit normal
bleiben, ähnlich wie bei vielen leichten Compressionslähmungen;
besteht aber Degeneration der Nerven, dann wird wohl immer Ent-
artungsreaction vorhanden sein, wie Bernhardt und Eisenlohr
Neuritis. Symptome. Dauer, Verlauf, Ausgänge. 553
beobachteten, und ich in mehreren Fällen ebenfalls gesehen habe;
in einem Falle von Neuritis des Plexus brachialis fand ich die früher
erwähnte „Mittelform" der Entartungsreaction (s. o. S. 409); ebenso
Eisenlohr in einem Theil des befallenen Nervengebiets.
Vielfach kommen nun noch weiterhin Erscheinungen vor, die
in einem mehr oder weniger engen Zusammenhang mit der Neuritis
zu stehen scheinen, für welche jedoch noch nicht durchweg ein
sicherer Nachweis dieses Abhängigkeitsverhältnisses geliefert ist.
Zunächst gehören hieher die von der Compression der Nerven und
der daraus folgenden Degeneration derselben und von der consecu-
tiven Entartung der Muskeln abhängenden Erscheinungen: hoch-
gradige Atrophie der Muskeln mit Entartungsreaction u. s. w.
Ueber die Frage, ob diese Erscheinungen Folge der Neuritis an
sich oder nur Folge der absoluten Leitungsunterbrechung in fden
Nerven sind, ist, wie oben schon erwähnt, eine ganz zweifellose Ent-
scheidung noch nicht möglich.
Dasselbe gilt für die trophischen Störungen an der Haut
und an den Nägeln, die Schwellung und Steifheit der Gelenke, die
man nicht selten im Gefolge der Neuritis beobachtet. Bemak be-
sonders hat auf die Abhängigkeit vieler solcher Gelenkerkrankungen
von neuritischen Zuständen hingewiesen, und Benedict hat diese
Angaben bestätigt. Ebenso hat Remak gewisse Formen der pro-
gressiven Muskelatrophie, welche in der Daumenmusculatur ihren
Anfang nehmen, auf eine Neuritis des Plexus brachialis zurflckzu-
flihren und auch bereits das spätere Ergriffenwerden des andern
Armes durch ein Ueberwandem des Processes durch das Rückenmark
zu erklären gesucht. — Ueber die Abhängigkeit des Zoster von
neuritischen Processen kann nach allen vorliegenden Thatsachen
kein Zweifel sein; wohl aber ist die Frage noch nicht entschieden,
ob der Zoster hauptsächlich durch eine Reizung trophischer Nerven-
centren entstehe (Bärensprung, Wyss u. A.), oder ob er durch
Uebergreifen einer descendirenden Neuritis auf das Hautgewebe
(Friedreich) hervorgerufen werde. — In dem von Virchow mit-
getheilten Falle trat, offenbar durch den Reiz des entzündeten Nerven
hervorgerufen, Epilepsie auf, die nach Ausschneidung des erkrankten
Nervenstücks wieder verschwand. Dasselbe hat man früher schon
wiederholt beobachtet. Die Geschichte des traumatischen Trismus
und Tetanus weist ebenfalls bekanntlich häufig neuritische Erkrankung
als Ausgangspunkt des Leidens nach.
Dauer, Verlauf und Ausgänge. Die acute Neuritis ist
eine Krankheit von wenigen Tagen oder Wochen; sie geht entweder
554 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
direct und continnirlich in Besserung oder Heilung über, oder ne
nimmt häufiger ihren Ausgang in die chronische Form und macht
dann denselben Verlauf wie diese durch.
Die chronische Neuritis ist eine Krankheit von ganz unberechen-
barer, immer aber verhältnissmässig langer Dauer. Viele Wochen
und Monate pflegen fast immer zu vergehen, ehe auch von den
leichteren Formen völlige Heilung erzielt ist (vgl. z. B. den Fall bei
Waller, von durch Gefrierenlassen des N. ulnaris erzeugter Neu-
ritis). Am einfachsten sind noch die traumatischen Formen, beson-
ders wenn es sich um einfache Schnitt- oder Stichwunden handelt
Hier tritt alsbald Wiedervereinigung der Nerven ein, die Störungen
der Sensibilität schwmden zuerst, dann stellt sich die Motilität wie-
der ein, und schliesslich schwinden auch die Atrophie und etwaige
secundäre Ernährungsstörungen allmälig, und es kajm so eine völlige
Restitutio ad integrum stattfinden. Freilich kann dieses gltickliche
Resultat in den einzelnen Fällen eine sehr verschiedene Zeit in An-
spruch nehmen, und es hängt die grössere oder geringere Unvoll-
ständigkeit desselben hauptsächlich von der zufälligen Gestaltung
der Verletzung ab. Weniger gttnstig gestalten sich häufig die spon-
tan, oder durch rheumatische Einflüsse, oder nach acuten Ki^ankheiten
entstandenen Neuritiden. Sie können Monate und Jahre lang be-
stehen und schwinden in manchen Fällen niemals völlig, indem durch
jede geringe Veranlassung, Bewegung, Anstrengung, Erkältung oder
dgl. der Process aufs Neue wieder exacerbirt. Lange bestehende
Neuralgien und Anästhesien, überbleibende Schwächezustände und
selbst völlige motorische Paralysen nebst Atrophien sind dann nicht
selten die Ueberbleibsel einer solchen Neuritis. Doch ist auch hier
in anscheinend verzweifelten Zuständen in später Zeit manchmal
noch Besserung und Heilung möglich. — Ist die Neuritis fortgeleitet
von der Erkrankung (Entzündung, Eiterung, Neubildung u. s. w.) be-
nachbarter Organe , so wird der Verlauf wesentlich durch diese zu
Grunde liegenden Processe bestimmt. Können dieselben rasch und
vollständig beseitigt werden, so ist auch eine allmälige Ausgleichung
der Neuritis zu erwarten, sind aber diese Processe unheilbar, führen
sie zu völliger Erweichung und Zerstörung des Nerven, oder ist in
diesem einmal völlige Sklerose eingetreten, so ist eine Wiederher-
stellung unmöglich.
Es ist klar, dass die Erscheinungen und der Verlauf der Neuritis
wechseln werden, je nachdem ausschliesslich sensible, oder ans*
schliesslich motorische, oder gemischte Nervenstämme befeülen sind.
Man wird sich die Erscheinungen in diesen Einzelfällen leicht aus
j
Neuritis. Propagation derselben. 555
der gegebenen Gesammtschildernng abstrahiren können. Ebenso wird
es leicht sein, aas der früher gegebenen Beschreibung der Nenr-
algien, Ki^mpfe und Lähmungen der einzelnen Nerven des Körpers
sich die Symptome der Neuritis jedes einzelnen Nervenstammes zu
oonstruiren.
Von besonderer Wichtigkeit ftlr den Verlauf der Neuritis aber
und für die ganze weitere Gestaltung vieler einzelner E^rankheits-
fäUe i3t die von den verschiedensten Seiten hervorgehobene Nei-
gung der Neuritis, sich — vorwiegend in centripetaler
Richtung — längs des befallenenNervenstammes weiter
zu verbreiten, auf höher gelegene Nervenstämme und selbst auf
das RttdLenmark tiberzugreifen. Schon frühere Beobachter, Roki-
tansky, Froriep u. A. hatten eine solche centripetale Propagation
der Neuritis angenommen; Remak schreibt der Neuritis eine ganz
besondere Neigung zum Wandern — in ascendirender und descen-
dirender Richtung — zu und führt eine Reihe von Krankheitsformen
darauf zurück. Auch Weir Mitchell vindicirt der Neuritis eine
grosse Neigung zur centripetalen Weiterverbreitung; Leyden*) ist
geneigt, die nach Affectionen der Harn- und anderen Beckenorgane
auftretende Myelitis auf eine bis zum Rückenmark fortschreitende
Neuritis ascendens lumbo-sacralis zurückzufahren, und auch Remak
fuhrt die dabei vorhandene Pari^legie auf eine Neuritis lumbo-sa-
cralis zurück; Dum^nil hat im Gefolge einer primären ascendi-
renden chronischen Neuritis eine weitverbreitete chronische Myelitis
eintreten sehen; Ferr^ol-Reuillet') beschreibt ebenfalls einen
merkwürdigen Fall, wo eine von Humerusfractur ausgehende Neuritis
hyperplastica sich auf das Rückenmark und selbst über dieses hinaus
propagirte; die ausgedehnteste Berücksichtigung hat endlich diese
ascendirende Neuritis bei Friedreich^) gefunden, der sie das Mittel-
glied zwischen der primären Myositis und der (secundären) Rücken-
marksaffection bei der progressiven Muskelatrophie sein lässt und
ausserdem noch zahlreiche andere Krankheitsvorgänge auf ascen-
dirende oder descendirende Neuritis zurückfahrt.
Es liegen aber ausserdem Thatsachen vor — und wir haben sie
bereits oben S. 372 zusammengestellt — welche zu beweisen sch.einen,
dass von peripheren neuritischen Herden aus sich ohne Vermittelung
einer ascendirenden Neuritis im Rückenmark entzündliche Erkran-
kungen entwickeln können; wir erinnern an die Beobachtungen von
1) Volkmann'B Sammlung klin. Vortr. No. 2. 1870.
2) Virchow-Hirsch, Jahresbericht pro 1869. Bd. II. S. 349.
3) Ueber progress. Muskelatrophie u. s. w. Berlin 1873.
556 Erb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Leyden, an das Experiment von Tiesler, an die Ei^ebnisse der
Untersachongen von Feinberg ^) und besonders von Klemm, dessen
Experimente gerade ftir die sprungweise Verbreitung nenritischer
Beiznngserscheinungen eine Reihe von Beispielen geliefert haben;
über den Mechanismus dieser von der Peripherie auf das Gentraloi^an
übertragenen Entzündungszustände wissen wir freilich noch nichts
Näheres.
Jedenfalls geht aber aus den hier kurz berührten Thatsachen,
die einer ganz besonderen Beachtung werth sind, so yiel mit Sicher-
heit hervor, dass die Neuritis in manchen Fällen sich in unerwarteter
Weise mit schweren Centralaffectionen compliciren kann, und dass
sie vielleicht das erklärende Moment für den Zusammenhang vieler
bis jetzt dunkler Erankheits Vorgänge bietet Nothnagel hat die
bisher darüber bekannten Daten in übersichtlicher Weise zusammen-
gestellt und auf den möglichen Zusammenhang von Neuritis mit
chronisch entzündlichen Spinalaffectionen , mit spinaler Erweichung,
mit Tetanus, Epilepsie, Chorea u. s. w. hingewiesen. Er betont aber
ausdrücklich, dass es sich hierbei nur um Möglichkeit, aber keines-
wegs um Gewissheit handle. Weitere Beobachtungen werden diese
Verhältnisse aufzuklären haben.
Die Diagnose der Neuritis wird meist keine erheblichen Schwie-
rigkeiten machen : wo Schmerz und Parästhesien im Verbreitungsbe-
zirk eines bestimmten Nerven, wo motorische und sensible Beizungs-
und nachfolgende Lähmangserscheinungen sich einstellen, wo sich
endlich eine schmerzhafte Anschwellung des Nerven nachweisen lässt,
wird man über die Diagnose nicht lange im Zweifel sein. Beson-
ders die acute Neuritis kann nicht leicht verkannt werden, zumal
wenn sie sich, wie gewöhnlich, an eine Verletzung des Nerven oder
in der Nähe des Nerven anschliesst. Dagegen kann die Erkennung
der chronischen Neuritis, besonders der schleichenden Formen der-
selben, manchmal sehr schwer sein. Am leichtesten kann dieselbe
mit Neuralgie verwechselt werden ; so lange es möglich ist , alle
Neuralgien als auf Neuritis beruhend aufzufassen, so lange eine
scharfe BegriflFsbestiramung der „Neuralgie" nicht thunlich ist, wird
auch . diese Unterscheidung immer mehr oder weniger Willkürliches
haben. Man nimmt gewöhnlich an, dass da, wo 4er Schmerz mehr
continuirlich ist, wo die schari umschriebenen Val 1 eix 'sehen Schmerz-
punkte fehlen, wo alsbald sich Zeichen sensibler und motorischer
Parese und Paralyse hinzugesellen, wo Zoster und ausgesprochene
1) Berl. klin. Wochenschr. 1871.
Neuritis. Diagnose. Prognose. Therapie. 557
andere trophische Störungen vorhanden sind, die Annahme einer
Neuritis gerechtfertigt ist; doch habe ich Fälle gesehen, wo bei aus
gesprochener chronischer Neuritis der Schmerz einen deutlich inter-
mittirenden Charakter zeigte (bei Ischias).
Von Muskelrheumatismen wird man die Neuritis leicht
unterscheiden durch Sjtz und Verbreitung des Schmerzes, Schmerz-
haftigkeit bei ganz bestimmten Bewegungen, bei Druck auf gewisse
Muskeln ir. s. w. Doch wird bei Neuritis in gewissen Muskelästen
(für den CucuUaris, Serratus major, Deltoideus u. s. w.) die Unter-
scheidung manchmal Schwierigkeiten haben.
Thrombose und Embolie der grossen Gefässe der Extre-
mitäten, die manchmal ähnliche Erscheinungen wie die Neuritis
machen (z. B. bei der Phlegmasia alba dolens), wird man leicht an
den dazu gehörenden Veränderungen der Circulation, an Oedem,
Nekrose u. dgl. erkennen.
Die Unterscheidung von centralen Erkrankungen (excentr.
Neuralgien, Anästhesien, Lähmungen u. s. w.) wird nach den bei den
betreffenden Zuständen gegebenen Anhaltspunkten zu ermöglichen sein.
Die Prognose der Neuritis ist immer eine etwas zweifelhafte,
theils wegen der notorisch langen Dauer des Processes, theils wegen
der secundären Lähmungserscheinungen und Ernährungsstörungen,
theils wegen der möglichen Uebertragung der Erankheitsvorgänge
auf das Gentralnervensystem (als Epilepsie, Tetanus, Myelitis u. s. w.).
Die acute traumatische Form ist relativ gtlnstig zu beurtheilen, ebenso
die umschriebenen subacuten und chronischen Neuritiden, welche sich
an jedes den Nerven treffende Trauma anschliessen. Die spontan
oder auf rheumatische Einwirkungen entstandenen Formen sind oft
äusserst hartnäckig und langwierig; nur die leichtesten Fälle sind
entschieden gttnstig; doch habe ich auch schwere Fälle mit völliger
Xiähmung, ausgesprochener Entartungsreaction und Atrophie wieder
heilen sehen. In jedem einzelneu Falle wird sich übrigens die Pro-
gnose nach der Ursache, der Ausbreitung des Leidens und besonders
nach individuellen Verhältnissen richten. Man behalte besonders
immer die Möglichkeit des Wandems der Neuritis im Äuget
Therapie. Zunächst halte man sich an die Erflillung der
Causalindication ; hier fällt der wichtigste Theil der Behandlung der
Chirurgie zu: Entfernung von Fremdkörpern, Keinigung und gute
Wiedervereinigung der Wunden, Desinfection derselben, Hintanhaltung
der entzündlichen Reactionserscheinungen, Reposition von Luxationen
und Fracturen, Entleerung von Abscessen, Beseitigung cariöser Kno-
chen u. s. w. sind hier die Hauptau%aben. Ebenso ist die Behand-
558 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
Inng von Oelenkrhenmatismen , Sehnenentzttndangen , von Syphilis
und anderen Ej*ankheiten, die wir unter den ursächlichen Momenten
angefUhrt haben, nicht zu vernachlässigen. Ist eine frische rheuma-
tische Erkrankung anzunehmen, so kann man durch energische Dia-
phorese, Ableitung auf die Haut, Jodkalium manchmal etwas er-
reichen.
Hat sich einmal eine acute Neuritis entwickelt, dann ist
energische Antiphlogose am Platz : tüchtige Eisapplication, reichliche
örtliche Blutentziehungen, Ableitungen auf den Darm, gute Lagerung
des Theiles und absolute Ruhe desselben thun hier die Hauptsache.
Zur Erleichterung der Kranken dienen subcutane Iiyectionen yon Mor-
phium und Atropin. Vielleicht sind auch grosse Dosen Chinin nützlich.
Bei der subacuten und chronischen Form wird sich der
Grad der Antiphlogose nach der Heftigkeit der Erscheinungen zu
richten haben: man wende die Kälte an in Form länglicher, den
ganzen Nerven bedeckender Eisbeutel ; oder Priessnitz'sche Einwicke-
lungen mit nachfolgenden kühlen Halbbädem; örtliche Blntentzieh-
ungen wird man selten nöthig haben; dagegen sind Ableitungs-
mittel und Oegenreize häufig von guter Wirkung: Einwirkung des
faradischen Pinsels in möglichster Ausdehnung, Jodbepinselung,
wiederholte Application von Yesicantien, jedoch nicht unmittelbar
über dem erkrankten Nerven ! Ableitungen auf Darm und Haut durch
Drastica und Diaphoretica sind in vielen Fällen angezeigt
Das souveräne Mittel für alle mehr chronischen Formen ist der
galvanische Strom. Remak hat denselben gegen Neuritis
warm empfohlen und vielfach mit glänzendem Erfolge angewendet
Leyden, M.Meyer, Althaus u. A. haben diese günstige Wirkung
bestätigt, und ich selbst habe ebenfalls sehr befriedigende Resultate
damit gehabt. Die Anwendung besteht am besten in stabiler Ein-
wirkung der Anode auf die erkrankte Stelle, täglich oder seitenei^
mehrere Minuten lang; die Erleichterung pflegt sehr rasch einzu-
treten und sehr erheblich za sein. Andere Applicationsweisen können
im einzelnen Fall durch specielle Indicationen gefordert werden.
Bei irgend erheblichen Erscheinungen ist absolute Ruhe des er-
krankten Theiles erforderlich, die nöthigenfalls durch geeignete Lage-
rungsschienen erzwungen werden muss. Aber auch in allen anderen
Fällen trägt möglichste Ruhe und Schonung des Theiles sehr wesent-
lich zur Heilung bei ; man verbiete deshalb den Kranken jede Bewe-
g^T^S} j^d^ anstrengende Arbeit, besonders das Hantiren im kalten
Wasser. Eine Vernachlässigung dieser Vorschriften ist häufig die
Quelle langwierigster Verschleppung und Recidivirens der Krankheit
Atrophie der Nerven. Pathologische Anatomie. 559
In sehr hartnäckigen und veralteten Fällen mag man seine Zu-
flucht zu sehr energischen Gegenreizen (Moxen, Ferrum candens); zu
den heissen Thermen (Wildbad, Gastein, Teplitz, Wiesbaden), zu
den Moorbädern und starken Soolbädem und zu energischen Ealt-
wassercuren nehmen.
Besondere Berücksichtigung erfordert endlich die symptomatische
Behandlung; Elektricität und Narcotica spielen bei ihr die Haupt-
rolle ; doch können wir in dieser Beziehung auf das bei der Neur-
algie, Anästhesie, bei Krampf und Lähmung Gesagte verweisen. —
Fttr die Behandlung der secundären centralen Erscheinungen (Epi-
lepsie, Tetanus, Myelitis) verweisen wir auf die betreffenden Ab-
schnitte dieses Werkes.
3. Atrophie der Nerven.
Rokitansky, 1. c. II. S.493. — Förster. 1. c. Bd. H. S.641. — Hasse,
1. c. 2. Aufl. S. 750. — M. Rosenthal, 1. c. S. 453. — Jaccoud, Atrophie
nenreuse progressive. Le^. de Clin. med. Paris 1867. p. 372. — Yalpian, In-
fluence de Tabolit des fonct. des nerfs sur la r^gion de la mobile etc. Arch. d.
Physiol. norm, et path. 1868. No. 3. p. 443; 18b9. No. 6. n. 678. u. 690. —
Dickinson, On the changes in the nervous syst, which foU. Uie amputat. of
limbs. Joum. of Anat. and rhys. No. UI. Nov. 1868. — Th. Leber, Beitr. zur
Eenntniss d. atroph. Veränderung des Sehnerven etc. Arch. f. Ophthalm. XTV. 2.
S. 164. — A. Eulenburg, Ueber vasomotorische u trophische Neurosen. BerL
klin. Woch. 1873. No. 2.
Es erhellt aus frtiheren Abschnitten dieses Buches zur Genüge,
dass die Atrophie der peripheren Nerven durchaim keine seltene
Erscheinung ist; freilich haben wir dieselbe fast immer nur als eine
secundäre, als eine Folgeerscheinung anderer Affectionen (Nerven-
yerletzungen, Gompression, Entzündung u. s. w.) kennen gelernt. Eine
selbständige primäre Atrophie der peripheren Nerven kommt jeden-
falls nur äusserst selten vor, und über ihre klinischen Erscheinungen
wissen wir nichts Sicheres. Die praktische Bedeutung dieser Aflfec-
tion ist also zur Zeit noch eine sehr geringe.
Die pathologische Anatomie hilft uns über diese Schwie-
rigkeit nicht hinweg, da dieselbe bis jetzt kein sicheres Kriterium
au&ufinden im Stande war, an welchem man eine primäre Atrophie
Yon einer secundären (etwa durch Entzündung oder Compression,
oder durch Centralleiden entstandenen) unterscheiden könnte. Doch
nimmt man von mehreren Seiten an, dass da, wo man einfachen
Schwund der Nervenfasern ohne fettige Degeneration des Markes,
massige Bindegewebszunahme mit Einlagerung von Corpuscula amy-
lacea, wo man eine graue durchscheinende Beschaffenheit des schmä-
560 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
1er gewordenen Nerven finde — dass da eine primäre Atrophie
anzunehmen sei.
Von dieser Form der Atrophie j die z. B. am Sehnerven nieht
selten vorzukommen scheint (Leber), ist wohl zu trennen die
senile Atrophie, jenes einfache Abmagern und Schmälerwerden der
Nerven, die trockener, wasserärmer, rigider werden, aber sonst in
ihrer histologischen Beschaffenheit unverändert bleiben; es handelt
sich hier wohl um nichts anderes, als um den einfachen senile
Schwund, wie er im hohem Alter an vielen Geweben vorkommt.
— Um ein analoges Verhalten wird es sich handeln bei der A^phie
durch allgemeine Abmagerung und Kachexie, an welcher
die Nerven ebenso, wie die übrigen Gewebe, wenn auch in geringe-
rem Maasse, theilnehmen: auch hier ist ausser der einÜEUshen Vo-
lumsabnahme keine charakteristische anatomische Veränderung nach-
weisbar.
Anders verhält es sich mit der secundären Atrophie,
deren Existenz ttber jeden Zweifel feststeht, und die wir früher schon
(S. 384) hinreichend ausführlich geschildert haben : fettige Degene-
ration und schliessliche Resorption des Markes, endlich auch Zerfall
und Schwinden des Achsencylinders , Ueberbleiben blasser, feiner
Fasern, zusammengefallener Nervenscheiden; im interstitiellen Oe-
webe reichliche plastische Infiltration, Kömchenzellen, selten Corpora
amylacea; häufig wird durch die Wucherung des Bindegewebes die
Atrophie maskirt. Makroskopisch sehen die Nerven blassgrau,
durchscheinend) schmal, bandartig aus; ihre Scheide ist schlaff, oft
verdickt und mit der Umgebung verwachsen. — Es handelt sich
also hier um eine ausgesprochene degenerative Atrophie, welche
fast immer durch eine Fettmetamorphose eingeleitet wird; es kann
zweifelhaft erscheinen, ob auch eine directe Atrophie ohne Vermitt-
lung der Fettmetamorphose vorkommt, wie dies von Förster U.A.
angenommen wird.
Eine der wesentlichsten und wichtigsten Bedingungen für das
Zustandekommen dieser secundären Atrophie scheint das Aufhören
der vom Centralnervensystem ausgehenden trophischen
Einflüsse zu sein.
Bei aller Vorsicht in der Beurtheilung der zahllosen vorliegen-
den, zum Theil einander widersprechenden und in widersprechen-
der Weise gedeuteten Thatsachen können wir nicht umhin, es ftlr
im höchsten Grade wahrscheinlich, wenn nicht für gewiss zu halten,
dass vom Centralorgan gewisse — noch nicht genauer zu analysi-
rende — Einflüsse ausgehen, welche die Ernährung der peripheren
Atrophie der Nerven. Pathogenese. 561
Theile, besonders der Nerven nnd Muskeln, intact erhalten, und
deren Wegfall oder Veränderung die Ernährung der peripheren
Theile stört und schliesslich der Degeneration und Atrophie ent-
gegenfbhrt.
Leider besitzen wir genauere Details über diese atrophischen
Einflüsse", über ihren anatomischen Sitz und ihre anatomischen
Grundlagen, über die Art und Weise ihrer Wirkung, über die dabei
spielenden Mechanismen zur Zeit noch nicht. Nur so viel kann
yermuthet werden, dass dieselben in der grauen Substanz des
Rückenmarks und des verlängerten Markes, vielleicht auch an be-
stimmten Stellen des Oehims zu suchen sind. Es ist wahrscheinlich,
dass es speciell im Rückenmark die grauen Yordersäulen und in
diesen bestimmte Ganglienzellen sind, welchen wir die Function der
ntrophischen Centren" vindiciren dtlrfen (vgl. darüber A. Eulen -
bürg 1. c, Kussmaul in Volkmann's Samml. klin. Yortr. No. 54,
Charcot, Klin. Vorträge, deutsch von Fetzer, 1874). Ueber den
Mechanismus dieser Wirkungen ist man noch durchaus nicht im
Klaren, und selbst über die Existenz derselben wird noch gestritten;
und in neuester Zeit ist von beachtenswerther Seite (Friedreich,
Ueber progressive Muskelatrophie u. s. w.) der Versuch gemacht wor-
den, alle die trophischen Störungen, welche man im Gefolge cen-
traler und peripherer Nervenaffectionen findet, auf einfach entzünd-
liche Vorgänge, auf ascendirende und descendirende Neuritis zurück-
zuführen.
Wir halten die Annahme centraler trophischer Einflüsse ftlr
wahrscheinlicher und glauben, dass dieselbe die Thatsachen in un-
gezwungener Weise erklärt.
Es ist aus dieser Annahme leicht verständlich, warum Nerven-
atrophie überall da zu Stande kommt, wo diese trophischen Centren
selbst gelitten haben, oder wo dieselben durch irgend welche Momente
von den peripheren Nerven losgetrennt sind. Die Erfahrung lehrt
in der That, dass solche Atrophien vorkommen:
1. im Gefolge von centralen Leiden: bei Anencephalie
und Spina bifida (Rokitansky), beim paralytischen Blödsinn, bei
der Bulbärparalyse, bei manchen Formen der Myelitis, bei der Tabes
dorsalis, bei der spinalen Kinderlähmung und der analogen Affec-
tion Erwachsener (auch bei der progressiven Muskelatrophie, wenn
diese wie die Mehrzahl der neueren Autoren annimmt, als spinales
Leiden aufzufassen ist; vielleicht gehört auch die Bleilähmung hie-
her). ,0b die Atrophie des Sehnerven und anderer Gehimnerven,
die bei Tabes dorsalis so gewöhnlich ist, als eine secundäre, von
Handbuch d. spec Pathologie n. Therapie. Bd. XU. 1. 2. Anfl. 36
562 £rb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
der Bttckenmarkskrankheit abhängige Atrophie; oder als eine iso>
lirte Localisation desselben Proeesses, wie die graue Degeneration
im Bttckenmark aufzufassen sei; ist noch nicht ausgemacht. Sollten
die trophischen Centren für diese Nerven ebenfalls im Bttckenmark
liegen?
2. im Gefolge von peripheren Läsionen: Durchschnei-
dung; Trennung des Zusammenhanges der Nerven in irgend weldier
Art; energische Compression derselben durch Geschwülste aller Art
(Aneurysmen; CarcinomC; Osteome; Syphilome u. s. w.), oder durch
neuritische Processe, bei welch letzteren jedoch wahrscheinlich auch
noch eine directe Ernährungsstörung an der entzündlichen Stelle selbst
angenommen werden darf.
Eine andere, aber weniger bedeutungsvolle Bedingung [für das
Zustandekommen secundärer Atrophie ist in der Zerstörung oder
in der Aufhebung der Function peripherer Organe ge-
geben. Von diesen aus entwickelt sich dann in einer beschränkten
Anzahl von Fällen eine centripetal weiter schreitende Atrophie der
Nerven; die anfangs wohl nur als einfache Abmagerung und Yer-
schmälerung erscheint; und erst nach langer Zeit das Bild der
degenerativen Atrophie ; der grauen Degeneration gibt. Am be-
kanntesten ist das fllr den Nervus opticus: nach Exstirpation , Zer-
störung und Phthisis des Bulbus ; nach Atrophie der Betma, nach
Geschwülsten am AugO; nach glaukomatösen Zuständen (Leber)
entwickelt sich zunächst einfache Atrophie des Sehnerven; und erst
spät wird derselbe grau, durchscheinend und gibt das histologische
Bild der grauen Degeneration (Lebe r). Diese Veränderung erstredLt
sich bis über das Chiasma hinaus in beide Tractus optici und deren
nächste Gentren im Gehirn (Gudden^)). — r In ähnlicher Weise bat
man nach Amputationen der Extremitäten viele Jahre später eine
centripetal fortschreitende; manchmal sogar auf das Bttckenmark
sich fortsetzende Atrophie der abgesetzten Nervenstämme g^mden^
entweder als einfache Abmagerung ohne histologische Veränderung
(Vulpian); oder mit allen Zeichen einer neuritischen Atrophie; mit
Bindegewebswucherung u. s. w. (Dickinson). Doch ist dieses Vor-
kommen keineswegs constant (Friedreich). Endlich hat Wundt
nach vieljährigem Schwund einer Niere hochgradige Ati-ophie der
Nierennerven gefunden.
Fttr die Entstehung der primären Atrophie sind die Bedingun-
1) lieber die Kreuzung der Fasern im Chiasma nervor. opticor. Arch. £
Ophthalmol. XX. 2. S. 249. 1874.
Atrophie der Nenren. Pathogenese. Symptome. 563
gen noch gar nicht genauer bekannt; es bedarf dazu einer directen
Alteration der Entztindong der Nerven. Möglich, dass die neoritische
Atrophie an der entzündeten Stelle selbst hiehergehört; femer die
degenerative Atrophie, welche sich im Opticus ; Ocnlomotorios nnd
anderen Himnerren bei Tabes findet, und welche vielleicht dieselbe
Entstehung hat, wie die graue Degeneration der Hinterstränge des
Rückenmarks, ftir welche ja die Annahme einer primären fortschrei-
tenden Atrophie nicht ausgeschlossen ist.
L e be r spricht es wenigstens geradezu aus, dass die Sehnerven-
atrophie nicht die einfache Folge der Compression der Nervenfasern
durch ein entzündliches Exsudat sei. — Die „spontane progressive
nervöse Atrophie", über welche Jaccoud gelegentlich eines inter-
essanten Falles zwei lange Vorlesungen hielt, stellte sich bei der
Section durchaus nicht als spontan, sondern als durch Compression
der Spinalwurzeln bedingt heraus.
lieber die Symptome der Atrophie ist wenig zu sagen. Von
einer spontanen, idiopathischen Atrophie der peripheren Nerven (mit
Ausnahme des Opticus) wissen wir so gut wie nichts; jedenfalls
sind die Symptome derselben nicht bekannt ; die Auseinandersetzun-
gen Jaccoud 's über diesen Gegenstand wurden durch die Section
desavouirt. — Ob die allgemeine Schwäche bei kachektischen Zu-
ständen auf einer Atrophie der peripheren Nerven beruhe, ist min-
destens zweifelhaft; wahrscheinlicher ist dieselbe centralen Ursprungs
oder durch die Atrophie der Muskeln bedingt.
Die secundäre Atrophie dagegen bildet nur eine Theilerschei-
nung der ihr zu Gründe liegenden Krankheit und gehört zum Sym-
ptomenbild derselben. Es gehören daher die von manchen Autoren
der Atrophie zugeschriebenen primären Reizungs- und secundären
Lähmungserscheinungen, die so schön in das beliebte allgemeine
Schema passen, der Hauptsache nach dem Grundleiden an, und wir
haben uns hier nicht mit denselben zu beschäftigen, können viel-
mehr auf die betreffenden früheren Abschnitte (s. besonders ^ Läh-
mung'') verweisen. Nur so viel lässt sich mit Sicherheit behaupten,
dass überall, wo einmal die Atrophie entwickelt ist, die Function
der Nerven herabgesetzt, oder erloschen sein muss; das wird sich
dann als Lähmung, Anästhesie, als Amblyopie und Amaurose äussern.
Nicht uninteressant ist es, dass man die Atrophie, an den moto-
rischen Nerven wenigstens, durch die elektrische Untersuchung nach-
weisen kann: überall da, wo die faradische oder galvanische Er-
regbarkeit derselben erheblich gesunken oder völlig erloschen ist
(vorausgesetzt, dass nicht die Muskeln gänzlich geschwunden sind),
36*
5t>4 Erb, Erankhdten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
haben wir nach unseren jetzigen Erfahmngen das Recht, Degene-
ration und Atrophie der Nerven anzunehmen. Das haben wir bei
Besprechung der traumatischen, rheumatischen und Compressions-
Lähmung, bei der atrophischen Spinallähmung u. s. w. wiederholt
gesehen.
Das dürfte auch — wenn wir von den Ergebnissen der ophthal-
moskopischen Untersuchung bei Sehnervenatrophie absehen — das
einzige diagnostische Hülfsmittel sein, mit welchem wir die Atrophie
peripherer Nerven direct erkennen können. Natürlich erlaubt aber
der Nachweis derjenigen Krankheiten, bei welchen wir die Atrophie
der Nerven mit Sicherheit als Theilerscheinung erwarten dürfen,
überall bestimmte Schlüsse auf das Vorhandensein der Atrophie.
Die Prognose der Nervenatrophie steht und fällt mit der des
Grundleidens. Ist die Wiederherstellung des Zusammenhanges mit
dem Centrahiervensystem , ist die Heilung der die Atrophie bedin-
genden Affectionen möglich, dann tritt mit ziemlicher Sicherheit Re-
generation und Restitution ein ; ist jenes nicht möglich, und ebenso
bei sehr langem Bestehen der Atrophie ist die Prognose ungünstig.
Wie gross die Tendenz zur Wiederherstellung und Regeneration
atrophischer Nerven ist, haben vielfache Versuche gelehrt; haben
doch Philipeaux und Vulpian sogar in einem völlig ausge-
schnittenen und unter die Haut verpflanzten Nervenstflck eine partielle
Regeneration wieder eintreten sehen ! eine Thatsache, die freilich von
Vulpian neuerdings durch zufällige Berührung mit den verletzten
Nerven des Unterhautzellgewebes erklärt wird. Die Regenerations-
fähigkeit scheint demnach doch wesentlich an den Zusammenhang
mit dem centralen Nervensystem geknüpft zu sein.
Es ergibt sich aus dem Gesagten sehr einfach, dass eine The-
rapie der Atrophie im Wesentlichen eine Therapie des Grundleidens
ist. Es gilt, dieses zu behandehi und zu beseitigen; gelingt dieses,
dann ist auch eine Beseitigung der Atrophie mit Grund zu erwarten.
— Direct gegen dieselbe ist wenig, vielleicht gar nichts zu machen.
Das empfehlenswertheste Mittel ist jedenfalls die Elektridtät ; die-
selbe scheint jedoch bei secundären Atrophien erst dann wirksam
zu sein, wenn die Möglichkeit der Wiederherstellung durch Beseiti-
gung des Grundleidens gegeben ist Sie wirkt dann wohl durch
Besserung der Circulationsverhältnisse, durch Anregung der Function
der Nerven, durch moleculäre Einwirkung auf dieselben. Besonders
dem galvanischen Strom werden in dieser Beziehung bedeutende
Wirkungen zugeschrieben (s. die allgem. Therapie der Lähmungen).
— Gewisse elektrotherapeutische Erfahrungen bei der Sehnerven-
Hypertrophie und Neubildung an den Nerven. Neurome. 565
atrophie (s. die Referate über Elektrotherapie in den letzten Jahr-
^ngen des Virchow - Hirsch'schen Jahresber. über d. ges. Medicin)
scheinen überdies zu lehren, dass dem galvanischen Strom entschie-
dene Heilwirkungen in manchen Fällen von (primärer?) Sehnerven-
atrophie zukommen. — Weiterhin empfiehlt man bei den die Läh-
mungen so oft begleitenden Atrophien energisches Massiren der
Qlieder, warme Bäder, Soolbäder, Fichtennadelbäder, abwechselnd
kalte und warme Douchen, Frottirungen , spirituöse und stärker
irritirende Einreibungen u. s. w. Alle diese Dinge werden nur als
untergeordnete Unterstützungsmittel fUr die elektrische Behandlung
zu betrachten sein; freilich werden sie manchmal eine nicht zu
unterschätzende Wirkung in Bezug auf die Causalindication haben.
4. Hypertrophie und Neubildung an den Nerven. Wah^e und
fialsche Neurome.
*
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Elephantiasis Arabum congenita mit plexiform. Neuromen. Arch. f. klm. Chir.
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Hypertrophie der peripheren Nerven ist eine grosse Selten-
heit; es handelt sich dabei mehr nm pathologisch-anatomische Cu-
riositäten, als um praktisch wichtige Dinge. Man findet an den
'breiter und voluminöser gewordenen Nerven dann entweder eine
wahre Hyperplasie des Nervengewebes, also eine Zunahme der Zahl
der Nervenfasern; Spaltung derselben in eine grössere Anzahl von
566 Ebb, KrankheiteD der peripheren-cerebrospinalen Nonren.
Tochterfasern (A. Heller, Nenmann u. A.), eine grössere Brette
der Markscheide und selbst des Achsencylinders , oder es ist die
Volamsznnahme nur — and dies ist yielleicht der häufigere Fall
— durch interstitielle Bindegewebswucherung bedingt. Beide FäUc
sind — trotz ihres grossen allgemein -pathologischen Interesses —
bis jetzt ohne jede klinische Bedeutung.
Von den bisher vorgekommenen Befunden mag hier erwähnt
werden*, dass man bei Elephantiasis manchmal eine erhebliche Ver-
dickung und Wucherung der Nerven, theil weise mit Uebei^^ang rar
Neurombildung gefunden hat ; dass bei multiplen Neuromen, mochten
diese hereditär oder sonstwie entstanden sein, mehrfach auch eine
diffuse Hypertrophie der befallenen Nerven gefmiden wurde, so in
einem Falle von Bischoffund einem von Hesselbach (citirtbei
Virchow, Geschwülste HI. S. 261), ebenso in dem von Heller
(1. c.) beschriebenen Falle; dass Günsburg bei einem Phthisiker
beide Ischiadici, Laumonier bei einem jungen Menschen, Moxo'n
(s. Virchow 1. c.) bei einer weiblichen Leiche zahlreiche Nerven
verdickt und hypertrophisch gefunden hat. Auch in dem schon er-
wähnten Falle von Ferr^ol-Reuillet wurde eine erhebliche Hyper-
plasie vieler Nerven nachgewiesen.
Alle diese Fälle haben keinen klinischen Werth; eine sympto-
matologisehe Gharakterisirung der Nervenhypertrophie als solcher ist
zur Zeit nicht möglich. Von einer Behandlang derselben kmm also
auch keine Bede sein.
'Von grösserer praktischer Bedeutung als die Hypertrophie der
Nerven sind die Neubildungen an den Nerven. Man hat die-
selben seit Odier ganz allgemein als Neurome bezeichnet, ganz
einerlei, aus welchem Gewebe sie bestehen. Nach den heute in der
Geschwulstlehre geltenden Principien muss diese Bezeichnung den-
jenigen Geschwülsten der Nerven vorbehalten bleiben, welche aus-
schliesslich oder der Hauptsache nach aus wirklicher Nervensubstanz
bestehen. Der Sprachgebrauch jedoch und die praktische Ueberein-
stimmung der verschiedenen Geschwulstformen haben es mit sich
gebracht, dass man die nicht aus Nervengewebe bestehenden j aber
am Nerven sitzenden und von ihm ausgehenden Neubildungen unter
dem Namen der „ falschen Neurome ^ jenen echten, wahren Neuromen
gegenüber gestellt hat.
Beide Gruppen kommen gar nicht selten zur Beobachtung; nur
in einem gewissen Procentsatz der Fälle jedoch erlangen diese ELrank-
heiten eine hervorragende praktische Wichtigkeit; häufig verlaufen
sie ohne alle Erscheinungen. Da sie vorwiegend von pathologisch-
Keubildoiig an den Nerren. Pathologische Anatomie. 567
anatomischer und cbirorgischer Bedeatnng sind, dürfen wir uns, im
Einklang mit dem Zwecke dieses Werkes, bei der Darstellnng ver-
hältnissmässig kurz fassen.
Pathologische Anatomie. Da seit der Einfbhning der
Odi er 'sehen Bezeichnung alle möglichen Nenbildungen an den
Nerven unter dem gemeinsamen Namen Neuroma zusammengeworfen
wurden, ist eine vollständige Sichtung und kritische Bearbeitung des
vorliegenden Materials, wie sie in dem classischen Werke von Vir-
chow versucht worden ist, mit erheblichen Schwierigkeiten ver-
knüpft. Jedenfalls aber haben wir an& strengste voneinander zu
scheiden die Geschwtilste, welche aus wirklicher Nervensub-
stanz vorwiegend oder ausschliesslich bestehen (Neu-
roma verum) und jene, welche aus irgend welchen anderen
Geweben zusammengesetzt sind (Neuroma spurium). Es wäre wohl
am besten, die letztere Benennung ganz fallen zu lassen. Die ge-
nauere Untersuchung lehrt nun, dass hauptsächlich etwa folgende
Formen vorkommen:
1. Wahres Neurom; Neuroma verum. Besteht der -Hauptsache
nach ans Nervenfasern, untermischt mit mehr oder weniger reich-
lichem Bindegewebe ; das letztere kann mehr weich oder mehr derb,
gefässreich oder gefässarm u. s. w. sein. Daraus ergeben sich ver-
schiedene gemischte Neurome (Fibro-, Glio-, Myxoneuroma, Neuroma
teleangiectodes u. s. w.). Ueber das etwaige Vorkonmien von Ganglien-
zellen in diesen Neuromen sind die Acten noch nicht geschlossen.
Die Entstehung der neugebildeten Nervenfasern wird theils auf Gra-
nulationsgewebe, theils auf Vermehrung und Abspaltung der vorhan-
denen alten Nerven&sem (Heller) zurückgeitihrt. Wahre Neurome
kommen fast ausschliesslich an den spinalen, selten an den sympa-
thischen und noch seltener an den cerebralen Nerven vor. Ihre
Grösse ist eine äusserst verschiedene : von HanfkomgrOsse bis zu der
einer Faust und noch mehr.
Die histologische Untersuchung zwingt zur Unterscheidung zweier
Formen des wahren Neuroms : bei der emen finden sich lauter mark-
haltige, doppelconturirte Fasern (Neuroma myelinicum Vir eh.); daher
ein markweisses Aussehen der Geschwulst, so z. B. bei den Amputa-
tionsneuromen ; bei der andern Form finden sich lauter äusserst feine
marklose Nervenfasern, die gewöhnlich eine vielfach verfilzte und
schwer entwirrbare Masse darstellen, welche lebhaft an die Fibro-
my ome des Uterus erinnert ; die Geschwulst ist grau (Neuroma amye-
linicum). Die histologische Erkennung dieser Geschwulst ist sehr
schwierig und erst durch Virchow einigermassen erleichtert und
568 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
möglich gemacht. Man hat dieselbe offenbar früher vielfach mit
Fibromen und Fibrosarkomen verwechselt; ein grosser Theil der so-
genannten multiplen Neurome gehört in diese Kategorie der wahren,
marklosen Neurome.
2. Andere Neubildungen am Nerven (Neuromata spuria). Cha-
rakteristisch ist für dieselben, dass die Hauptmasse der Geschwulst
nicht aus Nervengewebe besteht, und dass die Zahl der aus dem
befallenen Nerven in die Geschwulst tibertretenden Nervenfasern nicht
vermehrt erscheint Verschiedene Geschwulstformen kommenhier vor :
a. Fibrome. Sie bestehen aus einem mehr oder weniger
dichten Bindegewebe mit wenigen Nervenfasern und sind dem ent-
sprechend bald mehr weich, bald mehr fest; oft erscheinen sie als
ganz kleine harte Knötchen, und die Mehrzahl derjenigen Neubil-
dungen an den Nerven, die man als Tubercula dolorosa bezeichnet,
besteht wohl aus fibrösem Gewebe. Wahrscheinlich hat man früher
die -meisten amyelinischen Neurome unter die Fibrome eingereiht;
doch auch, wenn man diese abrechnet, gehören die Fibrome zu den
häufigeren Neubildungen an den Nerven.
Als Tuberculadolorosa hat man von lange her gewisse kleine,
harte, an den peripheren Nerven, besonders an den kleinen sensiblen
Hautästen der Extremitäten, in der Nähe der Gelenke vorkommende
knötchenfbnnige Neubildungen bezeichnet, die sich durch eine enorme,
paroxysmenweise auftretende, durch Berührung, Witterungswechsel u. dgl.
erheblich gesteigerte Schmerzhaftigkeit auszeichnen. Es erscheint nicht
gerechtfertigt, dieselben als eine eigene G^schwulstform beizubehalten,
da sie bei aller Uebereinstimmung in den klinischen Symptomen histo-
logisch die grössten Verschiedenheiten zeigen können. Man hat welche
gefunden, die aus mehr oder weniger derbem Bindegewebe bestanden,
andere, die zahlreiche Muskelzellen, andere, die cavemöses Gewebe
enthielten; in einigen hat man eine Structur, welche an die der Pa-
cini^schen Körperchen erinnerte, in anderen das Gewebe von Faser-
knorpel gefunden; und von noch anderen ist es nicht zweifelhaft, dass
sie den wahren Neuromen zugehören oder wenigstens sehr nahe stehen.
Auch scheinen üebergänge zu den gewöhnlichen Formen der Neurome
auch symptomatologisch in jeder möglichen Weise vorzukommen, so
dass es wohl zweckmässiger ist, diese Kategorie von Neubildungen
ganz fallen zu lassen und sich streng an die histologische Classification
zu halten (vgl. Virchow 1. c).
b. Myxome. GeschwtUste , die aus Schleimgewebe mit seinen
charakteristischen Merkmalen bestehen, sind an den Nerven gar nicht
selten ; sie stellen weiche, gelappte, röthlich durchscheinende, gallert-
artige Neubildungen dar, in welchen das Mikroskop bald ausgebil-
dete Netzzellen, bald mehr Fettgewebe u. dgl. enthüllt Auch Oysten-
bildungen sind gerade in Myxomen häufig und haben zur Aufistellung
NeubOdang an den Nerven. Pathologische Anatomie. 569
des Nenroma cysticum geführt. — Gliome sind bis jetzt nur am
Acnsticos mit Sicherheit beobachtet
c. Sarkome kommen in yerschiedenen Formen, als zellige,
faserige n. s. w. Sarkome an den Nerven vor; zeigen nicht selten
Ueber^ge in Fibrome nnd Myxome und haben mit den letzteren
im Aenssem und in der Entwickelungsweise grosse Aehnlichkeit
Nicht selten ist bei ihnen hochgradiger Gefässreichthum. Sie sind
im Ganzen selten.
d. Carcinome dagegen konunen häufiger vor und zwar eben-
falls in yerschiedenen Formen ; seltener das Cancroid, häufiger Skir-
rhus und Markschwamm, manchmal auch das Carcinoma melanodes.
Meist handelt es sich um Neubildungen, welche den Nerven secundär
ergreifen, von den Nachbartheilen aus in denselben hineinwuchem
und sich dann im Neurilemm weiter verbreiten, an verschiedenen
Stellen zu knotigen Auftreibungen desselben fUhrend. Doch kommen
auch primäre, selbständige Carcinome im Nerven vor. Fast immer
kommt es dabei zu einer mehr oder weniger vollständigen Zerstö-
rung und Degeneration der Nervenfasern.
e. Syphilitische Gummata entwickeln sich nicht selten in
den Himnerven an der Schädelbasis und sind hier meist von den
Hirnhäuten her fortgepflanzt, können sich aber dann in den Nerven
selbst zu mehr selbständigen Geschwülsten entwickeln.
f. Lepra nervorum erscheint nur selten in eigentlicher Ge-
Bchwulstform , häufiger als diffuse oder mehr spindelförmige An-
schwellung der Nerven. Es handelt sich dabei um Entwickelung
von Granulationsgewebe, das von dem entzündlichen oft nicht zu
unterscheiden ist (Perineuritis leprosa).
Was nun die Grösse der NervengeschwtUste anlangt, so ergibt
sich schon aus der vorstehenden Aufeählung der verschiedenen mög-
lichen Geschwulstformen , dass dieselbe eine äusserst verschiedene
sein wird; in der That kommen zwischen der Grösse eines Hirse-
oder Hanfkomes und deijenigen eines Kindskopfes und selbst eines
Mannskopfes alle möglichen Abstufungen vor. In der Mehrzahl der
FäUe jedoch handelt es sich um Neubildungen von der Grösse von
Erbsen bis zu der von Hühnereiern — also vorwiegend um kleinere
Geschwülste.
Auch in Bezug auf die Zahl der gleichzeitig auftretenden Ge-
schwülste bestehen die allergrössten Schwankungen. Sehr häufig
trifft man die Neurome vereinzelt, als solitäre Neubildung an
irgend einem Nervenstamm. Das gilt nicht fUr die überaus schmerz-
haften, kleinen Neurome, die sich den Namen Tuberc. dolorosa ver-
570 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
dient haben, sondern ftlr alle möglichen Formen der Neabildang an
den Nerven.
Häufiger jedoch ist dieMnltiplicität dieser Neubildungen,
ihr Auftreten in grösserer, oft in ungeheurer Anzahl, und zwar kaim
man hier wieder eine örtliche Multiplicität unterscheiden, wobei
sich entweder eine Reihe yon Knoten an einem und demselboi
Neryenstamm, oder zahlreiche Knoten an allen Aesten einee Stam-
mes oder Plexus (der häufigere Fall) finden; eine Abart dieser ört-
lichen Multiplicität stellt das ' sogenannte Neuroma plexiforme dar,
bei welchem sich ein grosses Geflecht verdickter und gewucherter
Nervenstämme zu einer plexusförmigen Masse vereinigt — Ausser-
dem kommt aber auch eine allgemeine Multiplicität vor, indem
sich Neurome — oft in unglaublicher Zahl, zu mehreren Tausenden
— an allen möglichen Nerven des Körpers, vorwiegend an den
spinalen, aber auch an den cerebralen und sympathischen Nerven
finden. Besonders an der Cauda equina, an den Beckenplexus u. s. w.
hat man solche multiple Neurome geftmden, und die dazwischen
liegenden Nervenstämme waren dann meist erheblich verdickt und
hypertrophisch. Es handelt sich dabei nicht um eine maligne Mul-
tiplicität, wie bei den bösartigen Geschwülsten, sondern um eine
krankhafte Diathese zur Neubildung in einem einzelnen Körperge-
webe. — Eine Combination von Elephantiasis, plexiformen und mul-
tiplen Neuromen findet sich in dem interessanten Fall von Qzerny.
Die Beziehungen aller dieser Geschwülste zu den Nerven selbst
können sehr verschiedene sein und sind nicht immer leicht nachzu-
weisen. Die Neubildung sitzt dem Nerven entweder seitlieh auf^ so
dass derselbe neben ihr herlaufend erscheint, oder sie sitzt oeniral
in dem Nerven, dessen einzelne Bündel in verschiedener Biehtung
über die Geschwulst hinwegziehen, oder der Nerv geht ganz und
unmerkbar, manchmal unter büschelförmiger Auffaserung seiner Bün-
del, in der Geschwulst auf. Bei den wahren Neuromen können sieh
alle Fasern des Nerven an der Neubildung betheiligen, oder es thut
dies nur ein Theil derselben; die falschen Neurome geh^i meist
vom Neurilemm aus, und es können dabei die Nervenbahnen mehr
oder weniger intact bleiben, sie können aber ebensowohl auch yöllig
comprimirt oder zerstört werden. Alles dies wird natürlich von
maassgebendeni Einfluss auf die Gestaltung der Symptome sein.
Die Aetiologie der Neurome ist in vielen Beziehungen noch
unaufgeklärt. Zunächst lehrt die Erfahrung, dass eine gewisse Prä-
disposition zu denselben bei manchen Individuen vorkommt, und
zwar sind dies oft Leute aus Familien, welche überhaupt zu Neu-
Keubfldang an den Kenren. Aetiologie. Symptome. 571
rosen disponirt sind ; congeDitale und hereditäre Entstehang ist niclit
selten beobachtet; und gewisse Beziehungen zur Idiotie und zum
Gretinismus können nicht von der Hand gewiesen werden. Auch
Phthisiker und Scrophulöse scheinen in hervorragendem Maasse zur
Bildung von Neuromen (aber nicht tuberculöser !) veranlagt zu sein.
Besonders für die multiplen Neurome muss eine besondere Anlage
oder wenigstens eine locale Gtewebsdisposition angenommen werden ;
woher dieselbe jedoch rührt, ist unbekannt. — Die isolirten Neurome
sind viel häufiger bei Weibern, die multiplen kommen fast aus-
schliesslich bei Männern vor. — Neurome können in jedem Lebens-
alter entstehen, sind manchmal angeboren.
Von den directen Ursachen sind traumatische Einwirkun-«
gen am besten bekannt: Stoss, Druck, Quetschung, Steckenbleiben
von Fremdkörpern (Glassplitter, Nadelspitze, Ligaturfaden u. s. w.)
sind hinreichend oft als Ursachen der Neurome constatirt worden,
um ihre Wirksamkeit unzweifelhaft zu machen. Hieher gehören
auch die cicatriciellen Neurome, welche sich bei durchschnittenen
oder sonst verletzten Nerven an den Schnittenden bilden, und die
so häufigen Amputationsneurome , welche sich als runde oder läng-
liehe Anschwellungen der abgeschnittenen Nervenenden in der Narbe
der Amputationsstttmpfe finden. Sie sind wohl der Ausdruck ftir
die Intensität imd Energie der Regenerationsvorgänge, welche sieh
in den getrennten Nervenenden entwickeln. ,
Zum Theil sind diese Neurome wohl auch als entztlndliche auf-
zufassen; jedenfalls kann eine chronische Neuritis der Ausgangs-
punkt ftlr die Neurom bildung werden. Auch in der Nähe chronisch-
entzündlicher Vorgänge, z. B. Handgelenkscaries, hat man Neurome
sich entwickeln sehen.
Eine rheumatische Entstehung der Neurome, die man früher
vielfach statuirte, ist mindestens zweifelhaft und wäre vielleicht nur
durch das Mittelglied einer rheumatischen Neuritis verständlich. —
Dass Syphilis, Lepra, Elephantiasis gelegentlich ebenfalls zur Ge-
schwulstbildung an den Nerven ftlhren, wurde schon erwähnt Im-
merhin aber bleibt noch eine Mehrzahl von Fällen, in welchen keine
Ursache nachweisbar ist, und wo man ein „spontanes*" Entstehen
der Neubildung anzunehmen genöthigt ist.
Die Symptome der Geschwülste an den Nerven sind sehr
wechselnd; viele Fälle verlaufen merkwürdiger Weise ganz ohne
alle Erscheinungen, andere dagegen werden die Quelle andauernder,
unsäglicher Leiden ftir die Kranken, ohne dass wir bis jetzt ein
ausreichendes Verständniss für diese Verschiedenheiten hätten. Wahr-
572 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerren.
scheinlicb ist die Verschiedenheit der feineren Beziehungen zwischen
dem Nerven und der Neubildung die nächste Ursache dieses Ver-
haltens.
Die Geschichte der isolirten Neurome ist, wenn sie Ober-
haupt bekannt wird, meist die einer schweren, unheilbaren Neuralgie
— daher der Name der Tubercula dolorosa, welcher, wie wir oben
sahen, allerdings nur für gewisse, in ihren Symptomen einander
ähnliche Fälle geschaffen ist.
In solchen Fällen sind heftige, allmälig zunehmende Schmerz en,
die von einem gewissen Punkte ausstrahlen und sich gegen die Pe-
ripherie hin verbreiten, das Hauptsymptom, Schmerzen, die einen
verschiedenen Charakter haben können: reissend, lancinirend, oder
ein tiefsitzendes Wehgefühl, Bohren, Brennen u. dgl. Sie sind fast
immer remittirend oder völlig intermittirend; sie werden durch ieucbte
und kalte Witterung, durch Druck, durch die Manipulationen bei
der Untersuchung, bei Frauen manchmal durch das Eintreten der
Menses oder durch Gravidität gesteigert. Sie gönnen manchmal
durch einen starken Druck auf den Nerven oberhalb der Geschwulst
vorübergehend zum Schwinden" gebracht werden, Ihre Intensität in
den einzelnen Fällen ist äusserst verschieden; oft sind sie gerade
am heftigsten bei den kleinsten Tumoren an den peripheren Haut-
ästen. Schwankungen in ihrer Intensität kommen im Verlaufe des
Leidens vielfach vor und können hier nicht im Einzelnen geschildert
werden.
Neben den Schmerzen sind Parästhesien eine im Ganzen
nicht gerade häufige Erscheinung: doch werden in vielen Fällen im
peripheren Verbreitungsbezirk des Nerven Taubheitsgeflihl, Formi-
cation, Geftthl von Hitze und Kälte wahrgenommen. — Noch seltener
sind ausgesprochene motorische Störungen; während dieselben
in manchen Fällen (bei Neuromen rein sensibler Nerven natürlich
immer) fehlen, stellen sich in anderen direct oder reflectorisch er-
zeugte motorische Reizungserscheinungen (Tremor, Spasmen, Con-
tracturen u. s. w.) ein, welche dann im weiteren Verlaufe paralyti-
schen Erscheinungen verschiedenen Grades Platz machen können.
Dann finden sich aber auch meist auf sensiblem Gebiete Lähmungs-
erscheinungen ein, und mehr oder weniger verbreitete Anästhesie
vervollständigt das Erankheitsbild; dieselbe erscheint nicht selten
unter dem Bilde der Anaesthesia dolorosa, besonders bei bösartigen
Neubildungen.
Nur in besonders schweren Fällen oder bei sehr reizbaren Indi-
viduen treten verbreitete Irradiationserscheinungen, diffuse Schmerzen
Neubildong an den Nerven. Symptome. 573
im Kopf und Rücken und in den verschiedensten Nervenbezirken
ein; selten gesellen sich dazu während der Schmerzparoxysmen
Sehwindel oder epileptische Anfälle oder hysterische Gonvulsionen
und noch seltener kommt es zu tetanischen Zuständen.
Die objectire Untersuchung lässt in solchen Fällen nicht selten
an dem betreffenden Nerven ein kleines, bewegliches, meist sehr
schmerzhaftes und gegen die leiseste Berührung empfindliches Knöt-
chen entdecken, von welchem aus die Schmerzparoxysmen hervor-
gerufen werden können. In anderen Fällen ist mit grösserer Leich-
tigkeit eine umfangreichere Neubildung zu erkennen. Sitzt das Neurom
jedoch an einer der Palpation unzugänglichen Stelle des Nerven^
z. B. in der Beckenhöhle, an der Cauda equina u. dgl., so ist das-
selbe direct nicht nachzuweisen.
Der weitere Verlauf ist in den einzelnen Fällen wieder ein ver-
schiedener: entweder steigern sich alle Erscheinungen allmälig, die
Kranken werden von den fürchterlichsten Schmerzen gemartert, die
andauernde Schlaflosigkeit, secundäre Verdauungsstörungen u. dgl.
filhren allmälig einen Zustand hochgradiger Kachexie und durch
unaufhaltsame Erschöpfung den Tod herbei:
oder es tritt eine allmälige Milderung und schliessliches Auf-
hören der Symptome ein ; die Kranken leben wieder auf. Es sollen
in einzelnen Fällen die Geschwülste ganz verschwunden sein.
oder es treten alhnälig Lähmungserscheinungen ein, die je nach
dem Sitz der Geschwülste mehr oder weniger ausgebreitet sein können;
so besonders bei Neuromen an der Cauda equina: hier kann Para-
plegie mit Muskelatrophie, mit den verschiedensten trophischen Stö-
rungen, mit Decubitus, Blasen- und Mastdarmlähmung eintreten, und
auf diese Weise der letale Ausgang herbeigeftlhrt werden.
Die eigentlichen Neurome an sich sind nicht infectiös und haben
als solche keinen deletären Einfluss auf den Organismus; wenn sie
nicht durch ihren zufälligen Sitz und auf mechanische Weise Störun-
gen herbeiführen, können sie eine unbegrenzt lange Dauer haben
und viele Jahre stationär bleiben, ohne das Allgemeinbefinden irgend-
wie zu betheiligen. Viele haben jedoch nach der Exstirpation eine
grosse Neigung zu örtlichen Recidiven und erscheinen dann oft in
zunehmend vergrösserter Zahl an demselben und an benachbarten
Nerven ; auch kann dann Verwachsung mit der Haut und Ulceration
der Neubildung eintreten.
Bei den heteroplastischen Neubildungen bestimmt natürlich der
Charakter der Neubildung häufig den Verlauf und dieselben können
deletären Einfluss haben, ohne erhebliche nervöse Störungen zu
574 Ebb» Krankheiten der peripheren- cerebrospioalen Nerven.
machen. Manchmal entstehen Airibunde Erscheinungen, acute Neu-
ritis u. dgl., wenn z. B. ein Garcinom in grössere Nenrenstämme
hinein wuchert; eine rapide Weiterverbreitung des Leidens, selbst bis
auf das Centraineryensystem und ein rasches Fortschreiten der Ka-
chexie ist dann die nicht ungewöhnliche Folge.
Fast gar keine Erscheinungen machen, wenigstens in vielen
Fällen, diemultiplenNeurome. In vielen der bekannt gemachten
Fälle wurden sie zufällig bei der Section gefunden oder eben so
zufällig schon während des Lebens entdeckt. Immerhin können
auch diese Tumoren mancherlei Störungen durch ihre mechanischen
Einwirkungen hervorbringen: Schmerzen, Lähmungen, Anästhesie,
Atrophie der Muskeln, Haatulcerationen u. dgl. hat man in solchen
Fällen beobachtet. In andern Fällen — besonders da, wo auch die
sympathischen Nerven erheblich mitbetheiligt sind — stellen sich
schliesslich allgemeine Schwäche und Anämie, Verdauungsstörungen
u. dgl. ein, und die Kranken erliegen oft rasch unter schwer zu
deutenden Symptomen. Möglich, dass die Betheiligung des Vagus,
Sympathicus, Phrenicus u. s. w. auf diesen Verlauf von Einfluss ist
Die multiplen Neurome können viele Jahre und selbst Jahrzehnte
bestehen, ohne grosse Störungen zu verursachen, während sie andere
Male rascher zum .Tode fuhren.
Die Diagnose der Neurome gründet sich ausser auf die an-
geführten Symptome fast einzig auf den Nachweis verschieden grosser,
rundlicher, oder eiförmiger, nur in seitlicher und nicht in der Längs-
richtung des Nerven beweglicher Tumoren, welche längs des Ver-
laufes gewisser Nerven aufzufinden sind. Eine genauere anatomische
Diagnose der Neubildung wird selten möglich sein und muss sich
auf die allgemeinen Principien der Diagnose von Geschwülsten grün-
den ; dieselbe kann mit Sicherheit erst durch das Mikroskop gemacht
werden. — Wo keine äusserlich nachweisbare Geschwulst vorhanden
ist, wird man das Neurom aus den vorhandenen nervösen Störungen
immer nur mit einiger Wahrscheinlichkeit erschliessen können.
Prognose. Das wahre Neurom ist immer eine locale und
gutartige Neubildung; es kann aber gelegentlich nach der Exstir-
pation locale Recidive, selbst mehrfach wiederholte Recidive machen,
schliesslich mit der Haut verwachsen und selbst exulceriren. Von
einer allgemeinen Infection dagegen ist nichts bekannt.
Die übrigen Neubildungen an Nerven theilen die Prognose,
welche sie an anderen: Entstehungsorten haben, und es ist auch hier
das Princip der grösseren oder geringeren Heteroplasie für die Pro-
Neubildung an den Nerven. Diagnose. Prognose. Therapie. 575
gnose entscheidend; die specifiscb bösartigen Neubildungen haben
nattlrlieh auch hier eine sehr schlimme Prognose.
Unter den einzelnen Fällen sind diejenigen mit heftigen neural-
gischen Schmerzen schlimm, T?enn keine Exstirpation gemacht werden
kann, weil durch kein Mittel die Schmerzen zu beseitigen sind, und
dieselben den Kranken allmälig erschöpfen. Im übrigen richtet sich
die Prognose nach der Intensität und Ausbreitung der nervösen und
trophischen Störungen. Wo keine Operation möglieh ist, bleibt den
Kranken meist nur ein äusserst qualvolles Dasein. - Das gilt natür-
lich nicht für die nicht gerade seltenen Fälle, wo die Neurome gar
keine Symptome machen.
Therapie. Die Erfahrung hat gelehrt, dass alle Versuche)
die Geschwülste durch innere oder äussere Mittel zur Zertheilung,
zum Kleinerwerden oder zum Verschwinden zu bringen, vergebliche
sind, und man vergeude deshalb nicht viel Zeit mit solchen Mitteln.
Die einzig rationelle Behandlung der Neurome ist sonach eine chirur-
gische: die Exstirpation oder Zerstörung der Geschwulst. Nur Schade,
dass sie durchaus nicht überall anzuwenden ist, und dass sie nicht
vor Becidiven und Weiterverbreitung des Leidens schützt. Sie ist
natürlich von den günstigsten Erfolgen begleitet bei den solitären
oder bei den ganz local multiplen Neuromen, soweit dieselben zu-
gänglich sind.
Die Exstirpation ist weitaus das vorzüglichste Verfahren ; es ist
am besten, wenn es dabei gelingt, den Nerven zu erhalten, und die
Geschwulst von ihm loszulösen ; geht das nicht, dann suche man nur
ein möglich kleinstes Stück des Nerven zu exstirpiren; doch tritt
selbst bei zolllangen Substanzverlusten meist noch Regeneration ein,
wenn auch erst nach längerer Zeit. — Oeftere Recidive machen
manchmal wiederholte Exstirpation nöthig, manchmal selbst die
Amputation. — Auch die Amputationsneurome muss man exstirpiren ;
selten ist es nöthig, höher oben zu amputiren. Bei multiplen Neu-
romen oder sehr tieMtzenden wird man meist vom Operiren abstehen
oder doch nur die störendsten Geschwülste entfernen. Für alle
Details vergl. man die Handbücher der Chirurgie.
Eine Zerstörung der Neurome durch Caustica oder durch Elek-
trolyse wird sich unter allen Umständen weniger empfehlen, wenn
nicht gerade die Exstirpation mittelst des Messers absolut unausführ-
bar ist.
Im Uebrigen kann nur eine symptomatische Behandlung Platz
greifen, und dieselbe kann auch in den Händen eines umsichtigen
Arztes vieles zur Erleichterung der oft furchtbaren Leiden der Kranken
576 Ebb, Krankheiten der peripheren-cerebrospinalen Nerven.
beitragen. Wir verweisen in dieser Beziehung aui dajs bei der Therapie
der Neuralgien, der Anästhesien und Lähmungen Gesagte. Man wird
in solchen Fällen vorwiegend auf den möglichst umfassenden und
Tunsichtigen Gebrauch derNarkotica angewiesen sein, und es brauchen
die allgemeinen Regeln für denselben hier nicht wiederholt zu werden.
REÖISTEE.
Abercrombie 543.
Ableitungsmittel b. Derivantia.
Aconitin bei Neuralgien 81.
Aether bei Krämpfen 300. 313. — bei
Neuralgien 62.
Aetz mittel, Anästhesie durch solche
bed. 189.
Aftergegend« Neuralgie ders. 172.
Ageusis 229.
AgeuBtie 229.
Akinesis s. Lähmung.
Albucasis 18.
Alfter 142. 148.
Alkoholmissbrauch, Kopfschmerz
durch solchen bed. 131. — , Neural-
gien durch solchen bed. 26. 31.
Allan 98.
AI Ige mein Störungen bei Krämpfen
269. 344. — bei Neuralgien 38. 56.
106. 162.
Allier 19.
Aisberg 189.
Alterantia bei Krämpfen 275.
Althaus 19. 76. 81. 220.223.^234.235.
360. 543. 558.
Alyschewsky 310. 497. 509.
Ameisenlaufen s. Formication.
Amputation bei Neurom 575.
Amylnitrit bei Kopfschmerz 134. —
bei Prosopalgie 118.
Anämie, Kopfschmerz durch solche
bed. 131. — , Krämpfe durch solche
bed. 263. — , Neuralgien durch solche
bed. 26. 72. 122. 137. 148.
Anästhesie 7. 183. — nach acuten
Krankheiten 194. 205. — durch Aetz-
HAndbnoli d. spec Pathologie n. Thenpie. XOL
mittel bed. 189. — durch Anaesthe-
ticabed. 194. — , Bewegungsstörungen
bei ders. 200. — , cerebrale, 192. 206.
~ d. Chorda tympani 230. — durch
Circulationsstörungen bed. 189. 205.
— , circumscripte, 186. —, complete,
186. —, cutane, 46.183. 184. — ,Diät
bei ders. 214. — , diffuse, 186. — ,
Elektridtät bei ders. 189. 212. 219.
234. — durch Erkältung bed. 204.
— , Ernährungsstörungen bei ders. 201.
~, Faradisation bei ders. 212. 219.
— , Galvanisation bei ders. 213. 219.
— bei Gelenkneurose 177. — d. Ge-
mchsnerven s. Anosmie. — d. Ge-
schmacksnerven 229. — , Hautreize
bei ders. 213. — durch Hautzerstö-
rung bed. 189. — durch Hitze bed.
188. — bei Hysterie 193. 205. — , in-
complete, 186. — durch Ischämie bed.
189. 205. — durch Kälte bed. 188.
190. — bei Krämpfen 201. 267. 325.
344. — bei Lähmungen 200. 378. 518.
— , musculäre, 183. 214. — dMuskel-
gefOhls 218. — d. Muskelsinns 218.
— durch Narcotica bed. 189. 194.—
bei Neuralgien 46. 102. 145. 154. 161.
177. 190. — bei Neuritis 190. 205.
550. 551. — bei Neuromen 572. —
bei Neurosen 193. — , Parästhesien
bei ders. 199. — , partielle, 185. — ,
periphere, 188. — , Reflexbewegungen
bei solcher 201. — , Schmerz [bei ders.
102. 200. — , sensuale, 183. — , Sinnes-
empfindungen bei ders. 200. — , spi-
nale, 190. 206. — durch Stauungs-
Bd. 1. 2. Aafi. 37
578
Register.
hyper&mie bed. 189. — , syphilitische,
206. — , Tod durch solche bed. 209.
— , totale, 185. — , toxische, 194.205.
— , traumatische, 190. 204. — d. Tri-
geminus 206. (mit Aufhebung d. Ge-
schmacks) 223. — , vasomotorische,
205. —, vasomotorische Störungen bei
ders. 201. — , viscerale, 183. — d.
Wäscherinnen 189. 204. Vgl. Sensibi-
lit&tsstörungen.
Anaesthetica, Anästhesie durch
solche bed. 194. ~ bei Krämpfen
275. 300. 311. 313. 349.— bei Neur-
algien 78. 82. 117. 167.
Analgesie 185. — bei Syphilis 194.
Andr^ 18.
Aneurysmen, Neuralgie. durch solche
bed. 28. 98. 143.
Anosmie 237. — , essentielle, 241.
Anstie 19. 23. 24. 25. 28. 33. 36. 43.
44. 46. 49. 52. 54. 57. 69. 73. 74. 81.
85. 87. 88. 95. 99. 105. 106. 107. 110.
116. 123. 147. 156. 157. 158.162.166.
223.
Antagonisten, Contractur ders. bei
Lähmungen 377. 448. 450. 451. 452.
453. 503.
Apophysenpunkt 43. — bei Pros-
opalgie 102.
Aretaeus 18.
Argentum nitricum b. Kopfschmerz
135. — bei Krämpfen 276. 290. 314.
Arloing 187. 518. 524.
Arlt 441.
Armaingaud 43.
Armmuskeln, Krampf in dens. 305.
Arndt 215.
Arnica bei Lähmungen 439.
Arnold 469.
Aronssohn 565.
Arsenik bei Krämpfen '276. 281. 290.
300. 314. — bei Lähmungen 439. —
bei Neuralgien 118. 135. 141. 169. 182.
Artemisia bei Krämpfen 276.
Arteria aorta, Intercostalneuralgie
durch Aneurysma ders. bed. 143.
Arteria carotis interna, Prosopalgie
durch Aneurysma ders. bed. 88. S.
a. Carotisunterbindung.
Arteriotomie bei Neuralgien 93.
Asa foetida bei Krämpfen 276. 290.
314. — bei Neuralgien 86.
Athetosis 336.
Atrophie d. Nerven 559. S. a. Er-
nährungsstörungen.
Atropin bei Krämpfen 281. 290. 294.
300. 313. 332. — bei Nervenhyper-
ämie 543. — bei Neuralgien 81. 82.
116. 117. 141. 155. 167. 182.
Auge bei Facialislähmung 466. — bei
Neuralgien 54. — , Prosopalgie in Bes.
zu dems. 99. 102. 105. — bei Tri-
geminusanästhesie 207. — , Ueba>
anstrengung dess., Neuralgie in Folge
ders. 32. 99.
Augenmuskeln, Contractur ders. bei
Lähmung d. Antagonisten 448. — ,
Lähmung d^. 441.
Automatische Bewegungen 245.
— bei Lähmung 376.
Avicenna 18.
d'Axthrey 149. 153. 156. 172.
Bachon 497. 513.
Bade euren s. Bäder; Mineralwasser-
curen.
Bäder bei Krämpfen 350. — bei Läh-
mungen 434. 439. 526. 541. — bei
Neuralgien 88. 119. 169. S. a.Miiie-
ralwassercuren.
Bärensprung 19. 53. 553.
Bärwinkel 40. 220. 224. 360. 399.
423. 458. 459. 460. 462. 482.497.515.
527. 544. 551. 552.
Bahrdt 53.
Baierlacher 399. 460. 473.
von Bamberger 310. 336.
Baraesthesiometer 196.
Bardeleben 91.
Barkow 565.
Barth 95.
Bartholow 82. 130.
Baruch 156.
Barwell 174.
Basedow 326.
Bassereäu 142. 143. 144.
Bauchmuskeln, Lähmung ders. 505.
Bauer 340. 341.
Register.
579
Bazire 224. 460. 469.
Beard 19. 76. 77. 130. 134. 234. 242.
296.
Beau 142. 543. 545. 551.
Beitter 333. 334.
Bell 19. 91. 214. 217. 223. 268. 278.
282. 294. 296. 303. 309. 441. 458. 460.
463. 496. 497. 502.
Belladonna bei Ejrämpfen 294. — bei
Neuralgien 81. 141. 149. Vgl. Atropin.
Benedikt 5. 36. 41. 58. 63. 65. 76.
109. 115. 127. 131. 134. 168. 174. 254.
274, 282. 289. 290. 296. 309. 312. 313.
319. 321. 322. 341. 345. 351. 359. 360.
373. 441. 457. 458. 472. 478. 544. 553.
Beneke 360. 385.
B^rard 41. 121. 223. 543.
Berger 19. 47. 83. 174. 175. 176. 177.
179. 182. 183. 186. 188. 332. 344. 350.
497. 600. 501.
Berglind 440.
Bergson 135.
Bernard 203. 217. 221. 222. 460.
Bernhardt 214. 217. 220. 223. 369.
410. 411. 412. 461. 469. 474. 483. 496.
497. 514. 515. 518. 520. 524. 544. 545.
551. 552.
Beschäftigungskrampf, tonischer,
341. 346.
Beschäftigungsneurosen, coordina-
torische, 321.
Betz 156. 166.
Bewegungen, automatische, 245. (bei
L&hmungen) 376. —, Gombination u.
Coordination ders. 246. ~, willkür-
liche, 244. S. a. Beflexbewegungen.
Bewegungsneryen, Erregbarkeit
ders. durch el^trische u. mechanische
Beize 250. — , Neurosen ders. 242. — ,
Zuckungsgesetz ders. 253. 403.
Bewegungsstörungen bei Anästhe-
sien 200. -— bei Krämpfen 266. —
bei Lähmungen 374. — bei Nerven-
hyperämie 543. — bei Neuralgien 38.
48. 65. 103. 123. 139. 145. 152. 154.
161. 178. — bei Neuritis 550. 551. -
durch Neurome bed. 572.
Bianchi 531.
Biermer 309. 311. 316.
Billroth 382. 497.
Bindegewebe bei Lähmung 381. 39 K
Binz 200. 233.
Bischoff 566.
Bismuthum nitricum bei Krämpfen
276.
Bittner 127.
Bizzozero 360. 390.
Blase, Lähmung ders. bei Ischiadicus-
lähmung 539. — , Neuralgie ders. 172.
Blasenpflaster bei Kopfschmerz
134. — bei Krämpfen 281. 300. — bei
Neuralgien 87. 125. 127. 141. 147. 155.
166. 182. Vgl. Derivantia.
Bleivergiftung, Kopfschmerz bei
solcher 131. — , Lähmung durch sol-
che bed. 368. 393. 422. 514. 520. 526.
527. — , Neuralgie durch solche bed.
30.
Blepharospasmus 291.
Blutegel bei Kopfschmerz 134.
Blutentziehungen bei Krämpfen
350. — bei Neuralgien 149.
Blutmischung, abnorme, Krämpfe
durch solche bed. 264. — , Lähmung
durch solche bed. 367. 426.
Blutstauung, venöse, Lähmung
durch solche bed. 361. — ^ Neuralgien
durch solche bed. 28. 71. 158.
Blutzufluss zu d. erkrankten Theilen,
therapeutische Hemmung dess. bei
Neuralgien 92.
Boddaert 177.
Botkin 508.
Bouchut 340. 347.
Bousseau 149. 154.
Bouvin 285.
Bowman 54. 95. 105.
Brachiotonus rheumaticus 341.
Bratsch 95.
Braun 159. 162. 364. 435.
Brenner 251. 360. 397. 399. 404. 410.
441. 461. 473. 474. 475. 489. 497. 513.
522. 531.
Bretschneider 19. 20. 24. 32. 56. 121.
135. 142. 149.
Bright 309.
Brodle 19. 154. 164. 174. 175. 178.
179. 181. 309.
37*
580
Eegister.
Bromkalium bei Kopfschmerz 135.
— bei Krämpfen 276. ^0. — bei
Neuralgien 85.
Brown-S^quard 187. 200. 360. 372.
419.
Bruch 360. 385. 388.
Brucin bei Lähmungen 438.
Brück 319.
Brünniche 83. 242.
von Bruns 19. .95.
BrustdrüBenneuralgie 147.
Büttner 183. 202.
Buhl 369.
Burckhardt 319. 325. 329. 331.
Busch 183. 188. 221. 231 275. 296.
301. 306. 309. 424. 497. 514. 522. 526.
Butylchloral bei Kopfschmerz 134.
— bei Neuralgien 83. 117.
Buzzard 457.
Campbell 303.
Cannabis indica bei Krämpfen 281.
313.
Canstatt 19.
Ganthariden bei Lähmungen 439.
Caput obstipum spasticum 301.
Carcassonne 310. 314.
Carcinom an d. Nerven 569.
Carl 220.
CarnochaQ.98.
Carotisunterbindung.bei Prosop-
algie 93. 121.
Carpentier-M^ricourt 142.
Caspari 497.
Gastoreum bei Neuralgien 86.
Causalgia 40. 138. 141.
Cauterisation s. Aetzmittel; Glüh-
eisen.
Gazenave 319.
Gejka 497.
Centrallähmuugen 364.
Gephalaea s. Kopüschmerz.
Gephalalgia s. Kopfschmerz.
Gerutti 241.
Gervicalnerven, Krampf im Gebiete
ders. 303! — , Lähmung im Gebiete
ders. 496. — , Neuralgien im (Gebiete
ders. 121. 135.
Gervicobrachialneuralgie 135.
Gervicooccipitalneuralgie 121.
Ghapman 135.
Ghaponni^re 96.
Gharcot 53. 55. 224. 356. 360. 382.
383. 395. 561.
Ghasmus s. Gähnkrampf.
Ghaussier 19. 142. 172.
Chemische Reize, Krämpfe durdi
solche bed. 263.
Chinin bei Kopfschmerz 135. — bei
Nervenhyperämie 543. — bei Neur-
algien 85. 118. 141. 169. 182.
Chlor alhydrat bei Neuralgin 83.
Chloroform bei Kopfschmerz 134. —
bei Krämpfen 290. 300. 311.313.349.
— bei Neuralgien 82. 141.
Cholera, Crampi bei solcher 337.
Chorda tympani als Geschmacksnenr
221. — , Leitungshemmung in ders.
230.
Chouppe 98.
Ghvostek 497.
Ciliarneuralgie 106.
Ciniselli 169. 332.
Girculation SS törungen, Anästhesie
durch solche bed. 189. 205.—, Kräm-
pfe durch solche bed. 263. — , Läh-
mungen in Bez. zu solchen 367. — ,
Neuralgien durch solche bed. 28. 71.
158. Vgl. Vasomotorische Störungen.
dar US 253.
Clavus 130. — hystericus 132.
Clemens 339. 341.
Cloquet 225.
Goccygodynie 173.
Gohn 224.
, Cohnheim 55. 203.
Combi na tien d. Bewegungen 246.
Compression, Lähmungen durch
solche bed. 365. 424. 442. 463. 475.
480. 490. 513. 520. 522. 533. 534. — ,
Neuralgien durch solche bed. 151.
158. — bei Neuralgien 89. 119.
Goncato 335.
Gongestion d. Nerven 542.
Constant 339. 340.
Contractur 256. 351. — im Accesso-
riusgebiete 301. — d. Adductoren d.
Oberschenkels 334. — d. Antagonisten
Register.
581
bei L&hmongen 448. 450. 451. 452.
453. 503. — , aufsteigende, 306. — ,
centralbedingte, 354. 358. — d. Ca-
coDaris 301. ->, Elektricit&t bei sol-
cher 358. — d. Gesichtsmuskeln 478.
489. — bei Hemiplegischen 354. —
d. Hafte, spastische, 333. — d. Leva-
tor anguli scapolae 305. — , myopa-
thische, 351. 353. 358. —, neoropa-
thische, 351. 353. 358. —, orthopä-
dische Behandlung ders. 302. — ,
paralytische, 351. 358. — durch Re-
flexwirkung bed. 354. 358. — , rheu-
matische, 341. — d. Rhomboidei 305.
— , secundäre, 351. — d. Splenius
capitis 304. — d. Stemodeidomastoi-
deus 301. ^ d. Unterschenkelmuskeln
334. — d. Wadenmuskeln 335.
Convulsibilit&t 261. 264. 272.
CouYulsionen 256.
Cooper 142. 148. 149. 153. 172.
Goordination d. Bewegungen 246.
Cornil 360. 384.
Corvisart 340. 341.
Cossy 360. 385. 386.
Gotard 53.
Gotugno 19. 155. 166.
Goxitis, Enieschmerz bei ders. 151.
Graig 464.
Grampus 256. 337.
Grotonchloralhydrat siehe Butyl-
chloral.
Grotonöl bei Neuralgien 125.
Gruralneuralgie 149. 150.
Gruveilhier 313.
GuUerier 282.
Gurare bei Krämpfen 290. 300.
Gyoji 410.
Czerny 565. 570.
Da hl 303. 306.
Dance 339. 340.
Danet 312.
Danielssen 53.
Dardel 156. 172.
Darmkrankheiten, Krämpfe durch
solche bed. 342. — , Neuralgien bei
solchen 32.
Dayaine 224. 460.
Daviot 497.
Debrou 259. 282. 287.
Decubitus bei Lähmung 382. 383.
Dehler 566.
Dehnung d. Nerven bei Neuralgien
93. 170.
D^jerine 360. 385. 386.
Deleau 464.
Delevi^leuse 282. 291.
Delpech ^39.
Delstanche 296.
Derivantia bei Anästhesie 213. — bei
Gelenkneurose 1 8 1 . — bei Kopfischmerz
134. — bei Krämpfen 276. 281. 300.
311. 318. — bei Lähmungen 440. —
bei Neuralgien 86. 118. 125. 141. 147.
155. 166. — bei Neuritis 558. 559.
Descot 56. 543.
Desnos 497.
Diabetes, Augenmuskellähmung bei
solchem 443. — , Ischias bei solchem
159. 162. — , Wadenkrampf bei sol-
chem 338.
Diät bei Anästhesie 214. — bei Kräm-
pfen 272. 350. — bei Lähmungen 440.
— bei Neuralgien 69. 72. 73. 121.
142. 170.
Dickinson 559. 562.
Dieffenbach 291. 332.
Digitalis bei Nervenhyperämie 543.
Diphtheritis, Lähmung durch solche
bed. 422. 443.
Diplegia facialis 460. 476.
D i p 1 0 p i e bei Augemnuskellähmung 445.
449. 450. 451. 452. 453.
Disposition zu Krämpfen s. Gonyul-
sibilität — , neuropathische, 22. 68.
71. (in Bez. auf Prosopalgie) 96.
-Dixon 183. 223.
Domanski 360.
Dorsalneryen, Krämpfe im Gebiete
ders. 303. — , Lähmungen im Gebiete
ders. 496. — , Neuralgie im Gebiete
ders. 142.
Dorsointercostalneuralgie 142.
Dosteis 333. 336.
Douche bei Lähmungen 439.
Driver 441.
Druck s. Gompression.
582
Register.
Drnckempfindungen 184.
Druckpankte bei Krämpfen 270. 285.
292. 298. 308. 325.
Druck sinn, Prüfung dess. 196.
Dubois 236.
Dubreuilh 543.
Duchenne 19. 76. 77. 214. 217. 218.
242. 248. 296. 301. 303. 304. 306. 309.
310. 319. 333. 335. 358. 360. 422. 427.
431. 478. 479. 489. 490. 496. 497. 498.
499. 500. 508. 509. 521. 524. 527. 529.
530. 531. 536. 537.
Duhring 135. 137. 141.
Dum^nil 543. 544. 555.
Dumontpallier 310. 313.
Duplay 465.
Dura mater, Empfindlichkeit ders.
130.
Dyskrasien, Neuralgien bei solchen
30. 72. 100.
Ebert 296.
Ebstein 369.
Eckhard 203.
Eichel, Neuralgie ders. 171.
Eichhorst 360. 388. 516.
Eigenbrodt 9. 183. 196.
Einreibungen, reizende, bei Läh-
mungen 439.
Eis bei Nervenhyper&mie 543. — bei
Neuritis 558.
Eisen bei Kopfschmerz 135. — bei
Neuralgien 85.
Eisenlohr 369. 412. 531. 535. 544.
545. 552. 553.
Eisenmann 19. 71. 114. 127. 172. 341.
Elektricität bei Anästhesie 212. 219.
234. — , Anästhesirung mittelst ders.
189. — beiAnosmie242. — bei Con-
tracturen 358. — bei Gelenkneurose
182. — bei Kopfschmerz 134. — bei
Krämpfen 273. 281. 289. 293. 294. 300.
302. 309 311. 313. 318. 330. 334. 336.
350. — bei Lähmungen 427. 456. 460.
487. 488. 489. 493. 496. 506. 509. 526.
540. — bei Nervenatrophie 564. —
bei Neuralgien 75. 87. 114. 125. 140.
147. 149. 155. 167. 173. 182. — bei
Neuritis 558. 559.
Elektrisches Verhalten der Mus-
keln bei Krämpfen, Ck)ntracturen und
Lähmungen 250. 269. 325. 345. 357.
396. 402. 459. 472. 492. 502. 511. 519.
528. 529. 530. — d. Nerven b^ Neur-
algien, Krämpfen, Lähmungen, Neu-
ritis u. Nervenatrophie 58. 162. 250.
269. 325. 345. 396. 400. 472. 492.
509. 519. 528. 529. 5.30. 552. 563.
Ellbogenluxation, Lähmungennach
solcher 528.
Empfindung 5. 10. — , Lähmung ders.
183. vgl. Anästhesie. — , Zeitdauer d.
Leitung ders. 198. Vgl Sensibilität
tt. s. w.
Entartungsreaction d. Muskdn o.
Nerven bei Lähmungen 399. 402. 473.
502. 519. 521. 528. 529. 530.
Entbindungslähmung 529.
Entzündung d. Nerven s. Neuritis.
Epidermis bei Lähmungen 381.
Erb 157. 220. 224. 231. 25Q. 252. 282.
303. 304. 333. 340. 353. 360. 385.
391. 399. 406. 411. 412. 441. 460.
461. 478. 490. 492. 497. 543.
Erblichkeit d. Gonvulsibilität 264.
— d. Neurombüdung 571. — d. neu-
ropathischen Disposition 23. ~ d.
Prosopalgie 96.
Erbrechen bei Neuralgien 123. 148.
153. 172.
Erdmann 399.
Ergotismus, Tetanie bei dems. 341.
Erkältung, Anästhesie durch solche
bed. 204. — , Kopfschmerz durch solche
bed. 132. — , Krämpfe durch solche
bed. 280. 286. 299.302. 311. 327. 341.
— , Lähmungen durch solche bed. 370.
424. 425. 441. 462. 472. 477. 486. 487.
490.500. 510. 513. 514. 526. 535. — ,
Neuralgien durch solche bed. 29. 71.
97. 122. 137. 143. 151. 158. 173. 176.
— , Neuritis durch solche bed. 544.
— , Neurome durch solche bed. 571.
Erlenmeyer 142.
Ernährung bei Gesichtskrampf 281.
Ernährungsstörungen bei Anästhe-
sie 201. — , Krämpfe durch solche
bed. 264. — bei Krämpfen 268. —
Register.
583
bei L&hmtmgen 380. 382. 383. 394.
472. 502. 511. 519. 524. 525.532.534.
539. — , Neuralgien durch solche bed.
25. — bei Neuralgien 35. 51. 105.
139. 145. 162. 178. — bei Neuritis
553.
Erregbarkeit, elektrische, s. Elek-
trisches Verhalten. — d. Empfindungs-
apparate, pathol. veränderte, 7. — ,
mechanische (d. Muskeln und Nerven,
Prüfung ders.) 250. (d. Muskehi bei
Lähmung) 406.
Erschöpfung d. Nervensystems, Läh-
mung durch solche bed. 371. YgL
Ueberanstrengung.
Erysipelas bei Neuralgien 52. 105.
Erythem bei Neuralgien 52.
Erziehung, Neuralgien in Bez. zu
ders. 25.
Esmarch 53. 164. 174. 175. 176. 178.
179. 180. 181. 182. 425.
Eulenburg 5. 9. 14. 19. 24. 37. 43.
44. 58. 79. 84. 95.110. 121. 127. 131.
135. 141. 142. 149. 153.156. 157.162.
172. 183. 188. 189. 196. 197.214.220.
234. 253. 275. 278. 282. 296. 303. 309.
313. 319. 325. 334. 351.360.399.441.
458. 461. 490. 493. 496. 497.509. 531.
559. 561.
Exophthalmus paralytlcus 449.
Facialiskrampf s. Gesichtskrampf.
Facialislähmung460.— nach acuten
Krankheiten 465. ~, central bedingte,
480. 481. — , doppelseitige, 460. 476.
— , Elektridtät bei solcher 487. 488.
489. — , elektrisches Verhalten der
Muskeln u. Nerven bei solcher 472.
— , Qaumensegel bei ders. 467. —
durch Qehimkrankheiten bed. 464.
476. — , Gehör bei ders. 469. — , Ge-
ruch bei ders. 470. — , Geschmack
bei ders. 224. 231. 468. — , Gesichts-
krampf nach solcher 288. 478. — ,
Jodkalium bei ders. 488. — , Mitbe-
wegungen bei ders. 472. — durch
Nervencompression bed. 463. 475. 480.
— durch Ohrenkrankheiten bed. 464.
— , Oxyokoia durch solche bed. 470.
— , periphere, 476. 481. — , Beflexbe-
wegungen bei ders. 471. — , rheuma-
tische, 462. 472. 477. 486. 487. —
durch Rückenmarkskrankheiten bed.
465. — , Sensibilität bei ders. 471. ~,
Speichelabsonderung bei ders. 469. — ,
syphilitische, 464. — , traumatische,
463. 475. 479. — , trophische Störungen
bei ders. 472. — , vasomotorische Stö-
rungen bei ders. 472. — , Zäpfchen
bei ders. 467. — , Zunge bei ders. 471.
Fäcalanhäufungen, Neuralgien
durch solche bed. 28.
Falot 121.
Faradisation bei Anästhesie 212.219.
— bei Anosmie 242. — bei Contrac-
turen 358. 359. — , elektrocutane Sen-
sibilität mittelst ders. geprüft 198.
— bei Kopfschmerz 134. — bei Kräm-
pfen 274. 281. 290.300.302. 309. 311.
313.331. 336. 350. — bei Lähmungen
234.427. 431. 457. 460.486.488. 489. 496.
506. 509. 527. — , Motilität mittelst sol-
cher unters. 247. 251. — bei Neural-
gien 75. 114. 125. 141. 147. 168. 182.
— bei Neuritis 558.
Feinberg 360. 373. 549. 556.
Ferber 310. 318.
Ferrario 340. 347.
Ferr^ol-Reuillet 496. 514.548.555.
565. 566.
Ferrier 130. 364.
Fibrome, Mastodynie durch solche
bed. 149. — an Nerven 568.
Fieber 242.
Fieber, Kopfischmerz bei solchem 128.
— bei Neuritis 344.
Fioravante 156.
Fischer 360. 381. 497. 519. 544. 551.
552.
Fleckles 254.
Fletcher 241.
Flies 19. 162.
Fluor albus bei Lumboabdominal-
neuralgie 153.
Förster 543. 559. 565.
Fontanelle bei Ischias 167.
Formication 199. — bei Krämpfen
267. 325. — bei Lähmungen 379. ~
584
Register.
bei Nervenfayperämie 543. — bei Neur-
algien 46. lOÖ. 139. 154. 161. 177. —
bei Neuritis 551.
Fothergill 19. 95.
Fothergill*ftcher Gesichts-
schmere s. Prosopalgie.
Fourniö 497.
Fournier 30. 132. 194. 206. 296. 370.
Frftnkel 230.
Francois 282.
Frank 19.
von Franque 240.
Fremdkörper, Neuralgien durch
solche bed. 27. 70. 97. 137. 151.
Freu B borg 254. 264.
Friedberg 114. 359.
Fried reich 55. 124. 316. 393. 395.
460. 543. 553. 555. 561. 562.
Fritsch 244. 259. 361. 363.
Fritz 319. 328,
Frommhold 19. 115. 274. 290.
Froriep 548. 555.
Füller 156.
ftaedechens 460.
O&hnkrampf 317.
Oftrtner 93.
Oalenus 18.
Galvanisation bei Anftsthesie 213.
219. — bei Anosmie 242. — bdCon-
tracturen 358. 359. — , Geschmack
mit solcher geprOft 227. — bei Ge-
Bchmackfllfthmnng 234. — bei Kopf-
schmerz 134. — bei Krämpfen 27. 281.
289. 293. 294. 300. 311. 313.336.350.
— bei L&hmungen 234. 427. 432. 456.
460. 487. 488. 489. 496. 506. 509. 527.
541. ~, Motilität mittelst ders. unter-
sucht 251. — bei Neuralgien 76. 77.
115. 125. 140. 147. 155. 168. 182. —
bei Neuritis 558.
Gaumen bei Facialislähmung 467.
Gefahl s. Empfindung.
Gehirn, Empfindlichkeit dess. 130. — ,
Schmerz in Bez. zu dems. 16.
Gehirnkrankheiten« Anästhesie
durch solche bed. 192. 206. — , Anos-
mie bei solchen 241. — , Contracturen
bei solchen 354. — , Kopfschmerz bei
solchen 129. — , Krämpfe durch solche
bed. 299. 318. —, Lähmungen bei sol-
chen 364. 379. 383.419. 426.442.464.
476. — , Nervenatrophie durch sokhe
bed. 561. — , NeuraJgien durch solche
bed. 31. 71. 98. 112. 122. 159. — ,
Singultns bei solchen 312.
Gehirnneuralgie 107.
Gehör bei Fadatislähmung 469. — bd
Gesichtskrampf 285. — bei Prosopal-
gie 103. — bei Trigeminusanästhesie
208.
Gelenke bei Lähmungen 382.
Gelenkleiden, hysterisches, 174.
Gelenkneuralgie 174.
Gelenkneurosen 174.
Gelseminum sempervirens bei Neural-
gien 83.
Gemeingefühl 10. 185. — , Lähmuag
dess., partielle, 185. —»PrOfungdeas.
197.
Gemüthsbewegungen s. Psychische
Einflüsse.
Gergens 394.
Germain 278.
Geruch bei Facialislähmung 470. —
u. G^eschmack, gegens. Yerh. ders.
237, — , Prüfung dess. 235. — bei
Trigeminusanästhesie 208.
Geruchsnerven, Anästhesie ders.
237. — , Hyperästhesie ders. 236. -^,
Neurosen ders. 234. — , Parästhesien
ders. 236.
GeschlechtinBez.auf: Gonvulsibilität
264; Krämpfe 286. 327; Neuralgien
24. 67. 96. 137. 143. 157. 17$; Ncu-
rome 571.
Geschlechtsleben, Neuralgien in
Bes. > zu dems. 24. 32. 96. 148. 153.
S. a. Puerperium.
Geschlechtstheile bei Lumboabdo-
mmakeuralgie 153. — , Neuralgien
ders. 170.
Geschmack bei Facialislähmung 224.
231. 468. — u. Geruch, gegens. Yerh.
ders. 237. ~ bei Ge8icht8kram^285.
— bei Prosopalgie 103. — , Prüfung
dess. 227. ~ bei Trig^ninusanästhesie
208. 223.
Begister.
585
Geschmacksnerven, Anästhesie
dem. ^29. — , Hyperästhesie ders. 228.
— , Neurosen ders. 220. — , Parästhe-
sien ders. 229.
Geschwülste an d. Nerven 568. — ,
Neuralgien durch solche bed. 28. 71.
Gesichtsfeld, tische Projection dess.
bei Augenmuskellähmung 446. 449.
450. 451. 452. 453.
Gesichtsknochen, Prosopalgie bei
Krankheiten ders. 97.
Gesiohtskrampf, Ableitungsmittel
bei dems. 281. — , Argentum nitr. bei
dems. 290. -— , Arsenik bei dems. 281.
290. — , Asa foetida bei dems. 290.
— , Atropin bei dems. 290. — , Chloro-
form bei dems. 290. — , Curare bei
dems. 290. — , difEuser, 283. — , Druck-
punkte bei dems. 285. 292. —, Elek-
trieität bei dems. 281. 289. 294. —
durch Erkältung bed. 280. 286. -,
fimährung bei solchem 281. — nach
Facialislähmung 288. 478. 489. -
durch Facialisreizung bed. 287. — ,
Gehör bei dems. 285. — , Geschlecht
in Bez. zu dems. 286. — , Geschmack
bei dems. 285. —, Jodkahum bei dems.
281. —, klonischer, 279. 28.H. 294. — ,
masticatorischer, 278. — , mimischer,
282. — , Morphium bei dems. 290. — ,
Myotomie bei dems. 291. — ,Narcotica
bei dems. 281. 290. 294. — , Nervina
bei dems. 290. —, Neurotomie bei
dems. 290. ~, Paroxysmen bei dems.
283. — , partieller, 291. —, Prädispo-
sition zu dems. 286. — \m Prosopalgie
103. — durch psychische Einflüsse
bed. 288. — durch Reflexeinflüsse bed.
280. 287. 293. 295. — , Sensibilitäts-
störungen bei dems. 284. — , Strychnin
bei dems. 290. — , tonischer 279.286.
291. ~, Valeriana bei dems. 290. — ,
Zink bei dems. 281. 290.
Gesichtslähmung, masticatorische,
458. " , mimische, s. Facialislähmung.
Gesichtsschmerz s. Prosopalgie.
Gicht, Lähmung bei solcher 370.
Gifte s. Vergiftungen.
Glaukom durch Neuralgie bed. 54 106.
Gliome an Nerven 569.
Glossoplegia 493.
Glüh eisen bei Kopfschmerz 134. •—
bei Krämpfen 276. 300. 309. — bei
Neuralgien 87. 88. 118. 125. 141. 167.
Goldstein 259.
Golgi 360. 390.
Goltz 183. 196. 364. 394.
Gombault 224. 393. 497. 515. 516.
Gozzini 441.
Gowers 461.
von Gräfe 221. 231. 254. 270. 277.
282. 290. 291. 293. 294. 441. 443.
444. 445. 454.
Gräfe, Alfr., 441. 442. 445.
Graphospasmus 319.
Graves 162. 240.
Griesinger 17. 22. 29. 337.
Grisolle 349.
Grogan 52.
Gross 91. 108.
von Grünevraldt 399. 460.
Grünhagen 402.
Günsburg 566.
Gürtelgefühl bei Lähmungen 418.
Gubler 484. 497. 519.
Gudden 562.
Gummata syphilitica an Nerven 569.
Guttmann 183. 200. 208. 220. 223.
233. 236.
Gymnastik d. Augenmuskeln bei Läh-
mung ders. 457. S. a. Heilgymnastik.
Haare bei Lähmungen 381. 382. —
bei Neuralgien 52. 105.
Haddon 350.
de HaSn 19.
Hall 359. 460.
Hall^ 399.
Halswirbel, Cervicooccipitalneuralgie
bei Krankheiten ders. 122. S.a. Wirbel-
krankheiten.
Hammond 5. 336.
Harn bei Krämpfen 268.
Harndrang '.bei Lumboabdominal-
neuralgie 153.
Harnentleerung bei Lähmungen 377.
441.
Harnröhre, Neuralgie ders. 172.
586
Register.
Hasse 5. 19. 43.95. 96. 12t. t27. 135.
142.148.156. 172. 183. 253. 282. 296.
319. 324. 337. 339. 340. 351. 360.
461. 543. 559. 565.
Haupt 319. 320. 328.
Haut, Anästhesie den. s. Anästhesie,
cutane. — , Hyperästhesie ders. 46. —
bei Lähmungen 381. 382. 383. — bei
Neuralgien 38. 46. 52. 105. — bei
Neuritis 550. — bei Trigeminusan-
ästhesie 207. — , Zerstörung ders.,
Anästhesie durch solche bed. 189.
Hautreize s. Derivantia.
Heck er 497.
Heidenhain 430.
Heilgymnastik bei Krämpfen 277.
— bei Lähmungen 436. 457. 507. 527.
541.
Heller 546. 565. 566. 567.
Hemicranie 128.
Hemiplegie 374. — , Contracturen bei
solcher 354. — , faciale, 460. — , spi-
nale, 419.
Henle 19. 107. 125. 135. 143.150.220.
359. 498. 500.
Hermann 263.
Hermel 339.
Hernien, Lähmungen durch solche
bed. 533. — , Neuralgien durch solche
bed. 28. 151. 154.
Herpes bei Neuralgien 53. 66. 105. 145.
147. 153. — bei Neuritis 553.
Hertz 360. 385. 386. 387. 388.
Herzenstein 104.
Herzkrankheiten, Neuralgien durch
solche bed. 32.
Hesselbach 565. 566.
Heubel 254. 515.
Heusinger 565.
Hjelt 360. 385. 388.
Hippel 183. 202. 208.
Hippokrates 18.
Hirsch 174. 296. 309. 319. 463.
Hirschberg 183. 208. 220. 223.
Hirschfeld 225.
Hirzel 225.
Hitchcook 565.
Hitze, Anästhesie durch solche bed.
188.
Hitzig 130. 224. 244. 245. 250. 254.
259. 260. 270. 271. 284. 287.288.303.
351. 355. 361. 364. 376. 406,461.465.
470. 478. 479. 497. 515. 521.
Hoden, Neuralgie ders. 172.
Hodenentzandung, Lumboabdond-
nalneuralgie durch solche bed. 152.
Holden 103.
Hoppe 291.
Homer 54.
Houel 565.
Hubert-Valleroux 327.
Hü f t e , spastische Contractur ders. 333.
Hüftweh s. Ischias.
Hueter 351.
Huguenin 461.
Hunter 360. 439.
Hustenkrampf 317.
Hutchinson 54. 95. 103. 105. 106.
183. 220. 223. 240. 360. 382.
Hydrotherapie bei Krämpfen 277.
294. 350. — bei Lähmungen 435. —
bei Neuralgien 86. 170.
Hyperämie, Kopfschmerz durch
solche bed. 131. — , Krämpfe durch
solche bed. 263. — , Lähmung durch
solche bed. 367. — d. Nerren 542.
— d. Trigeminus, Prosopalgie durch
solche bed. 98. S. a. Stauungshyper-
ämie.
Hyperästhesie 7. 16. — d. Gerucha-
nerven 236. — d. Geschmacksnerren
228. — bei Nervenhyperämie 543. —
u. Neuralgie, gegens. Yerh. ders. 21.
— bei Neuralgien 46. 102. 145. 154.
161. — bei Neuritis 550. 552. Y^
Sensibilitätsstömngen.
Hyperalgesie bei Neuralgien 47. 177.
Hyperidrosis s. Schweissabsonde-
rung.
Hyperkinesis s. Krämpfe.
Hypertrophie d. Nerven 565. — bei
Neuralgien 52.
Hypochondrie, Neuralgien bd sol-
cher 23.
Hypodermatische Injectionen
bei Krämpfen 281. 290. 294. 300.311.
313. 332. 339. 350. — bei Nerven-
hyperämie 543. — bei Neuralgien 79.
Register.
587
116. 125. 127. 141. 147. 155. 167. 173.
182.
Hysterie, Anästhesie bei ders. 193.
205. — , Aüosmie bei ders. 241. — ,
Kopfschmerz bei ders. 132. — , Kräm-
pfe bei ders 316. 318. 335. — , Läh-
mungen bei ders. 371. 422. 424. 514.
— , Neuralgien bei ders. 23. 31. 72.
122. 137. 148. 174. 175.
Jaccoud 372. 559. 563.
Jackson 234. 237. 241.
Jacubowitch 230.
Jahreszeit in Bez. zu Neuralgien 29.
157.
James 19.
Jelly 382.
Ileoscrotalneuralgie 153. 172.
Ileotyphus, Prosopalgie bei solchem
97.
Infectionskrankheiten, Kopf-
schmerzen bei solchen 131. — , Läh-
mung bei solchen 369. — , Neuralgien
bei solchen 29. — , Ischias nach sol-
chen 159.
Injectionen s. Hypodermatische In-
jectionen.
Inhalationen bei Neuralgien 82. S.a.
Aether; Amylnitrit; Chloroform.
Inspirationsmuskeln, Krampf ders.
309. 314. — , Lähmung ders. 507.
Intercostalneuralgie 142.
Intoxication s. Vergiftungen.
Inzani 221. 222. 231.
Jobert 156. 167. 333. 335.
Jodkalium bei Facialislähmung 488.
— bei Kopfschmerz 135. — bei Kräm-
pfen 276. 281. — bei Lähmungen 526.
— bei Neuralgien 85. 169.
Jones 127.
Iris bei Lähmungen 377.
Iritis bei Prosopalgie 54. 106.
Irradiation, Gesetz ders. 10. — d.
Schmerzes bei Neuralgien u. Neuritis
37. 45. 102. 123. 139. 145. 152. 154.
161. 552.
Irritable breast 148.
Irritable testis 153. 172.
Ischämie, Anästhesie durch solche
bed. 189. 205. — , Lähmung durch
solche bed. 367.
Ischias 156. — , Allgemeinstörungen
bei ders. 162. — , Anaesthetica bei
ders. 167. — , Arsenik bei ders. 169.
— , Atropin bei ders. 167. — , Bäder
bei ders. 169. —, Bewegungsstörungen
bei ders. 161. — , Blasenpflaster bei
ders. 166. — , Chinin bei ders. 169. —
durch Compression bed. 158. — bei
Diabetes 159. 162. — , Diät bei ders.
170. — , Elektricität bei ders. 167. — ,
Erkältung in Bez. auf dieselbe 158.
— , Ernährungsstörungen bei ders. 162.
— , Fontanelle bei ders. 167. — , Ge-
hirnkrankheiten in Bez. zu ders. 159.
— , Geschlecht in Bez. zu ders. 157.
— , Glüheisen bei ders. 167. —»Haut-
reize bei ders. 166. — , Hydrotherapie
bei ders. 170. — , Jahreszeit in Bez.
zu ders. 157. — nach Infectionskrank-
heiten 159. — , Jodkalium bei ders.
169. — , Irradiation d. Schmerzes bei
ders. 161. — , Ischiadicus bei ders.
162. — , Klima in Bez. zu ders. 157.
— , Krämpfe bei ders. 161. — , Läh-
mungen bei ders. 162. — , Lebensalter
in Bez. zu ders. 157. — , Morphium
bei ders. 167. — , Nartotica bei ders.
167. — , Nervendehnung bei ders. 170.
— , Nenrenresection bei ders. 170. — ,
Parozysmen ders. 159. — , Prädispo-
sition zu ders. 157. — bei Rücken-
markskrankheiten 159. — , Schmerz
bei ders. 159. — , Schmerzpunkte bei
ders. 161. — , Senescenz, frohzeitige,
in Bez. zu ders. 157. — , Sensibilitäts-
störungen bei ders. 161. — durch Sy-
philis bed. 158. 159. — , Terpentinöl
bei ders. 169. -- durch Traumen bed.
158. — nach Typhus 159. — durch
Ueberanstrengung bed. 158. — , vaso-
motorische Störungen bei ders 162.
— durch venöse Stauung bed. 158.
— , Wärme bei ders. 169. — bei
Wirbelkrankheiten 159.
Isnard 84.
Jurasz 83
588
Register.
Kachexien, Neuralgien durch solche
bed. 72. — , Lähmungen durch solche
bed. 369.
K&Ite, Anästhesie durch solche bed.
188. 190. — bei Kopfschmerz 134.—
bei Neuralgien 86. 118. — bei Neu-
ritis 558. Vgl. Eis; Erkältung; Hy-
drotherapie.
Karmin 436.
Kauen bei Zungenlähmung 494.
Kaulbars 360.
Kaumuskeln, Krampf ders. 278. — ,
Lähmung ders. 458. — bei Pros-
opalgie 103. 109. — bei Trigeminus-
anästhesio 207.
Kieferklemme 279.
King 127.
Klavierspielerkrampf 326.
Klein 309. 312. 314.
Klemm 373. 544. 549. 556.
Klima in Bez. auf Neuralgien 157.
Klystiero, anästhesirende, bei Neur-
algien 82.
Knieschmerz bei Coxitis 151.
Knoblauch 565.
Knochen bei Lähmungen 381. 382.
383. — , Neuralgien durch Anoma-
lien u. Krankheiten ders. bed. 27.71.
97. 143. .
Kocher 183. 208. 220. 223.
Köhler 285,
König 285.
Körpertemperatur bei Krämpfen
269. 344. — bei Lähmungen 380. 382.
383. — bei Neuralgien 38. 56.
Kopfhaltung bei Augenmuskelläh-
mung 448. 449. 450. 451. 452. 453.
Kopfnicken 297.
Kopfschmerz 127. — , Ableitungs-
mittel bei solchem 1 34. — , Amylnitrit
bei solchem 134. — durch Anämie
bed. 131. — , Argentum nitricum bei
solchem 135. — , Arsenik bei solchem
135. — , Bromkalium bei solchem 135.
— , Chinin bei solchem 135. — , ein-
seitiger, s. Hemicranie. — , Eisen bei
solchem 135. — , Elektricität bei sol-
chem 134. — bei Fieber 128. — bei
Gehimkrankheiten 129. — durch
Hyperämie bed. 131. — bei Hysterie
132. — , Jodkalium bei solchem 135.
— , Kälte bei solchem 134. — , Nv-
cotica bei solchem 134. —, nervöser,
129. — , neuroasthenischer, 133. -,
rheumatischer, 132. — bei Sch&del-
krankhdten 128. — , Seeale comatam
bei solchem 135. — bei Sinnesorgane-
krankheiten 128. — , sympathischer,
132. —bei Syphilis 132.—, toxischer,
131. — , vasomotorischer, 131. —, Wär-
me bei solchem 135.
Kopfschatteln 297.
Kopfwackeln 297.
Kothentleerung bei Lähmongen 377.
Koths 371.
Krämpfe 246. 253. — , Abldtoogs-
mittel bei solchen 276. 281. 300. 311.
318. — im Accessoriusgebiet 296. 301.
— , Aether bei solchen 300. 313. —
AUgemeinstörungen bei solchen 269.
344. — , Alterantia bei solchen 275.
— durch Anämie bed. 263. — mit
Anästhesie verbunden 201.. 267. 325.
344. — , Anaesthetica bei solchen 275.
300. 311. 313. 349. ~, Argentom
nitr. bei solchen 276. 290. 314. — h
d. Armmuskeln 305. — , Arsenik bd
solchen 276. 281. 290. 300. 314. -,
Artemisia bei solchen 276. — , An
foetida bei solchen 276. 290. 314. -,
Atropin bei solchen 2S1. 290. 294.
300. 313. 332. — , Bäder bei solchen
350. — , Belladonna bei solchen 29i
— , Beschäftigung in Bez. auf solche
341. 346. — d. ßiceps femoris 334.
— , Bismuthum nitr. bei solchen 276.
— , Blasenpflaster bei solchen 281.
300. — , Blutentziehungen bei solchoi
350. — durch Blutverändenmg bei
264. — , Bromkalium bei solchen 276.
350. — , Cannabis indica bei solchen
281. 313. — im Cervicahienrengebiet
303. — bei Cervicooccipitahieui»lgie
123. — durch chemische Reize bed.
263. — , Chloroform bei solchen 290.
300. 311. 313. 349. — durch CSrcul»-
tionsstörungen bed. 263. — , coordi-
nirte, 255. 257. — d. CucuDaris 296.
Register.
589
~, Curare bei solchen 290. 300. —
durch Darmkrankheiten bed. 342. —
d. Deltoideus 305. — , Di&t bei sol-
chen 272. 350. —, directe, 257. — ,
Disposition zu solchen 264. 272. —
im Dorsalnervengebiet 303. •— , Druck-
punkte bei solchen 270. 285. 292. 29S.
308. 325. — , Elektricit&t bei solchen
273. 281. 289. 293. 294. 300.302.309.
311. 313. 318. 330. 334. 336. 350.—,
elektrisches Verhalten d. Muskeln u.
Nenren bei solchen 269. 325. 315. —
bei Ergotismus 34 1. — durch Erk<ung
bed. 280. 286. 299. 302. 311. 327. 341.
— , Ernährungsstörungen in Bez. zu
dens. 264. 268. — , exspiratorische,
309. — im Facialisgebiete 103. 282.
— , Faradisation bei solchen 274. 281.
290. 300. 302. 309. 311. 313.331.336.
350. — , Fieber bei solchen 344. — ,
Formication bei solchen 267. 325. — ,
Galvanisation bei solchen 273. 281.
290. 293. 294. 300. 311. 313.331.336.
350. — im Gastrocnemius 335. —
bei Gehirnkrankheiten 259. 299. 318.
— bei Gelenkneurose 178. — , Ge-
schlecht in Bez. zu solchen 286. 327.
— , GlOheisen bei solchen 276. 300.
309. — in d. Glut&ahnuskeln 334. —
— , Harn bei solchen 268. — , Heil-
gymnastik bei solchen 277. —, Hydro-
therapie bei solchen 277. 294. 350.
— durch Hyperämie bed. 263. — ,
hypodermatische Injectionen bei sol-
chen 281. 29Ö. 294. 300. 311. 313.
332. 339. 350. — im Hypoglossusge-
biete 295. — bei Hysterie 316. 318.
335. — , indirecte, 257. s. a. K. durch
ReflexeinfiOsse bed. — d. Infraspina-
tus 305. — , inspiratorische, 309. 314.
— , Jodkalium bei solchen 276. 281.
— bei Ischias 161. — d. Kaumuskeln
103. 278. — , klonische, 255.262. 279.
283. 296. 304. 305. 306. 311. 334.
335. — , Körpertemperatur bei solchen
269. 344. — im Latissimus dorsi 305.
— , Lebensalter in Bez. zu dens. 341.
— d. Lerator anguli scapulae 305. —
im Lumbalnervengebiet 333. — durch
mechanische Reize bed. 263. 287. --,
Mineralwassercuren bei solchen 276.
— , Morphium bei solchen 281. 290.
294. 300. 311. 313. 339. 350. — , Mo-
schus bei solchen 314. — , Motilitäts-
störungen bei solchen 266. 324. —
Moxen bei solchen 276. 281. 300. —
Muskeln bei solchen 267. 269. 325
— , Myotomie bei solchen 291. 301
— , Narcotica bei solchen 275. 281
290. 294. 300. 304. 313. 318. 349. —
Nerven bei solchen 269. 325. 345. — ,
Nervina bei solchen 275. 290. 300
314. 336. 350. — bei Neuralgien 48
123. 161. 178. —, Neurotomie bei
solchen 277. 290. 293. 301. 303. — d
Obliquus capitis inf. 304. — , Opera-
tionen bei solchen 277. 290. 293. 300
302. 332. — , Opium bei solchen 281
313. —, orthopädische Behandlung
solcher 336. — , Paroxysmen ders.
342. — d. Pectoralis m^yor 305. —
d. Peroneus brevis u. longus 335. —
im Peroneusgebiete 33i. -— bei Pros-
opalgie 103. — , psychische Einflüsse
u. Störungen in Bez. zu solchen 265.
268. 288. 299. 342. — , Puerperium in
Bez. zu solchen 299. 341. 342. ~,
Puls bei solchen 344. — im Quadri-
ceps femoris 334. — , Quecksilber-
sublimat bei solchen 276. — durch
Reflexeinflüsse bed. 260. 280. 287.
293. 299. 312. 318. 327. 335. 341. — ,
Respiration bei solchen 345. — d.
Respirationsmuskeln 309. — d. Rhom-
boidei 304. — durch Rückenmarks-
krankheiten bed. 258. 261. 347. —
im Sacralnervengebiet 333. — , salta-
torische, 336. — , Schmerz bei solchen
267. 298. 301. 324. 326. 342. 344. — ,
Schweissabsonderung bei solchen 268.
— , Secretionsstörungen bei solchen
267. — im Semimembranosus 334. —
im Semitendinosus 334. —, Sensibili-
tätsstörungen bei solchen 260. 267.
284. 298. 324. 326. 342. 344. — d-
Serratus ant. major 305. — d. Sple-
nius capitis 304. — , statische, 255.
— d. Sternocleidomastoideus 296. — ,
590
Begister.
Strychnin bei solclien 290. 314. 332.
— d. Sabscapularis 305. — d. Supra-
spinatoB 305. — , TaabheitsgefOhl bei
solchen 267. 325. — , Tenotomie bei
solchen 277. 303. 332. 335. 336. — d.
Teretes 305. — , tetanische, 256. —
d. Tibialis anticns 335. — im Tibialis-
gebiete 335. — , Tod durch solche
bed. 348. — , tonische, 255. 262. 279.
286. 291. 302. 304. 305.310.334.335.
— im Trigeminosgebiete 27 S. — nach
Typhus 299. — durch Ueberanstren-
gung bed. 338. — Umschläge bei sol-
chen 294. — d. Unterextremit&ten-
muskeln 335. — d. Unterschenkel-
muskeln 334. — , Valeriana bei solchen
276. 290. 314. — , vasomotorische
Störungen bei solchen 267. 344. —
durch Verletzungen bed. 327. — in
d. Wadenmuskein 335. — bei Wir-
belkrankheiten 299. — , Zink bei sol-
chen 276. 281. 290. 300. 314. — d.
Zunge 295. — d. Zwerchfells 310.
von Krafft-£bing 497.
Kraftsinn 216.
Krampfcentrum 260.
Krankheiten, acute, An&stheoie bei
und nach solchen 194. 205. — , Läh-
mungen nach solchen 368. 424. 426.
443. 465. — , Neuritis bei solchen 545.
Krankheiten, chronische, Läh-
mungen bei solchen 369. 426. — ,
Neuritis bei solchen 545.
Kropff 296. 303.
Krückenlähmung 520.
Kunze 19.
Kupfer, Neuralgie bei Vergiftung mit
solchem 30.
Kupferberg 565.
Kussmaul 333. 336. 340. 344. 345.
347. 561.
Lachkrampf 317.
Lähmungen 246. 359. — im Abdu-
censgebiete 441. 452. — d. Abductor
hallucis 537. — , Ableitungsmittel bei
solchen 440. — im Accessoriusgebiete
490. — d. Accommodatorius 452. —
nach acuten Krankheiten 368. 424.
426. 443. 465. — d. Adductor balladt
537. — , Anästhesie in Bez. zn sol-
cher 200. 378. 518. — , angeborne,
530. -— , Antagonisten bei den, 377.
503. — , Amica bei solchen 439, -,
Arsenik bei solchen 439. — dorch
arterielle Hyperämie bed. 367. — d.
Augenmuskeln 441. — , automatische
Bewegungen bei solchen 376. — fa&
Axillarisgebiete 510. — , Bäder bei
solchen 434. 439. 526. 541. — d.Baach-
muskeln 505. ~, Bewegungsstörongen
bei solchen 374. 444. 459. 466. 490.
494. 49S. 499. 501. 504. 505. 506. 508.
510. 512. 517. 523. 525. 532. 533. 535.
536. 537. 538. — d. Biceps brachfi
528. — , Bindegewebe bei solchen 381.
391. ~ durch Bleivergiftung 368. 393.
422. 514. 526. 527. — durch Bhit-
mischungsanomalie bed. 367. 426. — i
Brachialis internus 528. — d. Brachial-
plexus, combinirte, 527. — , Bradn
bei solchen 438. — , Canthariden bei
solchen 439. — , central bedingte,
364. 425. 455. 480. 481. -»cerebrale,
364. 379. 383. 419. 426.442.464.476.
— im Gervicalnervengebiet 496. —
durch chronische Krankheiten bed.
369. 426. — durch Circulationsstö-
rungen bed. 367. — durch Compres-
Bion bed. 365. 424. 442. 463. 475.
480. 490. 513. 520. 533. 534.— ,Con-
tracturen bei solchen 351. 358. 377.
503. — im Cmralisgebiete 531. — d.
CucuUaris 491. —, Decubitus bd sol-
chen 382. 383. — d. DeltoideuB 510.
528. — bei Diabetes 443. — , DÜt
bei solchen 440. —, diphtheritiBche,
422. 443. —, Diplopie bei solchen 445.
— im Dorsalnervengebiete 496. — »
Douche bei solchen 439. — , Einrei-
bungen, reizende, bei solchen 439. — .
Elektricität bei solchen 427. 456. 460.
487. 488. 489. 493. 496. 506. 509.
526. 540. — , elektrisches Verhalten
d. Muskeln u. Nerven bei solchen
396. 402. 459. 472. 492. 502. 509.
511. 519. 528. 529. 530. — nach Efl-
bogenluxation 528. — d. Empfindung
Register.
591
8. Anästhesie. — , Entartungsreaction
d. Muskeln u. Nerven bei solchen
399. 473. 502. 519. 521. 528. 529.
530. — , Epidermis bei solchen 381. —
durch Erk<ung bed. s. L., rheuma-
tische. — , Ernährungsstörungen bei
solchen 380. 382. 394. 472. 511. 524.
525. 532. 534. 539. — d. Extensor
digitorum pedis comm. longus u. brevis
536. — d. Extensor halluds longus
536. — d. Facialis s. Facialislähmung.
— , Faradisation bei solchen 427. 431.
457. 460. 488. 489. 496. 506. 509. 527.
— d. Flexor digitorum pedis comm.
537. — d. Flexor hallucis longus 537.
— , Formication bei solchen 379. — ,
Galvanisation bei solchen 427. 432.
456. 460. 487. 488. 489. 496. 506. 509.
527. 541. — , vom Gehirn ausgehende,
s. L., cerebrale. — , Gelenke bei sol-
chen 382. — d. Gemeingefühls, par-
tielle, 185. — bei Gicht 370. — im
Glutäalgebiete 533. — , Gürtelgefühl
bei solchen 418. — , Haare bei sol-
chen 381. 382. — , Harnentleerung bei
solchen 377. 441. ~, Haut bei sol-
chen 381. 382. 383. —, Heilgymnastik
bei solchen 436. 457. 507. 527. 541.
— durch Hernien bed. 533. —, Hydro-
therapie bei solchen 435. — im Hypo-
glossusgebiete 493. — , hysterische,
371. 422. 424. 514. 522. — durch In-
fectionskrankheiten bed. 369. — d.
Infraspinatus 499. — d. Inspirations-
muskeln 507. — d. Interesse! pedis
537. — , Jodkalium bei solchen 488.
526. — , Iris bei solchen 377. — durch
Ischämie bed. 367. — im Ischiadicus-
gebiete 534. — bei Ischias 161. —
bei Kachexien 369. — d. Kaumuskeln
458. — , Knochen bei solchen 381.
382. 383. — , Körpertemperatur bei
solchen 380. 382. 383. — , Kothent-
leerung bei solchen 377. — d. Latis-
simus dorsi 498. 499. — d. Levator
anguli scapulae 498. — d. Levator
palpebrae sup. 449. -— im Lumbal-
nervengebiete 531. — , Lymphdrüsen
bei solchen 382. — , Massage bei sol-
chen 440. — im Medianusgebiete 523.
— , Mineralwassercuren bei solchen
435. 526. 541. — , Mitbewegungen bei
solchen 376. 472. — im Musculo-
cutaneusgebiete512.— , Muskelgefühl
bei solchen 379. — , Muskeln bei sol-
chen 375. 377. 381. 382. 383. 389.
396. 402. 406. 407. 459. 472. 492. 502.
509. 511. 515. 519. 528. 529. 530.—,
Muskelsinn bei solchen 379. — , myo-
pathische, 361. 365. 416. — d. Nacken-
muskehl 505. — , Nägel bei solchen
381. 383. — , Nerven bei solchen 383.
384. 396. 402. 407. 472. 492. 502.
609. 515. 519. 528. 529. 530. — bei
Nervenatrophie 563. 565. — durch
Nervenerschöpfung bed. 371. — bei
Neuralgien 48. 162. 178. — bei Neu-
ritis 425. 514. 535. 551. — durch
Neurome bed. 572. — , neuropathische,
361. 366. 416. — , Nux vomica bd
solchen 438. — nach Oberarmfrac-
turen 528. — an d. Oberextremitäten
510. — d. Obliquus oculi inL 451. —
d. Obliquus oc. sup. 452. — im Ob-
turatoriusgebiete 533. — im Oculo-
motoriusgebiete 441. 448. — , ortho-
pädische Behandlung solcher 493.541.
— , Parästhesie bei solchen 379. —
d. Fectoralis maj. u. min. 498. — ,
periphere, 364. 380. 417. 425. 455.
476. — d. Feronealmuskeln 536. —
im Peroneusgebiete 535. — bei Pros-
opalgie 103. — , Psyche in Bez. zu
solchen 371. 379. — im Radialisge-
gebiete 512. — d. Recti oculi 450.
451. — , Reflexbewegungen bei sol-
chen 375. 471. — durch Rrflexein-
flüsse bed. 371. 426. — , Respirations-
bewegungen bei solchen 376. —, rheu-
matische, 370. 424. 425. 441. 462. 472.
477. 486. 487. 490. 500. 510. 514.
526. 535. -— d. Rhomboidei 498. — ,
vom Rückenmark ausgehende, s. L.,
spinale. — d. Rückenmuskeln 503.
— im Sacralnervengebiete 531. — ^
Schmerz bei solchen 378. 447. 501.
— nach Schulterluxation 527. — bei
Scrophulose 370.—, Seeale comutum
592
Register.
bei solchen 439. — , Sensibilit&tsstö-
nmgen bei solchen 378. 471. 502.
518. 524. 525. 532. 533. 534. 538. —
d. Serratus anticus major 499. — d.
Sphincter ani bei Ischiadicuslähmong
539. — d. Sphincter iridis 451. — d.
Sphincter vesicae bei Ischiadicusläh-
mung 539. — , spinale, 364. 382. 418.
426. 442. 465. — d. Stemodeido-
mastoideus 490. — d. Streckmuskeln
d. Lendengegend 505. — , Strychnin
bei solchen 438. — d. Subscapularis
499. — d. Supinator longas 528. —
bei Syphilis 370. 424. 443. 464. — d.
Tastsinns 185. 191. — , Taubheitsge-
fühl bei solchen 379. — d. Teres major
u. minor 499. — , Terpentinöl bei sol-
chen 439. — d. Tibialis anticus 536.
— d. Tibialis post. 537. — im Tibia-
lisgebiete 586. — , Tod durch solche
bed. 415. — , toxische, 368. 424. 426.
514. 520. 526. 527. — , traumatische,
365. 423. 425. 442. 463. 475. 479. 490.
500.510. 512.520. 523. 524.526. 527.
528. 5^1. 534. — d. Triceps surae
636. — im Trigeminusgebiete 458.—
im Trochlearisgebiete 441. 452. —bei
Tuberkulose 370. — durch Ueberan-
strengung bed. 500. — im Ulnarisge-
biete 524. — an d. ünterextremitäten
531. 540.—, vasomotorische Störungen
bei solchen 380. 382. 383. 394. 472.
538. — durch venöse Stauung bed.
367.— nach Vorderarmfracturen 5^8.
— d. Zunge 493. — d. Zwerchfells
507.
Laf^ron 497.
Lagrelette 156.
Lancereaux 497. 515.
Landois 183. 263. 360.
Landouzy 156. 162.224.460.463.470.
Landry 214. 217. 359.
Landsberg 443.
Lange 19. 31. 32.
Langenbeck 332.
Langenmayr 497.
Langhans 340. 347.
Lanuelongue 51S.
Lanquaille de Lach^se 309.
Latenz d. Tetanie 345. 348.
Laumonier 566.
Laveran 98.
Leared 465.
Lebensalter in Bez. auf: Convulsi-
büität 264; G^eruchsnervenanästhesie
241 ; Neuralgien 23. 29. 67. 96. 143.
157 ; Neurombildung 571 ; Tetanie ^41.
Leber 442. 443. 559. 560. 562. 563.
Lebert 19. 127. 565.
Lecointe 118.
Leconest 296.
Legg 83.
Legros 19. 360. 399.
Leineweber 282.
Leitung, Gesetz d. isolirten, 9.
Leitungsanästhesien 190. 192. 210.
— d. Geschmacksnerven 230. — d.
Riechnerven 24 t.
Leitungsl&hmungen 364. vgl. Läh-
mungen.
Lender 44.
Lent 360. 385.
Lentin 155.
Leoni 142.
Lepra nervorum 569.
Ler.che 174.
Leube 19. 278. 279. 490.
Leveill6 225.
Levier 382.
Levinstein 80.
Lewisson 49. 360. 372. 373.
Leyden 130. 183. 198. 214. 217. 360.
372. 555. 556. 558.
Lid kram pf, klonischer, 294. — , toni-
scher, 291.
Liebreich 83. 117.
Liegey 149. 156. 172.
Lockemann 234. 236. 237.
Loder 241.
Lotzbeck 220. 225. 231.
Lotze 217.
Lucae 460. 461. 470.
Lumbalnerven, Krampf im Gebiete
ders. 333. — , L&hmung im Gebiete
ders. 531. — , Neuralgie im Gebiete
ders. 149.
Lumboabdominalnenralgie 149.
150. 152.
Register.
593
1-1,
^
r.
Longenkrankheiten, Neuralgien
durch solche bed. 32.
LuBsana 135. 137. 141. 220. 221. 222.
223. 224. 226. 231. 232. 340.
Lymphdrasen bei Lähmung 382.
Hagendie 202.
Magnus 476.
Maier 565.
Maingault 236.
Malaria, Neuralgien durch solche bed.
29. 72. 97. 106. 144.
Malum Cotunnii s. Ischias.
Mantegazza 56. 353. 360. 381. 382.
389.
Manzi 118.
Marotte 339.
Martinet 19. 155. 169. 543.
Masins 95.
Massage bei L&hmnngen 446.
Mastdarm, Lähmung des Schliess-
muskels dess. bei Ischiadicuslähmung
539. — , Neuralgie dess. 172.
Mastodynie 147.
Mattison 82.
Mauriac 32. 152.
Maiiry 135. 137. 141.
Mayer 43. .
M'Grea 54.
Mechanische Reize, Erregbarkeit
d. Muskeln durch solche bei Läh-
mung 406. — , Krämpfe durc-h solche
bed. 263. 287. — , Motilität durch
solche geprüft 250. — , Neuralgien
durch solche bed. 27. 70.
M^glin 95.
Meissner 183. 184. 202. 203.
Meissner*sche Tastkörperchen
186.
Melkerkrampf 326.
Menstruation, Intercostalneuralgie
durch Störungen ders. bed. 144. — ,
Mastodynie bei ders. 148.
Mering 83. 117.
Merkel 203.
Meryon 359.
Metalle, Lähmungen durch solche er-
zeugt 368.
Mettauer 132.
Handbaoh d. gpeo. Pathologie vu Thonpio. Bd.
Meyer 19. 76. 77. 114. 172. 174. 182.
224. 275. 303. 306. 309. 319.325.327.
331. 360. 399. 478. 521. 552. 559.
von Meyer 223.
Meynert 203.
Mezger 440.
Michel 301.
Migräne 128.
Milchsecretion u. Mastodynie, ge-
genseit. Verb. ders. 148.
Mineralwassercuren bei Krämpfen
276. — bei Lähmungen 435. 526.541.
— bei Neuralgien 88.; 119. 169. —
bei Neuritis 559.
Mitbewegungen 244. — , hemiple-
gische Ck)ntracturen als solche 355.
— , krampfhafte, 257. — bei Lähmun-
gen 376. 472.
Mitchell 40. 55. 92. 127. 135. 138.
141. 156. 173. 218. 275.296.306.333.
334. 360. 365. 381. 382. 383.411.417.
440. 493. 542. 543. 549. 555.
Mitempfindung s. Irradiation.
Mogigraphie 319.
Moleschott 565.
Molli^re 234. 241.
Moos 103. 208. 220.
Morgan 296.
Morphium bei Kopfschmerz 134. —
belKrämpfen 281. 290. 294. 300.311.
313. 339. 350. — bei Nervenhyperämie
543. — bei Neuralgien 78. 81. 116.
125. 127. 141. 147. 155. 167. 182.
Moschus bei Krämpfen 314.
Mosler 183. 188. 310. 316. 318.319.
Motilität, Prüfung ders. 247.
Motilitätsneurosen 242.
Motilitätsstörungen S.Bewegungs-
störungen.
Moxen bei Kopfschmerz 134. — bei
Krämpfen 276. 281. 300. — bei Neur-
algien 87.
Moxon 341. 565. 566.
Müller 325.
Mundsperre s. Trismus.
Murdoch 340.
Murphy 127.
Musculus abductor hallucis,
Lähmung dess. 537.
XII. 1. 2.Aafl. 38
594
Register.
M. accommodatoriuB ocnli, L&h-
niung dess. 452.
M. adductor hallacid, L&hmang
desB. 537.
Mm. adductores femoris, Gontrac-
tur den. 334.
M. biceps brachii, L&hmuDg desB.
528.
M. biceps femoris» Krampf in dems.
334.
M. braehialis int, L&hmang dess.
528.
M. cucnllaris, Gontractor dess. 301.
— , Krampf dess. 296. — , L&hmang
dess. 491.
M. deltoideas, Krampf dess. 305. ~,
' L&hmung dess. 510. 5t8.
M. extensor digitoram ped. comm.
breyis a. longus, L&hmung ders. 536.
M. extensor hallucis longas,
L&hmang dess. 536.
M. flexor digitoram pedis comm.,
Lähmung dess. 5S7.
M. flexor hallucis longus, L&hmung
dess. 537.
M. g as troc nem ins , Krampf dess. 335.
Mm. glutaei, Krampf in dens. 334.
M. infrasplnatus, Krampf dess. 305.
- , Lähmung dess. 499.
Mm. interossei pedis, L&hmung ders.
537.
M. latissimus dorsi, Krampf dess.
305. — , L&hmung dess. 498. 499.
M. levator anguli scapulae,
Krampf dess. 305. — , L&hmuttg dess.
498.
M. levator palpebrae sup., L&h-
mung dess. 449.
M. obliquus capitis inf., Krampf
dess. 304.
M. obliquus oculi inf. > Lähmung
dess. 451.
M. obliquus oc. sup., L&hmung dess.
452.
M. pectoralis major, Krampf dess.
305. ~, Lähmung dess. 498.
M. pectoralis minor, L&hmung dess.
498.
M. peroneus brevis u. longus,
Krampf ders.335. — , L&hmang den.
536.
M. quadriceps femoris, Krampf
dess. 334.
Mm. recti öculi, L&hmang ders. 450.
451. 452.
Mm. rhomboidei, Krampf den. 304.
~, Lähmung den. 498.
M.semimembranosus, Krampf. desB.
334.
M. semitendinoBUB, Knmpf dess.
334.
M. serratus anticus maj., Krampf
dess. 305. — L&hmang dess. 499.
M. sphincter ani, L&hmung deea.
539.
M. sphincter iridis, L&hmung dess.
451.
M. sphincter yesicae, L&hmung
dess. 539.
M. spleniuB capitis, Krampf desi.
304.
M. sternocleidomastoideag,
Contractur dess. 301. —, Krampf dess.
296. — , L&hmung desB. 490.
M. subscapularis, Krampf dess. 306.
— , Tiähmung dess. 499.
M. supinator longus, L&hmang
dess. 528.
M. supraspinatus, Krampf dess. 305.
Mm. teretes, Ejrampf den. 305. — ,
L&hmung den, 499.
M. tibialis anticus, Krampf dess.
335. — , L&hmung dess. 536.
M. tibialis post, L&hmang dess. 537.
M.triceps surae, L&hmung dess. 536.
Muskelan&sthesie 183. 214.
Muskelatrophie, progressive,
Serratusl&hmung bei solcher 500.
Maskelgefühl 215. — , Anästhesie
dess. 218. — bei L&lmiUDgen 379.
Muskeln, Atrophie den. bei Lähmungen
u. Neuritis s. Em&hrungsstörangen. — ,
bei Cpntractur 357. — , elektrische
Reize zur Untenuchung den. 250. — ,
elektrisches Verhalten den. bei Con-
tracturen, L&hmungen u. Kr&mpfen
250. 269. 325. 345. 357. 396. 402. 459.
472.492.502.511.519. 528. 529.530.—,
Begister.
595
EntartaDgsreaction ders. 399. 402.
473. 502. 519. 528. 529. 530. — bd
Kr&mpfen 267. 269. 325. ~, L&hmong
durch Krankheit solcher bed. s. Läh-
mongen, myopathische. — bei Läh-
mung 375. 377. 381. 382. 383. 389.
396. 402. 406. 407. 459. 472. 502. 509.
511. 515. 519. 528. 529. 530. — , me-
chanische Reize zur Üntersnchnng
ders. 250. — , Müdigkeit ders. nach
Krämpfen 267. — bei Neuritis 553. — ,
Sensibilität ders. 214. — Zuckungs-
gesetz ders. 253. 403. S. a. Arm-
muskeln; Bauchm.; Inspirationsm.;
Kaum.; Kehlkopfm.; Nackenm.; Bü-
ckenm.; Streckmuskeln.
MuskelrheumatismuB und Ischias,
Untersch. ders. 164. ^ u. Neuralgie,
Untersch. ders. 62. ~ u. Neuritis,
Untersch. ders. 557.
Muskelschmerz' bei Krämpfen 267.
— u. Neuralgie, Untersch. ders. 62.
Muskel sinn 216. — , Anästhesie dess.
218. — bei Lähmungen 379.
Muskelspannungen 356.
M uskelstarre, allgemeine 256. — nach
Facialislähmung 478. 489.
MuskeltonuB 245.
Muskelzittern s. Tremor.
Mydriasis pandytica 451.
Myotomie bei Krämpfen 291. 301.
Myxome an d. Nerven 568.
Nackenmuskeln, Krampf ders. 304.
— , Lähmung ders. 505.
Nadaud 492.
Nägel bei Lähmungen 381. 383.
Nähekrampf 326.
Narcotica, Anästhesie durch solche
bed. 189. 194. — bei Kopfschmerz
134. — bei Krämpfen 275. 281. 290.
294. 300. 313. 818. 349. —bei Neur-
algien 78. 141. 149. 167. 173. — bei
Neuritis 559. — bei Neuromen 576.
S. a. Hypodermatische Injectionen.
Nasenschleim, Secretion dess. bei
Prosopalgie 104.
Nasse 214. 543.
Natanson 254. 258. 262.
Naunyn 85.
Nebenhoden, Neuralgie ders. 172.
N^laton 91.
Nerven^ Gardnom an dens. 569. ^,
Gompression solcher bei Neuralgien
89. — , Contractur durch Beizung
solcher bed. 351. 353. 358. — , Deh-
nung solcher bei Neuralgien 93. 170.
— , elektrische Untersuchung ders. 250.
— , elektrisches Verhalten ders. bei
Neuralgien, Krämpfen, Lähmungen,
Neuritis und Atrophie 58. 162. 269.
325. 345. 396. 400. 472.492.509.519.
528. 529. 530. 552. 563. — , Entartungs-
reaction ders. bei Lähmungen 399.
473. — , Erschöpfung ders., Lähmung
durch solche bed. 371. — , Fibrome
an dens. 568. — , Geschwtllste an dens.
568. — , Gliome an dens. 569. — ,
Gummata syphihticaan dens. 569. — ,
bd Krämpfen 269. 325. 345. — bd
Lähmung 383. 384. 396. 402. 407. 472.
492. 502. 509. 515. 519. 528.529. 530.
— , Lepra ders. 569. — , mechanische
Beize zur Unters, ders. 250. — , Myxome
an dens. 568. — bei Nerrenatrophie
563. — , Neubildungen an dens. 565.
— bd Neuralgien 33. 57. 58. 98. 162.
— bd Neuritis 546. 547. 552. -,
Prosopalgie durch Beizung solcher
bed. 99. — , Begeneration solcher
bd Lähmungen 387. — , Bücken-
marksentzündung d. Beizung solcher
bed. 373. 555. — , Sarkome an dens.
569. — , Verletzungen solcher 387.
S. a. Bewegungsnerven; Cervicaln.;
Dorsaln.; Empfindungsn. ; Geruchsn.;
Geschmacksn.; Liter costaln.;Lumbaln.;
Periphere N.^ Sacralnerven.
Nervenatrophie 559. — bd Lähmung
385.
Nervenentzündung s. Neuritis.
Nervenhyperämie 542. — , Neural-
gie bei solcher 98. .
Nervenhypertrophie 565.
Nervenkrankheiten, Lähmungen
durch solche bed. s. Lähmungen, neu-
ropathische.
Nervenresection bei Krämpfen 277.
38*
596
Begister.
290. 293. 301. 303. — , bei Near&Igien
90. 119. 125. 141. 170. — , Neuritis
nach solcher 545.
Nerven würz ein, Neuralgien, von
solchen ausgehende, 64.
Nerv Ina bei Krämpfen 275. 290. 300.
314. 336. 350.
Nervus abducens, Lähmung dess.
441. 452.
N. accessorius, Krämpfe im Gebiete
dess. 296. — , Lähmungen im Gebiete
dess. 490.
Nn. alveolares supp., Neuralgie ders.
107.
N. alveolaris Inf., Neuralgie dess.
108.
N. auricularis anter., Neuralgie
dess. 108.
N. auricularis magnus, Neuralgie
dess. 121.
N. auriculotemporalis, Neuralgie
dess. 108.
N. axillaris, Lähmungen im Gebiete
dess. 510.
N. buccinatorius, Neuralgie dess.
108.
Nn. ciliares, Neuralgie ders. 106.
N. communicans facialis, Neuralgie
dess. 108.
N. cruralis, Lähmungen im Geb. dess.
531. —, Neuralgie dess. 153.
N. cutaneusfemoris lateralis, Neur-
algie dess. 153.
N. facialis, Purchschneidung dess.
bei Gesichtskrampf 290. — , Krampf
im Gtob. dess s. Gesichtskrampf. — ,
Lähmung- im Geb. dess. s. Facialis-
lähmung. — , Leitungshemmung in
dems. 230. — , Reizung dess., Gtosichts-
krampf durch solche bed. 287.
N. glossopharyngeus, Leitungs-
hemmung in dems. 230.
Nn. glutaei, Lähmungen im Geb. ders.
533.
N. hypoglossus, Krampf im Gebiete
dess. 295. — , Lähmung im Gebiete
dess. 493.
N. infraorbitalis, Neuralgie dess.
107.
Nn. intercostales, Neuralgie ders.
s. Litercostalneuralgie.
N.ischiadicus, elektrische Erregbar-
keit dess. bei Ischias 162. — , Läh-
mungen im Geb. dess. 534. — , Neuzal-
gie dess. s. Ischias.
N. lingual! s, Leitungshemmung dess.
230. — , Neuralgie dess. t08.
N.maxillaris inf., Neuralgie dess. 108.
N. maxillaris sup., Neuralgie dess.
107.
N. meatus auditorii ext., Neuralgie
dess. 108.
N. medianus, Lähmungen im Gebiet
dess. 523.
N. mentalis, Neuralgie dess. 108.
N. musculocutaneus, Lähmungen
. im Geb. dess. 512.
N. obturatorius, Lähmungen im Geb.
dess. 533. — , Neuralgie dess. 149. 154.
N. occipitalis major u. minor, Neur-
algien ders. 121.
N. oculomotorius, Lähmungen im
Geb. dess. 441. 448.
N. olfactorius s. Geruchsnerven.
N. ophthalmicuB, Neuralgie dess.
106.
N. orbitalis, Neuralgie dess. 107.
N. peronaeus, Krampf im Geb. dess.
334. — , Lähmung im Gkb. dess. 535.
N. phrenicus, Neuralgie dess. 125.
N. pudendo - haemorrhoidalis y
Neuralgie dess. 170.
N. radialis, Lähmungen im Geb. dess.
512,
N. recurrens inframaxillaris,
Neuralgie dess. 107.
N. recurrens supramax., Neuralgie
dess. 107.
N.sphenopalatinus, Neuralgie dess.
107.
N. subcutaneus colli inf., Neuralgie
dess. 121.
N. subcutaneus malae s. N. orbi-
talis.
Nn. supraclaviculares, Neuralgie
ders. 122.
N. supraorbitalis,Durchschneidung
dess. 290. 293. —, Neuralgie dess. 106.
Begiflter.
597
N. tibialis, Krampf im Geb. dess. 335.
— , L&hmang im Geb. dess. 536.
N. trigeminus, Anästhesie dess. 206.
223. — , Krampf im Geb. dess. 278.
— , Lähmungen d. motorischen Portion
dess. 458. — ', Leitungshemmong dess.
230. — , Neuralgie dess. s. Prosopal-
gie. — , Prosopalgie bei Krankheiten
dess. 98.
N. trochlearis, Lähmung dess. 441.
452.
N. ulnaris, Lähmungen im (}eb. dess.
524.
Neubildungen an d. Nerven 565.
Neucourt 149.
Neugeborene, Lähmung d. Oberex-
tremitäten bei solchen 529. ^
Neumann 220. 221. 224.227.231.359.
360. 385. 386. 388. 399. 405. 516.
566.
Neuralgia anovesicalis 172. — arti-
culorum 174. — cervicobrachialis 135.
— ceryicooccipitalis 121. — ciliaris
106. — cruralis 149. 151. — diaphrag-
matica 125. ^ ileoscrotalis 153. 172.
— inframaxillaris 108. — infraorbitalis
107. — intercostalis 142. — ischiadica
B. Ischias. — labialis 172. — lingualis
108. — lumboabdominalis 149. 150. 152.
— mammae 147. — nervi alveolaris
inf. 108. — nn. alveolarium supp. 107.
n. auricularis ant 108. — n. auricu-
laris magni 121. — n. auriculotem-
poralis 108. — n. buccinatorii 108.
— n. communicantis facialis 108. —
n. cruralis 153. — n. cutanei femoris
lateralis 153. — n. meatus auditorii
ext. 108. — n. mentalis 108. — n.
ocdpitalid majoris et minoris 121.
— n. orbitalis 107. — n. recurrentis
supramaxillaris et inframax. 107. —
n. sphenopalatini 107. — n. sub-
cutane! colli inf. 121. — n. sub-
cutanei malae 107. — nn. supra-
davicularium 122. — n. trigeminl
s. Prosopalgie. — obturatoria 149.
154. — occipitalis 122« — ophthal-
mica 106. — penis et glandis penis
171. ~ phrenica 126. — plantaris
160. ~ plexus brachialis 135. — pl.
cervicalis 121. — pl. coccygei 173. —
pl. lumbalis 149. — pl. sacraUs 155.
— pudendo-haemorrhoidalis 155. 170.
— pudendorum 170. — qninti s. Pros-
opsügie. — scrotalis 172. — sperma-
tica 153. 172. — supramaxillaris 107.
— supraorbitalis 1 06. — urethralis 172.
Neuralgien 18. —, Ableitungsmittel
bei solchen 86. 118. 125. 141. 147.
166. — , Aconitin bei solchen 81. —,
Aether bei solchen 82. —, durch Al-
kohohnissbrauch bed. 26. 31. •—, All-
gemeinstörungen bei solchen 56. 106.
162. — , Anämie in Bez. zu solchen 26.
72. 122. 148. —, Anästhesie bei solchen
46. 102. 145. 154. 161. 177. 190. — ,
Anaesthetica bei solchen 78. 82. 117.
167. — durch Aneurysmen bed. 28. 98.
143. — , Apophysenpunkte bei solchen
43. 102. — , Arsenik bei solchen 84.
118. 135. 141. 169. 182. — , Arterio-
tomie bei solchen 93. ~, Asa foetida
bei solchen 86. — , Atropin bei sol-
chen 81. 82. 116. 117. 141. 155. 167.
182. — , Auge bei solchen 54. — durch
Augenanstrengung bed. 32. 99. — ,
Bäder bei solchen 88. 119. 169. — ,
BeUadonna bei solchen 81. 141. 149.
^, Bewegungsstörungen bei solchen
38. 48. 65. 103. 123. 139. 145. 152.
154. 161. 178. ~, Blasenpflaster bei
solchen 87. 118. 125. 127. 141. 147.
155. 166. 182. — bei Bleivergiftung
30. — , Blutentziehungen bei solchen
149. — durch Blutstauung bed. 28.
71. 158. — , Blutzuflusshemmung bei
solchen 92. — , Bromkalium bei sol-
chen 85. — , Butylchioral bei solchen
83. 117. 134. — , Castoreum bei sol-
chen 86. — , centrale, 30. 63. 65. — ,
Chinin bei solchen 118. 141. 169. 182.
— , Chloralbydrat bei solchen 83. ~,
Chloroform bei solchen 82. 141. — ,
Compression d. Nerven bei solchen
89. 119. — durch Compression bed.
151. 158. — , Crotonöl bei solchen 125.
— durch Darmkrankheiten bed. 32.
— , Dehnung d. Nerven bei solchen
598
Register.
93. 170. — , Diät zur Vermeidung n.
HefloDg solcher 69. 72. 73. 121. 142.
170. —, Disposition zn solchen 22.
68. 71. 96. — bei Dyskrasien 30. 72.
100. — , Eisen bei solchen 85. — ,
Elektridtät bei solchen 75. 87. 114.
125. 140. 147. 149. 155. 167. 173. 182.
— , elektrisches YerhAHen d. Nerven
bd solchen 58. 162. — , epileptiforme,
109. 116. — , Erbrechen bei solchen
148.153.172. — durch Erkältung bed.
29. 71. .97. 122. 137. 143. 151. 158.
173. 176. — , Ernährungsstörungen in
Bez. zu dens. 25. 35. 51. 105. 139. 145.
162. 178. — , Erysipelas bd solchen 52.
105. — , Erythem bei solchen 52. — ,
Erziehung in Bez. zu solchen 25. — ,
durch Fäcalanhäufnngen bed. 28. -,
Faradisation bd solchen 75. 76. 125.
141. 147. 168. 182. — , Ferrum can-
dens bd solchen 87. 88. 118. 125. 141.
167. — , Formication bd solchen 46.
102. 139. 154. 161. 177. — durch
Fremdkörper bed. 27. 70. 97. 137. 151.
— , Galvanisation bd solchen 76. 77.
125. 140. 147. 155. 168. 182. — bd
Gehirnkrankhdten 31. 71. 98. 122.
159. — , Gelseminum sempervirens bd
solchen 83. — , (Geschlecht in Bez. zu
dens. 24. 67. 96. 137. 143. 157. 175.
— , GeschleChtsthätigkdt in Bez. zu
dens. 24. 32. 96. 144. 148. 153. — d.
Geschlechtsorgane 170. — durch Ge-
schwülste bed. 28. 71. — , Glaucom
durch solche bed. 54. — , Haare bei
dens. 52. 105. — , Haut bei dens. 38.
46. 52. 177. — durch Hernien bed. 28.
161. — , Herpes bd solchen 53. 66.
105. 145. 147. 153. — durch Herz-
krankhdten bed. 32. — , Hydrotherapie
bd solchen 170. — , Hyperästhede im
Yerh. zu dens. 21. 46. 102. 145. 154.
161. — , Hyperalgesie bei solchen 47.
177. --, Hypertrophie bd solchen 52.
— durch Hypochondrie bed. 23. — ,
hypodermatische Injectionen bd sol-
chen 79. 116. 125. 127. 141. 147. 155.
167. 173. 182. — durch Hysterie bed.
23. 31. 72. 122. 137. 148. 174. 175. — ,
Jahreszdt in Bez. auf dies. 29. 157.
— durch InfectionskrankheiteD bed.
29. 159. — , Inhalationen bd solchen
82. — bei Intoxicationskrankhdten
29. 30. 72. 137. ~ u. Intozications-
Bchmerz, üntersch. ders. 62. — , Jod-
kalium bei solchen 85. 169. — , Iritis
bd solchen 54. — , Irradiation des
Schmerzes bd solchen 37. 45. 102.
123. 139. 145. 152. 154. 161. ~ durch
Kachexien bed. 72. — , Kälte bd sol-
chen 86. 118. — , Klima in Bez. in
dens. 157. —, Klystiere, anästhesürende
bd solchen 82. — durch Knochen-
anomalien bed. 27. 71. 97. — , Körper-
temperatur bei solchen 38. 57. — ,
Krämpfe bd solchen 48. 161. 178. —
bd Kupfer Vergiftung 30. ~, Lähmun-
gen bd solchen 48. 162. 178. — , Le-
bensalter in Bez. zu dens. 23. 29. 67.
96. 143. 157. — dnrdi Lungenkrank-
heiten bed. 32. — < durch Malaria bed.
29. 72. 97. 106. 144. — durch mecha-
nische Ursachen bed. 27. 70. —, Men-
struation in Bez. zu dens. 144. 148.
— , Ifineralwasaercnren bd solchen
119. 169. — , Morphium bd solchen
78. 81. 116. 125. 127. 141. 147. 155.
167. 182. — u. Muskelschmerz, Un-
terschied ders. 62. — , Narcotica bei
dens. 78. 116. 141. 149. 167. 173. — ,
Nerven bei solchen 33. 57. 58. 98.
162. — , Nervenresection bd solchen
90. 119. 125. 141. 170. -, von d. Ner-
venwurzeln ausgdiende, 64. — , Neu-
ritis in Bez. zu dens. 71. 556. — durch
Neurome bed. 27. — , Operationen,
chirurgische, bd solchen 90. 93. 1 19.
141. 170. 173. •— , Ophthahnia neoro-
paralytica bd solchen 54. — , Opium
bd solchen 81. 116, 141. — , Par-
ästhede bd solchen 46. 177. — , Par-
oxysmen bd solchen 37. 57. 70. 100.
138. 144. 159. ~, Pemphigus bd
solchen 53. — durch Periostanoma-
lien bed. 27. 71. — , peripherische,
63. 64. — .durch peripherische Reize
bed. 32. 99. — , Pflaster bd solchen
81. —, Phosphor bd solchen 85. — ,
Register.
599
prophylaktische Massrogeln gegen sol-
che 68. — , psychische Behandlung
ders. 181. — , psychische Einflüsse a.
Znst&nde bei solchen 38. 56. 106. 110.
176. — , Puls bei solchen 38. 49. 50.
— bei Quecksilbervergiftiing 30. ^,
Recidive ders. 59. — durch Reflex
bed. 32. 99. — , Reflexbewegungen bei
solchen 49. — , rheumatische, s* N.
durch Erkältung bed. — bei Racken-
markskrankheiten bed. 31. 71. 122. 143.
152. 159. — , Salben bei solchen 81.
117. — , Schleimhäute bei solchen 52.
— , Schmerz bei solchen 19. 34. 37.
40. 61. 63. 100. 122. 126. 138. 144.
148. 152. 153. 159. 171. 172. 173. 176.
— , Schmerzpunkte bei solchen 37.
41. 61. 102. 107. 108. 123. 126. 138.
144. 148. 152. 153. 161. 177. — ,
Schröpfköpfe bei solchen 127. — durch
Schwangerschaft bed. 28. — , Secre-
tionsstörungen bei solchen 38. 51.
104. — , Senescenz, frühzeitige, in Bes.
zu solchen 26. 97. 157. — , Sensibili-
tätsstörungen bei solchen 45. 102. 123.
139. 145. 161. 177. —, Spedfica gegen
dies. 83. — , Strychnin bei solchen
85. — durch Syphilis bed. 30. 72. 158.
159. — bei Tabakyergiftung 31. — ,
Terpentinöl bei solchen 86. 125. 169.
— , Tod durch solche bed. 60. 112. —
bei Typhus 30. — , typischer Verlauf
ders. 39. 111. — durch Ileberanstren-
gung bed. 99. 137. 151. 158. — , Ur-
ticaria bei solchen 53. — bei Uterus-
krankheiten 144. — , Vakriana bei
solchen 86. — , vasomotorische Stö-
rungen bei solchen 38. 50. 65. 104.
139. 145. 154. 162. 178. — durch Ve-
nenerweiterungen bed. 28. 143. — ,
Veratrin bei solchen 81. 117. 141. —
— durch Verletzungen bed. 26. 70.
97. 122. 137. 143. 149. 151. 158. 173.
176. — , Wärme bei solchen 149. 169.
— durch Wirbelkrankheiten bed. 122.
143. 159. — durch Zahncaries bed. 32.
97. 99. — , Zink bei solchen 85.
Neurasthenischer Kopfschmerz
133.
Neurektomie s. Nervenresection.
Neurilemma bei Lähmungen 386.
Neuritis 543. — acuta 546. 549. 553.
558. ~ nach acuten Krankheit^ 545.
— , Anästhesie durch solche bed. 190.
205. 551. -— ascendens 548. 555. — ,
Bewegungsstörungen bei solcher 550.
551. — chronica 547. 550. 554. 558.— bei
chronischen Krankheiten 545. — , De-
rivantia bei solcher 558. 559. — de-
scendens 548. 555. — , Elektricität
bei solcher 558. 559. — durch Er-
kältung bed. 544. -^, Ernährungs-
störungen bd solcher 553. — , Fara-
disation bei solcher 558. -^, I>1eber
bei solcher 549. — , Formication bei
solcher 551. — , Galvanisation bei
solcher 558.—, Haut bei solcher 550.
— , Herpes bei solcher 553. — , Hyper-
ästhesie bei solcher 550. 552. — hy-
perplastica 529. .— interstitialis pro-
lifera 547. — , Irradiation d. Schmer-
zes bei solcher 552. — , Kälte bei
solcher 558. — , Lähmung bei solcher
425. 514. 535. 551. -< migrans 549.
— , Mineralwassercuren bei solcher
559. — , Narcotica bei solcher 559.
— , Nerven bei solcher 546. 547. 552.
— , Neuralgie durch solche bed. 71.
— , Neurombildung nach solcher 571.
— nach Neuro tomie 545. — nodosa
547. — , Reflexbewegungen bei solcher
552.—, Rüekinmarksentzündung durch
solche bed. 555. — , Schmerz bei
solcher 549. 550. — , Sensibilitäts-
störungen bei solcher 550. 551. —
sympathica 549. — , Taubheitsgefühl
bei solcher 550. 551. — traumatica
27. 544.
Neuro ma 565. — amyelinicum 567.
— , Mastodynie durch solches bed.
149. — myelinicum 567. — , Neural-
gien durch solche bed. 27. — plexi-
forme 570. — spurium 568. — trau-
maticum 27. — verum 567.
Neurosen, Anästhesie bei solchen 193.
— d. Gelenke 174. — d. Geruchs-
nerven 234. — d. Geschmacksnerven
220. — d. motorischen Nerren 242.
600
Register.
— d. peripheren Nerren 6. — d. sen-
sibeln Nerven 5. — d. Sinnesnerven
219.
Neurotomie s. Nervenresection.
Neuschier 497.
Nicaise 497. 519.
Nickkrämpfe 296.
Nictitatio 294.
Nicod 142.
Niemeyer 19. 36.
Nieskrampf 316.
Norman 98.
Nothnagel 19. 30. 46. 47. 48.55. 102.
161. 183. 186. 188. 189. 190.197.254.
260. 262. 263. 360. 364. 396.531.544.
551. 556.
Notta 19. 52. 95. 102. 103. 153. 234.
239. 241. 242.
Noyes 220. 221.
von Nussbaum 19. 91. 93. 95. 120.
170.
Nux vomica bei L&hmungen 438.
Oberarmbeinfractnr, L&hmnng n.
solcher 528.
Oberextremit&ten, L&hmongen an
dens. 510.
Odenius 215.
Odier 565. 566.
Oehl 388.
Ogle 234. 239. 240. 241.
Ohr s. Gehör.
Ohrenkrankheiten, Facialisl&hmang
durch solche bed. 464.
Ohrmuschel, Canterisation ders. bei
Ischias 167.
Ollier 514.
Onimus 19. 319. 360. 399.
Operationen bei Kr&mpfen 277. 290.
293. 300. 302. 332. — bei L&hmun-
gen 458. — bei Neuralgien 90. 93.
119. 141. 170. 173. 174.
Ophthalmia neuroparalytica 54. 105.
202.
Opium bei Krämpfen 281. 313. — bei
Neuralgien 81. 116. 141.
Oppert 241.
Oppolzer 282. 284. 309. 310.497.508.
Orthopädische Behandlung bei
Contracturen 302. — bei Krämpfen
336. — bei Lähmungen 493. 541.
Ortsinn 185. — , Prüfung dess. 197.
Oscedo s. Gähnkrampf.
Osiande.r 463.
Oxyokoia bei Facialislähmnng 470.
Pacini'scbe Körperchen 186.
Pagenstecher 130.
Paget 359.
Panas 497. 513.
Parästhesie 9. 184. — bei Anästhesie
199. — d. Geruchsnerven 236. — d.
Geschmacksnerven 229. — bei Läh-
mungen 379. — bei Neuralgien 46. 177.
— bei Neuritis 55 1 . — durch Neurome
bed. 572.
Paralysie obst^tricale infantile du
membre sup6rieure 529.
Paralysis 248. 362. 374. — agitans
256. S. a. Lähmungen.
Paraplegie 374. — , cerebrale, 420.
Paresis 248. 362. 374. S. a. Läh-
mungen.
Parozysmen bei Krämpfen 283. 297.
342. — , neuralgische, 37. 57. 70. 100.
122. 138. 144. 148. 159.
Parson 19.
Patruban 19. 91. 93.95. 120.156. 170.
Paulus Aegineta 18.
Pemphigus bei Neuralgien 53.
Penis, Neuralgie dess. 171.
Perineum, Neuralgie dess. 173.
Perineuritis leprosa 545. 569.
Periosteum, Krankheiten dess. als
Urs. von Neuralgien 27. 71.
Periphere Lähmungen 364. 3S0.
417. 425. 455. 476.
Periphere Nerven, Erkrankungen
ders. (functionelle) 5. (anatomische)
542.
Periphere Reizungen, Neuralgien
durch solche bed. 32. 99.
Peter 121. 125. 126. 127.
Petrini 155.
Pf äff 118. •
Pflanzenalkaloide, Lähmungen d.
solche bed. 368.
Pflaster bei Neuralgien 81.
Register.
601
Philippeaux 360. 335. 564.
Phosphor bei Neuralgien S5.
Photophobie bei Prosopalgie 103.
Phthisis u. Intercostalnenralgie, ge-
geDS. Verh. ders. 143. — , Neurom-
bilduog bei solcher 571.
Pia mater, Empfindlichkeit ders. 130.
Pierreson 460.
Pierret 544.
Piorry 19. 543.
Plexus brachialis (Neuralgien dess.)
135. (Krampf im Gebiete dess.) 303.
(L&hmuDg dess.) 527. — (cervica-
lis (Neuralgie dess.) 121. (Krampf
im Gebiete dess.) 303. — coccygeus,
Neuralgie dess. 173. — lumbalis
(Neuralgie dess.) 149. (Krampf im Geb.
dess.) 333. — sacralis (Neuralgie dess.)
155. (Krampf im Gebiete dess.) 333.
Plouviez 165. 169.
Podrazki 19. 91. 98.
Poore 319. 329.
Pressat 241.
Pr^YOSt 220. 222. 234. 241.
Priapismus bei Lumboabdominal-
neuralgie 153.
Projection, Gesetz d. excentrischen,
10.
Prosopalgie 95. — , Ableitungsmittel
bei ders. 118. —, Allgemeinstörungen
bei ders. 106. — , Amylnitritinhalatio-
nen bei solcher 1 18. — , Anästhesie bei
solcher 102. — , Anaesthetica bei sol-
cher 117. — , Apophysenpunkt bei
ders. 102. — , Arsenik bei solcher 118.
— , Atropin bei ders. 116. 117. —,
Auge bei ders. 102. 105. —bei Augen-
krankheiten 99. — , Bäder u. Bade-
curen bei solcher 119.—, Bewegungs-
störungen bei solcher 103. — , Bksen-
pflaster bei solcher 118. — , Butyl-
chloral bei solcher 117. — durch
Carotisaneurysma bed. 98. — , Caro-
tisunterbindung bei solcher 93. 121. — ,
Chinin bei solcher 118. — , Compres-
sion bei solcher 119. — , Diät bei
solcher 121. — bei Dyskrasien 100.
— , Elektricität bei solcher 114. — ,
Emptindungsstörungen bei solcher 1 02.
— , Erblichkeit ders. 96. — durch Er-
kältung bed. 97. —, Ernährungsstö-
rungen bei solcher 105. — , Erysl-
pelas bei solcher 105. — , Faradisa-
tion bei solcher 114. — , Formication
bei solcher 102. — , durch Fremd-
körper bed. 97. — , Galvanisation bei
solcher 115. — bei Gehimkrankheiten
98. 112. —, Gehör bei ders. 103. — ,
Geschlecht in Bez. zu ders. 96. — ,
Geschlechtsleben im Verh. zu ders.
96. — , Geschmack bei ders. 103. —
bei Gesichtsknochenanomalien 97. — ,
Gesichtskrampf bei ders. 103. — ,
Glüheisen bei solcher 118. — , Haare
bei solcher 105. — , Haut bei solcher
105. — , Herpes bei solcher 105. —
durch Hyperämie bed. 98. —»Hyper-
ästhesie bei solcher 102. — , hypo-
dermatische Injectionen bei solcher
116. — bei Ileotyphus 97. — , Irra-
diation d. Schmerzen bei solcher 102.
— , Kälte bei solcher 118. — , Kau-
muskeln bei solcher 109. — , Läh-
mungen bei solcher 103. — , Lebens-
alter in Bez. zu ders. 96. — durch
Malaria bed. 97. 106. — , Morphium
bei solcher 116. — , Narcotica bei
solcher 116. — , Nasenschleimsecretion
bei solcher 104. — , Nerven bei sol-
cher 98. — durch Nervenreizung»
entfernte, bed. 99. — , neuropathische
Disposition in Bez. zu ders. 96. — ,
Neurektomie u. Neurotomie bei sol-
cher 119. — , Opium bei solcher 116.
117. — , Photophobie bei solcher 103.
— , Psyche bei ders. 106. 1 10. — durch
psychische Ueberanstrengung bed. 99.
100. — bei Bchädelknochenkrank-
heiten 97. — , Schmerz bei solcher
100. — , Schmerzpunkte bei solcher
102. — , Schnupfpulver bei solcher
107. — , Secretionsanomalien bei sol-
cher 104. — , Senescenz in Bez. zu
ders. 97. — , Sinnesorgane bei ders.
102. ~, Speichelsecretion bei solcher
104. — , Thränensecretion bei solcher
104. — , Tod durch solche bed. 112.
— bei Trigeminusanästhesie 207. — ,
602
Register.
vasomotorische Störungen bei solcher
104. — , Veratrin bei solcher 117. —
durch Verletzungen bed. 97. — durch
Zahncaries bed. 97. 99.
Prosopoplegie 460.
Psychische Behandlung beiKeur-
algien 176. 181.
Psychische Einflüsse, Krämpfe
durch solche bed. 265. 288. 299. 342.
— , Lähmungen durch solche bed.
371. — , Neuralgien durch solche bed.
99. 171. 176. — , Singultus durch
solche geheilt 313.
Psychische Störungen bei Kräm-
pfen 268. — bei Lähmungen 379. —
bei Neuralgien 38. 56. 106. 110.
Ptarmus 316.
Ptosis 449.
Puchelt 19. 183.
Puerperium, Krämpfe beidems. 299.
341. 342.
Pujol 95.
Puls bei Neuralgien 38. 49. 50. — bei
Tetanie 344.
Pupille bei Augenmuskellähmung 449.
451. 452.
Quecksilber, Neuralgien durch Ver-
giftung mit solchem bed. 30.
Quecksilbersublimat bei Kräm-
pfen 276.
Kabaud 340.
Ranke 254. 274.
Ransome 241.
Ranvier 360. 385. 386. 388.
Rauber 215.
Recamier 169.
Recidive d. Neuralgien 59.
Reflex, Gesetz dess. 10.
Reflexbewegungen 245. — bd An-
ästhesie 20t. — bei Lähmungen 375.
471. — bei Neuralgie 49. — bei
Neuritis 552. — , Untersuchung ders.
249.
Reflexcontracturen 354. 358.
Reflexhemmungen 245.
Reflexkrämpfe 260. 280. 287. 293.
295. 299. 312. 318. 327. 335. 341. 552.
Reflexlähmung 371. 426.
Reflexneuralgien 32. 99.
Regeneration d. Nerven 387:
Reid 381. 389.
Remak 19. 75. 77. 168 190. 217. 254.
270. 274. 275. 278. 282. 284. 287.
289. 290. 292. 293. 294. 303. 304.
319. 327. 333. 334. 351. 358. 359.
388. 399. 427. 478. 479. 497. 516,
517. 521. 543. 544. 553. 555. 558.
Renzi 223.
Respiration bei Lähmungen 376. —
bei Neuralgia intercostalis 145. — bei
Neur. phrenica 126. — bei Tetanie
345. — bei Zwerchfellkrampf 310.
Respirationsmuskeln, Krämpfe
ders. 309.
Reuben 332.
Reynolds 371.
Rhazes 18.
Rheumatismus s. Erkältung; Kopf-
schmerz, rheumatischer.
Richelot 497. 524.
Riebet 497. 524.
Richter 174.
Riegel 340.
Rigler 223.
Rippenkrankheiten, Intercostal-
neuralgie durch solche bed. 143.
Risus sardonicus 291.
Ritchie 350.
Robert 156.
Rockwell 19.76.77.134.234.242.206.
Röser 149.
Rokitansky 543. 548. 555. 559. 561.
565.
Romberg 5. 19. 21. 43. 52. 95. 98.
106. 135. 142. 149. 153. 154. 156.
170. 172. 183.189. 208. 214. 217.220.
223. 231.234. 240. 241.253. 278. 282.
290. 291. 295. 296. 303. 309. 319. 333.
359. 441. 458. 461.469. 476.493. 494.
497.
Rose 229.
Rosenbach 30. 87. 97.
Rosenmüller 241.
Rosenthal 5. 19. 76. 95. 135. 142.
156. 278. 282. 296. 309. 319. 325.
360. 441. 460. 461. 476. 543. 559.
BegiBter.
603
BoBsander 332.
Botteck 149.
Boux 224. 229. 23t. 469. 470.
Bückenmark beiBleil&hmang516.— ,
Schmerz in Bez. zu dems. 16.
BückenmarkBentzündang nach
peripherer Nerrenreizung 372. 555.
Bückenmarkskrankheiten, Anä-
sthesie bei solchen 190. 206. — , Con-
tracturen bei solchen 356. — , Kr&mpfe
durch solche bed. 258. 261. 347.
— , Lähmungen durch solche bed.
364. 382. 418. 426. 442. 465. — , Nerven-
hypertrophie bei solchen 561. ~, Neur-
algien durch solche bed. 31. 71. 122.
143. 152. 159. — , Singultus bei sol-
chen 312.
BückenmuBkeln, Lähmung ders. 503.
Bufz 148.
Bunge' 319. 325. 327. 399.
Sachs 214. 215. 217.
Sacral nerven, Krämpfe im Gebiete*
ders. 333. — , Lähmung im Geb. ders.
531. — , Neuralgien im Geb. ders. 155.
Salaamkrämpfe 297.
Salben bei Neuralgien 81. 117.
ßalomon 183. 359.
Saltatorische Krämpfe 336.
Salter 137.
Samenstrang, Neuralgie dess. 172.
Sander 234. 236. 237.
Sanders 460. 468.
Sappey 41.
Sarkome an d. Nerven 569.
Savory 497. 518.
Sawyer 83.
Schädel, Kopfschmerz bei Krankheiten
desB. 128. — , Prosopalgie bei Erkran-
kungen dess. 97.
Schamlippen, Neuralgie ders. 172.
Schauer 95.
Schenkelneuralgie 149. 151. 153.
Schiefferdecker 360. 381.
Schielen bei Augenmuskellähmungen
430.
Schiff 16. 187. 191. 200. 202. 217. 220.
221. 222. 232. 335. 360. 385. 402.
Schiffer 367.
Schiffner 565.
Schirmer 220. 238.
Schlager 236.
Schleimhäute bei Neuralgien 52.
Schluchzen s. Singultus.
Schmerz 11. — bei Anästhesie 102.
200. — bei AugCDmuskellähmung 447.
~, Gehirn in Bez. zu dems. 16. — ,
Irradiation dess. 37. 45. 102. 123. 139.
145. 152. 154. 161. 552. — im Knie
bei CoxitiB 151. — bei Krämpfen 267.
298. 301. 324. 342. 344. - bei Läh-
mungen 378. 447. 501. — bei Neural-
gien 19. 34. 37. 40. 61. 100. 122. 126.
138. 144. 148. 152. 153. 159. 171. 172.
173. 176. — bei Neuritis 549. 550.—
bei Neuromen 572. — , Prüfung d.
Empfindlichkeit für dens. 197. — ,
Bückenmark in Bez. zu dems. 16.
Schmerzpunkte bei Neuralgien 87.
41. 61. 102. 107. 108. 123. 126. 138.
144. 148. 152. 153. 161. 177.
Schmidt 496.
Schmiedekrampf 326.
Schneiderkrampf 326.
Schnitzer 497.
Schnupf pulver bei Prosopalgie 117.
Schramm 96. 135. 141.
Schreibekrampf 319.
Schröpfköpfe bei Neuralgien 127.
Schüppel 183.
Schützenberger 296.
Schuh 19. 43. 91. 95. 565.
Schultergelenk, Lähmung bei Ent-
zündung und Luxation dess. 510.527.
Schultz 338.
Schnitze 142. 148. 262. 282.287.340.
Schulz 399. 460. 462.
Schusterkrampf 326. 341.
Schwalbe 222.
Schwangerschaft und Mastodynie,
gegenB.yerh. ders. 148. — Neunügle
durch solche bed. 28. Vgl. Puerperium.
Schweigger 441.
Schweissabsonderung bei Krampf
268.
Schwindel bei Augenmuskellähmupg
447. 449. 450. 451. 452. 453.
Scott 95.
604
Register.
Scrophulose, LähmoDg durch solche
bed. 370. — , Neurombildung bei sol-
cher 57 t.
ßcrotam, Neuralgie dess. 172.
Seeale cornutum bei Kopfschmerz
135. — bei L&hmuDgen 439. Vgl.
Ergotismus.
Secretionsstörungen bei Krämpfen
267. — bei Neuralgien 38. 51. 104.
Secund&rablenkung d. gesunden
Auges bei AugenmuskeD&hmung 446.
449. 450. 451. 452. 453.
Seeligmüller 158. 174. 220. 223.282.
490. 492. 497. 527. 531.1
Senescenz, frühzeitige. Bez. der
Neuralgien zu solcher 26. 97. 157.
Senftleben 183. 203.
Sensibilität, elektrocutane, 198. — ,
elektromuskuläre, 216.
Sensibilitätsnenrosen 5.
Sensibilitätsstörungen, bei An-
ästhesie 199. — , Krämpfe durch solche
bed. 260. — bei Krämpfen 267. 284.
298. 324. 344. — bei Lähmungen 378.
471. 502. 518. 524.525. 526. 532. 533.
534. 538. — bei Nervenhyperämie 543.
•> bei Neuralgien 37. 45. 102. 123. 139.
145. 152. 154. 161. 177. —bei Neuritis
550. 551. — durch Neurome bed. 572.
Setschenow 245.
Sharp 98.
Sieyeking 127. 197.
Simm 340. 344.
Simpson 173.
Sims 174. 176.
Singultus 311.
Sinnesneryen, Anästhesie ders. 183.
— , Neurosen ders. 219.
Sinnesorgane bei Anästhesie 200. — ,
Kopfschmerz bei Krankheiten ders.
128. — bei Prosopalgie 102.
Skey 174.
Smith 565.
Smoler 183.
Snellen 183. 202. 203.
Solly 319.
Spasmus 256. vgl. Krämpfe. — fa-
cialis 8. Gesichtskrampf. — nictitans
294.
Speichelabsonderung beiFadafis-
lähmung 469. — bei Prosopalgie 104.
Spencer 83.
Speyer 278. 279.
Spiess 217.
Spillmann 565.
Spinalirritation u. Neuralgien, Un-
tersch. ders. 62.
Sprache bei Zungenlähmung 495.
Stamm 223.
Stauungshyperämie, Anästhesie
durch solche bed. 189. — , Lähmung
durch solche bed. 367. — , Neuralgien
durch solche bed. 28. 71. 158.
Steiner 220. 224. 233.
Steinheim 339. 340.
Stellwag 441.
Sternutatio convulsiva 316.
Stich 220. 221. 222. 224. 225. 229.231.
232. 296. 334. 340. 344. 350.
Strabismus paralyticus 445. 450.
451. 458.
*S trau SS 351. 356.
Streckmuskeln der Lendengegend,
Lähmung ders. 505.
Stricker 234. 240.
Stromeyer 32. 164. 174. 175. 176.
181. 182. 296. 319. 332.333.592.552.
Struthers 441. 442.
Strychnin bei G^eruchsanomalien 242.
— bei Krämpfen 290. 314. 332. —
bei Lähmungen 438. — bei Neuralgien
85.
Suslowa 189.
Swan 543.
Symonds 127.
Syphilis, Anästhesie bei solcher 206.
— , Analgesie durch solche bed. 194.
— , Kopfschmerz bei solcher 132. — ,
Lähmungen durch solche bed. 370.
424. 443. 464. — , Neuralgien durch
solche bed. 30. 72. 158. 159.
Tabakvergiftung, Neuralgien durch
solche bed. 31.
Tastempfindungen 184.
Tastsinn, Lähmung dess. (partielle)
185. (bei Rückenmarkskrankheiten)
191. —, Prüfung dess. 195.
Register.
605
Taubheitsgefühl bei An&stheäie
198. — bei Krämpfen 267. 325. —
bei L&hmimg 379. — bei Nerven-
byper&mie 543. — bei Neuralgien 46.
102. 139. 154. 161. — bei Neuritis
550. 551.
Temoin 565.
Temperaturempfindungen 184.
Temperatursinn, Prüfung dess. 196.
Tenosynitis hyperplastica 519.
Tenotomie bei Krämpfen 277. 303.
332. 335. 336.
Terpentinöl bei Lähmungen 439. —
bei Neuralgien 125. 169.
Tessier 339.
Tetanie 339.
Tetanus, Krämpfe bei solchem 256.
Thermaesthesiometer 197.
Thielmann 319.
Thomson 83. [gie 104.
Thränenabsonderung beiProsopal-
Tic convulsif 282. 283.
Tic douloureux 95. 109. vgl. Pros-
opalgie.
Tic rotatoire 296.
Tiesler 373. 543. 548. 549. 556.
Tillmanns 220. 221. 224. 231. 461. 464.
Tod bei Anästhesie 209. — durch
Krämpfe bed. 348. — bei Lähmungen
415. — bei Neuralgien 60. 112. — bei
Zwerchfellkrampf 310.
Todd 359.
Torticoliis 296. — rheumatica 302.
Traube 46.
Traumata, Anästhesie durch solche
bed. 190. 204. — , Gemchsnervenan-
ästhesie durch solche bed. 241. —,
Krämpfe durch solche bed. 327. ^,
Lähmungen durch solche bed. 365.
423. 425. 442. 463. 475. 479. 490. 500.
510. 512. 520. 523. 524.526.527.528.
531. 534. — , Neuralgien durch solche
bed. 26. 70. 97. 122. 137. 143. 149.
151. 158. 173. 176. —, Neuritis durch
solche bed. 27. 544. ~, Neurome durch
solche bed. 27. 571.
Tremor 256.
Trigeminuskrampf siehe Gesichts-
krampf.
Tripier 187. 518.- 524.
Trismus 279.
von Tröltsch 464.
Trophische Störungen s. Ernäh-
rungsstörungen.
Trousseau 19. 43. 46. 54. 57. 82.85.
93. 95. 102. 109. 110. 111. 114. 116.
135. 167. 287. 339. 340.341.342.344.
345. 347. 348. 350. 460.
Trunksucht s. Alkoholmissbrauch.
Tubercula dolorosa 568.
Tuberkulose, Lähmung durch solche
bed. 370.
Türck 19. 46. 49. 195. 213.
Tuppert 319. 332. 333.
Typhus« Ischias nach solchem 159.
— , Krämpfe nach solchem 299. — ,
Neuralgien bei solchem 30. — , Pros-
opalgie bei solchem 97.
Veberanstrengung, Krämpfe durch
solche bed. 338. — , Lähmungen durch
solche bed. 500. — , Neuralgien durch
solche bed. 32. 99. 137. 151. 158.
Umschläge bei Krämpfen 294.
ünterextremitäten, Krampf der
Muskeln ders. 333. — , Lähmungen
an dens. 531. 540.
ürbantschitsch 95. 220. 231.
ürina spastica 268.
Urticaria bei Neuralgien 53.
Uterus, Intercostalneuralgie durch
Krankheiten dess. bed. 144.
Valentin 14. 389.
Yalentiner 435.
Valeriana bei Krämpfen 276. 290.
314. — bei Neuralgien 86.
Valette 310.
Yalleix 19. 24. 4t. 43. 44. 59. 66. 87.
95. 96. 109. 111. 121. 135. 142. 143.
144. 147. 149. 153.^166. 157. 161. 164.
166. 167. 172.
Vanlair 19.
Yanzetti 221. 231.
Vasomotorischer Kopfschmerz
131.
Vasomotorische Störungen bei
Anästhesie 201. — bei Krämpfen 267.
344. — bei Lähmungen 3S0. 382. 383.
606
Register.
394. 472. 538. — bei Neuralgien 38.
50. 65. 104. 139. 145. 154. 162. 178.
Vater'sche Körperchen 186.
Veiel 184.
Velpeau 497.
Venen, Erweiterung solcher, Neural-
gien durch solche bed. 28. 143. — ,
Stauung in solchen, Neuralgien durch
solche bed. 28. 71. 158. 367.
Yeratrin bei Kopfschmerz 134. ~ bei
Neuralgien 81. 117. 141.
Verdauungsstörungen, Kr&mpfe
durch solche bed. 299.
Vergiftungen, Anästhesie bei solchen
194. 205. —, Kopfschmerz bei solchen
131. — , Lähmung durch solche bed.
368. 424. 426. 514. 520. 526. 527. — ,
Neuralgien durch solche bed. 30.72.137.
Verneuil 19. 27. S5.
Vigla 310.
Violinspielkrampf 326.
Virchow 543. 545. 547. 553. 565.566.
567. 569.
Visceralanästhesie 183.
Vizioli 223. 224. 225. 232.
Volkmann 174. 179. 351. 352. 565.
Vorderarmfracturen, Lähmungen
nach solchen 528.
Vulpian 104. 183. 213. 360. 385. 390.
411. 429. 559. 562. 564.
Wachsmuth 224. 460. 469. 476.
Wadenkrampf 335. 337.
Wärme, Anästhesie durch solche bed.
188. — bei Kopfschmerz . 135. — ,
Neuralgie durch solche bed. 149. 169.
S. a. Körpertemperatur.
Wäscherinnen, Anästhesie ders. 189.
Wagner 19. 91. 95. 98. 120. [204.
Waller 360. 384. 385. 542. 543. 554.
Weatherhead 427.
Webber 497.
Weber, E.H., 183. 188. 189. 196. 197.^
216. 217.
Weber, 0., 543. 565.
Wedl 565.
Wegner 54.
Weidner 53.
Weihl 391.
Weil 275.
Weinkrampf 317.
Weiss 360. 399. 411.
Weisse 339.
Werber 394.
Wernher 164. 174. 178. 182. 254.259.
Wernich 220. 229. [287.
Westphal 236. 369. 497. 515. 516.
Wiesner 92. 95. 114. 497. 500.
Wilde 319. 320. 325. 326. 464.
Wilks 350. 565.
Wintrlch 310.
Wirbelkrankheiten, Krämpfe durch
solche bed. 299. — , Neuralgien durch
solche bed. 122. 143. 151. 159.
Wolferz 104.
Wolff 460. 470.
Woodbury 231.
Wunderlich 19.
Wundt 14. 562.
Wurzelneuralgien 64.
Wyss 53. 54. 543. 553.
Zäpfchen bei Facialislähmung 467.
Zahne aries, Prosopalgie durch solche
bed. 32. 97. 99.
von Ziemssen 220. 222. 224. 232.
248. 251. 359. 360. 399. 411. 422.
431. 460.
Zink bei Krämpfen 276. 281. 290.300.
314. — bei Neuralgien 85.
Zittern 256.
Zoster s. Herpes.
Zuckungen d. Gesichtsmuskeln nach
Facialislähmung 478.
Z u c k u n g s g e s e t z d. Bewegungsnerven
und Muskeln 253. (bei Lähmung) 403.
Zunge bei Facialislähmung 471. Vgl.
Geschmack.
Zungenkrampf 295.
Zungenlähmung 493.
Zuradelli 303. 306. 319. 328.331.497
Zwangsbewegungen 255. 257.
Zwerchfell, Krampf dess. 310. 311.
— , Lähmung dess. 507.
Drnok yon J. B. Hirsehfeld in Leipzig.
Verlag von F. C. W. V06EL In Leipzig.
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Fallop iil Tlmraiilii.
Erster Band.
OeffMtlicke ttesnndhelts- Pflege ▼. Prof.
G e i g e 1. ttewerbekrankkelten i Die Einwii^
kuDg schädlicher Grase, compr. Luft etc.
Ton Dr. Hirt. Staub-Inhalations-Krank-
heiten yon Dr. Merkel.
Zweiter Band.
Acate iDfeetlinskrankheKeii. Einleitung.
Typhus abdominalis ▼. Prof. Liebermei-
s t e r. Tjrphns exanthem., Tjrph. recurrens,
Cholera yon Prof. L e b e r t. Pest y. Prof.
Liebermeister. Gelbes Fieber ▼. Dr.
Haenisc h. Dysenterie y. Prof. He ubn er.
Diphtherie y. Prof. O e r t e 1. Varicella, Mor-
billi, Scarlatina, Rubeolae y. Prof. Tho-
mas. Variola, Variolois von Dr. C a r s c h-
m an n. Erysipelas, Febris miliaris etc. y.
Dr. Znelzer. Malariainfectionen v. Prof.
Hertz. Meningitis cerebrospinalis epide-
mica von Prof. y. Ziemssen.
Dritter Band.
ehrt nlschfl Infectit nskrankhelten. Syphilis
yon Prof. Baenmler. Invasionskrankhei-
ten : Trichiniasis, Cysticercen- nnd Echino-
coccen-Krankheitv. Prof. Heller. Infectio-
nen durch thierische Gifte: Hundswuth,Rotz
n. Wurm, Milzbrand, Schlangengift, Maul-
u. Klauenseuche u. A. v. Prof. Bollinger.
Vierter Band.
Krankheiten des Resplratltnstppirtles f.
Allgem. Diagnostik u. Therapie d. Krank-
heiten der Nase, des Nasenrachenraiims, d.
Rachens u. des Kehlkopfes v. Dr. F r a e n -
kel. Krankheiten d. Nase v. Dr. Fraen-
k e 1. Krankheiten d. Kehlkopfes : Katarrh,
Geschwüre, Perichondritis , Oedem, Neu-
bildungen, Neurosen etc. v. Prof. v. Z i e m -
ssen. Croup V.Prof. Steiner. Spasmus
Giottidis, Tussis convulsiva v. Dr. S t e f f e n.
Krankheiten der Trachea u. d. Bronchien y.
Dr. Riegel. Krankheiten d. Pleura y.
Prof. Fraentzel.
Fünfter Band.
ftrtnkheUen des Resplratltnstppirttes II.
Croupose Pneumonie, übrige Formen
der Entzündung von Prof. Jürgensen.
Hyperämie, Anämie, Atelektase, Collaps,
Atrophie und Emphysem, Hypertrophie,
Grangrän, Neubildungen etc. von Prof.
Hertz. Acute und chronische Tubercu-
lose , Lungenschwindsucht von Proff.
Rühle und Rindfleisch.
Sechster Band.
Krtükhelteii des ClreoltUtnsaMarates.
Krankheiten d. Herzens v. Prof. Rosen-
s^teinundDr. Schrötter. Krankheiten
des Herzbeutels v. Prof. Bauer. An-
gebome Anomaliend. Herzens v, Prof. L e -
b e r t. Krankheiten d.Gefässe (Arterien, Ve-
nen, Lymphgefässe) von Prof. Quincke.
Siebenter Band.
Krtnkbeiten i. chylt peSUschen Apparates. I.
Krankheiten d. Mundes, der Speicheldrüsen,
des Halszellgewebes von Prof,rA. Vogel.
Krankheiten des Rachens und des Nasen-
rachenraums V. Proff.W a g n e r u. W e n d t.
Krankheiten d. Oesophagus v. Profif. Z en -
ker u. y. Ziemssen. Krankheitendes
Magens u. des Dam^ y. Prof. Leube.
Darmwürmer v. Prof. Heller. Verenger-
ungen, VerSchliessungen und Lageveränder-
ungen d. Darms v.Dr. Leichtenstern.
Achter Band.
Krankheiten i. ckylt peetlscben Amratet U.
Krankheiten d. Leber u. der Gallenwege v.
Prof.Thierfelder,Ponficku.Schüp-
pel. Krankheiten des Pankreas v. Prof.
Friedreich. Krankheiten der Milz (ind.
Leukämie u. Melanämie) v . Prof. M o s 1 e r.
Krankheiten d. Bauchfells v. Prof. Bauer.
Krankheiten d. Nebennieren (ind. Morbus
Addisonii) von Dr. Merkel.
Neunter Band.
Krankheiten d.ltrntpparates. Krankheiten
d. Nieren. Allgem. Sjrmptomatologie, Hy-
perämie u. diffuse Entzündungen d. Nieren
▼. Prof. Bartels. Uebrige Nierenerkran-
kungen, sowie die Affectionen der Nieren-
becken u. der Ureteren v. Prof. Ebstein.
Krankheiten der Harnblase u. Hamöhre
(ind. Tripperaffectionen) v. Prof. L e b e r t.
Krankheiten d. männlichen Geschlechtsor-
gane von Dr. Cur seh mann.
Zehnter Band.
Krankheiten i. weihlichen Geschlechtst rgtne
von Prof! Schroeder.
Elfter Band.
Krankheiten des Ner? ensjstens I. Krank-
heiten des Gehirns: Hyperämie, Anämie,
Blutungen, Thrombose u. EmboUe v. Prof.
Nothnagel. Acute u. chronische Ent-
zündungen des Gehirns u. seiner Häute v.
Prof. Huguenin. Atrophie,Hypertrophie,
Sklerose, Oedem, Hydrocephalus v. Prof.
Hitzig. Gehirntumoren v. Prof. Ober-
nier. Syphilis des Gehirns etc. v. Prof.
H e u b n e r. Anhang : Sprachstörungen
(Aphasie, Alalie, Stottern etc.) von Prof.
Kussmaul. Krankheiten des Rücken-
marks von Prof. Erb.
Zwölfter Band.
Krankheiten des Nerrensystens II. Affec-
tionen der peripherischen Nerven : Motili,
täts-, Sensibilitäts- u. Sinnesneurosen (Neu-
ralgie, Anästhesie, Krampf, Lähmung-
Neurosen der Sinnesnerven, Neuritis, Atro-
phie u. Hypertrophie der Nerven, Neurome)
V. Prof. Erb. Affectionen d. peripherischen
Nerven, besonders d. Sjrmpathicus: Angio-
neurosen und Trophoneurosen (Migraine,
Angina pectoris vasomotoria, Horb. Base-
dowii, Halbseitige GesicHtsatrophie , Pro-
gressive Muskelatropfaie, Muskelhypertro-
phie etc.) V.Prof. A. Ealenburg. All-
gem. Neurosen (Nervosität, Allgero. Hy-
perästhesie und Convulsibilität , Vertigo,
Agrypnie, Tremor, Paralysis agitans, Cho-
rea, Epilepsie, Eklampsie, Trismus nnd
Tetana8,Hysterie,Hypo<^l^ondrie etc.) v.Prof .
Nothnagel, Prof. Jolly u. Prof. Bau er.
Dreizehnter Band.
Krtekhelten i. Bewegangstp^rttes. Rheu-
matismus musc. u. artic, Arthritis vera u.
deform., BJiachitis, Osteomalacie, Entzün-
dung, Blutung, Degei^eration der Muskeln v.
Prof. Senator. ^Igeiuelne ErnihrangsiBt •
ntllen. Chlorose, Anämie, Scrophulose u.
Affectionen der Lymphdrüsen überhaupt,
Adiposis, Scorbut, Morb. maculosus, Hae-
mophilia etc. v. Prof. Immermann u.
Dr.Birch-Hirschfeld. Diabetes melUtas
u. insipidus, Polyurie, Hydrurie, Azotnrie ▼•
Prof.Senator. Anlitiigf Erk<ongs-Kraak-
heiten: Ephemera, Febris herpetica, rlieii-
matica etc. v. Prof. Seitz.
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in Heidelberg. Zweite Auflage, gr. 8. 1874. 10 M. 50 Pf.
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nagel in Jena, Prof. J. Bauer in München, Prof. H. v. Ziemssen in München
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